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Gibst meinem Leben einen Sinn

Summary:

"Das Geld, Adam." Boris klang entspannt wie immer, mit diesem sanften Lächeln in der Stimme, das Adam im Kopf die Wände hochgehen ließ. "Das ist alles, was du machen musst. Dann wird alles gut."

Nichts war gut. Nichts.

Notes:

Vielen Dank an die üblichen Verdächtigen für Hilfe zu Hochdeutsch, Polstermöbeln, Schimpfworten, der allgegenwärtig ignorierten realistischen Darstellung von Polizeiarbeit, saarländischer Geografie - und für ein immer offenes Ohr für verzweifeltes Jammern. :D

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

"Das Geld, Adam." Boris klang entspannt wie immer, mit diesem sanften Lächeln in der Stimme, das Adam im Kopf die Wände hochgehen ließ. "Das ist alles, was du machen musst. Dann wird alles gut."

Nichts war gut. Nichts. Nicht die grenzenlose Angst in Adams Körper, die ihn trotz des warmen Frühlingstages zittern ließ. Nicht die Handschelle um sein rechtes Handgelenk, die ihn an das verfickte Heizungsrohr kettete und ihm die Haut wund scheuerte. Nicht die Waffe in Boris' Hand.

Nicht Leo, der vor Boris auf dem schmutzigen Betonboden lag und sich seit einer erdrückenden Ewigkeit nicht bewegt hatte, die Hände hinter seinem Rücken mit Kabelbindern verzurrt.

Nichts war gut. Nichts würde jemals wieder gut werden.

"Ich hab das Geld nicht", wiederholte er und gab sich keine Mühe, hier noch irgendeine Fassade aufrechtzuerhalten. Heute Morgen hatte er es noch mit Widerspenstigkeit versucht. Mit Zynismus. Mit Beleidigungen. Mit Aggression. Jetzt waren da nur noch Panik und Verzweiflung in ihm. "Ich hab es schon vor Monaten offiziell abgegeben. Nach dem zweiten beschissenen Versuch von deinen verdammten Komplizen, da ranzukommen!"

Mit sich selbst als Ziel konnte Adam leben. Damit, dass Kleinkriminelle wie Moritz Leimer in die Sache hineingezogen wurden, auch - die wussten immerhin, worauf sie sich einließen und welches Risiko da mitschwang. Aber im Spätherbst hatte es einer von Manuelas Bekannten nochmal probiert und dabei Adams Mutter als Kollateralschaden mit einem Streifschuss ins Krankenhaus befördert.

Adams Gefühle ihr gegenüber kompliziert zu nennen, war eine Untertreibung, aber das hatte für ihn eine Grenze überschritten, von der er nicht mal gewusst hatte, dass sie existierte. Vielleicht mochte er seine Mutter nicht sonderlich, und es gab vieles in ihrer gemeinsamen Vergangenheit, das er ihr vermutlich nie verzeihen würde können. Aber dass ihr jemand weh tat oder Angst machte? Wegen etwas, das er verbockt hatte? Ganz sicher nicht.

Er hatte die Erstversorgung abgewartet, hatte die Nacht an ihrem Bett im Krankenhaus gesessen und über ihren Schlaf gewacht, und war dann am nächsten Morgen mit dem verdammten Geld und einer halbwegs schlüssigen Erklärung ins Raubdezernat marschiert, wo seitdem die Party des Jahrzehnts über diesen Ermittlungserfolg tobte.

Aber nicht einmal das war genug gewesen, um endlich einen Schlussstrich unter das Kapitel mit dem Geld zu ziehen. Das war ihm in dem Moment klar geworden, als ihm beim pflichtschuldig-arbeitsbedingten Joggen heute Morgen plötzlich zwei Männer entgegengekommen waren und ihm eine Waffe ins Gesicht gehalten hatten.

Er hatte immer schon gewusst, dass Joggen einfach scheiße war.

Am Boden regte sich Leo plötzlich ein wenig, zog die Knie an und versuchte, sich zusammenzurollen. Das erste Lebenszeichen von ihm, seit Boris und seine Handlanger ihn vor Stunden achtlos auf den rissigen Betonboden geworfen hatten; Adam war sich zeitweise nicht einmal sicher gewesen, dass er sich das Heben und Senken von Leos Brustkorb nicht einbildete. Aber jetzt war da Bewegung, sogar ein kaum hörbares Stöhnen, und verzweifelt zerrte Adam an der Handschelle, die ihn nur ein paar Meter und gleichzeitig unendlich weit weg von Leo hielt. Das Metall schnitt wieder in sein Handgelenk, aber der Schmerz war ihm einfach nur noch egal. Er wollte einfach nur zu Leo, nichts anderes war wichtig an diesem Punkt.

"Leo!" Er konnte nicht einmal sehen, ob Leos Augen offen waren, weil die verdammten Arschlöcher ihn mit dem Rücken zu Adam auf dem Boden abgelegt hatten.

Leo reagierte erst, als Adam es ein zweites Mal versuchte. Vorsichtig hob er seinen Kopf und ließ ihn fast sofort wieder auf den Boden sinken, aber es war eine Reaktion und mehr, als Adam stundenlang zu hoffen gewagt hatte. Die Erleichterung ließ sein Herz schneller schlagen.

Dann kippte sie um in pure Angst, als Boris sich neben Leo hockte und ihm fast absurd zärtlich mit der Hand über die Haare strich.

"Ich hab's dir schon gesagt. Ihr passt gut zusammen." Wieder fasste Boris Leo an, diesmal mit den Fingern an seiner Wange, und wieder warf Adam sich mit aller Kraft nach vorne, bis er Blut nass an seinem Handgelenk unter der Handschelle spürte.

"Lass ihn in Ruhe! Er hat nichts mit diesem Mist hier zu tun!" schrie er den Satz, den er heute schon unzählige Male versucht hatte, immer ohne Erfolg.

"Und ihm muss nichts passieren", stimmte Boris ihm freundlich zu. "Du musst mir einfach nur sagen, wo das Geld ist, dann lass ich euch beide laufen. Ich will dir nichts Böses, Adam. Ich will einfach nur das, was mir zusteht."

"Ich hab das verdammte Geld doch nicht mehr!" Er war so dumm gewesen. Monatelang hatte er die Beute versteckt. Hatte mit dem Gewissenskonflikt gelebt, weil er wusste, dass es falsch war, dass Leo es hasste und dass es auf ewig zwischen ihnen stehen würde. Aber es war seine Versicherung gewesen für den Fall, dass es nicht ausreichte, Leo aus seinem Leben zu vertreiben.Er hatte noch nie so gut gelogen wie in diesem Moment, und nichts hatte ihm je so sehr in der Seele wehgetan wie der Tränenschimmer in Leos Augen und sein Gesichtsausdruck, als Adam ihm verbissen klargemacht hatte, dass da keine Gefühle waren und dass Leo ihm egal war. Aber es hatte Leo dazu gebracht, endlich auf Abstand und damit in Sicherheit zu bleiben.

Und jetzt lag Leo da vor ihm, hilflos und halb bewusstlos, und Adam konnte nichts tun, um ihm zu helfen, weil er gefangen war an diesem verdammten Rohr, von dem er nicht loskam. Das hier war nicht wie die Nacht, als er dem Alten beim Verrecken zuschauen hatte müssen. Damals hatte er Angst um sein eigenes Leben gehabt, aber er hatte gewusst, dass zumindest Leo in Sicherheit sein würde, sobald die Drecksau tot war. Dieselbe Illusion hatte er heute noch bis vor vielleicht einer Stunde gehabt. So lange hatte Boris ihn in dem Glauben gelassen, dass das hier eine Angelegenheit zwischen ihm und Adam war und dass wenigstens Leo nichts passieren würde.

Dann hatten Boris' Handlanger Leo zwischen sich wie einen Sack Steine herein in die Halle geschleppt und einfach auf den Boden fallen lassen. Und da lag er nun und bewegte sich kaum, und Adam wurde schier wahnsinnig vor Angst um ihn.

"Du hast das Geld nicht mehr?" Tadel in Boris' Stimme. Der Tonfall ließ Adam zusammenzucken und warf ihn fünfundzwanzig Jahre zurück zu Tagen, wo er alles getan hätte, um von seinem Onkel ein lobendes Wort zu bekommen. "Ach, Adam… Das ist natürlich schlecht."

"Onkel Boris-"

"Du musst lernen, das zu tun, was man von dir erwartet, mein Junge. Und du musst mitdenken." Boris tätschelte Leos Schulter und stand mit einem angestrengten Ächzen wieder auf. Immer noch so verfickt freundlich und sanft, immer noch der Bruch zwischen Taten und Tonfall, der Adam die Luft zum Atmen nahm vor Furcht davor, was noch kommen würde. Die Sanftheit brachte Erinnerungen an den Geruch von Kerzen, an bunte Kirchenfenster und an die schlimmsten Schmerzen in Adams Leben zurück. "Ansonsten muss die Strafe sein, damit du so einen Fehler nicht nochmal machst. Also: lügst du mich gerade an oder warst du wirklich so töricht und ungeschickt?"

Boris sah auf Leo hinunter und schüttelte den Kopf. Dann griff er in seine Jacke und zog eine Waffe heraus. Dienstwaffe, erkannte Adams panisch abgelenktes Hirn, wahrscheinlich die von Leo. Aber das war nicht wichtig. Viel wichtiger war, dass Boris den Lauf auf Leo richtete.

"Onkel Boris, bitte!"

"Die Wahrheit, Adam."

"Bitte! Ich mach, was immer du willst, aber ich hab das verdammte Geld nicht mehr! Lass ihn da raus, er hat damit nichts zu tun!"

Boris ließ die Waffe wandern, richtete sie auf Leos Kopf, dann die Brust, dann tiefer auf die Oberschenkel. Adam konnte kaum noch atmen, so sehr schnürte es ihm die Kehle zu.

"Ach, Adam, Adam…" Boris schüttelte den Kopf. "Wie sollst du denn lernen, wenn ich dir solche Flausen einfach durchgehen lasse?"

Zwischen ihnen versuchte Leo ungelenk, sich von der Seite auf den Bauch zu rollen und ein Knie anzuziehen, vielleicht, um auf die Beine zu kommen. Adam konnte nicht sehen, ob es eine bewusste Geste war und für einen Moment hoffte er, dass Leo einen Plan hatte, aber fast sofort war ihm klar, dass das nur ein verzweifelt irrwitziger Gedanke sein konnte. In einem Film kamen die Helden vielleicht aus so einer Situation wieder raus, aber nicht hier in einer staubigen, abbruchreifen Lagerhalle in Saarbrücken, die nach Moder und Benzin stank.

"Was soll ich denn lernen?" Adam zerrte verzweifelt an der Handschelle, aber alles, was er erreichte, war, dass er noch mehr Blut an seinem Handgelenk spürte. "Das Geld ist weg! Das hab ich gelernt, dass ich damit nie wieder etwas zu tun haben will! Ich wünschte, der Alte wäre einfach verreckt, bevor er davon etwas sagen konnte, dann hätte ich sowieso nie gewusst, wo es ist! Was zur Hölle willst du denn noch von mir?"

"Du musst lernen, zu gehorchen." Boris zielte wieder auf Leos Brust, ließ dann die Waffe wieder lockerer. "Die letzte Lektion hat wohl nicht gereicht. Diese hier wird nicht angenehm sein, aber vielleicht hatte Roland ja doch recht und du brauchst eine harte Hand. Du wirst sie nicht vergessen."

Adam wurde einfach nur kalt und er sank nach hinten gegen die Wand, die gefangene Hand über seinen Kopf gestreckt. "Bitte", flüsterte er mit erstickter Stimme. "Tu mit mir, was du willst, aber lass ihn da raus. Er hat damit nichts zu tun, verdammt noch mal!"

Boris sah ihn an. Lächelte wieder, und Adam wollte einfach nur, dass es aufhörte.

"Dein Herr Hölzer… Er ist dir wichtig, das habe ich gesehen. Manchmal braucht es eben etwas Wichtiges, damit du immer daran denkst, dass du eine Rolle zu spielen hast. Mir scheint, das hast du zu lange vergessen."

Boris war um nichts besser als die Drecksau. Adam hatte es gewusst, aber es war ihm nie so bewusst gewesen wie jetzt. Er verwendete andere Werkzeuge, Zuckerbrot statt Peitsche, aber er war derselbe Wichser. Und Adam war ein zweites Mal dumm genug gewesen, um in die Falle zu tappen und ihm glauben zu wollen.

Leo hatte es gewusst. Der hatte das alles längst verstanden und er hatte versucht, auch Adam klarzumachen, dass Boris nicht vertrauenswürdig war. Rückblickend war das alles so verdammt offensichtlich, dass Adam mit dem Kopf gegen die Wand schlagen wollte vor lauter Frust und Wut auf sich selbst.

"Ich habe nichts vergessen. Wie hätte ich das denn vergessen sollen? Mir tun die verdammten Finger heute noch weh, was willst du denn noch? Willst du wissen, dass ich die Narben vom Gürtel vom Alten immer noch auf dem Rücken habe? Dass ich es teilweise nicht einmal spüre, wenn ich da berührt werde? Die Lektion hat sich fucking eingeprägt!"

"Genau wie die hier sich einprägen wird." Boris zielte wieder. Zu seinen Füßen bewegte sich Leo erneut, aber nicht kontrolliert genug, damit Adam einschätzen konnte, wie wach er wirklich war.

"Wenn du ihm etwas antust, dann braucht es keine Lektion." Adam holte langsam Luft und zwang sich, sich zu beruhigen, auch wenn er mit jedem Atemzug zitterte. Er musste irgendwie versuchen, Leo zu schützen. Mit Worten, weil das das einzige war, was ihm blieb, und er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Klar hatte er die Schulungen gemacht. Wie verhandelte man richtig mit Geiselnehmern? Wie redete man mit Menschen in Ausnahmesituationen, ohne sie zu triggern? Gesprächsführung mit Kriminellen; in dem Seminar hatte er Bestnoten gehabt, weil es nach fünfzehn quälenden Jahren mit der Drecksau so unfassbar einfach gewesen war zu wissen, wie man auf jeden Satz am besten deeskalierend reagierte.

Aber jetzt war das alles nutzlos. Jetzt war keine Zeit für Gesprächstechniken und Ich-Botschaften und Beziehungsaufbau. Jetzt ging es einfach nur darum, Leo hier irgendwie lebendig und halbwegs heil rauszukriegen. Nichts anderes zählte.

"Du wirst deine Meinung noch ändern." Boris sah ihn an, den Kopf zur Seite geneigt. "Und wenn es notwendig dafür ist, dass du die Erinnerung im Kopf hast, wie dein Partner hier vor deinen Augen stirbt, dann ist es eben so. Schusswunden sind so ein langsamer Tod, aber das weißt du ja schon. Bei Roland hat es wohl nicht wirklich viel geholfen, aber ich wage zu behaupten, dass der liebe Herr Hölzer dir wichtiger ist und es dir mehr wehtun wird."

"Es wird nicht helfen." Adam zerrte erneut an den Handschellen, warf sich noch einmal mit seinem ganzen Gewicht nach vorne. Metall quietschte, das Rohr ratterte ein wenig, Schmerz schoss durch seine Schulter und sein Handgelenk fühlte sich an, als würde es jemand mit einem glühenden Messer zerteilen. Alles egal. "Es wird nicht helfen, verdammt noch mal! Glaubst du wirklich, du erreichst irgend etwas, wenn du ihn hier umbringst und mich zwingst zuzusehen? Was genau soll das bringen? Weil ich sage dir, was dann passiert!"

"Ach?"

"Ich suche mir die nächste Brücke." Die Worte waren einfach gesagt, aber sprachen ihm aus der Seele. Es war so einfach. Ruhe breitete sich in ihm aus und er klammerte sich an das plötzliche Gefühl von Gewissheit. "Und dann springe ich."

"Adam, Adam…" Boris schüttelte den Kopf. "Junge. Du hattest immer schon einen Hang zum Dramatischen, aber das bringt uns hier nicht weiter. Du musst einfach nur vernünftig sein, dann wird alles gut, wenigstens für zwei von uns drei. Ich will dir nicht noch einmal Schmerzen zufügen müssen, aber du hast mir keine Wahl gelassen mit deinem Ungehorsam. Sehr schade. Wir zwei sind doch Familie, Adam. Da macht man so etwas nicht, und Roland hat es wohl nie geschafft, dir diese Lektion beizubringen."

Boris wirkte fast traurig dabei, und noch vor so kurzer Zeit hätte Adam tatsächlich versucht, das wieder hinzubiegen. Boris war eine positive Person in seinem Leben gewesen; von ihm hatte er sich beschützt und geliebt gefühlt, als es sonst keiner tat. Aber das war nicht aufrichtig gewesen, das wusste er jetzt. Zuneigung von Boris hatte einen Preis, und es war keiner, den Adam weiterhin bereit war zu zahlen. Es war nicht die bedingungslose Freundschaft, die Leo ihm so lange gegeben hatte und die Adam aus eigener Schuld verloren hatte.

Egal. Es ging hier nicht um ihn, es ging um Leo, und Adam sah einen winzig kleinen Schimmer Hoffnung, dass er das hier hinbiegen könnte.

"Weißt du, Onkel Boris? Ich glaube, dir liegt tatsächlich irgendwo in deiner kleinen verschrumpelten Seele was an mir", sagte er und zwang sich, Boris in die Augen zu schauen. "Und wenn dir was an mir liegt, dann wirst du mir nicht das nehmen, was mir im Leben am wichtigsten ist. Weil, ganz ehrlich? Viel gibt es nicht, das mir genug bedeutet. Und wenn du Leo was antust, dann war's das. Wozu dann das Ganze?"

"Adam-"

Adam ließ ihn nicht zu Wort kommen, auch weil er sich selbst nicht mehr bremsen konnte in seinen verzweifelten Gefühlen, die ihm kaum noch Luft zum Atmen ließen. "Ich brauche ihn. Du willst das Geld? Ja, Scheiße, das ist weg. Das kommt auch nicht wieder, egal was du machst. Ich will damit nichts zu tun haben. Und wenn du mich jetzt als Strafe dafür abknallst, dann sei's drum. Aber wenn du Leo was antust? Dann tu mir den Gefallen und erschieß mich auch gleich, weil ohne ihn will ich nicht. Ohne ihn kann ich nicht."

"Junge, sei doch nicht so unüberlegt. Ja, ihr passt gut zusammen, aber-"

"Wir passen gut zusammen? Du hast keine Ahnung! Ich bin für ihn hierher zurückgekommen. Für ihn mache ich das. Für ihn habe ich überhaupt erst das Geld auf die Seite geschafft, damit er in Sicherheit ist vor Arschlöchern wie dir! Und für ihn habe ich es dann abgeliefert, weil er mich jeden Tag mehr dafür verabscheut hat! Glaubst du wirklich, ich werde es einfach vergeben und vergessen, wenn du ihm was antust? Ohne ihn klappt das nicht mit mir!" Er holte tief Luft und fragte sich erneut, wie viel Leo von dem hier mitbekam, so still, wie er da lag. "Ich liebe ihn, Onkel Boris. Mehr als alles andere. Mehr als mein eigenes Leben. Und ohne ihn will ich nicht mehr. Es ist einfach so."

Und es war so. Adam hatte es bisher nie in Worte fassen können; hatte nie wirklich darüber nachgedacht, aber es war so. Er liebte Leo. Und der Gedanke, dass er Leo verlieren könnte, war unerträglich. Es reichte, Leo um sich zu haben, als Kollege, vielleicht irgendwann wieder als Freund; Adam wagte es nicht, auf mehr als das zu hoffen. Nicht nach dem, was er Leo angetan hatte. Aber war das nicht auch Liebe? Die Bereitschaft, das zu akzeptieren, was man haben konnte, und nicht auf mehr zu drängen? Für Leo war er bereit, jegliche Grenzen zu akzeptieren.

"Adam, du bist ein Dummkopf. Vergiss ihn. Komm doch einfach mit mir. Wir fangen irgendwo nochmal neu an, du und ich. Ohne die Erinnerungen daran, wie Roland uns beide versucht hat dranzukriegen."

Mit achtzehn, völlig fertig mit sich und der Welt, hätte Adam alles für dieses Angebot gegeben. Mit Fünfundzwanzig vermutlich auch, und vielleicht auch noch vor zwei Jahren. Bevor er zurückgekommen war nach Saarbrücken, zu Leo und ihrer Freundschaft, die er längst verloren hatte, aber die ihm immer noch Halt gab, auch wenn er mit Leo seit Monaten kein privates Wort mehr gewechselt hatte. Jetzt, wo Leo wieder in Adams Mist hineingezogen worden war, würde es sicher noch eisiger werden zwischen ihnen, aber fuck it, alles egal so lange er Leo hier irgendwie frei bekam.

"Wieso sollte ich das denn wollen? Ich gehe nirgends mehr hin. Nicht ohne ihn." Adam versuchte noch einmal, sich zu befreien, aber es blieb bei einem halbherzigen Scheppern der Handschelle gegen das Rohr. Sein Handgelenk pochte in scharfem Protest. "Ich bin hier glücklich. So glücklich, wie ich vermutlich sein kann in diesem Leben, nach all der Scheiße. Er ist für mich der Mittelpunkt meiner Welt, verstehst du das nicht? Ich hab's lang selber nicht kapiert aber es ist so. Ich brauche ihn." Er hob den Kopf in einem Versuch, gegen das Brennen in seinen Augen anzukämpfen. "Lass ihn gehen. Ich komme mit dir mit, wenn das dein Preis dafür ist, aber lass ihn gehen."

"Ich dachte, du brauchst ihn."

"Ich brauche ihn. Ich brauche das Wissen, dass es ihm gutgeht. Vielleicht geht es ihm besser ohne mich, dann wird er wenigstens nicht von meiner irren kriminellen Verwandtschaft in all diese Scheiße reingezogen! Wie sagen es diese kitschigen Kalender? Lieben heißt Loslassen? Für ihn würde ich es machen. Nur für ihn."

Boris schaute ihn lange an, sein Gesicht unlesbar. Dann senkte er die Waffe. "Junge. Du weißt nicht, was du da sagst."

"Ich weiß sehr genau, was ich sage. Leo ist wichtig. Nur er. Was immer es braucht… da hattest du schon Recht. Das ist die Ironie, weißt du? Ich hätte dir das Geld gegeben für ihn und ich hätte dir vermutlich sogar geglaubt, dass du ihn im Austausch in Ruhe lässt. Weil ich ihn liebe, und weil ich ihn brauche." Er musste hart gegen die Tränen anblinzeln, die ihm in die Augen stiegen. Vor Boris würde er nicht weinen, das gönnte er ihm einfach nicht. "Ohne ihn hat das alles doch keinen Sinn."

"Adam. Junge"

"Hör auf! Knall mich ab, knall dich ab, mir alles scheißegal, aber lass ihn da raus. Leo hat mit abgefuckten Typen wie uns nichts zu tun. Der hat ein Leben, das tatsächlich schön sein könnte, und wenn ich dir jemals so wichtig war, wie du behauptest, dann lass ihn gehen."

Sein Handgelenk fühlte sich heiß und klebrig an unter dem Stahl der Handschelle; ein Gefühl, das er nie wieder hatte erleben wollen. Nicht nach dem Morgen am Angelplatz, wo Leo ihm die verdammten Dinger hatte anlegen müssen und ihm damit sauber und scharf das Herz gebrochen hatte, weil Adam gesehen hatte, wie weh das Leo getan hatte.

"Natürlich bedeutest du mir etwas, Junge. Ich bin in den Knast gegangen und hab die Schuld für den Überfall auf mich genommen, damit du in deiner Familie aufwachsen kannst."

Adam entwischte ein verbittertes Lachen. "Ja und ich wünschte, du hättest das nie gemacht. Ganz offen gesagt: keine Ahnung, ob du besser gewesen wärst als die Drecksau, aber von dir hab ich wenigstens keine Narben. Oh, wait! Du hast mir die verdammten Finger gebrochen! Weißt du, wie viel Metall ich deswegen noch in der Hand habe? Wie der Scheiß wehtut, wenn das Wetter umschwingt? Die Narben sind vielleicht kleiner als die vom Alten und seinen Gürteln, aber das macht es nicht besser." Adam sah ihn an. "Du hast deine Zeichen schon hinterlassen auf mir. Auch schon egal. Aber lass ihn ihn Ruhe, er hat es nicht verdient, in diesen Mist hineingezogen zu werden. Das hier, das ist zwischen dir und mir. Und ich verspreche dir, wenn du ihm etwas tust, dann kannst du das genauso gut mir antun, sonst erledige ich das selbst."

Boris seufzte und schüttelte den Kopf. "Ich wollte das nicht so, Adam. Das musst du verstehen."

"Was soll ich verstehen? Dass du für das verdammte Geld Banken überfallen hast mit dem Alten? Dass du dafür jemanden umgelegt hast? Dass du mir die Finger gebrochen hast, nur auf den Verdacht hin, dass ich etwas wissen könnte? Dass es dir scheißegal war, dass die Drecksau mich täglich verprügelt hat, wenn ich ihn auch nur falsch angeschaut habe? Was genau soll ich da verstehen?"

Leo lag still da, und Adam wollte einfach nur zu ihm und sich schützend über ihn werfen, damit Boris nicht mehr an ihn rankam, aber die verdammten Handschellen ließen ihn nicht. Keine fünf Meter weg; er konnte Leo jetzt eindeutig atmen sehen, zum Glück, aber das war's. Nicht einmal Leos Gesicht konnte er sehen, und irgendwie war das das Schlimmste an der ganzen Sache.

"Die Bank hätte die letzte Aktion sein sollen. Danach wär's vorbei gewesen. Du, ich, Roland, Manu, deine Mutter, wir hätten ein ruhiges Leben gehabt."

Adam zwang sich, das Kinn zu heben und Boris weiter in die Augen zu sehen, mit all der Missachtung und dem Abscheu, den er in sich spürte. "Du hast sowas von keine Ahnung. Die Drecksau hatte die Hälfte vom Geld. Ruhiges Leben? Fick dich. Der Alte hat mich täglich verdroschen und mich auf allen Ebenen fertig gemacht. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Es ist allen egal gewesen. Dir, Mama, der Polizei, den Nachbarn. Nur Leo nicht. Und deshalb ist er der einzige Mensch, der zählt." Er holte tief Luft. "Ich hab ihm schon viel zu oft weh getan. Nicht nochmal. Wenn du ihm etwas tust, sorge ich dafür, dass du nicht damit durchkommst, und das wird das letzte sein, was ich tue. Ist es das, was du willst? Dass ich dich so abgrundtief hasse, wie es ein Mensch nur kann?"

Boris schaute ihn an, dann senkte er den Blick.

Und steckte die Waffe weg. Adam wagte kaum, sich zu bewegen.

"Du weißt, dass ich nichts mehr ungeschehen machen kann."

"Dann hau einfach ab! Lass uns in Ruhe, mach was immer du willst mit deinem Leben!" Er sollte Boris nicht entkommen lassen. Er durfte nicht. Aber im Moment? Was sollte er denn machen, festgekettet und wehrlos wie er hier war? Priorität musste sein, Boris von Leo wegzubekommen. Alles andere ließ sich regeln.

Boris schüttelte nochmal den Kopf und kam näher. Nah genug, dass Adam sich zwingen musste, stillzuhalten und nicht nach ihm zu treten, sobald er in Reichweite war.

"Es tut mir leid, Adam." Boris streckte die Hand aus, und Adam erstarrte, als er die Finger an seiner Wange spürte. Kein Schlag, nur ein sanftes, kurzes Streicheln. Er hasste jeden Moment davon und wünschte sich trotzdem auf eine verquere Weise, dass es nicht aufhörte. "Das hätte alles anders laufen sollen."

Er zog zitternd Luft in seine Lungen. "Hätte es."

"Deinem Leo passiert nichts. Der wird schon wieder, wenn das Betäubungsmittel durch ist. Wird nur ein Weilchen dauern, bis die Muskeln wieder funktionieren." Boris trat einen Schritt zurück und nahm einen kleinen, wohlbekannten Schlüssel aus der Hosentasche. Ein Handschellenschlüssel, wie ihn eigentlich nur die Polizei haben sollte, aber der gefühlt bei jedem zweiten Möchtegernkriminellen mittlerweile vom Schlüsselbund baumelte. Boris hielt den Schlüssel hoch und ließ ihn dann auf den Boden fallen, einen guten Meter von Adams Füßen entfernt und damit unendlich weit außerhalb seiner Reichweite. "Wenn er dann so weit ist, kann er dich losmachen. Hat dich doch letztes Mal auch rausholen müssen."

"Verpiss dich einfach." Adam streckte sich nach dem Schlüssel, obwohl er wusste, dass er nicht rankommen würde. "Verschwinde. Und komm nicht wieder. Ich will nicht wissen, wo du bist, weil wenn ich dich noch einmal zu sehen bekomme, dann war's das. Leb dein verficktes Leben und lass uns einfach in Ruhe."

Boris sah ihn fast traurig an. "Irgendwann wirst du es bereuen, dass du nicht mitgekommen bist. Du hast das im Blut, das seh ich dir doch an. Melde dich dann bei mir, wenn es so weit ist. Das hier ist nichts für dich."

Adam wollte darüber nicht nachdenken. Er wollte nicht weg. Aber er wusste auch, dass es lange Zeiten in seinem Leben gegeben hatte, wo er das Angebot ohne mit der Wimper zu zucken angenommen hätte.

"Ich bin, wo ich sein will. Ich bereue hier nichts." Er zog die Nase hoch. "Deine Art Leben will ich nicht."

"Ach, Adam… irgendwann wirst du deine Meinung noch ändern, und dann bin ich für dich da." Und damit richtete Boris sich ächzend wieder auf, lächelte noch einmal auf Adam hinunter, nahm seine Jacke vom Stuhl in der Ecke und ging einfach.

Adam starrte ihm hinterher, als er durch das halb offene Tor hinaus ins grelle Tageslicht verschwand, sein Kopf voller verhedderter Gefühle. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte, ob das gerade Hass oder Verlust oder Wut oder Trauer oder alles miteinander war, das da gerade in seinem Bauch tobte. Boris war kein guter Mensch, er wusste das. Aber Boris war auch der einzige gewesen, der Adam damals vermittelt hatte, dass er gemocht wurde.

Nein, nicht der einzige. Und bei Boris war es eine Zuneigung unter Bedingungen gewesen, das wusste Adam jetzt, auch wenn er es früher nicht gesehen hatte.

Der einzige, der ihn je wirklich gemocht hatte, ohne etwas zu erwarten, war Leo. Der hier hilflos vor ihm lag, die Hände hinter dem Rücken verzurrt, und Adam wollte nichts sehnlicher als ihn umarmen und nie wieder loslassen. Er streckte die Hand aus, so weit er konnte, aber zum Schlüssel fehlte ihm ein guter Meter, zu Leo die dreifache Distanz. Zu weit, um etwas bewirken zu können.

"Leo!"

Ein kurzes Murmeln war die einzige Reaktion, aber immerhin kam die fast sofort. Betäubungsmittel, hatte Boris gesagt, und Adam schauderte, als er sich an seine eigene reglose Gefangenschaft in dem verfickten Sessel erinnerte. Er wusste nicht, ob er sich wünschen sollte, dass Leo das alles gar nicht wirklich mitbekommen hatte, damit ihm zumindest dieses absolute Ohnmachtsgefühl erspart geblieben war.

Adam konnte nicht einschätzen, wie lange es dauerte, bis Leos Bewegungen langsam zielgerichteter wurden. Eine halbe Stunde? Länger? Der kleine Fleck Sonnenlicht durch eins der fast blinden Fenster war schon ein gutes Stück weiter gewandert, als Leo sich erneut zusammenrollte und versuchte, sich auf den Bauch zu drehen.

"Leo!"

Ein Grummeln, ein leises Stöhnen.

"Leo, komm schon!"

Adam hielt den Atem an, als Leo endlich wieder versuchte, den Kopf zu heben. Diesmal bekam er ein unverständliches Murmeln zur Antwort, das aber schon deutlich gezielter klang.

"Leo, du musst mitmachen, ich brauch hier deine Hilfe, damit ich uns hier rausholen kann."

Mehr Gemurmel.

"Leo, es ist alles gut. Wir kommen hier raus. Er ist weg. Keine Gefahr mehr, ich brauch nur deine Hilfe, damit ich diese verdammten Handschellen loswerde, dann kann ich dich auch losmachen."

"Adam…?" Sein Name war kaum verständlich, aber für Adam trotzdem das Beste, was er heute gehört hatte.

"Ja, Leo, du machst das großartig. Komm schon. Du kriegst das hin."

"Was ist…"

"Du hast irgendein Beruhigungsmittel abgekriegt, daher fühlst du dich mies. Das um deine Handgelenke sind Kabelbinder." Adam wusste nicht wirklich, was er sagen sollte, aber irgendwie fühlte es sich richtig an, so etwas wie einen Lagebericht abzugeben, auch wenn Leo die Hälfte davon vermutlich schon wusste. "Ich hänge mit einer Handschelle an diesem verfickten Heizungsrohr."

"Was zur Hölle…"

"Ist jetzt egal. Zwischen uns liegt ein Schlüssel auf dem Boden, wenn du den ein Stück zu mir schubsen kannst, krieg ich uns hier raus."

Leo machte ein zustimmendes Geräusch und schaffte es endlich, sich auf den Bauch zu rollen und die Knie unter sich zu bringen. Adam hätte schreien können vor Erleichterung, als Leo für einen Moment seine Augen öffnete, auch wenn er sie fast sofort wieder gegen das grelle Licht zukniff. Er sah blass aus, das Gesicht schmutzig und staubverschmiert, und Adam hatte nie einen schöneren Anblick gesehen. "Wo?"

"Zwischen dir und mir. Versuch, in meine Richtung zu kommen." Adam streckte die Hand wieder aus, so weit er konnte, um Leo zu zeigen, wo der Schlüssel lag. "Hier. Du schaffst das."

"Versuch's…"

"Du machst das super." Adam versuchte, so viel Zuversicht und Ermutigung wie möglich in seine Stimme zu packen, obwohl er nichts lieber wollte, als Leo einfach nur festzuhalten und ihm diese Quälerei zu ersparen, die jeder Zentimeter kostete, den er über den Boden kroch. "Ein kleines Stück noch."

Leo erreichte den Schlüssel, aber sein Atem klang so angestrengt, dass Adam es nicht wagte, ihn noch einmal zu pushen, sondern ihm die Pause ließ.

"Wohin?" murmelte Leo schließlich und schaffte es, sich ein wenig aufzurichten und sich umzuschauen, bevor seine Muskeln wieder streikten und er zurück zu Boden sank.

"Zu mir rüber. Wenn ich das verdammte Ding mit dem Fuß erwische, kann ich es mir holen, den Rest mach ich dann. Kleines Stück in meine Richtung, Leo, du hast es gleich geschafft."

Leo holte tief Luft, schloss kurz die Augen und tastete mit zittrigen Fingern nach dem Schlüssel, der hinter seinem Rücken auf dem Boden lag. Ein paar Mal rutschte er aus Leos Griff, dann schaffte Leo es, ihn festzuhalten und sich wieder weiter nach vorne zu schieben.

Es dauerte. Leo brauchte immer wieder Pausen, weil sein Körper nicht so wollte wie sein Kopf und ihm der Schlüssel aus den fahrigen Fingern glitt. Für Adam war es kaum mitanzusehen, aber gleichzeitig konnte er Leo nicht aus den Augen lassen. Verbissen betete er einfach nur, dass Leo das letzte Stück noch schaffte und sie hier rauskamen, und war gleichzeitig maßlos enttäuscht von sich selbst, weil er nichtmal in dieser Situation in der Lage war, Leo zu helfen und ihn zu beschützen. Nein, Leo musste wieder derjenige sein, der sie aus dem Mist rausholte, weil Adam es zwar ohne Anstrengung fertigbrachte, sie in die Scheiße reinzureiten, aber es nicht hinbekam, die Probleme wieder zu lösen, die er ihnen einbrockte.

"Mist…" Leo ließ den Schlüssel wieder fallen und presste mit einem frustrierten Keuchen die Stirn gegen den staubigen Boden, um Luft zu holen. "Adam, versuch ob du rankommst."

Adam legte sich hin, streckte seine Beine aus, so weit er konnte, und ignorierte die stechenden Schmerzen im wundgescheuerten, zerschnittenen Handgelenk, die ihm Tränen in die Augen trieben. Er konnte nicht wirklich sehen, was er machte, aber er hörte ein leises Klappern von Metall gegen Beton, als er gerade so mit der Schuhspitze an den Schlüssel kam. Ein Versuch, ein zweiter, dann hatte er das verdammte Ding endlich mit dem Fuß auf Kniehöhe herangezogen, dann in Reichweite seiner Hand.

"Hab ihn, Leo! Gleich sind wir hier raus. Ruh dich einen Moment aus, ich mach den Rest."

"Bist du in Ordnung?" Leo rollte sich wieder auf die Seite, aber seine Augen blieben offen und er sah wieder ein klein wenig wacher aus. "Adam?"

"Alles gut, mach dir keine Sorgen." Es gab wirklich Wichtigeres, worauf Leo sich konzentrieren sollte, und Adam spürte den Zorn auf sich selbst aufsteigen darüber, dass er Leo sogar in dieser Situation noch Kummer machte. Aber gleichzeitig wurde ihm auch ein wenig warm ums Herz vor Erleichterung, dass Leo sich immer noch um ihn Gedanken machte, trotz all den Fuck-ups, die Adam sich in den letzten Monaten geleistet hatte.

"Adam."

"So gut wie es eben geht. Er hat uns nicht abgeknallt, das ist ziemlich gut, finde ich." Adam brauchte noch ein paar Sekunden, um den Schlüssel ins Schloss zu kriegen, und dann waren die verdammten Handschellen endlich ab und er stürzte zu Leo.

Vorsichtig kniete er neben ihm und streckte die Hand aus. Leos Wange fühlte sich kalt und verschwitzt an; sein Puls unter Adams suchenden Fingern war flattrig aber auch so unfassbar lebendig, dass Adam fast hätte heulen können vor lauter Erleichterung. Geschafft. Sie hatten es gleich hier raus geschafft.

"Mein Handy muss hier irgendwo sein." Leo klang ein wenig besser, auch wenn seine Stimme heiser war und er sicher durstig sein musste. "Sie haben es mir vor der Halle abgenommen, bevor sie mir diesen Scheiß injiziert und mich hier reingeschleppt haben, und dann fallen gelassen."

Das würde immerhin die drängende Frage lösen, wie sie hier wegkommen sollten. Leo war eindeutig nicht in der Lage, alleine auf die Beine zu kommen, geschweige denn zwei Schritte vorwärts zu machen, und Adam konnte ihn nicht alleine hier zurücklassen und Hilfe holen. Ein Handy…

"Ich schau nach." Es kostete mehr Kraft als erwartet, wieder aufzustehen, und Adam spürte seine Knie und seinen Rücken protestieren nach den Stunden auf dem kalten Boden. "Bleib liegen, ich bin gleich wieder bei dir."

Das leise Lachen von Leo war mehr Ermutigung, als Adam je gespürt hatte.

Er musste eine Minute im zertrampelten, struppigen Gras vor dem Hallentor suchen, bevor er das Handy fand, aber dann hatten sie wohl nach der ganzen Scheiße endlich eine kleine Glückssträhne. Das Display war kaputt, aber das Handy reagierte und hatte Empfang, so lang Adam im Freien vor der Halle stehenblieb. Er wischte schnell Leos Entsperrmuster und hatte eine Sekunde später Esthers Nummer gewählt.

"Na endlich! Verschlafen, Hölzerchen?"

"Adam hier. Baumann, halt die Fresse und hör zu. Orte dieses verdammte Ding und schick uns jemanden, der uns abholt." Er schaute verzweifelt hinein in die Halle zu Leo, der versuchte, auf die Knie zu kommen, und dabei wieder auf die Seite wegkippte. "Krankenwagen, Leo hat irgendein Betäubungsmittel abgekriegt. Er ist wach, aber das war's auch schon. Wir sind irgendwo in Richtung Brebach in einer alten Industriebrache, genauer kann ich es dir nicht sagen."

"Alles klar." Esther klang so gefasst, dass Adam einen Moment den Impuls hatte, sie zu umarmen aus lauter Dankbarkeit für ihre sachliche Emotionsbefreitheit. Zum Glück war sie nicht hier. Er hörte, wie sie Pia im Hintergrund auf die Ortung ansetzte und jemandem - vermutlich den Kollegen im Büro nebenan - zurief, einen Krankenwagen nach Brebach loszuschicken. "Ortung läuft.Adam?" Esther machte eine kleine Pause. "Bist du in Ordnung?"

"Jaja, alles gut. Sieh zu, dass die bald hier sind. Ich lass das Handy vor der Halle liegen, aber ich muss zurück zu Leo und drinnen reißt der Empfang ab."

Gesprächsfetzen kamen über den Lautsprecher, dann: "Wir haben das Handy. Krankenwagen ist in zehn Minuten bei euch. Pia und ich sind auf dem Weg. Stell das Handy auf Lautsprecher und pass auf Leo auf, bis wir euch gefunden haben."

"Alles klar." Er legte das Handy vorsichtig auf den Boden und schaute sich auf dem Weg zurück zu Leo rasch in der Halle um. Leer gefegt bis auf diverses Gerümpel, keine Werkzeuge weit und breit. Nichts Nützliches, und vor allem nichts Scharfkantiges. Nichts, mit dem er Leos Handgelenke von den verdammten Kabelbindern befreien konnte.

"Adam?"

Ein paar Schritte und er war wieder an Leos Seite und ließ sich neben ihm ohne Rücksicht auf seine schmerzenden Knie zu Boden fallen. "Zehn Minuten, sagt die Baumann. Vermutlich acht, wenn sie die Heinrich fahren lässt. Die hat doch eindeutig gefehlt als es im Studium um Verkehrsregeln ging." Vorsichtig streckte er die Hand aus und strich Leo über die Schulter. "Gleich geschafft, dann helfen sie dir." Besser als Adam es konnte; nicht mal ein Messer hatte er hier irgendwo auftreiben können.

Vielleicht könnte er ein Fenster einschlagen und dann mit einer Glasscherbe… Aber die leise Stimme der Vernunft in seinem Hinterkopf protestierte dagegen. Ein paar Minuten würden keinen Unterschied machen. Leos Hände sahen nicht geschwollen oder blau aus, auch wenn das schmale, scharfkantige Plastikband seine Spuren hinterlassen hatte. Eine Glasscherbe war viel zu riskant und konnte ihn nur noch mehr verletzen, wenn Adam nicht vorsichtig genug war. Und irgendwie war Adam das nie, wenn es um Leo ging, egal dass er sein Bestes tat. Adam machte Fehler, und Leo zahlte dafür in Schmerzen.

"Du hast mir doch schon geholfen." Leo klang ein wenig besser und auch seine Bewegungen waren weniger fahrig, obwohl er noch wackelig genug wirkte, als er sich ein wenig näher zu Adam schob und seinen Kopf schließlich vorsichtig auf Adams Oberschenkel bettete. "Hat Barns dir etwas getan?"

Abgesehen davon, dass er Adam fast das Herz herausgerissen hatte? "Nein. Aber ich fürchte, ich hab ihn laufen lassen."

Adam hörte das Seufzen von Leo. "Hab ich mitbekommen." Sonst sagte er nichts. Nicht, dass Adam versuchen hätte sollen, hinter Boris herzukommen. Nicht, dass er enttäuscht war. Dass Adam wieder einmal die Grenze des Erlaubten und Korrekten überschritten hatte in dieser Hinsicht.

"Es tut mir leid, Leo." Die Worte reichten nicht mal annähernd aus für das, was Adam beinahe die Luft zum Atmen nahm. Wieder einmal war Leo weh getan worden wegen ihm. Wieder einmal hatte er es nicht geschafft, Leo zu schützen.

"Kannst dir deine Verwandtschaft ja nicht aussuchen." Leo rutschte sich ein wenig zurecht, und Adam legte zaghaft die Hand auf seinen Kopf, in die weichen, dunklen Haare, die er schon so lange hatte anfassen wollen, sich aber nicht getraut hatte.

Er wusste auch jetzt nicht, ob er es durfte oder ob das gerade eine Grenze überschritt, aber er konnte einfach nicht anders. Leo war wegen ihm in diese Scheißsituation geraten und Adam brauchte die Versicherung, dass er ihm auf eine - wenn auch noch so irrelevante - kleine Art und Weise ein wenig Trost spenden konnte.

"Irgendwelche blutrünstigen Großeltern, von denen ich wissen sollte?" fuhr Leo fort, als hätte er die Berührung nicht bemerkt. "Eine Tante, die regelmäßig Kunstdiebstahl begeht?"

Adam dachte an Tante Gerda, die er vor sicher dreißig Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Er konnte sich an sie kaum erinnern; das einzige bleibende Bild war der übellaunige schwarzweiße Kater, der Adam fauchend vom Sofa vertrieben hatte.

"Ich glaub nicht," sagte er vorsichtig.

Leo grummelte und drückte den Kopf ein wenig gegen Adams Hand. "Na dann."

"Leo, ich-" Er kämmte seine Finger geistesabwesend durch Leos Haare und versuchte, ein paar kleine Knoten zu entwirren, hielt dann aber wieder still, sobald er es merkte.

Leo seufzte nochmal und drehte dann den Kopf weit genug, um Adam in die Augen zu schauen. Seine Haare kitzelten Adams Finger; besonders der Ringfinger der linken Hand, in dem noch das meiste Metall steckte, kribbelte bei der ungewohnten Berührung. "Ich hab gehört, was du gesagt hast."

Adam lief ein kalt-panischer Schauer den Rücken hinunter. "Leo-"

"Cleverer Ansatz. Dass du ihm wichtig genug dafür bist… Ich sollte vermutlich dankbar sein, dass Barns sowas wie eine romantische Ader hat. Und dass du auf Netflix die Schnulzen-Kategorie entdeckt hast und dir das eingefallen ist."

"Ich schau keine Schnulzen."

Leo musste nicht mal eine Braue heben, um seine Skepsis auszudrücken. "Du bist noch immer auf meinem Account eingeloggt und verwendest mein Profil. Und ich weiß, dass ich mir nicht vor ein paar Tagen Pretty Woman und Titanic angesehen hab. Oder voriges Wochenende Dirty Dancing."

Adam zog die Nase hoch. "Autoplay. Ich bin eingeschlafen."

"Kannst es ruhig zugeben. Aber gute Idee."

Es war ein Angebot; Adam hätte blind sein müssen, um das nicht zu merken. Leo hatte alles gehört, was er Boris gesagt hatte, und bot ihm jetzt einen Ausweg an, damit sie beide aus der Sache raus kamen und so tun konnten, als ob nichts gewesen war. Eine clevere Taktik, um über die emotionale Ebene an den Entführer zu appellieren und die Situation persönlich und damit eine Übersprungshandlung schwieriger zu machen.

Aber Adam hatte Leo, nachdem er das Geld endlich abgeliefert und sie wieder miteinander geredet hatten, versprochen, dass er nicht mehr lügen würde. Weder geraderaus, noch durch Vermeidung oder Umgehung oder interpretierbare Andeutungen.

Er hatte nicht gedacht, dass ihm das Versprechen so schwer fallen würde.

"Ich hab's so gemeint", sagte er, bevor er es sich anders überlegen konnte. Ein paar Sekunden musste er wegschauen, bevor er sich zwang, Leos Blick wieder standzuhalten und die Hand aus seinen Haaren wegzuziehen.

Leo blinzelte zu ihm hoch.

"Was ich gesagt hab zu ihm. Wenn er dir was getan hätte… Leo, ich kann das nicht mehr."

"Adam…" Leo klang hilflos und er versuchte, sich weiter aufzurichten, aber mit den gefesselten Händen kam er nicht weit.

"Und auch den Rest. Das muss jetzt nichts bedeuten, nur damit das klar ist. Aber ich hab dir versprochen, dass ich dir nichts Wichtiges mehr verschweige, und, fuck, gibt's was Wichtigeres?"

"Adam, wenn du von der nächsten Brücke springst wenn mir was passiert-"

"Das ist nicht so wichtig."

Leo funkelte ihn entrüstet an. "Natürlich ist es das! Allein, dass du an so etwas denkst- Adam, du weißt, welchen Job wir hier machen. Ich mein, schau uns an! Das hätte heute auch anders ausgehen können, und ich wünsche mir, dass das das letzte Mal war, aber realistisch gesehen? Es kann immer etwas passieren, siehst du das nicht? Da muss ich wissen, dass du auf dich aufpasst und nichts Dummes tust!"

Na viel Erfolg damit. Sie wussten doch beide, dass Adam die dummen Aktionen gepachtet hatte.

"Ich bin da nicht wichtig, Leo. Das passt schon." Er wollte nicht, dass Leo jetzt seinen Job nicht mehr machen konnte, auch wenn es tief in seinem Inneren der sehnlichste Wunsch war, jede Gefahr von ihm wegzuhalten. Aber Leo liebte seine Arbeit, und die Gefahr gehörte da dazu. Damit blieb Adam nur übrig, so gut wie möglich auf ihn aufzupassen. Und wenn er da versagen sollte… Nun, dann war es sowieso egal.

"Du springst mir hier von keiner Brücke." Leo schüttelte den Kopf und rieb kurz seine Wange gegen Adams Oberschenkel, bis er wieder versuchte, sich hochzurappeln. Adam half ihm behutsam, sich aufzusetzen, und mit einem müden Seufzer sackte Leo gegen ihn, den Kopf an Adams Brust. "Ich will auch nicht ohne dich, verstehst du das?"

"Leo-"

"Aus demselben Grund. Mittelpunkt der Welt. Ich hab es dir doch gesagt." Leo hielt einen Moment inne. "Meiner Welt. Da hattest du schon Recht. Und ich würde dich auch nicht mit der restlichen Welt teilen wollen."

Adam wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte; hilflos legte er einfach die Wange gegen Leos Haare und versuchte, das tobende Chaos in seinem Kopf zu sortieren.

"Du musst das nicht sagen."

"Natürlich muss ich nicht. Aber ich will. Weil ich dich doch auch liebe, du Vollidiot, hast du das wirklich nicht begriffen?"

Adam hatte sich manchmal gefragt, wie es wäre, Leo seine Liebe zu gestehen, so unwahrscheinlich es für ihn auch immer gewesen war. Er hatte sich die schönsten Szenarien dazu ausgemalt. Ein Abend bei Leo auf der Couch, mit Pizza und Playstation. Eine gemeinsame Autofahrt, bei der sie irgendwo stehen bleiben konnten und nur für sich alleine waren, vielleicht noch im Regen, die Welt hinter den Scheiben ausgesperrt. Ein später Abend alleine im Büro unter der gedimmten Deckenlampe, was vermutlich nur für sie beide ein romantischer Moment wäre.

Er hatte sich nicht vorgestellt, dass er es auf einem kalten, dreckigen Betonboden machen würde, während sie auf einen Rettungswagen warteten und einfach nur versuchten, das Durcheinander rund um sie herum in den Griff zu kriegen.

"Leo-"

"Wehe, du machst mir jetzt einen Rückzieher, weil du wieder irgendwelche dummen Ideen in dein Hirn kriegst." Leo drängte sich fester gegen Adam und hob den Kopf, damit sie sich wieder ansehen konnten. "Fuck, ich will dich einfach nur umarmen, kannst du das bitte erledigen?"

Wenn Leo es so sagte, war es einfach. Adam zog ihn an sich, die Arme fest um ihn geschlossen, und spürte, wie Leo sich gegen ihn fallen ließ. Es konnte nicht bequem sein, nicht mit den gefesselten Handgelenken und den Nachwirkungen der Betäubung, und Adam tat sein Bestes, um ihn einfach nur festzuhalten und zu stützen.

"Ich hab's gemeint", wiederholte er leise.

Leo lehnte sich weit genug zurück, um ihm ins Gesicht zu sehen. "Na dann sag es."

Adam starrte fast schon trotzig zurück, bis er blinzeln musste gegen die Absurdität der ganzen Situation. Vorsichtig senkte er den Kopf und vergrub seine Nase in Leos Haaren, um seinem Blick auszuweichen und sich ein wenig fangen zu können, bis alles ein bisschen weniger überwältigend wurde. "Ich liebe dich."

"Und ich liebe dich. Und ich bin immer noch unfassbar sauer auf dich für diese idiotischen Aktionen, nur dass du es weißt."

Er wusste in dem Moment, dass es alles der Wahrheit entsprach, was er gesagt hatte. Er brauchte Leo in seinem Leben. In seiner Nähe. In seinen Armen, wenn er es noch durfte, sobald Leo sich wieder alleine aufrecht halten konnte. Einfach nur bei sich.

"War doch nicht so schwer." Leo lehnte sich wieder gegen seine Schulter, seine Kraft eindeutig noch nicht ganz wieder da, und Adam strich ihm langsam die Arme entlang, wo er die Spannung in den Muskeln von der erzwungenen Haltung spüren konnte. "Ich weiß nicht, was wir aus dem hier machen können, und das wird nicht schnell gehen, aber, Adam? Ich will es versuchen, und ich will nicht noch mehr Zeit verschwenden."

"Es tut mir leid." Dass Leo in diese Scheiße hineingezogen worden war; dass Adam ihn monatelang belogen hatte; dass Adam seit seiner Rückkehr nur Unheil und Chaos in sein Leben gebracht hatte. Dass er überhaupt weggegangen und ihn alleingelassen hatte. Es tat ihm einfach nur in der Seele weh. "Ich liebe dich", versuchte er es nochmal. "Und ich wünschte-"

Dass Leo nicht müde und verletzt hier auf dem harten Boden sitzen müsste. Dass sie woanders wären, wohlbehütet und in Sicherheit. Dass sie jetzt ein paar Stunden hätten, um das alles zu sortieren. Dass ihnen nicht ein Tag voller Ärzte und Berichte und Vernehmungen ins Haus stünde..

Dass sie einfach nur Zeit für sich hätten, um herauszufinden, was das hier war zwischen ihnen und was es sein konnte.

Leo blinzelte erschöpft zu ihm hoch, als draußen die Sirene des Krankenwagens hörbar näher kam. "Wünsche ich mir auch", sagte er mit einem kleinen Lächeln und Adam wusste, dass sie beide dasselbe dachten. "Seit fünfzehn Jahren wünsche ich mir das. Aber hat ja doch endlich geklappt."

Notes:

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