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Nichts für den Blog

Summary:

Wir begeben uns quasi in Johns Kopf. Wie erlebt er seine Zeit mit Sherlock und welche Fälle hat er der Öffentlichkeit vorenthalten? Und warum? --- Direkt nach ASiP geht es weiter mit der Jagd auf einen falschen Chinesen... - ...warum wird SH wegen Mordverdachts verhaftet? Warum landet John in U-Haft? Was für ein irrsinniger top-secret Auftrag verschlägt die beiden in den Iran? – Und wie kommen sie da wieder raus? Wieso übernimmt Sherlock den Fall eines Vogels? Welche Vorgeschichte haben Milch und Squashball... oder der Spiegel über dem Kamin...? (Ja, ich weiß, eigentlich hat Sherlock ihn in ASiP bloß noch nicht aufgehängt, denn er steht etwas versteckt rechts neben der Schiebetür zur Küche, aber ich hatte eine andere Idee) – Wie erlebt John die Fälle um den Schwarzen Lotus und Moriartys Bombenterror wirklich? Und was geschah an Bord der Tilly Briggs? --- Nach dem Fall der gefleckten Blondine steht gleich der nächste ins Haus: drei Privatdetektive sind innerhalb von zwei Wochen zu Tode gekommen...

Notes:

Die Geschichten über Mr. Hudson und über Sherlocks Eltern, die ich mir hier Ende 2013 ausgedacht hatte, befinden sich jetzt in https://archiveofourown.org/works/1160715/chapters/2358293, da sie AU geworden sind.
Die Frau aus dem Homeless-Network in TGG ist nicht Wiggins - ich benenne sie um in Melissa.
Dem Blog nach weiß Sherlock nach der Trauung der Watsons nicht, wer Bill Murray ist - aber vielleicht hat er das in den mehr als drei Jahren seither ja auch einfach gelöscht - oder er zieht ihn bloß auf.
theimprobableone ist nicht Mycroft - aber da lasse ich mir etwas einfallen. Ebenso, was die Kommentare von 'Anonymous' angeht.
Von wegen Sherlock hätte nichts zu Ende studiert! Er ist graduierter Chemiker...!
Es hat bisher niemand versucht, Lestrade zu ermorden?
Also ich gehe mal davon aus, dass Sherlock an dieser Stelle Märchen erzählt und den mordenden Soziopathen gibt. Wenn man sich THoB ansieht, hat man nicht den Eindruck, Sherlock hätte John öfters mal vergiftet - und dass John gar ein kompletter Mittwoch abhanden gekommen sein soll, scheint mir doch Jägerlatein zu sein!
Es passt auch nicht, dass Mycrofts Haus einfach nur einen normalen Schlüssel hat - aber das soll natürlich niemand wissen...!

Die Chronologie wird immer schlimmer! Auf dem Blog ist der erste Jahreswechsel 2011 zu 2012, Sherlock springt im Juni '12 - in den Filmen aber im Oktober 2011. Die Hochzeit ist nach den Filmen am 18. Mai - auf dem Blog ist es August...!

Chapter 1: Eine Studie in Pink

Summary:

Das sind eigentlich die ersten fünf Kapitel. Natürlich drehen sie sich um ASiP, aber - wie John dazu in seinem Blog schreiben wird: "Es hat seither nicht aufgehört", denn die beiden stolpern schon beim Chinesen am anderen Ende der Baker Street in ihr nächstes Abenteuer.
Ich versuche, es es IC zu machen...

Chapter Text

Prolog I - nothing happens to me

Vorbemerkung:

Disclaimer: Die Figuren gehören Gatiss, Moffat und der BBC - bzw Sir A.C. Doyle. Ich verdiene damit nichts und Zitate und Anspielungen oder Interpretationen sind keine Plagiate sondern einfach nur FF.

 

Joseph Addison:  
     Imitation is a kind of artless flattery.

 

Was das hier werden soll? Ziemlich klassisch: John’s POV – und zwar ab dem Moment, wo seine Therapeutin Ella Thompson ihm rät, einen Blog zu schreiben. (Leute, ich weiß wovon ich rede, ich kann mir grade keinen Psychologen vorstellen, der das wirklich machen würde… - aber egal…)
Eigene Ideen kommen natürlich auch rein, dafür gibt's ja reichlich Zwischenräume!!

Ich will „während der Filme“ eng am Original bleiben, aber auch Lücken dazwischen oder wischen den Szenen füllen. Ich denke, richtig slashig wird es nicht werden – aber ich kenne das andererseits auch, dass Figuren ein Eigenleben entwickeln.

 

http://www.johnwatsonblog.co.uk/

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Nachtrag vom 17.9. 2013

 

Schön, dass immer noch neue Leser hinzukommen.
Und ich bin platt angesichts des Tempos, das einige dabei an den Tag legen!

Eigentlich sollte ich die ersten Kapitel überarbeiten (mindestens die ersten 10) - sie sind zwar auch so nicht schlecht, aber ich würde inzwischen manches etwas anders machen - aber dann könnte ich währenddessen nicht weiterschreiben!
Wenn ich ein Kapitel fertig habe, wird es noch ein-, zweimal Korrektur gelesen - falls es länger ist als 3500-4000 Wörter und es sich anbietet, wird vielleicht auch mal ein Teil zurückgehalten, aber im Prinzip geht alles gleich raus. Manchmal heißt das, dass ich dann auf einer Basis weiter machen muss, die doch nicht optimal ist - naja, wie im richtigen Leben! Aber es würde mich hemmen, wenn ich Kapitel länger zurückhalten würde (zB bis jeweils ein Fall abgeschlossen ist - was klüger wäre).

Ich hoffe also, ihr lasst euch von den vor allem ersten 5 noch etwas holprigen Kapis nicht abschrecken. Vielleicht passt es ja auch dazu, dass sich John da noch reinfinden muss...!

 

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Prolog I – nothing happens to me

 

 


Der persönliche Blog von Dr. John H. Watson

 

 

 

14th December

Nichts

nichts

0 comments

 

Das ist albern. Das ist mehr als albern! Hier sitze ich in einem Zimmer, das an Trostlosigkeit und Schäbigkeit kaum zu überbieten ist und in dem das schmale Bett direkt vor dem Heizkörper(!) steht, was total schwachsinnig ist! Ich sollte das Bett verschieben, aber ich wohne möbliert und es soll alles an seinem Platz bleiben, damit der Teppichboden keine Dellen bekommt...! Auch Nägel in die Wand schlagen ist verboten.

Okay, ich gebe zu, wahrscheinlich würde mir auch einfach der Antrieb fehlen, das Bett umzustellen.
Außerdem kann ich mir das Zimmer sowieso nicht wirklich leisten…

 

 

 

Ja, natürlich ist es eine große Verbesserung gegen die Baracken, gegen das Militärhospital – zumindest sollte mir das so vorkommen. Aber irgendwie tut es das nicht. Es fühlt sich an wie eine Endstation. Aber der Bestimmungsort heißt nicht Heimat, er heißt auch nicht Neuanfang. --- Ein Theaterstück kommt mir in den Sinn…ein Mann, zwei Frauen – eine davon übrigens lesbisch, wie mir einfällt – in einem Raum eingesperrt, welcher die Hölle darstellt. Sartre. Richtig. Huis clos. Geschlossene Gesellschaft.
Es fühlt sich an wie ein gottvedammtes, allerletztes Wartezimmer…

 

Stopp, Watson! Das ist nicht der Zeitpunkt für Selbstmitleid!  

 

Natürlich weiß ich, was das Grundproblem ist – Ich meine, abgesehen von meiner Verwundung und dem seelischen Trauma selber – das Problem hinter dem Problem: Ich habe ein Helfersyndrom. Aber da ich nun niemandem mehr helfen kann – nicht mal mehr mir selbst, greift mein Helfersyndrom gewissermaßen ins Leere.
So einfach ist das.
Dafür brauche ich wirklich keine Analyse.  

 

 

 

15th December

Sinnlos

Ich erlebe nichts.

 

 

Ich erlebe wirklich nichts. Jedenfalls nichts, womit ich hausieren gehen würde.
Grübeln. Einkaufen. Therapiesitzungen, in denen ich nicht weiß, was ich sagen soll. Stunden um Stunden, in denen ich im Dunkeln liege und zu schlafen versuche...

Und natürlich Albträume. Aber das sind ja keine Erlebnisse. Eher so etwas wie Überfälle meiner Erinnerung. Gar nicht zu reden von Flashbacks, Panikattacken. Die haben etwas von ...feindlichen Übernahmen, da bist du plötzlich regelrecht unter feindlicher Besatzung. Als würde ein Dämon deine Seele vergewaltigen.

Aber wer würde das schon zugeben?
Ich sicher nicht.

Ich soll endlich ernsthaft anfangen, alles aufzuschreiben, meinte Ella heute nachmittag.

Sechs Tage war mein letzter, nichtssagender Eintrag her...

Um so überraschter war ich, jetzt einen Kommentar dazu vorzufinden:

 

 

 

 

1 comment

Hi John. Ich hab dir ne mail geschrieben, bekam aber ne fehlermeldung. Wie sieht’s aus? Ich bin ende des monats in L. Was hältst du von einem treffen?

Bill Murray 21 December 17:46

 

“Bill...” denke ich.
Bill konnte ich nicht ignorieren. Ohne ihn wäre ich schließlich nicht mehr am Leben. ...aber wäre das nicht... – scht...! Watson! So etwas denkt man nicht mal!

 

Ende des Monats! Das ist ja beinahe schon. Ich weiß nicht, ob ich das kann, ob ich das will… es wird doch nur wieder das eine Thema geben…

 

 

Moment!

 

Ich stehe wirklich total neben mir!

Verdammt!

Weihnachten!

Natürlich, Bill redet von Weihnachten!

Ich fühle mich, als hätte mich jemand aus dem Schlaf gerissen – und zwar mit einem Eimer Eiswasser über meine Brust.
Okay, das überzeugte mich – irgendwie..., dass ich wirklich eine Therapie brauchte.
Wer Weihnachten vergisst, ist definitiv nur noch ein halber Mensch.

 

 

Mein Zwerchfell und die Zwischenrippenmuskeln dehnten mit einem plötzlichen Ruck meine Lunge, so dass ich nach Luft schnappte. Mein Herz begann zu rasen, ich spürte kalten Schweiß ausbrechen und als ich meine Finger in mein Haar vergrub, konnte ich fühlen, dass sie zittern.

Scheiße! Weihnachten!

Meine Schwester Harry! Bill! – ...

Ich kann das nicht!
Die Fragen – die ganze Zeit graut mir schon vor den Fragen:

Wie geht es dir?
Was wirst du denn jetzt machen?

Die ertrage ich einfach noch nicht.
Klar, ich könnte lügen…aber ich weiß, ich wäre nicht überzeugend…

Aber auch noch zu Weihnachten!

Weihnachten, wo es das Mindeste ist, niemandem das Fest zu vermiesen, schon gar nicht den Menschen, die einem nahe stehen und von denen man weiß, dass sie auch ihre Probleme haben.

Ich vergrabe Mund und Nase in meinen Handflächen und zwinge mich ruhig zu atmen.

 


Prolog II - Ein trügerischer, alter Freund

 

3. Januar

 

Nein, ich werde auch heute meinen Laptop nicht mal aufmachen und ich werde schon gar nicht an diesem verdammten Blog arbeiten!!!

 

Soll ich es etwa auch noch schriftlich festhalten, dass ich es nur unter Aufbietung aller mentaler Kraftreserven geschafft habe, Harry und Bill wenigstens eine Mail zu schreiben – zwei Stunden für den kurzen, nichts sagenden Text, dann eine schlaflose Nacht und eine Stunde Korrektur Lesen – bevor ich sie endlich abschickte. Ich hoffte, dass sie einfach verstehen würden, dass ich Zeit brauchte.

Soll ich es etwa auch noch schriftlich festhalten, dass ich mit dem Gedanken gespielt habe, Weihnachten im Militärkrankenhaus zu verbringen – aber nicht die Kraft dazu gefunden habe?

Soll ich es etwa auch noch schriftlich festhalten, dass es nicht wirklich die höllischen Schmerzen waren, die mich über eine Woche in diesem gottverdammten Zimmer festhielten und mich dazu brachten, eine Diät aus Leitungswasser einzulegen?

Soll ich es etwa auch noch schriftlich festhalten, dass ich – obwohl ich es hatte kommen sehen und obwohl ich sogar Silikonpfropfen besorgt hatte, um mir die Ohren zu verstopfen – in der Silvesternacht kein Feuerwerk erlebte, sondern die Hölle von Afghanistan, die in meinem Innern auferstand? Dass ich mich nur mit äußerster Konzentration in dem Bewusstsein fokussieren konnte, dass dies ein Feuerwerk war und dieser nicht enden wollende Angriff kein realer Beschuss? Dass ich es eben noch so verhindern konnte, in einen Flashback wie in einen Abgrund hinein zu stürzen, änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich nach dieser Panikattacke stundenlang vor Erschöpfung zitternd in der Dunkelheit lag und mich davor fürchtete, einzuschlafen und mir immer und immer wieder vor Augen halten musste, dass ich trotz der bedrohlichen, krampfartigen Schmerzen ganz bestimmt keinen Herzinfarkt hatte und meine Schulter wirklich längst verheilt war.

 

Erst gegen Mittag, fand ich die Kraft aufzustehen. Und das auch nur, weil ich mir sagte, dass ich gefährlich dehydriert war und etwas dagegen tun musste, so lange ich noch dazu in der Lage war.

Wie lange ich anschließend unter der heißen Dusche kauerte, nachdem ich das erste Zahnputzglas voll Wasser fast augenblicklich wieder erbrochen hatte, weiß ich nicht.

 

Ich sollte meine Browning in Verwahrung geben. Das sollte ich definitiv.

Aber ich weiß genau, dass ich das nicht tun werde…

 

 

Nach der buchstäblich grauenhaften Silvesternacht waren meine Alpträume mit unverminderter Wucht zurückgekehrt.
Nicht dass sie vorher verschwunden gewesen wären – aber doch etwas abgeklungen.
Sylvester hatte definitiv jeden bisherigen Therapieerfolg vollständig zunichte gemacht.

 

Es musste etwas geschehen.  

Ich saß vor meinem Laptop und starrte auf den weißen Bildschirm.

Horror vacui – die Angst vor der Leere.

Plötzlich spürte ich, wie sich meine Gesichtsmuskeln zu einem schrägen Grinsen verzerrten, weil mir ein verrückter Science-Fiction-Film in den Sinn kam und ich dachte, vielleicht sollte ich einfach in großen freundlichen gelben Buchstaben "DON'T PANIC" (0) auf den Bildschirm schreiben und ihn als Nachtlicht so stehen lassen.

Ich nahm diese Assoziation keineswegs als Symptom irgendeiner Besserung...

Meine linke Hand hörte und hörte nicht auf zu zittern.
Seit Tagen nicht, wie mir schien.

 

Körperlich hatte ich mich etwas von meinem Zusammenbruch erholt, aber meine Seele fühlte sich an, wie eine Ruine, in der es nicht einmal anständig spukte.

Wie kam ich jetzt auf diese wüste Metapher?

 

Dumm!
Wie denn wohl! Der neue Mieter nebenan hatte das Radio laufen und mein Unterbewusstsein hatte den Text hervorgekramt:

If you could read my mind, love
What a tale my thoughts could tell
Just like an old time movie
'Bout a ghost from a wishin' well
In a castle dark or a fortress strong
With chains upon my feet
You know that ghost is me
And I will never be set free
As long as I'm a ghost that you can't see...

 

Ich musste hier raus. Ich musste dringend einkaufen.
Und ich musste meine Miete bezahlen.

Mehr vor Schwäche als vor Kälte zitternd, geriet mir der Ausflug zum Tesco um zwei Ecken beinahe schon zum Gewaltmarsch.

 

 

20th January

Wie?

Wie lösche ich das??

 

0 comments

 

 

Soll ich es etwa auch noch schriftlich festhalten, wie unsagbar alt ich mich fühle, weil ich der Technik nicht hinterher komme? Nein, es ist ja auch nicht nur die Technik, es ist diese ganze befremdliche und geschmacklose Modeerscheinung, sich hier bloßzustellen wie eine Hure, die im Amsterdamer Rotlichtviertel in einem Schaufenster sitzt.

 

Ich verstand Ella einfach nicht. Sie hatte doch auch so etwas wie ärztliche Schweigepflicht, aber von mir verlangte sie einen öffentlichen Seelenstriptease. Das war doch geradezu schizophren!

Ich sollte diesen Wahnsinn beenden und den Blog löschen.

Irgendwie fehlt mir sogar zur Umsetzung dieses Entschlusses die Energie…

 

 

21st January

Nun zufrieden?

Ja, Ella! Ich schreibe an meinem Blog.

 

 

Nachts um kurz nach eins habe ich das geschrieben. Nachdem ich drei Stunden vergeblich versucht hatte, einzuschlafen.
Und dann hatte ich lange Zeit noch da gesessen und apathisch auf den Bildschirm gestarrt.

Bis der Kommentar kam:

 

 

 

1 comment

Wer ist Ella? Hast du dir endlich ne Frau geangelt? Erzähl schon! Xxx schick ein Foto!

Harry Watson 21 January 01:46

 

„Na super!” dachte ich genervt, "jetzt habe ich Harry noch eine weitere Möglichkeit eröffnet, mich zu kontaktieren – noch dazu eine, die ich nicht ignorieren kann, denn sobald ich einen neuen Eintrag poste, weiß sie, dass ich ihre Nachricht gesehen haben muss!"
„Eine strategische Meisterleistung, Captain! Jeder Rekrut hätte es besser gemacht!“ – Kunststück! Die sind ja auch mit dem Netz aufgewachsen. Klar nutze ich Email und Suchdienste – aber meine Diss (1) habe ich damals noch in eine alte Remington (2) gehackt,  im „Adler-such-System“, wie meine damalige Freundin das nannte „kreisen und niederstoßen“. Sie hat sich dann erbarmt und alles auf dem PC geschrieben, die Gute.
Ich bin ohne Rechtschreibprogramm ziemlich aufgeschmissen – nicht, dass ich Legastheniker wäre, aber sobald ich versuche, mit mehr als nur meinen beiden Zeigefingern zu schreiben, habe ich sofort einen Text, bei dem schätzungsweise jeder fünfte Buchstabe fehlt…

 

Moment!
Harry… 01: 46?

Sie ist um viertel vor zwei nachts im Netz? Was sollte ich davon halten? Ihre Orthografie ist in Ordnung – aber was heißt das schon...

Meine Kehle schnürte sich zu und ich spürte heiße Tränen aufsteigen.

Harry hat niemanden mehr außer mir. Sie hat mich im Militärhospital besucht und ich war noch so traumatisiert, dass ich überhaupt nichts sagen konnte. Sie hatte mir ihr Handy überlassen und mich angefleht, mich zu melden.

Aber ich hatte es nicht getan. Und das obwohl ich wusste, dass sich Harry und ihre Freundin Clara – naja, ihre „Frau“, wie es jetzt politisch korrekt heißen muss –  Ende Oktober getrennt hatten, – wohl weil Harry einfach nicht die Finger von der Flasche lassen konnte.

Und jetzt saß ich hier und musste feststellen, dass ich nicht viel besser war, als der erste Mörder der Weltgeschichte.
Als Kain.
Als Kain, der von Gott nach dem Verbleib seines Bruders gefragt wird und zur Antwort gibt: „Bin ich meines Bruders Hüter?“
Aber ich kann nicht auf Harry aufpassen, dazu bin ich gerade selbst viel zu kaputt.

Ich hatte mir eingeredet, dass es für Harriet besser wäre, wenn sie mich nicht erleben muss, solange ich in dieser Verfassung bin. Aber zu wie viel Prozent war das die Wahrheit?
Hatte ich nicht einfach Angst davor, mich mit IHRER Verfassung auseinander setzen zu müssen? Würde ich es ertragen, nach all dem Kampf und den Schmerzen, noch ihre Selbstzerstörung mit anzusehen?

 

Ich nahm all meine Kraft zusammen und wählte die Nummer, die sie für mich gespeichert hatte – und bekam prompt eine Adrenalinausschüttung, als stünde ein Gefecht unmittelbar bevor. Stöhnend wechselte ich das Handy in die rechte Hand, weil meine linke wieder zu zittern begann.  
„Hallo, hier ist Harriet Watson. Leider kann ich grade nicht 'rangehen. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht…“

Ein Keuchen entfuhr mir.
Kurz nur, dann hatte ich mich unter Kontrolle.
Was heißt schon Kontrolle! Es gelang mir für den Moment, mich über die Schwindel erregende Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung hinweg zusetzen und ich brachte mühsam hervor, was ich mir zurechtgelegt hatte.
„Hallo, Harry…äh…John hier... – aber das siehst du ja…also… Ich hoffe, es geht dir soweit  gut – also – den Umständen entsprechend. Du magst den Ärztejargon nicht, ich weiß, sorry.“

Gott, was rede ich da… ich habe längst den Faden verloren...

„Tut mir Leid, ich – ich habe einfach noch Zeit für mich gebraucht… aber – ich melde mich bald wieder… Mach’s gut!“
Hastig suchte ich nach dem richtigen Knopf, um das Gespräch zu beenden.

Danach saß ich noch vielleicht eine Stunde lang, wie in einer Starre.

Das Telefon rührte sich nicht.

 

Als ich später Milch holen ging, tat ich etwas unbeschreiblich Dummes:
Ich kaufte eine Flasche billigen Scotch.
Wirklich unglaublich bescheuert!
Wahnsinnig professionell, Doktor, damit können Sie in jeder AlAnon-Gruppe (3) ein leuchtendes Beispiel geben! Brillant!
Da saß ich also nun mit dem „alten schottischen flüssigen Freund“ (wie es wohl – so oder ähnlich – Jimmy Doohan als Chefingenieur Montgomery Scott, genannt Scotty in Star Trek das ein oder andere Mal getan hatte) und ertappte mich bei so etwas wie einem verzweifelten Kichern.

Die ölige, bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte sachte in meinem Zahnputzglas – denn natürlich hatte ich keinen Tumbler (4) da – und der vertraute Geruch stieg mir in die Nase und reizte meine Schleimhäute, so wie eine Geliebte, die dir neckisch am Ohrläppchen knabbert. –
Da ist irre! Ich bilde jetzt schon richtig besoffene Metaphern, ehe ich auch nur einen Tropfen getrunken habe...

„Verdammt noch mal!“ – füge ich eine weitere „farbige Metapher“ (5) hinzu.

Aus dieser Nummer gibt es nur noch einen halbwegs ehrenhaften Ausweg – und den werde ich gehen!
Man nennt ihn Exposition, oder kurz Expo. Diese Übung ist ein fester Bestandteil in der Suchttherapie – aber auch sinnvoll für Angehörige von Alkoholikern, die sich noch abgewöhnen müssen, sich co-alkoholisch zu verhalten:
Der alkoholkranke Patient kauft sich sein Lieblingsgetränk, nimmt es mit, öffnet es, schenkt sich ein, setzt sich dem verführerischen Duft aus – kostet schließlich sogar und kippt dann – sachte und mit großer Aufmerksamkeit – alles in den Ausguss.

Genau das tue ich jetzt.

Und ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen cleverer als zuvor.

 

 

25th January

Besäufnis

Habe mich gestern mit ein paar Rugby-Kumpels vom Blackheath getroffen. Sie sind immer noch dieselben. Sie machen sich eigentlich nichts auseinander. Niemand hat mich auf mein Hinken angesprochen.

 

 

3 comments

Haben Sie deshalb Ihren Termin versäumt? Ich habe versucht, Sie anzurufen.

E Thompson 25 January 10:11

 

Habe das Handy im Pub vergessen. Sorry.

John Watson 25 January 17:49

 

Treffen wir uns bald?

Harry Watson 25 January 18:02

 

„Ich Idiot!“ blaffte ich in die Stille meines Zimmers.

 

Jetzt hatte ich doch glatt meine Therapeutin auf die Idee gebracht, ich sei ein Alpha-Trinker (6)!
Großartig gemacht!
Und Harry konnte sich jetzt auch denken, dass ich heute wegen des Katers offensichtlich meinen so anspruchslosen Tagesablauf völlig verpeilt hatte!
Anscheinend konnte ich zurzeit wirklich nicht klar denken! Ich hatte Harry ungewollt mitgeteilt, dass ich mich betrunken hatte, ich hatte sie wissen lassen, dass ich IHR Handy einfach vergessen hatte!

„Einen Blog schreiben! – Was für eine hanebüchene Idee!“ hatte ich sofort gedacht. Einen Blog! Als Kriegstagebuch hätte so etwas vielleicht interessant und sinnvoll sein können. Aber das war auch gar nicht meine Welt. Ich hatte nie das Bedürfnis gehabt, mich einer breiten Öffentlichkeit über irgendetwas oder gar meine persönliche Vorlieben, Fotos oder ähnliches mitzuteilen. Als Twitter und Facebook aufkamen, flogen mir in Afghanistan die Geschosse um die Ohren, da hatte ich wirklich anderes im Kopf. Und welche Rolle Twitter in dieser Zeit bei politischen Umwälzungen spielte, bekam ich mehr am Rande mit. Meine Themen waren zu dieser Zeit deutlich weniger subtiler und kultureller Natur: Helfen und Überleben.  

 

Einen Blog schreiben…! So ein Schrott! Ich hatte mit diesem Gedanken ja vollkommen richtig gelegen!

Aber da war der Soldat in mir, da war der Arzt, der nun Patient war – bzw. ja, verdammt noch mal! – Invalide!!! – "un-wert" –  und es HASSTE – und der kooperieren wollte, guten Willen zeigen, seine Pflicht erfüllen, nichts unversucht lassen, weil sich das so gehörte... - :
Und deshalb saß ich hier und hatte einen gottverdammten Blog angefangen.

Mit meinem richtigen, vollständigen Namen, Kurzvita und Foto!!!
Wie konnte ich bloß so bescheuert sein?
Vielleicht sollte ich es machen, wie dieses Mädchen in Deutschland –  ich glaube, sie hieß Tessa – die neulich auf ihrer Facebook-Seite versehentlich öffentlich zu ihrem 16. Geburtstag eingeladen und einen enormen Sachschaden durch die Massen der zusammenströmenden „Gäste“ und weitere immense Unkosten für den Großeinsatz der Ordnungskräfte verursacht hatte!!!

Wirklich! Jetzt war Schluss mit dieser Inkontinenz an unausgegorenen Intimitäten und Peinlichkeiten!

Ich brauchte ein – eine…eine Kläranlage! Irgendeinen Filter, der das „Post-bare“ vom Unaussprechlichen trennte. Oder um es deutlich zu sagen: Ja, ein Klärbecken, um all die Scheiße, die aus meinem Kopf und aus meiner Seele kam, aufzufangen, bevor sie sich pur ins weltweite Netz ergießen konnte.

Also öffnete ich ein neues Dokument und gab ihm kurzerhand den Namen „NichtsfürdenBlog“

 

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Fußnoten:

0 Klar meine ich A Hitchhiker's Guide through the Galaxy mit Martin Freeman - hier war mal ein Lihk, aber das yt-Video ist jetzt blockert und kinox ist auch gesperrt...
Im Moment geht noch: http://search.tb.ask.com/search/video.jhtml?searchfor=the+hitchhikers+guide+to+galaxy+full+movie&ts=1379077686876&p2=^HJ^xdm070^YYA^de&n=77fd34c3&ss=sub&st=tab&ptb=94A7029D-E9F4-4517-A329-1963F621C7F2&tpr=hpsb&si=right
Folgende zerstückelte Version kann ich anbieten: http://search.tb.ask.com/search/video.jhtml?searchfor=the+hitchhikers+guide+to+galaxy+full+movie&ts=1379077686876&p2=^HJ^xdm070^YYA^de&n=77fd34c3&ss=sub&st=tab&ptb=94A7029D-E9F4-4517-A329-1963F621C7F2&tpr=hpsb&si=right
1 Dissertation, Doktorarbeit
2 Für die Marke habe ich mich nur entschieden, weil es sowohl einen Waffenhersteller als auch einen Schreibmaschinen- bzw. mittlerweile Computerhersteller dieses Namens gibt.

3 Was AA sind, nämlich Anonyme Alkoholiker, hat jeder schon mal im Fernsehen gesehen. AlAnon Gruppen sind Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholkranken. Sie müssen vor allem lernen, sich nicht co-alkoholisch zu verhalten.

4 Musste doch einfach sein – Whiskeygläser heißen nun mal Tumbler (und zum zweiten Mal entkommt mir das „e“, als ich das tippe!!)

5 Kleine Anspielung auf Star Trek IV – die Busszene – von dieser Stelle ein „Live long and prosper“ an meine TOS-Schwester im Geiste T’Sihek - okay, leider schon eine Weile inaktiv... - , ich werde definitiv mal den ein oder anderen K/S Slash von dir lesen, aber erst wenn ich nicht mehr ganz so SHERlocked bin.

6 Konflikt-Trinker - gut, auf einen Gelegenheitstrinker könnte man auch schließen...

 

Ja und vielleicht hätte ich auch noch erwähnen sollen: Die Sache mit Kain steht in der Bibel: Genesis/1. Buch Mose 4.
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TCB - wenn Ihr wollt!

Prolog III - Nichts für den Blog

Vorbemerkung:

 

Vielen lieben Dank an --Tiffy--, Johanna Holmes, Grinsekatz und jetzt auch Hagzissa - ich habe mich noch nie als "wunderbares Paralleluniversum" gesehen - obwohl PU vielleicht, aber sicher nicht wunderbar... - für eure lieben RVs! Danke, für eure Geduld, ich bin manchmal ein Pedant und hatte mich da ein bisschen verrannt...

Mit dem letzten Satz in Johns Blogeintrag bin ich etwas frei umgegangen – aber ihr werdet schon merken, warum ich nicht einfach geschrieben habe „Also… Sachen passieren anderen Leuten…“ oder so...
Nein, John hat recht, ein Schreiberling ist er (sorry, Joseph Lidster! - ist aber wohl so gewollt) nicht wirklich, der Stil ist nicht so besonders...

 

Prolog III - Nichts für den Blog

 

 

 

Und dann passierte es!

Ich schrieb.
Ich schrieb stundenlang, ohne abzusetzen. Ich unterbrach es nur, wenn ich dringend schiffen musste, oder wenn ich irgendwann merkte, dass meine Kehle völlig ausgedörrt war, ich schrieb mir die letzten vier, fünf Wochen von der Seele. Ich hatte so etwas von einem Workflow, meine Konzentration blieb ohne jedes Zeitgefühl im Alphazustand schweben, es war ein Rausch und ein gottverdammter Schreibdurchfall.

Wahrscheinlich einfach, weil ich die Hemmung los war, dass das noch irgendjemand außer mir lesen wird...

Vielleicht hätte Ella jetzt gesagt: Notieren Sie Ihre Alpträume,

die Momente der größten Hilflosigkeit, der Todesangst,

den Verlust von Kameraden etc. –

Vielleicht hätte sie gesagt, das sei eine Vermeidungsstrategie, dass ich mich hiermit aufhalte, um nicht an meine  wirklich dringenden Themen ranzugehen...

Es war mir egal...!

Denn das war jetzt seit Monaten endlich mal wieder etwas, das funktionierte! Etwas, das mir gelang, etwas, das ich tun konnte!

Als ich fertig war, fühlte ich mich leer... – aber auf eine gute Weise:

Erleichtert, irgendwie aufgeräumt…einigermaßen ...entgiftet...

Es war mitten in der Nacht. Ich hinkte noch mal ins Bad, um ein halbes Glas Wasser zu trinken, dann ließ ich mich auf mein Bett fallen.

Ich spürte, wie ich ruhig wurde.

Endlich.

Wann war ich das letzte Mal so ruhig gewesen?

Keine Ahnung!

 

 

Ich erwachte so ausgeruht wie schon lange nicht mehr.

Ich ging einkaufen und merkte erst, als ich im Tesco stand, was los war.

Die Erkenntnis überfiel mich so plötzlich, dass ich mitten im Gang zwischen Bohnen und Fischkonserven bremste...

Es war die erste Nacht in diesem Jahr gewesen – ohne Alpträume!

Die Erste seit… – bah! - - ...keine Ahnung...!

Mir war klar, es würde nicht vorbei sein, aber es war ein Anfang, es war mehr als ich zu hoffen gewagt hatte!

Es kam mir sogar so vor, als ob die Schmerzen in meinem Bein etwas nachgelassen hätten.

Gut. Gut, ich wollte daran glauben. Ich wollte daran glauben, dass der Tiefpunkt überwunden war.

 

Zurück in meinem Apartment hatte ich gerade erst die Einkäufe abgestellt, als es energisch klopfte. Ich ahnte, wer das war.

"Ja?"

Natürlich. Mein Vermieter. War klar. Er hatte darauf gewartet, dass ich wieder kommen würde.

"Morgen." – "Guten Morgen", erwiderte ich.

"Also, Sie können sich denken, was ich will: Ich will endlich wissen, ob Sie verlängern wollen, oder ob Sie jetzt doch ausziehen. Ich habe eine Warteliste! Heute ist der 27. – ist Ihnen das klar!"

Ich bemühte mich, ihm beschwichtigend zuzunicken. "Ja, ich weiß, Sie haben ja recht, ich verstehe Sie ja, aber ich habe noch nichts gefunden. Ich bemühe mich wirklich. Versprochen!"

Es gelang mir, ihn abzuwimmeln.

 

 

Der 27. ...! Seit wann war ich so desorganisiert? –
Seit wann? Dumme Frage.

Wie sollte ich das schaffen, in dieser kurzen Zeit eine günstigere Bleibe zu finden?

Im Internet ging ich die Mietangebote durch. Die Preise waren wirklich entmutigend. Und zur Untermiete? Der Gedanke war schon unangenehm. Aber welche Wahl hatte ich? Ich rief einige Nummern an, machte ein paar Termine. Aber was wirklich Vielversprechendes war nicht dabei.

Der Tag verlief ergebnislos. Nach einem Nachmittag mit Fahrten in der überfüllten Tube, Fußmärschen durch kalten Regen, Irrwegen und entmutigenden Gesprächen kehrte ich frustriert und erschöpft in mein Appartment zurück.

 

 

28. Januar

Die Nacht war ziemlich miserabel gewesen – als Ausgleich für die Vorangegangene...

Mein Bein hatte nach der ungewohnten Beanspruchung am Nachmittag wieder stärker geschmerzt, als in den letzten Wochen und es ließ einfach nicht nach.

Zusätzlich ärgerte es mich, dass ich gegen meine depressive Stimmung einfach nicht ankam.

Es sah mir nicht ähnlich, zu jammern, in Selbstmitleid zu versinken – ich verabscheute das!

Ein energisches Klopfen riss mich aus meinen trüben Gedanken.

Ich ahnte, wer das war und erlaubte mir ein genervtes Seufzen, ehe ich mich aufraffte und zur Tür hinkte.

"Ja?"

Natürlich. Mein Vermieter.

"Morgen." –
"Guten Morgen", erwiderte ich widerwillig - nichts war gut an diesem Morgen...

"Also...!?"

"Wirklich, ich habe gestern den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als nach einer alternativen Bleibe zu suchen. Ich gebe mir alle Mühe." Ein nervtötendes, ermüdendes Gespräch, das sich immerfort im Kreise drehte, folgte darauf, bis ich ihn endlich abwimmeln konnte – mit dem Argument, dass er mich von der Wohnungssuche abhielt.

Mit Selbstverachtung und grimmiger Disziplin zwang ich mich dazu, in diesen Tag zu starten.

Als ich gerade von einem weiteren abschlägigen Besichtigungstermin, zu dem ich gestern zu spät gewesen war, weil ich die Adresse nicht finden konnte, in mein Apartment zurück wollte, hörte ich:

„John? John, bist du das?"

Normalerweise gehe ich davon aus, dass ich NICHT gemeint bin, wenn ich irgendwo meinen Vornamen höre – alle Welt heißt John! Aber diese Stimme erkannte ich – das galt wirklich mir.

„Bill!"

Bill Murray, der Krankenpfleger, der mein Leben gerettet hatte. Wir kannten einander schon unser halbes Leben lang.

Als ich mich umwandte, sah ich, dass er auf mich zueilte, er schüttelte meine Rechte mit beiden Händen, strahlte mich an und zog mich dann doch noch in eine kurze, kumpelhafte, aber dennoch wirklich herzliche Umarmung. - Er hatte alles Recht dazu – ich ließ es nicht nur geschehen, sondern drückte ihn ebenfalls ganz kurz an mich.

„John! Mensch! Du siehst schon viel besser aus! – Aber immer noch dünn wie eine Latte! Ich hab' mir schon Sorgen gemacht, weil du so kurz angebunden warst. Deine E-Mail...klang ...nicht gut..."

„Bill, entschuldige, es geht mir ganz gut, wirklich, danke…", antwortete ich etwas lahm. Und dann sagte ich – nicht nur, um von mir abzulenken, sondern weil mir das wirklich auffiel, "Du siehst ...gut aus! ...irgendetwas ist ...anders?" rätselte ich.

Bill grinste stolz: "Ich habe geheiratet!" platzte er heraus.

"Oh..., da gratuliere ich dir!"

"Du, ich hab' grad keine Zeit, aber ich melde mich ganz bald!"

Wieder in meinem Apartment, sah ich zunächst in der Times online, was es Neues gab. Dann wechselte ich gedankenverloren zu meinem Blog.

 

 

28th January

Es hat noch einen von diesen Serienselbstmorden gegeben. Das ist irre. Es scheint überhaupt keine Verbindung zwischen den Verstorbenen zu geben. Das ergibt keinen Sinn.

Hab Bill Murray getroffen. Nein, nicht der Filmstar. Er war der Sanitäter, der mein Leben gerettet hat. Er hat geheiratet.

Glück haben wohl immer nur die anderen.

 

– Ich hielt inne...löschte den letzten Satz und schrieb stattdessen:

Was andere Leute so erleben!

– und speicherte...

 

–  "Was andere Leute so erleben!" -

Auch nicht viel besser - vor allem, weil die Selbstmörder es ja nicht überlebt hatten. Blöd.

Erst hatte ich geschrieben:

"Glück haben wohl immer nur die anderen."

Aber damit hatte ich natürlich nur Bill gemeint ... oder unbewusst vielleicht doch auch die Selbstmörder? Wie oft war in den letzten Wochen dieser Gedanke einfach da gewesen: "Ich werde mir wirklich alle Mühe geben, aber wenn ich es gar nicht mehr aushalte, bleibt mir immer noch dieser Ausweg. Gott wird es verstehen – obwohl ich ihn damals angefleht hatte, mich am Leben zu lassen... "

Tjaaah... vielleicht hätte ich "leben" etwas besser präzisieren sollen...! dachte ich bitter.

"Glück haben immer nur die anderen." -

Gut dass ich das gleich wieder gelöscht hatte. Es war erbärmlich. Es klang neidisch. Es war absolut furchtbar.

Ich gönnte Bill sein Glück wirklich...

 

 

Schon wieder so ein mysteriöser Selbstmord.

Schräg. Unheimlich. Irre.

Serienselbstmorde, wie kann das sein? Gibt es irgendeinen kitschigen Roman oder Film, in dem sich jemand so umbringt? Etwas wie damals Goethes "Werther"? ---

Das ergab aber auch keinen Sinn. Immer das gleiche Gift, immer an Orten, wo diese Menschen nichts verloren hatten. Und Verabredungen zum Selbstmord sehen auch anders aus, auch wenn man sich im Internet kennen gelernt und abgesprochen hat.

 

Ich schob den Gedanken beiseite und wandte mich wieder meinem Wohnungsproblem zu. Es half ja alles nichts, ich musste den Suchradius erweitern! Ich konnte mich nicht recht damit abfinden, weiter in die Peripherie zu ziehen, aber was sollte ich machen...

Mein Blog meldete einen Kommentar. Aber ich ignorierte das. Wenn ich schon so weit weg vom Zentrum wohnen musste, wollte ich wenigstens eine gute Verkehrsanbindung, deshalb suchte ich zu allen in Frage kommenden Adressen die Entfernung zu den nächsten Stationen. Dann machte ich ein paar Termine, die alle irgendwo Richtung nord/nordwestlich von London lagen. Das sollte am Nachmittag zu schaffen sein.

Noch ein Alarm. Jetzt ließ ich mich doch ablenken und sah mir die Kommentare an.

Der erste war von Bill. Das hatte ich mir schon gedacht.

War großartig, dich zu treffen, Kamerad. Und du musst wirklich mal runter kommen, damit ich dir meine Mrs. Right vorstellen kann. Aber merk' dir das! Es ist meine, Casanova!

Bill Murray 28 January 11:46

 

"Oh, bitte, Bill!" stöhnte ich. Musste er das als Kommentar schreiben? Wieso schickte er keine Mail? - Doch, eigentlich wusste ich, warum. Er wollte mich aus der Reserve locken! Ich ging in die Mailbox und schickte ihm meine Telefonnummer.

Da fiel mein Blick auf den zweiten Kommentar:

Casanova??! Mein Bruder?!?!
Harry Watson 28 January 13:36

 

 

"Argh!" – Das Telefon klingelte. Mann war der schnell!

"Watson? – Bill, hallo. Hör zu, bitte, schreib sowas nicht in den Blog! – ja klar, kann ich das löschen – " (ich muss unbedingt rauskriegen, wie das geht!)" – aber Harry hat es schon gesehen! Da ist es jetzt auch schon egal. Und ja, ich hatte eine ziemlich wilde Zeit – wer nicht! Aber ich habe nie jemandem sein Mädchen ausgespannt, das weißt du! - Vor allem ist es Ewigkeiten her... – Also für die Zukunft – ruf bitte einfach an. --- Okay – aber jetzt habe ich Termine...bis dann."

Ich machte mich auf den Weg und hoffte, dass es diesmal klappen würde. Die erste Wohnung war im 7. Stock –  und das Haus ohne Aufzug. Ich sah sie mir gar nicht erst an. Wie sollte ich das bewältigen? Mit diesem Bein geriet jede einzelne Stufe zum Kraftakt! Auf dem Weg zum nächsten Termin, versuchte ich zu verdrängen, wie niederschmetternd der Anblick des Treppenhauses auf mich gewirkt hatte. Ich versuchte, mich auf meine Wut zu konzentrieren, damit mich die aufkommende Verzweiflung aus ihren Klauen ließ. Ich war nicht so recht erfolgreich damit.
Mein Telefon klingelte. Bill.

"Bill, hallo..."

"Was machst du?"

"Mich zum Narren! Die erste Wohnung war im siebten Stock – kein Aufzug!"

"Und das stand nicht in der Anzeige?" Was für eine Frage! Ich seufzte nur. "Das ist ja wirklich fies." Ich konnte hören, dass er grinste! "Hörmal, ich habe grade mit Kate telefoniert, komm doch heute Abend zu uns zum Essen, das lenkt dich etwas von dem ganzen Stress ab. Vielleicht finden wir sogar eine Lösung. – Komm, du kannst mir das nicht abschlagen, Kumpel, du schuldest mir noch was." Wo er recht hatte... "Also, schön!" gebe ich nach... "Dann um sieben! Ich sims dir die Adresse! – Lass dich nicht unterkriegen!" –

Ich rief eine Notiz auf – neuerdings notierte ich mir den Einkaufszettel im Handy, das verschaffte mir zusätzliche Übung mit dem Gerät. Die Liste brauchte ein update:

Blumen für Bills „Mrs Right", eine Flasche puren Cranberrysaft für Bill.

Die nächste Wohnung war vielversprechend – aber dann stellte sich heraus, dass sie mit einer Art Hausmeisterjob verbunden war! Klar! Ich und Leitern raufklettern und in mehr als 12 Fuß Höhe im Hausflur Deckenlampen putzen und Birnen wechseln – was sonst! Stinksauer verließ ich den Ort. Ich hatte schon keine Hoffnung mehr, als ich auf das dritte Haus zuging, aber ich konnte nicht sicher sein, wenn ich es nicht versuchte.
Es stellte sich heraus, dass die Wohnung im Sousterrain lag – feucht und schimmlig...

Das reichte mir aber jetzt wirklich für heute. Ich fuhr zurück nach London, kaufte unterwegs noch ein und kehrte in mein Apartment zurück – und hätte dann gerne endlich irgendetwas zerschlagen...

Bill hatte schon wieder einen Kommentar geschrieben!

 

"Aber Ja! Der hat Sachen angestellt bevor wir nach A. gegangen sind. Schlimmer Junge!

Bill Murray 28 January 17:56"

 

Mit einem lauten "Rumms" landete meine Faust auf dem Tisch. "Bill!" brüllte ich, als schon der nächste Kommentar kam.

 

"HAHAHAHAHAHAHA!!!!!!!

Harry Watson 28 January 18:12"

 

Knurrend klappte ich den Laptop zu. Ich musste mich beeilen, wenn ich nicht zu spät kommen wollte.

 
 - - - - - - - -

Glück haben wohl immer nur die anderen.

Da war er wieder, der Gedanke von heute morgen.

Doch, ich gönnte Bill seine Kate, wirklich...

Aber es hatte mich mit voller Wucht getroffen, die beiden zu sehen, ihn und seine "Mrs Right". Mir wurde schlagartig klar, dass ich als armer Krüppel und seelisches Wrack die Gelegenheit, die Frau fürs Leben zu finden, mit großer Wahrscheinlichkeit bereits verpasst hatte. Eine Attacke aus dieser Richtung war wie ein Überraschungsangriff, dem ich nichts entgegen zu setzen hatte. Den Nachmittag über hatte ich begonnen, mich sogar etwas auf die Einladung zu freuen. Aber dann verlief der Abend für mich derartig quälend – schlimmer noch, als ich es mir in meiner pessimistischsten Stimmung hätte ausmalen können: Die gefürchteten Fragen: „Wie geht’s dir?", „Was wirst du jetzt machen?", die gut gemeinten Tipps – dabei immer diese beiden vor Augen mit ihren verliebten Blicken und den kleinen Berührungen...! Der Klumpen in meinem Solarplexus wurde immer größer und härter. Und das alles ohne Alkohol, denn Bill und seine Frau Kate tranken unter der Woche nie und außerdem hatte Bill gerade Frühschicht. Natürlich wusste Bill auch – zumindest so ungefähr – welche Medikamente ich gerade nahm...und von dem Besäufnis, über das ich bescheuerter Weise gepostet hatte... Ich hatte kaum einen Bissen herunter gebracht und schließlich war mein Magen wie zugeschnürt. Und dann zeigte Bill auch noch einen Zusammenschnitt des Hochzeitsvideos, das er mit dem Laptop abspielte und mit einem Beamer an die Wand warf...

Endlich war es vorbei – dafür würde nun das Gespräch wieder aufgenommen werden – schwer zu sagen, was schlimmer war.

"John --- ! Du siehst...  – furchtbar aus!" rief Bill besorgt, als er das Licht wieder angemacht hatte. "Mensch, du hättest doch was sagen können! Ich hätte nicht gedacht, dass es noch so anstrengend für dich ist...!"

Und dann sagte Kate: „Ich habe das Gästezimmer vorbereitet. Für den Fall, dass es spät wird - und wir dachten, wenn du magst, könntest du übergangsweise auch bei uns wohnen. Noch...  – brauchen wir kein Kinderzimmer..."

Alles. Nur. Das. Nicht!

Ich stehe auf. Zu schnell. Saublöd! – Alles schwankt. Mein Gesichtsfeld wird grau. Ich ringe nach Atem und halte mich am Türrahmen fest.
Idiotisch.
Ich sollte wissen, was ein orthostatischer Kreislaufkollaps ist...

"Danke, nein, ich... das ist lieb, aber ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt einfach in mein Apartment."

Okay, jetzt sind sie gekränkt.

Aber auch Bill hat einen Hippokratischen Eid abgelegt und er besteht darauf: "Aber sicher nicht allein!"

Später in der Tube schiebt er mich auf den einzigen freien Platz im Abteil und bleibt neben mir stehen, – wahrscheinlich befürchtet er, ich könne in den Mittelgang kippen.

Irgendwann sagt Bill heftig: "Gute Frau, sehen Sie denn nicht, dass der Mann KRANK ist!"

Direkt vor mir nehme ich geschwollene Frauenbeine wahr – ...mit gewaltigen Varizen, die unter ihren Strümpfen mäandern. ... Den Anfang der Unterhaltung habe ich wohl nicht mitbekommen.

Ich blicke auf, – eine Lady steht vor mir und schaut mich gebieterisch an.

"DU bleibst sitzen, John." Ich spüre Bills Hand, die meine linke Schulter drückt - und kann nicht verhindern, dass ich mich reflexartig dort verkrampfe...

Bill besinnt sich. Er zieht die Hand weg, weil ihm natürlich eingefallen ist, dass ich dort verwundet wurde.

Ich stemme mich mit meiner Krücke aus dem Sitz, schaffe es immerhin, dabei nicht zu ächzen und mache stumm Platz.
Bill knurrt ein bisschen.

"Tut mir leid, Bill", bitte ich ihn hilflos –  Meine Stimme klingt matt.

Bill sagt nichts.

Als meine Station kommt, begleitet er mich bis zu meinem Apartment.

"Wirst du wirklich zurecht kommen? Ich kann auch noch ein bisschen bleiben,... bis du dich besser fühlst... "

"Nein, Bill, bitte, wirklich nicht." Der Tonfall war eine Spur zu heftig, sorry...

Leider bin ich zittrig und habe Mühe, das Schlüsselloch zu treffen. Bill nimmt mir schließlich wortlos den Schlüssel aus der Hand, schließt mit raschen, koordinierten Bewegungen auf und schiebt mich in das Apartment.
 
"Hübsch hässlich hast du's hier", kann er sich nicht verkneifen...

Er wartet, bis ich auf dem Bett sitze, beginnt dann ohne Umschweife, Tee zu kochen; mustert prüfend meine Medikamente auf dem Tisch. Schließlich reicht er mir meinen Becher mit dem Äskulapwappen und bleibt auf der Tischplatte schräg gegenüber auf der anderen Seite des Raumes an der Kante zum Kamin hin hocken mit dem einzigen weiteren Kaffeebecher, dem Verbeulten aus emailliertem Blech.

Wir trinken.

Das Schweigen zwischen uns wird nicht erträglicher. Mit jeder Sekunde wird es nur noch schwerer, es zu brechen...

"Bill... tut mir Leid. ...und danke..."

(Mir kommt wieder in den Sinn, dass ich mich vorhin bei den Beiden für den "Abend" bedankt habe. Nur für den "Abend"  –  ich brachte es einfach nicht fertig, diesen "Abend" „schön" oder "nett" zu nennen...)

Es dauert noch einen Moment, dann gibt sich Bill einen Ruck. Wieder zögerlich schaut er sich um, greift nach dem Stuhl – lässt ihn doch wieder los und setzt sich mit 10,12 inches Abstand zu mir ebenfalls auf das Bett.

"Nein, MIR tut es Leid", sagt er zu meiner Überraschung.
"Mir tut es Leid, dass du noch so kaputt bist."
Ich schloss die Augen. "Schon gut." Meine Stimme war nur ein Flüstern.

Mitleid. Bitte nicht...!

Ich musste das jetzt irgendwie beenden.

"Schon gut, Bill, ...wird schon wieder. Mach dir keine Gedanken... --- Danke, dass du mitgekommen bist. Aber ich komme jetzt wirklich alleine klar. Geh heim zu deiner Frau – und pass auf dich auf. Schick 'ne sms, wenn du zuhause bist."

Ich lausche unzufrieden meiner Rausschmissargumentationskette hinterher.
Nicht so gut...

"Mach’ ich. Gute Besserung."

Ich entlasse ihn schweigend und fühle mich schuldig.

 

Mir wurde jetzt erst so richtig bewusst, dass ich bei dem Versuch, mir einen Start in ein neues Leben vorzustellen, irgendwie völlig versagte.

Warum?

Warum war es so mühsam?

Ich hatte das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Was das Geld anging, war es wie man so sagt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel – ein dummer Spruch, denn auch Sterben ist verdammt teuer heut’ zu Tage… – Was sollte ich mit mir anfangen? Praktizieren? Hausbesuche machen mit Schmerzen und Krücke? "Arzt, heile dich selbst!" Und überhaupt, würde ich dazu je wieder die seelische, die nervliche Kraft haben?

Ich ging zum Schreibtisch, fuhr den Laptop hoch, und trank den Rest Tee aus.

Auf der Seite der BBC1 ging ich die Nachrichten durch.

Das konnte mein Interesse nicht wecken. Nichts neues von den Serienselbstmorden...

Eine kurze aufsteigende Tonfolge kündigte eine sms an.

Bin zuhause. K grüßt dich. schlaf gut. BM 22.23

Du auch, danke! JW 22.24

Ich versuchte, mich mit online-Poker abzulenken - natürlich nur mit Spielgeld (1). Aber ich hätte es vorher wissen können, dass ich in dieser Stimmung einen massiven Downswing haben würde. Der Italiener an meinem Tisch spielte wie ein Irrer und ging fast in jeder Runde preflop all in. Es war nervtötend!

Ich wechselte schließlich von No limit Holdem zu No limit Omaha Hi/Lo - ...die Spieler waren zumindest etwas manierlicher drauf. Aber ich verlor, ganz egal welchen Move ich machte, ob ich eine tight-aggressive Phase einlegte, oder nur limpte, es ging fast jedes Mal schief. Dreimal hatte ich zwei Asse und dazu einmal zwei mittlere suited Connectors, aber auch diese viel versprechenden Starthände wurden gecrackt. Auch die Laydowns stellten sich viel zu oft als Fehlentscheidung heraus. Ich war on tilt.

Dann fingen die beiden Rumänen am Tisch an zu chatten. Mein Nickname fiel, den Rest verstand ich nicht.

Frustriert hackte ich ins Eingabefeld:

Only english at that table!

Dummkopf

Dummkopf

kam es zurück.

War ja klar...

Ich habe genug.

Ohne mich abzumelden, klicke ich Pokerstars weg.

 

 

 

 

 

 

 

Bei Doyle in A Study in Scarlet wird Murray erwähnt. Es ist aber Stamford der sagt: "Was hast du bloß mit dir angestellt, Watson? (…) Du bist dünn wie eine Ladestock und braun wie eine Nuss!"

 

(1)

kleiner Pokerglossar:
==============

 

 

 

All in – Alles setzen, womit man sich an den Tisch gesetzt hat. (Je nach Regeln, kann man danach Chips nachkaufen – oder auch schon während des Spiel, ehe man pleite ist – aber man darf dabei in keiner „Hand“ sein.)

Ass – Höchster Kartenwert, aber auch als 1 verwendbar: As,2,3,4,5 ist eine Straight (Straße)

Bet – setzen, wetten

Blinds – Pflichteinsätze, letzte Positionen: Zwei Spieler zahlen jeweils blind den halben, bzw ganzen Mindesteinsatz, dann entscheiden die anderen, ob sie mitziehen usw.

Board – die Gemeinschaftskarten, die alle mit ihren Starthänden/Hole Cards kombinieren.

Button – Merkstein, der die Runde macht, um zu markieren, bei wem die Runde beginnt (und wer dealt, falls es keinen Profi-Dealer gibt), letzte Position vor den Blinds

Callen – bei einer Erhöhung mitgehen

Check – mitgehen, wenn nicht erhöht wurde

Club – Kreuz

Connectors – verbundene Karten, also zB Bube, Dame als Starthand – macht eine Straße etwas wahrscheinlicher

Cut off – vorletzte Position in einer Runde

Diamond – Karo

Farbe – die 4 Symbole

Flop – die ersten 3 Karten des Board – werden zusammen aufgedeckt

Flush – alle fünf Karten in einer Farbe, die höchste entscheidet, wenn es mehrere Flushs gibt

Fold – aussteigen (aus der aktuellen Hand!)

Fullhouse – Drilling und Paar, der Wert des Drillings zählt mehr

Hand – die optimale Fünferkombination, die sich für einen Spieler aus seines Starthand und den
Gemeinschaftskarten herausholen lässt – bzw, die Runde, in der man diese Kombination aufbaut/hat.

Heads Up – Poker zu Zweit

Hijack – "Entführen" drittletzte Position in der Runde

Information bet – kleine Erhöhung, nur um zu sehen, ob jemand von den anderen überhaupt meint, er hätte ein gutes Blatt...kann aber nach hinten los gehen – oder auch ein Bluff sein...

Jack – Bube

Laydown – Entscheidung, die Hand abzulegen...nicht einfach, wenn man vorher schon Geld gesetzt hat...

Mainpot – Hauptgewinn. Dann gibt es auch einen Sidepot: Passiert, wenn bis zuletzt mindestens drei Spieler in einer Hand dabei bleiben und mindestens einer davon nicht mehr den kompletten Einsatz aufbringen kann.

On tilt – stinksauer ist ein Spieler wegen Pechsträhne...

Overcard – Karte auf dem Board, die höher ist als meine.

Passen – aussteigen

Pocket... – Wenn jemand als Starthand ein Paar hat, redet man zB von
Pocket-Kings usw.

Pot – aktuell auf dem Spiel stehender Betrag

Rainbow – Flop in drei Farben

Raise – Einsatz erhöhen

River – 5. und letzte Board-Karte

Sidepot – siehe Mainpot

Splitpot – bei gleichwertigen „Händen“ wird der Pot geteilt

Stack – Das Vermögen, das man innerhalb des Spiels hat

Starthand – beim No Limit Texas Holdem, die zwei Karten, die der Spieler zu Beginn jeder Hand bekommt  

Straight/Straße – Ass,2,3,4,5 (kleinste) oder 10, Jack, Queen, King, Ace (größte) – und alles dazwischen wie 6,7,8,9,10. Man kann aber nicht über das Ass hinwegzählen! (also Dame, König, Ass, 1, 2 geht nicht)

Suited – zueinander passend, in einer Farbe

Tell – unfreiwillige, meist unbewusste, nervöse Geste/Unart, die den Spieler verrät wenn er blufft, oder ein gutes Blatt zu verbergen sucht

tight – beherrscht. Jemand, der sich im Spiel sehr zügelt spielt so

Turn – 4. Board-Karte

'under the gun' – 1. Position, in der ein Spieler entscheidet, ob er mitgeht, erhöht oder aussteigt

 

 

Afghanistan oder Irak?

 

 

 


„Ja, der ist immer so“, hatte Stamford schmunzelnd gesagt. Ich muss sehr verblüfft und irritiert ausgesehen haben. Ich versuchte das Geschehene irgendwie in meinem Gehirn unter zu bringen.
„Was – was war das da – grade mit der – Reitgerte?“ –
„Oh, ich bin sicher, er hat damit eine Leiche bearbeitet…“, erklärte Mike – immer noch mit diesem Dauerlächeln.
„W-Was!“ stammelte ich, dann – meldete sich mein Gehirn zurück und erinnerte mich an eine Pipette, ein  Mikroskop... –  und an das, was mir Mike schon erzählt hatte.
„ – zu forensischen – Tests?“ brachte ich hervor.
Stamford lachte nur: „Ich denke nicht, dass er nekrophil ist oder so!“ Mike kicherte.
„Also Mediziner?“
"Soweit ich weiß, ist er graduierter Chemiker. Er ist gut in Anatomie und so. Aber soweit ich weiß, hat er nie ordentlich Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich planlos und exzentrisch in seinen Studien, aber er besitzt in verschiedenen Wissenschaftszweigen eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte."
"Hast du ihn nie danach gefragt, was er eigentlich macht?"
"Nein – er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen lässt; aber er kann bisweilen sehr mitteilsam sein, wenn er in der entsprechenden Laune ist. – Achja, und er ist so was wie eine Kriminalchronik auf Beinen!"
"Wie zum Teufel konnte er wissen, dass ich in Afghanistan gedient habe?"
Mike lachte verschwörerisch. "Schon mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge herausfindet. Er besitzt eben eine besondere Gabe."
"Aha, es steckt ein Geheimnis dahinter", freute ich mich, "das ist ja hochinteressant. Ich danke dir wirklich für diese neue Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer der Mensch."
"Du musst ihn studieren“, entgegnete Stamford. "Du wirst feststellen, er ist eine harte Nuss. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn."

Wir verabschiedeten uns und ich fuhr mit der Tube zurück, noch halb benebelt von diesem Zusammentreffen. Mike war unsicher gewesen, mir IHN als WG-Genossen vorzuschlagen. Aber weil er uns beide innerhalb weniger Stunden hatte sagen hören, dass uns wohl kaum jemand als Mitbewohner würde haben wollen, hatte er sich dazu durchgerungen. Aber er hatte mich gewarnt: "Du darfst mir nicht die Schuld geben, wenn du nicht mit ihm klar kommst, ich möchte dir weder zu- noch abraten."
"Wenn wir nicht miteinander auskommen, sollte es kein Problem sein, die Zweckgemeinschaft wieder aufzulösen. Du scheinst mir deine Hände in Unschuld waschen zu wollen, es muss noch etwas anderes dahinter stecken. Was ist so seltsam an dem Burschen? Heraus damit?“
"Es ist nicht leicht, das Unaussprechliche auszusprechen; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzu sehr ergeben. – Das grenzt schon an Kaltblütigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, dass er einem guten Freund eine Prise des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungsdang – um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso bereitwillig würde er freilich die Probe an sich selber machen, das muss ich gerechterweise zugeben. (*) Überhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Passion; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der Himmel..."

Mike hatte mich neugierig gemacht und meine Erwartungen waren weit überboten worden. In meinem Apartment setzte ich mich auf das Bett. Ich versuchte meine Gedanken zu sortieren – irgendwie hatte mich dieses Zusammentreffen mental grade wie ein Doppeldeckerbus überrollt… - Ach ja…wozu hatte er sich eigentlich mein Handy geborgt?
Warum er lieber simste als zu telefonieren, glaubte ich verstanden zu haben: Da konnte man kurz angebunden sein, es sparte Zeit, lästige Höflichkeitsfloskeln entfielen.
Ich hatte mich zu der Nachricht durchgeklickt: „Wenn Bruder grüne Leiter hat, Bruder verhaften. SH“

Okay, jetzt bin ich glaube ich wirklich von ihm angefixt! ging es mir durch den Kopf. Und dann konnte ich nicht anders, ich musste Sherlock Holmes einfach googlen.

Ja, er hatte eine Seite! Unfähig, alles zu erfassen, weil ich mich dort viel zu hastig umsah, überraschte mich zunächst am meisten, dass ich tatsächlich schon die Antwort darauf bekam, was es mit der grünen Leiter auf sich hatte.  

Ein Mann war gestorben, weil der Mörder wusste, dass sein Opfer abergläubisch war und nie unter einer Leiter durchlaufen würde?
W-was!?...

Im Forum fand ich folgendes:

SH

FALSCH! FALSCH! FALSCH! FALSCH!!

G Lestrade
DANN HILF UNS! DA STERBEN MENSCHEN, SHERLOCK!

Lestrade? Den Namen hatte ich doch gelesen! Ich fügte Holmes Seite zu meinen Favoriten hinzu und klickte die Online-news an… genau, wusste ich’s doch: DI Gregory Lestrade! Er ermittelte in diesen Serienselbstmorden…

 

Ich kehrte zu der Seite von Holmes zurück. Irgendwann schwirrte mir der Kopf von all dem, was ich da fand. Ich brauchte eine Pause…

„1. Ich beobachte alles.
 2. Aus meinen Beobachtungen kann ich alles folgern
 3. Wenn ich das Unmögliche ausgeschlossen habe, was auch immer übrig bleibt, so   verrückt es auch scheinen mag, muss die Wahrheit sein. …“

Aber mein Gehirn machte keine Pause. Es zappte bloß in einen anderen Kanal. Aber da lief auch Sherlock Holmes:
Als ich hinter Mike ins Labor humpelte, sah ich einen Typen – unpassender Weise im schwarzen, schmal geschnittenen Anzug, aber ohne Schlips  –  blass mit dunklen Locken. Er sah nur kurz auf und fragte Mike übergangslos, ob er sein Handy borgen könne. „Was spricht gegen das Festnetz?“ fragte Mike „Ziehe SMS vor.“ Als Mike feststellte, dass er sein Handy nicht griffbereit hatte, bot ich meines, oder besser gesagt, Harrys an. Er dankte mir – ein wenig …überrascht, erfreut, aber dennoch sehr kühl und kam vom anderen Ende des langen Tisches zu mir herüber und ich konnte sehen, dass er hoch gewachsenen und schmal gebaut war. Um die leichten elastischen Schritte beneidete ich ihn. Er nahm mein Handy und mir fiel auf, dass er keine Latexhandschuhe trug, ein Signal ertönte, als er das Menü bediente – und dann hörte ich „Afghanistan oder Irak?“ Ich war irritiert, wollte nachfragen – aber da kam eine blonde Labormaus herein und brachte ihm einen Becher Kaffee. Er bedankte sich knapp und fragte, was aus ihrem Lippenstift geworden sei und auf ihre verlegene Antwort widersprach er ihr, dass das eine große Verbesserung gewesen sei, ihr Mund sei zu klein… - Was für ein  Charmebolzen! Mit nach unten gezogenen Mundwinkeln trollte sich die schüchterne Maus, als sei sie ein derartiges Verhalten schon gewohnt. Armes Mädchen...
Er ging zurück an das andere Ende des Tisches. Dann überfiel er mich plötzlich mit der Frage, was ich von Geige hielte und dass er manchmal tagelang nicht rede, ob mich das stören würde? Und dann sah er mich an und meinte, als potentielle Mitbewohner sollten wir das Schlimmste voneinander wissen. Zum Ende der Phrase, die irgendwie klang, als hätte er sie in einem Ratgeber gelesen, folgte ein künstliches – aber irgendwie – nichtsdestoweniger – reizendes Lächeln.
Ich sah Mike an und stellte fest, dass er uns wohl schon die ganze Zeit schmunzelnd beobachtet hatte. Nein, er hatte ihm nicht von mir erzählt. Tja, wann denn auch…
Es war Wahnsinn! Ab da kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er überging ohne jede Entschuldigung meine Frage, woher er wissen könne, dass ich vor kurzem noch im Einsatz gewesen sei und nannte mir den Besichtigungstermin – wollte er nicht auch meine Gewohnheiten wissen? Indem er sich in einen langen antrazitfarbenen Mantel schwang und einen Schal umlegte, leierte er beiläufig und monoton praktisch meine und Harrys Lebensgeschichte herunter, ungerührt erwähnte er, dass Harry trank und 'seine' Frau verlassen hatte und all das kam von seinen geschwungenen Lippen, ohne dass er seine Augen von mir nahm… Mir wurde klar, dass ich ihn endlos angestarrt haben musste, ihn und diese elektrisierenden, hellblaugrauen Augen…

 

Ich schrieb in meinen Blog, versuchte Ihn mit meinen ungeübten Worten zu skizzieren. Es war schwierig…nein, es war kaum zu bewältigen! Ich begann zu verstehen, was Mike mit dem Unaussprechlichen gemeint hatte!
 

 

29th January

 

Ein seltsames Zusammentreffen

 

Ich weiß nicht, ob ich darüber schreiben soll. Ich bin überhaupt kein Schreiberling. Ella meinte, einen Blog zu führen, könnte helfen – aber es half nicht; weil ich sowieso nichts mehr erlebe – aber heute hab ich! Ich habe was erlebt.

Ich ging durch den Park und traf Mike Stamford, er war ein Kommilitone von mir. Wir holten uns einen Kaffee  und ich erwähnte, dass ich umziehen müsste. Er sagte, er kenne jemanden in der gleichen Situation. So gingen wir ins Barts und er stellte uns einander vor.

Das heißt: nein, tat er nicht. Er hat uns nicht vorgestellt. Der Mann wusste, wer ich war. Irgendwie wusste er alles über mich. Er wusste, dass ich in Afghanistan gedient hatte, dass ich und als Invalide zurückgekehrt war. Er sagte mein Hinken sei psychosomatisch, und er bekam zwar nicht alles heraus, aber er wusste sogar, warum ich gekommen war, obwohl Mike es ihm nicht erzählt hatte.

Ich habe ihn gegooglet und hier ist ein Link zu seiner Website:

http://www.thescienceofdeduction.co.uk/

Es ist verrückt, ich glaube, er ist verrückt. Er ist ganz sicher arrogant und wirklich total unhöflich, er sieht aus wie 12, wirklich ein bisschen wie ein Schuljunge, ja ich bin mir sicher, dass er verrückt ist, aber irgendwie merkwürdig liebenswert. Er war bezaubernd. Das alles war wirklich ziemlich schräg.

Und morgen sehen wir uns diese Wohnung an. Ich und dieser Verrückte. Ich und Sherlock Holmes.

 

Ich klickte auf speichern und wechselte in das Dokument “Nicht für den Blog“, denn ich konnte einfach noch nicht aufhören…

Es war spät geworden. Aber ich war überhaupt nicht müde…

Ich sehe einen seltsamen, faszinierenden Typen, der etwas von einem Teenager hat und den unbezwinglichen Blick einer Katze, sehe schmale weiße Hände, die mir Harrys Handy aus der Hand nehmen und höre eine leise, nachlässig gesprochene Baritonstimme:

„Afghanistan oder Irak?“

„Wie geht es Ihnen mit Geigenspiel?“

„Ich spiele Geige, wenn ich nachdenke…

…manchmal rede ich endlose Tage nicht, würde Sie das beunruhigen?“

Er weiß wohl, dass er sehr beunruhigend sein kann, dachte ich.

„Potentielle Mitbewohner sollten das Schlimmste voneinander wissen…"

 

Kommentare zu meinem Blog kommen rein.

Interessiert mich nicht…

 

Moment, wie viele Kommentare sind das??

 

5 comments

 

Was zum...?!?!
Harry Watson 29 January 19:37

Junge, bist du schwul geworden?
Bill Murray 29 January 20:31

Hahahahaha!! Er doch nicht! So wie er Clara immer angeschaut hat!
Harry Watson29 January 20:34

Was hat sie dazu gesagt??
Bill Murray 29 January 20:41

Ach, das war in Ordnung, Mann, wir reden hier über meinen Bruder!!
Harry Watson 29 January 20:43

 

Also wirklich! Ich schrieb einen sechsten Kommentar:
Könnt ihr euch nicht mailen oder was? Das hier war gedacht, damit ich meine Gedanken sortieren kann.
John Watson 29 January 21:02

 

Ich wartete. Aber da kam nichts. Gut. Ich ging duschen, packte ein paar Sachen.

Als ich wiederkam fand ich:

Du leugnest es also nicht?
Bill Murray 29 January 21:32

Ich bin nicht schwul. Er vielleicht. Ich weiß es nicht. Es ist egal.
John Watson 29 January 21:42

 

Ich packte weiter.

LOL!!
Harry Watson 29 January 22:00

LOL? Du bist 36, Harry. Sechsunddreißig!
John Watson 29 January 22:03

 

Ich klickte den Blog weg.

 

 

 

30. Januar

 

Ich fürchte ich habe von ihm geträumt…beunruhigend. Aber wenigstens nicht Afghanistan… Und ich bin fast sicher, dass ich irgendwann so etwas gesagt habe – wie: „Woher können Sie das wissen?“ - …und „Ich bin nicht schwul!“

 

Ich setzte mich abrupt auf. Das konnte ja heiter werden! Ich wollte nicht, dass die Leute annehmen, ich sei schwul! Nein, ich habe nichts gegen Homosexuelle. Aber, das…

Da klopft es.
Und mir wird schlagartig klar, dass das ein klassisches Patt ist.

 

 

 

 

221b Baker Street

 

 


Da klopft es.

Und mir wird schlagartig klar, dass das ein klassisches Patt ist.

Das nervige Gespräch mit meinem Vermieter hatte mich wenigstens irgendwie wieder geerdet. Zumindest versuche ich es so zu sehen. Warum musste der Besichtigungstermin aber auch erst so spät sein! 19.00 Uhr!

Ich fuhr den Laptop hoch und checkte meinen Blog. Keine neuen Kommentare. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Werden die Leute wirklich anfangen, mich für schwul zu halten, wenn ich mir mit einem anderen Junggesellen die Wohnung teilte? Meine Augen irrten mehr beiläufig über meine Zeilen und – blieben immer wieder an einem Wort hängen. Oh Gott, WIE oft hatte ich Holmes als verrückt bezeichnet? Und wer ist jetzt „wirklich total unhöflich“? Sollte er mich auch gegooglet haben, hatte sich unser kleines Arrangement womöglich schon wieder erledigt!

Noch 11 Stunden. Vielleicht sollte ich sie wirklich nutzen. Halbherzig begann ich zum x-ten Male die Mietangebote zu durchsuchen.  

 

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Für die, die sich mit 221b nicht so auskennen ein kleiner Lageplan des ersten Stocks, der ziemlich gelungen ist:

http://thechickenfox.tumblr.com/post/20555577619/all-four-of-my-pages-for-team-john-of-the-sherlock

Es gibt da aber einige - und - wieso im 2. Stock irgendwie nur noch ein Zimmer - mit Bad? sein soll - wenn das doch noch gar nicht das Dachgeschoss ist...darüber haben sich auch schon einige den Kopf zerbrochen - tatsächlich gibt es sogar noch einen 3. Stock - und vielleicht noch einen Dachboden, der ausgebaut ist??

Sehr Mister Iös...

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31. Januar

 

3.45 Uhr

Sherlock ist eingeschlafen. Ich warte. Ich will ihn keinesfalls wecken. Erst, wenn ich sicher bin, dass er in Tiefschlaf gefallen ist, werde ich hinaufgehen… in das Zimmer, das ich noch gar nicht gesehen habe. Ich weiß nicht mal, ob eine der Stufen knarrt. Hoffentlich quietscht die Tür nicht zu sehr.

 

4.22 Uhr

Sherlock hängt jetzt völlig schlaff auf dem Sofa, seine Atemzüge und die unbeweglichen Pupillen unter den Lidern verraten mir, dass er in Phase drei gelandet ist, der ersten Tiefschlafphase. Diesbezüglich scheint er normal zu sein. Ich breite eine Decke über ihn und schleiche die Stufen hinauf.

Es interessierte mich jetzt nicht wirklich, wie dieses Zimmer aussah, ich musste mich nur kurz orientieren, was wo stand, um nicht etwa später über einen Stuhl zu stolpern. Ich zog nur die Schuhe aus und legte mich auf das Bett. Ich war müde, aber immer noch aufgedreht, Bilder und Wortwechsel aus dieser wahnsinnigen Nacht zuckten durch mein Hirn.

Wir waren um viertel nach zwei höflich aus dem Chinesen hinaus komplimentiert worden und in einvernehmlichem Schweigen die Baker Street entlang gegangen. Unsere Gespräche waren verebbt – wenn man es Gespräch nennen kann, dass ich ihm eine Frage nach der anderen gestellt und er sie in aller Ausführlichkeit mit dieser falschen Bescheidenheit beantwortet hatte, und es sichtlich genoss, ein so aufmerksames Publikum zu haben. Allerdings merkte ich bald, dass ich ihn vom Essen abhielt. Sherlock schien das gar nicht zu registrieren. Mir fiel wieder ein „Atmen ist langweilig…“ – möglicherweise wurde Nahrungsaufnahme auch zur Nebensächlichkeit, wenn er mitten in einem „Spiel“ steckte. Also begann ich längere Pausen einzulegen, und – wann immer er wieder eine seiner Deduktionen beendet hatte, mit einem – wie ich hoffte – beeindruckt wirkenden Schweigen zu reagieren, um ihn nicht zu enttäuschen. Er hatte es selbst gesagt: Es ist die Schwäche des Genies, dass es Anerkennung braucht! O ja...! Ich war hungrig wie ein Wolf und hatte die komplette Portion Hongkongente mit Wok-Gemüse und der Erdnusssoße bald vertilgt, allerdings war vom Reis noch die Hälfte übrig. Sherlock dagegen schien nicht viel Appetit zu haben. Vielleicht war sein Magen keine großen Portionen gewöhnt. Oder konnte es sein, dass ihm doch noch ein wenig die Aufregung den Magen zuschnürte? Moment, sagte ich zu mir selbst: Das ist Sherlock! Es war nicht der Schrecken über die überstandene Lebensgefahr, es war der Adrenalinkick, den es ihm gab, wenn er beweisen konnte, wie clever er war… Wenn er diese Möglichkeit hatte, wurde alles andere unwichtig, egal wie notwendig es gewesen wäre. Ich lehnte mich zurück und sah vor meinem geistigen Auge wieder durch die zwei Fenster in das gegenüberliegende Gebäude, aus dem Dunkel ins Licht, wo ich IHN stehen sah. Meine Erleichterung, dass er noch am Leben war überfiel mich gleichzeitig mit der Verzweiflung darüber, dass ich im falschen Gebäude war! Eine Fifty-fifty-Chance, ein Coinflip - und ich war im falschen Haus! Und er stand da drüben und was er da gegen das Deckenlicht hielt, war zweifellos eine von den verfluchten Giftpillen… Ich versuchte seine Körperhaltung, seine Bewegungen zu deuten…und kam zu dem Schluss, dass ich einfach keine andere Wahl hatte… Wie hatte Sherlock die ganze Zeit bloß überlebt?

„Alles in Ordnung?“ fragte er mich plötzlich. Sicher habe ich besorgt ausgesehen. Ich lächelte ihn an. „Bestens.“ „Sicher?“ „Nur etwas überfressen!“ Ich vermutete, dass er diesmal falsch lag, indem er annahm, dass mir etwas Sorgen bereiten könnte, was ich getan hatte.

Wir erreichten 221b. Mein ganzes Zeug war noch in meinem Apartment, aber was machte das? Sherlock schien zu wissen, dass ich bleiben würde, denn er warf die Tür nicht hinter sich zu, sondern ließ sie offen. Ich ließ mich im Wohnzimmer in einen Sessel fallen. Nachdem Sherlock Mantel, Schal und Jackett abgelegt hatte, holte er wortlos eine Flasche Scotch und zwei Gläser, schenkte uns ein und warf sich dann auf das Sofa. Ich begann mich zu fragen, ob das jetzt eine von diesen Phasen werden sollte, in denen er endlos schwieg. Mir war nicht bewusst, wie lange ich da so saß. Es war in Ordnung mit Sherlock zu schweigen. Es war zwar noch nicht alles gesagt worden und es gab eine Sache über die ich nirgendwo etwas schreiben würde – Moment! Eine Sache und eine Person! Jedenfalls wenn Sherlock nicht übertrieben hatte, was seinen „Erzfeind“ anging.

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Als ich wieder aufwachte war es fast halb elf. Das winterliche Tageslicht erfüllte den Raum, denn ich hatte in der Nacht nicht daran gedacht, die Vorhänge in zu zuziehen. Aber geweckt hatte mich etwas anderes. Eine Geige. Solo. Moment… sollte er das sein? Oder war es eine Aufnahme? Es klang verdammt gut, richtig professionell. In diesem Augenblick – riss die Melodie ab und ich hörte seine mittlerweile schon so vertraute Stimme sagen: „Vielen Dank, Mrs. Hudson, es ist fürchterlich spät geworden, wir sind erst gegen halbdrei zurückgekommen.“ Was Mrs. Hudson darauf sagte, wurde durch die Tür zu sehr gedämpft, als dass ich es hätte verstehen können.

Bald darauf stieg ich hinunter. „Guten Morgen, Sherlock.“ Er legte die Geige behutsam in ihren Kasten und wies auf den Tisch zwischen den Fenstern. Die meisten Kisten hat er auf den Boden gestellt und irgendwie Platz gemacht, für ein kleines kaltes Büffet. „Ah,“ gab ich verstehend von mir „der Imbiss, den du gestern bei Mrs. Hudson – bestellt hast.“ „Aber nur dies eine Mal“, imitierte Sherlock sie mit Fistelstimme, „Ich bin nur deine Vermieterin, mein Lieber, nicht deine Haushälterin!“ Ich muss kichern. „Hör’ auf, sie ist ein Goldstück.“ Wir frühstücken schweigend. Aber ich bin froh, dass er offenbar doch nicht in so eine tagelange Schweigephase gefallen ist. „Du holst deine Sachen?“ vermutet er. „Gute Deduktion“ witzle ich und es gelingt mir nicht ganz seine Stimmlage zu treffen. Er grinst. Ganz kurz nur, um mir zu signalisieren, dass es okay ist, wenn ich ihn aufziehe – jedenfalls in dieser Situation. „Nicht viel vermute ich…“ „Kaum mehr als Marschgepäck. – Was machst du heute? Die Striemen von der Reitgerte untersuchen?“ „Ah, Mike hat es dir gesagt – was hältst du davon?“ Ich versuche lässig auszusehen und zucke die Schultern: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient…“ Sherlocks Lippen zucken in ein ganz kleines Lächeln. Gute Antwort, offenbar! „Dieses... Mädchen mit dem Kaffee himmelt dich an, aber das weißt du ja sicher“, setze ich schnell hinzu, obwohl ich da nicht ganz sicher bin. „Dieses – Mädchen – “ „ – ist Pathologin“, unterbreche ich ihn rasch und freue mich, dass ich ihn damit ein wenig überrasche. „Ich konnte es riechen. Der Rest war leicht.“ „Guter Schuss“, wiederholt er die Worte von letzter Nacht. Mir bleibt fast der Bissen im Hals stecken. Musste er das jetzt sagen! Ich trinke rasch meinen Tee aus und sage: „Ich geh dann mal. Du kannst mir ja simsen, was du machst.“ Ich eile die Stufen hinunter und mir geht durch den Kopf, dass Sherlock eben so aussah, als ob er mich gleich wieder fragen wollte, ob ich in Ordnung sei…

Ich war nicht beunruhigt, von dem was ich getan hatte, es erschreckte mich, was hätte passieren können...

 

Da mein Vermieter nicht da ist, beschließe ich eine Weile zu warten. Im Allgemeinen ist er zum Lunch zurück. Ich nutze die Zeit für meinen Blog

 

31 January

Mein neuer Mitbewohner

 

Gestern Abend habe ich mir die Wohnung angesehen. Sie ist tatsächlich ziemlich anständig. Sherlock war bereits eingezogen, deshalb sah es etwas chaotisch aus, Aber zurzeit empfinde ich das als eine nette Abwechslung von dem, wo ich vorher war.

Und der Verrückte selber? Er ist faszinierend. Arrogant, tyrannisch, pompös. Er ist nicht ungefährlich. Das weiß ich ganz gut. Ich werde mich nicht langweilen und ich zweifle dass wir streiten werden, wer dran ist, die Gasrechnung zu bezahlen oder um die Fernbedienung. Und ja, möglicherweise ist er tatsächlich eindeutig verrückt. Aber er kennt schon mal mindestens zwei gute Restaurants, deshalb ist er nicht so übel.

Tja, wir haben uns rasch umgesehen und mit der Vermieterin geschwatzt. Dann kam die Polizei und bat Sherlock, sich eine Leiche anzusehen, Also kamen wir mit zum Tatort. Dann jagten wir durch London, einem Killer hinterher und Sherlock löste diese Selbstmord-Mord-Geschichte.

Und dann gingen wir in ein großartiges Chinesisches Restaurant, wo in meinem Glückskeks stand: “Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Es ist alles schon mal da gewesen.“ Nach der   Nacht, die ich da hatte, hoffe ich inständig, dass das nicht stimmt.

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Ich krame den Zettel aus der Tasche: “Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Es ist alles schon mal da gewesen.“ Genau. Es irritiert mich, es ist unpassend, denn ich bin zu 99% sicher, dass das keine fernöstliche Weisheit ist. Ich bin sicher, es ist aus der Bibel. Ich google den Spruch: Bingo, da haben wir’s: Prediger 1. Merkwürdig. Sherlock hatte mir nicht verraten, was auf seinem Zettel gestanden hatte. Ich meine mich zu erinnern, dass er den eingeschweißten Keks einfach in seine Manteltasche gesteckt hat. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich hätte es gerne gewusst, vielleicht war es etwas ähnlich Unpassendes.

Es klopft. Diesmal springe ich auf und öffne so rasch, dass mein Exvermieter zusammenzuckt. „Ich ziehe aus“, platze ich heraus. Dann erst…“Guten Tag, ’tschuldigung…“ Meine Wunderheilung irritiert ihn. Grinsend lasse ich ihn rein, gebe ihm einen Umschlag mit der restlichen Miete und wir wickeln rasch die Übergabe ab.

 

Als ich nachhause zurückkomme – seltsam – ich denke von 221b schon als Zuhause… – ist Sherlock nicht da. Keine Nachricht. Mein Handy war an. Keine SMS. Auch gut.
Ich bringe meine Sachen nach oben, fahre den Laptop hoch und checke meinen Blog.

 

5 comments

WWas!? Geh an dein Telefon!!!
Harry Watson31 January 13:46

Bitte, gehen Sie an Ihr Telefon!
E Thompson 31 January 13:48

Ich habe nicht mitbekommen, dass du einen Blog schreibst. Ich hätte dich nicht als einen Typ dafür eingeschätzt. Und wegen dem was mit Sherlock passiert ist: das überrascht mich kein bisschen. Viel Glück, Junge!
Mike Stamford 31 January 13:56

Was ist mit dir los? Ich hab irgendwas im Fernsehn gesehen. Warst du das?
Bill Murray 31 January 14:12

Ernsthaft, John! Was passiert da? Bist du in Ordnung?
Harry Watson 31 January 14:16

 

Irgendwie habe ich überhaupt  keinen Nerv zu reagieren. Ich steige in den ersten Stock hinab und bleibe im Wohnzimmer, wo es immer noch chaotisch aussieht, stehen. Der Frühstückstisch ist nicht abgeräumt, nicht mal die Milch ist in den Kühlschrank gewandert, ganz zu schweigen, von den anderen Resten. Das könnte ein Problem werden. „Für diesmal“, denke ich und räume die Reste in den Kühlschrank – er ist praktisch leer. Wir brauchen Frischhalte-Folie. Spülmittel… Fast alles! Ich durchsuche die Schränke. Chemikalien… oh, Tee, immerhin.

Als ich den Abfall wegwerfen will, fällt mir eine kleine rote Folie auf: Sherlock muss seinen Glückskeks heute Morgen verspeist haben. Wo ist der Zettel? Wieso sollte er den Zettel aufheben…? Es sei denn…  – Mein Puls beschleunigt sich. Ich habe auf einmal ein verdammt ungutes Gefühl.

Ich stürze auf die Straße und renne zu dem Chinesen. Ich erreiche den Eingang keuchend, zwei Hände, die meine Arme am Bizeps packen bremsen mich. Sherlock steht vor mir und hält mich mit fast durchgestreckten Armen auf Abstand. Gute Reaktion… Er lässt mich los, mustert mich. Ich versuche nicht so heftig nach Atem zu ringen – er soll das nicht sehen –  aber es geht nicht anders. „Sag schon, was drinsteht!“ belle ich zwischen zwei Atemzügen. „Lass uns gehen.“

Auf dem gemächlichen Rückweg, versuche ich ihn zu lesen …angespannt…besorgt…?
Seine Stimme hat kühl geklungen, aber auch irgendwie müde... Wahrscheinlich wurmt es ihn, dass er den Spuch nicht schon letzte Nacht angesehen hat.

Er betritt 221b, ich folge ihm. In der Küche nimmt er eine Beweismitteltüte aus der Küchenschublade und gibt sie mir.
„Sie haben einen Fan! M.“
Erleichtert lache ich auf: „Das war es - ?“ Aber dann merke ich, dass Sherlocks Lachen leicht verzögert ist – und – Moment…! „M? M? Du meinst - ? Sherlock? Hast du mir alles erzählt? Habe ich irgendwas nicht behalten?“ Sherlock beginnt durch das Zimmer zu tigern. „Jefferson Hope sagte, ich hätte einen Fan, im ersten Moment dachte ich, er redet von sich selbst…“ Das mulmige Gefühl kehrte zurück. Um vieles stärker. Eine kriminelle Organisation oder ein mysteriöses Verbrechergehirn, das die Mittel hatte, einen Serienmörder zu sponsorn – war – Sherlocks – Fan...!
„Moriarty…“, brachte ich hervor und musste feststellen, dass ich mich so anhörte, wie ich mich fühlte. Ich beeilte mich, in die Küche zu kommen und ein Glas Wasser zu trinken. Ich wollte jetzt nicht noch mal von Sherlock gefragt werden, ob ich in Ordnung sei.

Als Sherlock neben mich an die Spüle trat, hatte er Mantel und Schal abgelegt. „Was stand bei dir drin?“ „Nichts Beunruhigendes…“ – ich krame den Zettel hervor – „nur…irritierend. Nicht grade sehr chinesisch… Prediger 1“ Er nimmt ihn mir aus der Hand. Aus seinem abwesenden Blick schließe ich, dass er sich ins Gedächtnis zurückruft, wer uns – und wie – die Glückskekse gebracht hat. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung – um die Uhrzeit war ich schon viel zu entspannt und zu abgelenkt gewesen. Aber ich bin sicher, Sherlock hat noch alles vor Augen. Ich bleibe reglos stehen, um ihn nicht zu stören.
Schließlich bewegt er sich. „Sherlock?“ „Hättest du etwas dagegen, heute noch mal zum Chinesen zu gehen – und Geld sollte nicht das Problem sein.“ „Ich…naja, wenn du zahlst, sieht es wieder aus wie ein – Date…“ Da sehe ich auf einmal mein Portemonnaie in seinen Händen. „Du – du Taschendieb…“ Er schiebt zwei 50 Pfund Scheine hinein. „19 Uhr Okay für dich?“ Ich nicke. „dann bestell den Tisch. Und geh einkaufen.“