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(Morgen)grauen

Summary:

Hat sie in dieser Nacht überhaupt eine Sekunde geschlafen? Oder in der davor? Es will ihr beim besten Willen nicht mehr einfallen. Alles hat an Bedeutung verloren; Schlafen, wach sein, die Dinge dazwischen.

Vor der Entführung ist sie irgendwie noch klargekommen, aber seitdem…

Und jetzt ist schon wieder Sommer.
Schon wieder Sommer ohne Mara.

— Oder: Pia, früh am Morgen, allein mit ihren Gedanken auf dem Dach des Präsidiums.

Notes:

Nachdem ich beim MOP war, hat mich Pia und ihre Geschichte einfach nicht mehr losgelassen. Aber keine Sorge, hier sind keine Spoiler zu „Das Böse in dir“ enthalten (only if you squint ;)).

Kurze CW vorab: Pias Gedanken driften in eine suizidale Richtung ab. Es passiert nichts, aber die Gedanken sind da. Read with care. 🫂

Work Text:

Manchmal verfolgt die Vergangenheit einen bis ins Grab.

 

Der Gedanke zerrt an Pia wie der frühmorgendliche Wind an ihrer zu dünnen Jacke. Um diese Zeit ist das Dach des Präsidiums der ausgestorbenste Ort der Welt. Und der einzige, an dem sie nicht konstant das Gefühl hat, jeden Moment von ihrer eigenen Innenwelt zerfleischt zu werden. Da lauern Gespenster in ihr, als würden sie nur darauf warten, dass Pia auch nur einen einzigen Moment lang unaufmerksam ist. Und dann kriechen sie aus allen Ecken. Sie kann das nicht zulassen, darf das nicht zulassen.

 

Ein einsamer PKW rauscht brummend über die Schnellstraße. Stadtauswärts. Ein bisschen eifersüchtig auf den Fahrer oder die Fahrerin ist Pia schon, aber sie kann genauso wenig raus aus Saarbrücken, wie raus aus ihrem eigenen Kopf.

 

Hat sie in dieser Nacht überhaupt eine Sekunde geschlafen? Oder in der davor? Es will ihr beim besten Willen nicht mehr einfallen. Alles hat an Bedeutung verloren; Schlafen, wach sein, die Dinge dazwischen.

 

Vor der Entführung ist sie irgendwie noch klargekommen, aber seitdem…

 

Und jetzt ist schon wieder Sommer.

Schon wieder Sommer ohne Mara.

 

Der Gedanke durchzuckt sie wie ein Blitz und sie muss kurz die Augen zusammenkneifen, obwohl da noch gar keine Sonne oder sonst irgendein Licht ist, das sie blenden könnte. Als sie eben an ihrem Schreibtisch saß und die Wände immer näher kamen, bis sie zitternd und schweißgebadet beschloss, dass es Zeit fürs Dach ist, hat ihr Laptop 03:55 Uhr angezeigt. Wie lange ist das jetzt her?

Zehn Minuten? Zwanzig?

 

Der blaugraue Himmel verfärbt sich im Osten schon langsam orange. Nicht mehr lange, dann geht die Sonne auf, dann füllen sich die Straßen, dann ist bald schon 8 Uhr und Esther bringt Hörnchen mit und Leo fragt, ob sie überhaupt zuhause gewesen ist und sie lügt ihn an, nicht zum ersten Mal, und sie widmen sich wieder irgendeinem Fall, bis Leo sie alle pünktlich in den Feierabend schickt und damit den Dämonen, die in ihr lauern, freie Fahrt lässt.

 

Nur Adam, der guckt sie manchmal so an. Er fragt nie nach, aber sie sieht‘s in seinem Blick, dass da was in ihm arbeitet. Dass er der scheinheiligen Fassade nicht traut, die sie ohnehin kaum noch aufrechterhalten kann.

 

Pias Beine tragen sie ganz von allein zum Rand des Daches. Sie sieht hinunter auf ihre Füße in den ausgeleierten braunen Chucks, Füße, die zu ihrem Körper gehören, aber irgendwie auch nicht. Irgendwie fühlt sich gar nichts mehr so richtig nach ihr an, seit der Entführung.

 

Und zum tausendsten Mal fragt sie sich, was mit ihrer Schwester geschehen ist.

 

Die Was wenn‘s stapeln sich in ihrem Kopf immer höher und höher zu Türmen und Bergen, die alles andere überragen, das sie je gekannt hat. Das ihr je etwas bedeutet hat.

 

Da ist nur noch Mara und dieser endlose Schmerz der Ungewissheit.

 

Denn auch Mara könnte entführt worden sein. Auch Mara könnte heute vielleicht irgendwo stehen und sich disconnected von ihrem eigenen Körper fühlen, weil ein einziger Tag, ein einziges Ereignis etwas in ihr unwiderruflich aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

 

Schlimmer noch, Mara könnte sich immer noch in der Gewalt irgendeines Psycho-Entführers befinden. Seit Jahren. Pia ist ja nicht dumm. Seit Natascha Kampusch gibt es kaum noch etwas, das sie für unmöglich hält.

 

Esther ist es gewesen, die eines späten Abends vor ein paar Jahren zu ihr sagte: „Ich weiß, du willst das nicht hören, Spätzchen. Aber… was, wenn sie einfach abgehauen ist? Gibt Menschen, die ziehen sowas knallhart durch.“

„Mit 16?“ Pia weiß noch, wie skeptisch sie ihre Kollegin damals angeschaut hat.

„Gibt Menschen, die ziehen sowas durch“, hat Esther nur wiederholt und dann so einen seltsam grüblerischen Ausdruck in den Augen bekommen, als wüsste sie ganz genau, wovon sie sprach.

 

Pia hat versucht, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Wirklich. Hat versucht, sich damit zu trösten, hat sich ausgemalt, wie Mara in Südfrankreich auf einem Bauernhof lebt, in Marseille in einer Bar jobbt, oder in den Wellen des Mittelmeers schwimmt.

Doch egal, wie oft sie das durchgegangen ist, wie oft sie sich für ihre kleine Schwester das schönste aller Leben gewünscht hat; es würde nicht zu ihr passen, sich nicht bei Pia zu melden.

 

Sie kann sich noch gut an Maras ersten Liebeskummer erinnern, an ihr Engagement gegen Mobbing in der Schule und den Tag, an dem sie sie per Videocall – damals noch über Skype – anrief und ihr eigentlich blondes Haar plötzlich feuerrot auf Pias Laptopbildschirm leuchtete. Die Farbe hob ihre Sommersprossen hervor und Pia war sich sicher, ihre Schwester noch nie so glücklich gesehen zu haben.

„Steht mir, oder?“, hat sie gefragt.

„Steht dir ausgezeichnet.“

 

Zwei Monate später ist Mara verschwunden.

 

Elf einhalb Jahre später steht Pia auf dem Dach des Saarbrückener Polizeipräsidiums und fragt sich zum millionsten Mal, was sie übersehen hat. Denn da muss es irgendwas geben.

 

Einfach alles hat Mara mit ihr geteilt. Und sie ist fröhlich gewesen und klug, hat Träume gehabt, die sie sicher aus dieser Stadt hinausgeführt hätten, aber nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne auch nur den kleinsten Abschiedsbrief. Nicht mit 16. Nicht alleine.

 

Nein, Esther liegt bei dieser Sache falsch. Mara ist irgendwas zugestoßen. Und Pia zerbricht langsam daran, dass sie dieses Rätsel nicht lösen kann. Nicht der geringste Hinweis, nicht die schwächste Spur, ganz egal, wie oft sie sich die Nächte um die Ohren haut mit Akten von vergleichbaren Vermisstenfällen.

 

Eine feine Gänsehaut bildet sich auf Pias Armen, wandert ihren Rücken hinab, als der Wind zunimmt. Sie atmet einmal tief ein und aus.

 

Manchmal glaubt sie, sie kann das hier alles nicht mehr. Diese endlose Suche nach Antworten; die schlaflosen Nächte; die Tabletten, die sie wach halten, aber alles andere betäuben. Das Leben.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass sie hier am Abgrund steht. Ein einziger weiterer Schritt würde genügen und sie—

 

Pia weiß, dass sie über sowas nicht nachdenken sollte. Es vor allem nicht ernsthaft in Erwägung ziehen sollte. Es definitiv mit ihrem Therapeuten besprechen sollte. Aber jedes Mal, wenn sie dort in diesem Stuhl sitzt, schnürt es ihr die Kehle zu. Und immer wenn sie hier oben steht und vertrocknete Zigarettenstummel über die Kante kickt, bekommt sie zumindest für ein paar Minuten das Gefühl, dass ihr die Kontrolle über ihr Leben noch nicht ganz entglitten ist.

 

Denn sie denkt über den Sprung nach, seit sie das erste Mal hier stand. Und sie entscheidet sich dagegen. Wieder und wieder und wieder. Obwohl es so verdammt einfach wäre.

Obwohl sie einfach alles so unfassbar leid ist.

 

Auf der anderen Seite der Saar entdeckt sie einen frühmorgendlichen Jogger. Ob der wohl auch so kaputt ist wie sie, dass er zu dieser Stunde schon auf ist?

 

Pias Beine beginnen zu zittern. Ob vor Kälte, oder weil ihr Kreislauf schon wieder im Arsch ist, weiß sie nicht. Vermutlich beides.

Sie ist nur froh, dass Leo sie hier nicht so sehen kann. Der würde ihr sofort Urlaub verordnen, ist sowieso schon die ganze Zeit kurz davor, ihr auch noch die Dienstfähigkeit für die Büroarbeit zu entziehen. Er hat keine Ahnung, dass das ihr Ende wäre. Dass sie sich an die Arbeit klammert, als wäre das der letzte Strohhalm.

 

Der Jogger verschwindet aus ihrem Blickfeld und sie ist wieder allein auf dieser Welt. Irgendwann muss sie mit Leo darüber sprechen. Esther und Adam lügen beide schon für sie, das kann nicht ewig so weitergehen.

 

Aber Pia weiß auch, dass sie Mara finden muss. Um jeden Preis.

 

Ihre kleine wunderbare Schwester mit den großen Augen und dem blühenden Herzen. Tränen brennen in Pias Augen, wie immer wenn sie daran denkt, dass Mara heute 28 ist.

 

Falls sie noch ist.

 

„Ich finde dich“, flüstert Pia in den Himmel und blinzelt die Tränen fort, „Das versprech‘ ich dir.“

 

Und dann entscheidet sie sich erneut gegen den Sprung und kehrt zurück an ihren Schreibtisch, während die Sonne das erste Mal über den Horizont blinzelt.