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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2022-02-03
Words:
1,406
Chapters:
1/1
Comments:
2
Kudos:
28
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1
Hits:
217

Zeit der Worte

Summary:

Leo schlief nicht wieder ein in dieser Nacht. Adam schon. Post "Herz der SChlange".

Notes:

Ich habe jetzt so vieles zu "Herz der Schlange" gelesen, wirklich tolle Sachen dabei ... aber eines fehlt mir bis jetzt: Adam hat seinem Vater beim Sterben zugesehen. Neben all dem anderen, das ist doch nicht nichts ... Und deswegen hab ich das jetzt in einem Schnellschuss geschrieben. Ob ich den richtigen Ton getroffen habe? In meinem Kopf klang es sehr viel mehr auf den Punkt, als es mir jetzt auf dem Bildschirm erscheint.
Aber sei's drum, der Gedanke musste raus, und hier ist er nun.

Work Text:

Müde, schlaftrunken, schlecht orientiert und – vor allem – schlecht gelaunt tapste Leo durch den dunklen Flur zu seiner Wohnungstür, wo irgendwer mitten in der Nacht Sturm läutete.
Als er die Tür öffnete, wurde ihm klar, wsa ihm von Anfang an hätte klar sein müssen: Natürlich war es Adam, der da vor ihm stand. Niemand sonst würde ... oder vielleicht doch? Leo wusste es gerade nicht. Würde jemand außer Adam ihn um zwei in der Nacht aus dem Bett klingeln? Sein Urteilsvermögen war empfindlich beeinträchtigt, weil der größte Teil seines Gehirns immer noch schlief.
„Kann ich ... Kann ich heut Nacht ...“ Während Adam noch daran arbeitete, die Frage zu formulieren, zwängte er sich bereits an Leo vorbei in die Wohnung. „Ich will heut Nacht nicht ...“ Aber auch diesen Satz brachte er nicht zu Ende. Stattdessen drehte er sich herum und fiel Leo um den Hals, wie er es immer tat, wenn seine Gefühle stärker waren als er. Er roch nach Kneipe: abgestandene Luft, alter Schweiß, frischer Schweiß, Zigarettenrauch, Alkohol.
Leo hatte Mühe, sein Gleichgewicht zu halten und das von Adam auch noch. „Klar kannst du heute hier pennen“, sagte er und hielt Adam fest.
„Danke“, antwortete Adam, rührte sich aber nicht vom Fleck.
„Pennen“, betonte Leo nach einem Moment leise. „Du weißt schon, das ist dieses Ding, das man normalerweise in der Horizontalen macht, ja?“
Adam lachte leise, bewegte sich aber immer noch nicht. Er hielt sich nur weiterhin an Leo fest.
Leo ließ ihn noch etwas gewähren, dann löste er sich vorsichtig aus der Umklammerung – gerade genug, um nicht mehr im Flur festgenagelt zu sein. „Komm.“ Einen Arm um Adams Schultern gelegt, führte er ihn Richtung Schlafzimmer.
Adam wollte nicht alleine sein. Hatte er so zwar nicht direkt gesagt, aber es war trotzdem sonnenklar. Adam wollte nicht alleine sein, nicht heute Nacht. Wahrscheinlich nie, aber heute Nacht ganz besonders nicht.
Also brachte Leo ihn in sein Schlafzimmer, wo er nach seiner Jacke griff, um sie ihm auszuziehen. Irgendwie schien ihm Adam zu betrunken, um das selbst auf die Reihe zu ...
„Kann ich selber“, protestierte Adam und trat sofort den Beweis an, dass das nicht nur eine leere Behauptung war.
„Super, ganz toll“, kommentierte Leo nachsichtig und forderte dann: „Schuhe. Was du sonst noch ausziehen willst oder nicht, ist mir egal, aber die Schuhe müssen ab.“
Adam nickte, bückte sich und verlor prompt das Gleichgewicht. Zum Glück fiel er Richtung Bett und landete weich.
„Na komm.“ Leo griff nach Adams Füßen und zog an den Schuhen.
Adam kämpfte sich sofort wieder hoch. „Ich kann das, ich kann das“, sagte er.
„Ohne dabei auf die Schnauze zu fallen? Ich denke, wir haben gerade gesehen, dass ...“
„Ich kann das“, wiederholte Adam, legte sich auf den Rücken, zog die Beine hoch und streifte die Schuhe ab, die er dann achtlos auf den Boden fallen ließ. „Siehst du?“ sagte er triumphierend.
Leo seufzte, schob mit einem Fuß die Schuhe zur Seite und kletterte dann neben Adam zurück ins Bett. Er hoffte nur, dass Adam bald einschlief. Er war einfach viel zu müde, um sich jetzt gebührend um ihn zu kümmern.

Erst mal lief das auch ganz gut. Adam drehte sich noch ein paar mal herum, bis er eine Position gefunden hatte, die ihm bequem war. Aber das bekam Leo schon nur noch am Rande mit.

Schon eine Stunde später wurde Leo wieder geweckt, weil Adam laut keuchend neben ihm hochfuhr, dann aus dem Bett sprang, als hätte ihn etwas gestochen, und dann im Zimmer auf und ab lief. Auf und ab, auf und ab. Immer noch schwer atmend, ein unartikulierter, leiser Laut, der vielleicht ein Wort hätte werden sollen, aber dann doch nur ein halb ersticktes „ah“ wurde.
„Adam?“
„Ich kann das“, antwortete Adam nach einem Moment, der Leo etwas zu lange dauerte. „Ich kann das. Ich kann ... kann mich bewegen. Ich kann das. Ich kann das.“
„Shit.“ Der Groschen fiel mit einem Donnerschlag.
„Dieser ... Arsch! Weißt du, wie ... Wie das ... Ich konnte nur dort sitzen, in diesem scheiß Stuhl, und ihm beim Sterben zusehen ... zuhören. Gesehen hab ich ja nicht viel, nachdem mir der Kopf nach vorne gekippt war. Nur meine Knie und die Kante vom Couchtisch. Und seine scheiß Stimme in meinen Ohren und dieses Röcheln, dieses ... dieses ... entsetzliche Röcheln.“ Adam schüttelte die Arme aus, als könnte er damit die Erinnerung loswerden.
Leo schluckte betroffen. Er hatte sich das Video angesehen, die ganzen siebeneinhalb Stunden. Adam hatte den Scheiß durchleben müssen, da war es doch das mindeste, das er sich den Scheiß ansah, aus der zweiten Reihe heraus, um zu sehen, was da wirklich abgelaufen war, damit er vielleicht, hoffentlich, seinem Freund da durchhelfen konnte.
Die Tonqualität war erschreckend gut. Und Leo wusste, dass Roland nicht geröchelt hatte, zu keinem Zeitpunkt. Nur geredet, zwischendurch gestöhnt, mehr geredet, mehr gestöhnt ... nie geröchelt.
„Und ich konnte die ganze Zeit nur da sitzen“, fuhr Adam fahrig fort, „hab kaum Luft gekriegt, und konnte nichts tun als da sitzen und zuhören und denken. Und weißt du, was ich gedacht hab? Die ganze Zeit hab ich nur gedacht: ‚Jetzt verreck doch endlich! Jetzt stirb doch endlich! Jetzt kratz doch endlich, endlich ab!‘ Und weißt du, was daran das schlimmste ist?“
Leo schluckte. Er war ziemlich sicher, dass er das gar nicht wissen wollte, aber Adam würde es ihm trotzdem sagen. Weil wenn Adam mal anfing zu reden, dann hörte er nicht mehr auf, bis er gesagt hatte, was er zu sagen hatte.
„Ich hab das gedacht, stundenlang, und ich weiß immer noch nicht, was ich damit eigentlich gemeint hab. Wollt ich, dass es vorbei ist, einfach damit es halt vorbei ist? Ich meine, weil es so unnötig ist, wenn sich einer so elends lang mit Sterben herumquält, selbst für einen wie ihn. Nicht mal er hätte sich so quälen müssen ... sollen.“
„Er hat sich das selbst zugefügt“, gab Leo zu bedenken.
„Oder wollte ich einfach nur, dass er endlich weg ist?“ Adam ging überhaupt nicht auf den Einwand ein. „Dass er stirbt, bevor jemand kommt und ihn retten kann? Bevor ich wieder soweit bin, dass ich mich bewegen und den Notarzt rufen kann? Weil ... Ich meine, ich weiß nicht, ob ich’s getan hätte, oder ob ich nicht eher noch nachgeholfen hätte, aber ...“
„Adam.“
„Ich meine, wie kann ich sowas denken? Stun-den-lang? Immer und immer und immer wieder, wie im Rad, endlos. Immer wieder von vorne. Irgendwann nicht einmal mehr mit Worten, sondern einfach nur mit diesem ... diesem Wunsch: Hör auf zu atmen, hör einfach endlich auf zu atmen, du Arschloch.“
An dem Punkt stand Leo auf, ging zu Adam hinüber, der immer noch hin und her lief, und fing ihn ab. Hielt ihn fest. „Nach allem, was er dir angetan hat?“, fragte er leise, so leise, dass es fast geflüstert war. "Nicht nur in dieser Nacht, sondern auch früher?"
Adam seufzte, verschluckte sich an einem Atemzug, ließ sich von Leo halten.
„Am Ende konnte er nicht mal sterben, ohne dir dabei eins reinzuwürgen. Nicht mal das.“
Adam atmete ein paar mal hastig durch.
„Er wollte sterben. Er hat einen Plan ausgeheckt, hat ihn vorbereitet, über Wochen, nur um es für dich so grausam wie nur irgendwie möglich zu machen. Er wollte das. Er wollte sterben. Dass du dir gewünscht hast, es soll doch ein wenig schneller gehen ... Adam, du bist doch auch nur ein Mensch, ein guter Mensch“, setzte er schnell hinterher.
Adam lehnte sich jetzt gegen ihn. Schwer, müde.
„Bezweifle das bitte nicht. Lass ihn dir das nicht nachträglich noch einreden, hörst du?“
Adam nickte an seiner Schulter, sagte aber nichts. Die Zeit der Worte war wieder vorbei.
Leo legte seine Arme um ihn, hielt ihn fest, gab ihm Halt. Niemand sollte seinen Eltern beim Sterben zusehen müssen, nicht einmal wenn es ein Drecksack war wie Roland. Schon gar nicht, wenn man zur absoluten Untätigkeit verdammt war und nicht mal eine Möglichkeit hatte, sich für irgendetwas zu entscheiden. Wenn er gekonnt hätte, hätte Leo den Arsch eigenhändig noch einmal erschossen, alleine dafür.
„Tut mir leid, Mann, dass ich dir so auf die Nerven falle“, murmelte Adam.
„Tust du nicht. Aber wenn wir jetzt wieder ins Bett könnten, das wäre spitze.“
„Hm.“ Adam löste sich von ihm, machte die drei Schritte zum Bett und legte sich hin.
Leo folgte ihm einen Moment später. Er legte sich neben Adam hin. Er zog die Decke über sie beide. Ließ eine Hand auf Adams Schulter liegen. „Gut Nacht.“
„Hm.“

Leo schlief nicht wieder ein in dieser Nacht.
Adam schon.

ende