Work Text:
Das regnerische Wetter ließ immer wieder Reisende und Ansässige in die Taverne schlüpfen. Die Bewirtung war gut genug, dass auch wohlhabendere Reisende einkehrten. Neben ordentlichem Essen und starkem Bier, gab es auch guten Wein und Musik. Normalerweise war eine Taverne aber nicht der Ort für Narcelias Aufführungen. Ihre musikalischen Künste wurde sonst nur vom Orden beansprucht. Jedoch hatte sie sich über die Jahrzehnte einen Ruf als exzellente Bardin erarbeitet, die nicht nur geistliche Melodien spielte. Ab und an komponierte sie auch unabhängig von ihrer Göttin, was diese willkommen hieß. Zumindest hatte sie nie dagegen protestiert oder sie gehindert. Als „Wolkenlyra“ war sie in weiten Teilen des besiedelten Faerûns bekannt. Die Lyra war ihr Lieblingsinstrument, auch wenn sie noch ein paar Andere spielen konnte.
An diesem Abend spielte Celia, wie sie von ihren Eltern genannt wurde, selbst komponierte Lieder und wob geringfügig Magie in die Klänge. Die Gelassenheit und Ruhe kam sicher nicht von der beträchtlichen Menge Alkohol, die die meisten Kunden bereits getrunken hatten. Als ihr die Finger anfingen klamm zu werden, erklärte sie ihre Darbietung für beendet und bedankte sich für die Aufmerksamkeit. Einige der Anwesenden protestierten, aber sie entschuldigte sich freundlich. Immerhin wollte sie im Morgengrauen weiterziehen und zu neuen Ufern aufbrechen. Der Wirt hielt sie auf dem Weg zu ihrem Zimmer auf und überreichte ihr einen Briefumschlag. Celia bedankte sich und stieg die Treppe zu den Zimmer hinauf. Ihr Zimmer beinhaltete neben einem Bett und Nachttisch nur eine Truhe und Sessel. Stehend öffnete sie den Brief.
Sehr geehrte Wolkenlyra,
hiermit lade ich Sie zu meinem nächstem Fest in den Türmen des Mondaufgangs ein. Für Ihre Dienste werden Sie selbstverständlich entlohnt. Der Bote, der diesen Brief gebracht hat, wird Sie bis zu den Türmen geleiten.
Ketheric Thorm
Celia wendete das Blatt, fand aber nichts vor. Sie ließ sich in den Sessel fallen und las den Brief noch einmal. Die „Türme des Mondaufgangs“ waren ihr ein Begriff, vor allem da ihr Vater ihr davon abgeraten hatte, je in die Nähe zu gehen. Ihre Neugierde war dennoch geweckt. Der Nachname des Absenders sagte ihr etwas. Stirnrunzelnd versuchte sie sich daran zu erinnern, jedoch kam ihr nichts in den Sinn. Der letzte Satz ließ sie in den Schankraum zurückkehren. Der Wirt nickte mit dem Kopf in Richtung einer der privaten Zimmer und Celia neigte den Kopf. In der einen Hand den Brief, in der Anderen einen Dolch, ging sie durch die Tür. Den Dolch hatte sie immer an sich zur Selbstverteidigung. Ansonsten reiste sie mit zwei Kurzschwertern und einem Bogen. Innen erwartete sie ein Mann, der auf einem der Stühle saß und Bier trank. Dem Dolch in ihrer Hand schenkte er nur kurz Beachtung und trank dann weiter. Wortlos hielt sie den Brief hoch und er grunzte. Er erhob sich und überragte sie nun um ein paar Köpfe und das obwohl sie die großgewachsene Figur ihres Vater geerbt hatte.
„Ihr macht eurem Namen tatsächlich ganze Ehre. So farblos wie eine Wolke und eure Musik gleich mit.“ sagte er und starrte sie an.
„Man tut, was man kann.“ antworte sie schlicht und verstaute ihren Dolch. „Ihr bringt mich zu den Türmen?“
Seine Oberlippe zuckte auf der einen Seite und er nickte. „Im Morgengrauen gehe ich, mit oder ohne euch“ sagte er ohne das Gesicht zu verziehen und stürzte den Rest seines Getränks herunter.
Dann ging er an ihr vorbei und Celia machte ihm schnellstmöglich Platz. Sie fuhr sich mit der Hand über den Mund und schlich in ihr Zimmer zurück, darauf bedacht möglichen Attentätern zuvor zukommen.
Nur wenige Stunden später stand sie startbereit vor der Taverne. Die ersten Sonnenstrahlen blinzelten hinter den Wipfeln des nahegelegenen Waldes hervor, als der Mann zu ihr stieß. Wortlos stapfte er los und sie eilte ihm nach. Im zügigen Tempo liefen sie durch den Wald, in dem sich der Mann offensichtlich bestens auskannte. Abends blieb er abgrubt stehen und machte ein Lagerfeuer. Erleichtert stellte Celia ihr Gepäck an einen Baum und nahm sich Wasser. Ihre Füße schmerzten schon leicht von der starken Dauerbelastung. Normalerweise, wenn sie alleine reiste, ging sie wesentlich langsamer. Als sie wieder in die Richtung des Mannes schaute starrte er sie an. Sie hob ihren Beutel für Wasser und verschwand im Wald.
Sie konnte das Rauschen eines Flusses in der Ferne hören und folgte den Geräuschen zügig. Der Wald öffnete sich und gleich neben dem Fluss befand sich ein See. Celia beschloss, in dieser Nacht nochmal zurückzukehren um mit ihrer Göttin Kontakt aufzunehmen. Vielleicht hatte sie Rat, denn ihr Vater hatte ihr Geschichten von Monstern und unnatürlicher Dunkelheit erzählt, die auf die Türme und das Umland lag.
Mit einem vollem Wasserbeutel kehrte sie zu dem Lagerfeuer zurück, an dem der Mann bereits Fleisch briet. Er schenkte ihr jedoch keine Beachtung und sie setzte sich an das Feuer. Kurze Zeit später hielt er ihr eine Keule hin und sie aßen. Extra Äste für das Feuer lagen am Rand des kleinen Camps und Celia rollte ihre Schlafmatte aus. Der Mann hingegen setzte sich mit dem Rücken an einen Baum und schloss die Augen. Er schien sofort eingeschlafen zu sein, aber Celia wartete vorsichtshalber noch eine Stunde, bis sie ihre Lyra nahm und zum See ging. Sie hatte bewusst ihre eigentliche Kleidung anbehalten. Sie traute weder dem Mann, noch dem Wald. Es konnte alles mögliche im Unterholz sein. Tief durchatmend stellte sie sich an den Rand des Sees und stimmte ein Lied mit ihrer Lyra an. Ihr Gesang mischte sich mit dem rauschen der Blätter und Wärme durchströmte sie. Ihr Blick richtete sich wieder zu dem See, als sie ein Plätschern hörte. Über dem Wasser schwebte eine Frau, die von nichts weiter als ihren weißen Haaren spärlich bedeckt wurde. Sofort kniete Celia nieder und verstummte.
„Narcelia, mein Kind. Ich habe mich gefragt, wann du wieder für mich spielen würdest.“ sprach Eilistraee. „Nun, ich weiß wieso du mich rufst. Geh zu den Türmen, doch ich habe einen Auftrag für dich. Eine verlorene Seele muss gerettet werden. Sei vorsichtig, niemand ist zu trauen.“
Die Göttin löste sich vor Celias Augen wieder auf und sie erhob sich. Mit schwirrenden Kopf und mehr Fragen ging sie zurück zum Camp. Als sie ihre Lyra verstaut hatte, legte sie sich auf ihre Matte. Sie hatte weder einen Hinweis auf ihr Auftragssubjekt, noch was genau sie erwartete. Sie hoffte, dass sie nicht zu Fuß zu den Türmen laufen musste. Ein Schauer rann ihr bei dem Gedanken über den Rücken und sie schaute zu ihrem Begleiter. Ihr Herz machte einen Satz, als sie seinem Blick begegnete. Sie starrten sich für eine Zeit an, die Celia wie Stunden vorkam. Irgendwann schüttelte er nur den Kopf und löschte das Lagerfeuer. Sie verstand den Wink und verstaute ihre Schlafmatte. Wenig später eilten sie weiter.
Ein paar Tage später kamen sie in einer Hafenstadt an. Die vergangenen Nächte hatte sie Tavernen gemieden und in den Wäldern übernachtet. Mehr als nötig hatten sie nicht gesprochen, was Celia nicht störte. Mit der Zeit war sie zu dem Schluss gekommen, dass Eilistraee sie nicht auf eine Selbstmordmission schicken würde. Entweder war das Missionsziel sehr wichtig für Eilistraees Plan oder sie vertraute niemanden sonst die Mission an. Was auch immer der Grund war, Celia würde die Mission ausführen. Die Einwohner der Stadt schauten ihnen nach und flüsterten untereinander. Den Mann störte das wenig, doch ihr war das unangenehm. Am Hafen wies er sie an am Kai zu bleiben und zu warten. Er ging zu einem Schiff, dass gut bewacht war und sprach mit einem der Seeleute. Ein paar Leute um sie herum begutachteten sie genauer und tuschelten unter sich. Aufgrund ihres guten Hörsinns schnappte sie einige Fetzen auf.
„Definitiv eine Halbelfe, sieh dir die Ohren an.“
„Die Schwerter sehen gefährlich aus.“
„Vielleicht ist sie eine Söldnerin.“
„Nein, eine Bardin.“
Die Meisten hielten sie entweder für eine Wald- oder Hochelfe. Das war ihr weitaus lieber als das sie ihre wahre Herkunft kannten. Der Grund war simpel: Hochelfen wurden als hoheitsvolle Wesen angesehen und Waldelfen waren höchstens komisch. Eine Dunkelelfe jedoch war etwas seltenes und vielen war der Unterschied zwischen Seldarine wie ihr Vater und den unter der Oberfläche lebenden Drow nicht bekannt. Für sie waren sie das Gleiche, aber zwei bedeutsame Unterschiede gab es. Einmal verfärbten sich die Augen von rot zu weiß bis grau. Ebenso hatten sie erkannt, dass Lolth nicht zu ihrem Bestens handelte, sondern nur aus reiner Selbstsucht und hatten sich Eilistraee zugewandt.
Bevor sie weiter zuhören konnte kam der Mann wieder zu ihr und brachte sie auf das Schiff. Er zeigte ihr ihre Kabine für die Überfahrt, in der ein Bett und Tisch mit Stuhl standen. Alles war mit dem Boden verschraubt und simpel gehalten.
„Bleibt in Eurer Kabine, Bardin. Auf diesem Schiff sind Sachen, die gefährlich sind.“ sagte der Mann, bevor er wieder ging.
Celia nickte nur und setzte sich auf ihr Bett. Ein Bullauge zeigte ihr den seichten Wellengang im Hafen und sie holte ein Notizbuch aus ihrer Tasche. Bis zum Abend werkelte sie an neuen Melodien und Liedern, bis es an ihrer Tür klopfte. Sie waren schon vorher ausgelaufen, weswegen das Schiff schaukelte. An der Tür war ein dürrer Junge, der ihr ein Tablett mit Essen anbot. Celia bemerkte seinen Blick, der das Brot fixierte. Sie bedankte sich bei ihm und griff nach dem Brot. Nachdem sie es in zwei Hälften geteilt hatte, nahm sie das Tablett und gab ihm eine Hälfte. Seine Augen weiteten sich und er trat einen Schritt zurück. Bevor er ablehnen konnte, hielt sie es ihm vor die Nase und lächelte ihn beruhigend an. Blitzschnell nahm er sich das Stück und verschwand in den Gang und die Treppe hinauf. Celia setzte sich mit dem Tablett an den Tisch und aß das Abendbrot.
Nach weiteren Tagen an Board des Schiffes war Celia langweilig, sie hatte ihre Inspiration aufgebraucht und in ihrem jetzigem Zustand konnte sie niemanden unter die Augen treten. Einfach gesagt, roch sie abscheulich und ihre Kleidung war durchgeschwitzt. Der Junge brachte ihr zweimal am Tag Essen und Trinken, redete aber kein Wort. Sie fragte sich ehrlich, warum sie nicht durch ein Portal gereist waren. Nachdem sie ihr Abendessen hatte, klopfte der Junge wieder an die Tür und hielt ihr diese auf. Celia nahm das als Wink ihr Zeug zu nehmen und ihm zu folgen. Lautlos bewegte sich der Junge zu Oberdeck und Celia folgte ihm. Auf dem Deck herrschte das reinste Chaos in Celias Augen. Sie erkannte kein Muster darin, wie die Seeleute von einer Seite zur anderen sprinteten und Befehle erteilt wurden. In der Ferne erspähte sie Land und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Als sie wenig später im Hafen anlegten und sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, atmete sie erleichtert auf. Die Erleichterung währte aber nicht lange, da der Mann vom Anfang ihrer Reise auf sie zusteuerte.
„Folgt mir und schaut niemanden zu lange an. Ich bringe Euch in Euer Zimmer. Bis morgen Mittag habt ihr Zeit Euch auf das Fest vorzubereiten. Verlasst das Zimmer nicht und es wird nichts geschehen.“ wies er sie an.
Dann ging er vom Wasser weg und Celia traf der Schlag. Die Türme erstrahlten im weißen Licht, das nur magischer Natur sein konnte und mehrere Pflanzen rankten sich am Gebäude hoch. Bevor sie sich in diesem Anblick verlieren konnte, eilte sie dem Mann hinterher und trat in das Innere des Turms. Er brachte sie zu einem Zimmer und schloss die Tür hinter ihr. Dieses war vergleichsweise paradiesisch. Ohne Nachzudenken zog sie sich aus und schmiss ihre Sachen auf den Boden als sie die Badewanne erblickte. Auch wenn die Luft relativ kalt war, hatte das Wasser eine angenehme Temperatur. Freudig kletterte sie in die Wanne und lag in ihr. Nachdem sie sich auch die Haare gewaschen hatte, nahm sie sich das Handtuch von dem Hocker daneben und trocknete sich ab. Auf ihrem Bett lag neben simpler Unterwäsche eine Hose und Langarmshirt. Mit frischer Kleidung am Leib legte sie sich auf Bett und breitet die Arme aus. Der Schlaf ließ nicht lange auf sich warten und sie schaffte es gerade noch unter die Decke zu schlüpfen.
Geweckt wurde sie am nächsten Morgen von einer Frau. Sie hatte vorher anscheinend schon ihre alte Kleidung aufgesammelt und leerte nun die Badewanne. Auf dem Sofa bemerkte sie ein aufwendig verziertes Kleid und nahm an, das es für das Fest gedacht war. Die Frau beschleunigte ihre Arbeit und verschwand, bevor Celia mit ihr sprechen konnte. Stattdessen nahm sie sich des Frühstücks an, das aus Brot, Butter, Käse und Wasser bestand. Nach dem essen begutachtete sie das Kleid und beschloss sich bereits umzuziehen. Die alten Sachen legte sie auf das Sofa und zog das Kleid an. Durch eine Schnürung an der Seite konnte sie sich alleine anziehen. Vor dem Spiegel in der Ecke des Raumes strich sie den dunkelblauen Stoff des Kleides glatt. Die silber- und bronzefarbenen Applikationen boten einen Kontrast und die enganliegenden Ärmel würden sie nicht beim Spielen behindern. Der Rock des Kleides hingegen war weit geschnitten und wurde unter ihrer Brust von einem breiten schwarzem Gürtel getrennt. Ihre Haare flocht sie zu einem einfachen Zopf zusammen. Auf Schmuck verzichtete sie, bis auf den Ring ihrer Eltern. Celia hatte ihn bekommen, bevor sie zu ihren Reisen aufgebrochen war und hatte ihn seitdem nicht abgelegt. Er hatte keinerlei magische Komponenten, sondern war rein sentimentaler Bedeutung.
Um die Wartezeit zu überbrücken, nahm sie sich ihre Lyra und übte ein paar ihrer Lieder, die sie heute spielen wollte. Die Frau vom Morgen holte sie nach einiger Zeit ab und betrachtete sie wohlwollend. Anscheinend hatte sie damit gerechnet, ihr beim Anziehen helfen zu müssen. Sie bat Celia sie zu begleiten. Sie brachte sie zu einer Tür, vor der mehre Wachen positioniert waren. Lautes Stimmengewirr war aus dem Inneren zu vernehmen und Celia schluckte. Die Frau nickte ihr zu und verschwand in einer der Gänge. Die Wachen öffneten ihr dann die Tür und der Lärmpegel erhöhte sich. Mit festem Griff krallte sie sich an ihre Lyra und trat durch die Tür. Sie wusste nicht woher die plötzliche Nervosität kam. Sonst spielte sie auch vor vielen Leuten und hatte noch nie Lampenfieber. Nur ein paar der Anwesenden schenkten ihr Beachtung und die Wachen schlossen die Tür wieder hinter ihr. Celia ließ ihren Blick schweifen und fand den Blick eines älteren Mannes. Er hatte schütteres Haar und einen Bart. Seine Stirn zierte eine Art Diadem mit einem Symbol an der Stirn, das sie nicht ausmachen konnte. Die Rüstung an seinem Körper ließ ihn bedrohlich aussehen und ihr fiel sofort der rote Edelstein im Brustbereich auf. Er erhob sich aus seinem Stuhl und hob die Hand. Die Meute brauchte eine Weile um zur Ruhe zu kommen, doch er behielt seinen stoischen Gesichtsausdruck bei.
„Sehr geehrte Gäste, dies ist die berühmte Wolkenlyra. Sie wird uns heute Abend mit ihrer Musik den Abend versüßen. Bis dahin ist sie selbstverständlich ein Gast an meiner Tafel. Setzt Euch und genießt die Köstlichkeiten.“ dröhnte seine Stimme durch den Saal.
Das musste dann Ketheric Thorm sein. Auf sein Geheiß setzte sie sich neben ein paar Dunkelelfen drei Stühle an dem Tisch von ihm entfernt. Bei genauerem Umsehen waren hier sehr viele rotäugige Dunkelelfen und Celias Herzschlag beschleunigte sich. Die Feier ging sofort wieder weiter, nur ein paar Blicke folgten ihr. Die Meisten waren mit ihrem Mahl und Nachbarn beschäftigt. Die Stimmung schien ausgelassen, aber es lag etwas in der Luft. Etwas, das sie nicht fassen konnte. Die ganzen roten Augen machten sie unruhig und Celia rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Sie beschloss keinen Alkohol zu trinken um bei Sinnen zu bleiben. Als der Mittag zum Abend wurde, waren die Meisten betrunken und die Lautstärke erreichte neue Höhen. Neben Wasser und Saft hatte Celia sich an leicht bekömmliche Speisen gehalten und ihre Umgebung beobachtet. Ihre Kenntnisse der dunkelfischen Sprache beschränkten sich auf praktische Themen, aber anscheinend waren alle Dunkelelfen zusammen hier. Die Anführerin war eine Drow neben Ketheric Thorm, die mit grimmigen Gesicht den Raum musterte. Als er sich wieder erhob, wurde es viel schneller leise als bei ihrer Ankunft. Vielleicht trug auch der Blick der Drow dazu bei.
„Nun wollen wir zum musikalischen Teil des Festes übergehen. Wolkenlyra, würdet Ihr bitte.“ wandte er sich erst an die Anwesenden und dann an sie.
Celia stand auf und ging um den Tisch herum, an dem sie gerade noch gesessen hatte. Ihr wurde ein Hocker in die Mitte der Halle gestellt und sie setzte sich. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, fing sie an zu spielen. Reflexartig schloss sie ihre Augen, als könnte sie die Blicke der Anderen so ausblenden. Lied um Lied spielte sie und fing nach einiger Zeit auch an zu singen. Ihre Lieder handelten von Liebe, Familie, der Natur und dem Leben an sich. Zumeist sang sie in der allgemeinen Sprache, nur ein paar waren auf Elfisch. Nach jedem Lied wanderte ihr Blick zu dem Gastgeber, aber dieser ermutigte sie nur weiterzumachen. Irgendwann taten ihre Finger weh und sie erhob sich. Sie verkündete, dass sie fertig sei und Thorm schien den Wink zu verstehen. Er lud sie ein, bei ihm zu sitzen. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr die Idee missfiel, als sie zu ihm ging. Die Betrunkenen Leute um sie herum grölten und hatten offensichtlich ihr Limit überschritten. Vorsichtig nahm sie rechts von ihm Platz und trank den angebotenen Saft aus einem Kelch. Er fragte sie jedoch nur über ihre Reisen aus und sie erzählte ihm zumeist die Wahrheit. Die erste Regel beim Lügen war es immerhin, so nah an der Wahrheit dran zubleiben wie möglich. Als er sich für den Abend verabschiedete hatte sie ihm fast ihre ganze Reise erzählt. Sie schloss die Augen und nahm einen tiefen Zug aus dem Kelch.
„Ich hätte Euch bereits so oft vergiften können, dass ich schon vor Stunden aufgehört habe zu zählen.“ ist das erste was Celia von der Drow auf der anderen Seite von Thorms Stuhl hörte.
Celia verschluckte sich fast und erntete dafür ein spöttisches Lächeln von der Drow. Als sich ihre Blicke das erste Mal begegneten, fühlte sie kurz einen Stups an ihre Schulter und die Anwesenheit von Eilistraee. Celia hatte kaum Zeit ihre Mission genauer zu betrachten.
„Von der schweigsamen Sorte. Hätte ich nicht von einem Barden vermutet.“ sagte sie und wandte ihren Oberkörper Celia zu.
„Nun, mit Saft im Hals lässt es sich nur gut sterben, fürchte ich.“ erwiderte Celia trocken und erntete ein kurzes Lachen.
„Dann sagt, wie ihr zu einer Einladung zu diesem Fest gekommen seit. Denkt ihr auch darüber nach, euch in die Diente der Absoluten zu stellen?“ fragte die Drow.
Celia schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe meine Bestimmung bereits gefunden.“
„Dann erleuchtet mich, Halbelfe, wer es ist und wie euer Name lautet.“ bohrte die Drow nach.
Nervös fing Celia an, mit ihrem Rock zu spielen. Das entzog sich nicht des aufmerksamen Auges ihres Gegenübers. Sie überlegte einen Moment und beantworte dann ihre Frage. Sie konnte ja schlecht enthüllen, dass sie Eilistraee anbetete. Die Drow war ganz klar Lolth zugetan.
„Ich diene einer Göttin, die lieber nicht genannt werden möchte und mein Name ist Wolkenlyra, nicht?“
Die Drow schnaubte. „Bitte, das ist kein Name, den Eltern ihrem Kind geben. Was eure Göttin betrifft, kenne ich niemanden, der Gesänge wohlwollend unterstützt.“
Ignoranz war in ihrem Fall wohl auch ein Weg, dachte Celia bei sich. „Das kann sein. Nennt mich meinetwegen Celia. Wie werdet ihr genannt?“
„Minthara.“ lautete die simple Antwort. „Dennoch frage ich mich, wie eine Halbelfe dazu kommt ein Barde zu werden. Sagt, was war euer Vater? Kennt ihr ihn oder hat er eure Mutter schon vor eurer Geburt verlassen?“ fragte sie mit einem süßlichen Gesicht.
Celia verengte ihre Augen. „Mein Vater ist ein guter Mann. Nicht einmal im Traum würde ihm in den Sinn kommen, mich oder meine Mutter zu verlassen. Bardin bin ich geworden, weil mein Vater ein Verehrer der Musik ist, wenn Ihr es so genau wissen wollt..“
Minthara nickte. „Das lasse ich durchgehen. Trotzdem möchte ich wissen wo ihr euer Dunkelelfenblut herhabt.“
„Ihr könnt viel wollen.“ wehrte Celia ab und Minthara grinste.
Ihr fiel in diesem Moment das Tattoo an Mintharas Hals auf. Auch davon hatte ihr ihr Vater erzählt. Alle Mitglieder der großen Häuser hatten ihr Wappen an den Hals tätowiert. Die genauen Symbole hatte er ihr aber nie erklärt.
„Ich bekomme gewöhnlich, was ich will. Im Moment will ich nur Informationen. Antwortet also lieber.“ drohte sie Celia.
Mit einen Seufzen gab sie nach: „Mein Vater ist ein Dunkelelf und meine Mutter ein Mensch. Reicht das?“
Minthara nickte. „Geht doch. Dennoch bin ich über die Konstellation überrascht. Nicht viele meiner Männer bleiben lange genug an der Oberfläche um Kinder zu zeugen, geschweige denn sie aufwachsen zu sehen.“
Darauf fiel Celia keine Antwort ein und sie trank einen Schluck. Ihre Theorie, dass die Drow eine hohe Stellung hatte, bestätigte sich damit jedoch und sie wusste nicht, was sie damit anfangen konnte. Sie unterhielten sich über belangloses und Celia fühlte, wie sie sich zunehmendes trotz der Gesprächspartnerin entspannte. Irgendwas an ihr zog sie an wie eine Motte zum Licht flog. Celia versuchte das Gefühl zu ergründen, aber sie kam zu keinem Entschluss.
Ihre Sinne sprangen wieder in Alarmmodus, als Ketheric Thorm mit einer Frau durch die Tür trat. Ihr stellten sich alle Haare am Körper auf und sie umklammerte ihren Kelch fest. Minthara, die die Veränderung bemerkte richtete ihren Blick auch auf die Frau. Ihre blonden Harre waren in einer ähnlichen Frisur wie Celias geflochten und auf ihnen ruhte ein Diadem. Ihr Körper war nur spärlich von einer irritierend roten Rüstung bedeckt und ließ freien Blick auf ihre helle grauviolette Haut zu. Ihre Augen waren vollständig weiß, als hätte sie ihre Augen ständig verdreht. Was Celia aber vollständig von der niederträchtigen Natur dieses Geschöpfs überzeugte, waren die Messer, von der sie in jeder Hand Eines hatte. Die rote Klinge schien aus dem gleichen Material zu bestehen wie ihre Rüstung. Der Griff war aus Gold und zwischen Schneide und Griff war eine Kreisform mit rotem Edelstein, der verdächtige Ähnlichkeiten zu Thorms hatte. Celia versuchte sich zu beruhigen, aber ihr Atem wurde immer schneller. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, so viel war sicher.
Das wurde auch nicht besser als Thorm auf sie zuging und die Frau anfing zu lächeln. Celia hatte noch nie so etwas bösartiges gesehen und ihr brach der Schweiß aus. Im Tunnelblick beobachtet sie, wie die Blonde zu einem der Tische ging. Ketheric hatte nun ein wölfisches Lächeln auf den Lippen und setzte sich wieder auf seinen Platz. Schreie ließen ihren Blick wieder zurückschnellen. Ein roter Streifen schnellte von Dunkelelf zu Dunkelelf. Bevor ihr Gehirn realisierte was passierte, hatte sie bereits ein Dolch an ihrer Kehle.
„Nicht sie und Minthara!“ waren die Worte von Thorm, die sie retteten. Celia saß auf ihrem Stuhl so still wie noch nie zuvor. Ihre Atmung erfolgte unregelmäßig und ihre Gedanken rasten. Sie konnte nicht einmal an Eilistraee denken, so sehr war sie auf die Dolche an ihrer Kehle, die Frau die sie führte und den Mann an ihrer rechten Seite konzentriert.
„Aber ich will sie Beide. Sie werden so schön singen!“ beschwerte sich die Frau.
„Orin!“ knurrte Thorm.
Orin fletschte ihre Zähne und sprang vom Tisch. Sie leckte ihre Dolche ab und schloss ihre Augen. Offensichtlich genoss sie das Blut. Celia war immer noch wie erstarrt als Thorm sie an der Schulter fasste. Das riss sie aus ihrer Trance und sie sprang auf. Eine Wache trat in den Saal und führte sie weg. Celia warf einen letzten Blick auf die Drow auf der anderen Seite von Thorm. Ihr Blick zeigte nicht eine Emotion und etwas sagte ihr, dass das nicht das erste Massaker war, dass sie mit ansah. Ein Schauer rann ihr erneut über den Rücken. Kurz dachte sie in den roten Augen etwas aufflackern zu sehen, aber es verschwand schnell wieder. Schnell wendete sie sich mit einem letzten Blick zu Orin ab. Diese folgte ihr mit zusammengekniffenen Augen und Flunsch. Offensichtlich war sie den Tod entkommen. Celia wusste, dass nur Thorm Orin davon abhielt, ihr nachzujagen. Ihre Alarmglocken schrillten. In ihrem Zimmer sagte ihr die Wache, dass sie in wenigen Stunden mit dem Schiff weggebracht werden würde. Das Schließen der Tür war Ohrenbetäubend.
Schwer atmend setze sie sich auf das Sofa und zog dann die Beine an. Zitternd nahm sie sich die Decke von der Armlehne und wickelte sich darin ein. Das weiße Licht, das durch das Fenster kam, war die einzige Lichtquelle. Ihre Gedanken fingen wieder an zu arbeiten und stürzten förmlich über sie hinein. Ein Wimmern verließ sie und sie schlug eine Hand vor ihren Mund. Sie zog die Decke noch enger um ihren Körper und presste ihren Rücken an die Lehne.
Als die Wache wieder zu ihr kam um sie abzuholen, hatte sie keine Sekunde geschlafen. Sie hatte sich nur hastig des Kleides entledigt, nachdem sie sich ein bisschen beruhigt hatte. Dabei hatte sie Bluttropfen auf dem Stoff und ihrer Haut unter ihrem Hals entdeckt und den Großteil ihres Abendessens der Badewanne überlassen. In den Hosen und Langarmshirt fühlte sie sich wesentlich wohler. Die Wache quittierte den Dolch in ihrer Hand nur mit einen abschätzigen Blick. Das Schiff legte im Dunkeln ab, was eigentlich nicht sein konnte. Celia verschwendete jedoch keinen Gedanken an die merkwürdige Dunkelheit um die Türme, sondern dachte nur daran, wie sie schleunigst viel Land zwischen sich und diesen Ort bringen konnte. Sie verbat sich jeden Gedanken an Thorm und Orin. Auch Minthara verbannte sie. Sie wurde wahrscheinlich entweder für später „aufgehoben“ oder wie sie weggeschickt. Als das Schiff ablegte und sie am Bullauge stand rollten die ersten Tränen. Ihre Seele schrie und zappelte, ihre Gefühle waren zu viel und ihre Sicht war verschleiert. In der Ferne meinte sie Schreie zu vernehmen, die seltsam vertraut waren. Schlussendlich brach sie zusammen und presste ihren Rücken an die Boardwand.
Sie schwor sich, niemals wieder zu den Türmen von Mondaufgang zurückzukehren.
