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Der Wahlkampf um das Amt des Schulsprechers am Berliner Gymnasium war in vollem Gange, und es gab nur zwei ernstzunehmende Kandidaten: Robert Habeck, der idealistische, leicht chaotische Literaturclub-Präsident mit dem Herz für Nachhaltigkeit, und Christian Lindner, der ehrgeizige, aalglatte Vorsitzende der Wirtschafts-AG, der in seinen Anzügen aussah, als würde er sich eher um Aktienkurse als um den Schulhof kümmern.
Sie konnten sich nicht ausstehen.
„Diese Schule braucht Investitionen!“ Lindner lehnte sich während der Debatte vor und blitzte Robert herausfordernd an. „Wir müssen Sponsoren gewinnen, um die Ausstattung zu verbessern. Ein neuer Informatikraum mit moderner Technik könnte unsere Schule revolutionieren!“
„Oh ja, und dann verkaufen wir unsere Seelen an Großkonzerne?“ Robert verschränkte die Arme. „Wir sollten in nachhaltige Projekte investieren! Wie wäre es mit mehr Grünflächen und einem Schülergarten?“
Lindner lachte trocken. „Oh, klar. Weil Tomaten pflanzen uns auf das echte Leben vorbereitet.“
„Besser, als schon mit 17 auf Profitgier zu setzen!“
Das Publikum – eine Mischung aus nerdigen Schachclub-Mitgliedern, umweltbewussten AG-Teilnehmern und Business-orientierten Schülern – tuschelte aufgeregt.
Die Wahlkampfwoche war ein ewiges Tauziehen zwischen den beiden. Habeck organisierte ein Recycling-Projekt, Lindner startete einen Fundraiser. Habeck sprach mit Schülern in der Cafeteria über soziale Gerechtigkeit, Lindner hielt eine Präsentation darüber, wie man mit 18 sein erstes Start-up gründet. Es war ein harter Kampf.
Bis zur Nacht vor der Wahl.
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Es war spät, und die Luft auf dem Schulkorridor roch nach Reinigungsmittel und Kreidestaub. Robert saß im Wahlkampfzimmer und kritzelte noch Slogans auf Plakate („Zukunft wächst, nicht kauft man!“), als Lindner eintrat – immer noch perfekt gestylt, obwohl es fast Mitternacht war.
„Du bist ja noch hier,“ stellte er trocken fest.
„Offensichtlich,“ murmelte Robert und versuchte, sich auf seine Plakate zu konzentrieren. Aber er spürte Lindners Blick auf sich.
„Weißt du, ich muss zugeben...“ Lindner schob die Hände in die Taschen und lehnte sich an die Wand. „Du bist ein ernstzunehmender Gegner.“
Robert schnaubte. „Kommt das jetzt als Wahlkampfstrategie? Die Feinde einlullen?“
Lindner grinste schief. „Vielleicht.“
Für einen Moment war da nur Stille zwischen ihnen, unterbrochen vom leisen Ticken der Wanduhr. Dann nahm Lindner einen Stift und kritzelte auf eines von Roberts Plakaten.
Robert starrte ihn an. „Was machst du da?“
Lindner trat einen Schritt zurück. Er hatte „Zukunft wächst, nicht kauft man!“ verbessert. Jetzt stand da:
„Zukunft wächst – aber mit Kapital.“
Robert blinzelte. Irgendwie… war das gar nicht so schlecht.
Er sah Lindner an, dessen Mundwinkel herausfordernd zuckten. Plötzlich fiel ihm auf, dass der Typ wirklich gute Wangenknochen hatte. Und dass seine Augen im Neonlicht der Schule ziemlich goldbraun wirkten.
„Ich hasse dich,“ sagte Robert leise.
Lindner grinste. „Sicher?“
„Nicht mal ein bisschen.“
Und dann – vielleicht aus Übermüdung, vielleicht aus purem Trotz – zog Robert ihn am Revers seiner teuren Jacke zu sich und küsste ihn.
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Am nächsten Tag wurde die Wahl mit einem knappen Ergebnis entschieden.
Robert Habeck gewann mit einer Stimme Vorsprung.
Christian Lindner behauptete steif, dass es nicht seine eigene gewesen war.
Aber Robert wusste es besser.
