Chapter Text
Peter schob sich durch die dichte Menschenmenge, die wie ein lebender Organismus im Takt zur Musik um ihn herum pulsierte. Wie in Ekstase bewegten sich die Körper, schmiegten sich unsanft an seinen eigenen, forderten ihn zum Tanz auf. Die dazugehörigen Gesichter verschwammen vor seinen Augen, die durch den Nebel zu tränen begonnen hatten, und der stechende Geruch von Schweiß und Alkohol brannte ihm in der Nase. Nach einer gefühlten Ewigkeit spuckte ihn die bebende Masse endlich am anderen Ende der Tanzfläche aus.
Peter stolperte vorwärts und rang unwillkürlich nach Luft. Er stützte sich mit der Hand an einem Wandpfeiler ab und atmete tief durch. Er blinzelte ein paar Mal und erkannte, dass er unweit der Bar gelandet war. Der Thekenbereich war durch eine rote Backsteinmauer von der Tanzfläche abgeschirmt, die in regelmäßigen Abständen von großen Fensterbögen durchsetzt war. Die Architektur erinnerte an eine alte Fabrikhalle.
Peter trat durch einen Torbogen und der Geräuschpegel ebbte ein wenig ab. Der wummernde Bass dröhnte immer noch in seinen Ohren, doch statt der Musik war hier das lautstarke Stimmengewirr im Vordergrund. Die bunten Scheinwerfer und Nebelmaschinen wurden durch Glühbirnen abgelöst, die von den hohen Decken hingen und den Raum in ein schummriges Licht tauchten.
Zwar tummelten sich in diesem Bereich des Clubs deutlich weniger Menschen, doch frei bewegen konnte Peter sich auch hier bei Weitem nicht. Er drängte sich an zwei jungen Frauen vorbei, die versuchten, sich miteinander zu unterhalten. Eine von ihnen gestikulierte dabei wild mit den Armen und ihre Finger kamen Peters Augäpfeln gefährlich nahe.
Er gelangte unversehrt an die Bar und lehnte sich gegen die Theke. Die Thresenfläche war mit klebrigen Getränkeresten übersät und für einen Moment beobachtete Peter das Treiben vor und hinter der Theke. Die Kellner:innen füllten pausenlos Getränke in Gläser, mixten Cocktails, verteilten Shots. Unzählige Hände nahmen die vollen Behälter entgegen, gaben leere zurück oder signalisierten ihre Wünsche.
Peter erhaschte schließlich die Aufmerksamkeit einer blonden Kellnerin, die ihn freundlich anlächelte und fragend eine Augenbraue hob.
"Cola", schrie er ihr zu und formte das Wort dabei ausdrücklich mit den Lippen. Zusätzlich hielt er seinen Daumen hoch. Die Kellnerin, deren Namensschild sie als Abby auswies, verstand und stellte einen kurzen Moment später ein Glas vor ihm ab. Peter hielt seine Smartwatch an das Kartenlesegerät und nickte Abby dankend zu. Dann nahm er das Glas, drehte sich um und ließ seinen Blick schweifen. Aufgrund seiner Größe konnte er über die meisten Köpfe hinwegsehen und fühlte sich nicht so sehr von den vielen Menschen bedrängt.
Er nippte an seiner Cola und scannte den Raum nach einer Stelle, an der es etwas leerer und ruhiger war. Zu seiner Rechten befanden sich zahlreiche Buchten, die durch hüfthohe Mauern voneinander abgetrennt und mit Sitzbänken und kleinen Tischen ausgestattet waren. Sie waren bereits alle belegt. Zwischen den Sitzecken – dort, wo die Fenster in die Wand eingelassen waren – bildeten die Mauervorsprünge ebenfalls Sitzgelegenheiten.
Peters Augen blieben an einem dieser Fenster hängen, vor dem ein junger Mann mit blonden Locken saß und augenscheinlich gerade eine Zigarette drehte. Er saß mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, hatte ein Bein auf dem Vorsprung abgestellt und ließ das andere locker hinunter baumeln. Obwohl – oder gerade weil – Peter sein Gesicht nicht richtig erkennen konnte, gelang es ihm nicht, den Blick abzuwenden. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich plötzlich zu dieser Person hingezogen.
Peters Beine liefen los, ohne dass er bewusst eine Entscheidung getroffen hatte. Er bewegte sich an den anderen Menschen vorbei und beachtete sie gar nicht. Er hatte nur noch Augen für die blonde Gestalt, die dort im Fenster saß. Und je näher Peter kam, desto mehr Details konnte er ausmachen. Der Fremde war definitiv kleiner als er selbst und schien von etwas schmächtigerer Statur zu sein. Peter schätzte, dass er ungefähr in seinem Alter sein musste, höchstens Ende zwanzig. Er trug eine graue Cordhose, die an den Knöcheln umgekrempelt war, und seine Sneaker strahlten in einem reinen Weiß. Sie mussten entweder neu oder wirklich, wirklich gut gepflegt sein. Das hellblaue Leinenhemd steckte in einem french tuck locker in seiner Hose. Er hatte es bis zu den Ellenbogen hochgeschoben und die oberen Knöpfe geöffnet.
Er hatte einen Tabakbeutel im Schoß und sein Kopf war leicht nach vorne gebeugt. Peter starrte fasziniert auf die filigranen Finger, die geschickt und flink das Papier mit dem Tabak zusammenrollten. Er schob seine freie Hand in die Hosentasche und schlenderte neugierig auf das Fenster zu. Dort lehnte er sich lässig mit der Schulter an die Mauer, sodass er dem blonden Kerl gegenüber stand. Da die Lautstärke hier mittlerweile etwas erträglicher war, musste er nicht schreien.
„Hier drinnen ist Rauchen verboten”, sagte er stattdessen in normalem Tonfall und wollte sich augenblicklich selbst ohrfeigen.
Großartig, Peter, was Besseres fällt dir nicht ein? Jetzt hält der dich doch sofort für einen Schnösel, dachte er, von sich selbst genervt.
Der Fremde hob den Kopf und starrte Peter einen Moment lang ausdruckslos an. Dieser Moment reichte aus, um Peter alles andere vergessen zu lassen. Die ozeanblauen Augen standen im Kontrast zu der hellen Haut, die absolut keine Unebenheiten aufwies. Der Schatten eines Drei-Tage-Barts zierte seine Wangen und die markante Kinnlinie.
Peter leckte sich nervös die Lippen. Dieser Typ war einfach unverschämt attraktiv – nein, heiß.
Und er schien zu registrieren, dass Peter ihn angesprochen hatte. Er hob jedoch lediglich eine seiner buschigen, blonden Augenbrauen.
„Sorry”, stammelte Peter sofort, nachdem er seine Gedanken wieder einigermaßen geordnet hatte. „Streich’ das bitte wieder, worst pick up line ever.” Er schlug sich mit der freien Hand gegen die Stirn. „Hi, ich bin Peter. Ist hier noch frei?” Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die freie Ecke auf dem Mauervorsprung.
Das Objekt Peters’ Begierde musterte ihn kurz, ehe sein linker Mundwinkel leicht nach oben wanderte und sich ein süßes Grübchen in seiner Wange bildete.
Oh shit, ist das knuffig!
„Das sollte eine pick up line sein?”, fragte er skeptisch, aber belustigt.
Peter zuckte unbeholfen mit den Achseln und grinste verlegen. „Ich, äh, …”
„Schon gut”, lachte der Blonde. Das Lachen klang so wunderschön, Peter wollte dahinschmelzen.
Reiß’ dich zusammen!
„Setz dich, Peter. Ich bin Bob. Und keine Sorge, die hier …” Bob hielt die perfekt gerollte Zigarette hoch. „... ist für später”, erklärte er mit einem Zwinkern und steckte sie in den Tabakbeutel, den er anschließend in seiner hinteren Hosentasche verschwinden ließ.
Peter nickte bedröppelt und nahm neben Bob auf der Mauer Platz, die etwas niedriger als hüfthoch war. Er wusste nicht so recht, was er darauf antworten sollte und trank stattdessen noch einen Schluck von seiner Cola.
„Also, Peter”, fuhr Bob hingegen unbeirrt fort. „Dein erstes Mal hier? Ich glaube, an so ein hübsches Gesicht könnte ich mich erinnern.”
Sein Blick schien Peter zu durchbohren, gleichzeitig war sein Gesichtsausdruck schwer zu deuten. Er zeigte neugieriges Interesse und wirkte dennoch zurückhaltend und vorsichtig. Peter wiederum spürte, wie die Hitze in seine Wangen stieg und hoffte, dass es nicht zu sehr auffiel.
„Ja, ich gehe nicht so regelmäßig feiern. Und wenn doch, dann treibe ich mich eher an anderen Orten rum”, antwortete er. Als Bob die Stirn runzelte und erneut eine Augenbraue hob, realisierte Peter, was er da gerade gesagt hatte.
„Äh, Clubs. Clubs, ich meine Clubs. Bars. Kneipen. Sowas. WG Parties. Keine … keine zwielichtigen, äh, Sachen. Oder so.”
Er wollte im Boden versinken. Was hatte dieser Typ, dass er ihn so sehr aus der Fassung brachte? Da, schon wieder. Bob schmunzelte subtil und lachte in sich hinein. Und er sah so unglaublich gut dabei aus.
Argh!
„U-und du? Du bist öfter hier?”, fragte Peter, um von seiner Blamage abzulenken.
„Joa, schon. Ich wohne nicht weit von hier und manchmal komme ich nach der Arbeit mit ein paar Kolleg:innen auf ein Bierchen her”, antwortete Bob. Dann nahm er sein Glas, das zwischen seinen Beinen auf der Mauer stand, und leerte den Rest in einem Zug.
„Was arbeitest du denn?”, wollte Peter wissen und trank sein Glas ebenfalls aus.
„Ich bin Journalist bei einer kleinen Zeitung hier in L.A. Die Kurzfassung ist, dass ich Kriminalfälle recherchiere und sie gesellschaftskritisch analysiere.”
„Wow, das klingt … total spannend.”
Wow, Peter, das klingt … total einfallslos. Super.
„Ich finde schon.” Bob gluckste. “Und was machst du so?”
Die blauen Augen schienen trotz der schwachen Beleuchtung zu strahlen und schauten Peter unentwegt an. Ein amüsiertes, aber freundliches Lächeln umspielte Bobs Lippen. Diese roten, vollen Lippen, die danach schrien, geküsst zu werden …
Moment, hatte Bob ihn nicht etwas gefragt?
„Achso, ich? Ja, ich, äh, ich bin Sportler. Fußballer, um genau zu sein”, stotterte Peter.
Bob zog anerkennend die Augenbrauen hoch und nickte. „Wow, nicht schlecht. Dann verbirgt sich darunter bestimmt ein ansehnliches Sixpack”, sagte er und zeigte mit dem Finger auf Peters Bauch. Dabei grinste er verschmitzt, sodass seine Grübchen deutlich sichtbar wurden.
Peters Ohren begannen zu glühen, während er für ein paar Sekunden perplex auf Bobs ausgestreckten Finger starrte.
„Finde es heraus”, entgegnete er schließlich und grinste herausfordernd zurück. Er konnte sehen, dass Bob nicht mit dieser schlagfertigen Antwort gerechnet hatte und klopfte sich innerlich auf die Schulter. Offenbar hatte er das Flirten doch nicht über Nacht vollständig verlernt.
Bob schürzte die Lippen, als müsse er darüber nachdenken. Anstatt darauf zu antworten, hob er jedoch sein leeres Glas und stand auf.
„Ich brauche noch einen Gin Tonic. Was kann ich dir mitbringen?”
„Eine Cola. Danke”, sagte Peter und reichte ihm sein eigenes Glas.
Zum dritten – oder vierten? fünften? – Mal zog Bob eine Augenbraue hoch. „Sicher?”
„Ja”, lächelte Peter. „Ich trinke nicht. Verträgt sich nicht so gut mit dem Hochleistungssport.” Ganz davon abgesehen, dass er den Geschmack nicht mochte und das Gefühl am nächsten Tag hasste. Aber das brauchte Bob nicht zu wissen, der hatte vermutlich ohnehin schon kein besonders vorteilhaftes Bild von ihm.
„Verstehe”, nickte Bob. „Könnte ein billiger Abend für mich werden.”
Er grinste breit, bevor er auf dem Absatz kehrt machte und in Richtung Bar ging. Nach ein paar Metern verschluckten ihn die anderen Menschen und Peter konnte seinen blonden Haarschopf nicht mehr erkennen.
Peter atmete tief ein und mit aufgeblasenen Backen wieder aus. Ihm war immer noch heiß und die Luft im Club war stickig und schwül. Er warf einen Blick auf sein Smartphone, hatte hier unten allerdings keinen Empfang. Also schob er es wieder in seine Hosentasche und lehnte seinen Kopf seitlich an die Mauer. Dann schloss er die Augen und ließ das soeben stattgefundene Gespräch Revue passieren.
„Du schläfst mir doch nicht ein?”, riss ihn Bobs Stimme plötzlich aus den Gedanken.
Erschrocken schlug Peter die Augen auf.
„Äh, nein, sorry. Wow, das ging fix. Danke.” Peter nahm das Glas entgegen, das Bob ihm hinhielt.
„Man muss nur die richtigen Leute kennen”, erwiderte Bob mit einem Schulterzucken und setzte sich wieder neben Peter auf die Mauer. „Also, Peter”, fuhr er fort. „Du bist Fußballer. Was muss man sonst über dich wissen?” Er nippte an seinem Gin Tonic und schaute ihn über den Rand seines Glases erwartungsvoll an.
Peter war nicht entgangen, dass Bob sich diesmal näher zu ihm gesetzt hatte, sodass sich ihre Oberschenkel nun berührten. Die Berührung sendete ein aufregendes Kribbeln durch sein Bein und bis in seinen Bauch. Es kostete ihn einiges an Anstrengung, sich auf die Frage zu konzentrieren und nicht auf der Stelle über Bob herzufallen.
Peter überlegte. Was sollte er sagen?
Ich steh’ auf dich und bin gerade sehr, sehr horny.
„Puh, gute Frage. Mein Alltag wird hauptsächlich von meinem Trainingsplan bestimmt, also viel Bewegung und Regeneration. Abende wie heute sind wie gesagt eher selten, meistens verbringe ich meine Freizeit mit Freunden oder einem guten Buch.” Na gut, das ging natürlich auch.
Bob schien keinesfalls desinteressiert, also hatte Peter es offenbar nicht ganz vermasselt.
„Was liest du so?”, fragte er.
„Kommt darauf an. Abgesehen von Fachliteratur viel non-fiction, zum Beispiel Biografien.”
„Fachliteratur?” Peter sah, wie Bob versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen, und musste lachen.
„Ja, die gibt es!”, antwortete er und täuschte Empörung vor.
Bob hob abwehrend die Hände und legte den Kopf schief. Dabei fiel ihm eine Locke in die Stirn und Peter musste sich mit aller Macht davon abhalten, seine Finger danach auszustrecken. Er starrte Bob einfach nur an.
Bob starrte zurück.
Peters Gedanken setzten aus.
Plötzlich herrschte in seinem Kopf absolute Stille und er vergaß, worüber sie eigentlich geredet hatten. Er hatte nur noch Augen für dieses wunderschöne Gesicht, mit dieser süßen Stupsnase und diesem wunder-wunderschönen Mund.
Diese Lippen, die nun leicht offenstanden.
Peter konnte nicht mehr anders. Er lehnte sich Bob langsam entgegen und wartete darauf, dass dieser zurückwich. Bob blieb, wo er war, und schaute Peter weiterhin an. Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich nach oben, doch Peter hatte es gesehen. Es war das Signal, auf das er gewartet hatte.
