Chapter Text
"Lieben heißt verletzlich sein. Liebe irgend etwas, und es wird dir bestimmt zu Herzen gehen, oder gar das Herz brechen. Wenn du ganz sicher sein willst, dass deinem Herzen nichts zustößt, dann darfst du es nie verschenken, nicht einmal einem Tier. Umgib es sorgfältig mit Hobbies und kleinen Genüssen; meide alle Verwicklungen; verschließ es sicher im Schrein oder Sarg deiner Selbstsucht. Aber in diesem Schrein – sicher, dunkel, reglos, luftlos – wird es sich verändern. Es wird nicht brechen; es wird unzerbrechlich, undurchdringlich, unerlösbar. Lieben heißt verletzlich sein."
~C.S. Lewis~
Davor:
Der achtjährige Kurt Hummel hatte alles. Er hatte Fliegen in allen Farben; Freunde in der Schule, die sich nicht über seine hohe Stimme lustig machten; einen Dad, der ihm das Radfahren beibrachte und wie man die Farben seiner Schnürsenkel wechselt (er war sehr stolz darauf, sie schon von klein auf allein binden zu können, vielen Dank auch).
Ja, einer der grausamsten Tricks des Lebens besteht darin, einem alles zu schenken, um dann alles wieder wegzunehmen.
"Komm schon, Schätzchen, wir müssen gehen", drängte seine Mutter, als sie das Auto belud, während ihre kinnlangen honigfarbenen Haare hin und her schwangen. Der kleine Kurt schaute untätig zu, wie Wolldecken, Kühltasche, Kerzen und Stofftiere sorgsam in den Nischen hinter dem Rücksitz verstaut wurden. Nach einem letzten kritischen Blick auf ihr Werk und einem kurzen anerkennenden Nicken, klappte Elizabeth den Kofferraumdeckel zu und setzte sich hinters Steuer.
"Musik, bitte", verlangte Kurt von seinem Platz hinter ihr, als sie sich umdrehte, um den Wagen rückwärts zu fahren, die rechte Hand auf der Rückenlehne des Beifahrersitzes und den Blick auf die Straße gerichtet. Die Bitte ihres Sohnes brachte sie zum Lächeln – perfekt weiße Zähne und ein strahlendes, kindliches Glitzern in den Augen – und sie schaltete den CD-Player an. Sie fuhren gemeinsam singend die Straße entlang, auf dem Weg zu einem Picknick, das niemals stattfinden würde; mit belegten Broten ohne Kruste, die niemand essen würde; mit Stofftieren, die viel zu schwarz und verkohlt sein würden, als dass jemals wieder jemand mit ihnen kuscheln wollte.
"When the dog bites, when the bee stings, when I'm feeling sad..."
Die Schnellstraße verschwand unter den Rädern des Minivan.
"I simply remember my favorite things..."
Dem Fahrer rechts von ihnen platzte ein Reifen.
"And then I don't feel..."
Das rote Auto scherte aus, drehte sich mehrmals im Kreis und geriet mit den Vorderrädern auf die linke Fahrspur.
"SO BA– "
Das rote Auto krachte in den Minivan der gesetzestreuen, Geschwindigkeitsbegrenzungen einhaltenden Frau mit dem kitschigen Familienaufkleber auf der Heckscheibe – eine Mutter, ein Vater, ein Sohn. Der Minivan überfuhr den Mittelstreifen und überschlug sich einmal, bevor er quer über den Asphalt in den Gegenverkehr schleuderte. Kurt schrie aus vollem Hals und kniff die Augen zu.
Ein Augenblick. Kurt wird diese kurze Stille nie vergessen, in der die Welt für die längste und die kürzeste Unendlichkeit stillstand. Sie saßen im Auto, überrascht darüber, noch am Leben zu sein, quer auf der Fahrbahn mitten auf der Schnellstraße. Da war diese winzige Atempause der Erleichterung, der Verblüffung, der Ungläubigkeit. Alles schien viel zu schnell, zu verwirrend und zu merkwürdig. Schließlich erinnerte sich Kurt daran, dass er nicht die Luft anhalten musste.
Und dann kam ein weißer LKW, dessen Fahrer nichts von dem Minivan ahnte, der endlich quietschend zum Stehen gekommen war, mit 140 km/h die Schnellstraße herunter und krachte frontal in den Wagen. Das Geräusch von schrammendem Metall vermischte sich mit einem gellenden "KURT!"; Scheinwerfer spiegelten sich in den weit aufgerissenen, viel zu blauen Augen seiner Mutter und Kurt schrie laut und alles wurde schwarz.
~
Panik. Das war alles, woran Kurt sich erinnerte. Leuchtende Farben. Flackernde rot-blaue Lichter. Und dann... war da ein anderes Licht. Ein weißes Licht. Und die Flügel an seinen Seiten trugen ihn dem Licht entgegen. Er schwebte davon und ließ alles und jeden zurück, und alles war rein und still, und er hing in der Luft und ein seltsames Gefühl floss aus seinen Fingerspitzen auf dieses... auf dieses Licht zu. Auf diese Helligkeit, diese Güte. Das Licht war die Antwort auf alles und nichts, und er wollte es haben. Irgendetwas ganz tief in ihm drin streckte die Hand aus nach diesem Licht, nach der engelsgleichen Stimme seiner Mutter, die ihn zu sich rief. Alles war so friedlich. Wunderschön. Ruhig. Licht.
Sein Herz hörte auf zu schlagen.
"JETZT!"
Schmerz. Überall war Schmerz. Das Licht hatte ihm doch keinen Schmerz versprochen; er war hinüber gegangen. Die Brücke hatte sich aufgelöst und war wieder neu gebaut worden und jetzt war da Schmerz? Seine Gliedmaßen zuckten. Wieso hatte er immer noch Gliedmaßen? Wo war das Licht?
Bumm. Bumm. Bumm
"Noch einmal, Leute! Drei... zwei... eins... JETZT!"
Stromschlag!
Ein weiterer elektrischer Schlag durchzuckte ihn; seine Gliedmaßen verkrampft, seine Augen fest zusammengekniffen. Ka-bumm. Ka-bumm. Ka-bumm. Eine Minute verging.
"Puls bei 90. Vitalparameter?"
Die Stimmen existierten irgendwo über ihm, aber Kurt konnte ihren verdrehten Worten keinen Sinn entnehmen, konnte sie nur einfangen und nutzlos in den Händen hin und her drehen. Nur bedeutungslose Wortfetzen.
"Drei gebrochene Rippen. Lebensbedrohliche innere Blutung. Künstliche Beatmung. Infusion. Tiefe Wunde am Nacken. Linke Niere möglicherweise geschädigt."
"WIRD MEIN SOHN ÜBERLEBEN?" Diese Stimme erkannte er. Alles war so schwarz. Die Stimme... die Stimme...
Er konnte das gleichmäßige Geruckel eines Fahrzeugs spüren... war das ein Krankenwagen?
"Sir, bitte beruhigen Sie sich..."
"Kurt, mein Junge, kannst du mich hören? Ich bin bei dir. Daddy ist da. Bleib bei mir, Junge. Ich bin so stolz auf dich, Junge, aber bleib bei mir, okay?" Die Stimme brach ab.
"Sir, bitte, ihr Sohn ist nicht in der Verfassung, zu – "
"Der Puls sackt ab!"
"Kurt!"
"JETZT!"
* * *
Danach:
Der Geruch nach Desinfektionsmittel traf ihn hart und weckte ihn auf, nicht in dem verwirrten, traumähnlichen Zustand, wie er normalerweise in Filmen gezeigt wird, sondern abrupt, unmittelbar aufrecht im Bett sitzend, eisblaue Augen aufreißend, augenblicklich hellwach.
Oder zumindest versuchte er, sich aufrecht hinzusetzen – es gab genügend Gipsverbände, Schläuche, Umschläge, Armbänder, Nadeln und Verbände, die ihn daran hinderten.
"Langsam, mein Junge", sagte eine Krankenschwester lächelnd und drückte Kurt wieder zurück auf die weiche Matratze. In der Nähe piepste gleichmäßig eine Maschine.
"Wo ist Mami?", murmelte Kurt und seine Stimme – normalerweise so klar und unschuldig und unbelastet von der Welt – war brüchig vom Nichtgebrauch.
Die Krankenschwester öffnete den Mund, um ihm zu antworten, aber Kurt hörte nicht mehr, was sie zu sagen hatte. Im selben Moment berührte ihre Handfläche die unbedeckte Haut oberhalb von Kurts rechtem Schlüsselbein... und vor seinem geistigen Auge sah er es und er stieß einen Schrei aus, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ und auf dem gesamten Krankenhausflur zu hören war.
Eine Frau – diese Frau, die Krankenschwester. Eine ältere Version von ihr. Sie ist irgendwo in einer Duschkabine. Sie rutscht aus. Sie ist alt. Ihr Kopf schlägt auf dem gefliesten Fußboden auf. Blut quillt aus der Wunde. Tot in zweiundvierzig Jahren, neun Monaten und zehn Tagen um 8:51 Uhr.
Die Frau ließ ihn los und Kurt übergab sich. Tränen liefen ihm übers Gesicht, als ein paar Ärzte ins Zimmer eilten, gefolgt von Kurts Vater.
"Was? Was ist los, Kurt? Wo tut es weh?", riefen sie und scharten sich rund um sein Bett. Jemand checkte den Herzmonitor, jemand anderes seine Schmerzmittel.
"I-ich sah, ich sah – ", setzte Kurt an, aber er hatte keine Worte.
"Shhhht, Schätzchen, das ist nicht real, es war nur ein Traum", flüsterte die erste Krankenschwester und rieb ihm besänftigend über den schmächtigen Rücken (glücklicherweise berührte sie nur das Krankenhaushemdchen und nicht seine brennend heiße Haut).
"Ich will zu meiner Mama", weinte er. Jetzt trat Burt nach vorne, so dass Kurt ihn sehen konnte und endlich kehrte ein Leuchten in die Augen des Jungen zurück. "Wo ist Mama?", heulte Kurt und die Augen seines Vaters füllten sich mit Tränen.
"Alles gut, mein Junge. Shhht. Daddy ist bei dir." Burts sanfte Augen schauten auf seinen blassen, verletzten Sohn, das Gesicht mit tiefdunklen Blutergüssen übersät, weiße Lippen, zitternd in einem hellblauen Flügelhemdchen, von dem Kurt behaupten würde, es lasse ihn blass aussehen, da war Burt sich sicher.
Und Burt streckte den Arm über die Bettdecke aus und ergriff Kurts Hand.
Sein Vater. Alt und gebrechlich. Ein Herzinfarkt. Burts Kopf fällt nach vorn auf seine Brust und er kippt aus seinem Sessel. Eine rundliche Frau, die Kurt nicht kennt, eilt herein; sie schreit und prüft seinen Puls. Die Gliedmaßen seines Vaters liegen seltsam verrenkt da. In unnatürlicher Haltung. Tot in achtunddreißig Jahren, einem Monat und dreißig Tagen. 15:04 Uhr.
Kurt holte keuchend Luft und riss seine Hand weg, schieres Entsetzen in seinen leeren Augen, bevor er noch heftiger zu schluchzen anfing. Er hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, aber die Bilder hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er konnte den leblosen Körper seinen Vaters nicht ungesehen machen.
"Es tut mir leid, Mr. Hummel. Es ist möglicherweise eine Folge des Schocks – Sie sollten sich auf dem Weg hinaus ein Informationsblatt über Posttraumatisches-Stress-Syndrom mitnehmen. Wahrscheinlich ist es nur eine Nebenwirkung... ich glaube, wir sollten Kurts Schmerzmittel ein wenig höher dosieren, bis er sich etwas besser erholt hat", erklärte die Krankenschwester in dieser typisch ruhigen, klinischen Art, die Krankenschwestern manchmal an den Tag legen.
"Aber ich... er hat drei Tage lang geschlafen. Ich brauche meinen Sohn. Ich darf ihn nicht auch noch verlieren."
Wegen seiner gebrochenen Rippen und einer Not-Operation, bei der ihm eine Niere entfernt wurde, musste Kurt zwei Wochen lang im Krankenhaus bleiben. Am zweiten Tag lernte er die kleine Quinn Fabray kennen, die quirlige, überschäumende Achtjährige aus der dritten Etage. Sie hatte keine Haare. Morgens malten sie manchmal gemeinsam mit Buntstiften in einem der Spielzimmer und manchmal, wenn der bärtige Gitarrenspieler vorbeikam, machten sie zusammen Musik.
Es geschah an einem dieser Tage, dass Kurt und Quinn gleichzeitig nach demselben aquamarinblauen Buntstift griffen und ihre dünnen, knochigen Finger seinen Handrücken streiften. Das Prickeln ihrer Haut auf seiner dauerte nur eine Sekunde zu lang...
Quinn Fabray. Ein dahinsiechender Mensch, nur noch Haut und Knochen. Sie ist so dünn, so kraftlos. Nur acht Jahre alt. Ihre Wangen sind eingefallen und unter den Augen hat sie dunkle Ringe. Sie setzt sich in ihrem Krankenhausbett aufrecht hin, starrt für einen Augenblick ausdruckslos an die Decke, bevor sie sich wieder hinlegt und ihr Herzmonitor zu piepsen aufhört. Ihr Körper hat aufgehört zu kämpfen. Leukämie. Zwei Wochen, drei Tage. 2:56 Uhr.
Kurt schrie wieder los. Die Krankenschwestern brachten ihn weg. Quinn sah erschrocken aus.
Quinn kam nicht wieder ins Spielzimmer zurück. Kurt sah sie nur noch ein einziges Mal, Hand in Hand mit einer der Onkologie-Schwestern, die sie im Rollstuhl (im Rollstuhl) zur Toilette fuhr. Der achtjährige Kurt, der an diesem Nachmittag aus der Klinik entlassen wurde, fand, dass sie nicht besonders gut aussah. Sie winkte ihm kraftlos zu. Kurt winkte zurück.
Quinn Fabray erlag ihrer Leukämie zwei Wochen und drei Tage, nachdem sie und Kurt sich um einen Buntstift gestritten hatten.
Körperlich war Kurt wieder zuhause, aber seelisch war er irgendwo verloren gegangen. Er hatte sich immer schon ein wenig anders gefühlt, irgendwie merkwürdig, nicht so wie die anderen Jungs. Aber das hier war etwas Anderes. Kurt war anders. Kurt hatte eine Gabe – nein, es war ein Fluch. Es war ein Fluch, den ihm niemand glauben würde. Er war dem Tod gerade eben nochmal von der Schippe gesprungen und der Beweis dafür hatte sich auf seiner Haut ausgebreitet und wartete auf Kontakt.
Erst als seine Großtante an einer Lungenentzündung starb – zu dem exakten Zeitpunkt, den Kurt im Alter von zehn Jahren vorausgesehen hatte –, da verstand er endlich, was seine bizarren Visionen waren: Einblicke in eine sehr reale Zukunft. Jeder Verkehrsunfall, Selbstmord, Herzinfarkt, Sturz. Allerdings lernte Kurt bald, dass nur die erste Berührung diese schrecklichen Bilder auslöste – der erste Handschlag, das erste Schulterklopfen, das erste High-Five. Danach... Kurt konnte es schlecht erklären... war es eher eine Gewissheit. Kurt wusste es einfach; nicht dass er jemals vergaß, was er gesehen hatte, aber jede folgende Umarmung, jeder Kuss auf die Wange, brachten ihm nur die kleiner werdenden Zahlen ins Bewusstsein. Jedes Mal, wenn ihm sein Vater in der Garage ein Werkzeug reichte und ihre Finger sich berührten, wurde Kurt erinnert an die abgezählten Tage seines Vaters, aber er musste niemals mehr den Anblick seines am Boden liegenden Körpers ertragen.
Dennoch... einmal war bereits genug.
Und so wurde Kurt zu einer Insel. Er baute alle SOS-Schilder wieder ab und hoffte, dass die Schiffe einfach ihren Geschäften nachgehen und, um Himmels willen, niemals an seinen Stränden anlegen würden. Kurt mochte es nicht, berührt zu werden; von da an hielt er jeden auf Distanz.
Natürlich waren manche Berührungen unvermeidlich. Es gab neue Lehrer, die sich vorstellten (Mrs. Stafford. Zwölf Jahre, vier Monate, zwei Tage. Bootsunfall), stämmige Kerle, die sich mit seinem einsamen Vater Football-Spiele anschauten (Jeff, neunzehn Jahre, acht Monate, zwanzig Tage, Suizid) und dann natürlich mobbende Mitschüler (Nicholas, fünfundsiebzig Jahre, zwei Monate, zwölf Tage, Typ II Diabetes). Aber Kurt leistete ganze Arbeit darin, sich zu isolieren, seine blauen Augen wurden mit jedem verstreichenden Tag trüber und seine Haut spannte sich viel zu straff über seinen schmächtigen Körper.
Zwölf Jahre lang wurde er von niemandem in den Arm genommen, außer von seinem Vater.
~***~
