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Category:
Fandom:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2020-01-12
Completed:
2020-01-29
Words:
27,652
Chapters:
18/18
Comments:
16
Kudos:
22
Bookmarks:
3
Hits:
740

Wolfstage

Summary:

Wie man aus dem Titel der Geschichte eventuell schließen kann, geht es hier um die Folge "Wolfsstunde". Das Thema dort - Vergewaltigung - ist auch Thema hier. Wer bei diesem Thema sensibel ist, sei gewarnt.

Notes:

Ich habe diese Folge lange gehasst, vor allem, weil sich so ziemlich alle darin richtig arschig verhalten. (Meine immer noch meistgehasste Dialogzeile aus dieser Folge (Nadeschda zu Thiel): "Entschuldigen Sie sich ... naja, bei Frauen immer entschuldigen." Das ist so dermaßen platt und daneben, nicht nur grundsätzlich, sondern vor allem auch komplett OOC für Nadeschda.
In dieser Geschichte, die sich sehr eng an die Folge und die Dialoge darin hält, habe ich versucht, zu relativieren und zu erklären, wieso sich die Figuren so verhalten, wie sie sich in der Folge nun mal verhalten.

Edit: typos entfernt, hoffentlich alle.

Chapter Text

Thiel wachte mit einer Verspannung auf, die vom Steiß bis hinauf zum Nacken reichte. Toll, das kannte er schon: Er war mal wieder auf Boernes Couch eingepennt, nirgends sonst holte er sich so eine Monster-Verspannung. Wenn er auf seiner eigenen Couch einschlief, wachte er nie mit Rückenschmerzen auf, die er dann mindestens eine Woche lang nicht mehr loswurde. Aber er hatte seine Möbel ja auch nach Gemütlichkeit ausgesucht, nicht nach Stil.

Boerne hätte ihn aber auch wirklich aufwecken und nach Hause schicken können, der wusste das mit den Rückenschmerzen ja, Thiel hatte es ihm schon mehr als einmal gesagt ... also ... sich darüber beschwert.

Dann fiel Thiel ein, wieso er überhaupt in Boernes Wohnung war. Diese blöde spontane Feier, zu der Boerne ihn spontan eingeladen hatte, weil sie sich zufällig vor dem Haus getroffen hatten. Thiel war gerade mit dem Fahrrad angekommen und Boerne mit einem BMW voller Leute.

"Alte Freunde von mir", hatte er strahlend verkündet. "Siglinde, Daniela, Dieter und Max. Mit den beiden", er hatte auf die Männer gezeigt, "bin ich schon in die Volksschule gegangen, die beiden Damen haben wir erst auf der Uni kennengelernt."

Und dann hatte Boerne ihn einfach mitgeschleppt. "Ich hab auch Bier da", war sein letztes - und eigentlich auch einziges - Argument gewesen.

"Und wir bestellen Pizza, magst du Pizza?", hatte Siglinde Schützenhilfe geleistet.

Tja, und da war Thiel mitgegangen. Pizza und Bier, wer konnte da schon nein sagen?

Für einen Haufen Akademiker, die noch dazu mit Boerne befreundet waren, hatten sich die vier als ganz brauchbar und unterhaltsam erwiesen. Vor allem Max war der beste Beweis dafür, dass auch intelligente Leute echt schlchte, dumme Witze machen konnten.

Und jetzt waren sie alle weg, jedenfalls war die Wohnung leer, nur im Flur war noch Licht, das durch die offene Tür ins Wohnzimmer fiel.

Vorsichtig kippte Thiel seinen Kopf nach links und nach rechts, um die verspannten Nackenmuskeln ein wenig zu dehnen. Das laute Knacken in seiner Halswirbelsäule verkündete echt nichts Gutes für die nächsten Tage. Mist.

Von Boerne auch keine Spur mehr, der war auch ins Bett gegangen ... und hatte ihn hier einfach schlafen lassen, dabei wusste dieser Mistkerl doch, das sein Rücken und Boernes Couch sich nicht vertrugen.

Etwas ließ ihn aufhorchen.

Ein Geräusch im Schlafzimmer, das direkt ans Wohnzimmer anschloss und dessen Tür jetzt offen stand. Naja, die konnte ruhig offen stehen, so spannend war der schlafende Boerne nicht, dass er sich vor unerwünschtem Publikum verstecken müsste.

Ein Seufzen, gefolgt von einem schlecht unterdrückten Stöhnen.

Träumte Boerne schlecht? Sollte Thiel ...

Ein weiteres Stöhnen, aber das kam eindeutig nicht von Boerne, auch wenn es eindeutig männlich war.

Was zur Hölle?

War das Max oder Dieter - und war das überhaupt wichtig? Und war das davor wirklich Boerne gewesen, wie Thiel einfach angenommen hatte? Oder hatten Max und Dieter was miteinander und vergnügten sich jetzt in Boernes ... Aber wieso sollte Boerne den beiden sein Bett überlassen ... oh Gott, am Ende alle drei? Thiel schüttelte sich. Das war ja ... eklig. Nicht, weil es schwul war, sondern weil ... weil ... eigentlich fiel ihm da kein guter Grund ein. Wenn alle Beteiligten einverstanden waren, spielte es doch keine Rolle, was seine persönlichen Vorlieben und Abneigungen waren.

Wieder ein leises Stöhnen und das kam, wenn Thiel nicht völlig irrte, jetzt doch von Boerne.

Was zur verdammten Hölle ...? Seit wann stand Boerne auf Männer? Seit wann ... Oder tat er das gar nicht, und Thiel wurde gerade Zeuge eines sexuellen Übergriffs?

"Max, bitte", sagte Boerne jetzt leise.

Bitte? Bitte was? Bitte ja, bitte nein, bitte was?, fragte sich Thiel und beugte sich nach rechts. Auf diese Weise rutschte Boernes Bett in sein Blickfeld. Vielleicht konnte ein Bild ja klären, womit er es hier zu tun htte - Übergriff oder einvernehmlichem Sex.

Im Schlafzimmer war es ziemlich dunkel, aber selbst mit Umweg übers Wohnzimmer kam noch genug Licht vom Flur an, um die Szenerie ausreichend zu beleuchten.

Zwei nackte Körper, einer halb unter dem anderen begraben, ein blonder Haarschopf oben ... Max. Boernes rechtes Bein war halb um Max' Beine geschlungen. Das sah doch ziemlich einvernehmlich aus, urteilte Thiel. Wer hätte das gedacht?

"Max ..."

"Was? Jetzt stell dich mal nicht so an, dein Bulle schläft, wegen dem brauchst du nun wirklich nicht so verschämt tun."

Thiel wurde rot. Er spürte, dass sein Gesicht förmlich glühte. Es war fast, als wüsste Boerne, dass er eben nicht mehr schlief, sondern im Gegenteil jetzt hellwach war.

"Und die anderen sind weg, nicht mal Dani kann mehr eifersüchtig werden."

Boerne antwortete mit einem ergebenen Seufzen.

Thie setzte sich wieder gerade hin. Es reichte völlig, die beiden zu hören, sehen musste er das nicht auch noch, sein schmerzender Rücken dankte es ihm umgehend. Und wie, bitteschön, sollte er jetzt aus dieser blöden Situation herauskommen? Er wollte Boerne nicht beim Sex belauschen. Wäre er doch nur nicht aufgewacht!

Ob er es schaffte, unbemerkt aus der Wohnung zu schleichen? Oder war es besser, sich schlafend zu stellen, damit Boerne ihn morgen rüde wecken und glauben konnte, sein Geheimnis wäre weiterhin sicher? Das wäre rücksichtsvoller und sein Rücken war eh schon im Arsch. Aber dann musste er da durch und Boerne beim Sex zuhören. Na, ganz großes Kino, und das nur, weil Boerne mal wieder ... Thiel schnitt den Gedanken ab, bevor er zu Ende war. Boerne tat das ja nicht ihm zu Fleiß.

"Thiel hat überhaupt nichts damit zu tun, was ich tue oder nicht", stellte Boerne fest.

Max schnaubte. "Natürlich hat er was damit zu tun", widersprach er. "Du bist immer so furchtbar prüde, wenn du glaubst, irgendwer könnte was mitkriegen. Sei doch mal mutig und zeig den Leuten, was für ein toller Vulkan in dir schlummert."

Thiel verdrehte die Augen. Meine Güte, was für ein Käsespruch.

"Max ..."

"Früher warst du nicht so verklemmt."

"Früher ... mein Gott, das ist dreißig Jahre her."

Max lachte leise. "Hat sich rotzdem nicht viel geändert seither. Ein bisschen fülliger bist du geworden, aber das sind wir doch alle. Und weniger heiß bist du deswegen auch nicht, im Gegenteil. Und solange der Bauch nicht von der Rakete ablenkt ..."

"Himmelherrgott, bitte", beschwerte sich Boerne, "red nicht solchen Stuss zusammen, da vergeht ja noch dem stärksten Gemüt jede Lust."

Thiel musste trotz der peinlichen Situation grinsen.

Für eine Weile war dann außer gelegentlichem Stöhnen nichts mehr zu hören, und Thiel wandte sich wieder seinem Dilemma zu, was er denn jetzt am besten machte mit dieser Situation. Er blendete die Geräusche so gut er konnte aus und war schon halb entschlossen, doch einfach abzuhauen, denn die Geräuschkulisse würde garantiert nicht besser werden, und es war ihm egal, was das später mit Boernes Ego anstellen mochte, als etwas ihn stocken ließ.

Irgendwas war faul. Aber was? Ein etws zu scharf eingezogener Atemzug? Ein irgendwie schief geratenes Stöhnen? Irgendetwas stimmte hier nicht, obwohl eigentlich alles normal klang.

Oder vielleicht auch nicht. Wieso sagte Boerne nichts mehr?

Hatte er sich am Ende doch getäuscht, und Boerne wollte ds gar nicht, oder wenigstens nicht mehr? Geschah es nur, weil Boerne mal wieder nicht wusste, wie man nein sagte? Mit dem Wort hatte er ja echt schwere Probleme. Thiel glaubte inzwischen fest, dass Boerne dieses Wort tatsächlich nicht verstand. Er verstand es nicht, wenn man es zu ihm sagte, und er hatte keine Ahnung, wie man es zu anderen sagte. Wenn ihm etwas nicht passte, wurde er lieber so lange unausstehlich, bis man freiwillig das Weite suchte oder ihn rausschmiss - aus der Wohnung oder aus dem Leben.

Und jetzt? Jetzt wusste Thiel noch weniger, was er tun sollte. Wenn Boerne es wollte, was er nicht ganz ausschloss - Was verstand er schon von schwulem Sex? -, wäre es mehr als peinlich, das irgendwie zu beenden. Wenn Boerne es allerdings nicht wollte, wenn er nur nicht wusste, wie er Max zum Aufhören bewegen sollte ... Wie sollte Thiel es dann mit seinem Gewissen vereinbaren, nicht einzugreifen?

"Nicht", sagte Boerne, "ni-nicht so ..."

"Wie denn sonst?"

"Weiß ich auch nicht, einfach ... nicht ... so."

"Mann, du Mimöschen." Etwas raschelte. "So besser?"

Boerne räusperte sich, stöhnte leise und antwortete schließlich mit einem "hm", das alles und nichts bedeuten konnte.

Wieder war es eine Weile still, ausgenommen der üblichen Geräusche, die halt so mit Sex einhergingen.

Immer noch wusste Thiel nicht, was da jetzt wirklich ablief und was er also tun sollte. Nur weil er Max für einen Typen mit einigermaßen viel Arschlochpotential hielt und deswegen fand, dass Boerne nichts mit ihm haben sollte, hieß das ja nicht, dass Boerne es nicht wollte. Dass der bisweilen bedenkliche Interessen und Vorlieben hatte, wusste er ja. Und am Ende des Tages war Boerne erwachsen. Wenn er mit dem Typen ins Bett wollte, stand es ihm frei, das zu tun.

"Max ..."

Das klang jetzt allerdings nicht besonders begeistert.

"Max ..."

Das auch nicht.

"Max."

Das noch weniger.

"Max ..."

Max stöhnte.

"Max ..."

Boerne klang falsch. Und Max ignorierte das einfach. Oder er bemerkte es nicht. So oder so, es war nicht richtig, dass Max Boerne nicht hörte.

Die innere Distanz, die Thiel sich im Dienst gerne umhängte, senkte sich jetzt ungebeten über ihn. In diesem Zustand konnte er sich alles anschauen, von Leichenteilen bis hin zu einem nackten Boerne beim Sex, ohne dass es ihm etwas ausmachte. Thiel beugte sich wieder zur Seite, spähte ins Schlafzimmer. Boernes Bein war jetzt nicht mehr um Max geschlungen, seine Hände lagen an Max' Schultern ... außen, als würde er sich bereit machen, ihn im nächsten Moment von sich zu stoßen.

"Max ..."

Scheiße. Thiel erkannte endlich, was hier schief lief. Das dauernde Wiederholen von Max' Namen war Boernes Versuch, nein zu sagen. Scheiße, Scheiße. Und jetzt? Boerne würde es ihm trotzdem niemals verzeihen, wenn er sich da jetzt einfach einmischte, der war so blöd.

Sein Blick fiel auf den Couchtisch, auf dem noch jede Menge Flaschen herumstanden. Er nahm eine leere Bierflasche und ließ sie fallen. Sie landete mit einem dumpfen Knall auf dem Teppich und rollte dann geräuschvoll übers Parkett.

"Thiel", sagte Boerne und jetzt klang er fast erleichtert, hoffnungsvoll. "Das ist Thiel."

Für einige Sekunden war es völlig still, dann sagte Max: "Ach, der hat nur im Schlaf eine Flasche umgeschubst, stehen ja genug davon herum. Zum Aufwachen hat der viel zu viel getankt."

Thiel wollte ihm gerade etwas von seiner hamburgischen Trikfestigkeit erzählen, aber Boerne kam ihm zuvor: "Und das soll's jetzt besser machen, oder wie? Da läuft jetzt abgestandenes Bier in meinen Flokati, oder noch schlimmer, Wein, und ich soll das einfach so ignorieren?"

"Wenn, dann ist das inzwischen eh ausgelaufen und dein Flocki ruiniert."

Thiel hätte gern gewusst, was jetzt im Schlafzimmer passierte, aber er hatte sich wieder gerade gesetzt. Wenn Boerne herausfand, dass er sein Geheimnis aufgedeckt hatte, würde ihn das unausstehlich machen. Also lieber alles daran setzen, dass Boerne es nicht herausfand.

"Max, wirklich, mein Teppich."

"Mann, Effcchen, der blöde Teppich."

"Mein Teppich ist nicht blöd, und nenn mich nicht so, du weißt, dass ich das hasse."

"Solange das alles ist, was du hasst ..." Max lachte leise und ließ sich auch weiterhin nicht aus der Ruhe bringen.

"Ich mein's ernst, lass mich wenigstens kurz nachsehen ob ..."

"Gott, du Spaßbremse, ich sag dir doh, entweder ist dem nichts passiert, oder es ist bereits zu spät, also lass mich hier nicht so hängen."

"Max ..."

Aber der Einwand brachte so wenig wie die Male davor, nicht mal eine Antwort.

Und das war der Punkt, an dem Thiel endgülgit genug hatte von Max. Er sprang auf, darauf bedacht, dabei an den Couchtisch mit den Flaschen und Gläsern zu stoßen, damit die möglichst laut klirrten. "Wenn du nicht augenblicklich deine Drecksgriffel und deinen Schwanz von Boerne wegnimmst, komm ich rein und hau dir so lange in die Fresse, bis du Blut atmest!"

 

TBC