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Hundert Kilo Steine

Summary:

‚Was wiegt mehr? Hundert Kilo Steine oder hundert Kilo Federn?‘ Adam hatte gefeixt, als Leo im ersten Moment noch ernsthaft gegrübelt hatte. ‚Beides gleich viel!‘, war es dann gerade noch rechtzeitig aus ihm herausgeschossen.

Beides gleich viel…

Fünfzehn Jahre lang hatte Leo sich ein Leben aufbaut. Allein, ohne Adam. Und hätte man ihn gefragt, er hätte es als ein gutes bezeichnet. Doch nun war Lausch tot, Roland Schürk wach und Adam wieder da. Und mit ihnen kamen all die Geister, die Leo bisher tief in sich verborgen hatte.

Notes:

Ihr Lieben,

hier ist sie also: Meine zweite Geschichte zu Adam und Leo.

Eigentlich wollte ich sie erst veröffentlichen, wenn ich sie komplett abgeschlossen habe, aber ich halte es leider nicht aus. ;)
Das Ganze ist eine sehr langsame Annäherung der Beiden. Aber sie nähern sich an, versprochen!

Der nette Mann, der immer kommt spielt im selben Geschichtsuniversum und kann als eine Art Prolog gesehen werden, ist für das Verständnis dieser Geschichte aber nicht von Nöten. Zeitlich ist "Hundert Kilo Steine" ein paar Wochen später einzuordnen.

Zu Leos und Adams Alter und Adams Weggang: Ich verstehe die ganzen zeitlichen Abläufe nicht wirklich, aber tue mein Bestes alle bekannten Fakten irgendwie logisch zusammenzupuzzeln. (Ich habe irgendwann versucht, die verdammten Urkunden in Adams Kinderzimmer zu entschlüsseln! Tut es nicht, es macht alles noch unlogischer!) Fehler oder irgendwelche Ungereimtheiten möge man mir verzeihen. Ich habe es versucht!

Ich wünsche euch viel Spaß mit den beiden Sturköpfen! Sie machen es mir nicht leicht...

Viele Grüße

Nachtauge

Chapter Text

 

Hundert Kilo Steine

 

„Du bist ja noch da.“ Überrascht blieb Leo im Türrahmen stehen.

Adam saß auf der Kante seines Schreibtischs und beugte sich tief über eine Akte. „Du auch“, entgegnete er abwesend. Er warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor er sich etwas auf einem Zettel notierte.

„Habe mein Handy vergessen“, erklärte Leo, während er Adam mit gerunzelter Stirn musterte.

„Mh“, brummte Adam und griff nach einer anderen Akte, die über und über mit Zetteln beklebt war.

Leo seufzte leise und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. „Du hast es nicht zufällig gesehen?“, fragte er und knipste die Lampe an.

Adam zog die Brauen zusammen und las den Satz zu Ende, bevor er mit ungeduldiger Miene aufsah. „Was habe ich gesehen?“

„Mein Handy!“ Suchend raffte Leo die Ordner zusammen, die sich auf der Tischplatte stapelten.

„Nein“, erwiderte Adam knapp und wandte sich wieder der Akte zu.

„Danke für die Hilfe“, murmelte Leo und riss die Schubladen auf. „Was liest du denn da so wichtiges?“

„Die Aussageprotokolle von Nathalia Koch. Ist dir klar, wie häufig diese Frau schon bei der Polizei war?“

„Sechs Mal, immer auf Betreiben der Nachbarn, zwei Mal Aufenthalt im Frauenhaus, aber hat es nie länger als ein paar Wochen ausgehalten. Nicht nur du machst deine Hausaufgaben.“ Resigniert schloss Leo die Schubladen wieder. „Das kann doch nicht sein“, fluchte er leise und schaute sich etwas ratlos im Raum um. „Ich hatte es doch dabei, als wir vorhin in der Pathologie waren, oder?“, fügte er lauter an Adam gewandt hinzu.

Dieser warf ihm einen verständnislosen Blick zu.

„Mein Handy?“ Leo ahmte mit zwei Fingern einen Hörer nach. „Telefonieren? Hm? Nein? Nichts?“

„In der Kantine hattest du es noch“, entgegnete Adam und stand auf.

„Och ne, sag mir jetzt nicht, dass ich es da liegengelassen habe“, stöhnte Leo.

„Sechs Mal hier in Saarbrücken“, ging Adam ungerührt darüber hinweg. Er angelte nach einer Akte und hielt sie Leo entgegen. Dieser nahm sie zögernd und warf einen kurzen Blick darauf. „Sie ist vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter aus Mimbach hierher gezogen. Ich habe bei den dortigen Kollegen nachgefragt. Zu einer Frau Koch hatten sie nichts, aber Nathalia Maria Gundig war ihnen ein Begriff.“

„Adam?“, unterbrach Leo ihn. „Ich habe eigentlich seit zwei Stunden Feierabend. Reicht es nicht, wenn wir das morgen durchgehen?“

Adams Blick verdüsterte sich. Kurz spannte er die Kiefer an, dann nickte er knapp. „Klar.“ Mit einem kühlen Lächeln nahm er Leo die Akten wieder aus den Händen und ging zu seinem Schreibtisch zurück. „Ich glaube, es hat vorhin beim Kaffeeautomaten geklingelt“, fügte er hinzu, während er sich auf seinen Stuhl fallen ließ. „Schönen Feierabend.“

„Kaffeeautomat! Natürlich! Danke!“ Erleichtert löschte Leo das Licht auf seinem Schreibtisch und wollte sich der Tür zuwenden, als sein Blick erneut an Adam hängen blieb. Er hielt inne. „Du hast übrigens auch Feierabend“, erinnerte er ihn.

Adam griff nach seiner Tasse und hielt sie hoch, ohne von den Unterlagen aufzusehen. „Kaffee. Gut gegen Feierabend.“

„Das glaube ich.“ Leo schob die Hände in seine Jacke und nickte in Richtung der Tür. „Komm, mach für heute Schluss. Das kann wirklich warten.“

„Anweisung vom Chef?“, fragte Adam amüsiert und trank einen Schluck.

„Wenn es sein muss.“

„Ich habe kein Problem damit, nachts zu arbeiten“, erwiderte Adam.

„Nein“, entgegnete Leo mit einem bitteren Lächeln „Und du hast auch kein Problem damit, nichts zu essen oder zu trinken. Von Schlaf mal ganz abgesehen. Nein, du hast kein Problem, mit gar nichts. Nie.“ Die Worte ließen Adam den Kopf heben. Nur mit Mühe schaffte es Leo dem stechenden Blick standzuhalten.

„Ich möchte einfach meine Arbeit machen“, sagte Adam ruhig, doch Leo sah allzu deutlich, wie es in ihm rumorte. „Diese Frau hat mit sechzehn das erste Mal bei der Polizei gesessen.“ Er klopfte mit dem Zeigefinger auf die Akte aus Mimbach. „Einer Sozialarbeiterin waren die blauen Flecken und Quetschungen an Armen und Beinen aufgefallen. Einige Äußerungen ließen laut der Frau auf gezwungene sexuelle Handlungen schließen, doch eine gynäkologische Untersuchung lehnt Frau Koch damals ab. Sie und ihr Freund hätten sich nur gestritten. Und sie wäre gefallen. Treppe, Schrank, Tür, such‘ dir was aus.“ Desinteressiert fuhr Adam mit der Hand durch die Luft. „Ihr Freund, Ehemann, Georg Koch, der jetzt, zwanzig Jahre später, bei uns in der Pathologie liegt. Der Mann, mit dem sie sich von da an noch häufig nur streiten wird. So laut und verstörend, dass die Nachbarn die Polizei rufen. Und wir beide wissen, was es braucht, bis das mal passiert.“ Adam griff nach der Akte mit den Klebezetteln und öffnete sie an einer bestimmten Stelle. „Hier ist ein Einsatzprotokoll vom 08.10.2019-…“

„Adam!“

„Was?“ Wütend über die erneute Unterbrechung sah Adam zu ihm auf.

„Der Fall nimmt uns alle mit, okay? Und natürlich werden wir ihn mit der größten Sorgfalt bearbeiten, damit Frau Koch keine höhere Strafe bekommt, als sie muss, aber-...“

„Sie war es nicht“, fiel Adam ihm ins Wort.

Genervt atmete Leo aus. „Sie hat gestanden, Adam. Du warst dabei.“

„Ja!“ Adam erhob sich ruckartig von seinem Stuhl und ging zu der Pinnwand hinüber, die mit Notizen und Fotos des Tatorts übersät war. „Und die Frage ist jetzt, warum sie einen Mord gestanden hat, den sie selbst nicht begangen hat.“

„Das ist reine Spekulation“, wehrte Leo ab.

„Ist es das?“ Adam sah über die Schulter zu ihm. „Diese Frau lässt sich zwanzig Jahre lang von ihrem Mann verprügeln und sagt nie ein Wort. Nie! Immer waren es Sozialarbeiter, Nachbarn, das Jugendamt, die sie dazu gebracht haben zur Polizei zu gehen. Jedes Mal kehrt sie zu ihrem Mann zurück, ohne ihn zu belasten. Heiratet ihn! Kriegt ein Kind mit ihm! Sie hält es aus, Jahr für Jahr für Jahr. Was hat sich jetzt plötzlich geändert?“

Leo und hob die Schultern. „Der berühmte letzte Tropfen?“

Adam presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Nein.“ Er deutete auf ein Bild. „Die Tochter. Ich will noch einmal mit ihr reden.“

„Esther hat mit ihr geredet. Sie hat nicht sonderlich emotional auf den Tod ihres Vaters reagiert, aber das kann man ihr wohl nicht zum Vorwurf machen. Das Mädchen hat mehr im Heim gelebt als bei ihren Eltern. Ansonsten gab es nichts auffälliges.“

„Du weißt selbst, dass Esther mit Jugendlichen nicht gut kann“, warf Adam ein.

„Wir haben ein Mordmotiv, wir haben ein Geständnis und die ersten Auswertungen aus der Pathologie bestätigen die Aussagen der Ehefrau. Was brauchst du noch?“, fragte Leo aufgebracht.

„Ich werde morgen noch einmal zu der Tochter fahren und mit ihr reden.“

„Nein!“, wehrte Leo entschieden ab. „Das wirst du nicht.“

Adam verschränkte die Arme vor der Brust und hob abwehrend das Kinn.

„Ich werde dich nicht alleine zu der siebzehnjährigen Tochter fahren lassen.“

„Okay“, entgegnete Adam. „Dann nenn mir einen Grund. Die Ermittlungen würde es nicht gefährden. Im Gegenteil. Entweder es entlastet die Ehefrau oder eure Theorie erhärtet sich.“

„Muss ich dir das wirklich noch im Detail ausführen, ja?“, fragte Leo aufgebracht.

Adam machte eine einladende Geste.

Fassungslos schüttelte Leo den Kopf. „Jana Koch ist selbst Opfer ihres Vaters“, begann er mit bemüht ruhiger Stimme. „Das erste Mal wurde sie aus der Familie geholt, als sie drei Jahre alt war. Gewalterfahrungen mit anderen Männern im Jugendalter folgten. Schon das reicht, um sie nicht allein von dir, einem Mann, befragen zu lassen.“

Adam nickte knapp. „Das sehe ich ein.“

„Davon abgesehen steigerst du dich gerade so sehr in diesen Fall rein, dass ich schon darüber nachdenken muss, dich davon abzuziehen.“

Adams Blick wurde eisig. „Kommst du mir jetzt wieder mit persönlicher Betroffenheit, ja? Muss ich erstmal wieder zum Familienbesuch antreten, bevor ich weiterarbeiten darf?“

„Nein, natürlich nicht.“ Leo seufzte schwer und fuhr sich übers Gesicht. „Ich wünschte, du würdest gar nicht mehr zu ihm gehen.“ Erschöpft sanken seine Schultern herab, während er Adams kühle Miene resigniert musterte. „Ich werde die Tochter morgen früh noch einmal für eine Befragung herbitten. Pia wird das dieses Mal übernehmen. Und ich werde eine Psychologin anfordern. Zufrieden?“

Adam presste leicht die Lippen zusammen. „Ja“, sagte er schließlich. Er schluckte. „Danke.“ Sein Blick wurde merklich weicher.

„Ich halte euch nicht davon ab, euren eigenen Theorien nachzugehen, solange ihr die restlichen Ermittlungen nicht aus den Augen verliert“, stellte Leo klar.

„Wird nicht passieren“, versprach Adam.

„Ich habe ein gutes Team. Ich wäre schön dumm, wenn ich nicht auf euch hören würde.“ Sie maßen sich einen Moment mit Blicken, dann wandte Leo sich wieder zur Tür. „Komm.“

„Wohin?“, fragte Adam in seinem Rücken.

„Wir haben immer noch Feierabend und ich habe Lust was trinken zu gehen. Kommst du mit?“ Die Türklinke schon in der Hand, sah Leo sich noch einmal zu ihm um.

„Klar“, stimmte Adam ohne Umschweife zu und schnappte sich seine Jacke.