Chapter Text
Luke lag im Gras und starrte in den Nachthimmel. Feuchtigkeit zog von allen Seiten an ihn heran, kroch durch die dünne Decke, auf der er lag, durch seine Kleidung und benetzte seine Haut. Klamm und fröstelnd schlang er die dickere Decke, die er über sich gebreitet hatte, noch enger um sich, in der Hoffnung, mehr Wärme zu behalten.
Der Wind rauschte durch das lange, halb vertrocknete Gras und das krüpplige Gestrüpp und ließ es laut rascheln. Die Nacht versprach windig zu werden und doch war der Himmel vollkommen wolkenlos. Keine Decke war dort oben zu sehen, die sich um die Welt schlang, wie um alles Lebende zu wärmen und in Sicherheit vor der Unendlichkeit zu wiegen. Denn es war diese Unendlichkeit, die Luke gerade auf dem Boden liegend betrachtete.
In den Städten war der Himmel immer nah. Man konnte meinen, dass es reichte die Hand danach auszustrecken, um mit den Fingerspitzen schon den Mond berühren zu können, denn nachts leuchteten die Städte heller als die Sterne. Rauchschwaden und Staub hingen dort immer wie eine Dunstglocke, dass man sich fühlen konnte wie ein Käse unter einer Glashaube.
Luke hatte es selbst schon erlebt, auch wenn er nur sehr selten in solch großen Städten zu Gast war. Nur hin und wieder, wenn ein wichtiger Politiker ihn geladen hatte, tauchte er dort auf, wunderte sich über die feinen Leute überall, über die engen, verschachtelten Bauten und den Gestank, der einem entgegentrat sobald man die großen, ausladenden Straßen verlassen hatte und in keine Nebengassen geschlüpft war, wo die Kinder zwischen Haufen an Küchenresten und Dung mit Stöcken, verbogenen Nägeln und Glasflaschen spielten.
Hier draußen aber, wo Luke seit Tagen, wenn nicht sogar Wochen keine lebende Seele mehr getroffen hatte, war der Himmel meilenweit entfernt. Hier war er groß und mächtig, eine Gottheit, die einen in den Wahnsinn treiben konnte, wenn man sein wahres Gesicht zu sehr ergründen suchte.
Und in dieses Gesicht schaute Luke gerade. Nirgendwo sonst in der Welt konnte sich ein Mensch so seiner Nichtigkeit bewusst werden, wie wenn er in den voll erleuchteten, sternenübersäten Himmel sah. Wie schön sie aussahen, ätherisch und kalt, älter als die Menschheit selbst und unnahbar. Wie Perlen und glänzende Edelsteine funkelten sie, zwischen ihnen der weiße Hauch jener, die schon zu Staub zermahlen worden waren. Die Milchstraße war es, die sich dort übermächtig und ewig über den Himmel spannte und Luke Atem und Verstand raubte.
Nie war er so einsam und verlassen gewesen wie in diesem Moment. Ein Sandkorn war er in einer Wüste, ein Neugeborenes zurückgelassen auf den Stufen eines unbewohnten Klosters. Er war vollkommen allein hier draußen in der weiten, ewigen Wildnis, wo keines Mutter sich nach ihm umsah, wo aller Wille Gottes war, er der Unerbittlichkeit der Naturgewalten ohne Schutz gegenüberstand und nur die Wirklichkeit herrschte.
Plötzlich wurde er von einer seltsamen Panik überkommen, die durch seine Venen kribbelte und sich dort festsetzte. Sofort setzte er sich auf, wurstelte sich unter der Decke hervor, schnappte ob der plötzlichen Kälte nach Luft und japste: „Jolly! Komm her, alter Junge!“
Der Schimmel war schemenhaft wie eine Erscheinung wie er auf seinen Cowboy zugetrabt kam, der große Kopf auf dem kräftigen Hals bedächtig nickend als wisse er schon um Lukes Leiden.
Sobald er in Reichweite war, kam Luke ihm entgegen und schlang seine Arme um ihn, umarmte ihn schweigen und schloss die Augen, damit er den übermächtigen Himmel nicht mehr sehen musste. Das Fell war weich und beruhigend gegen seine Wange, die Wärme strahlte in ihn, kroch durch seine klamme Kleidung, glättete die Gänsehaut und schob die Kälte zurück bis alles wohlig kitzelte. Die Panik war still und heimlich vergangen.
„Ruhig, ruhig, Cowboy“, sagte eine tiefe, angenehme Stimme sanft, „Ich bin hier und alles ist gut.“
Und Luke glaubte der Stimme. Es war nur die Unendlichkeit der Sterne, die ihm zu Kopf gestiegen war, nur die Schwere der Welt, die er einen Augenblick auf sich selbst ruhen hatte spüren können, mehr nicht.
Aber es sollte niemand hier sein, der ihm das sagen konnte. Wer hatte da gesprochen? Langsam löste sich Luke von der felligen, auf seltsame Weise süßlich nach Pferd riechenden Schulter und sah sich um.
Aber niemand war zu sehen. War es die Stimme Gottes?
Jolly betrachtete ihn mit wachen Augen, in denen eine Intelligenz glitzerte, wie Luke sie noch nie zuvor bei einem Tier - und ehrlich gesagt bei einem guten Teil der Menschheit - gesehen hatte, und ihm ging ein Licht auf.
„Du warst es, der gesprochen hat, oder?“
„Ja“, antwortete Jolly. Im Irrsinn des Moments konnte Luke nicht anders als mit einem Lächeln verstehend zu nicken.
„So viel, wie ich dir schon erzählt habe, ist es fair, dass du mir jetzt auch Sachen erzählen kannst.“
Jolly schnaubte als würde er lachen. „Dann lasse mich dir sagen, dass wir die nächste Goldgräberstadt ansteuern sollten, bevor du noch ganz den Verstand verlierst und dir aus Einsamkeit einbildest, dass sogar so ein dämliches Vieh wie dieser missglückte Hund reden kann.“
