Work Text:
Der Weg ist lang, doch nicht lang genug.
Der Himmel ist noch von dunklen Wolken verhangen. Es fühlt sich an wie eine kaputte Decke, während wir über Risse im Asphalt stolpern. Jeden Morgen zieht es uns hin, und unter dem düsteren Horizont erhebt sich die Mühle.
Das Ungetüm ächzt und stöhnt, als könne es uns kaum erwarten. Eine unstillbare Gier, und doch vollkommene Ignoranz. Sie erhebt sich aus dem Boden wie ein Tumor der Welt, eine Mutation aus Metall, Glaß und Schärfe.
Der Trott der Gewohnheit und die resignierte Akzeptanz hängen in der schweren Luft, und doch bleibt das Gespenst der Angst unser ewiger Begleiter.
Sie mischt sich unter uns, lässt unsere Augen glasig werden und schneidet uns die Haut auf, bevor wir überhaupt da sind.
Der unebene Boden trinkt das Blut unserer langsamen Füße, während die Luft sich schwer in unsere Lungen legt.
Ein flaues Gefühl in der Magengegend, der intrinsische Wunsch zu rennen, ist immer noch da. Doch ist es ein dauerhafter Gast und „man gewöhnt sich ja schließlich an alles“.
Das Maul der Mühle – stets geöffnet – atmet einen fauligen Geruch aus Eisen, altem Blut und geronnen Fett als Empfang aus.
„Ich will das nicht! Ich kann das nicht mehr – Aber es könnte so viel schlimmer sein, du brauchst das. Du hast keine Alternative.“
Der gesplitterte Asphalt fällt weg gegen kaltes, sauberes Metall. Jeder weiß, in welchem Raum sein Platz ist.
Ich finde meinen Raum hinter einer stählernen Tür, welche mich automatisch mit einem Zischgeräusch einlässt. Ich erschrecke mich jedes Mal. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Manchmal frage ich mich, ob es je wieder langsamer schlagen wird. Es fühlt sich an, als wolle es mir aus der Brust springen, ungeachtet der Konsequenz eines langsamen Todes auf den grauen Fliesen. Es wäre frei.
Meine Füße tuen einen Schritt nach dem anderen auf den Tisch zu. Der saubere Edelstahl wirkt auf den ersten Blick noch immer wie neu, doch auf den Zweiten fallen an den Seiten Griff- und Kratzspuren auf. Daneben steht ein Becher mit kleinen Bunten auf einem Tablett. Heute sind nur Rot, Blau und Lila darin. „Sonst ist Gelb auch dabei.“, denke ich für einen Moment, ehe ich die kleinen Bunten runterschlucke.
Als ich mich hinlege, beißt der kalte Stahl die gestrigen Wunden auf meinem Rücken, ehe es sich fast beruhigend anfühlt. Ich schließe meine Augen und spüre, wie meine Körper festgebunden wird. Es schneidet ein wenig in meine Gelenke, doch das ist in Ordnung.
Manchmal erlaube ich mir morgens einen Spaß und rate, was es heute sein wird. Ich hatte auf Haut, einen Lungenflügel und eine Niere getippt. Haut ist eigentlich immer.
Und da ist es, das Abschaben der einzelnen Lagen meiner Haut. Es ist so sorgsam und genau, dass man es fast für Zärtlichkeit halten könnte. Doch meine Haut ist schon lange nicht mehr gut. Sie schält sich von mir wie altes Papier, in welches man Müll einpackt.
Dann spüre ich das Messer gedämpft an meinem Bauch. Wie es durch meine Haut, meine Sehnen, meine Muskeln schneidet. Es fühlt sich nicht wie meine Haut, meine Sehnen oder meine Muskeln an. Als wäre mein Körper nicht meiner.
Heute ist also nicht nur Haut dran.
Es ist nichts als ein unangenehmes Taubheitsgefühl, als meine Därme aus dem Weg gedrückt werden. „Leber, nicht Niere.“, denke ich kurz, bevor ich einen scharfen… Schmerz verspüre, ehe das Organ entnommen ist und die Innereien sich mit einem widerlichen Schlurfen wieder in meinem Bauch ausbreiten.
„Oh nein… Es wurde wieder an Schmerzmitteln gespart.“
Ich reiße die Augen auf, doch kann ich nichts sehen. Aber ich kann spüren. Ich kann spüren.
Ich spüre, als ein Schnitt mein Brustbein hinuntergleitet. Es teilt das Fettgewebe so mühelos, ehe mein Fleisch zur Seite gelegt wird. Der Schmerz ist noch dumpf, doch mit jeder Sekunde spüre ich mehr. Ich spüre das kalte Metall des Rippenspreizers, höre das Knacken der Knochen wie Bomben in meinen Ohren. Die Splitter bohren sich in meine Lunge wie Nadeln und jeder Atem BRENNT.
Mein Herz mein Herz mein Herz es pumpt es pumpt es pumpt und ich höre jeden Schlag wie einen Donner in meinen Ohren. Ich liege frei. Meine Haut brennt, meine feuchten, gebrochenen Knochen brennen unter der der kalten Luft. Mein Herz mein Herz mein Herz-
Bis sie die Verbindung kappen.
Das Klopfen entfernt sich aus meiner Brust. Und doch kann ich es fühlen. Wie es das Blut weiter pumpen will, wie die rote verzweifelt Flüssigkeit aus den geschnittenen Venen spuckt. Es brennt es schmerzt es und ich kann mit nicht bewegen. Ich kann nichts tun, als in diesem Schmerz zu ertrinken.
Und dann spüre ich etwas anderes. Jede Zelle meines Körpers wächst mutiert, schreit. Bis ich das Pumpen in meiner Brust wieder spüre.
Es ist langsamer als zuvor. Mit jedem Tag wird es ein wenig langsamer, ein wenig unvollständiger. Mein rechter Arm hat schon lange angefangen, schwarz zu faulen. Das Gewebe platz manchmal wie eine überreife Frucht. Der bittersüßliche Gestank des Sekrets ergießt sich über das dunkle Fleisch.
Wieder und wieder gehe ich.
„Es könnte schließlich viel schlimmer sein. Die Schmerzmittel waren nur ein Einzelfall.“
Ich falle auseinander. Irgendwo habe ich meinen Unterarm verloren. Die Sehnen hängen aus meinem Bizeps heraus, umschließen kaum noch meinen nackten Knochen.
Auch meine Brust hat angefangen zu faulen. Das Herz liegt frei und pumpt und pumpt und pumpt. Doch ich gehe noch. Ich blute noch. Ich atme noch.
Nicht wie andere. Andere zu dem Brei zermahlen. Sie schreien nicht, oder nur kurz, ehe das Fleisch unter dem Druck zerspringt.
„Ich bin noch zu gebrauchen. Ansonsten würden sie mich ja komplett zermahlen.“
