Chapter Text
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Let's hide under the covers
We don't know what's out there
Could be all our demons, darling
Hold me, lover, like you used to
So tight I'd bruise you
I'd bruise you, I'd bruise you
(The Amazing Devil - Wild Blue Yonder)
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„Nächte sind die besseren Tage.“
Leo sieht verwirrt von seinem Aktenordner hoch und muss anscheinend erst einmal einordnen, wo er gerade ist. Nicht in den 1940ern bei Hofer im Betrieb, sondern in ihrem Büro in Saarbrücken, im Jahr 2020.
Es ist mitten in der Nacht und Adam fühlt sich roh, er fühlt sich wund und unsicher. Er ist müde, aber aufgekratzt, er ist schläfrig, aber doch hoch konzentriert. Seine Mutter zu verlassen ist das Richtige gewesen, die Flucht zurück in die Dienststelle vorbei an den irritierten Beamten des KDD ebenso.
Das kleine, dunkle Büro ist nur durch eine Schreibtischlampe erhellt und da ist er. Leo, der bei seinem Vater gewesen ist all die Jahre. Leo, der Polizist ist, was seine Mutter ihm voller Stolz erzählt hat, als wäre sie persönlich für Leos Ausbildung verantwortlich gewesen.
Seine Mutter und Leo haben fünfzehn Jahre mehr zusammengehabt als Adam mit seinem vormals besten Freund und Adam ahnt, wieviel er nicht weiß.
Er sieht es in Leos schönem, sanftem Gesicht.
„Ab eins wird’s philosophisch?“, entgegnet der wohlgeformte Mund latent spöttisch und Adam fragt sich, wo in aller Welt der schüchterne Junge den amüsierten Spott eines Erwachsenen gefunden hat. Es gefällt Adam.
Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme hinter seinem Kopf, doch mit der Geste kommt auch die Unsicherheit. Was, wenn Leo das nicht so gefällt wie ihm? Die Nächte durchmachen, so wie früher? Die ruhigen Stunden der Nacht für unendliche Gespräche über die Zukunft nutzen?
Adam macht den Mund auf, traut sich aber nicht zu fragen. Lieber nimmt er die Arme runter und kümmert sich um die Akten ab 1945.
~~**~~
„Hi Adam, ich bin Melih. Herzlich willkommen. Möchtest du einen Kaffee?“
Adam sieht sich in Polizistenmanier knapp um, scannt den Raum für mögliche Bedrohungen, aber auch für mögliche Indizien. Es ist Instinkt mittlerweile so in Fleisch und Blut übergangen, dass Adam es überall macht. Selbst hier, in dem Etablissement, das Vincent ihm empfohlen hat. Weil Vincent jemanden kennt, der jemanden kennt, der wiederum jemanden kennt.
Dass Vincent über fünfzehn Ecken aber jemanden in der Nähe von Guisberg am Rand der Vogesen kennt, der mitten im Wald in einem alten Herrenhaus ein Etablissement aufgebaut hat, das genau Adams Wünsche bedient, ist immer noch erstaunlich und umso misstrauischer ist Adam. Obwohl der Ausblick zugegebenermaßen wirklich schön ist.
„Danke nein“, weist er entsprechend brüsk ab, bevor er sich darauf besinnt, dass er nicht hier ist, weil er dazu gezwungen wird. Er ist hier, weil er es will und weil Vincent sich für ihn eingesetzt hat, damit er eine Chance erhält.
„Dann lass uns darüber sprechen, was ich für dich tun kann.“
Adam ist besser geworden, seine Wünsche zu äußern, aber immer noch weit von dem entfernt, was man als kommunikativ bezeichnen würde. So ist seine Mail auch knapp und kurz gewesen, sein erstes Telefonat mit Melih eher spartanisch.
Adam räuspert sich. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann bereut er es, keinen Kaffee genommen zu haben und sieht aus dem Fenster hinaus in die Weite.
„Ich kann mir vorstellen, eine der Skulpturen zu sein.“
Skulpturen, so nennt Melih die objektifizierten Männer. Ganz in dem Stil vermeidet er auch jedes anrüchige oder pornographische Wort. Seine Stimme ist sanft, ganz leise und er spricht von seinem Angebot, als wäre es Philosophie und nicht sexualisierte Begierde und Lustbefriedigung auf beiden Seiten.
„Ich habe Besucher aus Frankreich und Deutschland, manchmal sogar aus Luxemburg“, erklärt Melih und unterstreicht die Weitläufigkeit seines Einzugsgebietes mit seinen Händen. „Einige kommen immer wieder, andere sind Durchreisende. Hast du so etwas schon einmal gemacht?“
Adam nickt. „In Berlin.“
„Wie lange?“
„Für fünf Jahre.“
Überrascht hebt Melih seine dunklen, perfekt geschwungenen Augenbrauen. Sein schwarzer Bart bewegt sich, als er die Lippen schürzt.
„Ich arbeite mit farblichen Bändern, die du selbst bestimmst, wann immer du deine Termine machst. Jede Farbe steht für etwas, das du bereit bist zu tun. Trotzdem kannst du immer stopp sagen, egal wann. So wie dein Gegenüber auch.“
Im Grunde ist jede dieser Mechaniken gleich. Mit dem Eintritt in das andere Dasein gibt er seine Stimme und sein Sehvermögen ab und überlässt den Besuchern die Führung. Er vertraut ihnen seinen Körper an und lässt sich fallen in ihr Tun.
Er wird zu einer Skulptur, einem Objekt. Den Begriff Puppe möchte Adam vermeiden, denn das ist er nicht.
„Denkbar einfache Regeln“, erwidert er und Melih mustert ihn eindringlich. Adam hält dem Blick mit Leichtigkeit stand und so kommen sie überein.
Erst nonverbal, dann verbal, dann mit einem Vertrag, der eine Sicherheit für beide Seiten darstellt.
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Es ist Samstagnachmittag, als Adam eintrifft. Melih hat ihn vorher mit dem Haus vertraut gemacht und ihm jede Ecke gezeigt. Adam hingegen hat Melih sein Outfit gezeigt und ist auf mildes, erstauntes Interesse gestoßen.
„Es wird wunderbar hier hereinpassen.“
Vielleicht tut es das und Adams Herz flattert aufgeregt, als er sich seine Halbmaske anlegt, die soviel von seinem Gesicht und seinem Kopf verdeckt, dass man ihn nicht erkennt. Vincent hat sie ihm in Berlin geschenkt und Adam trägt sie heute noch an seinen Abenden. Sie ist der Eintritt in eine andere Welt für ihn, die letzte rituelle Handlung, bevor er seinen Namen, seinen Beruf, sein Leben ablegt und nur noch er ist. Geführt, umsorgt, benutzt.
Die Welt um ihn wird dunkel und seine Ohren nehmen ihre Arbeit auf, ebenso wie seine anderen Sinne. Wie immer, wenn seine Sicht verschwindet, nimmt er Geräusche, Gerüche und Berührungen anders wahr. Viel intensiver und eindringlicher.
„Ich bin da“, sagt Melih zu seiner Rechten und greift nach Adams Hand. „Ich führe dich.“
Adam lässt sich führen und spürt, wie das sanfte türkisene Seidenband sich um sein linkes Handgelenk schmiegt. Für heute soll es das erst einmal sein. Er möchte wissen, ob es ihm gut tut. Er möchte wissen, ob er den Männern, die er nicht sieht und deren Skulptur er ist, auch vertrauen kann.
Adam lächelt in sich hinein, wie immer, wenn er an den komatösen Mann auf dem Winterberg denkt, der ihn zu einem Objekt hat machen wollen. Eine Maschine, ein Krieger, ein Ding zum Formen.
Er ist genau das geworden, was sein Vater mit ihm vorhatte. Ein Ding, ein Objekt, nur dass er nicht blind gehorcht und auch nicht destruktiv ist.
Adam braucht das Gebrauchtwerden, das Objektifizieren. Er braucht aber auch das Vertrauen in Menschen, das er im normalen Leben nicht hat, hier aber durch die Dunkelheit jedes Mal aufs Neue wieder lernt.
Melih drapiert ihn auf der Couch und Adam macht es sich in seinem roten Seidenmorgenmantel bequem. Er ist nackt darunter und der angenehm weiche Stoff schiebt sich flüsternd über seine Haut.
Der Mann, der schlussendlich aus dem Nichts heraus nach seiner Hand greift und ihn sacht daran hochzieht, wird ihn wenig später auf dem Teppichboden des Lesezimmers auf die Knie bringen und seine Lippen nutzen, ganz wie Adam es festgelegt hat.
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Das Positive an Saarbrücken ist Leo. Das Negative die Drecksau.
So ist es immer gewesen, so wird es anscheinend auch immer sein. Adams Vater ist aufgewacht, siebzehn Scheißjahre im Koma und kaum kommt Adam wieder, erwacht dieses sadistische Dornröschen aus seinem todesähnlichen Schlaf.
Saarbrücken ist nicht Berlin und so findet er sich im Bunker wieder, bevor er die Bitte seiner Mutter ablehnen kann. Sein altes Kinderzimmer, Mutter, Vater, Sohn, ein ewig währender Kreislauf. Adams Haut kribbelt und er nimmt dankbar jede Möglichkeit wahr, dem Hort seiner wunderbaren Kindheit und Jugend zu entfliehen.
So auch jetzt. Sie treffen sich im Schiff und spielen Kicker. Leo und Pia sind beide Streber, während Adam und Esther sich angiften und ankeifen. Adam ist gestresst, Leo besorgt und nach weiteren drei Bier und einer Pia, die endlich selig genug grinst, um ihren Mund über den Fall zu halten, gehen Leo und Adam an der Saar spazieren. Es ist lau und Adam friert das erste Mal seit Tagen nicht. Vielleicht liegt das aber auch an der Entfernung zum Bunker, die mit jedem Schritt größer wird.
Oder an Leos Hand auf seinem Arm. Besorgt sieht er immer wieder zu ihm und Adam möchte eigentlich nichts weiter als etwas, das ihn von seiner Situation ablenkt.
„Kann ich etwas für dich tun, Adam? Kann ich dir helfen?“, fragt der Mann, der ihn vor kurzem noch geschubst hat, als er erfahren hat, was genau Adam ihm verheimlicht.
Adams Hand findet Leos auf seinem Arm und spürt die warmen Finger unter seinen. Seine Hände sind stark, so wie seine Position als Teamleiter. Auch jetzt noch, nach drei Bier strahlt Leo eine verlässliche, ruhige Kompetenz aus, die Adam wie eine Motte zum Licht zieht.
„Er ist ein Arschloch und die Situation ist scheiße, aber bald vorbei. Ich beobachte ihn nur, damit er keinen Scheiß macht. Ich kümmere mich, Leo.“
Leo seufzt und die Verbindlichkeit macht Platz für ein Lächeln. „Das war nicht meine Frage, Adam. Ich weiß, dass du das hinbekommst. Aber brauchst du Hilfe dabei?“
Adam schüttelt den Kopf. Nein, er muss das alleine händeln. Er wird Leo nicht schon wieder mit reinziehen und ihm Dinge antun, die diesen bis heute belasten. Leo hätte niemals zum Spaten greifen dürfen, sondern Adam hätte stark genug sein müssen, sich zu wehren.
„Nein, ist kein Problem für mich. Der Alte ist gebrechlich und senil.“
Bevor Adam weiter ausführen kann, wie ätzend die Drecksau ist, wird er in eine enge, umschlingende Umarmung gezogen. Leos Arme halten ihn, Leos Geruch durchdringt Adams Sinne, seine Wärme umhüllt Adam von jetzt auf gleich. Nur Leos Haare kitzeln Adam ein wenig an seiner Nase, doch das ist okay.
Adams Kraftreserven werden so schnell geladen, dass er nicht weiß, wie Leo das macht. Supercharge-Leo, schießt es ihm durch den Kopf und Adam grinst in sich hinein. Soviel Energie geben ihm sonst nur die Aufenthalte in Melihs Haus.
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Die Farben, die Adam an seinem Handgelenk trägt, nachdem er Leo beinahe davon abgehalten hat, seinen Vater zu retten, sind rot, türkis, grün, gelb und blau. Er ist nicht richtig entspannt, als er sich fertig macht, mit seinen Gedanken noch in Saarbrücken. Bei Leo und dessen entsetztem Blick. Er braucht den heutigen Abend ganz dringend um das alles zu vergessen und eigene Ruhe finden zu können.
Melih drapiert ihn und streicht ihm über die Schulter. Er fragt ihn damit ohne Worte, ob es so in Ordnung ist und Adam nickt unmerklich. Ist es. Er will heute viel, viel geben und viel bekommen.
Leise Musik spielt im Hintergrund und hilft Adam, seinen wie einen Soldaten marschierenden Herzschlag zu beruhigen. Seine Unruhe tritt ebenso in den Hintergrund und mit jeder Minute, die er hier liegt und den leisen Geräuschen der ihn umgebenden Männer lauscht, wird er entspannter. Seine Blindheit fördert keine Wachsamkeit, sondern Entspannung und öffnet seinen Geist für andere Eindrücke. Es riecht herb, nach Zirbe. Es ist angenehm warm.
Das Rascheln von Kleidung kündigt das Nähern eines Mannes an und so ist die sanfte Berührung seiner Hände auch keine Überraschung für Adam. Aufmerksam wendet er sich der vermeintlichen Richtung des Mannes zu und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Zunächst passiert jedoch gar nichts. Der Mann atmet, was schonmal gut ist, aber er spricht nicht, er berührt ihn nicht, gar nichts.
Alleine seine Präsenz an Adams Seite lässt langsam aber sicher Gänsehaut über Adams Arme kriechen und es dauert nicht lange, da folgen sanfte Finger den kleinen Erhebungen auf Adams Haut. Sie streichen über Adams Hände, seine Unterarme, hinauf bis zu seinen Schultern. Fragend umfassen sie Adams Gesicht und das Rot an seinem Handgelenk autorisiert den Mann, ihn zu küssen.
Es ist mitnichten so besitzergreifend, wie Adam es bei manch anderen erlebt hat. Die Lippen des Mannes sind weich und sanft, als sie sich auf Adams legen und er seine öffnet. Er schmeckt gut, der anonyme Mann, nach frisch geputzten Zähnen und darunter liegendem Kaffee.
Die Zunge, die nun seine herausfordert, ist dominant, aber nicht erdrückend und so fällt es Adam leicht, sich in den Kuss fallen zu lassen, der ihm Stück für Stück sein Denken und seinen Atem nimmt.
Adam hat ohnehin schon wenig Zeitgefühl in der Maske, aber der Mann nimmt es ihm vollkommen. Wie lange er hier liegt und sie sich einfach nur küssen, ist ihm nicht bekannt. Es ist auch nicht seine Aufgabe, die Zeit im Auge zu behalten und so lässt er sich führen von Lippen und Händen, die wieder dazu kommen und jeden Muskelstrang seiner Arme erkunden.
Seine Bewegungen folgen Mustern und machen es Adam einfach, sich darauf einzustellen und den Fingern nachzuspüren, die ihre Wege gehen auf seiner Haut. Nach der unendlichsten Wiederholung hat Adam das Gefühl, dass sich die Pfade auf seine Haut eingebrannt haben und dass er sie später auch noch sehen wird, wenn der Mann mit ihm fertig ist.
Er ist hart, als von ihm abgelassen wird und die kühle Luft an seine geschwollenen Lippen dringt. Adam atmet tief ein und holt sich die Luft, die der Mann aus seinen Lungen gezogen hat.
Selbst wenn er erregt ist, so wird Adam nicht selbst Hand anlegen. Diesem Recht hat er freiwillig entsagt für heute Abend.
Lange muss Adam nicht ausharren, dann löst der Mann seinen Gürtel und legt seinen Körper frei. Auch wenn es warm ist, erzittert er. Versichernd streichen die versierten Finger über Adams Schulter, während die andere Hand neugierige Kreise über seinen Oberkörper zieht. Das Tattoo lassen sie aus, dafür haben sie umso mehr Interesse an Adams Brustwarzen und an seinem Bauchnabel, der Adam so kitzelig macht.
Als die Finger seinen Hüftknochen nach unten folgen, will Adam nichts sehnlicher, als dem Mann seine Hüften entgegenstrecken und mehr zu fordern. Das ist – neben der Blindheit und dem Vertrauen, das er anderen entgegenbringen muss – die größte Herausforderung. Annehmen, was gegeben wird. Ausharren, was ihm verwehrt wird.
Der Atem des Mannes geht schneller, als dieser sich zu ihm hinunterbeugt und Adams Schenkel spreizt. Er reizt ihn, er spielt mit ihm, er verwöhnt ihn und bringt Adam ganz weit weg von seinen Gedanken an Leo und seinem Vorhaben, die Drecksau sterben zu lassen.
Er konzentriert sich nur auf sich und seine körperlichen Empfindungen, seiner Lust und seiner Ausgeliefertheit, lässt sich fallen in die Wünsche des anderen Mannes.
Als dieser seinen harten Schwanz umfasst, ein Kondom drüberzieht und viel zu sanft auf und ab pumpt, möchte Adam schreien. Er erlaubt es sich nicht, lediglich ein lautloses Seufzen dringt über seine Lippen, während er immer gnadenloser zum Höhepunkt gebracht wird. Adams Ziel, bewegungslos zu bleiben, kann er nicht einhalten, unweigerlich spreizt er seine Beine, damit der andere einen besseren Zugang zu ihm hat. Unweigerlich presst er seinen Kopf nach hinten und erkennt, dass der Mann ebenso hart ist, aber keine Befriedigung von Adam wünscht.
Adams eigene Lust findet ihren Höhepunkt, sein Körper angespannt wie eine Bogensehne. Der Mann lehnt sich zu ihm, hält ihn, presst ihn eng an sich und überflutet Adam mit seinem Geruch. Er riecht angenehm dezent nach Aftershave, ein sauberer, dezent schwerer Geruch, herb und frisch.
Er hält ihn auch lange nach seinem Orgasmus noch, bevor er sanft das Kondom abzieht und zur Seite legt.
Adam wird umpositioniert und nun mit seinem Rücken gegen eine warme, bekleidete Brust gezogen. Der Mann umarmt ihn von hinten und hält ihn so fest, als würde er in ihn hineinkriechen wollen. Fast so wie Leo. Dass er in seiner Hose gekommen ist, spürt Adam durch seine erhöht wachsamen Sinne und es lässt ihn schaudern wie auch innerlich stolz grinsen. Er ist es gewesen, wegen ihm ist der Mann gekommen.
Für den Rest des Abends wird Adam gehalten und gestreichelt, wird liebkost, ohne erregt zu werden. Es hat den Anklang eines Liebespaares, aber die Sicherheit einer Skulptur. Adam muss nicht reagieren, nicht denken, er trägt keine Verantwortung.
Am Ende des Abends ist er so entspannt und gelöst wie schon lange nicht mehr. Fast bedauert er, dass der Mann mit den geschickten Händen weg ist und er fragt sich, ob er ihn jemals wieder spüren wird.
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„Das ist nicht der Bunker, Leo…“
Beinahe schon trotzig steht Leo neben ihm in seiner Küche und verschränkt die Arme, als wäre es nicht schon klar gewesen, seitdem er nicht in die Außenbezirke der Stadt abgebogen, sondern zu seiner Wohnung gefahren ist. Klar wie die Kloßbrühe quasi, die auf dem Herd steht und warmgehalten wird. Leo, der Planer, hat ihn aus dem Gefängnis geholt, in seine Wohnung entführt und sorgt jetzt auch noch dafür, dass Adam gefüttert wird.
Dass Adam so schlecht von der Narkose und den vergangenen Schrecken ist, dass er sich am Liebsten übergeben und von der bitteren Magensäure trennen möchte, die in seinen Eingeweiden brodelt. Seine Vergiftung, die nicht richtig behandelt werden konnte, wirkt auch noch nach und macht Adam fahrig und nervös. Sein Herz pumpt von dem kurzen Aufstieg zu Leos Wohnung in den vierten Stock wie eine Ölförderanlage und Adam braucht drei bis sieben Momente um atmen zu können.
„Hast du Hunger?“, fragt Leo reichlich verspätet und Adam bleibt ihm eine Antwort schuldig. Eine zweite Umarmung wäre schön, die würde seinen Bedarf eigentlich schon stillen. Die vor der Haftanstalt hat Adams am Boden liegende Reserven schon zumindest soweit aufgefüllt, dass er in der Lage ist, einen Fuß vor den anderen zu setzen und zu begreifen, dass er frei ist, weil sein Team den Beweis für seine Unschuld gefunden hat.
„Bisschen.“
Anscheinend hat Leo ein anderes Bisschen als Adam, denn er bekommt eine Ramenschüssel voller Suppe.
„Hühnersuppe“, konkretisiert Leo Adams Gedanken und führt ihn wie ein Hütehund zur Couch. Adam sieht auf die Polster und erkennt nur den Sessel, in den er sich so unvoreingenommen dumm hat fallen lassen. Er bleibt stehen, will sich da nicht hinsetzen, will nicht wieder dumm sein.
Statt auf die Couch setzt sich Adam dann davor. Vorsichtig lehnt er sich an und legt seinen eingegipsten Arm auf seinen Oberschenkel. Leo mustert ihn nachdenklich, will was sagen, verkneift es sich dann aber doch. Schweigend stellt er ihm die Schüssel auf den niedrigeren Couchtisch und legt Adam einen Löffel daneben.
Es dauert etwas, aber dann fängt Adam an zu essen. Die Suppe ist und tut gut. Sie füllt seinen Magen und wärmt seinen Körper auf. Leo sitzt schweigend neben ihm auf dem Boden und sieht abwechselnd auf seine Hände und dann unauffällig zu Adam.
„Danach ruhst du dich aus, ich habe das Bett neu bezogen. Wenn du dich duschen möchtest, kann ich dir auch helfen. Wenn du es möchtest.“
Leos Stimme hat die Verbindlichkeit des Teamleiters und Adam schaudert ob der Sicherheit, die sie ihm gibt.
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Erst, als der Gips ab ist und Adam seine Finger bewegen kann, fasst er überhaupt auch nur den Gedanken, sich bei Melih zu melden.
„Ich dachte, du wärst tot“, dringt dessen Stimme ruhig und tief durchs Telefon und Adam muss für einen Moment die Augen schließen, weil es so gut tut, Melih zu hören. Melih hat mit dem ganzen Scheiß, der passiert ist, rein gar nichts zu tun. Null. Er weiß nicht, dass Adam im Gefängnis war. Er weiß nicht, dass Adam die Finger gebrochen wurden und dass er die letzten Wochen neben Schmerzen auch mit seinem Wunsch, anderen zu vertrauen zu kämpfen gehabt hatte.
Er ist er und seine weiche, tiefe Stimme sagt Adam, dass alles gut wird.
„Entschuldige bitte, ich hatte viel zu tun.“ Es ist die Untertreibung des letzten Jahrzehnts, befindet Adam und hat ein latent schlechtes Gewissen, Melih nicht die ganze Wahrheit sagen zu können.
„Sicher?“ Melih ist eigentlich Psychologe, hat er Adam nach einem der Abende mal verraten, an denen Adam nicht so recht den Weg nach Hause gefunden hat und dageblieben ist, um mit aufzuräumen. Das beißt Adam jetzt gewaltig in den Hintern, wenngleich das Letzte, was er eigentlich möchte, ist über sein Innenleben zu sprechen, wenn er mit Sex kompensieren möchte, was ihm passiert ist.
„Ja, sicher“, rollt Adam entsprechend ungnädig mit den Augen – nicht, dass der Mann am anderen Ende der Leitung es sehen würde.
„Okay. Wann kommst du?“
„Samstagnachmittag?“
„Ich freu mich.“
Adam sich auch und als er sich an einem viel zu heißen Samstag im Aufenthaltsbereich des Clubs fertig macht, ist er doch irgendwie nervös. Adam macht das hier, um sein Vertrauen in die Menschheit nicht zu verlieren. Er macht das, weil er einen Kick daraus bekommt, einfach nur akzeptieren und annehmen zu müssen. Sein Vertrauen ist wortwörtlich von Onkel Boris zertreten worden und die Fähigkeit zu handeln hat ihm die tote Drecksau genommen. Unschön, alles beides, und so ist das für Adam auch ein Krieg gegen sich selbst.
Er legt sich dennoch die Maske an und die Welt wird dunkel. Melih steht neben ihm und seine Hand ist einen Moment zu lang auf Adams Unterarm um nicht versichernd zu sein.
„Ich will mich auf den Boden setzen, nicht auf den Sessel.“ Récamière, wie Melih sagen würde.
Dieser brummt und führt Adam durch die bereits bekannten Gänge. Schritt für Schritt über den glatten, warmen Holzboden hinein in den großen Raum mit den hohen, verzierten Decken aus dunklem Holz. Er hört das Gemurmel von Menschen und lässt sich auf den Boden nieder, die Lehne des Sessels eine verlässliche Stütze an seiner Seite. Sie ist hoch genug, dass Adam seinen Arm darauf betten kann um es sich bequem zu machen.
Er verharrt angespannt. Dies hier ist nicht das Gefängnis und auch nicht der Bunker. Es gibt Sicherheitsmechanismen, die ihn davor schützen, vergiftet und gefoltert zu werden. Die Bänder an seinem Handgelenk sind eine Versicherung, dass nur das geschieht, was er möchte.
Heute sind sie hellgrün und türkis. Mehr nicht. Er will sich langsam herantasten an sein Vertrauen.
Lange muss er auf die Vertrauensprobe nicht warten. Adam spürt die Anwesenheit des neben ihm stehenden Mannes, auch wenn dieser sich Mühe gibt, möglichst lautlos zu sein. Er hört ihn, noch bevor dieser in die Knie geht und ihn leicht am Unterarm berührt, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.
Die Geste ist so vertraut, dass Adam Hoffnung schöpft, dass es der Mann von vor…Wochen? Monaten?... ist, der ihn befriedigt und gehalten hat. Als er näher kommt, riecht Adam das unverwechselbare Aftershave und schaudert. Ja, er ist es. Erleichtert atmet er aus. Für den Wiedereinstieg wird dieser Mann genau der Richtige sein, so vorsichtig, wie er beim letzten Mal gewesen ist.
Seine Finger bleiben dieses Mal auf Adams Oberkörper und streichen hinunter bis zu seinen Händen. Sie verweben sich mit seinen eigenen und Adam zuckt kurz, als seine vormals gebrochenen Finger sich über den Kontakt beschweren. Fragend hält der unsichtbare Mann inne und Adam strafft seine Schultern, als Zeichen, dass er fortfahren kann.
Kraftvoll und doch vorsichtig wird er hochgezogen und langsam in einen anderen Bereich des Hauses geführt. Von seiner vorsichtigen Führung aus kann Adam erkennen, dass er mit ihm in den Sitzbereich geht. Der Mann positioniert ihn auf seinen Knien auf dem Boden und setzt sich schließlich in das knarzende Ledermöbelstück, seine Beine links und rechts von Adam. Seine Hände streicheln Adams Gesicht, während sein Kopf sacht nach vorne gezogen wird.
Er versteht und öffnet die Lippen, während der Besucher seine Hose öffnet und sich vorbereitet. Sacht wird Adam an seinem Hinterkopf zum Schwanz geführt und dort gehalten, als er seine Lippen um die Eichel schließt und dann weiter hinab gleitet. So weit, wie er kann, denn der Schaft des Mannes ist angenehm groß und somit eine Herausforderung für ihn. Der Druck der Finger an seinem Hinterkopf ist sanft, aber verbindlich, so lässt Adam sich führen, konzentriert sich ganz auf die Aufgabe, die er hat. Seine Hände darf er nicht nehmen, also muss er mit seinem Mund schaffen, was sonst eine leichte Aufgabe wäre. Blasen kann er gut, das ist das Erste, was er gelernt hat, weil die Drecksau ihm gesagt hat, dass wahre Männer nicht auf die Knie gehen.
Und wie oft ist er bisher auf die Knie gegangen und ist nie ein unwahrer Mann geworden?
Der Mann über ihm atmet von Minute zu Minute schwerer und die Finger an seinem Hinterkopf können sich immer weniger beherrschen. Er hält sich zurück, das weiß Adam, und möchte ihm am Liebsten zeigen, dass er fester zupacken kann. Doch das ist nicht seine Aufgabe, also treibt er ihn zum Höhepunkt, lässt ihn mit aufbäumenden Hüften und einem unterdrückten Grollen, das Adam durch Mark und Bein fährt, kommen.
Er wird auf dem Schwanz gehalten, auch als dieser weich wird und sein Spielpartner sich nach und nach beruhigt. Erst nach weiteren Momenten gibt er Adam frei und im ersten Augenblick hat Adam wirkliche Probleme, seinen Mund zu schließen. Er braucht zwei Anläufe und verharrt dann geduldig, um neu positioniert zu werden, nachdem der Besucher sich das Kondom abgezogen hat.
Es passiert zunächst nichts, außer, dass sich zwei Hände um seinen Kiefer legen, die Adam erschrocken zurückzucken lassen. Er weiß, dass sie nicht die der Drecksau sind. Er weiß, dass der Mann tot ist. Aber das ist seinem Trauma egal, wie Adam ebenfalls weiß.
Er muss sich bewusst klarmachen, wo er hier ist, bevor er seinen Kopf wieder zur Verfügung stellt und die sanften Finger bei dem weitermachen, was sie eigentlich vorhatten: seinen Kiefer zu massieren. Sacht umkreisen sie Adams angespannte Muskulatur und lockern die unter der Maske liegenden Verspannungen. Sonst geschieht nichts und die immer wiederkehrenden Bewegungsmuster lullen Adam in eine Art Trance, aus der er erst aufwacht, als sie seine Lippen schließen und er den Atem des Mannes auf seinem Gesicht spürt. Er ist ganz nah bei ihm, vielleicht Zentimeter, doch zu dem erwarteten Kuss kommt es nicht. Weil er das Bändchen heute nicht trägt, erkennt Adam.
Es ist eine eiserne Regel, die Adam Schutz gibt, aber in diesem Moment durchflutet ihn Enttäuschung, dass er es nicht gewagt hat, das Band anzulegen.
Dafür wird er in eine Umarmung gezogen, die wieder so eng und kraftspendend ist, dass sie fast den verlorenen Kuss aufwiegt.
