Chapter Text
Er ist mehr als einen Block entfernt, bis er sich endlich sicher genug fühlt, mit dem Rennen aufzuhören. An der Kante eines Hausdaches kommt er schliddernd zum Stehen und dreht sich in die Richtung, aus der er gekommen ist; unsichtbar, völlig außer Atem, aber angespannt wie eine Bogensehne und die Arme sofort in Abwehrhaltung hält er Ausschau nach seinen Verfolgern. Aber sofern sie nicht genauso unsichtbar sind wie er, ist da niemand. Nur die New Yorker Nacht und Ghost – allein.
Das Alleinsein ist nur das Zweit-Unheimlichste an seiner Situation und das allein lässt ihm die Nackenhaare zu Berge stehen.
Ghost dreht sich um und blickt auf seine Stadt hinaus. Das Herz schlägt ihm immer noch bis zum Hals und er leckt sich über die Lippen – aber es ist nur New York. Es sieht genauso aus, dieses gleichmäßig-chaotische Gitter aus Glas, Steinen und Beton; es klingt genauso, die Motoren, Hupen und Sirenen so weit dort unten; es riecht sogar genauso und der Anblick verschwimmt für einen Moment in Tränen, bevor er nach oben schaut (derselbe Nachthimmel, ein gedämpftes Bernsteingelb, wie von einem nie verlöschenden Feuer erhellt) und blinzelt, um sich wieder zu fassen. Dann, die Hände zu Fäusten geballt, wird er langsam wieder sichtbar.
"Artie, was zur Hölle hast du gemacht?", flüstert er und schaut auf die Stadt, die nicht seine Stadt ist. Seine Verwirrung verwandelt sich in Angst.
Hier ist, was Ghost weiß, was sich zur Zeit definitiv als nicht genug anfühlt; es fühlt sich an wie ein tintenschwarzer Himmel des Nichtwissens, in dem nur zwei schwach blinkende Lichter glimmen, von denen keines der Polarstern ist. Das ist, was er weiß: Nach einem Training hatte er mit Quinn im Übungsraum des Stützpunkts gesessen und sich übers Kickboxen unterhalten – Blaine hat zur Abwechslung damit angefangen, während Kurt immer die etwas eleganteren Kampfsportarten bevorzugt hat, bei denen es mehr um Präzision und fließende Bewegungen geht als um rohe Gewalt; Quinn hat es eine Zeit lang trainiert und bei der Erwähnung von roher Gewalt war in ihren Augen ein gefährliches Leuchten aufgeblitzt, das Kurt ziemlich beunruhigte, als plötzlich Sam so schnell hereingeschossen kam, dass der Wind Ghosts Kapuze und Quinns Haare in Bewegung brachte, und mit schriller Stimme rief: "Ich war's nicht, okay, ich habe den Knopf nicht gedrückt, ich war's nicht, aber..."
Bis auch Santana und Puck hereingeeilt waren, die ebenfalls schworen, dass 'sie es nicht gewesen sind', hatten sie die Hälfte der Geschichte beisammen und Ghost schwankte immer noch irgendwo zwischen betäubender Wut und ohnmächtigem Schock – er entschied sich für Wut, sonst hätten die Beine unter ihm nachgegeben.
Als sie endlich in Arties Labor ankamen, fühlte Ghost sich, als sei ihm sein Körper irgendwo unterwegs abhanden gekommen, er spürte ihn überhaupt nicht mehr, während Artie viel zu schnell und schrill auf ihn einredete und Brittany als einzige schwieg und schuldbewusst neben der klobigen Maschine stand und mit der Schuhspitze auf dem Boden hin und her scharrte. "Ich wollte nur sehen, was passiert", murmelte sie und Ghost schaute auf den großen, glänzenden, roten Knopf, den sie gedrückt hatte, und dachte, Wenn du nicht willst, dass ein Knopf gedrückt wird, wenn dieses Team in der Nähe ist, dann machst du den Knopf nicht groß und glänzend und rot, Artie, verdammt nochmal.
Es sei eine Zeitmaschine, hatte Artie gesagt. Sie sei immer noch in der experimentellen Phase und bisher habe er noch nicht mal Objekte damit irgendwohin geschickt, und selbst danach würde er vielleicht mit Mäusen weitermachen, aber...
Aber Phalanx hatte neugierig davor gestanden und Brittany hatte gefragt: "Wofür ist der?", und gleichzeitig den Knopf gedrückt und der ganze Raum war hell erleuchtet gewesen und dann...
Ghost sitzt erschöpft an der Dachkante und sein zitternder Atem wird langsam ruhiger, als er auf seine-Stadt-nicht-seine-Stadt hinausschaut. Dann fällt sein Blick nach unten, er hebt den Saum seines hellen Umhangs und betrachtet die Einschusslöcher im linken, unteren Zipfel.
Die Wut war einfach... er hatte nicht die Kraft dafür, sie erlosch wie eine Kerzenflamme ohne Luft. Er starrte dorthin, wo Blaine nicht mehr war, und presste mit dem Daumen durch den Handschuh hindurch auf die Basis seines Fingers, wo der Ring saß, kühl wie der Mond. Er konnte durch den Stoff seiner Kapuze hindurchsehen (der Schock hatte ihn halb-unsichtbar gemacht) und flüsterte zischend in das Labor voller panischer Superhelden und ohne Phalanx: "Bring ihn zurück!"
Aber nichts, gar nichts in ihrem Leben ist je so simpel. Santana hatte Brittany irgendwohin gebracht, bevor Ghosts Zorn wieder aufflammen konnte. Artie wies alle an, sich von der Maschine fernzuhalten, damit er herausfinden könne, wo er Phalanx überhaupt hingeschickt hatte. Sam versuchte vergeblich, Ghost zu trösten, denn seine tätschelnde Hand flatterte einfach durch dessen Schulter hindurch. Und irgendwann sagte Artie, er könne ihn nicht zurückbringen; er wisse nicht mal, was passiert sei und wo Phalanx hingeschickt wurde, aber, aber, aber, aber, er könne Ghost auf demselben Weg hinter ihm her schicken und ihm etwas mitgeben, womit er sie beide wieder zurückbringen kann, aber dafür brauche er einen kleinen Moment...
Der 'Moment' dauerte elf Stunden. Ghost tigerte wie betäubt durch den Stützpunkt, von Zeit zu Zeit sichtbar, von Zeit zu Zeit berührbar und dann wieder durch Mauern hindurch und Korridore hoch und runter, mit großen ausdruckslosen Augen und einem rasenden Herzschlag wie das Metronom eines Albtraums in seiner Brust, weil Artie nicht mal wusste, wie die verdammte Maschine funktioniert und ob sie Phalanx überhaupt irgendwohin geschickt hatte – falls sie ihn womöglich vaporisiert hatte, dann meldete Ghost sich freiwillig – nein er bestand darauf –, ebenfalls vaporisiert zu werden, und er wusste ganz genau, worauf er sich einließ, er wusste es ganz genau, denn wenn es eine Chance von Eins zu Tausend gab, Blaines Leben zu retten, dann wusste er immer, was er zu tun hatte. Dann endlich rief Artie ihn ins Labor zurück mit drei Handgelenks-Manschetten, die er konstruiert hatte, jede mit einem blinkenden roten LED-Licht, eine für ihn und eine für Phalanx, die er nur aktivieren musste, um sie beide zurückzubringen. Und der Grund, warum er seine Zeit verschwendet hatte, um drei Manschetten zu machen (Ghost war zu diesem Zeitpunkt bereits etwas hysterisch, falls es als Hysterie zählt, wenn es sich doch verdammt proportional zum aktuellen Geschehen verhält), war, wie er sagte: "...weil ich diesen Film gesehen habe, okay? Wenn du nur zwei Manschetten mitnimmst, dann geht eine davon mit Sicherheit kaputt und ihr werdet eine herzzerreißende Entscheidung treffen müssen, während im Hintergrund ergreifende Geigenmusik erklingt, also nimm sie bitte alle drei, okay?"
Mittlerweile ging es schon auf elf Uhr nachts zu und unter der surrenden Neonbeleuchtung von Arties Labor starrte Ghost in die Mündung der Maschine, die Artie gebaut hatte, und sagte nur leise: "Wenn sich herausstellt, dass dieses Ding uns beide vaporisiert hat, dann kannst du deinen Arsch drauf verwetten, dass ich wiederkommen werde, um euch heimzusuchen."
Arties Grinsen war wie eingefroren und hatte nichts mit Humor zu tun, als er den Knopf drückte. Und die Welt erstrahlte in einem grellweißen Blitz und... nichts hatte sich verändert, er stand immer noch auf demselben Fußboden und hatte nicht das Gefühl, sich überhaupt bewegt zu haben, aber jetzt fiel sein Blick auf ein zerstörtes Labor, das regelrecht verwüstet war, mit umgestürzten Tischen (nicht Arties Labortische, die seinen Bedürfnissen entsprechend höhenverstellbar sind, sondern feststehende Arbeitsplätze) und übersät mit Trümmern, und auf zwei Agenten, die ganz offensichtlich an der Tür Wache hielten, sich fluchend umdrehten und bereits ihre Waffen auf ihn richteten. Einer rief mit schriller Stimme, "...ist das er?" , und der andere krächzte erstickt, "Noch einer...?"
Ghost hatte sich noch nicht mal eine Frage zurechtgelegt, da ratterten bereits die ersten Kugeln durch seinen Umhang und in die Wand, und er immaterialisierte sich in Sekundenschnelle (Wieso schossen sie auf ihn?) und rannte auf die beiden zu, um ihnen als erstes ihre Waffen abzunehmen, denn 'noch einer' bedeutete, dass Phalanx schon hier gewesen war.
Als er einen Agenten im Nacken packte, um ihn mit dem Kopf gegen den Türrahmen zu rammen, und sich gerade anschickte, dem anderen einen Tritt unters Kinn zu verpassen, kamen draußen über den Flur noch mehr Agenten angerannt und es blieb keine Zeit für Fragen – es herrschte pures Chaos und er schlüpfte unsichtbar halb in die Wand hinein und verhielt sich mucksmäuschenstill. Er beobachtete, wartete und hoffte auf Antworten...
Ein halbes Dutzend panische Agenten, die aufgeregt in ihre Handys sprachen, nahmen sich der beiden überwältigten Kollegen an, um sie zur Krankenstation zu bringen, und mit unterdrückter Panik redeten sie über eine 'Super-Invasion' und den 'verdammten Ghost?', debattierten darüber, ob das überhaupt sein Kostüm war (Im Ernst, verändert er es etwa so oft? Alles, was er in den letzten paar Monaten gemacht hat, war, die Platzierung der Nähte zu variieren), und warnten alle anderen im Stützpunkt vor einem Super, der unsichtbar werden und sich vielleicht sogar teleportieren kann und der immer noch auf freiem Fuß ist – alles muss sofort abgeriegelt werden...
Einer von ihnen, der ein unübersehbares Veilchen hatte, checkte fluchend die Uhrzeit auf seinem Handy und sagte, "Mein Helikopter startet in fünf Minuten, damit ich im Knast Bericht erstatten kann – bleibt es dabei, falls er weiterhin hier herumschleicht?", und ein anderer sagte, "Beeil dich. Wir werden ihn aufspüren."
Viel Glück, ihr Arschlöcher, dachte Ghost und folgte dem Mann mit dem Veilchen über die altbekannten Wege bis zum Hangar. Wenn Phalanx hier vorbeigekommen ist und dieser Kerl ein blaues Auge hat und gleich einen Bericht erstatten wird, dann will Ghost den ganz bestimmt auch hören...
Seine Kräfte machen manche Dinge so einfach; er versteht sehr wohl, warum einige Leute so lange gefürchtet hatten, er werde sich der dunklen Seite zuwenden, bevor Ghost als 'nur' Kurt geoutet worden war – nachdem sie ihm einen kollektiven Blick geschenkt hatten, schienen sie den Gedanken aufgegeben zu haben, er könne eine heimtückische Seite haben. Aber es war wirklich einfach, unsichtbar hinter dem Agenten in den Helikopter zu steigen, sich behutsam in einer freien Ecke hinzusetzen und zuzuhören, wie sie sich aufgeregt über den Super in dem Komplex unterhielten und was genau unternommen wurde, um ihn zu lokalisieren (offenbar nicht genug, dachte Ghost, löste die Wasserflasche von seinem Gürtel und trank einen Schluck), und was ein Super dort wohl finden konnte, wenn er herumschnüffelte...
Bin ich in der Zukunft?, überlegte er, während er ihrer paranoiden, hektischen Unterhaltung über die 'Invasion' all dieser Supermenschen lauschte und Spekulationen darüber, ob 'sie' jetzt endgültig Jagd auf 'uns' machen. Wird alles wieder schlimmer werden? Schlimmer als in den Tagen der Registrierung; schlimmer als zu der Zeit, als außer den Kriminellen auch die New Yorker Polizei auf mich schoss? Ist die Regierung wieder hinter uns her? Was geht hier vor?
Was haben sie mit Phalanx gemacht?
"Sie werden ihn verhören und alles aus ihm rauskriegen. Dort, wo er jetzt ist, kann er nicht teleportieren, hab ich Recht?"
Sie lachten und Ghost ballte die Fäuste in seinen Handschuhen so fest, dass sie knirschten, aber über dem Lärm der wirbelnden Rotorblätter hörten sie nichts davon.
Die Dauer des Fluges war ihm nur allzu vertraut. Er kannte das Gebäude, auf dem sie landeten; er kannte die Stadt, in der sie landeten – durch eins der kleinen, dick verglasten Fenster des Helikopters hatte er New York näherkommen und sich unter ihnen ausbreiten sehen. Sie waren auf dem Dach des SIU Hauptquartiers, Finns Arbeitsplatz, und Ghost sprang unsichtbar durch die Seitenwand des Hubschraubers aufs Dach und blickte sich unbehaglich um. Er schlang die Arme um seinen Brustkorb und hatte zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, in seiner eigenen Stadt keinen Heimvorteil zu haben. Sie fühlte sich fremd und seltsam bedrohlich an. Er kennt jeden Zentimeter seiner Stadt, alle Nähte und Stiche in ihrem Design, aber das hier...
Das kannte er nicht.
Er folgte dem Veilchen ins Gebäude, bis zum Aufzug, sah ihm dabei zu, wie er den Knopf für das Kellergeschoss drückte, und stand dann hinter den Agenten im Lift und hörte ihnen zu ("Er hat auch Dinge geworfen, irgendwelche... harten Wurfgeschosse, ich habe keine Ahnung, was –"), bis ihm ganz plötzlich auffiel...
...dass er den undeutlichen Umriss seines eigenen Körpers sehen konnte, und das Herz blieb ihm stehen.
Dort, wo er jetzt ist, kann er nicht teleportieren, hab ich Recht?
Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, in dem er versuchte, seinen Körper wieder unsichtbar zu machen, bis er realisierte, dass es nicht funktionierte, und er wusste genau, was das bedeutete; die Erkenntnis fuhr ihm durch Mark und Bein. Und einer der Agenten, der die ganze Zeit uninteressiert auf die matte Spiegelfläche der geschlossenen Lifttüren geschaut hatte, fokussierte seinen Blick plötzlich auf die graue Gestalt, die hinter seinem Rücken erschien, und das Gesicht des Mannes wurde so bleich wie Ghosts Umhang.
Solange er noch genügend Superkraft dafür übrig hatte, griff er mit beiden Händen in die Aufzugwände und katapultierte sich hoch, um blind in der Dunkelheit des Schachts immer weiter nach oben zu klettern, bis seine Kräfte sich wieder stark genug anfühlten, um immaterialisiert auf einen Korridor hinauszuspringen, unsichtbar und völlig außer Atem, und sein Herz pochte so heftig wie eine den Berg hinabkullernde Mülltonne, Mist. Mist. Mist.
Er war nur zwei Etagen von ihrem Ziel entfernt gewesen, als er sich hatte aus dem Staub machen müssen. Aber irgendetwas dort unten lähmt die Kräfte von Supermenschen und das bedeutet... dort halten sie Blaine fest und ohne seine Kräfte kann Kurt nicht dorthin gelangen... und...
Eine Art Alarm fing an zu plärren und Ghost wusste, dass er ihm galt, und beinahe setzte sein Herzschlag aus bei dem Gedanken: Er kann Blaine vor gar nichts retten, wenn sie ihn auch erwischen, und etwas, irgendwas – irgendwer – bewirkt, dass er kein Geist mehr ist, wenn er ihm zu nahe kommt.
Er weiß, wer dort unten ist. Er weiß, wer Supermenschen genug hasst, um mit einer Organisation zusammenzuarbeiten, die sie auf diese Art behandelt. Und in diesem Augenblick wusste er, dass er einen Plan brauchte oder weder er noch Blaine würden jemals wieder heimkommen.
Er presste die Hand auf sein Herz, eine halbe Sekunde für ein unausgesprochenes Versprechen an seinen Mann, irgendwo dort unten, für den er wiederkommen würde, und als weiter hinten im Korridor eine Tür aufgerissen wurde und drei Agenten herausrannten, von denen einer keuchend fragte, "Schuester, Schuester kommt ‘rauf, richtig...?"
...da rannte er ins Treppenhaus und hinauf aufs Dach, um zu entkommen, damit sie beide eine Chance haben zu entkommen...
Ghost starrt auf seine Stadt hinaus (nicht seine Stadt), reibt mit Daumen und Zeigefinger über die Einschusslöcher in seinem Umhang und schluckt. Er weiß nicht, wann er ist. Falls das die Zukunft ist... Einen Teufel wird er tun, diese Zukunft wahr werden zu lassen.
Aber wenn das die Zukunft ist, wieso kennen sie dann Phalanx nicht? Er runzelt die Stirn, lässt den Umhang aus seinen Händen gleiten und versucht nachzudenken. Das Veilchen hat Phalanx' Superkräfte beschrieben, als kenne er sie nicht, und alle schienen zu denken, dass sowohl Phalanx als auch Ghost – und sie waren nicht mal sicher, ob er es wirklich war – sich in den Stützpunkt teleportiert hatten, als sei auch das eine ihrer Kräfte. Und falls die Regierung sich gegen Supermenschen gewendet hat und sie wieder verfolgt, dann müssen Ghost und Phalanx ganz oben auf ihrer Liste stehen, und sie müssten längst aneinandergeraten sein, denn schließlich kennen sie ihre Namen; sie wissen, wo sie und ihre Familien wohnen; sie kennen ihre Kräfte, herrgottnochmal, jedes Kind in jeder Großstadt der Welt kennt ihre Gesichter; es gibt sie als Actionfiguren. Wie können sie also so ahnungslos sein, wenn Phalanx in ihrer Mitte auftaucht? Wie können sie sich so unsicher sein in Bezug auf Ghost?
Es fühlt sich alles so falsch an; nicht nur, weil er nicht will, dass es wahr ist, sondern weil es sich einfach total falsch anfühlt. Das Land war viel zu weit gekommen in puncto Rechte der Supermenschen, um in so kurzer Zeit wieder so rückfällig zu werden – er hat sich ihre Handys angeschaut und die sind nicht wahnsinnig futuristisch, sie sahen aus wie... ganz zeitgemäß, genau wie sein eigenes Handy. Und William Schuester ist immer noch am Leben, was eine gewisse Grenze setzt in Bezug darauf, wie weit in der Zukunft sie sein können. Wie viele Jahre konnte es also dauern, bis die Leute Phalanx vergessen hatten und nicht mehr viel wussten über Ghost; bis es Anti-Super-Einheiten gelang, ihren eigenen Stützpunkt einzunehmen und nicht zu wissen, wie sie aussehen?
Nichts davon ergibt Sinn, aber eigentlich ist es auch völlig egal, denn was er herausfinden muss, ist, wie er ganz allein Blaine dort herausbringen kann, aus einem überwachten Gebäude voller feindlicher Agenten – ohne Superkräfte. Und er muss schnell handeln; er muss schnell sein, denn wenn Schuester immer noch daran interessiert ist, mit den Kräften anderer Super zu experimentieren; wenn seine Verbitterung und sein Neid ihn immer noch erforschen lassen, was ihre Körper alles tun können... Ein gequältes Stöhnen entwischt seiner Kehle und er sackt so kraftlos in sich zusammen, dass es wehtut. Falls Blaine ihm in die Hände gefallen ist...
Aus einiger Entfernung, irgendwo über seiner Schulter sagt eine Stimme: "Würdest du bitte... von der Dachkante zurückgehen und dann könnten wir uns vielleicht unterhalten?"
Er springt auf, wirbelt herum und sein Körper geht ganz automatisch in Verteidigungshaltung, aber als ihm der Umhang um die Beine schwingt...
...da bauscht sich auch der andere Umhang dunkel auf, als die Gestalt als Reaktion darauf ihr Gewicht verlagert und sie sich gegenüberstehen wie zwei Spiegelbilder: ein dunkler und ein heller Umhang in Verteidigungshaltung. Und alles Blut weicht Ghost aus dem Gesicht, als er sich selbst in die Augen starrt.
* * *
Als sie ihn in einem kleinen, düsteren Raum mit einem offenkundig halbdurchlässigen Spiegel an der Wand verhört hatten, war er immer noch ganz benommen gewesen von dem Betäubungsmittel, aber Blaine glaubt nicht, dass das der Grund war, warum er die Vernehmung so verwirrend fand. Jetzt haben sie vor seinem störrischen Schweigen kapituliert und ihn in eine Zelle gesteckt (die Bett-Pritsche an die Wand geschraubt, Metallwaschbecken und -toilette an der Wand gegenüber, nah genug, um... na ja, Kurt könnte sich vom Bett aus hinüberlehnen und sie berühren). Der Wunsch nach Schlaf ist übermächtig, er könnte in Sekundenschnelle wieder in der Dunkelheit versinken, aber anstatt sich hinzulegen, bleibt er lieber aufrecht sitzen und stützt sich mit bleischweren Armen auf der dünnen Matratze ab. Er versucht nachzudenken.
Vergiss die ganze Panik, den Stress und die Verwirrung. Was weißt du?
Artie hatte gesagt, er versucht, eine Zeitmaschine zu bauen, und als Phalanx sie sich anschaute, hatte Cheer Girl... okay, Cheer Girl hatte etwas angefasst, wovon sie mal lieber die Finger gelassen hätte, so viel ist sicher. Es hatte einen seltsamen Blitz gegeben und dann war das Labor... verändert gewesen und da war ein Typ im weißen Kittel, den Phalanx noch nie in seinem Leben gesehen hatte und der eine Sekunde vorher noch nicht da war, als die jetzt-verschwundenen Superhelden noch da gewesen waren, und der Typ schrie ihn an.
Und dann war für eine Weile pures Chaos ausgebrochen; Phalanx hatte die Hände erhoben und versucht, Fragen zu stellen und höflich zu bleiben, obwohl er sehr verwirrt war von der ganzen Schreierei, bis eine Gruppe Agenten durch die Tür stürmte und anfing, auf ihn zu schießen. Und dann waren erst mal Schilde angesagt und dann gab es noch mehr Geschrei und dann... dann wurde es immer schlimmer und Phalanx spürte, wie gefährlich seine Situation war, und traf die wahrscheinlich falsche Entscheidung, von hier zu verschwinden. Das bedeutete, dass er sich durch all die Agenten hindurchkämpfen musste, die die Tür blockierten. Zu viel Durcheinander und Gewehrschüsse und Sachen, die zu Bruch gingen; es passierte einfach viel zu viel gleichzeitig und noch mehr Agenten tauchten auf und schrien ihn an. Sie schienen seinen Namen nicht zu kennen und nannten ihn nur 'den Super', als sei das alles, was ihn ausmacht. Der Kampf zog sich quer durch den Stützpunkt bis fast zum Ausgang, als eine Wolke aus Pfefferspray ihn in die Knie zwang und ihm die Luft raubte und etwas ihn schmerzhaft-hart in die Seite traf – aber als seine Hand danach tastete, war es keine Kugel. Es war...
...eine Spritze, weiß Blaine inzwischen und reibt sich mit dem Handballen die Stirn, immer noch ganz benommen vom Inhalt dieser Spritze. Betäubungsmittel. Danach war er für eine ganze Weile ohne Bewusstsein gewesen.
Hier wachte er wieder auf, in dieser Zelle... oder in einer, die identisch aussieht. Nachdem er aufgewacht war und sich erschöpft hingesetzt hatte, verwirrt von diesen Ereignissen, die ihm überhaupt nicht gefielen, hatte jemand durch ein Gitter in der Tür nach ihm gesehen und dann war er auf den Korridor hinaus gezerrt worden, an weiteren metallenen Zellentüren vorbei, weiter nach oben in dem Gebäude bis in den Verhörraum. Er schaute nicht in den Spiegel neben sich an der Wand, sondern verschränkte nur die Arme auf seinem Stuhl, fest entschlossen, höflich zu bleiben, aber unhilfreich, falls sie nicht beabsichtigten, ihm behilflich zu sein. Denn die Sache war die...
Für jede ihrer Fragen hatte er selbst zwanzig neue Fragen...
Sie kannten seinen Namen nicht – und dabei ist es mittlerweile Jahre her, jeder kennt Phalanx, vor allem diese Leute. Allerdings fragten sie, ob ihm der Name 'Blaine Anderson' etwas sagte, und sie hörten nicht auf zu fragen, ob er einen Zwilling hatte, ob er ein Klon war... es wurde immer bizarrer. Blaine ist nicht gut darin, unhöflich zu sein, aber er spielte seinen inneren, gereizten Kurt aus, behielt die Arme verschränkt und fragte, warum er in Haft sei und ob er einen Anwalt bekäme, aber sie antworteten ihm nicht, also schwieg auch er.
Schließlich schauten die beiden Agenten einander an, dann nahm einer ein Blatt Papier aus seiner Akte und schob es Blaine quer über den Tisch hin – und er war wirklich nur Blaine, denn sie hatten ihm sein Kostüm weggenommen; er war in denselben weiten, grauen Jogginganzug gekleidet, den er auch jetzt immer noch trägt, ohne Maske – und er hatte auf die Fotos hinab geblickt, die Polizeifotos, und hatte gespürt, wie ihm das Herz stehenblieb.
Jetzt sitzt er auf diesem Bett und atmet langsam und konzentriert und obwohl er sich liebend gern hinlegen würde, muss er zuerst dieses Rätsel lösen, denn er muss so schnell wie möglich zu Kurt zurückkehren und das wird nicht passieren, wenn er nicht herausfindet, wo, zum Teufel nochmal, er überhaupt ist, denn Artie sagte etwas von einer Zeitmaschine, aber... diese Bilder... das war er. Ja, es war ein jüngerer Blaine, auf den Fotos sah er aus wie ein Teenager, wie er mit großen, ängstlichen Augen in die Kamera schaute, aber Blaine hatte diese Fotos noch nie in seinem Leben gesehen. Er kann sich nicht daran erinnern, dass jemand sie von ihm gemacht hat; er ist noch nie verhaftet worden; es sind noch nie Polizeifotos von ihm gemacht worden. Eine jüngere Version von ihm hatte ihn ängstlich von den Fotos angeschaut und Blaine hatte hinabgestarrt auf ein Gesicht, das zwar aussieht wie seines, aber von dem er weiß, dass es nicht seines ist.
Wo ist – wer ist – dieser andere Blaine? Als er Fragen stellte, erhielt er keine Antwort, und Blaine verstand, wie dieses Verhör ablief – sie verhörten ihn, es beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Und auch wenn sie sein Recht auf einen Anwalt verletzen können, so können sie nichts ausrichten gegen sein Recht, die Aussage zu verweigern, also hatte er den Mund zugemacht und nur das Foto angestarrt von dem verängstigten Jungen, der sein Gesicht hatte. Wenn er sein Alter schätzen würde, dann vielleicht – es ist offensichtlich, dass der Junge auf dem Foto nicht geschlafen hat, seine Haare sind eine Katastrophe, seinen Stoppeln nach zu urteilen hat er sich sehr viel länger nicht rasiert als Blaine zur Zeit, was ihn seltsamerweise eher noch jünger wirken lässt, nicht älter. Blaine würde schätzen, dass er auf diesem Foto Anfang zwanzig ist, obwohl er auch als achtzehn durchgehen könnte. Er weiß, dass er in dem Alter nicht verhaftet worden ist; in dem Alter hatte er sich auf die Suche nach Kurt gemacht; hatte gerade erst begonnen, seine eigenen Kräfte zu akzeptieren; war gerade erst ein Superheld geworden; in dem Alter war Phalanx geboren worden.
Er reibt sich die Augen und ein schwacher Laut, fast ein Stöhnen, entweicht seiner Kehle – er ist viel zu müde, um es zu verhindern. Wenn er in die Vergangenheit gereist ist, würde das erklären, warum sie Phalanx' Kostüm nicht erkennen, aber es erklärt nicht, wie diese Fotos aufgenommen wurden, ohne dass er sich daran erinnern kann. Denn diese Organisation... verdammt, sie waren in deren Stützpunkt; falls es dieselbe Organisation ist, die jetzt mit ihnen zusammenarbeitet, falls Blaine in die dunkle Vergangenheit zurückgekehrt ist, in der Supermenschen als Bedrohung erachtet worden waren... erklärt das immer noch nicht, woher sie Blaines Foto haben und seinen Namen kennen. Wenn sie ihn damals schon gekannt haben, wie konnte er dann so lange seine geheime Identität zusammen mit Ghost bewahren, bis Psyche gezwungen worden war, ihre wahre Identität aus ihren Köpfen zu stehlen? Das alles ergibt keinen Sinn. Es sei denn...
Er reibt sich übers Gesicht, um sich wach zu halten.
Es sei denn, es war keine Zeitmaschine. Es sei denn, Blaine wurde nicht in die Vergangenheit befördert, sondern seitwärts in eine andere Realität. Er erinnert sich nicht daran, wie dieses Foto aufgenommen worden ist, weil es nicht ihm passiert ist. Das hier ist eine Welt, in der Supermenschen immer noch als Bedrohung angesehen werden, und zwar als so bedrohlich, dass sie ohne Anklage, ohne Kontakt zu einem Anwalt in einem Spezialgefängnis eingesperrt werden, in dem ihre Superkräfte nicht funktionieren, und das weiß Blaine, weil er versucht hatte, sie in dem Vernehmungszimmer zu aktivieren, aber es war ihm nicht gelungen. Jetzt versucht er es noch einmal, obwohl seine Kräfte ihn sehr erschöpfen, wenn er müde ist, und er ist fast geschockt von dem kurzen Aufflackern grüner Schilde vor ihm in der Luft, die sofort wieder verschwinden.
...wenn seine Kräfte funktionieren...
Er verbringt mehrere Minuten damit, es zu versuchen, weil er zurück will zu Kurt, er will zurück zu Kurt, aber nachdem er seine gesamte verbliebene Energie darauf verwendet hat, diese Tür mit Schilden zu attackieren, hat er nur ein paar winzige Dellen hinterlassen und es ist offensichtlich, dass sie zu stark ist – er kann sie nicht aufbrechen. Nachdem er aufgegeben hat und sich mit zitterndem Atem wieder aufs Bett setzt, hört er... dumpfe, zornige Stimmen, die sich beschweren, die ihn überraschen. Er kommt wieder auf die Füße, schlurft zur Tür und presst das Ohr ans Gitter, um zu lauschen. Andere Zellen, denkt er, ganz benommen vor Erschöpfung. Hier muss es noch mehr Zellen geben und mit meinen Versuchen, die Tür aufzubrechen, habe ich alle aufgeweckt.
"Es tut mir leid?", ruft er müde und undeutlich, aber er ist nicht sicher, ob sie es wirklich hören können, denn auch er kann aus dem dumpfen Groll dort draußen keine einzelnen Worte verstehen. Er taumelt rückwärts und setzt sich wieder aufs Bett, versucht nachzudenken, versucht nachzudenken... Seine Kräfte funktionieren wieder – hat das vielleicht mit der nachlassenden Wirkung des Betäubungsmittels zu tun? Eigentlich fühlt es sich nicht an, als ließe die Wirkung nach – es fühlt sich an... es fühlt sich... er gähnt, bis ihm die Kiefergelenke wehtun. Es fühlt sich wirklich nicht an...
Er darf nicht einschlafen. Er muss zurück zu Kurt.
Die dünne Matratze zieht an ihm wie ein Anker und er hat nicht die Kraft, sich von neuem hochzukämpfen.
~***~
