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Family Affairs

Summary:

Jan ist krank, aber es gibt ein Problem - wer soll zum Elternabend in Mias Schule gehen? Faber ja wohl kaum...

Notes:

Die Story spielt weeeeiiiiiit nach Liebe mich und beinhaltet ganz kleine Du bleibst hier Spoiler.

Idee wie immer von Karl. Danke, Bestie <3 Hoffe es ist chaotic, shippy und unrealistic genug ;)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

"Jan, wenn du jetzt nicht sofort heimfährst, dann leg ich dir Handschellen an und lass dich mit 'ner Streife nach Hause fahren!" 

 

Anlässlich Rosas Gezeter hob sogar Faber den Kopf und linste mit gestrecktem Hals vorsichtig in das Büro der jungen Kollegen. Vielsagend hob er die Augenbrauen, aber das war Rosa gerade herzlich egal. Ebenso ein letzter mitleidiger Blick, den er an die präsidiumseigene Virenschleuder richtete, die sie gerade in die Mängel nahm.

Rosa stützte sich mit beiden Händen auf Jans Schreibtisch ab und sah ihn eindringlich an. So unschuldig er konnte begegnete er ihrem Blick.

 

"Ist nur 'n kleiner Schnupfen", versuchte Jan sich rauszureden, hustete dann aber so, dass er mehr nach einem 70-jährigen Kettenraucher klang als sonst irgendwas.

 

"Kleiner Schnupfen, klar", entgegnete Rosa genervt. Als sie sich damals nach Dortmund hatte versetzen lassen, hatte sie gedacht sie könnte hier einen Neuanfang haben und einfach mal ihre gottverdammte Arbeit machen. Aber stattdessen spielte sie jetzt wohl Kindermädchen. Mal für Faber, mal für Jan, weil die zwei wohl einfach zu blöd waren, um auf sich selber aufzupassen oder es schlichtweg nicht für nötig hielten.

 

"Rosa", murmelte Jan ein wenig nasal und mit erbärmlich kratziger Stimme.

 

"Nichts da, lass mich mal", wimmelte sie seinen Protest ab und streckte eine Hand aus, um seine Temparatur zu fühlen. Ihr Kollege glühte förmlich. "Du hast Fieber, Jan. Du fährst jetzt heim. Und zwar ohne Umweg, außer zur Apotheke oder zum Arzt."

 

Leise vor sich hin grummelnd erhob sich Jan und griff nach seiner Jacke. Am Türrahmen blieb er nochmal stehen und sah zu Rosa als würde er noch etwas erwidern wollen. Doch sie zog betont entschieden die Augenbrauen hoch und er gab auf. "Ist ja gut... Tschüss, schönen Tag noch."

 

"Weiß nicht, was er sich so anstellt. Sonst hat er ja auch kein Problem damit, früher Feierabend zu machen", sagte Rosa ein paar Minuten später an Faber gewandt. Gemeinsam stand sie mit ihm in der Kaffeeküche. Er tüftelte noch an seinem Früchtetee herum, während Rosa ihre gefüllte Kaffeetasse schon in den Händen hielt.

 

Faber zuckte die Schultern. "Vielleicht isser beleidigt, weil Sie ihn zum Arzt geschickt haben?" schlug er vor. "Sie wissen ja, dass er weiß, dass Sie wissen, dass er das hasst."

 

Irritiert blinzelte Rosa. Hatte Faber sich da was in den Tee geschmissen oder was sollte dieses verdammtes Satzgeschachtel?

"Ja, aber da muss er jetzt durch. Kann ich ja nichts machen."

 

Faber schmunzelte. "Mitgehen und Händchen halten?"

 

"Pff, sicher nicht!"

 

Ob der grotesken Vorstellung mussten beide kurz grinsen. Jan war schon so 'ne Marke, ganz besonders wenn er krank war.

Rosa wollte gerade zurück in ihr Büro gehen, als ihr Handy klingelte. Eine wirkliche Überraschung war es nicht, dass Jans Name auf dem Display erschien. "Was ist los? Bist schon beim Arzt und hast vergessen, ob du Privat- oder Kassenpatient bist?" begrüßte sie ihn zynisch. Faber verkniff sich ein Lachen.

 

"Sehr witzig", antwortete ein Jan in einer bekannten Tonlage, die Rosa wissen ließ, dass er das gar nicht witzig fand. "Ne, ich bin schon daheim. Aber du müsstest mir 'nen Gefallen tun."

 

"Machen Se mal auf laut", forderte Faber neben ihr im Flüsterton. 

 

Rosa machte mal lieber, bevor er ihr noch am Ohr klebte. "Was denn für einen Gefallen?" hakte sie parallel bei Jan nach. Ihre Kollegen trieben sie heute echt mal wieder an den Rande des Wahnsinns.

 

"In Mias Schule ist heute um acht Elternabend für die ganze Stufe. Das ist der erste in dem Jahr und das ist wichtig glaub ich, aber ich kann ja nicht hin", erklärte Jan. "Also dachte ich, weil du und Mia ja so eng miteinander seid, dass du vielleicht...?" 

 

Rosa schnaubte. "Nicht dein Ernst. Grade eben muss ich dich noch fast mit einem Arschtritt zur Tür rausbefördern und jetzt kannst du dich nicht mal zwei Stunden in die Schule hocken?" 

 

"Ey, jetzt sei nicht so."

 

"Genau, seien Sie doch nicht so", brummte Faber mit einem unverschämten Grinsen auf den Lippen. Rosa schob ihn kurzerhand aus der Kaffeeküche und schaltete das Gespräch wieder leise. 

 

"Wie stellst'n du dir das vor? Ich bin doch nicht Mias Mutter. Wenn mich da jemand fragt..."

 

"Da fragt keiner", versicherte Jan. "Und selbst wenn, dann fällt dir schon was ein. Du musst dich da wirklich nur reinsetzen und 'n bisschen zuhören." Er merkte, dass sie zögerte und mit sich haderte. Hastig legte er nach. "Ich weiß schon, dass das blöd von mir ist, aber das ist wichtig. Da geht's um Mia und du hast selber gesagt..."

 

"Ich weiß, was ich gesagt hab", unterbrach sie ihn seufzend. "Na gut, ich mach's."

 

"Du bist ein Schatz." Das war ihm wohl mehr so im Eifer des Gefechts rausgerutscht, aber trotzdem musste Rosa ein bisschen lächeln. "Wenn du magst, kannst du danach auch vorbeikommen. Ich koch was und du kannst dich über die anderen Eltern auskotzen."

 

"Wird das denn nötig sein?" hakte sie nach. Das wurde ja immer schöner hier. Vielleicht hätte sie Jan mal nach mehr Details fragen sollen, ehe sie zugestimmt hatte. 

 

"Vielleicht..."

 

Mit einem inzwischen nur noch lauwarmen Kaffee kehrte Rosa ins Büro zurück. Dort wartete der ausgesperrte Faber mit fragender Miene. "Na? Wie hat Pawlak Sie rumgekriegt?"

Aber diese Frage ließ Rosa unbeantwortet. Faber musste nicht alles wissen. Stattdessen wuchtete sie ihm einen kleinen Stapel Akten auf den Schreibtisch und stellte ihm eine Frage, die eigentlich keine war. "Können Sie die mal durchschauen, bitte?"

 


 

Rosa konnte noch immer nicht so ganz glauben, was sie da tat, als sie auf Mias Schule zusteuerte. Das war doch wirklich absurd. Wie hatte Jan sie nur dazu überreden können? Er hätte doch eigentlich auch Britta schicken können, die war immerhin Mias Oma. Wieso war Rosa das nicht vorher als Argument eingefallen?

 

Wie auch immer - jetzt war es eh zu spät. Seufzend betrat Rosa das Gebäude und sah sich in der Aula um. An einer Pinnwand am Eingang war ein Zettel mit Wegweiser aufgehängt. Jan hatte ihr zwar am Telefon noch beschrieben, wo sie hinmusste, aber das machte es nochmal ein bisschen leichter als seine verquere Wegbeschreibung.

Rosa warf einen leisen Gruß in die Runde und setzte sich etwas weiter hinten ans Fenster. Einige Eltern musterten sie länger als andere, schauten ihr nach und fragten sich vermutlich, wer das wohl war. Immerhin war diese Runde schon etabliert und das wohl seit ein paar Jahren, da fiel ein neues Gesicht sicher schnell auf.

Doch sobald die Gesprächsrunde in Anwesenheit der Schulleitung und zwei Lehrkräften begann, war die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit sowieso woanders. Rosa tat, was Jan ihr gesagt hatte, und blieb einfach still sitzen und hörte zu.

 

Bis es ihr dann irgendwann zu bunt wurde und sie den Mund aufmachen musste.

 

Die Eltern der Kinder sollten nämlich gerade nach Lösungen suchen, wie sich die nicht vorhandene Teamdynamik in den Klassen etablieren könnte. Kritikpunkte an den Kindern gab es da viele. "Die wissen ja gar nicht mehr, wie sie miteinander reden sollen, weil se dauernd am Handy hängen", sagte ein gelangweilter Vater. "Außerdem hören die einander ja gar nicht mehr zu!" rief eine aufgebrachte Mutter dazwischen. "Und durchdringen kann man zu den meisten Kindern auch nicht mehr", beschwerte sich eine der Lehrkräfte.

 

Rosa hätte nichts gesagt, hätte sie nicht genau dasselbe in diesem Raum betrachtet. Die Erwachsenen spiegelten nämlich genau das wieder, was sie an ihren eigenen Kindern kritisierten. Ein Drittel sah alle zwei Minuten aufs Handy, das gegenseitige Unterbrechen war totaler Standard geworden, Kritiken wurden größtenteils unreflektiert und ohne jegliche Empathie angebracht. Gegenseitig zuhören und verstehen gab es hier nicht.

 

Rosa lehnte sich ein wenig nach vorn und räusperte sich. "Entschuldigung, aber..." Der ganze Raum hatte sich zu ihr umgedreht. Die meisten schauten misstrauisch, nur wenigen sahen froh darüber aus, dass das Geplänkel von vorhin endlich mal eine Unterbrechung gefunden hatte. "Ist euch allen eigentlich aufgefallen, dass ihr genau das, was ihr an euren Kindern so blöd findet, zum Großteil auch selber macht?"

 

Ihre Worte trafen erstmal auf Unverständnis, teilweise sogar Gegenwind. Aber Rosa wusste, wie man aufgebrachte Menschen besänftigen konnte. Oder zumindest wie sie sich geben musste, damit ihr die Leute zuhörten. Eine Mischung aus Verstand Geduld und Empathie war der Schlüssel - und den benutzte sie, um sich die Türen zu öffnen, die sie öffnen musste. Nur diesmal nicht, um zu Zeuginnen oder Tätern oder dem eigenen Team durchzudringen, sondern zu einer Gruppe sturköpfiger, egoistischer und konservativer Eltern.

 

Warum sie das genau tat, wusste sie gar nicht. Nicht in diesem Moment jedenfalls. Erst viel später, als sie sich um zehn Uhr auf den Weg zu Jan nach Hause machte, obwohl sie eigentlich nur noch in ihr Bett wollte und fix und fertig von den letzten zwei Stunden war. 

Aber die Schererei war es wohl wert gewesen. Nicht für sie selber, nicht für Jan, aber für Mia. Für Mia war's das wert gewesen.

 


 

"Du hast mir nicht gesagt, dass die so schlimm sind", brach es aus Rosa heraus, sobald Jan ihr die Tür öffnete. Der Geruch von Nudelsuppe strömte ihr entgegen und Rosa musste sich arg zusammenreißen, dass sie sich nicht einfach an ihrem Kollegen vorbei drängte und sich sofort einen Teller schnappte. "Kann ich reinkommen?"

 

"Äh klar. Sorry." Jan trat hastig zur Seite. "Hunger?"

 

"Und wie."

 

Er schmunzelte und wies sie in die Küche. Da stand neben einem großen Topf tatsächlich auch eine angebrochene Schachtel mit Tabletten wie Rosa beruhigt feststellte. Hatte Jan also doch ein bisschen gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt. Sie musterte ihn kurz. "Geht's dir besser?"

 

"Geht schon. Und wie geht's dir? Siehst fertig aus."

 

"Mhm. Das ist 'ne Schlangengrube, Jan."

 

Jan biss sich kurz auf die Lippe und versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln. Dann griff er zu einem Suppenteller, füllte diesen und drückte ihn Rosa in die Hand. Sich selbst nahm er auch einen und deutete Richtung Wohnzimmer. "Couch?"

 

"Unbedingt."

 

Bevor Rosa irgendwas erzählte, löffelten sie beide erstmal ihre Suppe. Mia kam trotz der späten Uhrzeit auch noch dazu - ausnahmsweise erlaubt, war ja immerhin Freitag. Mit ihrem mittlerweile dritten Teller Suppe hockte sie sich zwischen Jan und Rosa auf die Couch und mampfte zufrieden vor sich hin.

Rosa warf Jan einen Seitenblick zu. Obwohl er noch immer sichtbar müde und krank aussah, lächelte er. Er musste gerade ziemlich glücklich sein, dass seine Tochter ihn doch noch nicht ganz so sehr abgeschrieben hatte wie er gedacht hatte.

 

"Wie war's denn jetzt?" wollte Jan wissen, sobald Mia im Bett war und er sich noch eine Aspirin die Kehle runter gejagt hatte.

 

"Furchtbar", war das erste, was ihr einfiel. Jan schmunzelte. "Ohne Scheiß, Jan. Die meisten Eltern sind echt grauenvoll. Ich hab's Gefühl, die scheren sich einen Dreck um ihre Kindern und wollten heute lieber ihre eigenen Probleme und ihren persönlichen Frust abladen anstatt wirklich was für die eigenen Kinder zu tun. Lautet Idioten..."

 

"Ja Mensch", sagte Jan ratlos.

 

Rosa nickte. "Deswegen hab ich mich auch zur Elternsprecherin wählen lassen."

 

Entgeistert starrte ihr Kollege sie an, fast so als würde er darauf warten, dass sie ihm mitteilte, dass sie einen Scherz gemacht hatte. Aber da konnte er lang warten. "Du hast WAS?!"

 

"Ja was denn? Irgendwer muss doch..."

 

"Ja klar, aber- warte mal. Die haben dich gewählt? Also du... du bist's wirklich geworden?!"

 

Rosa zuckte lässig die Schultern. "Traust du mir das nicht zu?" schmunzelte sie. "Ja, ich hatt die Mehrzahl der Stimmen und hab das Amt angenommen. Aber rückblickend war's vielleicht dumm, immerhin bin ich ja nicht Mias Mutter. Und ich hätt dich vielleicht vorher mal fragen sollen."

 

"Hey, mach mal halblang." Jan sah sie mit einem breiten Grinsen an. Er hob eine Hand, ließ sie kurz orientierungslos durch die Luft gleiten und drückte dann sanft seine Faust gegen ihren Oberarm. "Rosa, das ist klasse. Klar bist du nicht ihre Mutter, aber das ist doch scheißegal. Du kommst so gut mit Mia klar und dir ist sie nicht egal, außerdem liebt die dich, das zählt genauso. Denk also gar nicht dran, da jetzt einen Rückzieher zu machen, okay?"

 

Als verspätete Antwort drückte Rosa auch ihre Faust gegen Jans Arm. "Lieb von dir." 

 

"Ich mein's ernst."

 

Eine Weile schwiegen sie. Dann erzählte Rosa Jan die Themen des Elternabends, die für ihn als Vater wichtig sein könnten. Er hörte zu, fragte sogar nach und sagte hin und wieder etwas dazu. Meistens, wenn Rosa ihm den Humbug mitteilte, den das Kultusministerium angeordnet hatte. Sich über Anweisungen von oben lustig machen taten sie ja auch in ihrem Beruf hin und wieder ganz gerne. 

Als Rosa dann das Gefühl hatte, sie hätte Jan alles erzählt, hatte der noch eine letzte Frage. "Sag mal, hat dich eigentlich irgendwer nach deinem Namen gefragt?" wollte er wissen. Rosa nickte knapp, denn ein bisschen unangenehm war ihr das schon. War ja klar, dass er das fragen musste und dann auch noch nachhakte. "Und was hat du gesagt?"

 

"Das erste, was mir eingefallen ist", antwortete sie wahrheitsgemäß. 

 

"Und das wäre?" 

 

"Rosa Pawlak."

 

Ein überraschen Lächeln erschien auf seinen Lippen. "Ach ja?"

 

"Mhm."

 

"Rosa Pawlak..." wiederholte Jan langsam. Seine grünen Augen funkelten amüsiert, als er sie ansah. Rosa zog liebevoll provokativ die Augenbrauen hoch und ließ zu, dass Jan einen Arm um sie legte. Ein wenig stürmisch zog er sie zu sich. So, dass die plötzlich Stirn an Stirn saßen und sein Atem angenehm auf ihrer Haut brannte. "Das würd mir gefallen", flüsterte er ihr ins Ohr.

 

"Mir auch", hauchte Rosa gegen seine Lippen.

Notes:

Affairs wörtlich genommen, ja genau.