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What's Left Of You

Chapter 3: Hooked On A Feeling - Leo

Notes:

Wir wünschen euch ein frohes neues Jahr und viel Spaß mit dem neuen Kapitel :)
Danke für die lieben Kommentare und besonders an Kangarooo fürs Betalesen.

Chapter Text

You got to breathe and have some fun

Though I'm not paid, I play this game

And I won't stop until I'm done

But what I really want to know is

Are you gonna go my way?

Lenny Kravitz - Are You Gonna Go My Way

 

Leo war Rainer einfach gefolgt und hatte sich an dessen Hand geklammert wie an einem Rettungsseil. Immer wieder riss die Menschenmenge sie auseinander, aber Rainer war zum Glück groß genug, um ihn schnell wiederzufinden. In dem wogenden Meer aus Farben und Musik fühlte Leo sich alles andere als wohl. Zu viele Eindrücke, zu laute Beats, zu viele unbekannte Gesichter. Vor allem aber: keine klaren Fluchtwege, keine Möglichkeit, mögliche Gefahren einzuschätzen.

Er klammerte sich fester an Rainers Hand, schloss kurz die Augen und ließ sich einfach treiben.

Erst nach einer ganzen Weile spürte er, wie die Menschen um sie herum weniger wurden. Er atmete tief durch, ließ die angestaute Luft aus seinen Lungen entweichen und öffnete langsam die Augen.

Rainer stand direkt vor ihm, beide Hände an Leos Gesicht gelegt, sein Blick besorgt. Seine Stimme klang verzerrt in Leos Ohren.

„Fuck, ist alles gut?“

Leo zwang sich zu einem Lächeln, blinzelte und sah sich schnell um. Der bunte Zug der Parade war weitergezogen, und nur ein paar Reihen hinter ihnen standen bereits die Polizisten der Bereitschaft, die das Geschehen sicherten. Er zwang sich, den Fokus wieder auf Rainer zu richten, nickte knapp und setzte sich wieder in Bewegung.

„Ja… war nur lange nicht mehr unter so vielen Leuten.“ Dass das maßlos untertrieben war, wussten sie beide.

Rainer beobachtete ihn noch einen Moment von der Seite, zuckte dann aber nur mit den Schultern. Er schien gerade etwas hinter Leo zu entdecken, denn er drückte seine Hand fester und stupste ihn mit der Schulter an.

„Schau mal unauffällig nach hinten und sag mir, dass ich mir das nicht einbilde.“ Seine Stimme klang verwirrt und leicht alarmiert.

Leo runzelte die Stirn, drehte sich beiläufig leicht um… und erstarrte mitten in der Bewegung.

Gerade noch schaffte er es, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Aber innerlich traf es ihn wie ein Schlag. Er spürte wieder die brennende Hitze Afghanistans auf der Haut, roch Staub und Metall, schmeckte das Blut auf seiner Lippe, auf die er gebissen hatte, um nicht zu schreien.

Ein fester Zug an seinem Arm holte ihn zurück in die Realität. „Also, wenn DAS unauffällig war“, kommentierte Rainer trocken, „dann frag ich mich echt, wie du jemals ’ne Aufklärung überlebt hast.“

Leo hörte ihn kaum. Sein Blick hing immer noch an der Gestalt hinter sich. Ein Polizist, in voller Bereitschaftsmontur. Blondierte Haare, leicht feucht von der Hitze, klebten ihm an der Stirn. Groß, athletisch. Und das Gesicht war so... so vertraut. Viel zu vertraut. Nur die Augen waren anders.

Leo starrte unverhohlen, ohne jegliche Scham. Er musste blöd aussehen, aber er konnte nicht anders. Viel zu lange hatte er dieses Gesicht nicht mehr gesehen.

Neben ihm lachte Rainer leise, verbarg seine eigenen Emotionen unter seinem Humor, und schüttelte den Kopf. „Also hab ich mir die Ähnlichkeit nicht eingebildet.“

Leo riss den Blick los, blinzelte und starrte Rainer an. Der sah ihn musternd an, die Sorge hinter seinem Grinsen verborgen: „Glückwunsch, Hölzer. Da gehst du das erste Mal seit einer Ewigkeit wieder unter Leute und bist direkt drauf und dran, in ’ne Dienstaufsichtsbeschwerde zu rutschen, weil du den armen Kerl da hinten mit den Augen ausziehst.“

Leo öffnete den Mund, schloss ihn wieder und linste unwillkürlich noch einmal über die Schulter. Der Polizist stand immer noch da. Groß. Blond. Verdammt heiß. Und viel zu sehr wie Johannes, um es ignorieren zu können. Vehement schob er jede aufkommende Emotion in eine mentale Kiste und verbannte sie in den Tiefen seines Gehirns – zu den Schatten Afghanistans.

Leo starrte immer noch. Er versuchte es nicht mal zu verbergen und diesmal bemerkte der Polizist es. Er drehte den Kopf, sah Leo direkt an und zog eine Braue hoch. Dann stieß er, hörbar genervt, hervor: „Willst du vielleicht gleich ein Foto machen, oder was?“

Leo kramte seine mutige Persönlichkeit heraus, die, die in den Einsatz gehen würde und zuckte nur locker mit den Schultern. Das Grinsen, das sich auf seine Lippen schlich, ließ sich nicht mehr unterdrücken. Er erinnerte ihn viel zu sehr an jemanden, den er schon seit langem Verloren geglaubt hatte. „Kommt drauf an“, entgegnete er ruhig. „Wenn du so fragst.“

Für einen Moment war es still.

Dann prustete Rainer neben ihm los, lachte so laut und hemmungslos, dass sich ein paar Leute umdrehten. Er klopfte Leo auf den Rücken, fast so, als hätte er sich an ihm festhalten müssen, damit er nicht zusammenklappte.

„Ich kann nicht mehr“, japste er. „Hölzer, du bist offiziell mein Held des Tages.“

Leo grinste schief und sah wieder zu dem Polizisten, der, zu seiner Überraschung, nicht etwa beleidigt wirkte, sondern schnaubte, als müsse er sich selbst das Lachen verkneifen. Nur ein kleines Zucken in seinem Mundwinkel verriet ihn. Der Kollege neben ihm grinste offen und klopfte ihm auf die Schulter.

Leo hob die Hand zu einer vagen Geste, so etwas zwischen Gruß und Entschuldigung, und wandte sich dann wieder Rainer zu, der immer noch kaum Luft bekam vor Lachen.

„Wenn ich heute noch verhaftet werde, bist du schuld“, brummte Leo trocken.

„Dann hol ich dich raus“, grinste Rainer breit. „Aber erst, nachdem ich Fotos gemacht hab.“

 

Sie folgten weiterhin der Parade. Rainer mischte sich charmant und lautstark in die Menge. Leo bemühte sich, den Gesprächen zu folgen, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Mehr als einmal schaute er zu dem blonden Polizisten und spürte gleichermaßen dessen Blick in seinem Rücken. Die Menge war zu einem Halt gekommen und alle feierten, tanzten und lachten. Konfetti und Musik lagen in der Luft und Leo versuchte gerade den Ausführungen von Rainer zu folgen, als er hinter sich ein Räuspern hörte. Er drehte sich um und stand plötzlich direkt vor dem Polizisten. Er war auf die Nähe betrachtet noch attraktiver und die stechend blauen Augen zogen ihn magisch an.

„Weißt du“, sagte dieser ohne jede Einleitung, „wenn du noch dreimal so guckst, muss ich dich wirklich kontrollieren. Wegen verdächtigen Verhaltens.“ Seine Stimme war tief, trocken, ein Hauch Belustigung schwang mit. Aber er hatte auch dieses Funkeln in den Augen, das Leo sofort an Johannes erinnerte – nur war es nicht dasselbe. Da war etwas Eigenes. Etwas Herausforderndes. Es machte ihn verdammt neugierig wie weit er das Spiel treiben konnte, sodass er eine Augenbraue hochzog und frech lächelte. „Wenn du glaubst, das war verdächtig, solltest du mal sehen, wie ich gucke, wenn ich’s ernst meine.“

Hinter ihm prustete Rainer so laut los, dass sich mehrere Leute umdrehten.

Der Polizist – Leo hatte inzwischen auf dem Namensband Schürk gelesen – zuckte kaum merklich mit dem Mundwinkel. Die Braue hob sich erneut, ganz leicht.

„Hast du deinen Ausweis dabei?“

Leo zuckte mit den Schultern. „Kommt drauf an. Ist das hier ein Einsatz, oder willst du einfach nur wissen, wie ich heiße? Du könntest auch fragen.“ Er zwinkerte ihm zu, legte leicht den Kopf schief und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Leo wartete gespannt auf die Reaktion und musste dann schlucken, als ihm Schürk „Wo bleibt da der Spaß?“ zu raunte. Er nahm sich einen Moment, um den Blonden zu analysieren und sich eine schlagfertige Antwort zu überlegen. Doch aus irgendeinem Grund rutschte ihm nur heraus: "Und wenn ich sage, ich habe keinen dabei, weil ich keine Mitführpflicht habe? Tastest du mich dann ab?"

Sein Gegenüber lehnte sich zu ihm, warf aber vorher noch einen Blick über die Schulter. Vielleicht um sich zu versichern, dass sie weit genug von den anderen Polizisten entfernt standen.

Er konnte den Duft von Schürk einatmen, warm und herb, ein Hauch nach Leder, Rauch, Sommerhitze und irgendetwas, das ihn an den Duft von einem Neuwagen erinnerte. Leo sah, wie der Blonde sich langsam über die Lippen leckte, und hielt unwillkürlich die Luft an.

Er war es nicht gewohnt, dass jemand so ruhig, so souverän auf seine Flirtversuche einging – ohne rot zu werden, ohne die Fassung zu verlieren. Schon gar nicht, wenn dieser Jemand so attraktiv war wie der Mann vor ihm, der gerade einen Satz hauchte, der Leo kurz das Atmen vergaß: „Ich brauche deinen Namen nicht, aber du wirst meinen heute Abend noch schreien.“

Die Worte trafen ihn tiefer, als er zugeben wollte. Hitze sammelte sich in seinem Bauch, wanderte seinen Nacken hoch. Leo musste blinzeln. Er wusste nicht, ob das ein Versprechen oder eine Drohung war. Vielleicht beides. Und vielleicht war genau das das Aufregende daran.

Er hätte zu gerne die Hand auf Adams Schulter gelegt, sich ebenfalls leicht vorgebeugt, das Spiel erwidert. Aber der Mann war im Dienst – in voller Montur – und Leo würde nie der Typ sein, der einem Beamten im Einsatz körperlich zu nahe trat. Außer… er wollte auf dem Asphalt landen. Und so viel Reiz das auch hatte – nicht mitten in der Menge. Und nicht mit Rainer im Rücken, der ihn inzwischen regelmäßig mit Seitenblicken bombardierte.

Also entschied Leo sich für einen taktischen Rückzug, zumindest äußerlich.

Er fuhr sich mit einer Hand lässig durch die Haare, zuckte mit den Schultern und grinste schief. „Dafür musst du mir den aber noch verraten.“

Er zwinkerte, ließ den Blick ganz bewusst einen Moment zu lange auf Adams Mund ruhen, bevor er sich wieder in den blauen Augen verlor. Die waren wirklich verdammt schön. Adam, die Hände noch immer in den Taschen seiner Einsatzweste, erwiderte ruhig:

„Adam. Ich heiße Adam.“

Leo ließ den Namen kurz in seinem Kopf kreisen, als würde er ihn testen. Adam. Hm. Nicht schlecht. Damit konnte er arbeiten.

Er sah kurz auf die Hände des anderen, dann wieder in sein Gesicht, ließ sich Zeit, bevor er antwortete: „Also, Adam...“ Er ließ den Namen bewusst langsam über die Zunge rollen und spielte dabei mit seinen Dog Tags, ließ sie zwischen den Fingern gleiten. „Reicht es dir, wenn ich dir sage, dass ich Leo heiße? Oder willst du immer noch meinen Ausweis sehen?“

Sein Blick wanderte kurz zu Rainer, der sich demonstrativ aus dem Gespräch mit anderen Besuchern zurückzog und mit minimalen Gesten antwortete – Gesten, wie sie sie im Feld gelernt hatten: Mach. Das ist deine Gelegenheit. Ich suche mir was anderes.

Leo verstand und gab sich einen Ruck. Sonst hatte er doch auch keine Probleme mit riskanten Aktionen. „Du könntest natürlich einfach später zu mir kommen“, fuhr Leo fort, die Stimme etwas tiefer, „und wir vergessen das mit dem auffälligen Verhalten.“

Sein Puls pochte schneller. Aber die Unterhaltung machte ihm eindeutig Spaß. Vielleicht zu sehr. Er war schon lange nicht mehr so leichtsinnig gewesen und schon lange nicht mehr so… lebendig.

Rainer, natürlich, war sofort zur Stelle. Ohne ein Wort hielt er ihm einen Zettel und einen Stift hin, mit einem eindeutigen Gesichtsausdruck. Leo verdrehte die Augen. Dieser Mann machte ihn fertig. Aber er hinterfragte gar nicht erst, wo er die Utensilien her hatte, nahm den Zettel, kritzelte mit einem viel zu breiten Lächeln die Hoteladresse und Zimmernummer darauf und beschloss, für einen Moment mutig zu sein.

Er trat wieder näher an Adam heran, so dicht, dass er seinen Atem spüren konnte, und steckte den Zettel mit einem Zwinkern langsam in dessen linke vordere Hosentasche.

Ihre Blicke trafen sich und er verlor sich schon wieder in diesem intensiven Blau. Leo hielt den Blick einen Herzschlag lang, dann wanderte sein Blick über Adams Schulter und ihm entging nicht, dass dessen Kollegen das ganze Spektakel durchaus aufmerksam verfolgt hatten.

Vielleicht, dachte er im nächsten Moment, hätte er sich nicht so offensichtlich im Dienst an einen Bereitschaftspolizisten ran flirten sollen. Aber dafür war es jetzt eh zu spät.

Und ganz ehrlich: Wenn er dafür Adam in sein Bett bekam, dann bereute er gar nichts.



Er atmete leicht auf, die Anspannung fiel von ihm ab und die Zweifel drohten ihn zu überrennen. Mit zittrigen Händen ging er wieder auf Rainer zu, der das Ganze wortlos beobachtet hatte.

Ohne drüber Nachzudenken verschränkte er erneut die Hand mit ihm und lehnte sich an seine Schulter, nutzte die ruhige Ausstrahlung Rainers, um sich wieder zu erden – im Hier und jetzt zu verankern, fern ab von den Dämonen seiner Vergangenheit.

"Du hast anscheinend einen Typ." Er hörte das Grinsen, die unterschwellige Sorge ohne aufzuschauen. Leo verdrehte die Augen, wich absichtlich dem Elefanten aus. "Wir wissen beide, dass er der erste Polizist ist."

Er schielte nach oben, sich bewusst, dass sein bester Freund das Ausweichmanöver bemerken würde. Rainer sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. Ja, er wusste, dass es nicht darum ging, darüber reden wollte er trotzdem nicht. Er war froh, dass Rainer ihn so gut kannte und seinerseits ein Grinsen aufrecht hielt, ihm sogar frech zuzwinkerte.

"Uniform ist Uniform. Auch wenn die Handschellen ganz praktisch sein sollen" Leo richtete sich auf, eine leichte Röte stieg in sein Gesicht und er fuhr sich verlegen über den Nacken. Er wollte protestieren und erwidern, dass nicht alle, mit denen er was hatte, eine Tarnuniform trugen.

Doch dann merkte er relativ schnell, dass das gelogen wäre. Die meisten waren tatsächlich Kollegen gewesen. Er klappte den Mund wieder zu, grummelte leise und spielte mit seinen Dog Tags. Eine Gewohnheit, die seine Unsicherheit verriet.

Rainer lachte und drückte seine Hand, zog ihn wieder näher. Leo schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder an ihn. Unwillkürlich glitten seine Gedanken wieder zu Adam. Er drehte den Kopf, um nochmal zurück zu schauen, bevor er wieder zu Rainer hoch schielte. Der hatte auch kurz zu Adam geschaut "Wenn ich es nicht besser wüsste..." Rainer brummte und Leo umklammerte die Marken fester, um sich für den unweigerlich folgenden Satz zu wappnen. "Er sieht wirklich aus wie Mörtel."

Leo schloss kurz die Augen, schluckte und beobachtete stumm das Geschehen vor ihm. Er sah so vielleicht so aus, aber er war es nicht. Egal wie sehr Leo sich das wünschen würde.

Notes:

Anmerkungen, Ideen und, Vorschläge sind immer gern gesehen.

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