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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2024-01-25
Words:
1,778
Chapters:
1/1
Kudos:
2
Hits:
48

Dora

Summary:

Der 16jährige Karl-Friedrich ist verknallt. In Dora. Dora ist seine Lehrerin. Aber im Moment sind Sommerferien ...

Notes:

Die Szene ist EIGENTLICH Teil einer längeren Geschichte mit Mord und allem drum und dran, aber der Mord will nicht so recht, und das einzige, was ich daran wirklich gut finde, ist diese Szene.
Vielleicht kommt irgendwann mal noch der Rest, aber ganz ehrlich? Ich glaub's nicht.
Und ja, ich glaube, die Boernes haben genau SO gewohnt ...

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Er mochte diese Veranstaltungen nicht, die Soireen, Dinner- und Sommer-Gartenparties, Benefizgalas in der Oper - und das, obwohl er die Oper ja durchaus schätzte. Und, zugegeben, auch die Parties waren besser, seit er hochoffiziell das eine oder andere Glas Wein trinken durfte, statt verstohlen irgendwo hinter einem Vorhang versteckt

Ohne Alkohol waren die aber auch wirklich nicht zu ertragen, die Parties, oder besser: die Partygäste. Weil er immer der jüngste war auf diesen Veranstaltungen, und zwar mit Abstand. Bevor Hannelore für ihr Studium nach Berlin gegangen war, war das ja noch eins gewesen. Da waren sie beisammen gewesen, vereint gegen den gemeinsamen geriatrischen Feind. Die einzigen Stunden, wo sie miteinander ausgekommen waren und sich ein zartes, geschwisterliches Verhältnis eingestellt hatte, wie er es gerne immer gehabt hätte.

Aber so war Hannelore nicht gestrickt, die war auf Konflikt gebürstet, und jetzt war sie ohnehin nicht mehr da. Und daher: Alkohol. Ehrlich, wollten seine Eltern ihn zum Alkoholiker machen? Noch während er darüber nachdachte, schnappte er sich ein Glas Weißwein von einem Tablett. Sein leeres Champagnerglas stellte er auf der Kommode neben der Tür ins Musikzimmer ab. Direkt aufs sorgsam polierte Holz. Mit voller Absicht.

"Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen", sprach ihn eine Frau leise von hinten an.

Er wirbelte herum, verschüttete dabei fast seinen Wein. Er konnte spüren, wie seine Augen vor Überraschung und Schreck ganz rund wurden. "Frau ... Frau Professor ..." brachte er nach einer Schrecksekunde frustrierend atemlos hervor. Was machte die denn hier? Die passte hier doch gar nicht rein, das war doch gar nicht ihre Szene, das war doch ... Sie war doch eine stinknormale ... naja, also eine ziemlich heiße ... Gymnasialprofessorin. Sie gehörte bestimmt nicht zur feinen Münsteraner Gesellschaft. Wenn dem so wäre, wüsste er das, denn die feinen Münsteraner waren die einzigen, die bei Boernes eingeladen wurden. Immer nur die Creme de la Creme. Alles andere war eines Boerne nicht würdig.

Sie lächete ihn strahlend an. Schien, als wäre sie froh, ihn hier zu sehen. Gut, wahrscheinlich war sie nach ihm die zweitjüngste hier.

"Sie wissen aber schon, wo Sie hier sind?", fragte er. Es war größtenteils eine Panikfrage, weil er nicht wusste, wie er sonst mit der Situation umgehen sollte.

Ihr Lächeln wurde breiter. "Ja, ich weiß, wo ich bin." Sie beugte sich ein klein wenig näher an ihn heran, senkte die Stimme. "Deswegen bin ich ja hier."

Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Einfach so? Rundheraus? Ohne Doppeldeutigkeiten, ohne Hintertüren, ohne Fallschtricke? Wie konnte sie nur? Wie ... Wie konnten Menschen nur so schutzlos und offen ehrlich sein? Ging das denn? Das war eine Sachlage, auf die er keine Antwort hatte, jedenfalls keine, die er in Worte fassen konnte. Also starrte er sie nur ratlos an.

Sie schaute mit ihren strahlend blauen Augen zurück. Belustigung und Aufforderung funkelten in ihrem Blick. "Jetzt tu nicht so unschuldig", wies sie ihn spielerisch zurecht. "Was haben wir denn gemacht, das ganze vergangene Schuljahr?"

Tja. Keine Ahnung. Hatten sie denn etwas gemacht? Irgendetwas? Also, außer dass er sie angeschmachtet hatte, weil er verknallt war wie jeder Schüler an der Schule, inklusive derer, die die Pubertät noch vor sich hatten; oder hinter sich, denn es waren sicher nicht nur die Schüler, die sich verknallt hatten. Aber ja, seit Weihnachten oder so hatte er gelegentlich den Eindruck gehabt, dass nicht nur er sie wahrnahm, sondern auch sie ihn. Irgendwie.

Ihr Lächeln wurde jetzt schwächer, wurde dünn. "Jetzt sag nicht, dass ich mich irre. Du flirtest seit Beginn des Schuljahres mit mir, und ziemlich auffällig noch dazu."

Er wurde rot. "Tut mir leid, ich wollte nicht ... Ich dachte nicht ..."

"Ich habe nicht gesagt, dass es mich gestört hat", unterbrach sie ihn leise und beugte sich noch ein Stückchen näher heran. "Im Gegenteil."

Irgendwie brannte sein Gesicht daraufhin noch mehr, und eine Welle der Sehnsucht brach kraftvoll von innen heraus über ihn herein. Er wollte sie in die Arme nehmen, sie an sich ziehen, sie küssen. Verdammt, was dachte er denn da? Er konnte doch nicht ... "Tut mir leid", sagte er noch einmal. "Sie sind meine Lehrerin. Wir können ... ich sollte nicht ... also, ich meine ..." Er stöhnte entnervt auf. Das war ja ganz großartig, was er hier ablieferte. Dass sie noch nicht in schallendes Gelächter ausgebrochen war, bewies nur, wie toll sie war. Nachsichtig und mit einer Riesenportion Selbstbeherrschung. "Es spielt keine Rolle, wie toll ich Sie finde ... also ..." Er seufzte. "Unsere jeweiligen Positionen erlauben es nicht, dass wir mehr tun, als mit Gedanken zu spielen." Verdammt, hatte er das gerade wirklich gesagt? Und was war das für eine beknackte Wortwahl?

Ihr Lächeln war wieder breiter geworden, aber sie lachte ihn immer noch nicht aus. "Das Schuljahr ist vorbei." Sie zog die Augenbrauen leicht nach oben. "Im Moment bin ich also gerade nichts als ein Gast im Hause deiner Familie." Sie nickte zur Tür auf die Terasse. "Begleitest du mich ein Stück?"

Er sah sich um. Er wusste, dass sie wusste, dass er wollte. Wie könnte sie nicht, nach dem was er gerade vom Stapel gelassen hatte? Toll finden, Gedankenspiele - Weltklasse, KF, echte Weltklasse - wie hätte er also ablehnen sollen? Also nickte er wortlos und ging neben ihr her quer durch den Raum. An der Tür ließ er ihr höflich den Vortritt, war aber wieder an ihrer Seite, als sie die Terasse überquerten und erst an der niedrigen Steinbalustrade Halt machten.

Sie sahen in den nächtlichen Garten hinaus, der im Vollmond wie ein Scherenschnitt aus Licht und harten Schatten vor ihnen lag.

"Es ist so surreal, dass du hier lebst", sagte sie nach einer Minute, in der sie nur schweigend nebeneinander gestanden waren, so nah, dass er ihre Wärme auf sich abstrahlen fühlte. Sie berührten sich nicht. Aber fast.

Fast.

"Wieso?" Aber er wusste natürlich, wieso. Das hier war ein herrschaftliches Anwesen , wo es an jeder Ecke nach Geld und Standesdünkel stank.

"Wie groß ist dieser Garten?"

"Knapp zwanzigtausend Quadratmeter, inklusive Goldfischteich."

Zum ersten Mal schien sie etwas aus der Fassung zu geraten.

Er war nicht sicher, ob er das gut fand oder nicht.

"Zeigst du ihn mir?"

Er nickte nur und ging zur breiten Steintreppe, die in den Garten hinunterführte. Erst als sie unten ankamen, begriff er, was sie ihn hier eventuell wirklich gefragt hatte. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. "Wirklich?"

"Wirklich." Sie ging an ihm vorbei.

Er folgte ihr.

Obwohl sie ihn gebeten hatte, ihm den Garten zu zeigen, war sie es, die die Führung übernahm. Sie schlenderte die schmalen Kieswege entlang, und er ging hinter ihr, genoss den Anblick ihres hellgrünen Sommerkleides, das in der Abendbrise und druch das Schwingen ihrer Hüften hypnotisierend hin- und herwogte. Und sie steckte da irgendwie magisch mittendrin und schwebte gleichsam über den Boden.

Sie drehte sich um, ging ein paar Schritte rückwärts, wurde langsamer, bis sie schließlich stehen blieb.

Er kratzte allen Mut zusammen, den er nur irgendwo in sich finden konnte, und ging mit rasendem Herzschlag weiter. Ein Schritt, zwei Schritte, drei.

Sie rührte sich nicht.

Noch ein Schritt. Er war ihr jetzt schon unanständig nahe. Es trennten sie vielleicht noch zwanzig Zentimeter voneinander. Er sollte nicht. Aber wann würde er noch einmal die Gelegenheit haben, ihr so nahe zu sein? Er konnte ihr Parfum riechen, das überraschend schwer war, im perfekten Kontrast zu ihrem Kleid und, ja, zu ihr.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, steckte sie hinter dem Ohr fest. Sie schloss die Lücke zwischen ihnen. "Du bist ..." Sie beendete den Satz nicht, sondern stellte sich plötzlich auf die Zehenspitzen, legte eine Hand in seinen Nacken, zog ihn an sich, drückte ihren Mund auf seinen.

Er seufzte überrascht auf, erlaubte ihrer Zungenspitze, seine Lippen zu liebkosen. Ihre Hand rutschte von seinem Nacken über den Hals und kam auf seiner Brust zum liegen.

Es war, als hätte sie damit einen Hebel in ihm umgelegt. Er legte seine Arme um sie, zog sie an sich und öffnete seinen Mund für sie, ließ sie ein, begegnete ihrer Zunge mit seiner.

Er hatte keine Ahnung, wie lange der Kuss gedauert hatte, als sie sich endlich wieder trennten. Er sog noch einmal den Duft ihres Parfums ein. Wiederwillig löste er seine Arme und ließ sie frei.

Sie schlang ihre Arme um sich selbst. "Ist plötzlich kalt."

Als wahrer Gentleman schlüpfte er sofort aus seinem Jackett und legte es ihr um die Schultern.

Sie kuschelte sich hinein. "Danke."

"Was ... Was bin ich eigentlich?", fragte er. "Vorhin, da haben Sie gesagt ich wäre ... etwas, aber Sie haben's dann nicht gesagt."

Sie sah zu ihm hoch.

Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass er viel größer war als sie, einen ganzen Kopf größer, und das, obwohl sie hochhackige Schuhe trug.

Sie streckte eine Hand nach ihm aus, strich mit dem Daumen über seine Lippen. "Heiß. Du bist verdammt heiß." Dann wandte sie sich um und ging zurück zum Haus.

Er brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. Sah zu, wie sie sich weiter und weiter von ihm entfernte. Sein Jackett um ihre Schultern war viel zu breit und zu lang, der Rock ihres Kleides wippte jetzt nur noch, irgendwie neckisch, das ausladende Wogen vom Saum seines Jacketts verschluckt. Er brauchte nur ein paar schnelle Schritte, um mit ihr aufzuschließen. "Das hätten Sie mir nicht sagen sollen", sagte er. "Das krieg ich doch nie wieder aus dem Kopf." Solche Dinge auszusprechen war wesentlich einfacher, wenn man gerade eben noch in einem tiefen Zungenkuss versunken war.

Sie lächelte ihn von der Seite her an. "Das ist auch gut so. Jeder Mensch sollte wissen, wie er auf andere Menschen wirkt. Das stärkt das Selbsteinschätzungvermögen. Das ist wichtig."

Er grinste Verlegen. Seine Selbsteinschätzung funktionierte bestens, und er wusste genau, dass er nicht gerade schäbig aussah - nicht, seit seinem lang ersehnten Wachstumsschub, der mit einem noch viel heißer ersehnten Gewichtsverlust einhergegangen war. Aber heiß? Nein, heiß war er nicht, definitiv nicht. Er war mehr der Typ Niedlich, und nichts war tödlicher als "niedlich", wenn man nicht gerade ein flauschigr Welpe war.

Sie kamen dem Haus jetzt immer näher. Als sie im Schatten der letzten Bäume standen, schlüpfte sie aus seinem Jackett. "Auch wenn wir das ganz harmlos erklären könnten", sagte sie.

Er nickte verstehend und schlüpfte wieder selbst hinein.

"Du siehst gut aus in diesem Anzug."

"Dann sollten Sie mich mal im Smoking sehen." Er grinste. Er hatte erst einmal in seinem Leben einen getragen, zur Hochzeit von Tante Ingrid, und er hatte furchtbar ausgesehen. Zu klein für sein Alter, zu pummelig für jedes Alter.

"Ich kann es mir lebhaft vorstellen", antwortete sie und grinste ebenfalls. "Heiß", flüsterte sie lachend, bevor sie sich wieder wegdrehte und zum Haus ging. Ihr Kleid wogte wieder, der Saum wippte, ihre Schritte waren getanzt.

Er könnte ihr ewig beim Gehen zusehen.

 

++

 

 

Notes:

Ja, die Sache ist nicht unkompliziert. Boerne ist Schüler, sie seine Lehrerin. Da ist die Schieflage mit einprogrammiert. In der ganzen Geschichte wird das auch thematisiert, dass.das nicht OK ist, egal was der verknallte Teenie-Boerne in dieser Szene denkt und fühlt.