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Der kleinste gemeinsame Nenner

Summary:

Alles Leben endet irgendwann. Das weiß Magda Wächter, seit sie ein Kind war. Aber ihr Kollege Murot bringt diese Gewissheit manchmal ins Wanken ...

Zum Whumptober-Prompt für Tag 6: “No grave can hold my body down.”

Notes:

AN: Ja, ich weiche hier von meinem Whumptober-Titelschema ab, aber irgendwie mochte ich den Titel zu sehr, um ihn deswegen zu verwerfen.
Wie immer gilt: Mein Canon ist der »Tatort Wiesbaden« bis Folge 13, bis dahin gehört alles dem Hessischen Rundfunk. Mir gehört hier nur die Reihenfolge der Wörter. #headcanonstattcanon

Zum Whumptober-Prompt für Tag 6: “No grave can hold my body down.”

Work Text:

Der kleinste gemeinsame Nenner

 

Im Leben von fast allen Menschen kommt einmal der Punkt, an dem sie begreifen, dass sie und alles Leben um sie herum sterblich ist. Meist liegt dieser Zeitpunkt im Alter zwischen sieben und zehn Jahren, manchmal früher, selten später.

Magda meinte, sich zu erinnern, dass sie etwa acht gewesen war, als ihr zum ersten Mal klargeworden war, dass am Ende auf alle der Tod wartete. Sie hatte auf dem Sofa gelegen und über das Universum nachgedacht, den Weltraum mit seinen ganzen Planeten und Sternen und Schwarzen Löchern und Raumschiffen und Außerirdischen und hatte versucht, sich vorzustellen, was das bedeutete: unendlich. Wie groß war das? Und irgendwie war sie davon gedanklich abgedriftet hin zu der Frage, was denn dann „endlich“ war, und die Erkenntnis hatte sie wie ein Schlag getroffen, dass sie und Mama und Papa und Oma und Mieze, die Nachbarskatze, und Vanessa alle eines Tages nicht mehr existieren würden.

Sie wusste nicht, wie lange sie nur daliegen und die Sofalehne anstarren konnte. Ihr war, als würde irgendein schweres Gewicht auf ihr lasten, das ihr die Luft zum Atmen nahm. Alles, was lebte, starb und … ging dann wo hin? In Himmel und Hölle? Ins Nichts? Was passierte mit dem, was einen Menschen (oder eine Katze in Miezes Fall) ausmachte? War das dann einfach weg?

Und sie ahnte, dass sie darauf keine Antwort bekommen würde.

 

*

 

Als sie fünfzehn war, starb ihre Großmutter. Magda war wie fast die gesamte Familie an ihrer Seite, kniete neben dem Krankenhausbett und versuchte, nicht zu weinen. Sie wusste, dass der Tod für Oma eine Erlösung sein würde – oder zumindest hatte sie gehört, wie die Erwachsenen darüber gesprochen und das so gesagt hatten – und dass das immerhin bedeutete, dass sie keine Schmerzen mehr haben konnte. Aber das änderte nichts daran, dass Magda trotzdem nicht wollte, dass Oma starb. In dem letzten Moment, den sie mit ihr alleine hatte, als man Oma gerade in ein anderes Zimmer gebracht hatte, stellte sie sich ganz nah zu ihr, sagte ihr, wie sehr sie sie liebte und wie unglaublich sie sie vermissen werde, und betete inständig, dass Oma sie hören konnte. Hatte sie nicht gelesen, das Gehör sei der letzte Sinn, der vor dem Tod aussetzte?

Sie blieb bei ihr und hielt ihre Hand und hoffte, dass Oma jetzt wirklich an einen besseren Ort kam.

 

*

 

Tief durchatmen.

„Bist du bereit?“

Magda nickte zögernd.

„Wenn du noch nicht so weit bist, dann sag es. Aber wir können hier nicht ewig herumsitzen, also wenn ich das machen soll …“

„Nein“, erwiderte Magda entschlossen, „ich krieg das hin.“ Sie nickte erneut, diesmal fest. Öffnete die Autotür. Stieg aus.

„Und vergiss nicht“, sagte Theo, ihr älterer Kollege, mit dem sie in den letzten Wochen mit auf Streife gefahren war, „du bist da drinnen nicht allein, ja? Du kannst nie wissen, wie die Leute reagieren. Wenn was ist, greif ich ein, ja?“

Sie wollte ihn eigentlich danach fragen, was er da schon alles erlebt hatte, dass er das sagte, aber jetzt war keine Zeit dafür.

Nicht lächeln.

Sie achtete streng darauf, eine ernste Miene aufzusetzen. Es fiel ihr nicht sonderlich schwer, weil ihr ohnehin kotzübel war vor Aufregung. Sie klingelte.

 Vergewissere dich immer, mit wem du sprichst …

Eine Frau mittleren Alters öffnete, die mutmaßliche Ehefrau vom Opfer des tödlichen Autounfalls, den Theo und sie gerade bearbeiteten.

„Hallo, sind Sie Sandra Wagner?“

„Ja“, antwortete die Frau eingeschüchtert. Offenbar erwartete sie nichts Gutes.

„Polizeimeisterin Magda Wächter“, stellte Magda sich vor, „und das ist mein Kollege Polizeihauptmeister Theo Gärtner. Dürfen wir reinkommen?“

… und immer das Wort ‚tot‘ verwenden.

 

„Das war grauenhaft“, brachte Magda hervor, als Theo und sie wieder im Streifenwagen saßen.

„Ja“, bestätigte Theo ihr ruhig. „Hast du aber gut gemacht.“

Magda sagte nichts dazu. Sie war gerade nicht in der Stimmung, gelobt zu werden. „Wird es jemals einfacher?“, wollte sie wissen.

„Nein“, antwortete er. „Sollte es auch nicht.“ Er startete den Motor, wendete auf der Straße, so dass sie nicht noch einmal am Haus von Sandra Wagner vorbeifahren mussten. 

„Was meintest du vorhin damit, dass ich nicht wissen könnte, wie sie reagieren würde? Also, als du sagtest, du würdest zur Not eingreifen.“ Es ging Magda nicht aus dem Kopf und so konnte sie sich wenigstens von der weinenden Frau Wagner ablenken.

„Weißt du …“, begann Theo nachdenklich, die Augen auf den Straßenverkehr gerichtet, „Freude, Liebe, Wut, Hass … Das ist alles immer irgendwie gleich. Da gibt es gefühlt eine Handvoll Ausdrucksarten und irgendwann hat man die alle mal gesehen. Aber Trauer … die ist jedes Mal anders.“ Mit einer Hand rieb er sich über den Mund, zuckte dann hilflos mit den Schultern. „Klar, Weinen, Schreien, Klagen, das gehört meistens irgendwann dazu, aber häufig genug auch nicht, nicht im ersten Moment. Ja, ich glaube“, endete er leise, „es gibt kein individuelleres Gefühl als die Trauer.“

 

*

 

Als Magda mit Martin einen Soldaten heiratete, ahnte sie, dass die Angst vor dem Tod nun auf neue Weise ein Teil ihres Lebens werden würde. Solange er hier bei ihr und Vally in Deutschland war, ging es noch, konnte sie die Furcht noch ertragen, bis hin zu dem Punkt, dass sie sie fast vergessen konnte. Aber dann kam sein erstes Deployment und die Angst wurde allgegenwärtig für sie.

Sie bangte um Martin, sie sah Freunde im Sarg zurückkehren, sie war für die Hinterbliebenen da, tröstete oder versuchte es zumindest. Wusste, dass es genauso ihre kleine Familie treffen konnte. Schluckte ihren Widerwillen gegen diese ganze patriotische Scheiße hinunter. Hatte Albträume davon, wie der Casualty Notification Officer zu ihr kam. Versuchte, ihre Angst nicht vor Valerie zu zeigen. Hauptsache, ihr trotz allem ein halbwegs normales, stabiles Umfeld bieten.

Als der Tod schließlich an ihre Tür klopfte, wusste sie, was sie erwartete.

 

*

 

Und dann trat Felix Murot in ihr Leben.

Murot, der als Kollege und als Mensch exakt die Person war, die Magda gerade zu brauchen schien.

Murot, der nicht einmal ein Jahr nach Beginn ihrer Zusammenarbeit begann, über Kopfschmerzen und geistige Ausfälle zu klagen, und ihr paar Monate später eröffnete, an einem Hirntumor zu leiden. Sie war allein mit diesem Schock, denn natürlich wollte er das geheim halten (klar, alles andere wäre nicht Murot gewesen) und sie begriff schnell, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als ihn auf die Weise und für die Zeit zu begleiten, wie er es zuließ. Sie bereitete sich innerlich so gut es eben ging auf das Ende vor, obwohl sie wusste, dass man sich auf so etwas nicht vorbereiten konnte, aber als sie erfuhr, dass er bei seiner freiwilligen „Ich verbringe meinen Urlaub mit Ermittlungen“-Aktion verstorben sei, kam es dennoch unerwartet.

Fast ebenso unerwartet wie seine „Wiederauferstehung“ in der Praxis dieser grusligen Ärztin, die, wie Magda wenig später erfuhr, von Murot gerade der Beteiligung an einem Organhandelsring überführt worden war. Sie las ihm die Leviten für den Schreck, den er ihr damit eingejagt hatte und nahm ihm das Versprechen ab, so etwas nie wieder zu tun. Aber sie sah ein, dass er in dieser Situation keine wirkliche Wahl gehabt hatte, und wenn sie ehrlich war, überwog am Ende des Tages bei ihr die Erleichterung darüber, dass er nicht wirklich tot war.

Sie hielt zu ihm, als unvermeidlicherweise nun seine Erkrankung herauskam, ermutigte ihn immer wieder, Entscheidungen zu treffen und die Hoffnung nicht zu verlieren, auch wenn seine Prognose ehrlich gesagt beschissen war. Stand ihm bei, als es richtig hässlich wurde. Als er sich endlich in eine Klinik einliefern ließ, um sich operieren zu lassen, war sie sich nicht sicher, ob er das tat, weil er wirklich auf Heilung oder zumindest ein bisschen mehr Zeit hoffte, oder ob er in Wahrheit bei der Operation sterben wollte.

 

Er überlebte.

Er kam zurück.

Er konnte tatsächlich wieder in den Dienst zurückkehren. 

Magda verstand nicht, wie das möglich war. Aber es war ihr auch vollkommen egal, solange sie ihren Lieblingskollegen nur wiederhatte.

 

*

 

Gerade mal ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr (und Beförderung! Sie hatte sich selten mehr für einen anderen Menschen gefreut) trat schon das nächste Unglück auf den Plan: Richard Harloff. Schon lange hatte Magda nicht mehr eine solche Angst empfunden wie in dem Moment, als Harloff ankündigte, sie zu erschießen, und sie sich auf dem Stuhl, an den sie gefesselt war, nicht einmal versuchen konnte, sich zu schützen. Wie in dem Moment, als Harloff die Überwachungsmonitore ausschaltete und Murot einem Massaker überließ. Dem Moment, als sie begriff, was Harloff in Wirklichkeit plante. Sie war sich nicht so sicher wie er, dass Murot dieses Gemetzel am Kurhaus überleben würde, und als sie von draußen Schüsse hörte, wusste sie auch nicht mit Sicherheit, ob sie tatsächlich darauf vertrauen konnte, dass David, Murots Sohn, von dem er nichts wusste, ihm nichts tun würde.

 

Sie sah Murot über Davids Leiche knien und wusste, um welchen Preis er überlebt hatte. Sie vernichtete die Beweise für seine Vaterschaft und hoffte, ihn damit vor Harloffs letzter Rache schützen zu können.

 

Als er sie in den Arm nahm und sie endlich, endlich spürte, dass er noch am Leben war, konnte sie nicht anders, als in Tränen auszubrechen.

 

*

 

Zwei Jahre später, als Magda schon glaubte, dass endlich alles in geordneten Bahnen lief, brach die nächste Katastrophe über sie herein. Natürlich hatte sie bemerkt, dass es Murot nicht gutging, aber das hieß doch trotzdem nicht, dass …

Arthur Steinmetz hingegen war fest entschlossen, Murot Sterbehilfe zu leisten, und damit sie alle da mitspielten, war ihm nichts Besseres eingefallen, als Valerie zu entführen und sie in Lebensgefahr zu bringen. Es waren paar der schlimmsten Stunden in Magdas Leben: sich zwischen Murot, der ihr vertraute, und ihrer Tochter entscheiden zu müssen. Ihn zu verraten, damit sie Valerie lebend wiedersah. Ihm zu erzählen, was sie getan hatte. Und zu erfahren, dass er ohne zu zögern bereit war, sein Leben für Vallys aufs Spiel zu setzen, obwohl sie ihm ihre Existenz bis eben verschwiegen hatte.

 

Sie wusste, dass sie es nur ihm zu verdanken hatte, dass sie Valerie halbwegs unversehrt wieder in die Arme schließen konnte, und fürchtete den Preis, den diese Rettung gekostet hatte. Niemand sagte ihr, was mit Murot war, ob man ihn gefunden hatte, ob er außer Gefahr war oder ob … Die Polizistin in ihr machte sie darauf aufmerksam, dass sie für die Kolleg*innen und die Staatsanwaltschaft nun eine Verräterin war und dass sie sich nicht darüber zu wundern brauchte, wenn man sie nicht informierte. Sie verstand diese Sichtweise durchaus. Nicht zu wissen, wie es ihm ging, war trotzdem Folter.

 

Erst Ralf Neff erlöste sie aus dieser Qual. Seine geflüsterte Botschaft, dass Murot überlebt hatte, war alles, was sie brauchte.

 

Die Narben an Murots Handgelenken blieben dennoch eine stete Erinnerung an ihren Vertrauensbruch.

 

*

 

Wieder zwei Jahre später war erneut sie es, die ihn in Gefahr brachte – oder zumindest nichts tat, um ihm aus der Gefahr zu helfen. Magda hätte niemandem, am allerwenigsten sich selbst, die Frage beantworten können, warum sie nicht sofort reagierte, als Murot sie mit diesem Heidenlärm im Hintergrund anrief und was von Scharfschützen erzählte. Bis sie sich endlich entschlossen hatte, ihn zu suchen, waren schon wertvolle Stunden verstrichen, bis sie ihn in der alten Wache lokalisiert hatte, noch mehr. Voller Sorge und mit schlechtem Gewissen suchte sie das Polizeimuseum nach ihm ab, in dem sie ihn vermutete, fand ihn nicht. Das Einzige, was sie fand, waren ein anscheinend überhastet verlassenes Lampen-Lagerfeuer und ein Loch im Boden drinnen und die zwei Kollegen, mit denen sie hergefahren war, erschossen draußen.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie tatsächlich in Panik geriet.

 

Bis in die frühen Morgenstunden irrte sie auf dem Gelände umher, versuchte, zu begreifen, was hier geschehen war, und dabei nicht erschossen zu werden. Hörte immer wieder Schüsse, die fast klangen, als kämen sie von unter der Erde. Wusste, dass es ihre Schuld war, wenn Murot hier ums Leben kam, weil sie nicht sofort zu seiner Rettung geeilt war. Konnte es sich selbst nicht erklären.

Keine Spur von ihm.

Angst. Panik. Schuld.

Sie würde weitersuchen, bis sie ihn entweder fand oder dabei draufging.

 

Auf einmal explodierte die alte Wache und beinahe im selben Augenblick entdeckte sie Murot neben sich im hohen Gras; er saß einfach da, zwar etwas derangiert aussehend, aber augenscheinlich ohne einen Kratzer, in Begleitung einer Frau in einer seit Jahren nicht mehr zulässigen Polizeiuniform, einem Mann in Häftlingskleidung und einer Teenagerin.

 

Sie erfuhr später, welches Opfer Murots alter Freund gebracht hatte, um sie alle zu retten, und wusste, dass dieser Tod ihrem zögerlichen Handeln geschuldet war.

 

Aber Murot hatte dank Walter Brenner überlebt und nur das war die Hauptsache.

 

*

 

Nicht einmal ein Jahr später hoffte Magda erneut auf ein solches Wunder, als man sie ausgerechnet am Morgen nach Davids Todestag in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett klingelte und ihr mitteilte, dass man ihren besten Freund tot auf der Landstraße aufgefunden hatte. Sie fuhr in die Rechtsmedizin, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es sich bei der Leiche um Murot handelte – weniger, weil sie wirklich an eine Verwechslung glaubte, sondern vielmehr, um das Unfassbare begreifen zu können: dass er tot war, dass sie nie wieder mit ihm würde reden, mit ihm streiten und lachen können. Dass sie nicht bei ihm gewesen war, als er starb, obwohl sie ihn doch kannte und wusste, welch große Angst er trotz seines Geredes genau davor immer gehabt hatte. Dass sie es nicht hatte kommen sehen.

 

Der Anblick, wie er da vor ihr auf dem Sektionstisch lag, mit eingedelltem Schädel und tiefen Risswunden in Arm und Oberkörper, brannte sich ihr ins Gedächtnis und sie wusste, dass sie davon Albträume bekommen würde. Das ist er nicht, flüsterte eine Stimme in ihr, so sah er nicht aus, das ist er nicht. Aber der Rechtsmediziner erklärte ihr ihren Irrtum und endlich begriff Magda, dass jede Hoffnung hier verloren war.

 

Sie organisierte Murots Beerdigung, auch wenn sie sich nicht sicher war, was er sich eigentlich dafür vorgestellt hatte.

Sie hielt die Trauerrede auf ihn, auch wenn sie sich nicht sicher war, was sie sagen sollte.

Sie gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, als sie ihn plötzlich oben auf der Empore stehen sah, auch wenn sie sich ziemlich sicher war, dass sie ihn sich nur einbildete.

Sie versetzte ihm eine Ohrfeige, als er auf dem Friedhof plötzlich lebend vor ihr stand. Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob man Geister überhaupt schlagen konnte. Und ob sie sich nicht eigentlich freuen sollte.

 

Es war der größte Schmerz und Verrat, der ihr seit langem zugefügt wurde, und sie hatte nicht vor, ihm das so schnell wieder zu vergessen. Nicht nach allem, was er sich sonst noch während dieser Ermittlung geleistet hatte. Aber mit etwas Abstand tauchte da auch ein neuer Gedanke auf, wenn sie darüber nachdachte, was sie seinetwegen hatte durchmachen müssen: Er lebt. Ich habe seine vermeintliche Leiche gesehen. Ich habe ihm einen Brief ins Grab mitgegeben. Ich habe ihn beerdigt.

Aber er ist noch da. Lebendig. Echt.

Es war unbegreiflich. Vielleicht ein Wunder. Vielleicht etwas anderes. Hauptsache, es hatte stattgefunden.

 

*

 

Er brachte sich (und sie) in Schwierigkeiten.

Er brachte sich (und sie) in Lebensgefahr.

Er …

Sie tötete für ihn. Er ließ sie allein damit und auch wenn sie mittlerweile jemanden hatte, dem sie sich anvertrauen konnte, tat es weh. Manchmal fragte sie sich, ob er überhaupt begriff, was dieser finale Rettungsschuss für sie bedeutete, ob er überhaupt noch wusste, was der Tod bedeutete, so oft, wie er selbst ihm im letzten Moment von der Schippe gesprungen war.

Irgendwann würden sie darüber reden müssen. Aber nicht jetzt.

 

*

 

Sie sah ihn sterben. Auf dem kalten Boden einer Tiefgarage lag er nackt und schutzlos vor ihr, leichenblass und mit blauen Lippen, und Magda konnte nicht mehr tun, als sich hilflos zurückzuhalten und das Sani-Team seine Arbeit machen zu lassen. Sie deckte ihn mit ihrem Mantel zu, um ihm wenigstens ein bisschen Würde zu bewahren – das war ihm doch immer so wichtig gewesen, mit Würde zu sterben –, um ihn zu wärmen, um irgendetwas zu tun, vielleicht der letzte Dienst, den sie ihm erweisen konnte. Sie sah zu, wie der Notarzt um sein Leben kämpfte, und durfte nicht die Hand ihres Freundes halten, um ihm beizustehen. Damit er nicht alleine starb …

 

Über das Rauschen in ihren Ohren hörte sie kaum, wie die Sanitäterin meldete, dass sie einen Puls fühlte, und sie sah auch nur durch einen Tränenschleier, wie er wieder die Augen öffnete. Er lebt. Gott sei Dank, er lebt …

 

Sie hielt seine Hand auf der Fahrt ins Krankenhaus, fragte sich, ob er überhaupt irgendetwas von all dem mitbekam. Ob er ahnte, in was für Schwierigkeiten er steckte. Ob er sich daran erinnern würde, gestorben zu sein.

Aber er lebt.

Nur das zählte jetzt.

 

*

 

Alles Leben endete einmal. Diese Gewissheit hatte Magda seit ihrer Kindheit begleitet. Es war beängstigend und beruhigend zugleich, denn so sehr sie sich auch vor dem Tod ihrer liebsten Menschen fürchtete, war es doch gleichzeitig die Sterblichkeit, die alle Menschen, arm oder reich, alle Tiere und alle Pflanzen teilten. Der kleinste gemeinsame Nenner, sozusagen, das, was jedes Lebewesen im Universum miteinander verband.

 

Manchmal fragte Magda sich, ob Murot da eine Ausnahme bildete. Dieser Mann war dem Tod so oft, so knapp entkommen, dass es mit bloßem Glück schon nicht mehr zu erklären war. Sie hatte Todesmeldungen überbracht bekommen, sie hatte ihn sterben gesehen, ja, sie hatte ihn sogar beerdigt und er war immer noch da. Es war verrückt. Wenn sie ihn das nächste Mal begrub, würde sie ihm eine Schaufel und eine Spitzhacke mit in den Sarg legen anstelle eines für ihn nutzlosen Briefs und sie wusste einfach, dass er spätestens am Abend vor ihrer Tür stehen würde, mit verdrecktem Anzug und Erde im Haar, und sich beklagen würde, dass die Kirche nicht voll genug gewesen sei, die Trauerrede ihm nicht gefallen habe und er vom Kuchen vom Leichenschmaus nichts abbekommen hatte. Und sie würde ihn sich beschweren lassen und ihn dann zum Duschen schicken, damit er den ganzen Dreck seines irdischen Abenteuers abwaschen konnte. Und sie würde ihm in der Zwischenzeit einen Kaffee aufbrühen und den Kuchen auspacken, den sie für ihn mitgenommen hatte.

 

Sie wusste, dass das unwahrscheinlich war.

 

Aber wenn irgendein Mensch auf der Welt dazu imstande war, dann Felix Murot. Davon war sie überzeugt. Felsenfest.

 

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