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Category:
Fandoms:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2013-01-27
Completed:
2015-01-19
Words:
49,204
Chapters:
8/8
Comments:
21
Kudos:
13
Bookmarks:
2
Hits:
593

Das Weihnachtsbaby

Summary:

Heiligabend in der Bakerstreet 221B. Alles ist friedlich, so friedlich wie es bei Sherlock, John und Mary halt sein kann. Doch dann klingelt es und auf ihrer Schwelle finden sie eine Überraschung.

Notes:

Eigentlich sollte diese Geschichte nur ein Kapitel in einer anderen Sherlock Geschichte sein, die ich noch schreiben werde. Da ich aber nichts vergessen wollte, habe ich alles aufgeschrieben und so entstand diese Geschichte. Es ist mein erster Versuch in diesem Fandom und ich bin auch nicht mehr von dieser Geschichte und ihrem Charakteren überzeugt, aber ich poste sie trotzdem.
Es ist nicht direkt ein Crossover mit "Lewis", ich borge mir einfach nur DS Hathaway aus und befördere ihn zum DI.

Mir gehören keine Figuren, die man aus Büchern, TV oder Filmen kennt. Ich rede nur gerne mit ihnen.

Chapter 1: Teil 1

Chapter Text

Eine gute Freundin von mir hat drüber gelesen, Flüchtigkeitsfehler verbessert, Sätze umgestellt und ihren Senf dazu gegeben. Alle Fehler, umlogischen Schlüsse und Plotlöcher sind von mir.
Ich hoffe, man versteht im Laufe der Geschichte, wie die drei Hauptpersonen zueinander stehen. Sollte etwas unklar bleiben oder jemand schon jetzt Fragen haben, dann einfach fragen.

 

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- Das Weihnachtsbaby –

 

1. Teil

Es war Heiligabend in der Bakerstreet 221B und auch wenn in den letzten Wochen alles dagegen gesprochen hatte, schien es ein ruhiger, netter Abend zu werden.

Mrs. Hudson war bereits zu ihrer Schwester gefahren, ihre Nichte hatte gerade Zwillinge bekommen, und Molly war auf Heimaturlaub, wenn man das denn so nennen wollte.

             - Ihre Worte nicht meine. -

Greg hatte sich erstaunlicherweise auch ein paar Tage Urlaub gegönnt und verbrachte diese in einem kleinen Ort in Cornwall. Ein seltsamer Ort für einen Weihnachtsurlaub, aber wenn man wusste, dass in diesem Ort zufälligerweise die Eltern einer gewissen medizinisch-technischen Assistentin wohnten, dann machte die Wahl dieses Ferienortes plötzlich mehr Sinn. Da John sich mit Händen und Füßen weigerte Harry vor dem zweiten Weihnachtstag einzuladen und da Mycroft und Sherlock sich während der Feiertage noch mehr aus dem Weg gingen als an normalen Tagen, würden wir drei dieses Jahr alleine feiern.

Sherlock hatte mehr als einmal den Wunsch geäußert, das Fest ausfallen zu lassen. Seine Worten unter anderem gewesen: „Warum macht ihr nur so ein Aufhebens um so eine Sache? Wen interessiert es, ob jemand vor 2000 Jahren geboren wurde oder nicht?“ Es folgten weitere Ausführungen, die darlegen sollten, wie zweifelhaft die Beweislage war, dass Jesus überhaupt gelebt hatte. Danach kam ein theologischer Exkurs, inwieweit jemand sowohl Mensch als auch Gott sein konnte und zum Schluss eine Tirade, in der unter anderem die Worte Kapitalismus, Geschenke, viktorianische Prüderie oder Moralvorstellung – ich bin mir nicht mehr sicher was von beiden – Knecht Ruprecht und Rentiere fielen. Worauf ich einwarf, dass der Weihnachtsmann ein Feminist sei, denn nur weibliche Rentiere hätten im Winter ein Geweih. Das brachte ihn soweit aus dem Konzept, dass John ihm einen Teller mit Weihnachtsplätzchen in die Hand drücken konnte, um ihn ruhig zu stellen. John und ich hatten bei den ganzen Monologen nur mit halben Ohr zugehört, denn für uns stand fest, wir wollten Weihnachten feiern und wir würden Weihnachten auch feiern, egal was Sherlock sagte. Und so hatte John einen Baum gekauft und ich hatte ihn geschmückt. Trotz Johns Bedenken hatte ich auf echte Kerzen bestanden. Sherlock hatte die letzten Tage entweder damit verbracht, Greg zu terrorisieren oder schmollend in seinem Lehnstuhl zu sitzen und die Weihnachtsdekoration abwechselnd böse anzustarren oder sie bewusst zu ignorieren.

Eigentlich war er nur frustriert, da es keine weiteren Fälle gab, die Kriminellen schienen sich entweder auch Weihnachtsferien zu gönnen oder krank zu sein.

Sherlock hatte nach stundenlangem Vorsichhinbrüten süffisant verkündet, er würde nur dann mit uns ohne Murren Weihnachten feiern, wenn es ein  Weihnachten  wie in seiner Kindheit gäbe. Das hatte mich kurzzeitig ins Schleudern gebracht, denn ich wusste nicht, wie ein richtig englisches Weihnachtsfest ging. Meine Mutter hatte darauf bestanden, dass wir jedes Jahr etwas anderes machten. Einmal hatten wir eine Christmette besucht und in Jahr darauf an einer heidnischen Sonnenwendfeier teilgenommen. Der Anblick der ganzen Achselhaare der  Möchtegern Druiden hatte sich für immer in mein Gehirn eingebrannt. Als ich bei meinem Vater gelebt hatte, hatten wir statt Weihnachtsgans und Plumpudding Curry gegessen. In den Gottesdienst ging ich damals alleine, mein Vater hatte nach seiner Hochzeit nie mehr einen Fuß in die Kirche gesetzt, hielt mich aber auch nie davon ab, hinzugehen.

Allerdings wusste ich auch nicht, wie Sherlock die Weihnachtsfeiern seiner Kindheit verbracht hatte. Hatte er den Tannenbaum zum Explodieren gebracht? Die Geschenke allein an ihrem Gewicht, Geruch und der Verpackung vorhergesagt?

Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, rief ich einfach bei Sherlock Holmes Mutter zuhause an. Ich mag oder ich mag auch nicht die Frau in ihrem Glauben gelassen haben, ich sei Sherlocks Verlobte. Ich habe es nicht direkt bestätigt, ich habe es einfach nur versäumt, auf alle Anspielungen zu reagieren. Sollte sie doch ruhig glauben, dass ihr Jüngster plötzlich normal geworden und im Begriff sei, bald in den Hafen der Ehe einzulaufen. Nicht um alles in der Welt wollte ich verpassen, wenn Sherlock mit seiner Mutter sprach. Ich rechnete kurz nach Weihnachten fest mit dem Anruf.

In dem Moment, in dem unsere kleine Geschichte begann, die aufzuschreiben mir diesmal die Ehre zufiel, steckte ich mit beiden Händen in einer Rührschüssel. Die Weihnachtstraditionen im Hause Holmes waren in manchen Punkten, wie ich vorher gesehen hatte. Sherlock hatte den Tannenbaum in einem Jahr explodieren lassen, er hatte jedes Jahr die Geschenke vorhergesagt und war, je älter er wurde, allen und jedem unglaublich auf den Keks gegangen. Nun, ich steckte also bis zu dem Ellenbogen in Plumpuddingteig, laut Mrs. Holmes ein unverzichtbarer Bestandteil des Essens am Ersten Weihnachtstag. Ich hatte sogar Nierenfett besorgt, eine Zutat, die selbst mich mit Grauen erfüllte. Organe seziere ich lieber, als sie zu essen. Aber Sherlock wollte sein Kindheitsweihnachten und wenn es bedeutete, dass ich mich mit der krakeligen Handschrift von Ur-Ur-Ur-Großmutter Holmes Rezepten auseinandersetzen musste, dann würde ich das tun und wenn es das Letzte auf der Erde war, das ich zustande brachte. Sherlock hatte ich vorsichtshalber aus der Küche verbannt und sie zur Tabuzone erklärt, ich wollte die Überraschung ja nicht verderben. Nur John war zugelassen, aber der war mir leider keine große Hilfe. Außer beim Gemüse schneiden; er brauchte allerdings Ewigkeiten, da alle seine Stücke die selbe Kantenlänge haben mussten. Wie hatten Sherlock erzählt, es gäbe heute Abend Curry. Was keine glatte Lüge war, ein Topf Curry stand auf dem Herd und verbreitete sein würziges Aroma. Er sollte seine Tradition bekommen und ich meine.

Wenn ich die Augen schloss und ganz tief einatmete, konnte ich mir vorstellen wieder zuhause zu sein. Der Duft nach dem Zederholz der Möbel, der Wind, der um die Baracken strich und die Kälte des Gebirges hinab ins Tal brachte und den Geruch nach Pfeifentabak. Es war mir so, als könnte ich die Stimme meines Vaters hören: „Polly, wann ist das Essen fertig?“

Ich schlug die Augen auf und musste blinzeln, um die plötzlich auftretende Feuchtigkeit zu vertreiben. John schaute mich fragend an. Ich ruckte mit dem Kopf in Richtung Herd. „Es war das Leibgericht meines Vaters. Jedes Weihnachten hat er gesagt: „Polly, du brauchst dir nicht solche Mühe zu geben, ein einfacheres Gericht hätte es auch getan.“ Und jedes Weihnachten habe ich es trotzdem gekocht und er hat sich jedes Mal gefreut.“ John langte über den Tisch und drückte mir mitfühlend die Schulter.

„Du vermisst ihn sehr oder?“

„An den meisten Tagen ist es in Ordnung. Aber an Weihnachten ist es besonders schlimm. Wahrscheinlich weil man es mit der Familie verbringt. Egal ob man sich das Jahr über leiden kann oder nicht, an Weihnachten versucht man für zwei Tage lang so zu tun, als wäre alles eitel Sonnenschein.“ John lachte auf.

„Den wenigsten gelingt das. Es tut mir leid, dass du ohne deine Familie feiern musst.“ Ich schaute ihn überrascht an.

„Du und Sherlock, ihr seid jetzt meine Familie.“

Plötzlich ertönte der Klopfer an der Haustür. John und ich schauten uns überrascht an. Wer sollte um diese Uhrzeit etwas von uns wollen? Ein Klient vielleicht?

Kurz darauf konnten wir ein weiteres Mal den Klopfer hören.

„Sherlock, die Tür.“ Rief ich durch die geschlossene Verbindungstür.

„Ich habe es gehört.“

„Dann geh aufmachen.“

„Warum ich?“

„Weil ich mit Kochen beschäftigt bin.“

„Dann kann John gehen.“ John trocknete sich gerade die Hände an einem Küchenhandtuch ab. Ich warf ihm einen warnenden Blick zu. Wenn Sherlock einen Fall wollte, konnte er auch selber die Treppen hinunter laufen.

„John kann gerade nicht.“

„Warum nicht?“ Langsam riss mir der Geduldsfaden.

„Beweg deinen faulen Arsch die Treppe runter.“ Anscheinend hatte ich mein Ziel erreicht, denn unter lautstarkem Protest bewegte er sich die Treppe hinunter. Mit dem markerschütternden Schrei, der dann kam, hatte ich allerdings nicht gerechnet. Wenn ich richtig gehört hatte, hatte Sherlock nach Hilfe gerufen. Aber das konnte unmöglich sein, Sherlock bat nie um Hilfe. Nichts desto trotz stürzten John und ich aus der Küche. John zu erst und ich etwas später, da ich mir erst en Teig von den Händen entfernen musste. Was ich erwartete unten zu sehen, konnte ich nicht sagen. Eine Leiche hätte Sherlock niemals schreien lassen, außer vor Freude; einem lebenden Moriaty hätte Sherlock nur als Herausforderung gesehen. Vielleicht ein Heiratsantrag von Molly hätte diese Reaktion zur Folge haben können. Aber ich bezweifelte doch sehr, dass Molly bei dem ganzen Fortschritt, den sie und Greg bisher gemacht hatten, am Heiligabend mit einem Heiratsantrag an Sherlocks Tür auftauchen würde.

Auf der Schwelle von 221B Bakerstreet lag ein kleines Bündel mit sichtbar lebendem Inhalt, wenn die kleinen umher fliegenden Ärmchen als Hinweis dienen konnten.

„Das ist ein Baby.“ stellte ich fest. Gut, ich gebe zu, das war nicht gerade der intelligenteste Satz, den ich von mir hätte geben können. Aber zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich geschockt war. Man findet nicht alle Tage ein Kind auf seiner Türschwelle.

„Das sehe ich.“ presste Sherlock zwischen den Zähnen hindurch.

„Aber warum liegt es da?“

„Weil es dort jemand abgelegt hat, du Klugscheißer.“

„Auf die Idee wäre ich nie gekommen.“

„Könntet ihr für einen Moment euer Gespräch unterbrechen, damit wir uns dem drängenden Problem zuwenden können.“ ließ sich John hinter uns vernehmen.

„Ach und was ist das drängende Problem?“ fragte ich ihn.

„Wir haben ein Baby auf der Schwelle liegen.“ antwortete er mir.

„Danke, dass du uns darauf hingewiesen hast.“ erwiderte Sherlock sarkastisch.

„Nein, ich meine, wir haben ein Baby auf der Schwelle liegen. Und es lebt.“ Ich verdrehte die Augen, soweit war ich auch schon gekommen. „Hier draußen ist es unter Null Grad, wenn ihr noch lange weiter diskutiert, haben wir bald ein totes Baby auf der Treppe liegen.“ Der Einwand klang einleuchtend. „Am besten nehmen wir es mit nach oben und sehen, wie es ihm geht.“ John nahm das kleine Bündel hoch und versuchte mich am Ärmel in das Innere es Hauses zu ziehen. „Am besten lassen wir Sherlock machen, was er am besten kann.“

„Meinst du: wie ein Kleinkind schmollen, alle Leute anpissen, mit seinem Verstand angeben wie ein Pfau mit seinem Gefieder? Ich sehe nicht, wie das in dieser Situation helfen sollte?“

„Pah!“ kam es von Sherlock.

„Ich meine eigentlich, seine Fähigkeit Kleinigkeiten zu sehen und sie in einen größeren Kontext einzuordnen. Das Baby ist nicht vom Himmel gefallen, also muss es hier her gebracht worden sein.“ Er zog mich weiter am Arm von der Haustür weg.

„Und warum darf ich nicht unten bleiben?“ Diesmal hörte ich mich wie ein nörgelndes Kleinkind an.

„Weil Sherlock am schnellsten alleine arbeitet, wenn du ihn nicht störst.“ Sherlock hatte einen überheblichen Gesichtsausdruck aufgesetzt und wedelte mich mit den Händen fort.

„Schu schu. Lass das Genie dran.“ Ich streckte ihm als Antwort die Zunge raus. Worauf er mir den Vogel zeigte. Und so hatte ich wieder einmal dem Beweis erbracht, dass weder er noch ich wirklich erwachsen waren. John schüttelte nur wortlos den Kopf und machte sich auf den Weg nach oben in unsere Wohnung.

Dort packten wir gemeinsam das kleine Bündel au. Nachdem wir es aus zwei Decken geschält hatten, kam ein in einem halbblauen Strampler gehülltes Baby zum Vorschein. Sein Kopf war voller schwarzer, wirrer Locken und eine besonders widerspenstige hing ihm wie bei Sherlock in die Stirn. Ich musste bei dem Gedanken grinsen.

„Was?“ wollte John wissen.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es ist von Sherlock. Es ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Du hast Recht; der Mund, die Nase und die Locken erst. Ein Mini-Sherlock.“

„Psst, sag das nicht zu laut, sonst fängt der hier noch an wie sein großes Vorbild uns über irgendwas zu belehren.“

„Na, dann wollen wir mal schauen, welches Geschlecht du hast.“ Vorsichtig löste John die Druckknöpfe des Stramplers. Ich bewunderte ihn für sein Geschick, denn ich hatte keine Ahnung, was ich mit den ganzen Knöpfen anfangen sollte. „Es ist ein Junge.“ stellte John fest.

„Gott, ist er klein, er kann doch nur wenige Wochen alt sein.“ fügte ich hinzu. „Hast du etwas herausgefunden?“ fragte ich Sherlock, der gerade wieder die Wohnung betrat.

„Keine Spur von der Mutter.“ Ich nickte und wandte mich wieder dem Baby zu.

„Wie heißt du und was ist so besonderes an dir?“

„Es wird dir nicht antworten. Es kann noch nicht sprechen.“ antwortete mir Sherlock sarkastisch.

„Es ist ein er und ich erwarte auch keine artikulierte Antwort von ihm.“ Ich drehte mich zu Sherlock um. „Denk doch mal nach. Wenn jemand ein Baby loswerden will, legt er es in die Babyklappe oder bringt es in die Notaufnahme oder stopft es in eine Mülltonne. Seine Mutter hat es aber in dieser kalten Nacht bei uns vor die Tür gelegt, obwohl sie sich nicht sicher sein konnte, dass wir überhaupt da sind. Sie wollte zu dir Sherlock. Sie wollte, dass du das Kind findest. Was ist also so besonderes an dem Baby abgesehen von der Tatsache, dass es dir ähnlich sieht.“

„Es sieht mir nicht ähnlich.“

„Tut es doch.“

„Nein, überhaupt nicht. Du als Anthropologin solltest ganz genau wissen, dass sich die kindlichen Gesichtszüge noch stark verändern.“

„Die meistens ja. Aber es gibt eine Reihe von Merkmalen, die auch schon bei Babys ausgeprägt sind.“ Das war nicht wirklich wahr, aber auch nicht richtig falsch. Sherlock ignorierte mich und beugte sich zu dem Baby hinunter.

„Warum wurdest du hier abgelegt?“

„Es wird dir nicht antworten. Es kann noch nicht sprechen.“ Ich konnte mir nicht verkneifen, ihn zu wiederholen. Vielleicht lag es an der ungewohnten Umgebung oder an den Umstand, dass ihn drei Leute genau musterten, während er nackt war, aber nun fing das bisher friedliche Baby an zu schreien. Aber das war nicht seine einzige Reaktion. Ohne jegliche Vorwarnung fing das Baby im hohen Bogen an, zu strullern. Sherlock riss den Kopf nach oben und verzog das Gesicht angesichts des Lärms und des plötzlichen Urinstrahls

„Es schreit.“ Sherlock schaute mich an.

„Das höre ich. Das ist eine völlig normale Reaktion, wenn man dich sieht. Ich will dann auch öfters schreiend weglaufen.“

„Tu etwas dagegen.“

„Warum ich?“

„Du bist eine Frau.“

„Nur weil ich über die richtigen Organe verfüge, die nötig sind, um so ein Kind in mir heranwachsen zu lassen, heißt das noch lange nicht, dass ich über mütterliche Qualitäten verfüge.“ Wir standen uns nun gegenüber und waren gezwungen, uns anzuschreien, um das Baby zu übertönen.

„Ach was. Du bist eine Frau, in deinen Genen ist es programmiert Mutter zu sein.“

„Und? Du bist ein Mann, in deinen Genen ist es programmiert, Vater zu sein.“

„Was bist du? 28? Du befindest dich auf der Höhe deines Reproduktionszyklus. In dem Alter ist es ganz normal Mutter zu werden.“

„Ich habe schon vor langer Zeit beschlossen, meine Gene aus dem Genpool zu entfernen und mich nicht zu reproduzieren. Außerdem sieh dich doch mal an. Du bist Ende Dreißig. Das beste Alter um Vater zu werden. Jung genug, um die Kinder bis ins Erwachsenenleben zu begleiten und alt genug, um genügend Lebenserfahrung gesammelt zu haben. Warum wirst du nicht Vater?“

„Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen kann. Warum wirst du nicht Mutter?“

„Weil ich die Ausbildung zu alten Katzenlady absolviert habe. Was denkst du denn? Weil ich niemanden meine Veranlagungen zumuten kann.“

Plötzlich fiel uns auf, dass unser Gebrüll der einzige Lärm im ganzen Zimmer war. Wir blickten uns irritiert an, schauten uns dann gemeinsam suchend nach dem Baby um, das sich jetzt nun nicht mehr nackt auf dem Sofa, sondern angezogen und zufrieden am Daumen nuckelnd auf Johns Arm befand.

„John nimmt das Baby.“ kam es einstimmig von uns beiden.

„So wenn Mama und Papa mit dem Streiten aufgehört und sich wieder vertragen haben, können sie dann Onkel John dabei helfen, das Baby zu versorgen?“ fragte John sarkastisch.

„Das Baby kann nicht hier bleiben.“ sagte Sherlock mit einer Bestimmtheit, die keinem Widerspruch duldete. Die mich aber nur zum Widerspruch herausforderte.

„Und wo soll es bitte hin? Du kannst es nicht auf der Straße aussetzen.“

„Wir müssen das Jugendamt informieren.“ Wie immer bewahrte John einen klaren Kopf. Während John noch sprach, ging der Timer der Küchenuhr los.

„Verdammt das Roastbeef.“ Ich hastete zur Küche.

„Kinder und Küche. Fehlt nur noch Kirche.“ Rief Sherlock hinter mir her. Sofort ließ sich ein klatschendes Geräusch vernehmen. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie Sherlock sich seinen Hinterkopf rieb und John seine rechte Hand schüttelte. „Nicht gut?“

„Überhaupt nicht gut.“ bestätigte John.

„Sherlock, du rufst an.“ meldete ich mich aus der Küche. „Versuch aber diesmal nicht wie ein totales Arschloch zu klingen. Ach, wenn ich es mir Recht überlegen, je weniger die Leute am Telefon dich mögen, desto eher holen sie das Kind ab.“ Geschickt wich ich Johns strafenden Blick aus. Ich wusste, dass ich es in letzter Zeit mit Sherlock auf die Spitze trieb, aber ich konnte mir nicht helfen. Jede Reaktion und sei sie auch noch so ablehnend war besser als gar keine.

Ich hatte beschlossen, der Braten bräuchte mindestens noch eine halbe Stunde und war daher gerade dabei, den Plumpudding in einem Küchenhandtuch zu kochen, als John die Verbindungstür zwischen Küche und Wohnzimmer aufstieß.

„Die Frau vom Jugendamt kommt gleich vorbei. Allerdings sieht es nicht gut aus. Alle Waisenhäuser, die Babys aufnehmen könnten, sind voll belegt.“

„Gibt es keinen Notdienst für so etwas?“

„Doch, aber der arbeitet auch nur mit minimaler Belegschaft, da heute Heiligabend ist.“

„Konntest du ihr nicht begreiflich machen, dass wir hier kein Baby gebrauchen können?“ mischte sich Sherlock in die Unterhaltung zwischen John und mir ein.

„Oh, ich habe ihr genau erklärt, dass wir weder über die Ausstattung noch die Erfahrung verfügen, uns um ein Baby zu kümmern. Aber sie ließ keinen meiner Einwände gelten.“

„Warte mal. Du hast mit ihr gesprochen John? Aber Sherlock sollte doch anrufen.“

„Das hat er auch. Aber nach wenigen Sätzen hab ich ihm das Telefon abgenommen. Sonst hätten sie ihn anstatt des Babys abgeholt.“

„Mit diesen inkompetenten Leuten kann man einfach nicht reden. Wonach riecht es hier?“ fragte mich Sherlock.

„Weiß ich denn, welche Informationen deine Riechzellen dem Gehirn liefern?“ Ich seufzte auf. „Nach Roastbeef mit Yorkshire-Pudding und ich hab den Plumpudding gerade in den Topf gehängt.“

„Du hast Roastbeef gemacht?“

„Ja, es braucht aber noch etwas. Ich muss mich noch um die Portweinsauce kümmern. Wieso?“ Sherlock verzog das Gesicht. „Magst du keine Portweinsauce? Ich dachte, die hat es immer bei euch zu Weihnachten gegeben.“ Langsam geriet ich ins Straucheln. Ich suchte verzweifelt nach dem Rezeptbuch. Und als ich es schließlich unter dem Mehltopf fand, blätterte ich es bis zu dem Rezept vor. „Hier steht es, Roastbeef mit Yorkshire-Pudding und Portweinsauce.“ Ich sah zu ihm auf. „Deine Mutter hat gesagt, das hättet ihr jedes Weihnachtsfest am Heiligabend gegessen, bis du dreizehn warst.“

„Du hast Roastbeef mit Yorkshire-Pudding und Portweinsauce gemacht?“ Sherlock schaute mich noch ungläubiger an. Wahrscheinlich hätte nicht mal Mycrofts Geständnis mit den Chippendales auf Tournee zu gehen, diese Reaktion bei Sherlock hervorgebracht.

„Ja.“

„Und morgen gibt es Plumpudding?“

„Ja.“ Ich fühlte mich klein und elend. Ich hatte ihm eine Freude bereiten und ihm ein Weihnachtsfest wie seiner Kindheit schenken wollen, doch ich hatte genau das Gegenteil erreicht. Sherlock drehte sich um und verließ die Küche. „Wenn du das nicht essen möchtest, es gibt noch Curry. Nicht gerade ein typisches Weihnachtsessen. Aber mein Dad ...“ Die Stimme versagte mir und ich ließ mich auf einen der Küchenstühle fallen.

„Ein Weihnachtsessen wie bei mir zuhause! DU! Von allem Menschen hätte ich nicht gedacht, dass du mir das antun würdest.“ Mehr als die Anschuldigungen ließ mich der Klang von Sherlocks Stimme zusammenzucken. Sie war eiskalt.

„Sherlock, ich denke wirklich, du überreagierst. Mary hat es doch nur gut gemeint.“ John ging hinter Sherlock her, doch ich achtete nicht mehr auf die zwei, in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

-       Sherlock will es nicht, aber deswegen musst du dich nicht anstellen wie eine dieser Schauspielerinnen im Nachmittagsfernsehen. Wegschmeißen kannst du es nicht, also mach das Beste draus! –

Energisch wischte ich mir mit den Händen über die Augen und wollte gerade aufstehen, als ich Sherlock bemerkte, der mich aufmerksam musterte.

„Du wolltest für mich ein Weihnachtsfest wie in meiner Kindheit machen?“

„Ja.“ Ich schniefte und versuchte mich an einem halben Lächeln. „Ich habe Anthea ein paar besonders gemeine Sprüche von Mycroft aufnehmen lassen. Damit das richtige Gefühle aufkommt.“

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum hast du dir die Mühe gemacht? Du hast meine Mutter angerufen, dir das Familienkochbuch besorgt, warum das Ganze?“

„Du hast gesagt, wenn du ein Weihnachten wie in deiner Kindheit bekommst, hörst du auf zu nörgeln.“ Ich schaute hinunter auf meine Hände und piddelte an einem Nagelhäutchen. „Ich weiß, dass du von Weihnachten nichts hältst, das hast du mehr als einmal zum Ausdruck gebracht. Aber John ist es wichtig, mir ist es wichtig. Egal wo ich gerade war, jedes Weihnachtsfest bin ich nach Hause gekommen. Zu wissen, dass es dieses Jahr anders ist ... Ich wollte mit euch Weihnachten feiern, richtige Weihnachten, ohne dass du gelangweilt bist, weil wir dir keine Leiche unter den Tannenbaum gelegt haben und anfängst die Wände zu durchlöchern. Und wenn das bedeutet, dass ich den ganzen Tag in der Küche stehe und koche, dann ist es halt so. Aber jetzt ist es eh egal.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Du magst es ja nicht.“

Sherlocks Hände legten sich über meine nervösen und er kniete sich vor mich, damit sein Gesicht auf gleicher Höhe wie meins war.

„Ich habe kaum schöne Erinnerungen an Weihnachten. Die Weihnachtsfeste waren die Hölle schon bevor ich dreizehn war. Mycroft und ich mussten immer unsere besten Anzüge tragen. Die gestärkten Kragen waren das Schlimmste. Damals konnte ich keinen Schlips binden und heute will ich es auch gar nicht. Vater trank zuviel, fragte uns über die Schule aus und stellte uns auf die Probe. Mycroft war der strahlende Held, die besten Noten, der beliebteste Schüler. Ich wurde immer mit ihm verglichen. In nichts war ich so gut wie er. Mutter nahm mich in Schutz, was regelmäßig in einem Streit zwischen ihr und meinem Vater endete.“

„Es tut mir leid, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich genau das Gegenteil gemacht, ein Anti-Kindheits-Weihnachten sozusagen.“

„Nein, du hast das Richtige gemacht. Außer du hast Mycroft eingeladen und es irgendwie geschafft meinen Vater vom Reich der Toten in das Reich der Lebenden zu bringen.“

„Nein. Aber ich habe es erwägt, einen Pappaufsteller von Mycroft zu basteln. Einer, dessen Mund in Verachtung verzogen ist.“ Bei dem Gedanken mussten wir beide lachen. „Magst du nun Roastbeef? Dann kann ich es mir für das nächste Mal merken.“

„Ich mag Roastbeef. Was ist dein Lieblingsessen?“ Ich runzelte die Stirn. Was hatte mein Lieblingsessen damit zu tun?

„Steak.“

„Dann gibt es nächstes Weihnachten Steak. Und mach dir nicht so viel Mühe. Ich bin schon froh, dass John nicht gekocht hat.“

„Harharhar.“ ließ sich John vernehmen, der an den Küchentürrahmen lehnte und das ganze Gespräch mitbekommen hatte. „Als wir noch alleine gewohnt haben, hat es dich nicht gestört. Du verwöhnst ihn zu sehr Mary.“

„Als ob du nicht von Abendessen profitieren würdest.“ sagte ich über Sherlocks Schulter zu John.

Da die ertönte die Klingel.

„Ich geh schon.“ John wandte sich ab, um die Türe zu öffnen. Ich drückte Sherlocks Hände und wollte aufstehen. „Es ist bestimmt die Frau vom Jugendamt.“ Doch er hielt mich zurück und sah mir unverwandt in die Augen.

„Weißt du, was das Schrecklichste an Weihnachten war? Niemand hat gefragt, was ich eigentlich wollte. Meinetwegen hätte das ganze Essen ausfallen können, wenn mein Vater nur für zwei Tage meiner Mutter nicht die Schuld an meinem Versagen gegeben hätte.“

„Du bist kein Versager.“

„Natürlich. Ich bin der einzige Consulting Detectiv, den es auf der Welt gibt. Ich habe den Job erfunden.“ Ich löste eine Hand von seinem Griff und legte diese an seine Wange. Bei uns war das eine viel intimere Geste als es bei den meisten. Sherlock hasste Berührungen von fremden Menschen, er ertrug sie, wenn sie ihn der Lösung eines Falles weiterbrachte.

„Du bist kein Versager, du bist auch kein Freak wie Donovan dich immer nennt oder ein hochfunktioneller Soziopath, wie du immer behauptest. Du bist anders. Du passt in keine Schublade, du bist einfach Sherlock Holmes und egal, ob es dir passt oder nicht, John und ich lieben dich genau deswegen. Und wir wissen, dass du es auch auf deine Art tust.“ Langsam, ganz langsam beugte sich Sherlock nach vorne, sein Mund näherte sich meinem Gesicht. Ich wagte nicht zu atmen. Was hatte Sherlock vor? Für einen langen und doch ach so kurzen Augenblick legte er seine Lippen auf die meinen.

-       Sherlock Holmes küsst mich! Bloody Hell! Sherlock küsst mich, nicht auf die Wange, nein auf den Mund! –

Als er mich wieder anschaute, war jede Selbstsicherheit, jede Arroganz, die er normalerweise an den  Tag legte, verschwunden. Zurück blieb nur ein nackter Ausdruck. Ich lächelte ihn an und nickte kurz.

Die Frau vom Jugendamt wat wohlbeleibt, etwa fünfzig und hatte caramelfarbene Haut. Ihr ehemals schwarzer Krauskopf färbte sich an einige Stellen bereits grau.

„Guten Abend. Ich bin Mrs. Smith. Und sie sind?“

„Mary Morstan und das ist Mr. Holmes.“ Mrs. Smith wandte sich Sherlock zu.

„Von Ihnen habe ich ein Bild in der Zeitung gesehen. Damals hatten Sie diesen seltsamen Hut auf.“ Sherlock schnaubte und ließ sich in seinen Sessel fallen. Ich flüsterte der Frau zu:

„Ignorieren Sie ihn. Er ist etwas mürrisch heute.“

„Wo ist das Baby?“

-       Na die kommt aber schnell zur Sache. –

„Dort auf dem Sofa.“ John wies mit der Hand zu dem nun schlafenden Baby.

„Wir haben nach gesehen. Es ist ein Junge und äußerlich fehlt ihm nichts. Beine und Arme sind innerhalb der Freiheitsgrade ohne Schmerzen beweglich. Auch gibt es keine äußerlichen Hinweise auf innere Verletzungen. Nach dem Zustand der Fontanellen wenige Wochen alt, auf jeden Fall unter drei Monate.“ meldete ich mich zu Wort

„Sind sie Ärztin?“ Die Frau musterte mich scharf.

„Nein Anthropologin. Normalerweise untersuche ich Babys nur, wenn sie tot sind.“ Und da passierte es wieder. Hinter den Augen der Frau formte sich das Wort ‚Freak’. Diese Reaktion bekam ich oft, wenn ich den Leuten meinen Beruf zu erklären versuchte. Daher hatte ich das Ganze vereinfacht und sagte nur noch, dass ich ungefähr das machte, was bei Bones oder CSI gezeigt wurde. Auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach.

„Also ich weiß nicht ...“ zweifelnd schaute die Frau vom Baby und zu mir

„Ich bin absolut in der Lage, ein Alter anhand des Zustandes der Verwachsung der Schädelnähte zu bestimmen. Das Geschlecht ist offensichtlich, wenn wir außer Acht lassen, dass er Hermaphrodit sein oder das Kinefelter-Syndrom haben könnte.“ Mir ging es immer unglaublich auf den Keks, dass die Leute dachten, nur als Mediziner wäre man ein richtiger Doktor. Ich hatte immerhin meine Abschlussarbeit über den Vergleich von Funeralpraktiken bei Kleinkindern geschrieben. „Aber wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie Dr. Watson. Er ist Arzt und er hat die Untersuchung mit mir durchgeführt.“ Genervt ließ ich mich in den Sessel neben Holmes plumpsen. Dieser grinste mich nur diabolisch an.

„Mini-Freak.“ flüsterte er.

„Ober-Freak.“ zischte ich zurück. Sherlock und ich lieferten uns ein Anstarrgefecht. Diesmal verlor ich nach ca. zwei Minuten. Wie es der Kerl immer wieder schaffte nicht zu blinzeln, war mir ein ewiges Rätsel. Ich dagegen brauchte meine gesamte Konzentration. So verpasste ich ein ganzes Stück der Unterhaltung zwischen John und Mrs. Smith und stieg erst dann ein, als die Frau die zwei großen Einkaufstaschen auspackte.

„Hier sind die wichtigsten Sachen. Milchpulver, Fläschchen, Schnuller, Windeln, feuchte Tücher und Babycreme.“

„Die hab ich auch.“

–      Mist, warum kann ich nicht einmal mein Maul halten? –

Neun Augen musterten mich.

„Dann geht Ihnen die wenigstens nicht aus.“

–      Ha, kein Grund sarkastisch zu werden! –

„Sie müssen die Fläschchen auskochen. Seien Sie gründlich, damit alle Bakterien abgetötet werden.“

„Wir haben einen Dampfkochtopf. Autoklavieren sollten Bakterien nicht überleben.“

 – Huch, wenn das nicht mal der böse, strafende Oberlehrerblick ist. –

„Wenn es schreit, hat es wahrscheinlich Hunger oder die Windel voll.“

„Oder es braucht Nähe. Danke, ich habe die Verhaltensexperimente der Siebziger Jahre mit Affen gelesen. Ich mag mich zwar normalerweise nur mit toten Kindern abgeben, aber das bedeutet nicht, dass mir nicht bewusst wäre, was Lebende bräuchten.“

„Seit wann das?“ schnaubte Sherlock.

„Halt die Klappe.“ knurrte ich zurück. Die Frau musterte mich abwägend.

„Wo wird das Baby schlafen?“

„Sie können das Baby nicht hier lassen.“ Sherlock klang nicht wie üblich, er war verzweifelt.

„Wie ich dem Doktor bereits erklärt habe, haben wir erst nach den Weihnachtstagen die Möglichkeit, uns nach einer geeigneten Unterkunft für das Baby umzusehen. Bis dahin vertraue ich es ihrer Obhut an.“

„Aber das hier ist nicht die geeignete Umgebung für ein Kind.“ widersprach Sherlock.

„Schauen Sie sich doch um. Sieht die Wohnung vielleicht Baby sicher aus?“ fügte ich hinzu.

„Nicht wirklich.“ Musste sie nach einem Blick zustimmen. „Haben Sie ein Glück, dass es noch nicht krabbeln kann.“

„Aber ...“ versuchte Sherlock einzuwenden.

„Werden Sie auf dem Kind Zigaretten ausdrücken?“ fragte Mrs. Smith.

„Nein.“ antwortete ich verwirrt.

„Werden Sie es Drogenabhängig machen?“

„Nein.“ antwortete Sherlock mit Bestimmtheit.

„Werden Sie es solange schütteln, bis es aufhört zu schreien?“

„Nein, auf keinen Fall.“ empörte sich John.

„Werden Sie es  erwürgen, weil es sein Fläschchen nicht trinken oder nicht aufhören will zu schreien. Oder werden sie es in der Badewanne ertrinken lassen, weil etwas anderes Ihnen wichtiger erscheint?“

„Nein.“ antworteten wir alle drei gleichzeitig.

„Dann ist das Kind hier besser aufgehoben, als viele andere Kinder heute in London.“ Sie lächelte uns an, doch es war ein sehr trauriges Lächeln. Sie hatte zu viele misshandelte Kinder gesehen. Normalerweise sind wir Säugetiere darauf programmiert, alles Kindliche süß und niedlich zu finden. Das ist ein Instinkt und soll verhindern, dass wir unseren Nachwuchs töten. Aber aus irgendeinem Grund – vereinfacht ausgedrückt – funktioniert das nicht immer.

„Wir werden unser Bestes geben.“ versprach ich Mrs. Smith.

„Wir werden sehen, wie viel das bedeutet. Wo wird das Baby schlafen?“

„Bei mir. Wir haben nichts, was man als Babyfon benutzen könnte. Daher ist mein Zimmer am besten geeignet.“ meldete sich zu unser aller Überraschung Sherlock zu Wort. „Wenn wir die Türe auflassen, können wir es im Wohnzimmer schreien hören. Bad und Küche sind nah.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist die praktischste aller Lösungen.“ Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Sherlock hatte zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben etwas total Selbstloses getan. Denn das Baby würde ihm nichts zurückgeben, außer volle Windeln.

„Mund zu Morstan. Warum schaut ihr so überrascht?“

„Wer bist du und was hast du mit Sherlock Holmes gemacht?“

 – Ganz meine Rede John, ganz meine Rede. –

„Das ist doch nichts.“

„Es ist selbstlos.“

„Jetzt tut doch nicht so, ich mache oft etwas Selbstloses.“

Jetzt musste John schnauben. Sherlock runzelte die Stirn und starrte ihn an, so als ob er wirklich glaubte, was er sagte.

„Das tut jetzt nichts zur Sache.“ versuchte ich mich einzumischen. Beim Jugendamt waren wir jetzt bestimmt als die „Psychopathen WG“ gespeichert. Ein Wunder, dass sie das Baby doch bei uns ließ. Auch wenn „Soziopathen WG“ oder „WG der Leute mit Vertrauensproblemen, Beziehungsängsten und emotionalen Schwierigkeiten“ besser gepasst hätte. Aber das nur als kleines Detail am Rande.

„Außerdem brauch ich nicht viel Schlaf.“ beendete Sherlocks Satz das stumme Gespräch zwischen ihm und John.

„Den werden Sie unter Umständen auch nicht bekommen. So, ich lasse sie nun allein. Unter dieser Nummer können Sie mich Tag und Nacht erreichen. Aber bitte nur in Notfällen benutzen.“ Und damit ließ sie uns mit einem kleinen Menschenkind alleine, das in seinem bisherigen Leben bestimmt nichts so Schlimmes gemacht haben konnte, dass es als Strafe uns verdient hatte. Ich nahm unseren Mini-Sherlock hoch und sah ihm in die Augen.

„Es tut mir schrecklich leid, ich weiß auch nicht womit du das verdient hast, aber du hast uns jetzt am Hals. Gewöhn dich dran. Wir sind schlimmer als Efeu oder Kletten, wir bleiben an dir kleben, ob du willst oder nicht. Wie wollen wir dich nennen? Sherlock kann ja Mini-Me zu dir sagen, aber auf Dauer wird John Doe für dich zu lang. Irgendwelche Vorschläge?“

„Warum sollen wir ihm einen Namen geben?“

„Weil wir es nicht die ganze Zeit Ding nennen können, Sherlock.“

„Wie wäre es mit Joshua?“ schlug John vor.

„Nicht dein Ernst oder?“ antwortete ich. „Ich werde nicht diese Modeerscheinung mitmachen und ihm einen alttestamentarischen Namen geben, außer Hiskija, Rehabeam oder Habakuk Zephanias sind mit im Rennen.“

„Wie wäre es mit Hamish?“ warf Sherlock in die Unterhaltung ein.

„Das ist mein mittlerer Name.“ erwiderte John.

„Ich weiß. Du sagtest einmal, wenn ich jemals nach Kindernamen suchen sollte, könnte ich den nehmen.“

„Ja, äh ... gut ... äh ...“ John war sprachlos.

„Dann ist es abgemacht. Hiermit heißt du Hamish  Morstan Holmes Watson.“ Ohne großes Federlesens tunkte ich meinen rechten Daumen in ein Glas mit Wasser und zeichnete ein Kreuz auf die Stirn von Hamish. Dabei murmelte ich kaum hörbar: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Ich bewegte den Kleinen so, dass er bequem über meine linke Schulter schauen konnte. Ich hatte zwar keine Ahnung, ob man Kinder überhaupt so tragen durfte, aber meine Katzen hatten es sich immer gefallen lassen.

„Was war denn das?“ John versuchte so wenig interessiert wie möglich zu klingen.

„Eine Nottaufe.“ Ich seufzte auf und fügte eine Erklärung hinzu. „Ich bin katholisch und aus einem auch mir nicht näher bestimmbaren Grund ist der Glaube mir wichtig. Und jeder Christ kann einem anderen die Nottaufe spenden. Vielleicht ist es alles nur Humbug und Augenwischerei und vielleicht hat Sherlock Recht und ich Unrecht, aber das klären wir besser, wenn wir tot sind. Dann wissen wir es wenigstens mit Gewissheit. Das Essen müsste jeden Moment fertig sein.“ versuchte ich das Thema zu wechseln. Der Kleine in meinem Arm gluckste vor sich hin. „Vielleicht solltest du ihm ein Fläschchen fertig machen, John. Und du nimmst ihn mal.“ wandte ich mich an Sherlock.

„Warum ich? Warum kann ich das Essen nicht machen?“ fragte Sherlock.

„Weil du selbst Wasser anbrennen lässt. Du schaffst das schon.“ Aufmunternd und ein wenig süffisant klopfte John dem größeren Mann auf die Schulter.

„Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“

„Stell dir einfach vor, es wäre eine Stradivari. Dann kann gar nichts schief gehen.“ Vorsichtig legte ich ihm das Baby in den Arm. „Allerdings solltest du ihn dir nicht unter das Kinn klemmen.“ fügte ich lachend hinzu, während ich ihn mitten im Raum stehen ließ. Er sah sehr hilflos drein, während das Baby ihn versonnen anlächelte und seine ganze zur Faust geballte Hand in dem Mund versenkte.