Chapter Text
-Teil 1 - Hildes Erbe -
Vincent war nervös. Sehr nervös. Dabei hatte er sich doch gestern Abend noch eingeredet, dass es dafür eigentlich keinen Grund gäbe.
Seine Bewerbung beim Polizeirevier Swiecko an der deutsch-polnischen Grenze war sein letzter Ausweg gewesen. Offenbar hatte die Arbeitsmarkt-Krise auch die Präsidien erreicht. Er hatte sich in so gut wie allen großen deutschen Städten beworben - München, Leipzig, Berlin, Köln, Hamburg - in der Hoffnung, dass er in solchen Orten eher Anschluss finden würde.
Doch dann war nur eine Absage nach der nächsten reingeflattert, und Vincent, dem langsam aber sicher das Geld und die Kündigungsfrist seiner Mini-Wohnung ausgingen, hatte sich schweren Herzens bei allen Polizeistandorten beworben, die eine Stelle ausgeschrieben hatten - egal, in welchem hinterletzten Kaff er landen würde.
Selbst aus mitleiderregenden Gegenden wie Cottbus oder Helmstedt waren Absagen gekommen, was schon etwas an seinem Ego gekratzt hatte. So war Vincent ehrlich überrascht gewesen, als das Schreiben vom Kommissariat in Swiecko mit dem Satz begann "Ihre Bewerbung hat uns überzeugt."
Vincent war glücklich, aber auch gleichzeitig etwas enttäuscht gewesen. In Ordnung, er hatte nicht unbedingt einen Einser-Schnitt aus der Polizeischule mitgebracht, und auch sein Psychologie-Studium, auf was er sehr stolz war, war nicht gerade herausragend gewesen.
Aber er wusste, dass er ein guter Polizist und Kommissar war - oder es zumindest werden könnte. Dass so ziemlich jedes Präsidium ihm noch nicht mal ein Bewerbungsgespräch anbot, und die, die es taten, ihn bei eben diesem Gespräch nur argwöhnisch musterten und dann mit aufgesetzten Höflichkeiten wieder heimschickten, hatte angefangen, sein Selbstbewusstsein zu rauben.
Und wie seine Mutter ihn regelmäßig erinnerte, hatte er da normalerweise mehr als genug von.
Ein Polizeirevier wie Swiecko, bei dem er noch vor einigen Wochen die Nase gerümpft hätte, war nun, seit heute, offiziell sein neuer Arbeitsplatz - und sein erster als richtiger Polizist.
"Witamy!", sagte der ältere Mann, der mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam, freundlich.
"Pardon?" fragte Vincent, und griff trotz allem verunsichert die Hand des anderen.
"Oh, Sie sprechen kein polnisch?"
"Äh, nicht wirklich", antwortete Vincent unsicher. Er hatte gehofft, dass er, zumindest für die ersten paar Wochen und Monate, nur mit seinen Deutsch- und Englischkenntnissen durchkommen würde.
"Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nur willkommen heißen, Herr Ross", wiederholte Vincents Gegenüber mit einem starken polnischen Akzent. "Mein Name ist Karol Pawlak, ich bin der Dienststellenleiter hier in Swiecko."
Wiedererkennung spiegelte sich auf Vincents Gesicht. Ursprünglich hätte er mit einem gewissen Herrn Pawlak sein Einstellungsgespräch gehabt, der musste aber aufgrund eines dringenden Falls durch eine Angestellte der Personalabteilung ersetzt werden. Lediglich einmal hatten sie telefoniert, jetzt, da er vor Vincent stand und sich vorgestellt hatte, erkannte dieser auch die dunkle Stimme wieder.
"Herr Pawlak, schön Sie kennenzulernen", erwiderte Vincent freundlich.
"Kommen Sie mit rein, hier draußen ist es wirklich zu warm", probierte sich der Leiter an Smalltalk. Ohne auf eine Antwort zu warten schritt er durch die Eingangstür in ein kühles Treppenhaus.
Vincent krallte sich nervös in das Band seiner Umhängetasche und hastete dem älteren Mann hinterher. Er war bereits zu seinem Gespräch einmal hier gewesen, hätte aber nicht behaupten können, sich viel vom Layout des Gebäudes gemerkt zu haben. Es war eben ein Polizeipräsidium - unpersönlich, grau, kühl und stank nach abgestandenem Zigarettenrauch und Kaffee.
"Wir gehen kurz in mein Büro, da kann ich Ihnen alles Wichtige vorab erklären, bevor ich Sie Ihrem Team vorstelle", erklärte Pawlak, während Vincent neben ihm in dem scheinbar nie endenden Gang Schritt hielt.
Auf dem Weg in den Raum liefen ihnen immer wieder verschiedene Angestellte des Hauses über den Weg. Alle grüßten Pawlak höflich. Als sie Vincent sahen, musterten sie ihn amüsiert, skeptisch oder neugierig. 'Machen die wahrscheinlich bei allen Neuen so', redete Vincent sich ein. Vor die Realität, dass es, mal wieder, an seinem Aussehen liegen könnte, wollte er sich noch nicht stellen.
In Pawlaks Büro angekommen, deutete der Dienststellenleiter auf einen Stuhl vor seinem Tisch, auf den Vincent sich setzen sollten. Das Angebot auf Wasser oder Kaffee lehnte Vincent dankend ab.
Pawlak schien gut organisiert zu sein: Sobald er sich setzte, schlug er eine dünne Mappe auf, die bereits auf seinem Schreibtisch parat lag. "Vincent Ross, ausgebildeter Polizist und Kriminalkommissar, Spezialisierung auf Psychologie", las Pawlak vor.
Vincent nickte.
"Das hat mich sehr überzeugt in ihrer Bewerbung", erklärte Pawlak, und zog seine Brille von der Nase, "wie kamen Sie darauf, diese Spezialisierung zu wählen?"
"Nun, es ist natürlich wichtig für Gerechtigkeit zu sorgen. Ich finde aber Gerechtigkeit beginnt und endet nicht mit dem Gesetz, es fängt mit dem Zusammenleben und der Interaktion zwischen Menschen an. Psychologie ist ein ausschlaggebender Aspekt, der beim Aufklären jeder Straftat berücksichtigt werden sollte", erläuterte Vincent vorsichtig, "ganz zu Schweigen von den psychologischen Auswirkungen die Straftaten auf Opfer wie Täter*innen haben."
Ursprünglich hatte er den Dienststellenleiter schwer einschätzen können, doch sein Blick war während Vincents Erklärung immer weicher geworden. In seinem Gesicht konnte Vincent erkennen, wie gut ihm diese Antwort gefallen hatte - womit man wieder bei der Psychologie wäre.
"Absolut richtig", pflichtete Pawlak bei. "Ich denke, unser Team kann jemanden wie Sie sehr gut gebrauchen."
"Danke!"
"Sie hatten außerdem Glück, dass Sie sich im richtigen Zeitpunkt beworben haben. Wir hatten ja erst keine offiziellen Stellen ausgeschrieben, und Ihre Bewerbung flog ins Haus an genau dem Tag an dem eine Kommissarin gekündigt hatte", sagte Pawlak.
Vincent hob seine Augenbrauen. Pawlak strahlte förmlich und würde wahrscheinlich als nächstes von Schicksal oder ähnlichem sprechen, doch Vincent selbst hatte aus dem Redeschwall nur herausgehört, dass er auch hier im verdammten Frankfurt Oder fast keinen Job bekommen hätte.
Weg von den Floskeln besprach Pawlak als nächstes mit Vincent die Hard Facts seiner täglichen Arbeiten: Wie viel und wie lange er arbeiten müsste, wie viele Urlaubstage ihm zur Verfügung standen und wie er diese beantragen könnte, seine Vergütung und abschließend die allgemeine Hausordnung.
"Haben Sie noch Fragen an mich, bevor wir nach nebenan gehen?" fragte Pawlak abschließend.
'Nebenan', dachte Vincent und schluckte. Dort, wo höchstwahrscheinlich seine neuen Kollegen darauf warteten, ihn kennenzulernen. Ihm wurde plötzlich mulmig zumute, wusste er doch, dass er jetzt die beiden Fragen stellen musste, die ihm schon seit Wochen Magenschmerzen verliehen.
"Ist es ein Problem, dass ich kein polnisch spreche?", fragte Vincent kleinlaut.
Pawlak lachte herzlich. "Nein, nein, keine Sorge. Alle Polen hier auf der Dienststelle und in Frankfurt und Slubice sprechen deutsch", versicherte der Ältere.
Vincent nickte erleichtert. "Ich habe schon angefangen Vokabeln zu lernen und mich für einen Sprachkurs angemeldet, das könnte aber trotzdem noch etwas dauern, bis ich alles drauf habe", gab er zu.
"Das ist kein Problem, Sie werden erstaunt sein, wie schnell Sie auf der Arbeit lernen", erwiderte sein Gegenüber.
Stille trat zwischen den beiden ein und Vincent sah, wie Pawlak ihn erwartungsvoll betrachtete. 'Puh, na dann mal los', schallte sein Gehirn.
"Eine Sache noch, Herr Pawlak", begann Vincent langsam, "gibt es... bestimmte Kleidungsvorschriften für die Kommissar*innen, hier auf dem Revier?"
"Sie müssen keine Uniform tragen, wenn Sie das fragen wollten", scherzte Pawlak und Vincent war ihm über alle Maßen dankbar dafür, die offensichtliche Spannung etwas zu lösen. Karol Pawlak war ein intelligenter Mann, das wusste Vincent, und so wusste er auch, dass Pawlak sicher verstanden hatte, was er da genau fragte.
Pawlak musterte ihn da zum ersten Mal - zumindest auffällig.
Für seinen ersten Arbeitstag hatte sich Vincent extra so normal wie für ihn möglich gekleidet. Aufgrund des Wetters trug er ein kurzärmeliges, dunkelblaues Satinhemd und eine schwarze, zugegeben enge Jeans. Seine Füße steckten in seinen spitzen Stiefeletten mit Schlangenlederoptik und außer seinem Ohrring und der Kette, die er immer trug, hatte er auf Schmuck komplett verzichtet. Selbst sein Make-Up hatte er dezent gehalten, auch wenn ihm das schwerer gefallen war als gedacht.
Trotzdem war Vincent offensichtlich, zwischen all diesen Polizisten in ihrem derben Jeans und schlichten Hemden, der, der am meisten herausstach - und das jetzt schon! Was würde erst werden, wenn er seinen Lieblingslackmantel in schimmerndem Lila oder einen seiner Röcke tragen würde?
"Ich sage es so, Herr Ross", begann Pawlak und Vincent hielt die Luft an, "solange Sie Ihre Fälle lösen und Ihre Arbeit gut machen, ist es mir, und hoffentlich auch allen anderen, egal, wie Sie sich kleiden. Das kann und will ich nicht festlegen." Pawlak schenkte ihm ein verständnisvolles Lächeln.
Vincent war erleichtert. Er hatte nicht gewusst, was er von einem Mann wie Karol Pawlak erwartet hatte - groß, ernst, schon ein paar Jahre harte Polizeiarbeit auf dem Buckel und offensichtlich, wenn man die Kreuzkette um seinen Hals und das Bild von Jesus an seiner Wand in Erwägung zog, erzkatholisch. Aber dass er nicht nur verstand, warum dieses Thema Vincent so wichtig war, sondern auch, dass er es nicht unnötig ansprach und Vincent lediglich beruhigte, damit hatte er nicht gerechnet.
"Super, ich danke Ihnen", lächelte Vincent.
"Wenn Sie sonst keine weiteren Fragen haben? Die Arbeit ruft", sagte Pawlak und drückte sich mit einem Mal von seinem Stuhl hoch.
Vincent sammelte seine Jacke und seine Tasche auf und folgte dem Leiter aus seinem Büro.
"Natürlich können Sie mich jederzeit anrufen oder eine E-Mail schreiben, wenn ich Ihnen weiterhelfen soll", bot Pawlak an, als sie gemeinsam den langen Flur, den sie bereits wenige Minuten zuvor gegangen waren, nun erneut zurücklegten.
Am Ende des Ganges stand eine Tür offen, auf die die beiden nun zusteuerten. Ein Großraumbüro, nahm Vincent an.
Plötzlich drang ihnen schon von Weitem eine sehr laute Stimme entgegen. Ein Mann fluchte auf Polnisch und stritt sich mit einer anderen Person. Vincent verstand nur wenige Fetzen der Unterhaltung.
Als er allerdings Pawlak von der Seite beobachtete, um seine Reaktion abzusehen, war der Leiter gänzlich entspannt und sogar belustigt von der Szenerie. 'Nichts Neues für ihn also', deduzierte Vincent und das mulmige Gefühl kehrte in seine Magengegend zurück. War so ein Umgangston hier Gang und Gebe?
"Jeśli cię złapię!", schrie die verärgerte Stimme just in dem Moment, als Vincent und Pawlak durch die Tür schritten.
Ein rundlicher, älterer Mann mit grauen Haaren, die entweder nass oder fettig waren - Vincent konnte es nicht genau sagen - stand mitten im Raum. Er trug grüne OP-Bekleidung und eine kleine Brille auf seinem Kopf und gestikulierte wild herum.
Vor ihm saß derjenige, mit dem er sich offenbar gezofft hatte - ein traurig dreinschauender Hund mit bunten Flecken und den größten Schlappohren, die Vincent je gesehen hatte. Einige der Kollegen um ihn herum lachten über seine Ausrufe, doch ein weiterer älterer Mann diskutierte mit ihm.
"Dr. Kaminski!", ermahnte Pawlak, woraufhin sich der, der sich mit dem Namen angesprochen fühlte, schlagartig zur Tür umdrehte.
Der "Doktor" sagte einen kurzen Satz auf Polnisch zu seinem Vorgesetzten, bevor er sich prompt Vincent zuwandte. "Wer bist du denn?" fragte er plump.
"Ich- ich bin der Neue, Kriminalkommissar Vincent Ross", stotterte Vincent.
Dr. Kaminskis Gesicht, was bis dato nur eine Spanne zwischen wütenden und skeptischen Emotionen gezeigt hatte, veränderte sich schlagartig zu einem riesigen Grinsen. "Du gefällst mir", sagte er unverhohlen und reichte Vincent eine in Latexhandschuhen gekleidete Hand, "nenn mich Marian!"
Vincent nickte amüsiert und versuchte das Gefühl des kalten und etwas nassen Materials gegen seine Haut zu ignorieren, als Marian seine Hand mit so viel Wucht drückte, als müsse er eine Walnuss knacken.
Marian sagte einen letzten Satz zu Pawlak, warf dem immer noch auf dem Boden hockenden Hund einen fiesen Blick zu, und verschwand dann schlagartig im Treppenhaus hinter ihnen.
"Schon überfordert?" witzelte Pawlak in seine Richtung. Vincent lachte und schüttelte mit dem Kopf.
"Alle mal herhören", rief Pawlak in den großen Raum, woraufhin sämtliches Stimmengewirr, Getippe und Geklicke mit einem Mal verstummte. Neugierig schauten die Beamten zur Tür, wo sich Vincent am liebsten hinter seinem Chef verstecken wollte.
"Das ist Kriminalkommissar Vincent Ross, Ihr neuer Kollege", verkündete Pawlak, "er fängt heute an und wird Kommissarin Lenski ersetzen."
Ein leises Raunen ging durch das Büro. Einige der Anwesenden gingen unbeeindruckt wieder an die Arbeit, wo andere ihn auffällig musterten und sogar miteinander tuschelten.
Der Mann in Polizistenuniform, der sich bis vor wenigen Augenblicken mit Marian gestritten hatte, ging nun zu dem übergroßen Hund, der noch immer unverändert vor Vincents und Pawlaks Füßen hockte und tätschelte seinen Kopf.
"Ach Mensch Speedy, sei nicht traurig, der ist eben so", beschwichtigte er das Tier. Der Mann griff sachte nach dem Halsband von 'Speedy', die dadurch alles andere als schnell in die Gänge kam, quer durch den Raum trottete und sich dann auf einer Decke niederließ.
Der Polizist, der augenscheinlich schon kurz vor dem Rentenalter stand, schaute ihr liebevoll nach, bevor er sich umdrehte, Vincent zunickte und sich als 'Wolle' vorstellte.
"Nett Sie kennenzulernen, Herr Wolle", erwiderte Vincent höflich. Dass der andere darauf mit lautem Gelächter antwortete, damit hatte er nicht gerechnet.
"Nee nee, Herr Neumann wenn dann, aber du nennst mich einfach Wolle, ok?" erwiderte der Polizist mit einem angenehmen Berliner Dialekt, der Vincent an Zuhause denken ließ.
"Vincent", antwortete er und Wolle klappte im kurz auf die Schulter, bevor er zu seinem Schreibtisch zurückkehrte, der genau neben Speedys Decke platziert war.
"Ich sollte Sie Ihrem künftigen Partner vorstellen", ergriff Pawlak neben ihm das Wort und deutete mit einem Fingerzeig, dass Vincent ihm folgen sollte.
Dafür, dass Vincent vorher noch nie von Swiecko gehört hatte, war das Großraumbüro für die Ermittler und Polizisten echt groß - so groß, dass sie von ihrem aktuellen Standpunkt aus nicht alles einsehen konnten. So gingen Pawlak und er um einige Bücherregale und Sideboards herum, um zu einer neuen Gruppe Tische zu gelangen. In einem Cluster vor dem Fenster standen zwei Tische Rücken an Rücken, mit je einer männlichen Person dahinter. Einer von ihnen loungte ausgestreckt auf seinem Drehstuhl und hatte den Rücken zu den Neuankömmlingen.
Der andere, mit perfekt gekämmten honigblonden Haaren, einem faltenfreien Hemd und einem schönen Gesicht, saß in einer äußerst korrekten Sitzposition vor seinem Rechner und tippte angestrengt. Als er Pawlak erblickte, sprang er nervös auf und kramte schnell einige Ordner zusammen.
"Już to wiem, panie Pawlak", seufzte er auf polnisch. Er musterte Vincent neugierig, stellte sich ihm als Wiktor vor und suchte das Weite.
"Hey, also, wegen mir musst du nicht den Platz räumen, ich kann auch woanders sitzen", versuchte Vincent seinen Kollegen zu beschwichtigen.
"Ach nein, ich habe ja meinen eigenen Platz", antwortete Wiktor in perfektem Deutsch, aber mit einem sanften Akzent, "das ist nur so schön, dort am Fenster."
Mit einem Zwinkern verabschiedete er sich, ließ sich an einem nahegelegenen Tisch, der tatsächlich leer zu sein schien, nieder und begann sofort wieder mit seinem unaufhörlichen Tippen.
Vincent drehte sich zurück zur Tischgruppe, wo Pawlak dem zweiten Mann, der sich bis dato keinen Zentimeter gerührt hatte, genervt auf die Schulter tippte. Dieser zuckte plötzlich zusammen und machte ein grummelndes Geräusch. 'Als hätte er geschlafen', dachte Vincent schockiert.
Pawlak sagte einige wütende Worte zu ihm, bevor der Kommissar, der noch immer lässig die Beine von sich gestreckt und die Arme hinter seinen Kopf verschränkt hatte, seinen Stuhl drehte, sodass er Vincent ansehen konnte.
Als er ihn vor sich betrachtete, gingen Vincent zwei Gedanken durch den Kopf.
Erstens, dieser Kollege, besonders so auffällig und abschätzig wie er ihn gerade musterte, war genau der Typ Mann der Vincents Leben in der Polizeischule zur Hölle gemacht hatte. Faul, wahrscheinlich eine große Klappe und immer einen abwertenden, homophoben oder sexistischen Spruch auf den Lippen. Ein Mann, mit dem er jetzt wohl oder übel zusammenarbeiten musste, aber den Teufel tun würde, irgendeine Form von Freundschaft zuzulassen. Ein Mann, der, soweit Vincents erster Eindruck ihn nicht täuschte, seinen Start hier keineswegs erleichtern würde. Das konnte ja heiter werden.
Und zweitens: Er war unglaublich attraktiv.
Vincent hätte ihn auf etwa 10 Jahre älter als sich selbst geschätzt, vielleicht so Mitte 40? Seine dunklen Haare waren scheinbar ungestyled, fielen nur zerwuschelt um seinen Kopf. Er hatte große, dunkle Augen, einige Falten und einen Dreitagebart, in dem erste graue Haare zu sehen waren. Seine Arme, die er in die Luft gestreckt hatte, waren muskulös und tätowiert und generell sah sein ganzer Körper aus, als würde er auch außerhalb der Arbeit regelmäßig trainieren.
"Du bist der Neue aus dem Polizeikindergarten, hm?" schnarrte der Mann vor ihm in einem desinteressierten Ton.
Vincent schluckte. "Vincent Ross", meinte er und streckte ihm die Hand entgegen.
"Adam", antwortete sein Gegenüber und ignorierte gekonnt den angebotenen Handschlag, "Adam Raczek."
Vincent presste seine Lippen aufeinander und zog mit einem unangenehmen Gefühl seine Hand wieder zurück.
"Herr Raczek hier wird Sie langsam einarbeiten, er ist schon lange hier und kann Ihnen mit allen Fragen helfen", sagte Pawlak neben ihm sachlich.
Der Chef zeigte Vincent seinen Arbeitsplatz - den Schönen am Fenster - und verabschiedete sich dann vorerst von seinem neuen Schützling. Klar, war Karol Pawlak sein Vorgesetzter, aber in all dem Chaos hatte er Vincent bisher durch seine Autorität und Ruhe etwas Sicherheit gegeben. Sicherheit, die gerade zur Tür raus marschierte.
Sein Blick fiel auf Adam, der sich nun auf seinem Schreibtisch vorgebeugt hatte und ihn mit einem Blick in den Augen musterte, den Vincent nicht richtig deuten konnte. Irgendwo zwischen Verachtung und Belustigung.
Auch als Vincent seinen Blick abwandte, seine wenigen Mitbringsel aus seiner Tasche räumte und seine Jacke aufhängte, merkte er trotzdem den eisernen Blick seines Kollegen.
"Also, wo fangen wir an?" fragte Vincent. Er hatte genug von dämlichen Blicken und komischen Vorstellungsrunden mit den neuen Mitarbeitern, er wollte sich nun voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren, deswegen war er ja schließlich hier.
"Wie kommt denn so einer wie du zur Polizei?" fragte Adam, und ignorierte bereits zum zweiten Mal Vincents Einwürfe.
'So einer wie du', dachte Vincent.
Das hatte er schon oft gehört. Jedes einzelne Mal wenn er in einem Rock in den Vorlesungsraum gekommen war, jedes einzelne Mal wenn ein Polizeiausbilder bemerkt hatte, dass er Make-Up trug und jedes einzelne Mal, wenn er mit seinen Kommilitonen in einer Bar gesessen hatte und sie nach ein paar Drinks endlich mutig genug waren, ihn so unangenehme Dinge zu fragen.
"Ich weiß nicht, was du damit meinst", erwiderte Vincent fest, ohne den Blickkontakt zu brechen. Er wusste wohin diese Unterhaltung führen würde, und klein beigeben würde für Vincent nicht in die Tüte kommen. Nicht mehr.
"Naja, so wie du rumläufst", sagte Adam, "so sieht doch kein Polizist aus. Kannst du überhaupt richtig anpacken?"
"Ich hatte bisher nie Probleme", warf Vincent verächtlich ein.
"Versteh' mich nicht falsch, ich hab ja nichts gegen Leute wie dich-" begann Adam erneut, doch wurde überraschenderweise von Wiktor unterbrochen.
Vincent verstand nicht was er sagte, es schien aber in einem scharfen Ton zu sein. Adam blickte in die Richtung seines Kollegen, schien schockiert über seinen Widerspruch und begann prompt, sich zu rechtfertigen - ebenfalls auf fließendem Polnisch.
"Was hat er gesagt?" gewann Vincents Neugier dann doch die Überhand.
Adam drehte sich wieder zu ihm. "Du sprichst echt kein Wort polnisch, ne?"
"Herr Pawlak meinte, alle Polen hier sprechen deutsch", gab Vincent klein bei.
Adam nickte daraufhin amüsiert. "Na das kann ja was werden. Aber mach dir keinen Kopf, das lernst du bei der Arbeit wie im Flug", wiederholte er fast genau dieselben Worte, die Pawlak erst vor wenigen Minuten zu Vincent gesagt hatte.
"Da haste auch gleich deine erste Chance", führte Adam fort und schob eine Mappe quer über den Tisch Richtung Vincent, "wir haben eine Leiche!".
Noch bevor Vincent die Gelegenheit gehabt hätte, die Dokumente auch nur zu überfliegen, sprang Adam plötzlich voller Enthusiasmus von seinem Platz auf und lief zügig zur Tür. Seine abgetragene braune Jacke ließ er auf seiner Stuhllehne hängen - nicht, dass er sie bei diesen Temperaturen gebraucht hätte.
"Kommst du?" rief er hinter sich in den Raum, ohne wirklich auf ihn zu warten. Völlig überstürzt stopfte Vincent die Mappe schnell in seine Tasche, bevor er Adam durchs Treppenhaus hinterher rannte.
So viel zum Thema "Langsam einarbeiten", dachte Vincent.
