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bring mich nach hause (ich schaff es nicht allein)

Summary:

An einem sonnigen Mittwoch im März wird Adam wegen Mordverdacht festgenommen, und Leo ist derjenige, der ihm die Handschellen anlegt. Er sagt sich, dass er damit Zeit kauft - Zeit, um die Wahrheit ans Licht zu bringen; Zeit, in der Adam nicht Gefahr läuft, von staatlich sanktionierten Waffenträgern niedergeschossen zu werden. Alles, was sie brauchen, ist Dennis Weidmanns Aussage.

Aber Dennis Weidmann schweigt.

***

Eine canon-divergence AU zu HdS.

Notes:

ja hallo ich bin’s mal wieder. diese fic hat ihren langen werdegang als whumptober prompt begonnen und ist mir seither nicht mehr aus dem kopf gegangen. der plot folgt HdS bis zu dem punkt, an dem boris adam auf der krankenstation im gefängnis konfrontiert und ihm das video zeigt, und biegt dann von da an in eine andere richtung ab. kapitel 2 und 3 sind bereits vollständig geplottet und befinden sich in verschiedenen stadien der mache.

der titel kommt aus einem song: “bring mich nach hause” von betterov.

ein ganz großes danke an gaenseschurke für die beta und den moral support von beginn der idee auf meiner couch im september bis hierher, an Abendsonne für das hype-gespräch beim mop, und an den ganzen discord server fürs ermutigen. :blobcatheart:

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1

Summary:

Tag 7: Trapped with the Enemy / Pushed Beyond Breaking Point

Chapter Text

An einem sonnigen Mittwoch im März wird Adam wegen Mordverdacht festgenommen, und Leo ist derjenige, der ihm die Handschellen anlegt.

Er sagt sich, dass er damit Zeit kauft. Zeit, in der weitere Ermittlungen angestellt werden können; Zeit, in der er jeden Kieselstein von Roland Schürks schmutzigem Vermächtnis umdrehen kann; Zeit, in der Adam nicht Gefahr läuft, von staatlich sanktionierten Waffenträgern niedergeschossen zu werden. (“Bewaffnet und gefährlich”, heißt es im Fahndungsaufruf. Leo wird kurz schwarz vor Augen, als er das liest.) Gemeinsam mit Esther und Pia ermittelt er weiter. Sie nehmen Dennis Weidmann fest, und für den Bruchteil einer Sekunde erlaubt sich Leo einen Funken Hoffnung. Wenn sie ihn dazu bringen können, gegen Modall auszusagen… 

Aber Dennis Weidmann schweigt. Und als Leo zu Adam gehen möchte, ihn anflehen möchte um irgendetwas, das ihnen weiterhilft — da ist Adam schon bewusstlos.

Zeit, lernt Leo, ist nutzlos ohne Strategie. Sie haben keine Spuren, keine Beweise, keine Zeugen. Weidmann verweigert jede Einigung, die keine Strafmilderung beinhaltet. Esther verhört ihn zuerst, dann Pia. Dann wieder Esther. Dann, weil sie ihn für eine Minute allein im Überwachungsraum lassen, Leo. Diese spezifische Eskapade endet damit, dass er mit sofortiger Wirkung vom Fall Reuters abgezogen wird. Er verbringt zwei Stunden damit, reglos auf seinen Computerbildschirm zu starren. Aktenarbeit, das hat ihm der Chef verordnet, vielleicht kommen Sie dann wieder in der Realität an.

Realität. Aktenarbeit, Papierkram, Bürokratie, Adam hinter Gittern.

Wenn das die Realität ist, dann will er sie nicht.

Irgendwie bringt Leo den Tag zu Ende. Kurz vor Dienstschluss geht er noch an den Kopierer, es gibt ja so viel Aktenarbeit zu erledigen in der Mordkommission. Ein paar Blätter Papier wandern unauffällig in seine eigene Tasche. Fürs Home-Office. Er verabschiedet sich mit einem stummen Klopfen auf den Schreibtisch von Pia, würdigt Esther keines Blickes, und fährt nach Hause. Früh am nächsten Morgen ruft er in der Personalabteilung an und lässt sich für den Tag beurlauben. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zum nächstgelegenen Mediamarkt, wo er sich ein billiges Handy kauft, das er in bar bezahlt. Und dann geht er an die Arbeit.

In den nächsten Wochen dreht Leo die Vergangenheit von Jens Modall auf links. Er fährt quer durch Deutschland, um mit Menschen zu reden, die auch nur flüchtig Kontakt mit ihm hatten: Häftlinge, alte Klienten und Kanzleipartner, sogar ein Studienfreund schafft es auf die Liste. Die meisten schlagen ihm die Tür vor der Nase zu. Leo beißt die Zähne zusammen und sucht weiter. Die ersten paar Nächte nimmt er sich billige Hotelzimmer, wo auch immer er sich gerade wiederfindet, aber er hält die Stille nicht aus, schreckt unweigerlich schweißüberströmt aus einem unruhigen Schlaf auf, bis er sich in den frühen Morgenstunden wieder hinter das Lenkrad setzt. Stillstand ist Tod. Stillstand ist Adams Tod. Er stiehlt sich einzelne Stunden Schlaf an Autobahnraststätten, duscht für zehn Euro an Tankstellen, bleibt in Bewegung.

In Saarbrücken halten Pia und Esther die Stellung. Sie schustern einen notdürftigen Observationsplan zusammen und schlagen sich genau wie er eine Nacht nach der anderen um die Ohren. Ab und an telefoniert Leo mit Pia, gibt Informationen weiter und hört sich knappe Updates an. Mit Esther spricht er kein einziges Mal. Trotzdem hilft sie bei der Recherchearbeit und lässt Pia ihre dürftigen Ermittlungserfolge an Leo weitertragen. “Es tut ihr wirklich leid”, sagt Pia einmal zu ihm, ganz leise, und er muss sich davon abhalten, ihr direkt ins Gesicht zu fauchen, was er davon hält. Esthers Reue holt Adam nicht aus dem Knast; Esthers Reue gibt ihm keinen handfesten Beweis zu Modalls Involvement im Fall Cora Reuters; Esthers Reue ist wertlos. Nur ihre Arbeit, die ist das nicht. Vielleicht sind sie da ähnlicher, als sie es gerne hätten, Esther und er.

Er nimmt Urlaub, nimmt Überstunden, und als all diese freien Tage aufgebraucht sind, holt er sich eine offizielle Krankmeldung. Es ist noch nicht mal schwer. Sobald er bei seinem Hausarzt sitzt und für den Bruchteil einer Sekunde zu erkennen gibt, wie es ihm geht, unterschreibt der Mann ihm zwei Wochen Freistellung. “Ich schlafe nicht mehr”, sagt er, nüchtern und gefasst in diesem unbequemen Bürostuhl. “Mein bester Freund ist verhaftet worden, weil er seinen Vater umgebracht haben soll, und ich bin daran schuld, dass er nicht frei kommt. Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, ob er’s nicht doch getan hat. Ich darf ihn im Gefängnis nicht besuchen. Ich glaube, er will mich auch nicht sehen. Mein Team denkt, ich hab den Verstand verloren, und vielleicht haben sie Recht.” 

Kurz darauf ist das Gespräch schon wieder vorbei. Leo steht auf, bedankt sich aufgeräumt. “Oh, und ich bestehe auf das Einhalten der ärztlichen Schweigepflicht”, sagt er im Gehen. “Sonst kümmere ich mich persönlich darum, dass die Ärztekammer davon erfährt. Verstanden?” 

Die Krankmeldung hat er schließlich schon unterschrieben in der Tasche. Und einen neuen Hausarzt kann er sich suchen, wenn die Welt nicht um ihn herum zusammenbricht.

So vergehen die Tage. März wird zu April. Leo kommt zurück nach Saarbrücken und observiert zwei Nächte hintereinander die Kanzlei, nachdem Pia eines Tages beim Telefonieren fast in Tränen ausbricht vor Müdigkeit und Verzweiflung. Wahrscheinlich müsste ihn das Schuldgefühl von innen heraus auffressen, denkt er, die Augen unverwandt auf das hell erleuchtete Fenster im obersten Stockwerk gerichtet. Er tut ihr so viel an damit; er nutzt ihre Empathie schonungslos aus, ihren Drang, ihren Freunden zu helfen. Aber da regt sich nichts in ihm. Da ist nur noch dieses dumpfe Gefühl der Kälte. Am nächsten Morgen findet er einen neuen Anhaltspunkt, von dem er Pia einen kommentarlosen Screenshot schickt. Als sie antwortet, ist er schon wieder auf der Autobahn.

Sie finden eine Handvoll Spuren, mal vielversprechend, mal nicht. Alle laufen sie ins Leere. Leos Liste an potenziellen Quellen wird kürzer. Pia und Esther finden nur marginal mehr Schlaf als er. Sie ziehen an Fäden und hoffen, dass sich etwas bewegt. 

Und dann geht es plötzlich ganz schnell.

Eine flüchtige Bemerkung von Modalls ehemaligem Kanzleipartner. Ein Lieferauftrag für Computerzubehör an eine undurchsichtige IT-Firma. Eine Handvoll GPS-Daten aus dem Auto von Modalls Ehefrau. Ein unregistrierter Zweitwohnsitz inmitten der Weinberge rund um eine französische Kleinstadt. Leo ist zuerst vor Ort. Esther und Pia treffen Minuten später ein, zusammen mit einem SEK-Team in voller Montur: Sturmhauben, Schusswesten, taktische Gewehre. Sein Kiefer verkrampft sich so schwer, dass ihm für die nächsten zehn Minuten kein Wort über die Lippen kommt. Esther weicht seinem Blick aus.

Das Zugriffsteam findet Modall im Keller. Leo ist nicht so dumm, dabei zu sein; er steht draußen, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass seine Fingernägel tiefe Halbmonde in seiner Haut zurücklassen. Seine gewaltsame Zurückhaltung hat zwei Gründe: erstens will er die Beweiskette unter keinen Umständen gefährden. Nur, wenn er komplett die Finger heraushält, kann er sicherstellen, dass ihm keine Schiebung unterstellt wird. Das ganze Präsidium, wahrscheinlich das ganze Saarland weiß, wie weit er sich in den letzten Wochen für Adam Schürk aus dem Fenster gelehnt hat. Polizisten, das ist ihm seit der Ausbildung nur allzu bewusst, lästern mehr als Schulkinder, und ab und an hallt das Echo ihrer Worte bis in den Gerichtssaal.

Zweitens ist er noch nicht sicher, ob er seinen Job nach all dem hier behalten möchte. Aber er will die Brücke nicht verbrennen, während er noch darauf steht.

Modall wird abgeführt und in einen französischen Polizeiwagen verfrachtet. Das SEK verlässt das Haus. Ein überforderter deutscher Polizist spricht mit Modalls aufgelöster Frau. Leo bewegt sich nicht vom Fleck. Endlich, endlich öffnet sich die Haustür, und Pia kommt auf ihn zu. Esther ist hinter ihr, aber sie bleibt mit Abstand zu ihm stehen. Sie hält ihr Kinn oben und ihren Blick starr in die Ferne gerichtet. Es ist ihm egal. Pias Lippen bewegen sich, aber ihre Worte dringen erst Sekunden später zu Leos Ohren durch.

“Wir haben das Video”, sagt sie. Ihr Ton liegt irgendwo zwischen grimmiger Genugtuung, Erleichterung, und purer, knochentiefer Erschöpfung. “Wir haben das Video.”

Ganz kurz denkt Leo, seine Knie werden weich, aber er schafft es doch, die Haltung zu bewahren. Noch nicht, noch nicht. Er macht Druck, besteht darauf, dass das Video sofort zur Staatsanwaltschaft gebracht wird. Darauf wird vorgeschlagen, dass der verehrte Herr Kriminalhauptkommissar doch selber die stundenlange Fahrt nach Saarbrücken antreten möchte, wenn er so unbedingt das Beweismaterial abgeliefert haben will. Ausgerechnet Esther fährt da aus der Haut und stutzt den monsieur le gendarme auf wütendem Französisch zurecht. Letzten Endes einigen sie sich darauf, dass Pia und Esther mit dem USB-Stick voranfahren und Leo ihnen folgt. Er besteht noch auf eine Eskorte, damit ein unbeteiligter Zeuge bestätigen kann, dass er seine Kolleginnen nicht… wer weiß. Erpresst. Mit einem getauschten USB-Stick hereinlegt. Von der Straße drängt. Die letzten Wochen haben ihm beigebracht, dass Menschen sich mehr Untaten ausdenken können, als es Wörter in jeder Sprache der Welt gibt. 

Sie fahren also zu dritt die formlose Kolonne zurück nach Saarbrücken, direkt durch bis zur Generalstaatsanwaltschaft. Der Polizist von der Eskorte hatte eingewendet, dass man um diese Uhrzeit doch bestimmt niemanden mehr dort antrifft, aber das hatten weder Leo noch Esther oder Pia mit einer Antwort gewürdigt. Es sind Anwälte. Die gehen nicht nach Hause; die hängen sich des Nachts an die Decke im Büro und schlafen wie Fledermäuse. 

Und Leo hat keine Zweifel daran, dass er, sobald er da jemanden findet, die Person auch motiviert bekommt, für ihn in die Bresche zu springen. Er hat in den letzten Wochen mit einer Unzahl von Beamten, Zeugen, Juristen und Ex-Häftlingen gesprochen, hat sie innerhalb von Minuten zu sich geholt mit seinen vertrauenserweckenden Augen und seiner auf Hochglanz polierten Dienstmarke, und sobald er sie hatte, wo er sie brauchte, hat er gnadenlos den Finger dorthin gelegt, wo es wehtat. Hat all das getan, was er sich geschworen hatte, nie zu tun; hat gedroht, gelogen, bestochen. Bis sie nichts mehr wollten, als ihn loszuwerden. Irgendein junger Staatsanwalt mit Gel in den Haaren und schief sitzender Krawattennadel ist nichts dagegen.

Um neunzehn Uhr dreiundvierzig verlässt Leo die Generalstaatsanwaltschaft mit einer unterschriebenen Bestätigung des aufgehobenen Haftbefehls. Um zwanzig Uhr zwei steht er auf der Fußmatte des diensthabenden Bereitschaftsrichters und klingelt Sturm. Um zweiundzwanzig Uhr siebenunddreißig (der war stur) bekommt er einen doppelt signierten Antrag auf unverzügliche Entlassung in die Hand gedrückt und wird prompt des Grundstücks verwiesen, sonst ist Ihr Freund nicht der einzige, der Probleme mit dem Gesetz hat, Sie — Leo hört die abschließende Beleidigung nicht mehr. Er ist schon auf halbem Weg zurück zum Auto.

Die Rezeption der Lerchesflur ist von einer jungen blonden Vollzugsbeamtin besetzt. Es könnte dieselbe Person sein, mit der er vor fast drei Wochen gesprochen hat, als er zum ersten Mal versucht hat, Adam zu besuchen. Leo knallt ihr die Dokumente umstandslos vor die Nase. “Hölzer”, sagt er. “Kriminalpolizei. Ich bin hier, um Adam Schürk abzuholen.”

Sie mustert erst ihn, dann die Papiere. “Sie wissen aber schon, wie spät es ist?”

Vielleicht gibt es eine Version von Leo, die in diesem Moment für dieses Theater die Geduld hätte. Vielleicht erinnert er sich sogar noch an eine Zeit, in der er das war. Aber dieser Mensch ist elendig verreckt, in einer Lache von Roland Schürks Blut. 

“Oh, es tut mir Leid, vielleicht hab ich mich nicht klar ausgedrückt.” Leo sortiert betont sorgfältig die Papiere auseinander, schiebt dann ruckartig das oben liegende Blatt über den Tresen und schlägt mit der Hand darauf. Bang. “Hier ist der aufgehobene Haftbefehl.” Bang. “Hier ist der richterliche Beschluss auf Entlassung. Unverzüglich. Soll ich’s Ihnen noch buchstabieren?”

Es ehrt sie, dass sie sich keine Einschüchterung anmerken lässt. “So oder so, Herr Hölzer, es ist einfach nicht möglich, einen Häftling um zehn Uhr nachts noch zu entlassen. Wenn Sie morgen früh wiederkommen —”

“Nein.” Die Worte bahnen sich wie Glassplitter ihren Weg durch seinen Hals; er spuckt sie auf den Tresen, blutig und kalt. “Ich sag Ihnen jetzt, was hier passieren wird, okay? Sie werden Adam Schürk über seine Freilassung informieren, Sie werden ihm seine persönlichen Gegenstände aushändigen, und Sie werden ihn entlassen. Und bis zu diesem Moment werde ich hier stehenbleiben”, er legt den Zeigefinger auf das Pult vor sich, “und Ihnen das Leben zur Hölle machen. Haben Sie mich verstanden?”

“Wenn Sie glauben, dass Sie hier—”

Ob Sie mich verstanden haben!” Diesmal schlägt er mit der Faust auf den Tresen, und hasst sich dafür, wie gut es sich anfühlt, sie endlich zusammenzucken zu sehen.

Ein paar Minuten lang geht es so hin und her, bis sein Gebrüll schließlich den Dienstältesten auf den Plan ruft, einen Mittfünfziger namens Voigt. Mit dem tauscht Leo dann noch ein paar ausgesuchte Worte. Irgendwann wirft der Mann die Arme in die Luft und gestikuliert ihn mit einem zornigen Blick weiter zur Sicherheitskontrolle. Er beäugt ihn argwöhnisch, als Leo sofort das aggressive Gehabe fallen lässt, kampflos seine Waffe abgibt und sich auch dem Abtasten fügt. Aber was soll es ihm noch bringen, sich ungemütlich zu machen? Voigts Hände wandern von seiner Brust zu seinem Bauch, herunter an den Hüften und außen an den Beinen, dann innen wieder hoch. Weit hoch. Guckt dabei kurz auf zu ihm, mit einem lauernden Funkeln in den Augen. Leo schweigt.

Voigt führt ihn in einen fensterlosen Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen. “Sie warten jetzt hier”, sagt er barsch. “Wenn Sie weiter Krach machen, lass ich Sie vom Sicherheitsdienst entfernen, ist das klar?” Leo nickt nur. Gibt ja keinen Grund mehr, Krach zu machen; er ist dort, wo er sein will. Voigt begutachtet ihn einen langen Moment, bevor er sich abwendet. “Machen Sie’s sich bequem. Kann dauern, bis wir den ordentlich aus der Verwahrung raus kriegen.”

Die Welt neigt sich abrupt nach rechts. Leo schiebt die Füße in Schulterbreite, um nicht den Halt zu verlieren, gräbt die Fersen in den Boden. “Hey, hey, warten Sie”, bringt er heraus; schluckt schwer, während Voigt sich wieder zu ihm umdreht. “Verwahrung? Was ist — was haben —”

Voigt seufzt. Wendet sich ab, als wäre diese Frage seine Zeit nicht wert. “Jetzt regen Sie sich nicht wieder auf, es war zu seinem eigenen Schutz. Selbstverletzung wird hier eben nicht toleriert.” Leo öffnet den Mund, ohne zu wissen, was er sagen möchte, doch Voigt kommt ihm wieder zuvor: “Stunde, maximal zwei. Kommt alles auf Schürks Kooperation an. Bis dahin ist Ruhe, verstanden?”

Die Tür knallt ins Schloss. 

Es braucht einige Zeit, bis Leo sich wieder bewegen kann.

Sein Herz hämmert in seiner Brust, jede Kontraktion ein Stromschlag durch seine Adern. Er beginnt, den Raum abzulaufen, langsam und methodisch. Fünf Schritte mal fünf Schritte, so groß ist der Raum, in den Voigt ihn gesteckt hat. Er ist seinem Ziel so nah, dass es sich unwirklich anfühlt. All die Dinge, die er in den letzten Wochen verdrängt hat, auf später aufgeschoben hat in seiner besessenen Zielstrebigkeit, kommen unbarmherzig wieder auf ihn eingeprasselt. Kaltes Metall und Adams klamme Haut unter seinen Fingern. Dieser letzte, Halt suchende Blick über seine Schulter. “Leo, ich war das nicht.” Leos Erinnerungen an diesen Tag verschwimmen in Schlieren von Trauma und Schlaflosigkeit, aber diesen Blick wird er nie vergessen.

Damals, als sie beide noch Kinder waren, da hat Leo immer eine stille Zufriedenheit daraus geschöpft, wie er Adams Gesicht lesen konnte. Die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen hieß, er war angespannt; dieses Zucken in seinem Kiefer, das war Angst. Wenn er sich von innen auf die Unterlippe biss, hieß das, er wollte sich ein Lächeln verkneifen, und wenn er ganz leicht die Lippen spitzte, war er konzentriert. Niemand sonst sah das. Selbst Caro, die sonst ein scharfes Auge für die Emotionen anderer Menschen hatte, hatte die Nase gekräuselt, nachdem Adam zum ersten Mal bei Leo zu Hause gewesen war.  “Der ist gruselig”, hatte sie abschätzend gesagt. “Man kann nie sehen, was er denkt." Leo hatte fast laut losgelacht. Ja, Adam verstand man nicht von Anfang an; das war ein anderes Schriftsystem, ungewohnt, unbequem, undurchsichtig. Aber wenn man nur hinschaute, sich ein bisschen Mühe machte, dann konnte man ihn lesen lernen. Und irgendwann, wenn die Buchstaben sich vor den eigenen Augen in Worte und Bedeutung verwandelten, merkte man plötzlich: Adam war ein Gedicht. Und Leo war der Einzige, der es lesen durfte.

Er wird sich nie vergeben, dass er dieses Privileg missachtet hat, dort am See. Adam war schon immer seine Verantwortung, seine Aufgabe, seins, seit sie zum ersten Mal gemeinsam im Baumhaus kauerten und sich schüchtern anlächelten. Seit fünfzehn Jahren sitzt dieses Wissen in Leos Knochen, eingebohrt bis ins tiefste Mark, aber als es dann darauf ankam, als er einmal die Chance hatte, seinen Scheiß-Worten auch Scheiß-Taten folgen zu lassen — er taumelt; seine Hand findet die Rückenlehne von einem der Stühle, und er lässt sich blind auf die Sitzfläche fallen, lehnt sich vorwärts, fährt sich mit den Fingern durch die verschwitzten Haare im Nacken und zieht heftig daran. Als es darauf ankam, hat er Adam gehen lassen. Er konnte noch nicht mal zu erkennen geben, dass er Adam glaubte, weil er das damals selber noch nicht wusste. Das kam erst in den Stunden, Tagen, Wochen danach. Zu wenig, zu spät. Und jetzt ist Adam — jetzt hat er versucht —

Ob Adam weiß, dass er bereit war, sich aufzugeben? Dass sein nächster Schritt, seine nächste Eskalation gewesen wäre, selbst den Notruf zu wählen, mit gezogener Waffe in Modalls Keller zu marschieren und dort auf die Polizei zu warten, egal was dann mit ihm passiert? Denn das hat er auch durchgeplant, in einer dieser Dutzenden schlaflosen Nächte, in denen ihm die Dunkelheit wie eine Bleidecke auf dem Brustkorb lag und er in stoßhaften, japsenden Atemzügen um Luft rang. Wenn nichts mehr geht, hatte er da gedacht, während die Umrisse seines Schlafzimmers um ihn herum waberten wie Produkte einer Wahnvorstellung, dann geh ich zu dir.

Aber vielleicht ist auch das zu wenig, zu spät.

Notes:

ich freu mich riesig über kudos und kommentare. <3

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