Work Text:
"Du hörst mir jetzt genau zu. Ich habe gesehen, wie du geschaut hast als wir heute das erste Mal getaucht sind." Er kann nicht anders als den Jungen erneut zu schütteln.
"Du weißt, wie das alles funktioniert. Aber es fühlt sich trotzdem an wie ein Wunder." Seine Stimme ist unendlich rau, als er auf die schlaffe Gestalt in seinen Armen einredet.
"Für die anderen ist das Boot nur eine Maschine, aber für dich ist es viel mehr!" Er packt immer fester zu, trotzdem scheint er ihn nicht zu fassen zu bekommen. "Das ist doch was, woran man sich festhalten kann!" Seine Stimme überschlägt sich: "Hab ich recht?"
Endlich. Endlich wendet der Junge ihm sein Gesicht zu, nur um im nächsten Moment einen geqäulten Ausdruck anzunehmen. Er weiß was jetzt kommt.
Ehrenberg lässt nicht locker, als der Junge sich übergibt. Es landet halb auf dessen Uniform, halb auf die nassen Planken des Piers.
"Ja. Gut so," murmelt er, beide Hände weiterhin auf seine Schultern gelegt, um ihn halbwegs aufrecht zu halten, "Raus damit." Sein eigener Magen zieht sich zusammen bei den Geruch den er nur zu gut von unendlich verschommenen Nächten und Tagen voll blinder Trauer kennt.
"Erzählen Sie es nicht den anderen," kommt schließlich Müllers schwache Stimme, "Bitte." Dieses letzte Wort kommt ihm hoch wie weitere Galle, gequält und bitter.
"Ist gut." Er reibt ihm die Schulter und schüttelt halb mit dem Kopf, als könnte der Junge das überhaupt sehen.
Ehrenberg bringt ihn zur Kaserne, vorbei an dem unverhohlen glotzenden Wachposten, bis vor die Tür seiner Stube. Müller bleibt stehen, fährt sich nervös durch sein strähniges Haar. Im elektrischen Licht der Flurbeleuchtung sieht man die tiefen Schatten, unter seinen Augen, auf seinen Wangen, die so gar nicht zu solche einem jungen Gesicht passen wollen. Aber am schlimmsten sind seine Augen, denen er Ehrenberg ansieht, wie ein Hund, der nicht weiß, ob er nach all den Schlägen der flach ausgestreckten Hand trauen kann und sich doch nichts sehnlicher wünscht.
"Also dann," bricht Ehrenberg die sich dehnende Stille und versucht es mit einem aufmunternden, "Ich erwarte Sie morgen in Bestform, ich hab gehört es soll ein paar besonders knifflige Übungsmanöver geben, da möchte ich auf meinen besten Rudergast zählen können."
Müller nickt und er redet sich ein ein Anflug von einem Lächeln erkannt zu haben.
Zwischen den klammen Laken weigert sich der Schlaf ihn zu finden, egal wie oft er sich dreht und wie fest er die Augen schließt. Selbst das sonst leichte Wiegen der Wellen versetzt ihn jetzt ihn Unruhe, als könnte der trügerische Frieden jeden Moment in einen Sturm umschlagen.
Schließlich setzt Ehrenberg sich auf und nimmt einen Zug Wasser aus dem Glas neben seinem Bett. Erneut fallen ihm die Augen zu als die Kühle ihm klar und beruhigend die Kehle herunter rinnt.
Als er sie wieder öffnet steht er vor ihm, seine Siluette zackig und klar selbst im fahlen Mondlicht, das alle Konturen seiner makellosen Uniform versilbert und die Abzeichen matt schillern lässt. Nur sein Hut fehlt. Oberleutnant zur See Karl Tennstedt sieht auf ihn herab und fordert ihn auf: "Trinken Sie aus. Ich holen Ihnen noch ein Glas. Und dann schlafen Sie sich Ihren Rausch aus, der Kommandant erwartet Sie nächste Woche in tadelloser Verfassung."
Er kennt dieses Stück auswendig, auch wenn sich die Erinnerung daran anfühlt, wie aus einem anderen Zeitalter.
Ehrenberg spürt wie er der Kopf schüttelt und mit schleppender Zunge zum Protest anhebt. Er schmeck nichts als die schale Säure von Erbrochenem, das Brennen von billigem Schnapps und das Salz seiner eigenen Tränen.
"Na los," fordert Tennstedt eine Spur drängender, nur um im nächsten Moment nachzugeben, wie eine sich zurückziehende Welle, "Nun kommen Sie schon." Tennstedt fasst ihm am Oberarm, mit einer Vorsicht als wäre er ein wertvolles Teil empfindlicher Technik.
Mit einmal ist das Glas so unendlich schwer, dass Ehrenbergs Finger es nicht länger halten können. Doch bevor es zu Boden gleiten und zerschellen kann schließt sich Tennstedts Hand um seine, hält beides fest.
"Morgen werden Sie Kopfschmerzen haben, dass Sie wünschten Sie wären tot."
Ehrenbergs Blick ist fest ins Leere geheftet, als er die Worte herausbringt: "Es ist nur 'ne Drohung, wenn 's dazu taugt einem Angst zu machen." Inzwischen könnte man ihm in den Kopf schießen und er ist sich sicher, er würde es nicht spüren, nicht wenn jede wache Sekunde ihm bereits das Herz zerdrückt. Was den Rest angeht-
Tennstedt geht in die Knie, wie getroffen von der Erkenntnis. "Das können Sie nicht ernst meinen," plötzlich sind da wieder zwei Hände die Ehrenberg packen, groß und unnachgiebig, "Das Reich braucht Sie, der Krieg braucht Sie."
"Für mich ist der Krieg vorbei," er schüttelt matt den Kopf, da ist nichts mehr wofür es sich zu kämpfen lohnt. Jetzt gleitet das Glas ungebremst zu Boden.
Statt in tausend Teile zerbricht nur die Kante, die auf dem Boden aufkommt, dennnoch ist es kaputt, unbrauchbar. Das Wasser verteilt sich in einem gleißenden kleinen See zwischen ihnen.
Tennstedt hat den Kopf gesenkt, er beobachtet, wie das Wasser langsam auf seine Knie zuläuft, nur um dann doch zwischen den Dielen zu versickern. Schließlich drückt er Ehrenbergs Oberarme, als wollte er ihn vorwarnen. Dann steht er auf.
Er wird gehen, denkt Ehrenberg und versucht den Stich in seiner Brust als Erleichterung zu erkennen. All die Nächte in denen Tennstedt ihn aus irgendwelchen billigen Schenken oder Straßengräben aufgelesen hat haben ein Ende. Endlich darf er sich in Ruhe in den Tod saufen. Das ist es doch was er will.
Tennstedt sammelt mit spitzen Fingern das Glas und die Scherben auf bevor er verschwindet. Ein letzter Akt der Gnade.
Ehrenberg sackt in sich zusammen sobald er das Knarzen der Tür hört. Er sinkt auf die Matratze wie erschossen. Nur um sich im nächsten Moment röchelnd zu krümmen und mit Mühe und Not einen Schwall Galle über den Bettrand zu befördern. Dann fallen ihm die Augen zu. Vielleicht erstickt er ja auch einfach im Schlaf, das wäre gar nicht Mal der schlimmste Weg zu gehen.
Unsanft wird Ehrenberg zurück ins Bewusstsein gerissen, als er plötzlich in die Senkrechte befördert wird. Er schwankt, aber dann ist da eine soldie Wärme neben ihm, ein Körper gegen den sein gesamtes Gewicht fällt. Er sollte sich entschuldigen, aufrichten. Ein Arm, um seinen Rücken, hält ihn an Ort und Stelle.
Ehrenberg wird erneut ein kühles Glas in die Hand gedrückt. "Trinken Sie," wiederholt Tennstedt, er klingt angespannt, wie in den Momenten zwischen zwei WaBo Einschlägen.
Er versucht es, aber verschluckt sich sofort und hängt im nächsten Moment elendig hustend über der Bettkante. Tennstedts Hand klopft ihm auf den Rücken, bis er sich wieder einbekommt. Dann bleibt sie dort liegen.
"Ich kann 's nicht," krächzt Ehrenberg, versucht ihm das Glas zurückzugeben.
Tennstedt ist schneller, lässt seine Hand verschwinden, nur um aus seiner Brusttasche ein blütenweißes Taschentuch zu produzieren. Obwohl sein Kiefer hart hervortritt, sind seine Berührungen vorsichtig, als er Ehrenberg notdürftig säubert, ja ihm selbst das Erbrochene von Revers wischt.
So hatte seine Mutter ihn zuletzt bei der Trauerfeier seines Vaters wieder hergerichtet. Und so hatte er es getan, beim letzten Geburtstag seines Sohnes, nach ihrem gemeinsamen kleinen Festmahl mit dem Kuchen, den seine Frau irgendwie gezaubert hatte. Fritz hatte sich gewehrt und ihm stolz gesagt, dass er doch jetzt zu alt für sowas sei.
Ehrenberg merkt erst, dass er weint, als Tennstedts Hand ihm langsam über seinen Rücken fährt, auf und ab, und er ihm endlich das Glas abnimmt. Damit bricht der Damm endgültig und stumme Tränen fließen seine Wangen hinab, wie Sturzbäche im Frühling.
"Als ich zur U-Boot Waffe kam," sagt Tennstedt nach einer ganzen Weile in die Stille hinein, seinen Blick irgendwo in die Ferne gerichtet, "Wusste ich was es heißt zu dienen."
Ehrenberg blickt auf, versucht durch den Schleier auf seinem Sichtfeld den Ausdruck der verschlossenen Züge zu lesen.
"Aber Sie...," setzt Tennstedt erneut an, "Sie taten mehr als das. Das war keine Arbeit, kein Aufopfern für's Vaterland. Das war Hingabe, in ihrer reinsten Form." Jetzt wendet er den Kopf. "Ich habe Sie unendlich darum beneidet."
Jemals solche Worte von 1WO Karl Tennstedt zu hören, einem Mann auf direktem Weg zum Kaleun, der jeden Schritt voran mit unaufhaltbarer Disziplin geht, das rüttelt am Fundament seiner Menschenkenntnis. "Wieso," ist alles was Ehrenberg dazu sagen kann.
Tennstedts Hand auf seinem Rücken ist aufeinmal still, die andere befingert fahrig das Stück Metall an seinem Hals. "Weil Ihnen das niemand nehmen kann."
Er ist schon länger 1WO als üblich, Korvettenkapitän Wiegler ist immer noch nicht bereit einen dermaßen kompetenten Offizier aus der Hand zu geben. Selbst die Verleihung des Ritterkreuzes hat daran nichts geändert. Aber das sind Karriere-Angelegenheiten, Selbsterfüllung ist eben ein rares Gut, vor allem in Zeiten wie diesen.
Ehrenberg sieht ihn an, seine Stimme ist hohl, als er auspricht, was in seinem Kopf als ewiges Echo dröhnt: "Ich habe alles verloren."
Damit wendet sich Tennstedts gesamter Körper, sodass die Mondstrahlen ihn wieder berühren, wenn auch nur mit winzigen Silberfäden entlang seiner Schulter und des rechten Hosenbeins. "Haben Sie das? Waren Sie wirklich nichts vor ihrer Familie?"
Die Wut, die in ihm aufwallt presst nur neue Tränen hervor und dann sickert die Bedeutung dieser Frage ganz langsam zu ihm durch und er schluckt schwer. Während der Strom aus seinen Augen versiegt, entspringt ein anderer in seinen Erinnerungen: Die Ostsee, wie sie tobt im kühlen Herbstwetter, die endlos schillernde Oberfläche des diamantenen Sommer-Meeres, der salzige Wind, der seine Lippen austrocknet und die Segel eines alten Fischerbootes aufbläst, das Gluckern und Sausen unendlicher Wassermassen als das Boot hinab in ihre Tiefen stößt, das herzgleiche Wummern der Dieselmotoren im Maschinenraum...
"Das-," murmelt Tennstedt fiebrig und fasst ihm hart in den Nacken, "Das ist doch etwas woran man sich festhalten kann."
Langsam streicht Ehrenberg sich durch die kurzen Strähnen an seinem Haaransatz, folgt der Kontur der ersten Nackenwirbel, dort wo Tennstedts Finger sich damals in seine Haut gedrückt hatten. Am Ende hatte wirklich nur einer von ihnen den nötigen Halt, den es brauchte, um weiterzuleben. Tennstedt hatte er nicht helfen können, ihn nicht retten können, aber dieses Mal ist es anders. Ganz sicher.
Bei ihm weiß er was es braucht.
