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ICE 579

Summary:

Der Rauch ist kurz warm auf ihrem Gesicht, doch dann sofort wieder weg. So schnell, dass sie die Wärme kaum spüren kann. Sie zählt mit. Drei Sekunden. Drei Jahre. Kurz warm, kurz alles gut, kurz wieder vertrauen können. Und dann ist alles weg. So schnell, viel zu schnell.

Oder: Rosa steht am Bahnsteig und denkt an Jan.

Notes:

Ich hab einen Großteil dieser Fic bei meinem bestie geschrieben and you can definitely tell, ab wann ich wieder daheim war, weil die Schreibqualität stark abnimmt :') Das sollt eigentlich alles kurz werden, aber hat ja gar nicht geklappt.
Ich hoff, es gefällt trotzdem. Danke fürs Beraten und gelegentlich Schulter kraulen während des Schreibvorgangs, Karl <3

Work Text:

Der Kaffee schmeckt scheiße, aber das ist nichts neues. 

Bestimmt schon zwanzig Mal hat sie sich Bahnhofsplörre für 3,20€ geleistet und es jedes Mal bereut. Der erste Schluck schmeckt genauso bitter wie der zweite und der dritte und der vierte und der fünfte. Recht viel mehr Schlucke bringt man eh nicht raus aus dem winzigen Pappbecher. Selbst mit der wässrigen, nach Spülmittel schmeckenden Schaumkrone ist der Becher nur zweidrittel voll. Rosa versteht selbst nicht, warum sie sich am Bahnhof noch Kaffee kauft. Wahrscheinlich nur, weil man es halt so macht. Weil alle anderen auch mit demselben unbefriedigend-gefüllten Pappbecher in der Gegend rumstehen und böse gucken, sofern sie nicht mit Kind und Kegel an irgendein Gleis hetzen. 

 

Rosa hat das Glück heute böse-guckend rumstehen zu dürfen mit ihrem verkackten Kaffee. Grimmig starrt sie vor sich hin. Auf die blaue Anzeige schräg über ihr, die besagt, dass ihr Anschlusszug leider ausfällt und sie hier noch eine gute Dreiviertelstunde in der Kälte an diesem Provinzbahnhof rumlungern muss. Und dann auf die Tauben vor ihr auf dem Boden, die zwischen ausgespuckten Kaugummis und leeren Plastikverpackungen die fallengelassenen Krümel von überteuerten Sandwiches aufpicken. Sie gurren als hätten sie Freude dran und Rosa weiß nicht, ob sie neidisch ist oder das mausgraue Federvieh einfach verspotten möchte. 

Sie überlegt noch eine Weile, schüttet sich derweil in portionierten Schlucken den ekelhaften Kaffee die Kehle runter und muss sich ärgern, weil ihr allen ernstes etwas von dem Schaum an der Oberlippe hängen bleibt und sie niemanden dabei hat, der ihr sagen kann, ob sie nicht auch ein bisschen was auf ihre Jacke geschüttet hat. Also muss sie wohl oder übel den fast leeren Pappbecher und ihr Handy in seine Hand nehmen, mit der anderen den Stoff ihrer Übergangsjacke vom Körper wegziehen und selbst schauen. Sie sieht zwar nichts, aber das heißt ja nichts. 

 

Die letzten Schlucke schmecken doppelt scheiße, weil erstens ist's Bodensatz und zweitens ist der Kaffee lauwarm, fast kalt. So eine seltsame Zwischenstufe, bei der man noch rausschmeckt, dass er mal warm gewesen ist und an diesem Glauben festhalten will, damit man nicht wahrhaben muss, dass der blöde Kaffee halt einfach kalt ist jetzt. Das Gefühl jagt Rosa einen eiskalten Schauer den Rücken runter. 

Als der Becher endlich leer ist, empfindet sie fast sowas wie Erleichterung. Sie dreht sich einmal um sich selbst, sucht nach einem Mülleimer, aber natürlich steht hier am Gleis keiner. Doch, einer. Aber der ist schon komplett voll. So voll, dass sich oben eine Kuppel aus Pappbechern, Schokoriegelverpackungen, Servietten und Papiertüten gebildet hat. Rosa könnte ihren Becher noch draufstellen, aber das Risiko, dass dann alles einstürzt und auf dem Boden liegt, ist ihr zu groß. Und außerdem ist sie grad eh schon dabei, wütend auf alles und jeden zu sein. Da kann sie auch retour Richtung Bahnhofseingang marschieren und da einen Mülleimer suchen. Zeit hat sie ja genug.

 

Mit unnötig festen Schritten stapft Rosa los, drückt die Sohlen ihrer klobigen Docs auf den schmutzigen Boden so doll sie kann, damit auch ja alle, die keine Kopfhörer drin haben, mitkriegen, dass sie angepisst ist. Ihre freie Hand hat sie zu einer Faust in der Jackentasche geballt, die andere Hand hält den leeren Becher, quetscht ihn ein wenig zusammen. Am liebsten würde Rosa ihn zusammenknüllen.

Sie schiebt sich absichtlich an drei Typen vorbei, die ihr mitten im Weg stehen und inmitten all des Trubels an ihren Vapes ziehen. Ein verãchtliches Schnauben kann sie sich nicht verkneifen und, dass sie den größten der drei mit den fettigen Haaren an der Schulter anrempelt, ist auch unbedingt nötig gewesen. Natürlich pöbelt er, beleidigt sie als irgendwas, aber Rosa hört weg.

Sie kommt wieder an der Bäckerei vorbei, von der sie den Kaffee hat, und möchte kurz stehenbleiben, um den zwei Angestellten zu sagen, dass ihr Kaffee beschissen ist und 3,20€ dafür zu verlangen genau 3,20€ zu viel sind. Macht sie aber nicht, weil es ja eh nichts ändert. Sie ärgert sich lieber nochmal über sich selber, dass sie den Kaffee gekauft und dann auch noch getrunken und nicht weggekippt hat.

Mit Schwung befördert sie den Becher in den ersten Mülleimer, den sie findet. Leider schlägt er nicht so laut auf wie sie gehofft hat, raschelt höchstens ein bisschen, weil der Scheißbecher in ein Himmelbett aus Bäckertüten gefallen ist. Weicher Fall. Absolut unverdient.

 

Rosa dreht sich um und plötzlich ist der kleine Bahnhof voller Menschen. Sind wohl gerade zwei ICEs gleichzeitig angekommen, einer aus München, einer aus Leipzig, zumindest wenn sie die blecherne Ansagestimme richtig versteht, was sie kaum tut, weil die ganzen Menschen viel zu laut sind. Sie müssten nicht mal was sagen und wären trotzdem zu laut, weil sie alle quer durcheinander laufen und ihre Winterjacken rascheln und ihr Gepäck scheppert und kracht, wenn sie es achtlos hinter und neben sich herzerren. Aber sie sagen natürlich trotzdem was. Kinder kreischen, Renter*innen beraten lautstark ihre Reiseroute, Familienväter und -mütter spornen ihre Sprösslinge an, damit sie Schritt halten, Gruppen junger Erwachsener lachen und schwatzen. Der Bahnhof bebt geradezu unter dem Stimmgewirr.

Rosa mag's nicht, wenn es so laut und voll ist. Hat sie nie wirklich gemocht. Sie geht wie benommen ein paar Schritte, ihre Wut hat sie mit dem Kaffeebecher im Müll versenkt, bleibt dann stehen und starrt. Wie gelähmt fühlt sie sich inmitten all der Menschen. Gesichter, Körper, Stimmen, alles ist so überbordend, so groß. Und Rosa ist ganz klein.

 

Und allein.

 

Schon komisch, wie man sich in mitten so vieler Menschen so einsam fühlen kann.

Die Hand in ihrer Jackentasche ist längst nicht mehr zur Faust geballt, stattdessen krallt sie sich in das Innenfutter. Die zweite Hand hängt wie paralysiert neben ihrem Körper in der Luft. Zeige- und Mittelfinger zucken, wollen greifen nach einer anderen Hand direkt neben ihr. Wollen am liebsten gegriffen werden, weil die Hand weiß, dass Rosa ihren, seinen Halt sucht.

 

Aber da ist nichts.

 

Rosa ist allein.

 

Sie steht noch immer da, versucht sich an die ganzen Menschen um sie herum zu gewöhnen, weil Flucht keine Option ist. Wohin sollte sie auch rennen? Sie muss hier bleiben, aushalten, sich einfügen. Einfügen in ein Meer aus Fremden und das passt doch eigentlich ganz gut. Sie ist aktuell eh auf dem Selbstentfremdungstrip, erkennt sich ja selbst kaum mehr, wenn sie morgens in den Spiegel schaut. Also passt sie hier doch gut rein. Eigentlich. Oder nicht?

Obwohl alle so hektisch sind und laufen und sprinten, hat sie niemand angerempelt. Nicht versehentlich und schon gar nicht absichtlich. Irgendwie schaffen es die Leuten an Bahnhöfen immer, das zu vermeiden. Und wenn es doch mal passiert, ist trotz aller Hektik noch immer Zeit für ein Sorry. Aber Rosa, die zwängt sich einfach vorbei an irgendwelchen Leuten, rammt ihnen ihren Ellbogen in die Seite und das mit Genugtuung. 

Vielleicht passt sie hier doch nicht rein. Vielleicht hätte sie früher reingepasst, aber hat sich jetzt so sehr entfremdet, dass sie selbst für's Fremdsein zu fremd ist.

 

Rosa ist sich sicher, dass sie alle anstarren, als sie sich wieder in Bewegung setzt und zurück in Richtung ihres Gleises geht. Sie spürt unzählige Augenpaare auf sich und jeder Blick sticht. Sie passt hier nicht rein, kann nicht mit der Masse verblenden, kann nicht untergehen darin. Alle glotzen und starren, sagen ihr, dass sie in allem, was sie ist, zu groß ist und auch zu klein und zu leise und auch zu laut und so schrecklich unförmig. Sie torkelt durch die Menschen wie ferngesteuert. So sehr sie sich auch bemüht, einen Fuß vor den anderen zu setzen, ihre Beine lassen sie im Stich und sie schwankt beinah im Zickzack durch die Menschenmenge. 

Irgendwann ist sie dann so weit gelaufen, dass sie plötzlich am anderen Ende des Bahnhofs steht und gegen eine Backsteinmauer schaut. Rosa hebt ihren Kopf, über ihr ist schon wieder eine dieser großen blauen Anzeigen, die sie über den Fahrplan der ICEs und Regionalzüge informieren. Doch sie kommt gerade mal bis zur Hälfte des Plans, da springt das Bild auch schon wieder und die nächste Seite erscheint. Und Rosas Augen springen genauso automatisiert zurück ans obere Ende des Bildschirms wie ihre Finger in Richtung einer Hand zucken, die da eh nicht ist. Ihre Finger fassen nur Leere und ihr Blick schaut in keine vertrauten Augen, in gar keine Augen, und ihr Mund öffnet sich, nur um Worte dann unausgesprochen zu lassen. 

 

Ein flaues Gefühl macht sich in Rosas Magengrube breit, eine nicht aufzuhaltende Welle des Unwohlseins und ein unförmiger, gefährlich wabernder, düsterer Klumpen Angst. Völlig irrationale, aber doch sehr reale Angst. 

Seit er weg ist, hat sie das dauernd und Rosa hasst es. 

Fast schon trotzig ob ihrer eigenen Gefühle, die sie mal wieder nicht gesteuert kriegt, schiebt sie die Hände in ihre Jackentaschen. Jetzt, da der Kaffeebecher weg ist, beide. Die rechte greift ihr Handy, die linke eine Schachtel Zigaretten. Viel zu schnell hat ihre linke Hand wieder die Wärme der Tasche verlassen und die Schachtel gleich mitgenommen. 

Sie ist zwar noch knapp halbvoll und Rosa hat sie erst Ende letzter Woche gekauft, aber ihre besten Zeiten hat die Zigarettenschachtel definitiv hinter sich. Die bedruckte Kunststoffummantelung löst sich vom knittrigen Karton ab, zwei Ecken sind eingerissen und eine dritte eingedellt. Mit zittrigen Fingern friemelt Rosa die Schachtel auf und zieht eine Zigarette raus. Noch sieben übrig. Reicht also noch zwei Wochen oder vier Tage. Die Verpackung wandert zurück in die Jackentasche, Rosa schiebt ihre Hand noch ein bisschen tiefer und fischt ihr violettes Feuerzeug raus. Hat sie in seiner Schreibtischschublade gefunden, ganz unten. Hat ihm vielleicht gar nicht gehört, aber sie redet sich's ein.

 

Grad, als sie ihre Zigarette anzünden will, sieht sie durch die Strähnen ihres Ponys, die teilweise vor ihre Augen fallen, dass da ein Rauchverbotsschild an der Wand hängt. Nur in bestimmten Zonen ist's erlaubt. Rosa seufzt. Hoffentlich gibt es so eine scheiß Zone an ihrem Bahngleis. Welche Nummer war das überhaupt? 13?

 

13.

 

Rosa findet sich erneut an ihrem Gleis ein unter genervtem Rumgekaue auf der Innenseite ihrer Wangen. Der Kaffee hat einen unangenehm bitteren Geschmack in ihrem Mund hinterlassen, den sie nicht runterschlucken kann. Quält sie sogar, obwohl er schon lange weg ist. Da kennt sie noch so jemanden.

Immerhin gibt's eine Raucherzone am Gleis. Ein lieblos eingekasteltes Rechteck in Gelb. Rosa läuft es einmal ab, sollten ungefähr zweieinhalb auf drei Meter sein. Immerhin muss sie die Fläche mit niemandem teilen. Ist ja auch niemand so verzweifelt, dass er oder sie sich in die Zugluft stellt und da versucht eine Zigarette anzuzünden.

Niemand außer Rosa.

Das Feuerzeug klickt leise, hat auch schon bessere Zeiten hinter sich, ist oft benutzt worden. Zweimal verreckt die Flamme sofort, beim dritten Mal klickt Rosa so ungeschickt und auch noch entgegen der Windrichtung, dass sie sich fast den Finger ansengt. Beim vierten Mal klappt's dann aber und sie kriegt ihre Zigarette angezündet.

 

Rosa nimmt einen tiefen Zug. Einatmen, ausatmen. Wie während ihrer Panikattacken. Sie hört Jans Stimme, die sie zu beruhigen versucht, hört auch, wie er mit ihr atmet, und sie hasst es. Hasst, dass es so wehtut, auch nach vier Wochen noch seine Stimme hören zu können als stünde er genau neben ihr. Hasst, dass sie das hasst, obwohl sie weiß, dass es noch mehr wehtun wird, wenn sie ihn mal nicht mehr hören kann. 

Noch ein Zug. Aus Protest. Nicht, weil's schmeckt. Mittlerweile kann sie es ganz ohne husten zu müssen. Ob sie da stolz drauf ist, hat sie noch nicht entschieden. Der Rauch ist kurz warm auf ihrem Gesicht, doch dann sofort wieder weg. So schnell, dass sie die Wärme kaum spüren kann. Sie zählt mit. Drei Sekunden. Drei Jahre. Kurz warm, kurz alles gut, kurz wieder vertrauen können. Und dann ist alles weg. So schnell, viel zu schnell. 

Ein dritter Zug. Schmeckt bitter und nach Vermissen. Er fehlt ihr, fehlt so sehr. Seine warme Präsenz neben ihr am Bahnsteig und seine Hand in der Menschenmenge. Seine Stimme während Panikattacken und das Festhalten danach. Sogar der Gestank nach Kippen an seiner Jacke. 

 

Warum machen Sie das eigentlich? 

Rosa hat sich das erst selbst gefragt, nachdem Faber ihr diese Frage gestellt hat und sie ihm nur ein Schulterzucken als Antwort hat geben können. Die erste Kippe damals, die hat sie wegen Jan probiert. Hat wissen wollen, warum er das gemacht hat. Ob dadurch der Stress weggeht oder die Angst. Alle Kippen danach, die sind einfach so passiert. Rosa hat zwei Schachteln lang nie groß drüber nachgedacht, hat einfach konsumiert. Bis sie dann doch mal ins Denken gekommen ist und nicht mehr aufhören hat können. 

Sie macht das wegen Jan. Die erste Kippe ist freilich wegen Jan gewesen, aber alle anderen danach auch und diese hier auch und alle, die da noch kommen, auch. Sie macht das nicht, weil sie sein will wie er - ist sie eh schon viel zu sehr, ganz blass und kränklich schaut sie aus und mit dunklen Ringen unter traurigen Augen. Sie macht das, weil es sich dann ein bisschen so anfühlt, als wär er noch da.

Als stünde er neben ihr in seiner nach Kippe stinkenden, blauen Übergangsjacke. Als würden sie sich eine Zigarette teilen. Wenn sie raucht, riecht's als wär er direkt neben ihr. Wenn sie raucht, schmeckt die Zigarette nach Jan. Oder eben so wie Rosa sich vorstellt, dass er schmeckt - sein Mund und die stellenweise wundgekauten, blutleeren Lippen.

Wenn Rosa ehrlich mit sich ist, weiß sie gar nicht, ob sie je hat rausfinden wollen, wie er schmeckt. Oder wie es sich anfühlt, wenn er sie 'mehr' berührt als nur für eine Umarmung. Eigentlich ist sie immer zufrieden gewesen damit, seine beste Freundin zu sein. Bis zu dem Punkt, wo sie genau das hat anzweifeln müssen. Sie tut's bis heute und das tut weh.

 

Weil er eben auch nie was gesagt hat, zumindest nicht direkt. Kein Ich vertrau dir, aber bei bewaffneten Einsätzen trotzdem stets neben ihr anstatt vor ihr. Kein Du bist mir wichtig, aber trotzdem hat er immer vor allen anderen gesehen, wenn sie wieder die ganze Nacht nicht geschlafen hat. Kein Ich brauch dich, aber nach jedem Absturz, jeder Odyssee ist er letztendlich immer zurück zu ihr. Anfangs ist er spät abends im Büro aufgetaucht, wissend, dass sie eh noch da ist. Und irgendwann noch später abends vor ihrer Haustür, wissend, dass sie ihn reinlässt ganz egal, was er wieder verbockt hat. Aber ausgenutzt hat er das nie, jedenfalls hat sie's nie so empfunden. Dass er mitten in der Nacht vor ihrer Tür gestanden hat, ist vielleicht dreimal vorgekommen. Dreimal hat er sich in ihren Atmen auf der Couch ausgeheult, bis keine Tränen mehr gekommen sind, hat dreimal mit ihr im selben Bett gelegen, weil er sonst nicht schlafen hätte können und sie sowieso nicht, hat sie dreimal mitten in der Nacht geweckt, weil doch wieder neue Tränen da waren und er ihren Halt gebraucht hat.

Dreimal in drei Jahren... das ist nichts.

 

Rosa ist viel öfter bei ihm gewesen. Dreizehnmal und noch ein paar Male mehr. Dreizehnmal am Stück, weil sie nach ihrer Entführung zwei Wochen lang bei ihm gewohnt hat. Wenn Rosa jetzt darüber nachdenkt, klingt das völlig absurd. Unvorstellbar eigentlich, dass sie ihm jemals so nah gewesen ist. Aber damals ist das ganz einfach gewesen, ganz natürlich.

Jan hat sich beurlauben lassen. Wegen ihr. Auch, wenn er das abgestritten hat. Rosa erinnert sich daran, wie er ihr am ersten Abend das Blut aus den Haaren gewaschen und sich jeden Tag um ihre Kopfverletzung gekümmert hat, mit wie viel Geduld er sie die ersten Tage zum Essen überredet hat, wie oft er neben ihr auf der Couch gesessen und einfach nur stumm ihre Hand gehalten hat, wie er ihr durch jede Panikattacke geholfen hat und nach jedem Albtraum, aus dem sie schreiend und weinend aufgewacht ist, an sich gedrückt und beruhigt hat, und wie er sie dann irgendwann die Nächte durch festgehalten hat, damit sie keine Angst haben muss. Morgens haben sie über nichts davon gesprochen, alles einfach wegignoriert, weil's leichter gewesen ist. Damals ist sie dankbar dafür gewesen. Heute denkt sie, sie hätten darüber reden sollen. Vielleicht wär Jan dann noch da, weil er dann gewusst hätte, wie sehr sie ihn eigentlich braucht.

 

Irgendwie, je mehr Rosa drüber nachdenkt und je mehr Zigaretten sie raucht, umso mehr denkt sie, dass sie dran Schuld ist, dass Jan weg ist. Nachts liegt sie wach und überdenkt einen Moment nach dem anderen, in dem sie etwas anderes zu ihm sagen hätte sollen als das, was sie tatsächlich gesagt hat. Momente, in denen sie ihn nur mitleidig angeschaut hat, anstatt ihn in den Arm zu nehmen. Sie hat's nie gemacht aus Angst, dass er sich dann noch weiter von ihr entfernt. Nicht einmal versucht, so große Angst hat sie gehabt, ihn zu verlieren. Und trotzdem hat sie ihn verloren. Hätte sie's mal versucht mit ein wenig Mut, dann wär er jetzt vielleicht noch da. 

Und dann wird Rosa plötzlich wütend auf sich selbst, so verdammt wütend, dass es zu viel Wut ist, um sie selbst auszuhalten. Dann muss sie die Wut, die langsam in blinden Hass umschlägt, auf ihn schieben. Und das geht so wunderbar einfach jetzt, wo er weg ist. Rosa hasst ihn dafür, dass er nie mit ihr über irgendwas geredet hat, dass er sie dauernd weggeschoben und aus allem ausgeschlossen hat, dass er nie ihre Hilfe gewollt hat, dass er sie angelogen und im Stich gelassen und allein gelassen hat. Hasst, hasst, hasst, dass sie wegen ihm vor drei Jahren wieder Vertrauen gelernt hat und jetzt auch wegen ihm nie wieder vertrauen kann und will. 

Und trotzdem wünscht sie sich nichts mehr, als dass er einfach in der Menschenmenge auftaucht und zu ihr rüber trottet mit leicht hängendem Kopf und einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen und sich sowieso wieder nicht entschuldigt, aber das auch gar nicht muss, weil Rosa ihm längst verziehen hat. Weil sie sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich ihren besten, ihren einzigen Freund wiederzuhaben und festhalten zu können. 

 

Aber da löst sich keine dürre, blasse Gestalt aus der Masse. Keine, die Jan ist. Rosa steht noch immer allein am Gleis und ihre Kippe gibt nicht mehr viel her. Sie nimmt einen letzten erbärmlichen Zug und ihr kommen die Tränen. Jede zu Ende gerauchte Zigarette fühlt sich ein kleines bisschen an, wie nochmal Lebewohl zu Jan sagen zu müssen. Ihre Sicht verschwimmt und ihre Lippe zittert, als sie auf den verkümmerten Zigarettenstummel zwischen ihren Fingern schaut, ehe sie ihn in den Aschenbecher fallen lässt. Wehmütig. Wie eine, die die Kippe am liebsten wieder aufheben und in der Jackentasche mit sich rumtragen würde.

Jan hat seine Kippen immer achtlos irgendwo auf den Boden geschnippt.

 

Einfach weggeworfen. So wie sie. Nur eben nicht einfach. Rosa weiß, dass es ihm schwergefallen ist. Sie sieht noch immer die Tränen in seinen Augen und spürt seine Finger, die sich in ihren Mantel krallen. Und sie sieht seinen zerrütteten Blick, mit dem er sie um fünf Uhr morgens anschaut, nachdem sie den Abschied so lang herausgezögert haben wie nur möglich, und spürt das Zittern seiner Hände, kurz bevor er dann wirklich geht.

Sein Stirnkuss brennt auf ihrer Haut, hat sich eingebrannt so wie er sich in ihr Herz eingebrannt hat. Auch, wenn es sich manchmal so anfühlt, als hätte er nur eine Kippe darin ausgedrückt. Es ist grausam, dass er ihr in ihren letzten Stunden zusammen mehr Liebe gegeben hat als das gesamte letzte Jahr über. Grausam, dass sie so kurz vor Schluss zum ersten Mal wirklich miteinander geredet haben.

 

Wo willst du jetzt hin? fragt Rosa mitten in der Nacht. Sie haben keine Stunde geschlafen, sind nur beieinander gelegen, mal er in ihrem, mal sie in seinem Arm.

Jan verzieht das Gesicht und schaut weg. Willst du das wirklich wissen? Sie schüttelt den Kopf, weil er recht hat. Sie will aus so vielen Gründen nicht wissen, wo er hingeht. Ich pass auf mich auf, versprochen. Und du auf dich. Versprochen?

Versprochen antwortet sie und wundert sich, wieso er so tapfer klingt. Das ist eigentlich immer ihr Part gewesen. Vorsichtig berühren ihre Finger sein Kinn und sie dreht sein Gesicht zurück zu ihr. Da ist keine Tapferkeit, nicht ein Funken. Da sind nur Tränen und grenzenlose Panik. Rosa ist fast erleichtert. Wenigstens fühlt er dasselbe. Ihre Finger wandern ein wenig weiter, sie legte ihre Handfläche an seine Wange und drückt ihre Stirn an seine. Ganz ruhig, ich hab dich. 

Jan atmet tief durch, ein und aus. Und Rosa atmet mit ihm, bis er ruhiger ist. Die Tränen bleiben trotzdem. Inzwischen sind auch Rosas Wangen feucht und sie kann nicht sagen, ob das ihre oder seine Tränen sind. Ich hab keine Ahnung, wie ich das ohne dich schaffen soll. Seine Stimme bricht tausendmal in einem Satz. Ich kann nie wieder zurück.

Du kannst immer zurück flüstert sie und mag nicht drüber nachdenken, dass das eine Lüge ist. Ich bin immer hier, ich wart auf dich. Das ist keine.

Vergiss mich nicht, Rosachen haucht er und Rosa weiß, dass er nie wieder zurückkommt.

Niemals vergess ich dich verspricht sie und fängt an hemmungslos zu weinen. Jan versucht, ihre Tränen wegzuwischen, aber es sind so viele, dass er es nicht schafft und dann selber so unendlich viel weint. Sie haben versagt, alle beide. Gemeinsam haben sie ihre Freundschaft ruiniert, weil sie einfach beide zu kaputt gewesen sind, um etwas anderes zu tun. Und die letzten Überreste einer verkappten Liebe ersaufen gerade kläglich in einem Meer aus Tränen.

 

Ein schrilles Pfeifen dringt gedämpft zu ihr durch wie von ganz weit weg. Rosa hebt den Kopf nicht, starrt nur weiter auf irgendeinen Punkt am Fußboden. Alles fühlt sich an wie in Watte gepackt. Eine monotone Stimme erklinkt blechern aus einem Lautsprecher. Gleis 13, ICE 579 nach Dortmund Hauptbahnhof. Vorsicht bei der Abfahrt. Es zischt und dröhnt, doch Rosa bleibt regungslos stehen. Die gelbe Umrahmung des Raucherbereichs ist wie ein Gefängnis und ihre Gedanken auch. Unwillkürlich schiebt sie ihre Hand zurück in die Jackentasche und umfasst die Zigarettenschachtel. Sie kommt hier niemals raus. Kommt nie mehr weg. Nie mehr weg von ihm. 

 

Obwohl sie's ja nicht wissen wollen hat, fragt sich Rosa trotzdem, wo Jan jetzt ist. Hoffentlich ist er am Meer und kriegt endlich ein bisschen Farbe ins Gesicht von der Sonne, während sie hier immer mehr unter wolkenverhangenem Himmel verblasst und eine Kippe nach der andern killt und schlechten Kaffee trinkt und ihren Zug verpasst. 

Den Zug nach Dortmund. 

Ihr Zug nachhause ist längst abgefahren.