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Die sonderbare Erzählung von Lobelia Sackheim-Beutlin und ihrem Zauberring

Summary:

Es begab sich im März des Jahres 2989 des Dritten Zeitalters, 1389 nach Auenland-Zeitrechnung, dass Bilbo Beutlin, mit einigen Freunden trinken ging und später an diesem Abend nicht nach Hause zurückkehrte.
Selbstverständlich wurden Ermittlungen von mehr und weniger großer Ernsthaftigkeit durchgeführt, von Leuten, die mal mehr, mal weniger Befugnis dazu hatten. Da jedoch niemand tatsächlich zugegen gewesen war, um einen Unfall oder ein Verschwinden zu sehen, konnte der Fall niemals aufgeklärt werden, und die Auenland-Hobbits mussten sich mit der Tatsache begnügen, dass das Zweite Verschwinden von Bilbo Beutlin, wie der Vorfall im Volksmund irgendwann genannt wurde, ein ungelöstes Rätsel bleiben würde.

 

Eines Tages, lange bevor die Ereignisse des "Herrn der Ringe" sich zutragen, verschwindet Bilbo Beutlin (wieder mal) spur- und grußlos aus dem Auenland. Dieses Mal sichert sich jedoch Lobelia Sackheim-Beutlin Beutelsend - und auch den rätselhaften Zauberring, den Bilbo zurückgelassen hat. Von da an verlaufen die Dinge ziemlich anders.

Work Text:

*

Diese Geschichte beginnt leider mit einer Tragödie – wie es so viele Geschichten zu tun pflegen, die sich zuletzt von großer Wichtigkeit erweisen.

Es begab sich im März des Jahres 2989 des Dritten Zeitalters, 1389 nach Auenland-Zeitrechnung, dass Bilbo Beutlin, Oberhaupt der Beutlin-Familie und örtlicher Sonderling, mit einigen Freunden trinken ging und später an diesem Abend nicht nach Hause zurückkehrte. Noch tat er dies, was das anbelangt, später in jener Woche, jenem Monat oder sogar in jenem Jahr. 

Selbstverständlich wurden Ermittlungen von mehr und weniger großer Ernsthaftigkeit durchgeführt, von Leuten, die mal mehr, mal weniger Befugnis dazu hatten. Die ersteren versuchten ihr Bestes, dieses unwillkommene Rätsel zu lösen, wohingegen die letzteren sich befleißigten, die Geschichte mit noch mehr Gerüchten auszuschmücken oder völlig ungebührliche Fragen zu stellen; so zum Beispiel ob Bilbo verschwunden sei (schon wieder!) oder gestorben (und dieses Mal wirklich), und falls ja, wie er es angestellt hatte, ohne dass jemand etwas davon bemerkt hatte.

Diese Nachforschungen kamen indes zu keinem Ergebnis. Seine Trinkgefährten, Griffo Boffin, der alte Hamfast Gamdschie und Isenbras Tuk, konnten lediglich berichten, dass Bilbo an jenem Abend von guten Geistern beseelt gewesen sei (auf mehr als eine Weise), und womöglich war er sogar zu beseelt gewesen, denn andere Leute hatten ihn den Grünen Drachen in Wasserau verlassen sehen, wobei Bilbo in bemerkenswerten Schlangenlinien gelaufen war.

Es erschien nicht völlig unwahrscheinlich, dass Bilbo auf der Brücke über die Wässer stehen geblieben und versehentlich hineingefallen und ertrunken war, wie die Eltern des armen Frodo Beutlin neun Jahre zuvor. Andere behaupteten, dass er schlichtweg davongewandert sei, um wieder Elben und anderes seltsames Volk zu besuchen; es sei Bilbo auch nicht unähnlich, dies zu tun, ohne zu packen und seine Haustür abzuschließen. Diese Version der Geschichte im Besonderen wurde meist von missbilligenden Seufzern und Kopfschütteln begleitet.

(Andere, böswilligere Zungen erwähnten sogar hinter vorgehaltener Hand, dass Bilbo womöglich so weit gegangen sei, es sich in den Kopf zu setzen, in dieser Nacht betrunken Boot zu fahren, da die Beutlins keinen gesunden Hobbitverstand zu besitzen schienen, was tiefes Wasser anbelangte. Aber diese Gerüchte wurden nie laut geäußert und erstarben letztendlich zusammen mit all den anderen Mutmaßungen, die im Auenland die Runde machten.)

Da jedoch niemand tatsächlich zugegen gewesen war, um einen Unfall oder ein Verschwinden zu beobachten, konnte keine endgültige Lösung für die seltsamen Umstände der Nacht des 21. März 1389 gefunden werden, und die Auenland-Hobbits mussten sich mit der Tatsache begnügen, dass das Zweite Verschwinden von Bilbo Beutlin, wie der Vorfall im Volksmund irgendwann genannt wurde, ein ungelöstes Rätsel bleiben würde. Bald schon hatten die Leute andere, dringendere Angelegenheit in ihren Köpfen und als sie das Interesse an dem Ereignis verloren, kühlte die Gerüchteküche im Westviertel langsam ab und verstummte endlich ganz.

So kam es, dass Bilbo ein Jahr nach seinem Verschwinden, kurz vor dem Tag seines hundertsten Geburtstages dauerhaft für tot-oder-verschwunden erklärt wurde. Und nachdem der Bürgermeister von Michelbinge, mit dem die Hobbits über die Angelegenheit beraten hatte, der Meinung war, sie hätten lange genug gewartet, um ein plötzliches, unerwartetes Wiederauftauchen von Bilbo auszuschließen (was für alle Beteiligten schon beim letzten Mal sehr ärgerlich und peinlich gewesen war), wurde entschieden, es sei an der Zeit, dass Bilbos Anwesen und Besitztümer endlich entweder an die Person gehen sollten, die er in seinem Testament dazu bestimmt hatte (vorausgesetzt, dass er die Voraussicht besessen hatte, eines zu schreiben) oder, sollte ein solches fehlen, an den Höchstbietenden bei einer Versteigerung.

Lobelia Sackheim-Beutlin, die während dieser Versammlung selbstverständlich zugegen war, wartete nicht einmal ab, bis der Bürgermeister seinen Satz beendet hatte, bevor sie aufstand und aus dem Rathaus rannte. Sie sprang auf ihr Pony und spornte es zu seinem schnellsten Trab in Richtung ihres Hauses in Wasserau an. Es war spät am Abend, als sie ankam, aber nichtsdestotrotz hielt sie sich nicht einmal damit auf, ihr Pony anzubinden, bevor sie in ihr Haus platzte, in das Schlafzimmer eilte und ihren schlaftrunkenen Ehemann schüttelte.

„Lobll’a?“, murmelte Otho. „Was im Namen von Bandobras Tuk –“

„Steh auf“, zischte Lobelia, „wir müssen nach Beutelsend gehen, bevor es irgendjemand bemerkt. Bilbos Anwesen soll demnächst an seinen Erben übergeben werden, und ich werde tot ins Grab fallen, bevor ich zulasse, dass dieser alte Taugenichts uns noch einen Streich spielt und uns wieder um unsere Erbschaft betrügt.“

Otho blinzelte. „…was?“ Er setzte sich im Bett auf. Seine Haare standen in alle Richtungen ab und sein rundes Gesicht erschien verwirrt im silbernen Mondlicht, das schräg durch die runden Fenster hereinfiel. „Was hast du denn überhaupt vor?“, fragte er mit einem leichten Zittern in seiner Stimme.

„Weck Lotho“, befahl Lobelia grimmig. “Sag ihm, er soll sich dunkle Kleider anziehen. Und nimm dein Schreibzeug vom Schreibtisch mit.“ Als er ihr nur einen ängstlichen Blick zuwarf, schlug ihm Lobelia auf den Hinterkopf. „Jetzt sofort!“

 

*

Zwei Stunden und eine Menge anstrengendes Huschen von Baum zu Baum und Busch zu Busch später, fanden sich Lobelia, Otho und ihr Sohn Lotho vor der Tür von Beutelsend wieder.

„Das ist das Ende der Sackheim-Beutlins als anständige Familie“, jammerte Lotho, was er mit großer Beharrlichkeit während ihrer ganzen Wanderung nach Beutelsend getan hatte. „Ihr wisst ja, wie diese verfluchten Hobbinger sind – Augen, die im Dunkeln sehen können, und an Fensterscheiben gepresste Nasen. Es ist ausgeschlossen, dass sie uns nicht gesehen haben!“

Lobelia würdigte es keiner Antwort. Sie wusste, dass Hobbits genau so waren, hauptsächlich weil sie selbst eine Frau war, die das Kommen und Gehen ihrer Nachbarn mit großer Gewissenhaftigkeit verfolgte. Und obgleich sie kein Problem damit hatte, an anderen Leuten Fehler aufzuzeigen, die sie selbst besaß, war das nicht der Moment, um mit ihrem Sohn einen Streit zu beginnen.

„Sei still“, sagte sie. „Wir sichern dein zukünftiges Vermögen, und du solltest uns dafür danken, statt zu jammern.“

„Weil wir gerade beim Thema sind“, sagte Otho, der sich in einem erstaunlich erfolgreichen Versuch, sich zwischen die dicken Kürbisse einzufügen, in das Gemüsebeet geduckt hatte. „Was tun wir hier, Lobelia? Es ist mitten in der Nacht und wir haben uns wie Diebe durch ganz Hobbingen gestohlen…“

„Wir“, sagte Lobelia mit großer Entschlossenheit, „kümmern uns darum, die Dinge zurechtzurücken, nachdem sich offenbar niemand sonst in dieser verdammten Stadt uns gegenüber anständig verhalten möchte. Geh und versuch, die Haustür zu öffnen.”

„Ich soll was tun?”, quiekte Otho.

Lobelia verdrehte nur die Augen und trat nach vorne, um den Knauf der grellgrünen Tür von Beutelsend zu drehen, die im Mondlicht silbergrau erschien. Sie war nicht wirklich überrascht, als sie tatsächlich nach innen aufschwang. Es war so typisch für Bilbo, trinken zu gehen und dann davonzurennen, ohne seine Tür abzuschließen, wie es jeder normale Hobbit tun würde.

Nun, es schien so, als würde sie ihre Dietriche doch nicht brauchen.

„Mutter“, sagte Lotho langsam, als sie über die Schwelle in das eigenartig stille Vestibül trat. „Mutter, wir sollten das nicht tun.“

„Diese ganze Unternehmung ist etwas, was eine arme, alte Frau wie ich nicht tun sollte“, knurrte Lobelia. „Leider fragt niemand danach. Und jetzt seht zu, dass ihr reinkommt, bevor uns jemand sieht, ihr Dummköpfe!“

Die zwei Hobbitmänner huschten eilig hinein, wo sie sich schwer atmend in einer Ecke zusammendrängten, um in den Schatten und abseits der Fenster zu stehen. Lobelia warf ihnen einen bösen Blick zu, bevor sie die Tür schloss und dann im Haus herumging, um alle Fensterläden zu schließen. Zweimal stieß sie sich den Zeh an einem Tisch und dreimal stolperte sie beinahe über die verfluchten Bücherstapel, die Bilbo überall herumliegen hatte lassen. Als sie in das Vestibül zurückkehrte, wo ihre zwei nutzlosen Gefährten immer noch kauerten, war sie gebührend verärgert.

„Kerzen”, verlangte sie und seufzte nicht einmal, als Otho sie nicht anzündete, sondern sie ihr stattdessen einfach nur übergab.

„Wozu habe ich dich mitgebracht?”, murmelte sie und entzündete alle drei Kerzen. Zwei gab sie sodann ihrem Sohn und Ehemann, während sie eine für sich selbst behielt. Sie hielt ihre Hand vor die Flamme, um ihren Schein abzudämpfen.

„Nun denn“, sagte sie, und als sie sich an ihren Ehemann und Sohn wandte, sprach die grimmige Enttäuschung von Jahrzehnten aus ihr, „sucht nach allem, was einem Testament ähnelt. Überhastet nichts und seid nicht schlampig – wir gehen nicht, bevor wir es nicht gefunden haben.“

Sogar mit dieser Drohung, die über Othos und Lothos Köpfen hing, brauchten sie beinahe die ganze Nacht, um es zu finden. Selbstverständlich hatte Bilbo sein Testament nicht in einer Schublade oder einer verschlossenen Truhe in seinem Schlafzimmer gelassen, wie es ein verständiger Hobbit getan hätte. Lobelia warf vor lauter Verdrossenheit beinahe ihren Dietrich fort, nachdem sie sich durch alle Schubladen und Truhen gegraben hatte, die ihr wie vernünftige Verstecke erschienen waren, und immer noch mit leeren Händen dastand.

Letztendlich war es Lotho, der das Testament fand. Es war willkürlich zwischen zwei Stapel Manuskripte gesteckt worden, in denen ausführlich eine irrsinnige Begebenheit mit drei sprechenden Spinnen in der Hauptrolle beschrieben wurde, die Bilbo nach einer ausnehmend schlechten Pfeife mit verdorbenem Langgrundblatt niedergeschrieben haben musste.

Von Lothos aufgeregtem Schrei aufgeschreckt marschierte Lobelia in das Arbeitszimmer und riss ihm das Testament aus den Händen, während der noch einen siegestrunkenen kleinen Stepptanz aufführte. Sie klatschte es auf einen freien Fleck auf dem grässlich unordentlichen Schreibtisch und las es durch. Mit jeder Zeile furchte sich ihre Stirne weiter und als sie am Ende angekommen war, ähnelte ihr Gesicht den verzerrten Fratzen der Wölfe, die im Grausamen Winter im Jahr 2912 ins Auenland gedrungen waren.

Otho und Lotho standen in weiser Voraussicht in sicherem Abstand, als sie herumwirbelte.

„Ist das zu glauben?”, brauste Lobelia auf. „Ist die Dreistigkeit dieses närrischen Tunichtguts noch zu fassen?“ Sie wedelte mit dem Testament herum.

„Wenn du uns nur sagen würdest…“, begann Otho.

„Hier!“, fauchte Lobelia und stach mit dem Zeigefinger auf eine besonders beleidigende Zeile ein. „Hat er doch tatsächlich diesen Frodo Beutlin als Erbe für all sein Vermögen, sein Haus und sein Eigentum eingesetzt! Er kennt den Jungen nicht einmal! Nicht ein einziges Mal im Leben hat er mit ihm gesprochen! Gerüchteweise sagt man, er habe den Jungen adoptieren wollen, aber bis jetzt hat er ihn auf Brandygut verrotten lassen und nichts getan! Und an dieses – dieses Kind will er das Heim und die Güter vererben, die mir gehören sollten!“

„Nun“, sagte Lotho genervt, die Schultern beinahe bis zu den Ohren hochgezogen. „Vetter Frodo ist schließlich eine Waise, und womöglich wollte ihm Bilbo nur etwas Gutes tun, wer weiß – “

„Oh nein! Er tat es, um mir eins auszuwischen!“ Lobelia drehte sich um. „Weißt du, was Bilbo mir vermacht hat? Hast du eine Ahnung , was er geschrieben hat? Hier: ‚Und meiner geschätzten Cousine Lobelia überlasse ich mit meinem aufrichtigsten Segen meine verbleibende Sammlung von Besteck allerart, um den Teil zu vervollständigen, den sie sich bereits für ihren eigenen Haushalt genommen hat.‘“

Lotho zog eine Augenbraue hoch. „Also gehörten die Löffel, mit denen du vor Dora Boffin geprahlt hast, gar nicht dir?“

„Sie gehören – darum geht es nicht!“, kreischte Lobelia. „Kümmert es dich gar nicht, dass wir zum Gespött gemacht werden? Sogar aus dem Grab will der alte Schuft mir eine lange Nase drehen! Aber diesmal nicht, hört ihr, diesmal nicht!“

„Aber was willst du dagegen tun?“, nörgelte Otho. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, und er hätte begonnen, die Hände zu ringen. „Im Testament steht klar und deutlich, dass alles an Frodo fällt – und jeder, der es liest, wird es wissen.“

Lobelia sagte nichts. Anstatt zu antworten, hielt sie das Testament hoch und hob langsam die Kerze von unten an das Papier heran. Othos und Lothos Augen weiteten sich, aber Lobelia sah mit unbewegter Miene zu, als eine Ecke des Testaments Feuer fing und die Flamme begann, das Blatt mit orangeroten Feuerzungen in atemberaubender Schnelle zu verzehren. Danach holte sie einen Besen, den sie im Vestibül herumstehen hatte sehen, und kehrte in das Arbeitszimmer zurück, um die Asche unter den Teppich zu kehren.

„Nun denn“, sagte Lobelia und wischte sich die Hände an ihrem Rock ab. „Lotho, wie wäre es, wenn du dein Talent, anderer Leute Handschrift nachzuahmen, zu etwas Besserem gebrauchst als meine Unterschrift auf deinen miserablen Zeugnissen zu fälschen?“

Lotho erbleichte. „Du weißt davon?“

„Fragst du mich ernsthaft, ob ich geglaubt habe, du hättest deine Zeugnisse fünf Jahre in Folge verloren und konntest sie mich daher nicht für deine Lehrerin unterschreiben lassen?“ Sie warf ihm einen harten Blick zu und Lotho schrumpfte darunter zusammen. „Ich bitte dich, ich habe mir bessere Ausreden einfallen lassen, als ich gerade zehn Jahre alt war.“

Othos Kopf wirbelte schnell genug herum, um ihm eine Nackenzerrung zu bescheren. „Wie bitte?“

Lobelia hielt ihre Hand hoch. „Genug davon für den Augenblick.“ Sie gestattete sich, genüsslich ein paar Augenblicke länger zu beobachten, wie Lotho sich unter ihrem Blick wand, bevor sich langsam ein Lächeln über ihre Lippen ausbreitete. „Nun, wie wäre es, wenn wir deine Fähigkeiten zu einem gewinnbringenderen Zweck nutzen?“

 

*

Selbstredend war des Geschwätzes in Hobbingen kein Ende, nachdem Bilbo Beutlins letzter Wille verlesen worden und es bekannt geworden war, dass er augenscheinlich seinen gesamten erweiterten Familienkreis von seinem Erbe ausgeschlossen und stattdessen alles, einschließlich Beutelsends und des Goldes, das er von seiner geheimnisvollen Reise mitgebracht hatte, seinem meistverhassten Vetter Otho Sackheim-Beutlin und dessen Frau Lobelia vermacht hatte.

Wilde Vermutung wurden angestellt, was Bilbos Gründe hierfür betraf, wobei die meisten zu dem Schluss kamen, dass seine Abenteurerei wohl doch einen Tribut von seinem Verstand gefordert hatte. Andere Gerüchte waren sogar noch seltsamer und absonderlicher, und in jedem Wirtshaus und Heim im Auenland wurde kein Thema hitziger diskutiert als das unerwartete Vermögen, das den Sackheim-Beutlins zuteil geworden war.

Ausnahmsweise genoss Lobelia jeden Augenblick davon, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, wenngleich der meiste Tratsch wenig schmeichelhaft war. Sie erfreute sich sogar an den finsteren Blicken der Gamdschies, während die Sachheim-Beutlins alle ihre Besitztümer den Bühl hinauf und nach Beutelsend hineintrugen. Genauer gesagt erledigten Lotho und Otho die schwere Arbeit, während Lobelia zusah und sie anwies, wo sie dieses und jenes abstellen sollten, während sie mit verschränkten Armen in Bilbos Vorgarten stand und alles mit dem scharfen Auge eines Feldherren überwachte.

Sie fühlte, wie sich die Blicke des Alten Ohms und seines Sohnes Samweis in ihren Rücken bohrten, aber sie ließ sich nicht einmal dazu herab, sich umzudrehen. Das Erste, was sie nach ihrem Umzug nach Beutelsend getan hatte, war, die Gamdschies ihrer Pflichten als Gärtner von Beutelsend zu entheben, was noch am gleichen Abend zu einem Aufschrei im Grünen Drachen geführt hatte. Lobelia hätte die Gamdschies nicht schlimmer beleidigen können, hätte sie Gerüchte verbreitet, dass der Alte Ohm ein Trunkenbold sei – und sie war sich, wie auch jeder sonst in Hobbingen, dessen wohl bewusst. 

Alles in allem wurde das plötzliche Glücksgeschick der Sackheim-Beutlins allgemeinhin missbilligt und wenn Lobelia die Straßen Hobbingens entlangging, begegneten ihr wenige freundliche Gesichter und niemand grüßte sie. Indes, es kümmerte sie nicht, wenn die anderen Erwachsenen sich von ihr abwandten oder in ihren Häusern verschwanden, sobald sie sich näherte; ebensowenig, wenn die Kinder einen weiten Bogen um sie machten, wenn sie ihr begegneten. Sie hatte, was sie wollte.

Sie hatte Beutelsend.

Sie hatte genug Geld, um für den Rest ihres Lebens vorzuhalten.

Und endlich, endlich hatte sie es geschafft, Bilbo eins auszuwischen.

Zumindest dachte sie das.

 

*

Sie brauchten beinahe ein halbes Jahr, um das Durcheinander zu beseitigen, das Bilbo hinterlassen hatte. Das ganze Haus bedurfte einer gründlichen Neuordnung, aber obgleich Lobelia nichts lieber getan hätte, als alle Papiere und Bücher aus Bilbos Besitz wegzuwerfen, wusste sie doch, dass es töricht gewesen wäre, die Gelegenheit zu vergeuden, alle Geheimnisse zu lüften, zu denen sich Bilbo stets so bedeckt gehalten hatte.

Daher wies sie Lotho und Otho an, Bilbos Manuskripte feinsäuberlich zu durchsuchen, bestrebt, ihnen wertvolle Informationen zu entlocken (zum Beispiel, wo Bilbo den Schlüssel zu seinem geheimen Keller gelassen hatte, der angeblich vom Boden bis zur Decke mit Gold gefüllt war, oder die Verstecke der übrigen legendären Schätze, die er von seinen berüchtigten Abenteuern mitgebracht hatte).

Unglücklicherweise schien Bilbo nicht die Art Hobbit zu sein, die Hinweise niederschrieb, wo er seine Wertsachen versteckt hatte, wenngleich er sicherlich hohlköpfig genug gewesen wäre, dergleichen zu vergessen. Nachdem sie den Großteil des Seemannsgarns durchgelesen hatte, das Bilbo gesponnen hatte – angeblich ein schriftlicher Bericht seiner Abenteuer, obwohl es wahrscheinlicher schien, dass Bilbo sogar noch öfter mehr zu trinken gehabt hatte, als gut für ihn war, als Lobelia eingangs gedacht hatte – war Lobelia überzeugt, dass Bilbo sogar noch närrischer gewesen war, als die übelsten Gerüchte behaupteten (und die meisten davon hatte sie selbst in die Welt gesetzt). Die Geschichten, die er über Orks und Steinriesen und Wölfe und Adler fabuliert hatte, waren, gelinde gesagt, haarsträubend. 

Lobelia war nahe daran, aufzugeben und einfach alles wegzuwerfen, als ihr etwas in Bilbos Erzählung ins Auge sprang. Er schrieb von einer seltsamen Begegnung mit einer Kreatur in einer Höhle, und einem Zauberring, den er in einem Rätselwettstreit gewonnen hatte.

Lobelia runzelte die Stirn und ließ die Hand mit dem Manuskript sinken. Sie war niemand, der bereitwillig an Wunder und magischen Tand glaubte, aber die weniger fantastischen Anteile von Bilbos Berichten schienen ihr verlässlich genug, gerade was die Reichtümer betraf, die er von seinen Reisen mit nach Hause gebracht hatte. Und nun, da sie darüber nachdachte, hatte es ein paar Vorfälle gegeben, zumeist auf Familienfeiern, als Bilbo plötzlich und unerklärlicherweise verschwunden war, als hätte er sich in Luft aufgelöst…

Lobelia durchblätterte die Seiten erneut. Der Zauberring tauchte wieder und wieder auf. Manchmal half er Bilbo, Orks zu entkommen, dann aus den Kerkern von Elben zu fliehen, und danach, um dem Blick eines Drachen zu entgehen. Augenscheinlich hatte Bilbo einige Zeit seines Lebens mit Wegrennen verbracht, wenn man seinen irrwitzigen Geschichten Glauben schenken wollte.

“Otho, Lotho”, rief Lobelia, ohne von dem Blatt Papier aufzusehen. Erst als sie zwei Paar stolpernder Schritte hörte, blickte sie auf und fand sich Angesicht zu Angesicht mit den zerzausten Gestalten ihres Sohnes und ihres Ehemannes wieder, die in der Tür zum Arbeitszimmer standen. Ihre Augen waren von wochenlangem Durchsuchen von Papieren, Büchern und anderem Gerümpel rot gerändert.

„Was?“, frage Lotho, seine Stimme schroff und bissig. Seine Geduld war nach hunderten Stunden fruchtloser Suche erschöpft.

Lobelia beachtete seinen Tonfall nicht. „Wir müssen nach einem Ring suchen“, sagte sie.

 

*

Irgendwann fanden sie den Ring.

Typisch für Bilbo, wie er nun einmal war, war er nicht in einer verschlossenen Truhe oder Schmuckschatulle verstaut, sondern in der Tasche eines Wamses, das er wahrscheinlich vergessen hatte, an dem Abend anzuziehen, an dem er verschwunden war.

„Er ist groß”, sagte Otho. „Wie soll der auf den Finger eines Hobbits passen?“

„Er ist dumm und langweilig“, murrte Lotho. „Ich wette, es ist ohnehin nur ein Messingring für Vorhänge. Schaut ihn euch an. Er hat nicht einmal einen Edelstein oder irgendwas, und wie Vater gesagt hat, er ist viel zu groß, um auf einen Finger zu passen.“

Lobelia drehte ihn in ihrer Hand, hielt in vor ihr Auge, kratzte mit dem Fingernagel über die makellose Oberfläche, und biss sogar hinein.

„Gold”, sagte sie.

„Als ob du das wüsstest, weil du hineingebissen hast“, sagte Lotho. „Ich gehe.” Er drehte sich um, um das Vestibül zu verlassen.

Lobelia drehte den Ring noch einmal, und während sie noch hinsah, schien er zu schrumpfen und plötzlich sah er aus, als wäre er ausgezeichnet an einer Hobbithand zu tragen. Sie steckte ihn an.

Otho starrte sie an.

„Was?“, wollte Lobelia wissen.

Otho starrte weiter. Sein Mund bewegte sich wie der eines gestrandeten Fischs, und er hob einen zitternden Finger, um auf sie zu deuten. Er gab einen hohen, wimmernden Laut von sich, auf den hin sich Lotho noch einmal umdrehte.

Lotho glotzte. Sein rotbackiges Gesicht war plötzlich so weiß wie ein Bettlaken.

„Was?“, verlangte Lobelia erneut zu wissen.

Anstelle einer Antwort deutete Lotho hinter sie und sagte: „Sp-Spiegel.“

Lobelia drehte sich um.

Es wäre falsch zu sagen, dass sie im Spiegel nichts sah. Das Vestibül, das Bücherregal und die allen Familienportraits der Beutlins, zu denen sie noch nicht dazu gekommen waren, sie abzunehmen, waren alle einwandfrei sichtbar. Was fehlte und gemäß allem Grundverstandes, der Hobbits zuteil gemacht worden war, eindeutig nicht hätte fehlen sollen, war sie.

Lobelia drehte sich herum, starrte ihren Mann und dann ihren Sohn an, und obgleich sie eher tot umgefallen wäre, als es zuzugeben, musste ihr Mund in diesem Moment die gleichen Fischbewegungen wie ihre gemacht haben.

Sie fühlte sich schwach und ihr war mit einem Mal kalt. Sie tastete nach dem Ring und zog in vom Finger.

Dies schien der Tropfen zu sein, der das Fass für Otho und Lotho zum Überlaufen brachte. Nachdem sie die Tatsache, dass Lobelia sich in Luft aufgelöst hatte, bereits heftig strapaziert hatte, führte ihr plötzliches Wiedererscheinen dazu, dass beide in tiefer Ohnmacht zu Boden plumpsten.

Nachdem sie einen Moment darüber nachgedacht hatte, tat es ihnen Lobelia gleich.

 

*

Nach dem anfänglichen Schreck wich ihre Furcht vor dem Zauberring rasch der Faszination. Am ersten Abend reichten sie ihn von Hand zu Hand, und ein jeder von ihnen steckte ihn an und zog ihn kichernd wieder ab, hocherfreut von den überraschten Ausrufen der anderen.

„Stellt euch nur einmal vor, was wir damit anstellen könnten!“, lachte Lotho. „Ich könnte mich in das Haus vom Alten Ohm schleichen und seine Sachen ein wenig umordnen, wenn ihr versteht, was ich meine – oder ich könnte ihnen alle Steckrüben aus ihrem dummen Gemüsebett ziehen, oder –“

Lobelia lachte gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn, aber es kristallisierte sich für sie bald heraus, dass beide sehr unverlässliche Besitzer des Ringes wären: Otho würde so ziemlich seinen Kopf verlieren, wäre er nicht am Halse festgewachsen, daher stand es außer Frage, ihm dem Ring anzuvertrauen. Lotho hingegen würde ihn wahrscheinlich mit Tim Sandigmann teilen, um arglosen jungen Hobbitfrauen nachzustellen – etwas, das nicht einmal Lobelia gutheißen könnte, gleich, wie wenig sie die Hobbinger ausstehen konnte. Daher verkündete sie am nächsten Tag in einem Ton, der keine Widerrede duldete, dass sie ihn verwahren und, wie sie anfügte, von den Händen unreifer Leute fernhalten würde, die ihn nur für ihre eigenen gemeinen Intrigen und ihren persönlichen Vorteil benutzen würden.

Lotho sah aus, als wollte er aufbegehren, Otho eher weniger, aber am Ende endete die Auseinandersetzung wie jede andere im Haushalt der Sackheim-Beutlins: Otho verlor das Interesse an der Diskussion, Lotho stampfte davon, um woanders vor Wut zu schäumen, und Lobelia setzte sich mit einer Tasse Tee und all der Zufriedenheit, die dem Streitgewinner gebührte, hin. Sie tätschelte den Ring, den sie in einer Tasche ihrer geblümten Schürze verwahrte.

“Du bist mein”, sagte sie. „Mach dir nur keine Sorgen, ich werde ihre Finger von dir fernhalten. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich für Kinderkram und dumme Vorhaben benutzen. Nein, nein, ich werde dich klug gebrauchen und so, wie es vorgesehen war, dich zu benutzen.“

„Klug gebrauchen und so, wie es vorgesehen war, dich zu benutzen“, bedeutete natürlich, dass Lobelia endlich die Mittel hatte, um es den hochnäsigen Bewohnern von Hobbingen heimzuzahlen, die sie abgewiesen hatten, seitdem sie in Beutelsend eingezogen war. Auf diese Weise fand sich Lobelia plötzlich häufiger als seit langem auf den Beinen und außer Haus, vollauf damit beschäftigt, sich an all denen zu rächen, die ihr Unrecht getan hatten.

Sie zog die Klammern von Linda Stolzfußens Wäsche, sodass die eine Hälfte davon im Dreck landete und die andere Hälfte in alle Winde verweht und über die Schafweide am Ende der Straße geblasen wurde. Sie ging auf den Markt und wenn niemand hinsah, kippte sie die Apfelkörbe von Rosalinde Hornbläser um, danach sammelte sie ein paar auf, die über das Kopfsteinpflaster gerollt waren und ging davon, ohne zu zahlen. Manchmal hielt sie an, um Gespräche zu belauschen (die oft sie selbst betrafen) und sorgte dafür, den Sprechern ebenfalls einen Streich zu spielen. An anderen Tagen stand sie unsichtbar mitten im Grünen Drachen und rief garstige Kommentare in laufende Unterhaltungen hinein, die manchmal sogar dazu führten, dass ein Handgemenge ausbrach.

Alles in allem machte der Zauberring ihr Leben um einiges interessanter, und wenn ihr Lobelia mittlerweile nur ein bisschen kennt, werdet ihr bereits vermuten, dass sie ihres Zauberringes sogar nach Jahren nicht müde wurde. Sie benutzte ihn freimütig und häufig, und wenn überhaupt, wurde sie ihm immer stärker zugetan, je weiter die Zeit fortschritt.

Nun gab es ein altes Hobbitsprichwort, das aussagt, dass jeder Unfug und Schabernack irgendwann ihre Vergeltung nach sich ziehen. Und obgleich es nicht so aussah, als würde sich dieses Sprichwort für Lobelia irgendwann in nächster Zeit bewahrheiten (denn die Dörfler beschwerten sich nach wie vor über üble Geschicke, verschwundene Familienerbstücke und gemeine Gerüchte, und bejammerten, dass die rätselhaften Vorfälle weder an Boshaftigkeit noch Häufigkeit abnahmen), war der Tag der Folgen nicht mehr fern.

Lobelia hätte die Warnung mit einer Miene großer Überheblichkeit abgewiesen, hättest du ihr davon erzählt. Welche Vergeltung hatte sie schon zu befürchten? Sie hatte einen Zauberring, und obwohl sie so unbeliebt wie nie zuvor war, konnte niemand beweisen, dass sie dahintersteckte, wenngleich die Bosheit der meisten Vorfälle und die Kleinlichkeit mancher Gerüchte gewiss ihre Handschrift trugen.

Sie hätte dir erzählt, sie wisse, was sie tue; und was gehe es dich überhaupt an, dass du die Nase in ihre Angelegenheiten stecktest?

Auch wenn Lobelia unter gewöhnlichen Umständen Recht behalten hätte, dass sie über jeder Anklage stünde, und obwohl sie im Grunde eine kluge Hobbitfrau war, war sie leider doch nicht schlau genug, zu vermuten, dass ein Zauberring größeres Unheil als wütende Hobbits über sie heraufbeschwören würde. Sie war weder gerissen noch vorausschauend genug, um zu ahnen, dass ein mysteriöser Ring, den Bilbo unter zweifelhaften Umständen von einer rätselhaften Kreatur gewonnen hatte, nicht darauf gewartet hatte, zu ihr zukommen, sondern vielmehr jemand anderem gehörte. Jemandem, der noch seltsamere und viel gefährlichere Wesen entsandt hatte, danach zu suchen.

Daher waren die Sackheim-Beutlins völlig arglos, als an einem warmen Septemberabend im Jahr 1392 ein schwerer, dumpfer Schlag an ihrer Haustür tönte.

Lobelia, die in seinem Ohrensessel am Kamin saß, blickte auf. Otho schnarchte in einem zweiten Lehnstuhl ihr gegenüber vor sich hin, nichts von dem Klopfen ahnend, und Lotho war nirgends zu sehen. Sie furchte die Stirn. Niemand kam jemals die Sackheim-Beutlins besuchen, ausgenommen der Hobbitjunge, der die Post brachte und sich niemals weiter vorwagte als zum Briefkasten am Gartentor. Außerdem, dachte sie stirnrunzelnd, als sie auf die tickende Messinguhr auf dem Schreibtisch blickte, der unter dem Fenster stand, ging es auf Mitternacht an einem Arbeitstag zu – eine Stunde, zu der keine anständigen Leute mehr unterwegs waren.

Zu so später Stunde bedeutete ein Klopfen höchstwahrscheinlich, dass ein Schlitzohr versuchte, ihnen einen Streich zu spielen – oder eine dringende Nachricht oder einen Besuch vom Landbüttel. Keine dieser Möglichkeiten war besonders angenehm, aber als es zum zweiten Mal so stark klopfte, dass die Tür beinahe aus den Angeln brach, sprang Lobelia auf die Füße.

„He!”, schrie sie. “Lass meine Tür in Ruhe! Wenn ich auch nur einen Kratzer oder Splitter im Holz entdecke, werde ich dich für die neuen Bretter und den Anstrich zahlen lassen!“ Sie griff sich den eisernen Schürhaken von seinem Haken an der Wand neben dem Kamin und nahm ihn mit sich, bereit, wem auch immer, der da an ihrer Tür stand, ihre Meinung zu sagen und, falls nötig, einen Schlag über den Kopf dazu zu geben.

Sie fasste den Türknauf und zog die Tür auf – und ließ beinahe ihren Schürhaken fallen.

Nicht einmal zwei Fuß vor ihr stand ein … ein … ein Ding – ein Ding so groß und finster, dass es den ganzen Nachthimmel verdeckte. Es war von Kopf bis Fuß in schwarzen Stoff gehüllt, kein Gesicht war zu sehen, und als es sprach, gefror ihr beinah das Mark in den Knochen.

„Auenland. Beeuuutliiiin“, zischte es.

Oh.

Oh.

Das.

War so.

Typisch.

Und bei diesen beiden Worten verdampfte Lobelias gesamte Furcht im Angesicht rechtschaffenen Zorns, heraufbeschworen von der unmöglichen Gesellschaft, die Bilbo zweifellos im Leben um sich geschart hatte, und von der er die Frechheit besaß, sie sogar nach seinem Tode vor ihre Tür zu zerren. Sie hätte wissen müssen, dass er dahintersteckte.

„Beutlin? Beutlin?”, wiederholte sie. „Es gibt keine Beutlins auf Beutelsend! Der letzte, der hier gelebt hat, ist vor beinahe fünf Jahren gestorben, und ein Glück, dass wir ihn los sind, sage ich!“ Sie scherte sich nicht darum, falls der Alte Ohm von seinem Posten nahe dem Zaun zwischen ihren Gärten jedes Wort hören konnte, wo er zweifellos stand und lauschte.

„Ein Tunichtgut war er, hat sich verdächtig verhalten und alles in allem einem guten Hobbit völlig unangemessen!“ Lobelias Stimme wurde lauter und sie schwang ihren Schürhaken. „Nicht einmal, sondern zweimal urplötzlich zu verschwinden, ohne jemandem ein Wort zu sagen, um dann seine Reichtümer für sich selbst zu behalten und seinen Spaß auf Kosten der Familie auszuleben! Ganz zu schweigen davon, wie er mit Zwergen und Zauberern davongestürzt ist und Bandobras weiß, wem noch – und nun sieh dich einmal an! Was bist du überhaupt? Wo hat er dich aufgelesen?“ Sie wedelte mit ihrem Schürhaken in die Richtung der Kreatur. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was du bist und was du willst, aber du stehst auf meinem Grund und Boden, mitten in der Nacht, und fragst nach einem Nichtsnutz, der hier seit einem halben Jahrzehnt nicht mehr lebt, zweifellos in einer völlig verruchten Angelegenheit, deinem Aussehen nach zu urteilen. Ich sage dir, wenn du mir nicht sofort einen guten Grund dafür nennst, werde ich dich höchstselbst den Bühl hinunter und in die Wässer jagen!“

Lobelia schnappte nach Luft und wedelte zur Sicherheit erneut mit ihrem Schüreisen in die ungefähre Richtung, wo sich das Gesicht des Dings befinden musste.

 „Auenland. Beeuuutliiiin“, wiederholte es.

„Bist du taub?“, rief Lobelia. „Es gibt keine Beutlins hier auf Beutelsend! Es gibt einen einzigen Beutlin auf Brandygut, aber er ist mehr Brandybock als alles andere und ich bezweifle, dass er jemals auch nur einen Fuß nach Hobbingen gesetzt hat!“

Das Ding war still. Soweit Lobelia es in Anbetracht beurteilen konnte, dass es kein erkennbares Gesicht hatte, wirkte es verblüfft.

Hier isssst kein Beutlin?“, fragte das Ding.

Lobelia verlor beinahe die Beherrschung. „Was habe ich gerade eben gesagt?“, kreischte sie. „Und jetzt verschwinde aus meinem Vorgarten!“

Es geschah in diesem Moment, dass sich Otho endlich entschied, zu erscheinen und womöglich sogar seine Pflichten als Ehemann zu übernehmen, da seine Frau offenkundig von einem nächtlichen Besucher belästigt wurde.

„Ich habe dich rufen gehört, Lobelia, was –“ Otho trat in den Türrahmen, erblickte die Kreatur und verstummte. Sein Gesicht verlor gänzlich seine Farbe. „Was im Namen von –“

Das Ding merkte auf, als hätte Othos Ankunft es mit neuer Hoffnung erfüllt, die Auskunft zu bekommen, die es wollte. „Beutlin?

Othos Antwort bestand darin, dort, wo er stand, ohnmächtig zu werden und in einem würdelosen Haufen auf dem Boden in sich zusammenzufallen.

Lobelia widerstand dem Drang, sich die Haare zu raufen. Sie konnte bereits spüren, wie es sich aus ihrem Dutt löste. „Nun sieh dir an, was du angerichtet hast! Das ist genug, genug sage ich! Raus, raus!“ Sie hob ihr Schüreisen mit beiden Händen, bereit es dorthin zu schlagen, wo es am meisten Schmerzen bereiten würde – sicherlich hatten sogar schwarz ummantelte Fremdlinge ihre Schwachstellen.

Ihr Schlag wurde abgefangen, als sich jäh eine riesige Hand in einem Panzerhandschuh aus schwarz geschupptem Eisen um ihr Handgelenk schloss, so kalt und unnachgiebig wie der Tod selbst. All ihr Atem verließ sie, als das Ding ihren Arm weiter, weiter, weiter nach oben zog, bis sie auf den Zehenspitzen stand und es ihr vorkam, als müsste sich ihre Schulter ausrenken.

„Ah! Lass mich los!“

Das Ding überging sie und zwang ihre Finger, einen nach dem anderen, ihren Griff zu lösen, bis ihr das Schüreisen aus der Hand fiel, gefolgt von – wann hatte sie ihn aus ihrer Tasche genommen? – dem Goldring, der einst Bilbo gehört hatte.

Der Ring landete mit einem dumpfen Knall auf der Türschwelle und der Klang erweckte den Eindruck, als wöge er mehr als einen halben Zentner.

Sowohl Lobelia als auch das Ding sahen ihn an, dann versuchte Lobelia, das Knie der Kreatur zu treten, welches irgendwo unter diesem dunklen Mantel versteckt sein musste.

„Lass mich los! Wie kannst du es wagen, mich so zu behandeln! Ich werde dich dafür beim Büttel melden! Sie werden dich in die Zelle unter dem Rathaus in Michelbinge werfen!“, kreischte sie.  „Und wag es ja nicht, diesen Ring zu nehmen, er gehört mir! Ich habe ich nicht gestohlen, er war schon hier, als ich hier einzogen bin! Er wurde mir vermacht, gemeinsam mit allem anderen hier in Beutelsend!“

Sssssei ssssstill.

Lobelials Mund schnappte zu, als hätte ihr jemand von unten gegen den Kiefer geschlagen.

Das Ding starrte den Ring immer noch an. Ihren Arm hatte es auch noch nicht losgelassen. Es schien über etwas nachzudenken, dann kam es offenkundig zu einer Entscheidung, denn es ließ Lobelia los.

Sie strauchelte schwer atmend zurück. Ihr Haar fiel lose um ihr Gesicht. „Du – du!“, knurrte sie, aber ihre Stimme klang nicht so fest, wie sie sich gewünscht hätte. Sie musste immerzu auf diese Hände starren mit diesen Panzerhandschuhen, die sie an Drachenschuppen erinnerten, obgleich sie niemals auch nur einen Drachen gesehen hatte –

„Heb den Ring auf.”

Die Stimme war wie Eis und das Kreischen von Nägeln auf einer Schiefertafel, und Lobelia presste ihre Hände an ihren Schädel, doch es nutzte nichts.

„Nimm den Ring.”

“Wie kannst du es wagen?“, schrie sie. „Wie kannst du es wagen, hierherzukommen und mitten in der Nacht nach Beutlins zu fragen, und um meinen Ring zu bitten–“

„Wir haben nicht gebeten.“ Und mit einer Bewegung, die so fließend war wie Wasser, zog die Kreatur ein Schwert unter seinem Umhang hervor und richtete die grauenerregende Klinge auf Lobelias Nase.

„Jetzt heb den Ring auf und steig auf das Pferd.“

„Wovon redest du, welches Pfe –“

Die Worte erstarben in ihrer Kehle, als sie zum ersten Mal hinter die Kreatur blickte. Just da, direkt auf der Straße, da wo der Zeitungsjunge immer ihre Post in den Briefkasten warf, stand ein Pferd, das größer war als alle Ponys, die sie jemals gesehen hatte. Es war so schwarz wie eine Neumondnacht, vielleicht sogar noch finsterer, denn sein Fell warf kein Licht zurück. Es stampfte rastlos auf, seine Mähne war seltsam verklebt, sein Maul schäumte. Seine Augen waren rot.

„Was im Namen von Bandobras Tuk ist das?“, sagte Lobelia mit schwacher Stimme. Sie blickte wieder zu der verhüllten Gestalt empor, und zum ersten Mal, seit sie die Tür geöffnet hatte, sah sie sie wirklich an. Das Schwert, die Kettenhandschuhe, die schwarze Leere unter seiner Kapuze, wo ein Gesicht sein sollte…

„Wer bist du?”

“Wir ssssind diejenigen, die gekommen ssssind, dich zu holen“, zischte die vermummte Kreatur – und jetzt konnte sie mehr Schatten erkennen, die sich in der tieferen Dunkelheit weiter unten am Bühl bewegten: drei, vier, fünf geisterhafte Umrisse lichtloser Leere, die sich geräuschlos in der Nacht bewegten.

Da machte die Kreatur einen weiteren Schritt nach vorne, bis sie ihre gesamte Türöffnung ausfüllte. Das Schwert war sehr nah an ihrer Brust.

Und du wirssst mit unsss kommen.“

Ach herrje.

 

***

 

Trotzdem er auf dem Weg zurück zu seinem Herrn war, nachdem er endlich den lang verlorenen Meisterring gefunden hatte, fühlte sich der Hexenkönig alles andere als im Siegestaumel. Tatsächlich begann er sogar in seinem nebligen, einfachen und vom Ring beherrschten Geist, sich selbst leid zu tun.

Er hatte so viele Jahre nach dem Ring gesucht, dass er niemals viel darüber nachgedacht hatte, was passieren würde, wenn sie ihn endlich fanden und ihn zu seinem Meister zurückbrachten. Nun schien es jedoch, als würde die Aufgabe nach der Aufgabe noch schwieriger und unerfreulich werden als alles, was zuvor geschehen war.

Die Hobbitfrau war schlimmer als jeder Feind, dem der Hexenkönig jemals auf dem Schlachtfeld gegenüber getreten war. Dies hauptsächlich deshalb, weil es ihm entgegen seiner üblichen Manier, mit einem Plagegeist zu verfahren, nicht gestattet war, sie totzuschlagen und ihm stattdessen befohlen worden war, die Ringträgerin zurück zu seinem Meister zu bringen, auf dass der Dunkle Herrscher sie selbst töten konnte.

Dem Hexenkönig war Einschüchterung nicht fremd, aber obwohl die Hobbitfrau gebührend verängstigt gewirkt hatte, als er sie auf sein Pferd gepackt hatte, war die gesegnete Ruhe nicht von langer Dauer. Ganz im Gegenteil, bald schon begann die Hobbitfrau – die sich als Lobelia Sackheim-Beutlin vorgestellt hatte, nicht, dass er gefragt hatte – sich zu beschweren. Und du liebe Güte, wie viel es gab, über das sie sich beschweren konnte. 

Zu Beginn kreischte und schrie sie, sie wolle nach Hause und müsse das Frühstück für ihren Mann und Sohn vorbereiten, aber als der Hexenkönig ihr zu verstehen gab, dass es zumindest vorerst keine Rückkehr nach Hause geben würde, ließ sie ihre Panik so rasch fallen wie ein Hund einen unappetitlichen Knochen, und fuhr stattdessen fort, sich über andere Dinge zu beschweren.

Sie beschwerte sich darüber, unbequem in seinem Sattel zu sitzen, und sie beschwerte sich darüber, dass sie beinahe vom Pferd fiel, solange sie hinter ihm saß. Als sie die Plätze tauschten, beschwerte sie sich darüber, wie kalt sein Arm war, während er sie festhielt, um zu verhindern, dass sie wie ein Sack Kartoffeln herunterfiel – und überhaupt, sei das überhaupt keine Art für einen ehrbaren Hobbit (oder Geisterkönig oder was auch immer), eine anständige Hobbitfrau zu berühren.

Sie beschwerte sich am Tage, dass die Sonne ihre Augen blendete, und des Nachts über die kalten Winde. Sie beschwerte sich, wenn sie galoppierten, weil sie im Sattel umhergeworfen wurde, und sie beschwerte sich, wenn der Hexenkönig sein Pferd zu einem Trab verlangsamte, schließlich sei sie eine schwer beschäftigte Frau und habe nicht alle Zeit der Welt, und überhaupt kämen sie bei dieser Geschwindigkeit nicht vorwärts.

Wäre die Entscheidung über die Angelegenheit dem Hexenkönig oblegen, hätte ihr er unmittelbar, nachdem er sie erblickt hatte, als allererstes den Kopf abgeschnitten, aber unglücklicherweise war es ihm aus verschiedenerlei Gründen nicht möglich, dies zu tun. Erstens vermochte kein Nazgûl den Meisterring zu tragen, und der Dunkle Herrscher hatte sich den Mord an der Ringträgerin selbst vorbehalten – ganz zu schweigen davon, dass es vermutlich zu einem weiteren Wutfanfall Lobelias geführt hätte, denn ein achtbarer Hobbit (oder Geist) schlug einer armen, alten Hobbitfrau schließlich nicht einfach den Kopf ab.

Wäre es im Bereich des Möglichen gewesen, wäre der Hexenkönig scharf und ohne Pause nach Mordor geritten, nur, um sie ein paar Tage eher loszuwerden, doch leider waren weder sein Pferd noch Lobelia fähig, hunderte Meilen ohne Essen oder Rast zu queren.

Er hatte aber natürlich seine Befehlsmacht als Hexenkönig benutzt, um die Hobbitfrau zeitweise bei den anderen Ringgeistern abzuladen, und er nutzte die wohltuend stillen Stunden ihrer Abwesenheit, um seine Geduld und Nerven wieder zu erlangen. Gleichwohl erschienen ihm diese friedvollen Zeitspannen stets zu kurz. Er hegte zudem den Verdacht, dass die anderen Nazgûl ihren Teil der Abmachung, sie ein jeder einen halben Tag zu behalten, nicht einhielten. Stets kam sie zu schnell zurück und stach mit ihrem grässlichen rosa Regenschirm, auf den mitzubringen sie bestanden hatte, nach seinem Knie und verlangte, dass sie „weiterreiten, wohin auch immer ihr mich bringt, damit wir all das hinter uns bringen können und ich wieder ein ehrbarer Hobbit sein kann!“

Selbstredend war sie auch nicht glücklich, als sie in Mordor ankamen.

Sie sah mit entsetzter Miene zu, wie sich die Tore zum Dunklen Land langsam vor ihnen öffneten, und der Hexenkönig begann schon zu hoffen, dass die schiere Größe der Tore ihr die Sprache verschlagen hatte, aber ihm wurde bald klar, dass ihm dieses Glück nicht beschieden war.

Sobald sie auf der großen Oststraße waren, die die Ebene von Gorgoroth überquerte, erholte sich Lobelia rasch. „Was für ein grässliches Land!“, rief sie. „Habt ihr keine Gärtner hier? Sogar die talentlosen Gamdschies haben einen grüneren Vorgarten als ihr! Kümmert ihr euch gar nicht, was eure Nachbarn sagen werden, wenn sie nachsehen kommen und merken, dass ihr nicht einmal ein paar Rüben- und Kürbisbeete habt? Und ich kann auch keine Weiden und Zäune sehen! Wo sind eure Hobbithöhlen? Wo lebt ihr?“

Der Hexenkönig zählte in seinem Kopf langsam von zehn nach unten, dann hob er den linken Arm und deutete auf den großen Turm von Barad-Dûr, der sich wie ein finsterer, warnend erhobener Finger drohend am nordöstlichen Horizont erhob.

„Dort issst es, wo der Dunkle Herrsssscher weilt.“

Lobelia folgte seinem Fingerzeig und furchte die Stirn. „Das? Was soll das sein? Ein Turm? Wie kommt es, dass euer Herr einen Turm braucht?“, fragte sie. „Sogar der Bürgermeister von Michelbinge gibt sich mit einer Hobbithöhle zufrieden, so verschwenderisch und protzig sie auch sein mag. Wer braucht oder will schon einen Turm! Nun, das ist einfach nur ein Zeichen furchtbar schlechten Geschmacks! – Und was ist mit den ganzen Treppen? Wie haltet ihr so einen Turm denn überhaupt sauber?“

Der Hexenkönig starrte einfach nur gerade aus. Nicht mehr lange, sagte er sich selbst.

Die anderen acht Nazgûl hielten sich verdächtig weit zurück, und nur ein Narr hätte geglaubt, dass es nichts mit dem Versuch zu tun hatte, außer Hörweite von Lobelias Tiraden zu gelangen.

 

*

Lobelia schäumte, als die Schwarzen Reiter endlich vor dem Turm anhielten. Sie waren über eine Zugbrücke und einen Lavagraben geritten, und wenn das nicht ausgereicht hätte, um sie davon zu überzeugen, dass dieser Turm einen Halunken schlimmster Art beherbergte, hätten die grausig hässlichen Wachen und die Zacken überall auf dem Turm die Entscheidung gebracht.

Sie verweigerte jedwede Hilfe beim Absteigen und rutschte vorsichtig aus dem Sattel des riesigen Pferdes, um sodann fortzuhumpeln, wund und steif von dem holprigen Ritt und sich schwer auf ihren rosa Regenschirm stützend.

„Nun aber“, befahl sie, indem sie sich zu den neun Reitern umwandte. „Bringt mich zu eurem Herrn des Turmes oder wie auch immer es ihm gefällt, sich zu nennen! Ich werde ihm meine Meinung sagen, was ich davon halte, ohne den geringsten Grund hilflose alte Frauen fort von ihren Heimen und ihrem Arbeitsplatz zu entführen!“

Keiner der Reiter antwortete ihr – was ihr übliches Verhalten bei jeder Beschwerde gewesen war, auf die sie sie aufmerksam gemacht hatte. Stattdessen fegten sie an ihr vorbei und einer von ihnen gab den Wachen einen schrecklichen gezischten Befehl, und die Tore des Turmes öffneten sich, um sie einzulassen.

Ein Blick auf das Innere des Turms war genug, um Lobelias Verdacht zu bestätigen, dass sie es hier mit der schlimmsten Sorte von Leuten zu tun hatte. Es gab keine Dekorationen, keine Teppichvorleger, keine Schirmständer und nicht einmal ein paar Haken, an denen man seinen Mantel aufhängen konnte. Niemand kam und erbot sich, ihr den Schirm abzunehmen, und niemand bot ihr Tee an. Es war nur eine leere, runde Halle aus schwarzem Eisen mit einer gewendelten, schwarzen Treppe, die sich in Spiralen nach oben schraubte. Der einzige Lichtschein stammte von rußenden Fackeln. Es war schrecklich.

Lobelia schnaubte und schüttelte den Kopf.

Im Auenland wäre es als eine Schande erachtet worden, sogar seinen schlimmsten Feind in seinem Heim wie diesem willkommen zu heißen, aber was sollte man dazu sagen? Das Große Volk im Allgemeinen und diese Schurken im Besonderen schienen keine nennenswerten Manieren zu besitzen. Lobelia hätte sehr gerne eine Unterredung mit ihren Müttern geführt, wo auch immer diese waren, und ihnen einen Vortrag gehalten, wie man seine Kinder mit Achtsamkeit auf ordentliches Betragen und Anstand erzog.

„Wird mich euer Herr nicht begrüßen?“, fragte sie. „Oder muss ich selbst zu ihm gehen?“

„Er issst in den oberen Gemächern“, zischte einer der Reiter. „Komm.”

Bei seiner Stimme lief es Lobelia immer noch kalt den Rücken herunter, aber sie erkannte einen Hund, der nur bellte und nicht biss, wenn sie einen vor sich hatte. Daher reckte sie ihre Nase empor und deutete mit ihrem Schirm auf die Treppe, wohl erratend, dass sie dort hinauf gehen würden. „Dann bringt mich dort hin“, befahl sie wichtigtuerisch.

 

*

Der Aufstieg nahm den größten Teil des Tages in Anspruch und nachdem Lobelia dreihundert Stufen gezählt hatte, setzte sie sich hin. „Unfassbar!”, kreischte sie, als sie die Reiter weiterscheuchen wollten. „Dass eine Frau in meinem Alter so hoch steigen muss, nachdem sie entführt und auf ein Pferd gezwungen wurde, um sich auf ein Abenteuer zu begeben, um das ich niemals gebeten habe! Ein Abenteuer! Du liebe Güte, was wird mein Otho sagen?“ Sie erging sich eine Weile auf diese Weise, aber sie fühlte sich dadurch keineswegs besser. Ihre Füße taten immer noch weh und langsam wurde ihr kalt, weil sie so lange auf dem eisernen Boden gesessen hatte.

Zuletzt kam sie mit Mühe wieder auf die Beine und erklomm weitere dreihundert Stufen, bevor es ihr zu viel wurde und sie den Reitern in sehr klaren Worten darlegte, dass sie heute keine einzige Stufe mehr hochsteigen würde, und wenn sie wollten, dass sie weiterging, würden sie sie einfach tragen müssen.

Auf diese Weise erreichten die neun Reiter etwa eine Stunde später die Spitze des Turmes und kamen vor einer Doppelflügeltür mit unheilvollen roten und schwarzen Zeichnungen zum Stehen. Der Reiter, der sie anzuführen schien, trat vor, während derjenige, der Lobelia auf dem Rücken getragen hatte, sie von sich herunterpflückte und sie mit einer ausgeprägten Aura von Verlegenheit und verletzten Stolzes absetzte.

Das Klopfen hallte durch den Kern des Turmes selbst, aber dies war nichts verglichen mit der Stimme, die auf das Klopfen antwortete: Sie schien aus den tiefen Eingeweiden der Erde zu kommen, sie schien die Luft selbst in der Mitte zu zerreißen, und sie reichte beinah aus, um Lobelia umzuwerfen, wo sie stand, auch wenn sie nur zwei Worte sprach:

TRETET EIN.

Und ohne erkennbare Hilfe schwang die Doppeltür auf und gab den Blick auf den Raum dahinter frei.

In Anbetracht des Umfangs, den der Turm auf dieser Höhe noch hatte, war der Raum nicht sehr groß, aber die Decke war sehr hoch und seine leere Dunkelheit verlieh dem Raum die eigenartige Atmosphäre einer Gruft, die sich mehr als tausend Fuß über dem Erdboden befand.

Lobelia verzog den Mund vor Missfallen, als sie ihren Blick schweifen ließ. In der Mitte des Raumes befand sich eine Art Tisch, auf dem ein seltsamer Stein lag, so rund und dunkel wie eine Murmel, aber um ein Vielfaches größer. Eigenartiges Licht und Feuer leuchtete blitzend in seinen Tiefen auf. Dahinter, am anderen Ende des Zimmers, stand ein dunkler Thron, auf dem eine schattenhafte Kreatur saß, und obgleich Lobelia ihr Gesicht nicht sehen konnte, so konnte sie doch fühlen, dass ihr Blick auf ihr ruhte.

Sie fühlte sich erschüttert und ängstlich, aber sie wusste, dass sie keine Furcht zeigen durfte – schließlich hatte sie nichts Falsches getan, es waren diese Halunken, die sie gegen ihren Willen hierher an diesen entsetzlichen Ort gebracht hatten. Daher spannte Lobelia ihre Schultern an, umfasste ihren Schirm etwas fester, und noch bevor der Anführer der Reiter vortreten konnte, schnitt sie ihm das Wort ab, indem sie ins Zimmer marschierte und ein Selbstvertrauen vorgab, das sie nicht wirklich besaß.

Lobelia hatte es sich stets trefflich darauf verstanden, sich von rechtschaffenem Zorn durch unangenehme Situation tragen zu lassen. Daher, obwohl sie durchaus verängstigt und müde war, zitterte ihre Stimme kaum, als sie sagte: „Guten Tag – obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich jemandem ernsthaft einen guten Tag wünsche, der meine Entführung aus Hobbingen befohlen hat! Mein Name ist Lobelia Sackheim-Beutlin und ich will wissen, was zum Donnerwetter hier vor sich geht!“ Sie hielt ein paar Schrittlängen vor der Schattenkreatur auf dem Thron an. „Und wer seid Ihr?“, verlangte sie.

Der Schatten auf dem Thron bewegte sich unmerklich, und als er zum nächsten Mal sprach, war seine Stimme nicht ganz so laut, wie sie zuvor gewesen war.

„Das ist der Ringträger?”

Lobelia warf mit gerunzelter Stirn einen Blick über die Schulter zurück. Die neun Reiter scharrten nicht mit den Füßen, aber sie fühlten sich eindeutig unwohl, so viel war klar.

„Wir sssind der Wegbessschreibung gefolgt, die wir erhalten hatten, mein Herr“, sagte einer von ihnen. „Ssssie hatte den Ring.“

Der Schatten auf dem Thron und die neun Reiter teilten einen Blick über ihren Kopf hinweg. Lobelia fühlte sich außen vor gelassen und – was sogar noch schlimmer war – sie fühlte sich übergangen und für dumm verkauft. Einmal mehr schien es ihr zuzufallen, einzuschreiten, um das Gespräch zurück auf wichtige Angelegenheiten zu bringen.

„Ich muss doch sehr bitten!“, rief sie. „Ich glaube, ich habe Euch eine Frage gestellt!“ Und um ihrer Forderung etwas Nachdruck zu verleihen, machte sie zwei Schritte nach vorne und stach den Schatten mit der Spitze ihres Schirms ins Knie.

Dies war nicht so wirksam, wie sie sich erhofft hatte, denn der Schirm glitt glatt durch sein Bein, ohne auf Widerstand zu treffen. Nichtsdestotrotz blickte der Schatten nach unten, erst auf ihren Schirm, dann auf die Hand, die ihn hielt; zuletzt fühlte Lobelia, wie sich sein Blick mit der Hitze eines Waldbrandes und dem Gewicht eines Mühlsteins auf sie herabsenkte. Lobelia machte einen Schritt zurück, aber sie hielt ihren Rücken gerade und ihren Mund zu einem schmalen Strich zusammen gepresst.

„Mein Name?“, fragte der Schatten und da sah sie zwei lodernde Feuerpunkte, wo seine Augen sein mussten. „Mein Name ist zu großartig, als dass Ungeziefer wie du jemals fähig sein sollte, ihn auszusprechen. Mich hier zu erblicken ist mehr als eine jämmerliche Sterbliche wie du verdient, und du solltest vor mir auf die Knie fallen, zitternd vor Angst und Bewunderung, denn dies ist das Letzte und Glorreichste, was du in deinem Leben noch erblicken wirst.“

„Wenn überhaupt werde ich in die Knie gehen, weil ich den ganzen Tag über eure grausigen Treppen hochsteigen musste“, lenkte Lobelia ab. „Hat niemand daran gedacht, einen Flaschenzug zu installieren? Wir haben sie überall im Auenland! Und was sollen all diese Drohungen? Habt Ihr denn gar keine Manieren?“

Der Schatten war sehr still und es begann Lobelia zu dämmern, dass es möglicherweise von Anfang an keine gute Idee gewesen war, hereinzuplatzen und den Meister dieses schrecklichen Turms zu rügen. Als ein Hobbit war sie etwa so vertraut mit bösen Herrschern und Todesdrohungen wie ein Milchbauer mit Kriegsführung, aber gerade in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie womöglich in echter Gefahr schwebte, denn wer auch immer diese Fremden waren, sie waren keine Hobbits, und der Himmel allein wusste, was sie planten, ihr anzutun.

„Ich behalte mir Manieren für diejenigen vor, die hierher kommen und nichts gestohlen haben, was mir gehört“, sagte der Schatten.

„Ich habe nie etwas gestohlen!“, rief Lobelia, und all ihre Vorsätze, bedacht zu bleiben, verschwanden. Vorsicht war recht und gut, aber des Diebstahls beschuldigt zu werden war nichts, was sie einfach so auf sich sitzen lassen würde (sogar wenn es, genau genommen, zutraf).

„Du hast meinen Ring“, sagte der Schatten.

Lobelia verengte die Augen. „Welchen Ring?“

„Oh, sollen wir ein Rätselspiel daraus machen? Es scheint bei diesem Artefakt im Besonderen Brauch zu sein“, sprach der Schatten mit falscher, gefährlicher Belustigung. „Wie wäre es mit dem Ring, den du in deiner Tasche trägst?“

Lobelia fasste unwillkürlich in die Tasche ihrer Schürze und schloss ihre Faust um den Ring.

„Gib ihn mir.“

„Es ist meiner.” Lobelia ballte ihre Faust fester. Sie spürte, wie sich der Ring in ihre Handfläche drückte. „Ich habe ihn geerbt.”

„Interessant. Aber das macht ihn immer noch nicht zu deinem.“ Der Schatten streckte eine Hand aus. „Ich werde nicht erneut bitten.”

Lobelia wandte sich ab. „Nein, nein, nein! Ich werde ihn Euch nicht geben, hört Ihr? Ihr könnt mich nicht einfach hierher schleppen und mir etwas rauben, was ich rechtmäßig ererbt habe – nach Auenlandgesetz! Der Ring gehört mir und ich werde es keinem Schattenhalunken in einem schrecklichen Turm geben, nur weil er es mir befiehlt!“

Das war die falsche Bemerkung. Der Schatten erhob sich plötzlich – oder stieg auf, oder wuchs, sie konnte es nicht genau erkennen – und sie erkannte, dass er nicht zweimal, nicht dreimal, sondern viermal so groß war wie sie und plötzlich kam sie sich vor wie eine kleine Ameise, die drauf und dran war, von Odo Stolzfußens Ferse zertreten zu werden.

GIB MIR DEN RING.

Lobelia schrie auf vor Überraschung, als sich ihre Hand ohne ihr Zutun bewegte. Es war, als hätte ein mächtigerer Wille ihren eigenen umschlossen und erstickte ihn, denn mit einem Male ersehnte sie nichts mehr, als der Stimme zu gehorchen und den Ring seinem rechtmäßigen Herrn zurückzugeben…

Ihre Faust wurde aus der Tasche gezogen und mit zitternder Hand streckte sie den Arm aus, ihre Finger noch fest um den Ring geballt.

Der Schatten griff nach ihrer Hand und hielt sie unterhalb ihrer zitternden Faust fest, und sie fühlte es in ihrem Kopf, als wäre es ihre eigene Idee, ihre Faust Finger um Finger zu öffnen, und der Ring erzitterte und fiel, und er fiel in die Hand des Schattens –

– und geradewegs durch seine Hand hindurch und plumpste mit einem dumpfen Plonk auf den Boden.

Lobelia, die Schwarzen Reiter und der Herr des Turms starrten alle auf den Ring, der glänzend und unschuldig auf dem dunklen Steinboden lag.

„Das – das hätte nicht passieren sollen“, sagte der Schatten.

Er beugte sich nach unten und versuchte, den Ring aufzuheben, doch seine nebligen Finger glitten geradewegs durch ihn hindurch.

„Ich kann ihn nicht aufheben“, sagte der Schatten, und mehr als alles andere erschien er vollkommen verblüfft.

„Je nun, das habe ich mir gedacht“, sprach Lobelia in die Stille und verschränkte ihre Arme. „Ich meine, welchen Nutzen hätte ein Ring überhaupt für einen Geist? Ihr könnt ihn ja nicht einmal anstecken!“



*

Einige Zeit später, nachdem Lobelia mehr oder minder unter Zwang aus Saurons Gemächern in der Turmspitze entfernt worden war, standen die Nazgûl und der Dunkle Herrscher in unterschiedlichen Abstufungen von Ratlosigkeit um den Palantír in der Mitte des Raumes herum und überlegten, wie sie ab hier weiter verfahren sollten.

Die Ringgeister bewegten sich unbehaglich, wohingegen Sauron seit bald einer Stunde aus den schmalen Fenstern gestarrt hatte. Als er sich endlich umwandte, rollten Hitze und Dunkelheit wie Wellen von seiner Gestalt. In Anbetracht dessen, wie geschwächt sein derzeitiger Zustand war, konnte man sich nur ausmalen, wie unangenehm es wäre, auf der Höhe seiner Macht in einem Raum mit ihm eingeschlossen zu sein. Nicht, dass sich die Nazgûl das vorstellen wollten. Ohnehin waren ihre Gedanken zu fest an den Ring gekettet, um solche Gedankenfluchten zu gestatten.

„Dies“, Sauron wies auf den Einen Ring, der nach wie vor dort auf dem Boden lag, wo Lobelia ihn fallen gelassen hatte, „sind Widrigkeiten, die ich nicht vorhergesehen habe.“

Die Nazgûl starrten gleichsam auf den Ring, als ob sie die Lösung zu ihren gegenwärtigen Misslichkeiten auf seiner Oberfläche eingraviert vorfinden könnten, wenn sie nur angestrengt genug hinsahen.

Es war, offen gesprochen, geradezu lächerlich, dass ihnen ihr wohlverdienter Triumph vorbehalten werden sollte, sogar nachdem sie den Ring wiedererlangt hatten. Dennoch, sie konnten sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie es wenigstens in Erwägung hätten ziehen sollen, dass das Tragen eines Rings Schwierigkeiten für jemanden darstellen würde, dem es schon an einem Körper fehlte. Aufrichtig gesagt kamen sie sich irgendwie dumm vor, dass sie nicht von vornherein an diese Möglichkeit gedacht hatten. Aus irgendeinem Grunde hatten sie angenommen, dass sich alles schon richten würde, sobald sie nur den Ring zurückgewonnen hätten.

„Nun denn“, sprach Sauron und sah einen Nazgûl nach dem anderen an. „Ich müsste es eigentlich besser wissen, als zu fragen, da ihr lediglich Erweiterungen meines eigenen Willens seid – aber hat irgendjemand eine Idee, was wir dagegen tun sollen?“

Die Nazgûl sannen darüber nach. Nach einer so langen Zeit ohne nennenswerten freien Willen, stellte es mit einem Mal eine beachtliche Hürde dar, nach seiner Meinung gefragt zu werden.

„Wir könnten mit dem Weißßßen Zauberer sprechen“, schlug einer vor. „Er isssst weisssse.

Sauron scheute sichtbar zurück. Die Schatten zogen sich enger um ihn zusammen, auf eine Weise, die sehr aufgewühlt wirkte. „Nein, wir werden sicher nicht den Zauberer fragen. Er ist einer der Istari, und er ist noch nicht auf unserer Seite“, grollte er. „Außerdem ist es nicht gerade eine Auszeichnung, 'der Weise' in einer Gruppe genannt zu werden, in der es eine intellektuelle Errungenschaft darstellt, wenn man weiß, welches Ende des Stabs die Feuerbälle verschießt.“

Die Nazgûl sannen noch ein wenig mehr nach.

„Wir könnten ssssie töten”, sagte einer, „und ein Problem nach dem anderen lössssen.“

„Wir können sssie nicht töten“, zischte ein anderer. „Sssssie isssst die einzige, die den Ring aufheben kann.“

Sauron merkte auf. „Das ist richtig.“ Seine nebelhaften klauenartigen Finger öffneten und schlossen sich um leere Luft. Er tigerte die Länge des Raumes auf und ab, dann hielt er vor seinen befehlshabenden Geistern an. „Wir können sie nicht töten. Auch können wir den Ring gegenwärtig nicht benutzen.“ Ein erneutes Zischen, wie ein zorniger Atemstoß. „Daher ist die einzige Möglichkeit, die uns bleibt…“

Schatten können per Definition keine Grimasse schneiden. Daher muss es genügen, lieber Leser, wenn ich dir sage, dass Sauron, hätte er irgendetwas besessen, das einem Gesicht ähnelte, eine Grimasse gezogen hätte, die üblicherweise kleinen Kindern vorbehalten ist, wenn man ihnen sagt, dass sie Spinat zum Mittagessen bekommen.

 

*

Lobelia hatte so lange mit dem Fuß auf den Boden geklopft, dass er schon zu schmerzen begonnen hatte, als es ihr endlich, endlich gestattet wurde, in das Zimmer zurückzukehren, nachdem die Geister und der Schatten ohne Manieren zu guter Letzt fertig waren – was auch immer das für ein Gespräch gewesen war, das sie in höchster Geheimhaltung hatten führen müssen.

Einmal mehr wurde sie vor den dunklen Thron geführt und als sie anhielt, stemmte sie die Hände in ihre Hüften. „Also?“, bellte sie und hob die Augenbrauen. „Seid ihr zu einem Entschluss gekommen, betreffend was auch immer für ein Problem ihr habt?“

„Ja“, antwortete der Schatten.

„Gut, gut“, sagte Lobelia. „Denn nun, da dies erledigt ist, hätte ich gerne meinen Ring zurück und möchte nach Hause. Ich bin müde und hungrig, und wenn ich mich recht erinnere, hat mein armer Otho schon seit mehr als fünf Tagen kein Mittagessen mehr gehabt. Der Mann kann nicht einmal eine Suppe kochen, ohne sie zu verbrennen, er muss inzwischen dem Hungertod nah sein. Außerdem würde ich nach all dieser Abenteurerei gerne wieder in einem Bett schlafen, daher –“ 

„Du wirst nicht nach Hause gehen“ , sagte der Schatten.

„Was?“, schnappte Lobelia.

Der Schatten gab ein Geräusch von sich, das entweder ein Knurren oder ein Seufzer gewesen sein möchte, und hob eine dunkle Hand, um seine Stirn zu reiben. „Glaube mir, wenn ich dir sagte, dass ich hierüber ebenso unerfreut bin wie du. Es würde mir nicht im Traum einfallen, dich länger als unbedingt nötig hierzubehalten.“

„Oh, wahrhaftig? Warum kann ich dann nicht nach Hause gehen?“, verlangte sie zu wissen.

„Da ich, wie du gesehen hast, trotz meiner ungeheuren Stärke und grenzenlosen Macht – aus Gründen, die mit meiner Stärke und Macht nichts zu tun haben – noch nicht über die Kraft verfüge, meinen Ring wieder aufzuheben.“ Der Schatten hob die Hand und deutete mit einem Klauenfinger auf sie. „Und daher wirst du der Ringträger bleiben, bis ich ihn wieder benutzen kann, und ich werde meinen Willen durch dich und mit dir ausüben. Du solltest dich glücklich schätzen. Nicht viele Sterbliche erhalten jemals Gelegenheit, das unmittelbare Werkzeug zu werden, durch welches mein Wille der Welt aufgezwungen wird.“

„Ich bin damit nicht einverstanden“, sagte Lobelia.

„Hörte ich mich so an, als hätte ich um Erlaubnis gebeten?“

„Nein, aber das ist ganz offenkundig, weil Eure arme Mutter, wo auch immer sie war, als Ihr klein wart, es versäumt hat, Euch mit einer harten Hand oder eine Rute eins auf Euer Hinterteil zu geben, wann immer Ihr –“

„Schweig.“

Lobelia öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch der Schatten redete einfach über sie hinweg.

„Nur für den Fall, dass du es noch nicht begriffen hast: Deine Meinung zu dem Thema, obgleich du zweifelsohne den Drang verspüren wirst, sie auszudrücken, ist weder erwünscht noch wird sie auf irgendeine Art Beachtung finden.“

„Das ist lächerlich!”, kreischte Lobelia. „Nicht nur, dass Ihr mein Erbstück stehlen wollt, Ihr wollt mich noch dazu festhalten als –“, sie erzitterte, denn niemals im Leben hätte sie gedacht, dass ihr dieses Wort jemals über die Lippen käme, „ – Geisel.“

„Ah, sorge dich nicht”, sagte der Schatten und an dieser Stelle wurde sein Tonfall beinahe hämisch. „Dies ist nur eine einstweilige Vorgehensweise. Es wird nicht lange dauern, bevor ich den Ring wieder benutzen kann und du entbehrlich werden wirst.“

„Heißt das, wenn Ihr stark genug seid, um ein gestohlenes Schmuckstück aufzulesen, werde ich wieder nach Hause gehen können?“

Der Schatten bewegte sich leicht, und obwohl Lobelia es besser wusste, als einen Gesichtsausdruck in die wabernden Nebel der Schattenvisage hineinzudeuten, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er lächelte.

„Oh ja. Wenn all dies vorüber ist, kannst du … nach Hause gehen.“

Lobelia ließ es sich durch den Kopf gehen. Sie verschränkte die Arme und erwog, sich einem Wutanfall hinzugeben. Am Ende verwarf sie die Idee. Dieses Lumpenpack schien ärgerlicherweise immun gegen ihre Tiraden und Zornesausbrüche zu sein, und sie würde vermutlich nicht weit kommen, wenn sie sich ihnen widersetzte. Außerdem, Jähzorn hin oder her, sie musste vorsichtig sein, wohl eingedenk dessen, dass einer dieser Schufte bereits ein Schwert auf sie gerichtet hatte!

Lobelia furchte die Stirn und klopfte mit den Fingern auf ihre Oberarme. Sie war ganz und gar unglücklich mit ihrer Lage, und es wäre eine Lüge gewesen, es milder auszudrücken. Aber am Ende war sie doch ein Hobbit, und das bedeutete zuvorderst, dass sie das beste aus gleich welcher Lebenslage machen würde.

Daher drehte sie sich mit einem lang gezogenen Seufzer wieder zu dem Schatten um. „Gut“, sagte sie. „Aber was ich zuvor gesagt habe, gilt immer noch: Ich bin müde und ich habe Hunger. Wenn Ihr also wollt, dass ich hierbleibe, brauche ich ein Zimmer und ein Bett, außerdem ein erstes und ein zweites Abendessen. Es muss schon elf Uhr in der Nacht sein. Ich schätze, ihr habt keine anständige Hobbitküche hier, aber ich denke wohl, dass ihr es fertig bringen werdet, ein wenig Brot und Käse zusammenzukratzen – sowie ein paar Braunkappenpilze und ein wenig Wein. Oder?“

Sie blickte erwartungsvoll zu dem Schatten hoch.

 

*

Die Hobbitfrau hatte soeben den Raum verlassen, als sich der Zorn, den Sauron sich hinter seinen sprichwörtlichen Zähnen verbissen hatte, seit sie zum ersten Mal den Mund aufgemacht hatte, seine Bahn brach.

„AAAAAH, ICH WERDE SIE UMBRINGEN!“

Die Nazgûl tauschten einen verstohlenen Blick, dann schlichen sie sich langsam rückwärts aus dem Zimmer. Sie hatten ihrem Herrn lange genug gedient, um zu wissen, wann es besser war, sich zu verdrücken und ihn ein paar Stunden allein zu lassen, um sein Mütchen zu kühlen. Oder ein paar Tage.

 

*

Eine Stunde später war Lobelia in ein Zimmer auf mittlerer Höhe Barad-Dûrs gebracht worden. Natürlich fand sie sofort etwas an dem kalten, beinahe unbewohnbaren Innenraum auszusetzen – und sie war wenigstens diesmal in ihrem Kummer berechtigt, denn das Zimmer war auf keine Weise mit der Behaglichkeit und Gemütlichkeit einer Hobbithöhle zu vergleichen.

Dennoch trug ihr Bedürfnis, allein zu sein und wieder ins rechte Lot zu kommen, den Sieg über ihren immerwährenden Drang, sich zu beschweren, davon. Sie scheuchte den Ork – oder was auch immer das Ding war, das sie hierher gebracht hatte – mit einer abweisenden Handbewegung fort, aber nicht ohne ihn zuvor noch an das Essen und Trinken zu erinnern, nach dem sie verlangt hatte.

Der Ork, ungehobelter Rohling, der er war, sah nicht so aus, als hätte er jemals von Gerstenbrot und Altem Wingert was ist das? gehört, aber nichtsdestotrotz trappelte er davon und aus dem Zimmer. Einen Augenblick später hörte sie, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde, und Lobelia rief ihm beinahe hinterher, wieder aufzuschließen, aber besann sich dann eines Besseren.

Sie hatte wichtigere Dinge zu tun. Wenn sie hier gemäß einem einigermaßen angemessenen Standard leben wollte, musste sie diese grässliche Scharade eines Schlafzimmers auf Vordermann bringen, bevor sie irgendetwas anderes tat. Daher beschäftigte sie sich damit, die Laken auf das Bettzeug zu ziehen und Kerzen neben einem Möbel aufzustellen, das wohl einen Schrank darstellen sollte , aber aussah als hätte es bis vor zwei Stunden noch als Waffenständer aus massivem Eisen gedient. Zudem benutzte sie die übrigen Bettlaken, um einen behelfsmäßigen Vorhang zu beiden Seiten des schrecklichen schmalen Fensters aufzuhängen.

Jäh da fiel Lobelia auf, dass sie nicht einmal daran gedacht hatte, ein Taschentuch, ein Handtuch, und Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Dennoch wäre sie lieber tot umgefallen, als diese Leute um Kleidung zu bitten. Ihrem Nachttisch nach zu urteilen würde sie nach einem Nachthemd fragen und eine schwarze Eisenrüstung erhalten, oder irgendetwas in der Art. Es gab eine Grenze, wie viel Beleidigung ihr Sinn für sittsames Verhalten und Gastfreundlichkeit an einem Tag auszuhalten vermochte.

Lobelia beklagte das Jammertal ihres Lebens, jedoch nur so lange, wie der Ork brauchte, um mit einem Tablett wiederaufzutauchen, auf dem sich etwas befand, was wohl das Abendessen sein sollte. Sie rümpfte ihre Nase. „Was ist das?“

„Kein‘ Dunst“, sagte der Ork. „Brot?“

„Das ist kein Brot. Das sieht aus wie etwas, was man mit einem Knüppel niederprügeln musste, bevor man es serviert hat. Ist das überhaupt essbar?“, fragte sie und piekte das klumpige Ding auf dem Tablett mit dem Finger, einen Ausdruck des Ekels auf dem Gesicht.

„Es is‘ essbar”, grunzte der Ork. „Ich mein‘, ich ess‘ es jeden Tag.“

„Oh, und du bist sicher ein verlässlicher Richter über guten Geschmack.“ Lobelia schnaubte. „Pah, gib es mir. Und jetzt geh mir aus den Augen. Ich will in Ruhe essen!“

Der Ork warf ihr einen scharfen Blick zu, dann streckte er ihr die Zunge heraus, und schlurfte hinaus.

Was für ein Rüpel, dachte sie bei sich, bevor sie sich auf der jämmerlichen Karikatur eines Bettes niederließ, das in einer Ecke des Zimmers stand. Sie blickte verdrießlich auf ihren Teller hinunter.

Sie war immer noch nicht sicher, dass das Essen – was auch immer es war, was sie ihr gebracht hatten – tatsächlich dafür vorgesehen war, verzehrt zu werden, aber wenigstens sahen das Silbermesser und die Gabel, die gemeinsam mit dem Teller gebracht worden waren, hübsch aus. Lobelia seufzte und begann zu essen.

 

*

Früh am Morgen des Folgetages wurde Lobelia von dem gleichen Ork geweckt, der ihr das Essen gebracht hatte. Er klopfte so lange an ihre Tür, bis sie sie aufriss und er beinahe mit dem gesamten Schwung, mit dem er erneut ausgeholt hatte, vornüber purzelte. (Um der Gerechtigkeit genüge zu tun muss erwähnt werden, dass Lobelia sich ihre liebe Zeit gelassen hatte, an die Tür zu gehen. Andererseits gewann man mit Fairness selten einen Preis, wenn du Lobelia fragen würdest.)

„Was?“, fauchte sie.

„Du hast in den Dunklen Thronsaal hochzukommen. Befehl vom Chef.“

Lobelia verengte die Augen. „Was denkt der sich? Ich habe mich noch nicht einmal salonfähig gemacht! Ich werde ihn dann aufsuchen, wenn es mir passt. Geh und sag ihm das.“

Der Ork starrte sie an.

„Was?“, wiederholte sie. Sie hatte so eine Ahnung, dass sie dieses Wort noch des Öfteren benutzen würde.

„Der Dunkle Herrscher hat gesagt ‚sofort‘“, sagte der Ork.

Lobelia stemmte die Hände in die Hüften. „Tja, ich bin mir sicher, dass euer Herr viel schönes Zeug den ganzen Tag über redet, aber er wird einfach Geduld erlernen müssen, anstelle seine Gäste herumzukommandieren.“

„Du musst kommen. Es war ‘n Befehl.“ Der Ork schien in sich zusammenzuschrumpfen. Er schien völlig ratlos zu sein, was er mit ihr und ihrer standhaften Weigerung zu gehorchen anstellen sollte.

„Ich muss gar nichts“, sagte Lobelia in hartem Tonfall. „Und warum gehst du jetzt nicht einfach und richtest ihm aus, was ich dir gesagt habe?“

Der Ork schrumpfte sogar noch weiter. Er war mit einem Mal kleiner als Lobelia. „Du musst kommen.“ Seine Stimme war gerade mal mehr ein Piepsen.

„Nein. Du kannst mir erst mein Frühstück bringen. Ich werde es mir überlegen, ob ihn später besuche. Auf Wiedersehen.“ Und damit schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu.

Zehn Minuten später klopfte es erneut und als Lobelia sie öffnete, stand draußen einer der schnüffelnden Geister, die sie hierher gebracht hatten.

„Ssssackheim-Beutlin”, zischte er. „Mitkommen. Jetzt.“

Sein Tonfall duldete keine Widerrede.

 

*

„Nun denn”, sagte der Dunkle Herrscher, als er vor ihr auf und ab marschierte – wenn man es überhaupt marschieren nennen konnte, neblig und körperlos, wie er war. „Warum, denkst du, habe ich dich hierher bringen lassen?”

„Mit Sicherheit nicht, um die Aussicht zu genießen“, grummelte Lobelia.

Dies schien den Schatten zu überraschen. „Findest du den Ausblick nicht erfreulich?“ Der Dunkle Herrscher deutete aus dem Fenster und über die riesige, schreckliche rote Ebene hinweg, die sich vor ihnen erstreckte.

Lobelia trat neben ihn. „Was ist daran Erfreuliches zu finden? Wo ist das Grün? Die Blumen? Kürbisfelder, Tüftenäcker? Wo sind die Hügel und die Hobbithöhlen?”

Sie fühlte den Blick des Schattens auf sich ruhen, dann brummelte er etwas, das verdächtig nach „hinterwäldlerische Banausin“ klang. Ein paar Augenblicke herrschte eine komische Stille, dann drehte sich der Dunkle Herrscher wieder zu ihr um. „Wenn wir deinen bedauerlichen Mangel an Wertschätzung für sauberes und ordentliches Militärgelände einmal beiseite lassen, ist das in der Tat nicht, weshalb ich dich hierher bringen habe lassen.“

Lobelia kam es vor, als erwartete er eine weitere Nachfrage ihrerseits, aber sie verspürte soeben nicht gerade viel Willen, dem Schatten entgegenzukommen. Sie blickte zum Schatten hoch und der Schatten blickte zurück. Sie starrten sich so eine Weile an, und der wachsende Unmut des Schattens strahlte in Wellen von ihm ab.

„Setz den Ring auf”, befahl der Schatten.

 

*

Ein Zug Orks lag gerade faul in den unteren Stockwerken des Turmes von Cirith Ungol herum, als plötzlich ein Sturm aus Feuer und Zorn, wie sie ihn noch nie zuvor im Leben gespürt hatten, mitten durch ihre Gedanken hindurchwütete. Ebensowenig hatten es ihre Vorgänger und deren Ahnen erlebt, und man müsste wahrhaftig weit in der Zeit zurückgehen, um ein paar Orks zu finden, die sich daran erinnerten, wie es war, einem Willen unterworfen zu werden, der derart ungetrübt und unnachgiebig war. Der Wille glich wie Verstand und Gewalt, verschmolzen zu einem Feuersturm so heiß wie Lava, heiß genug, um die Hirne in ihren Schädeln zu kochen.

Die Orks sprangen auf und brüllten. Sie zerrten an ihren Ohren, rissen an ihrem spärlichen Haar und kreischten. Es passierte überall in der Festung, vom niedrigsten bis zum höchsten Stockwerk. Es geschah in Ûdun und in den Gräben von Barad-Dûr, es geschah an den Hängen des Morgai und auf den Ebenen von Gorgoroth.

Die Orks schrien. Aber sogar ihre lautesten Schreie konnten die Stimme, die in ihrem Kopf donnerte, nicht übertönen. Ihre Augen traten ihnen vom gewaltigen Druck der Stimme aus den Höhlen hervor und ihr Blut begann beinahe in ihren Adern zu kochen.

Die Stimme sagte nicht viel, nur dieses:

BERUFT EURE STREITKRÄFTE EIN. SAMMELT EURE ARMEEN. BEREITET EUCH AUF DEN KRIEG VOR. ICH BIN ZURÜCKGEKEHRT.

Ein Moment herrlicher Stille folgte und bot ihnen für einen Augenblick Schonung.

Dann sagte eine andere Stimme, viel leiser diesmal:

Müsst Ihr mir so ins Ohr schreien?

Und die Orks blickten einander in großer Verwirrung an.

 

*

Was hierauf folgte, war für die Orks wohl eine der verwirrendsten Zeiten, die sie jemals erlebt hatten. Selbstverständlich fühlten sie zu jeder Zeit Saurons Willen, gleich wie schwach er war, denn sie waren seine Kreaturen. Womit sie nicht vertraut waren, war, dass er neuerdings ständig mit sich selbst zu streiten schien, und sei es über die belanglosesten Angelegenheiten.

Zum Beispiel wurde einem Zug einmal von der Großen Stimme befohlen, ihr Feldlager in den Süden zu verlagern, als auf einmal eine zweite Stimme dazwischenredete: „Aber wieso wollt Ihr das tun? Es war gerade gut so, wo sie waren, und nun seht sie euch an, wie sie den einzigen Flecken guter Erde in diesem verdorbenen Land zertrampeln!“

An anderen Tagen wurde ihnen befohlen, Waffen in den Katakomben und unterirdischen Schmieden vorzubereiten, die sich überall in Mordor fanden. All das nur, damit ihn dann am Nachmittag befohlen wurde, raus unter den freien Himmel zu gehen und damit zu beginnen, einen Flecken Wüstensand zu beharken und zu pflügen.

Obwohl sie Saurons Kreaturen waren, kamen die Orks nicht umhin, die Eigentümlichkeit dessen zu hinterfragen. Aber am Ende waren sie dem Willen des Ringes unterworfen, und sie taten, was derjenige, der den Ring trug, ihnen befahl.

- und das alles nur, um am nächsten Tag einem Wutanfall ausgesetzt zu werden sowie einer Menge an WAS HAST DU IHNEN BEFOHLEN, WÄHREND ICH FORT WAR? und WIE KANNST DU ES WAGEN? , worauf üblicherweise eine Erwiderung dieser Art folgte: Ist das etwa die Art und Weise, wie Ihr mit einer Hobbitfrau redet?

Und so ging es hin und her.

An einem Tag schliffen sie Klingen, anderntags gruben sie Bewässerungsgräben, um die jämmerlichen Rinnsale, die durch Mordor liefen, an die Oberfläche zu bringen und zu ihren gepflügten Erdflecken umzuleiten.

Wieder an einem anderen Tag heizten sie die Hochöfen an und ölten die Kriegsmaschinerie, die in Tunneln und Höhlen unter Mordor verborgen lag, und am nächsten Tag saßen sie im Kreise und woben Strohhüte oder reparierten Gerätschaften für den Ackerbau.

Der Streit hielt an, und er wurde nicht weniger seltsam mit jedem Tag, der verging, was zu vielen verwirrten Orks, verworrenen Befehlen, und einer Menge Kopfschmerzen führte.

Die seltsamen Geschicke machten jedoch nicht an den Grenzen Mordors Halt, ganz im Gegenteil. Die zweite Stimme wurde stetig vorwitziger und mischte sich immer mehr ein. Wann immer Sauron selbst nicht zu seinen Lakaien sprach, nahm die zweite Stimme den Faden auf und befahl ihnen in der Zwischenzeit, die kuriosesten Dinge zu erledigen.

 

***

Weit entfernt von Mordor lehnten sich ein paar Soldaten der Rohirrim an die Wand des Wachhauses im kleinen Dorf Aldburg, als jäh eine Warnglocke erklang und von der Spitze des Wachturmes über die Siedlung schallte.

„Orks! Feinde! Gen Osten, gen Osten! Seht euch vor, der Feind nähert sich!“

Es gab einen großen Aufschrei vor Furcht unter den Frauen und einen Ausruf von Wut unter den Männern und Wachen. All jene, die eine Waffen zu führen vermochten, liefen und ergriffen sich was auch immer am nächsten lag, um damit ihre Siedlung zu verteidigen.

Es gibt eines, was du über Rohan wissen musst: Seit ehedem, da das Böse begonnen hatte, sich in Mordor wieder zu regen, wurden viele Dörfer und Siedlungen in der Ostmark von häufigen Raubzügen der Horden Mordors geplagt. Denn gleich wie mächtig und entsetzlich das Dunkle Land geworden war, so war es dennoch karg und unfruchtbar und konnte seine Bewohner nicht mit genug Essen versorgen.

Zudem waren auch die Pferde, die die Nazgûl benutzten, verdorben, aber sterblich, und daher waren die eindrucksvollen schwarzen Hengste aus den Ställen Rohans schon seit jeher Ziele der Raubzüge gewesen, die die Truppen der Nazgûl veranstalteten.

Daher schrien die Wachen: „Der Feind ist gekommen, uns wieder auszurauben! Zu den Toren, zu den Stallungen! Beschützt die Pferde, lasst nicht zu, dass sie ihnen in die Hände fallen!“

Sowie alle bewaffnet waren, wurden sie in Eile zu den Toren geschickt. Als diese geöffnet wurden, strömten Bauern von ihren Heimstätten außerhalb der Tore herein. Essen und Kinder brachten sie mit sich, während die Wachen und die bewaffneten Männer hinausstürmten, um die Pferde von den Weiden zu holen und hinter Aldburgs Mauern in Sicherheit zu bringen. Getreide und Gemüse konnten sie es sich leisten zu verlieren, denn es war Sommer und die Ernte versprach, reichhaltig zu werden. Doch sie konnten es sich nicht leisten, dass ihre Stallungen geplündert wurden, denn es brauchte Jahre mühsamer Pflege und Ausbildung, um eine Generation noch ungebrochener Fohlen zu prachtvollen Hengsten heranzuziehen.

Immer näher kam die plündernde Horde, während die Weiden rasch geleert und die Pferde hinter die Mauern gebracht wurden. Doch zur Überraschung der Wachen hielten die Orks nicht an, um ihre Feldfrüchte zu zerstören und ihre Häuser auszurauben. Stattdessen wurde die Meute langsamer, als sie die Ausläufer der ersten Gehöfte erreichte, und gab zuletzt ihre Marschordnung auf, um sich stattdessen zu einem Haufen zu drängen und die Köpfe zusammen zu stecken.

Das Oberhaupt der Wache, ein tapferer Speerkämpfer namens Éothan, hob eine Augenbraue. „Na, was im Namen von Eorls hat das zu bedeuten?“

„Haben sie Angst vor uns?“, fragte ein Mann.

„Nein, das denke ich nicht. Siehe, sie nähern sich erneut! Bogenschützen, haltet euch bereit, aber lasst eure Pfeile nicht fliegen, bevor ich es euch nicht befehle!“

Die Männer wichen nicht von der Stelle und hielten den Atem an, als die Orks näherkamen, während sie die eigenartig zögerliche Art und Weise beobachteten, auf die sie sich heranschlichen. Sie steckten weder die Häuser in Brand, noch zertrampelten sie die Ackerfrüchte. Stattdessen kamen sie heran, bis einer der Orks seine Hand zum allgemein gültigen Zeichen für die Bitte um eine Unterhandlung erhob.

Die Wachen teilten einen langen Blick.

Éothan warf seinem Unterbefehlshaber einen Blick zu und dieser schüttelte langsam mit dem Kopf. Er sah auf die Orks hinunter, die etwa dreihundert Fuß entfernt am Fuß des Hügels warteten, gerade außerhalb der Reichweite ihrer Bogenschützen.

„Was habt ihr hier zu suchen, plündernder Abschaum aus Mordor?“, rief Éothan laut. „Wenn ihr Pferde wollt, werdet ihr euch woanders umsehen müssen –“

„Wir woll’n eure verflixten Pferde nicht!“, schrie der Orkhauptmann. „Gebt uns einfach, wofür wir hergekommen sind, und wir werden euch in Frieden lassen!“

„Was wollt ihr dann von uns?“, rief Éothan zurück.

„Gebt uns all eure Kürbisse! Und Kohlköpfe! Und Tüf…ten?”

„Wie bitte?“, fragte Éothan verwirrt.

„Im Namen des Großen Auges befehle ich euch, uns eure Tüften zu geben!“

„Was sind Tüften?“, fragte ein Mann, der neben Éothan stand, und der gab die Frage an den Orkhauptmann weiter.

„Wir ha’m keinen blassen Dunst!“, schrie der Orkhauptmann zurück.

Die Männer teilten einen erneuten Blick.

Éothan winkte seine Mitstreiter bei der Wache nach vorne. „Folgt mir. Bleibt wachsam, aber greift nicht an. Ich vermute, dass dieser Raubzug noch von uns abgewendet werden kann.“

Eine sehr verwirrende Unterhandlung später hatte Éothan erfahren, dass die Orks nicht ausgesandt worden waren, um Erntefrüchte zu zerstören, sondern um sie zu sammeln, obgleich es ein Rätsel blieb, was sie mit diesen anstellen sollten. Ebenso blieb das Wesen der „Tüften“, nach denen sie verlangt hatten, ein Geheimnis.

Die Bauern einigten sich zu guter Letzt auf einen Handel mit den Orks, der wie folgt aussah: Im Austausch für eine Auswahl an Feldfrüchten und Ackerbaugerät würden die Orks von dannen ziehen und Aldburg niemals mehr behelligen. Die Bauern waren ganz und gar nicht glücklich darüber, aber es schien dennoch vorzugswürdig gegenüber niedergebrannten Schuppen und Kornspeichern, und Pferden, die ihnen unter den Beinen weggestohlen wurden, wenn sie gerade nicht hinsahen. Der Orkhauptmann knurrte, dass er nicht in der Lage sei, so ein Versprechen zu geben, aber er werde es seinem Vorgesetzten weitergeben.

„Übrigens, wir nehmen auch was von eurem Gras“, sagte der Ork, während seine Untergebenen sich die schweren Säcke voll Korn und Gemüse auf die Schultern wuchteten.

„Von unserem Gras?“, wiederholte Éothan.

„Ja, ihr habt ja offenkundig mehr als genug davon“, grunzte der Ork.

Éothan öffnete den Mund, um nachzufragen, besann sich dann eines Besseren und zuckte die Schultern. „Tut, was immer ihr wollt, solange ihr unseren Siedlungen fernbleibt.“

„Ich hab dir bereits gesagt, dass wir euer Gras nehmen. Und ich frag‘ nicht um Erlaubnis, nur dass das klar is‘.“

„Vollkommen klar“, sagte Éothan.

Später sahen die Wachen zu, wie die Orks an einem kleinen Flecken Erde mitten im Grasland herum schaufelten und hackten, ein wenig Torf in ihre Säcke luden, und sich schließlich auf den Weg nach Osten gen Mordor machten.

„Was in Eorls Namen war denn das?“, fragte ein Wachmann.

„Ich weiß es nicht, und ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich es wissen will“, antwortete ein anderer. „Ich hoffe nur, dies ist keine neue Teufelei Saurons.“

„Eine Teufelei, für die es Gemüse und Torf braucht?“, fragte Éothan mit hochgezogener Augenbraue. „Nun, das ist etwas, worauf ich nur zu neugierig wäre, es am Werke zu sehen.“

„Verschreit es nicht!“, sagte ein anderer Wachmann finster.

 

***

Eine Woche ging ins Land. Sauron verbrachte diese Tage zurückgezogen in seinen persönlichen Gemächern; hauptsächlich deshalb, weil das Wirken seines Willens durch den Ring und einen grässlich starrköpfigen Hobbit etwas war, was er immer noch nicht mit Leichtigkeit über längere Zeit zu tun vermochte – aber auch, weil er dringend etwas Abstand zwischen sich selbst und Lobelia bringen musste. Sie war nicht nur schrill und laut und unfassbar schwierig zu lenken, sondern verursachte ihm sogar Kopfschmerzen, obwohl er nicht einmal einen Kopf besaß. Das Wissen darum, dass sie seine beste und gegenwärtig einzige Wahl war, um seine Macht wiederzuerlangen, war nichts weniger als eine Tragödie.

Es kostete ihn mehr Nerven und Stärke, seine Streitkräfte durch sie hindurch zu befehligen, als er sich vorgestellt hatte, und zuletzt war ihm klar geworden, dass die einzige Möglichkeit, sie nicht binnen der nächsten Stunden zu einem Aschehäufchen zu verbrennen, darin bestand, sich für ein paar Tage aus ihrer Gegenwart zurückzuziehen.

Ihm war selbstredend bewusst, dass Lobelia versuchen würde, den Ring in der Zwischenzeit für ihre eigenen Zwecke einzusetzen (was auch immer diese waren), aber er vertraute darauf, dass der Ring es zuletzt zum Bösen wenden würde und sie seine Nazgûl in der Zwischenzeit im Zaum halten würden.

Als Sauron daher nach einer Woche freiwilliger Einzelhaft seine Gemächer verließ, traf ihn beinahe der Schlag, als er aus dem Fenster über sein Reich blickte.

Barad-Dûr erzitterte bis in seine Grundfesten, als ein wortloser Schrei seine Mauern durchhallte, und ein paar Meilen weiter im Osten brach Orodruin in Flammen aus.

 

*

Lobelia war gerade dabei, die Arbeit der Orks zu überwachen, indem sie am oberen Rand der Gräben auf und ab marschierte, Befehle schrie und, wenn das nicht reichte, die Orks mithilfe des Ringes herumschubste. Es war geradezu gewaltig, wie viel man am Tag erreichen konnte, wenn jeder um einen herum nur Sklave seines Willens war, dachte sie bei sich.

„Bring sie dort hinüber!“, befahl sie einem Ork, der mit zwei reifen Kürbissen unter den Armen an ihr vorbeistolperte. „Und vergesst nicht, sie reichlich zu gießen, sonst verdorren sie!“

Dann drehte sie sich um und bellte ein paar Befehle an zwei jämmerliche Exemplare orkischer Zimmerer, die einmal mehr versucht hatten und daran gescheitert waren, eine einfache Holzverschalung einer runden Smial -Tür zu bauen.

„Oh nein, nein nein, nicht so! Ich habe doch gesagt, sie ist aus Holz, nicht aus Eisen – überhaupt, warum stehen da überall Eisendornen heraus? Wollt ihr dem ersten, der anklopft, die Faust aufschneiden?“

Sie schüttelte den Kopf. Wie sollte sie irgendetwas voranbringen, wenn sie nur eine Handvoll lausiger Orks unter ihrem Befehl hatte, die nicht das Geringste darüber wussten, wie man Ackerfurchen zog, geschweige denn, wie man einen anständigen Smial baute?

 

*

„Was macht sie denn da?“ fragte Sauron und wünschte sich, er klänge wütender und weniger ungläubig, als er nach unten auf die stetig wachsenden Flicken von Gras und Gemüse blickte, die in sauberen Reihen gepflanzt waren und sich über Kreuz über die Vulkanerde östlich von Barad-Dûr zogen.

„Es sieht so aus, als würde sie den Orks befehlen, Feldarbeit zu erledigen?“, antwortete Saurons Mund, der sich nicht sicher war, wie er mit einer offenkundig rhetorischen Frage umgehen sollte. Sein Meister machte es sich nicht zur Gewohnheit, jene zu gebrauchen; er war eher direkten Befehlen und absoluten Behauptungen zugeneigt.

Saurons Finger öffneten sich und ballten sich dann wieder in rauchige Fäuste an seinen Seiten. „Bringt sie zu mir“, sagte er, seine Stimme so tief und leise, dass Saurons Mund sie wie ein Beben im Mark seiner Gebeine verspürte.

Er spürte die Gefahr, und doch konnte er nicht anders, als vorzutreten. „Mäßigung, mein Herr. Geduld. Ihr seid bereits wieder sehr stark. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Ihr wieder fähig sein werdet, Euch des Ringes selbst zu bedienen. Und dann könnt Ihr sie für jede Kränkung, jedes Bisschen Unverschämtheit, jedes falsche Nutzen eures Ringes bezahlen lassen. Aber noch ist sie der Ringträger, und Ihr könnt sie nicht töten, ohne dass Ihr eure Rückkehr noch länger hinauszögert!“

Das war sachlich betrachtet ein vernünftiger Rat, aber Saurons Mund wusste natürlich, dass sich sein Herr mit Mäßigung und Geduld meistens in etwa so gut vertrug wie Öl mit Wasser. Lobelias grausamer Tod war keine Frage von Ob, sondern von Wann. Die einzige Frage, die offenblieb, war, ob der Dunkle Herrscher seine ohnehin strapazierte Geduld verlieren würde, bevor oder nachdem Lobelia ihr kleines Unterfangen vollendet hatte, die Gegend um Barad-Dûr in etwas zu verwandeln, was nur ein Hobbitdorf sein konnte.

 

***

Rohan war, wie an dieser Stelle vielleicht erwähnt werden sollte, nicht das einzige Reich, das seltsame Veränderungen in seinem unerwünschten Austausch mit Mordor erlebte, denn sogar in diesen Tagen wachsender Dunkelheit stand Mordors Macht nicht unangefochten da.

Über hunderte von Jahren hinweg waren die Truchsesse von Gondor im Besitz eines mächtigen Sehenden Steines gewesen, und in ihrer Rolle als Wächter der Reiche der Menschen hatten diese willensstarken und standhaften Abkömmlinge der Line Númenors – wenngleich sie selbst keine Könige waren – diesen Stein stets benutzt, um so viel als möglich über die Gedanken und Pläne des Feindes zu erfahren. Es war eine gefährliche Aufgabe, sich in das Herz der Gedanken des Feindes vorzugwagen, und es war eine Pflicht, die seit Generationen von einem Truchsess von Gondor an seine Söhne weitergegeben wurde, die sie wiederum an ihre Söhne weitergaben, wenn die Zeit gekommen war.

Auf diese Weise hatte Denethor von seinem Vater Ecthelion gelernt, in Saurons Geist zu spähen, und ebenso wie sein Vater ihn Jahrzehnte zuvor gelehrt hatte, so würde er heute seinen Sohn im gefährlichen Wesen des Palantírs unterweisen.

Mit vierzehn Jahren war Boromir groß für sein Alter, dunkelhaarig und gerissen – und wie alles andere, das gefährlich war und von einem unerfahrenen Jüngling besser in Frieden gelassen wurde, so hatte auch der Sehende Stein just begonnen, seine unwiderstehliche Verlockung auf ihn auszuüben. So fiel es Denethor zu, seinen Sohn nicht von dem Stein fernzuhalten – er wusste aus seiner eigenen Jugendzeit, dass es ein fruchtloses Unterfangen wäre, und eines, das auf lange Sicht sogar noch gefährlicher sein konnte – sondern, ihn zu lehren, was er über den Palantír wusste, und ihn in die Pflichten einwies, die dem Truchsess zufielen, der ihn besaß.

„Er ist eine mächtige Waffe“, erklärte Denethor und seine Schritte hallten von den Marmorsäulen und Böden des Thronsaals von Minas Tirith wider, „aber wie jede andere mächtige Waffe musst du lernen, sie zu schwingen. Versagen ist undenkbar; wenn du dich mit einem so mächtigen Artefakt einlässt, sind die Strafen für übermäßigen Stolz oder mangelnde Fähigkeit schlimme Verwundungen – oder gar der Tod selbst. Eine Waffe dieser Größe und Macht vergibt nicht den kleinsten Fehltritt oder die geringste Unaufmerksamkeit!“

Boromir zuckte zusammen, als Denethor anhielt und herumwirbelte, sodass sie Angesicht zu Angesicht standen. Hastig riss er den Blick von dem Sehenden Stein los, zu dem es ihn hingezogen hatte, seit er den Thronsaal betreten hatte.

„Du bist jung und tollkühn, genauso wie ich es in deinem Alter war“, sagte Denethor. „Aber eines Tages wirst du meinen Platz als der Truchsess von Gondor einnehmen, als Anführer unter dem Menschengeschlechte, und unser Volk wird seine Augen zu dir erheben, wenn es nach Verteidigung, Zuspruch und Wissen verlangt. Daher musst du lernen, wie man den Palantír von Fëanor beherrscht, so wie ich es getan habe und meine Vorväter vor mir. Aber bevor du selbst auf den Geist des Feindes treffen und seinen Gedanken seine üblen Pläne entringen kannst, musst du mit eigenen Augen die Gefahr erblicken, die dich erwartet, wenn du deinen Verstand öffnest, um in den Sehenden Stein zu blicken.“

Er winkte ungeduldig mit der Hand. „Tritt näher, aber halte dich hinter mir. Sobald ich meinen Geist in die Tiefen des Steines aussende, wird der Dunkle Herrscher meiner gewahr werden, und es wird nicht lange dauern, ehe er antwortet!“

Mit einer dramatischen Geste schüttelte Denethor seine weiten Ärmel zurück und griff dann nach dem Sehenden Stein, um ihn auf Armeslänge von sich weg zu halten.

„Siehe!“, rief er, „den Schrecken und die Macht des Palantírs!“

Boromir sah genau hin, und als nichts passierte, versuchte er, den Stein sogar noch konzentrierter anzusehen. Aber als die Augenblicke verstrichen und der Stein immer noch dunkel und stumm blieb und sogar sein Vater die Stirn furchte, stieg in ihm der Verdacht auf, dass die Dinge nicht so verliefen, wie sie verlaufen hätten sollen. Er unternahm einen letzten wackeren Versuch im Stein-Ansehen (der Stein blieb dunkel), dann runzelte er die Stirn. Der Stein funktionierte ganz offensichtlich nicht. Er teilte diese Beobachtung seinem Vater mit.

„Unsinn”, knurrte Denethor. „Ich habe Sauron den Verräter erst vor zwei Monaten bekämpft – wenn überhaupt, ist dies eine weitere List dieser Geißel der Freien Völker!“

„Welche List wäre das denn?“, fragte Boromor mit erhobenen Augenbrauen. „Vater“, fügte er rasch an.

„Ich weiß es nicht“, sagte Denethor. „Dunkel und undurchschaubar sind die verdorbenen Wendungen seiner Gedanken.“

„Oder vielleicht ist der Stein einfach kaputt.“ Einer von Boromirs Lehrern hatte es ihm eingetrichtert, niemals Hexerei die Schuld für technisches Versagen zu geben, wenn eine Situation ebenso gut mit defekter Ausrüstung erklärt werden konnte.

„Unsinn!“, donnerte Denethor. „Trotz seiner wachsenden Macht ist Sauron noch geschwächt – und er war immer schon ein Feigling. Das Blut Númenors fließt durch unsere Adern, und noch immer fürchtet er seine Macht!“ Er wandte seinen scharfen Blick von seinem Sohn ab und richtete ihn auf den Palantír. „Zeige dich, Sauron, Verräter, wenn du dich nicht vor Denethor, Ecthelions Sohn, ein für allemal als Feigling erweisen willst!“

Plötzlich ging die dunkle Obsidiankugel in Denethors Händen in Flammen auf. Sengendes weißes Feuer verschlang sich mit Schwarz und Rot, und Boromir machte hastig zwei Schritte zurück. Sein Vater biss jedoch die Zähne zusammen und erschien erst recht zornentbrannt.

„Glaube nicht, dass du dich hinter deiner Feuerwand verstecken und mich aussperren kannst! Ich werde nicht nachgeben, bis ich nicht durch sie hindurchgebrochen bin! Stell dich mir, mit deinem lidlosen Auge aus Feuer!“, rief Denethor.

Das Feuer im Inneren des Palantírs began zu schäumen und sich zu drehen wie ein Wirbelsturm, es drehte sich zischend, wie ein Rad in immer schnelleren Kreisen, bis sich aus seinen Tiefen ein Abgrund öffnete, der das Feuer eine dunkle Klüfte hinunterschluckte – eine geschlitzte Pupille inmitten von Feuer und Flammen.

BEI ALLEN RINGEN DER MACHT – WAS?, sprach eine Stimme, die so mächtig war, dass sie die Marmorsäulen sogar aus hunderten von Meilen Entfernung erzittern ließ – wohingegen sein Tonfall auf eigenartige Weise dem Boromirs ähnelte, wenn er allein gelassen werden wollte, Faramir aber nicht aufhörte, an seine Zimmertür zu klopfen.

„So offenbarst du dich am Ende doch!“, sagte Denethor, der anscheinend nie etwas von Dingen wie Gesprächsfluss und zusammenhanglosen Antworten gehört hatte.

Die geschlitzte Pupille verengte sich. KANN DAS WARTEN? DU HAST MICH ZU EINEM AUSNEHMEND SCHLECHTEN ZEITPUNKT ERWISCHT. ICH HABE WIRKLICH KEINE –

„Ha! Sieh, Boromir, der Schurke hat sich kaum gezeigt und schon sucht er, den Nachforschungen meines Verstandes zu entfliehen!“, rief Denethor, seine Augen auf den glühenden Sehenden Stein geheftet.

Boromir dachte bei sich, dass sich Sauron eher so anhörte, als hätte er ein angebranntes Schnitzel auf dem Herd, zu dem er dringend zurückkehren wollte, aber in weiser Voraussicht behielt er diese Ansicht für sich. Stattdessen hielt er sich im Hintergrund und beobachtete den Schlagabtausch mit einer Mischung aus Verwunderung und Faszination.

ICH VERSICHERE DIR, DASS MIR WENIGE DINGE GRÖSSERE FREUDE BEREITEN WÜRDEN ALS DICH IN EINEM KAMPF DER WILLENSSTÄRKE VERNICHTEND ZU SCHLAGEN, TRUCHSESS, ABER WIE ICH BEREITS SAGTE, BEI MIR IST ES GERADE GANZ UNGÜNSTIG, WEIL –

Die Furchen auf Denethors Stirn gruben sich tiefer. „Ausreden sind alles, was du liefern kannst! Aber ich durchschaue deine Lügen! Ich befehle dir, Höllenhund von Morgoth, offenbare mir die verschlagenen Machenschaften Mordors!“

Boromir fragte sich heimlich, ob sein Vater wirklich alles, was er sagte, in größter Lautstärke herausschreien musste – schließlich hätte dies ein Wettstreit der Willenskraft sein sollen – oder ob er es bloß tat, um Eindruck zu schinden. Komischerweise schien das Auge im Sehenden Stein das Gleiche zu denken.

SIEH MAL, ICH HABE KEINE ZEIT FÜR DIESEN UNSINN. WIE WÄRE ES, WENN DU MICH SPÄTER ZURÜCKRUFST, WENN ICH NICHT GERADE – SIEBEN HÖLLEN, WEIB, HÖR AUF, IHNEN ZU BEFEHLEN, BEWÄSSERUNGSGRÄBEN FÜR DEN BROKKOLI ZU ZIEHEN! ES IST SCHLIMM GENUG, DASS DU EIN HOBBITDORF RINGS UM BARAD-DÛR HOCHGEZOGEN HAST! DIE EBENE VON GORGOROTH IST EIN HEERESFELD, KEIN GEMÜSEBEET!

Man musste es Denethor lassen, dass er nur eine Augenbraue hochzog. „Was?“, sagte er. Er räusperte sich. „Ich meine – in Zungen zu sprechen wird dir nicht helfen, deine wahren Ziele zu verschleiern! Schon bald werde ich von deinen Plänen erfahren!“

Das Auge schien jedoch nicht auf den Truchsess von Gondor gerichtet zu sein. Es sah so aus, als blickte es woanders hin, und erst nach paar Augenblicken schien es sich zu entsinnen, dass Denethor noch immer auf eine Antwort wartete.

OH MANN, DU BIST JA IMMER NOCH DA. WARTE MAL KURZ, ICH MUSS DAS SCHNELL KLÄREN.

Das Auge wandte sich von ihnen ab und eine diffuse Mischung von Feuer und Schatten waberte durch den Palantír, auch wenn sie die donnernde Stimme immer noch hören konnten, die jetzt leicht gedämpft war, da das Auge sich nicht auf sie konzentrierte und sich vom zweiten Sehenden Stein entfernt hatte.

- ist mir egal, ob dir das Essen hier nicht schmeckt! Das ist kein Grund, alles über den Haufen zu werfen, was ich tausend Jahre lang sorgfältig geplant habe – hör sofort auf, den Ring zu benutzen – nein, das ist ein Befehl! Überhaupt, wieso in Morgoths Namen steht der Hexenkönig mitten im Kürbisbeet und wedelt wie ein Schwachkopf mit den Armen herum? Sag ihm er soll damit aufhören und auf der Stelle da raus gehen, er macht sich verflucht nochmal zum Narren! Was sollen denn die Soldaten denken? – Die haben ihn gebeten, das zu machen? Wieso – was meinst du damit, hier leben jetzt Vögel und sie fressen die Ernte – entferne meine Generäle aus deinen lächerlichen Hobbitfeldern, und zwar auf der Stelle!

„Ähm“, sagte Boromir und verstummte dann, denn es gab auf gar keinen Fall irgendeine passende Antwort für irgendwas, was er gerade gehört hatte.

Denethor reagierte nicht, sondern starrte einfach den Palantír an, als versuchte er herauszufinden, ob sich das Universum verschworen hatte, ihn hereinzulegen, sodass er sich auf eine sehr ausgefuchste Art mit einem gefälschten Sehenden Stein selbst einen Streich spielte.

Ganz plötzlich kehrte das Auge zurück und Vater und Sohn schreckten aus ihrer Ungläubigkeit hoch.

„Sauron!“, rief Denethor. „Ich verlange, dass du –“

HALT ZUR HÖLLE NOCHMAL DIE KLAPPE, unterbrach ihn das Auge. ICH HABE JETZT WIRKLICH KEINE ZEIT FÜR DEINE TIRADEN. WIR BEENDEN DIESES GESPRÄCH AN EINEM ANDEREN TAG; DIE MENGE AN BLÖDSINN, DIE ICH AN EINEM TAG ERTRAGEN KANN, HAT IHRE GRENZE ÜBERSCHRITTEN.

Und ohne viel Federlesens wurde der Palantír wieder dunkel und trüb.

Stille lastete schwer auf dem Thronsaal von Minas Tirith.

„Also…“, begann Boromir und zog das Wort in die Länge. „So sehen also Eure Kämpfe mit Sauron aus?“

 

***

„Genug ist genug. Das alles endet genau hier und genau jetzt“, sagte Sauron.

Saurons Mund, der bei diesem hastig einberufenen Notfalltreffen die Kurzmitschrift fertigte, glättete sein Pergament und trat ein wenig weiter von dort zurück, wo der Schatten seines Herren auf dem Obsidianboden seines Gemachs in einem unsichtbaren Kreis rannte.

„Ich war damit zufrieden, ihr ein eigenes Zimmer zu überlassen, sogar damit, dass sie sich ihr lächerliches Erdloch gebaut hat, damit sie aus dem Turm verschwindet, aber das – ist – zu – viel.“ Sauron hielt an, und von dort, wo sein Mund und seine Nase gewesen wären, hätte er eine körperliche Form besessen, strömten Rauch und Feuer hervor.

„Diese Hobbitfrau ist die verabscheuungswürdigste, hysterischste, unbeherrschbarste und unkooperativste Kreatur, die ich je das Unglück hatte kennenzulernen – und das schließt die Elbenfürsten ein, als sie entdeckten, dass ich den Einen Ring erschaffen hatte.“ Er drehte sich auf einem rauchförmigen Absatz um. „Nicht genug damit, dass sie meine Streitkräfte als – als Bauern missbraucht, nun hat sie auch noch meine Generäle an die Kandare gelegt und benutzt sie als … als was genau benutzt sie euch eigentlich?“

„Vogelssssscheuchen“, antwortete ein Nazgûl.

„Vogelscheuchen“, wiederholte Sauron ausdruckslos. „Was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Hexenkönig, wieso trägst du einen Strohhut?“

Der Hexenkönig nahm ihn eilig ab. „Vergebt mir, Meisssster. Die Hobbitfrau hat unssss dazu gezwungen. Sssie hat gesssagt, jede Vogelssscheuche im Auenland, die etwasss auf sssich hält, habe eine, und –“

„Ja, ja, genug davon. Du brauchst nichts weiter zu sagen.“ Sauron winkte ab. „Ich denke ich spreche für uns alle – was ich in der Tat tue, denn im Grunde genommen bin ich alle von uns – dass dies nicht auch nur einen Tag länger so weitergehen darf.“

„Ich rate Euch nach wie vor davon ab, sie zu töten, wenn ich so kühn sein dürfte, dies zu sagen“, sprach Saurons Mund. „Sie ist die einzige, die den Ring tragen und ihn benutzen kann, ohne sofort seiner Macht zu erliegen – kein Mensch könnte das tun, besonders nicht in Mordor, im Herzen Eures Reiches und Eurer Macht.

„Was sollen wir dann tun?“, sagte Sauron. „Ich kann sie nicht so weitermachen lassen. Wenn sie in dieser Weise fortfährt, wird sie Mordor in ein Gewächshaus verwandelt haben, bevor ich körperlich genug bin, um Pusteblumensamen zu greifen – ganz zu schweigen davon, dass meine Orks Bauern sein werden und sie vermutlich Kankra zum Pflügen der Felder benutzen wird, ehe das Jahr vorüber ist.“

Die Vorhersage war nicht so lachhaft, wie sie noch vor zwei Wochen erschienen sein mochte. Die Nazgûl waren still, aber der Raum war erfüllt von tiefem Unbehagen.

„Ich würde sie lieber töten und es damit sein Bewenden haben lassen“, sagte Sauron.

„Aber dann werdet Ihr eure Wiederkehr um Jahrhunderte verzögern“, sagte Saurons Mund. „Wenn Ihr sie jetzt tötet und abwartet, bis Ihr selbst genug Macht habt, den Ring zu benutzen, wird es viel länger dauern, als wenn Ihr jemanden hättet, der ihn benutzt und von dessen falschem Besitzer und seiner Verderbung Ihr Kraft schöpfen könntet.“

„Ich habe es bereits bei ihr versucht und ich werde es kein weiteres Mal tun. Überdies beschmutzt jede Sekunde, die der Ring am Finger dieser Hobbitfrau verbringt, mein Werk und beleidigt mich höchstpersönlich.“

„Und dennoch“, sagte Saurons Mund langsam, „wenn er zu jemandem gebracht würde, der von seiner wahren Macht nichts ahnte, und ihn regelmäßig benutzte – aber ja, Ihr könntet dann längstens in ein paar Jahrzehnten zurückkehren. Und es müsste auch nicht genau diese Hobbitfrau sein.“

Sauron trat näher an seinen Berater heran. „Was schlägst du also vor? Wir können den Ring nicht irgendwo anders hintragen und ich lasse Lobelia mit Sicherheit nicht hier. Sie richtet sich direkt vor Barad-Dûr häuslich ein, in Morgoths Namen!“ Er trat an das Fenster und ging dann schnell wieder weg, als ihn der Anblick eines halben, im Bau befindlichen Hobbitdorfes begrüßte, zusammen mit Grünpflanzen, Blumen und Gemüse, welche in der nährstoffreichen Vulkanerde trefflich gediehen. „Was ist dein Rat, Berater?“

„Ich würde sie zurückschicken“, sagte Saurons Mund. „Sie ist in der Tat nicht sehr geeignet für … Zusammenarbeit, aber alles in allem kommen mir Hobbits nicht wie ein Volk vor, das sehr beschlagen ist, was alte Überlieferungen und Zauberringe betrifft. Sie mögen gerade leichtgläubig und zäh genug sein, um Euren Ring zu benutzen und seinem Einfluss größtenteils zu widerstehen, solange wie Ihr braucht, um genug Stärke zurückzugewinnen, um Mittelerde erneut zu regieren. Ich würde es jedoch vermeiden, ihr Schaden zuzufügen. Wenn sich Gerüchte von bösartigen Zauberingen herumsprechen, dann –“

„ – werden mir Gandalf und Saruman wieder im Nacken sitzen, nein danke.“ Sauron schüttelte sich. „Also gut. Damit bleibt nur die Frage, wem wir den Ring geben – nicht, dass es mir gefällt, ihn nach all der Zeit wieder wegzugeben…“  

 

***

„…wahrlich, ich kann nicht glauben, dass sie so dreist war und es nochmal versucht hat, nachdem ich schon bewiesen habe, dass ich manchmal ein wenig Zeit brauche, um von meinen Abenteuern zurückzukehren“, beschwerte sich Bilbo zwischen zwei Schlucken Tee.

Frodo schenkte ihm nur ein schiefes Lächeln über den Küchentisch hinweg, wo er gerade saß und eines der elbischen Gedichte seines Onkels Korrektur las. „Ich schätze, dass dieses Verschwinden deinerseits sogar noch unerwarteter war als das letzte. Ganz Hobbingen und Wasserau haben noch monatelang danach kaum von etwas anderem geredet.“

„Unerwartet? Wohl wahr! Und nicht nur für sie!“ Bilbo lachte in sich hinein. „Kannst du dir vorstellen, dass es mir nicht einmal eingefallen ist, meinen Wanderstock und meine Jacke von zuhause zu holen, bevor ich aufgebrochen bin? Ich schätze, Rosi Hüttingers gutes altes Südviertel-Bräu hatte einen guten Anteil daran…“ Er schüttelte den Kopf. „Jedenfalls, als ich mich dann an alles erinnerte, was ich vergessen hatte, war ich schon so nahe an den Grauen Anfurten, dass ich mich einfach entschieden habe, meiner Wege fröhlich weiter zu gehen. Ich meine, ich habe in meiner Jugend Elben und Drachen überlistet – ‚Ich denke, ich kann es durchaus verkraften, auch ohne Gehstock und Taschentuch ein wenig auf Abenteuerreise zu gehen‘, sagte ich mir.

Was mir jedoch nicht in den Sinn kam, war, dass ich bei meiner Rückkehr mein geliebtes Beutelsend im wahrsten Worte des Sinnes eingesackt vorfinden würde – ha! – eingesackt von Lobelia und ihrem abscheulichen Ehemann und Sohn. Sie konnten es einfach nicht abwarten, bis ich sterbe, damit sie mein Heim in die Finger bekommen.“ Er schnaubte. „Ich muss gestehen, dass dies einer der Gründe war, warum dich dich von Brandygut hergeholt habe, Frodo – einer unter vielen anderen, natürlich! Du bist ein anständiger Junge, Beutlin durch und durch, und ich hätte es viel eher tun sollen, als dich den größten Teil deiner Jugend mit Saradocs Brut herumlaufen zu lassen. Obschon Brandygut dir eine Vorliebe zur Schalkhaftigkeit und Abenteuerlust eingeflößt hat, die mir selbst sehr gut gefällt.“

Bilbo kratzte sich am Kinn. „In jedem Falle sollten Beutlins zusammenhalten, und ich würde lieber in dem Wissen sterben, dass Beutelsend an dich geht, anstatt wieder in Lobelias gierige Klauen zu fallen.“

„Ich hätte zu gerne die Gesichter von Otho und Lotho gesehen, als du plötzlich wieder auf der Türschwelle standest“, sagte Frodo lachend. „Sie müssen ihren Augen nicht getraut haben.”

„Oh, das haben sie in der Tat nicht! Sie versuchten, sich herauszureden, ja sogar, mich als einen Hochstapler dastehen zu lassen – sogar vor dem Bürgermeister, kannst du dir das vorstellen?“ Bilbo verschränkte die Arme. „Was die ganze Sache noch lächerlicher machte, war, dass zu der Zeit Lobelia selbst seit mehr als zwei Monaten vermisst wurde. Ich habe all das Otho gesagt, und ich habe ihm auch gesagt, dass es ihm freistünde, mich mit seinem Gehstock zu stupsen, wenn er dächte, ich sei nicht echt – auf die Gefahr hin, dass ich ihn ein wenig mit Stich pieksen würde, um mich davon zu überzeugen, dass er nicht ein besonders fetter Ork in Verkleidung sei. Otho fand das nicht besonders lustig, aber der Bürgermeister teilt nach wie vor meine Art von Humor, wie ich herausfand. Als ich ihm die Sicherungskopie meines Testamentes zeigte – an die zu suchen Lobelia nicht gedacht hatte, trotz ihrer beträchtlichen Gerissenheit, wenn es darum geht, jemanden um sein Erbe zu betrügen – musste er das überzeugender gefunden haben als Othos Gestotter. Als er dann Otho befahl, mir den Schlüssel zu Beutelsend zurückzugeben, tat er es auch. Ich konnte von Glück reden, dass Lobelia nicht da war; sie hätte Beutelsend zu Lebzeiten niemals wieder aufgegeben – und sie hätte auch keine Skrupel besessen, ein gefälschtes Testament als Beweis für ihren Anspruch zu benutzen.“

„Ich frage mich dennoch, wo sie ist“, sagte Frodo, während er einen Vorschlag an den Rand von Bilbos Gedicht schrieb. „Es sieht ihr sehr unähnlich, plötzlich vom Erdboden zu verschwinden. Sie ist mir nie wie ein abenteuerlustiger Hobbit vorgekommen.”

„Ha. Wo auch immer sie ist, sie mag dort bleiben. Obwohl ich bezweifle, dass sie für immer fortbleiben wird. Diese Art Leute kommt immer wieder zurück“, sagte Bilbo.

Es war in diesem Moment, da ein hartes Klopfen an der Eingangstür von Beutelsend erschallte.

Bilbo und Frodo teilten einen überraschten Blick.

„Ich dachte, Gandalf wäre schon fortgegangen“, sagte Frodo und blickte über seine Schulter in den Garten. Tatsächlich war das Pony des Zauberers nicht länger am Zaun angebunden.

„Das dachte ich auch”, sagte Bilbo, versuchte aufzustehen, aber sank mit verzerrtem Gesicht zurück, während er sich eine Hand auf das Kreuz drückte. „Sei ein guter Junge und sieh nach, wer an der Tür ist, Frodo. Seit ich von meinem letzten Abenteuer zurückgekommen bin, sind mein Rücken und meine alten Beine nicht mehr wie früher…“

Frodo legte den Federkiel nieder, begab sich auf den (immer noch leicht unvertrauten) Weg zur Haustür und zog sie auf.

Und trat sofort einen Schritt zurück, als er sah, wer da stand.

„Lobelia!“

„Frodo Beutlin? Was machst du nichtsnutziger Lump in meinem Smial?“, kreischte Lobelia. „Wo sind Otho und Lotho –“

Plötzlich wurde ihre Tirade abgeschnitten – und erst da traten Lobelias Gefährten vor von dort, wo sie außer Sicht der Haustür, eng an die Wände von Beutelsend gedrückt, gestanden hatten.

Es brauchte viel, um einen erfahrenen Streichespieler wie Frodo Beutlin zu ängstigen, aber die Gemeinschaft, die da vor ihm stand, hätte ausgereicht, dass sogar der Büttel von Wasserau am helllichten Tag das Weite gesucht hätte. Hinter Lobelia standen neun dunkle, bedrohliche und vermummte … Leute, größer sogar als alle vom Großen Volk, die Frodo und sein Vetter Merry Brandybock auf einem ihrer seltenen Ausflüge nach Bree gesehen hatten. Ihre bloße Anwesenheit schien die warme Märzsonne zu verdunkeln, und eine Kälte überkam ihn, die ihn an mondlose, frostige Nächte im tiefsten Winter erinnerte.

„Beutlin?“, fragte einer von ihnen.

Frodo schluckte, entsann sich dann seiner guten Manieren und machte eine leichte Verbeugung. „Frodo Beutlin, zu euren Diensten. Wie kann ich euch helfen?“

Bei diesen Worten trat ein Schatten nach vorne, der drohend abseits gestanden war, beinahe gestaltlos und unsichtbar in der Frühlingssonne. Er brachte den Geruch nach Rauch, Feuer und Schwefel mit sich.

„Frodo Beutlin“, sagte er, und dann schwieg er.

Frodo blickte erwartungsvoll zu ihm auf und fragte sich, ob er wegen des entschieden geisterhaften Wesens seines Besuchers nachfragen sollte (aber das kam ihm ausnehmend unhöflich vor) – oder ob er etwas in der Art sagen sollte, sie zu bitten ihre Namen und ihre Angelegenheiten zu nennen. Aber auch das wäre unhöflich gewesen, und Frodo war sowohl klug als auch höflich genug, es sich nicht mit zehn großen Schatten zu verspielen, die ohne Vorwarnung auf der Türschwelle seines Onkels aufgetaucht waren.

In der Zwischenzeit hatte sich Lobelias Gesicht vor Anstrengung, Zeter und Mordio zu schreien, puterrot verfärbt, obwohl ihr ihre Stimme offenkundig nicht gehorchten wollte (zweifelsohne, weil sie ihre verhassten Verwandten auf der Türschwelle eines Hauses vorgefunden hatte, von dem sie bis vor Kurzem noch geglaubt hatte, es sei ihre Hobbithöhle).

Frodo ließ sie fürs Erste links liegen.

„Ja“, sagte er endlich in der Hoffnung, der Schattengesellschaft an seiner Tür eine Erwiderung zu entlocken.

„Streck deine Hand aus“, befahl der Schatten und Frodo, dem war, als würde er von einem Willen beherrscht, der größer war als er selbst, gehorchte (obwohl er den Zweck dieses überaus seltsamen Besuches immer noch nicht verstand).

Der Schatten wandte sich an Lobelia. „Gib ihm den Ring.”

Lobelia schüttelte den Kopf und ihre Gesicht verfärbte sich zu einer ungesunden pflaumenähnlichen Farbe, aber langsam bewegte sich ihre Hand aus der Tasche ihrer ziemlich staubigen Blumenschürze hervor und Frodo konnte sehen, dass ihre Faust so fest geballt war, das die Knöchel weiß hervortraten.

Zoll für Zoll bewegte sich Lobelias Hand nach vorne, bis ihre zitternde Faust weniger Fingerbreit über Frodos geöffneter Handfläche schwebte.

„Übergib ihm den Ring“, zischte der Schatten, obwohl ihm der Befehl großen Widerwillen zu bereiten schien.

Lobelias Finger öffneten sich und etwas Schweres landete in Frodos Handfläche. Als er es näher an sein Gesicht hielt, stieß er einen Ruf der Überraschung aus. „Bilbos alter Ring! Aber nein, er erzählte mir, er glaubte, ihn irgendwo verloren zu haben!“

„Verloren, oder seines rechtmäßigen Besitzes durch jemanden beraubt, der kein Recht darauf hat. Solche Dinge geschehen“, sagte der Schatten.

„Wie seid Ihr an den Ring geraten?“, fragte Frodo, seine Stimme voll Erstaunen.

„Lobelia fand ihn, und ich fand sie.“

Frodo warf Lobelia einen überraschten Blick zu. „Ich hielt sie nicht für jemanden, der das tun würde – nun ja, einen Zauberring zu benutzen, das sehr wohl  – aber davonzulaufen und Abenteuer mit dem Großen Volk zu erleben, wenn Ihr den Hobbit-Ausdruck entschuldigen wollt. Sie war sich immer sehr bewusst, was rechtes Hobbitverhalten ausmacht, bei sich selbst und anderen, und gewöhnlich zeigen wir uns Außenseitern nicht. Wo habt Ihr sie getroffen und unter welchen Umständen?“

“Es ist eine lange Geschichte und keine, bei der ich ins Detail gehen möchte“, sprach der Schatten. „Es soll genügen, dass ich sie … überzeugt habe, ihn dir zurückzugeben.“

Lobelias finsterer Miene nach zu urteilen, hatte Überzeugung wenig damit zu tun gehabt, und das überraschte Frodo nicht. Sich einen Sackheim-Beutlin dabei vorzustellen, wie er aus der Güte seines Herzens Wertsachen und Schmuckstücke verteilte, war in etwa so abstrus wie ein abenteuerlustiger Gamdschie oder ein besonnener Tuk.

Frodo verbiss sich ein Grinsen und blickte stattdessen zu dem Schatten empor, ein verblasster Flecken Dunkelheit gegen das Tageslicht. Er verströmte Ärger und Verdrießlichkeit, und doch ertappte sich Frodo, wie er vor Dankbarkeit lächelte.

„Bilbo wird sich sehr darüber freuen, ihn zurückzuhaben! Er hat seinen Verlust sehr betrauert; ihm lag sehr viel an dem Ring. Es war sehr freundlich von Euch, ihn zurückzugeben.“

„Glaube mir, Freundlichkeit hat nichts damit zu tun“, sagte der Schatten.

„Und doch – eine gute Wendung ist eine gute Wendung, und verdient eine andere“, sprach Frodo. „Es war sehr anständig von euch, ihn zurückzugeben, und wenn ich euch im Gegenzug irgendeinen Gefallen tun kann –“

„Keinen“, sagte der Schatten. „Außer, dass du auf meinen Ring Acht geben wirst und dich gut um ihn kümmerst. Aus Gründen, die ich zu erklären nicht willens bin, muss er bis auf Weiteres in Beutelsend bleiben, daher würde ich es dir danken, wenn du versuchen würdest, ihn von unverantwortlichen Händen fernzuhalten.“ Aus unerfindlichen Gründen warf der Schatten bei diesen Worten Lobelia einen scharfen Blick zu.

„Euren Ring?“, wiederholte Frodo. “Aber dann müsst Ihr ein mächtiger Zauberer oder Hexenmeister sein – und der Ring muss ebenfalls große Macht besitzen?“

„Das tut er.“

„Ich denke nicht, dass das ein Gegenstand ist, der geeignet ist, dass ihn ein Hobbit mit sich trägt“, fuhr Frodo fort. „Und ich bin mir sicher, dass Bilbo dem zustimmen würde. Ein guter Freund erzählte uns, dass mit Zauberringen nicht zu spaßen ist. Hättet Ihr nicht lieber, dass jemand, der größer und weiser ist, auf Euren Ring aufpasst? Ein Zauberer namens Gandalf, er ist eben fortgeritten –“

„Nein!“, sprach der Schatten scharf. „Ich bin hierhergekommen, um gerade dich darum zu ersuchen, dich des Rings anzunehmen, und ich habe meine Gründe dafür. Ich bitte dich nur, ihn so lange zu behalten, bis ich um seinetwillen zurückkehre.“

Das war wohl ein unüblicher Gefallen, aber nachdem der Schatten den Ring ja zuvorderst zurückgebracht hatte, dachte Frodo, dass es ihm nicht zustünde, darüber zu streiten, wie mit dem Ring verfahren oder nicht verfahren werden sollte – zumal alles, worum man ihn gebeten hatte, war … nichts mit ihm zu tun, und ihn lediglich sicher aufzubewahren.

„Wenn das Euer Wunsch ist, werden wir ihn fürs Erste behalten“, sagte er.

„Gut. Es wird nicht lange dauern, will ich hoffen. Höchstens ein paar Jahrzehnte.”

„Wann werde ich wissen, dass Ihr Euren Ring zurückhaben wollt?“, fragte Frodo.

„Ich werde jemand entsenden, ihn abzuholen“, sagte der Schatten. „Oder ich werde selbst kommen.“

Frodo lachte. „Vielleicht werdet Ihr dann Zeit haben, hereinzukommen und uns alles, was passiert ist, bei einer Tasse Tee zu erzählen. Ich bezweifle, dass wir von Lobelia irgendetwas erfahren werden, vor allem, wenn sie so erfreulich still bleibt wie gerade eben.“

Lobelia warf ihm einen tödlichen Blick zu.

„Hm. Vielleicht“, sagte der Schatten unverbindlich. „Ich werde es in Erwägung ziehen. Aber es wird einige Jahre dauern, bevor ich eine weitere Reise unternehmen kann, die so weit ist wie diese hier.“

„Oh, habt keine Sorge, hier in Beutelsend wir sind an das Kommen und Gehen von Zauberern gewöhnt“, sagte Frodo mit einem Schulterzucken. „Beizeiten kommt Gandalf alle paar Monate vorbei, und dann wieder taucht er jahrelang nicht auf, bevor er plötzlich auf der Türschwelle steht, unangekündigt und windzerzaust wie immer. Für gewöhnlich ist jetzt wenigstens immer ein Beutlin auf Beutelsend, wenn Ihr Euch also entscheidet, dass Ihr Euren Ring wieder benötigt, braucht Ihr nur an die Tür zu klopfen.“

„Ah. Nun. Gut.“ Der Schatten machte eine scharfe Geste in Richtung der neun vermummten Reiter. „Dann werden wir uns jetzt verabschieden.“

Es drängte Frodo, noch eine Menge Fragen zu stellen, aber die neun verhüllten Gestalten und der Schatten wandten sich bereits zum Gehen, wobei eine der Kapuzengestalten Lobelia mit sich zerrte.

„Wo bringt ihr sie hin?“, wollte Frodo wissen.

„Nach Haussse“, zischte eine Kapuzengestalt, doch Lobelia hatte offenbar keine Eile, dorthin zu gelangen, denn sie wand sich und schlug um sich, wurde aber dennoch unnachgiebig aus Bilbos Vorgarten gezogen. Die neun verhüllten Gestalten gingen den Bühl hinunter, wo zehn große schwarze Pferde auf ihre Reiter warteten. Eine von ihnen hievte Lobelia ohne viel Federlesens über den Rücken seines Reittiers, einem übellaunigen Sack Kartoffeln nicht unähnlich. 

Der Schatten aber drehte sich plötzlich noch einmal um und kam zurück, bis er über Frodo in die Höhe ragte und einmal mehr die Frühlingssonne und die Wärme mit seiner bloßen Gegenwart verdüsterte. Frodo blickte abwartend zurück und verneigte sich ein weiteres Mal, um zu zeigen, dass er noch immer zu Diensten war.

Gerade richtete er sich wieder auf, als eine Hand auf seiner Schulter landete, die zugleich so schwer wie Stein und so leicht wie Luft, kalt wie Eis und heiß wie Feuer war. Frodo zuckte zusammen, nur ein wenig, und zwang sich, nach oben zu blicken und in den Schattenfleck, wo sich das Gesicht befinden musste.

„Halte ihn geheim. Bewahre ihn gut“, befahl der Schatten. „Das ist wichtig. Erzähle niemandem, dass du ihn besitzt, vor allem nicht dem Zauberer.“

Frodo runzelte die Stirn, nickte aber. „Das werde ich nicht.“

Der Schatten zögerte, dann richtete er sich auf und sah auf Frodo herunter, als wäre er mit einem Mal unschlüssig, was er mit ihm anfangen sollte – oder überhaupt mit jeder Lage, in der er in der Schuld eines kleinen Hobbits stand, wie gering sie auch sein mochte.

„Nun“, sagte er verlegen, dann streckte er einmal mehr die Hand aus, und klopfte Frodo auf die Schulter. „Guter Junge.“

Frodo blinzelte. „Danke sehr. Seid Ihr Euch sicher, dass Ihr nicht auf einen Tee hereinkommen wollt?“, fügte er hinzu als er sich seiner guten Hobbit-Manieren entsann (denn im Auenland wurde es als grässliche Unhöflichkeit erachtet, einem Besucher gehen zu lassen, ohne ihm zuvor nicht einmal angeboten zu haben, einzutreten und eine Tasse Tee oder Kaffee zu trinken).

„Vollkommen sicher“, erwiderte der Schatten. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, ganz zu schweigen davon, dass wir deine … Tante noch an ihrem Zuhause absetzen und sicherstellen müssen, dass sie auch dort bleibt.“ Der Schatten ging zum Gartentor und durchschritt es, dann blieb er stehen. Er schien zu überlegen, dann wandte er sich nochmal zu Frodo um. „Wenn sie dir Ärger bereitet – setz den Ring auf und lass es mich wissen.“

Frodo öffnete den Mund, um zu fragen, wie er eine solche Nachricht mittels eines Ringes überbringen sollte, aber der Schatten war schon geradewegs durch Bilbos Zaun hindurchmarschiert und den Bühl hinunter, wo seine neun Gefährten und Lobelia auf ihn warteten.

Frodo senkte den Blick auf den Ring in seiner Handfläche und wog ihn in der Hand. Er erschien seltsam schwer, viel schwerer, als er nur vom Ansehen her geglaubt hätte. Andererseits war er jedoch offenkundig eine besondere Art von Ring. Er hatte es immer vermutet, aber Bilbo hatte stets aufgepasst, ihm nicht zu viel über ihn und die Umstände, unter denen er ihn gefunden hatte, zu erzählen. Nun würde es ihm sein Onkel verraten müssen, vermutete er, wenigstens dann, wenn sie beide die Teile des Rätsel zusammensetzten wollten, was mit dem Ring geschehen war, während er sich ausgerechnet in Lobelias Besitz befunden hatte.

Frodo kehrte um. Die Küche war absolut still – Bilbo hatte wahrscheinlich gehört, wie sein Neffe „Lobelia!“ ausgerufen hatte und das als sein Stichwort gesehen, für die nächste halbe Stunde vom Antlitz der Welt zu verschwinden. Lächelnd schloss Frodo die Tür hinter sich. „Onkel Bilbo!“, rief er. „Du wirst nie erraten, wer gerade vorbeigekommen ist und was sie mitgebracht haben…“

 

*

Und so endete, was als Tragödie begonnen hatte, mehr oder weniger zu der (wenigstens einstweiligen) Zufriedenheit aller Beteiligten.

Bilbo war ins Auenland zurückgekehrt und hatte nicht nur Beutelsend wieder für sich beansprucht, nein, er fand noch dazu heraus, dass er seinen Zauberring nicht, wie er zuvor gedacht hatte, verloren hatte, als er betrunken an der Wässer entlanggewandert war, sondern ihn nur so gründlich verlegt hatte, dass es ein paar Jahre und eine rätselhafte Schar an Schatten gebraucht hatte, um ihn wieder zu ihm zurückzubringen.

Frodo hatte indessen einen exzentrischen, aber freundlichen Onkel, Lehrer und gelegentlichen Begleiter auf seinen Wanderungen durch das Auenland gewonnen. Er dachte oft und angestrengt über die Begegnung an diesem Märztag im Jahr 1393 nach, und bisweilen studierte er den Ring und fragte sich, was wohl aus dem geheimnisvollen Fremden geworden war, der ihn ihm gegeben hatte – und erwog, ob er Gandalf des Fremden und seiner Verbindung zu Zauberringen wegen befragen sollte.

Sauron hatte einen sicheren Ort gefunden, an dem er seinen wertvollsten Besitz so lange auch immer verwahren konnte, wie er brauchte, um wieder eine körperliche Form zu gewinnen. Er zweifelte nicht daran, dass Frodo und sein Onkel fähig waren, Lobelia in Schach und fern von Beutelsend zu halten. Wenn es hart auf hart käme, würde er einfach zu ihren Gunsten eingreifen müssen. (Mit Lobelia zusammenzuleben hatte ihm ein ausgeprägtes Mitleid für jeden verliehen, der sich mit ihr abgeben musste, ganz zu schweigen davon, sich ihr Verwandter nennen.) Und falls diese Begegnung mit Lobelia auch nur das geringste Verlangen nach Frieden und Ruhe in ihm erweckt hatte – und falls sein Treffen mit Frodo ihm auch nur das kleinste bisschen Mitleid und Zuneigung für Hobbits eingeflößt hatte, die nicht Lobelia waren – dann werden andere Geschichten davon erzählen. Denn diese hier ist an ihrem Ende angelangt – doch viele andere sind es nicht und sogar die Weisesten vermögen nicht zu erraten, welche großen Folgen solch kleine Vorkommnisse schlussendlich im großen Geflecht der Geschicke herbeiführen mögen.

Sogar für Lobelia hatten sich die Dinge am Ende zum Guten gewendet, wenngleich es scheinen mag, dass sie den Kürzeren gezogen hatte. Auf lange Sicht zwar sie zweifellos glücklicher im Kreise ihrer Familie in Wasserau als sie es in Mordor gewesen wäre – auch wenn sowohl sie als auch Otho dir versichert hätten, dass sie ruhig noch etwas länger fortbleiben hätte können, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wohl waren ihre Träume von Größe und Macht durch ihren gewaltsamen Rauswurf aus Barad-Dûr rüde beendet worden, aber am Ende kam nicht einmal sie ärmer aus diesem Abenteuer heraus, als sie hineingegangen war.

Der Dunkle Herrscher und seine Ringgeister mochten zwar in großer Eile gewesen sein, als sie sie aus Mordor entfernten, aber nicht einmal sie waren schnell oder aufmerksam genug gewesen, um sie sofort zu erwischen.

Nachdem Lobelia also nach Wasserau zurückgekehrt und Otho und Lotho voll Verdruss von all dem Kummer und den Missgeschicken erzählt hatte, die ihr widerfahren waren, und nachdem alle drei den Verlust ihres Zauberrings und Beutelsend angemessen betrauert hatten, ging sie in die Küche, wo sie ihre Schürze umdrehte.

Ein kleiner Berg aus teuer gefertigten Gabeln, Löffeln und Messern klapperte auf den Tisch und mit einer Miene grimmiger Genugtuung begann Lobelia damit, den Haufen gestohlenen Mordor-Tafelsilbers in ihre Küchenschubladen einzuräumen.

Aber das ist nur eine kleine Fußnote unter den großen Ereignissen dieser Zeit; und in der großen Geschichte der Ringe der Macht wird die Frage, wie der Großteil von Barad-Dûrs Besteck in die Küchenschublade eines kleinen Hobbithauses in Wasserau geraten war, aller Wahrscheinlichkeit nach bleiben, was es ist:

Eine kleine Kuriosität, niedergeschrieben am Rande der Geschichte der Welt, und wenigstens vorerst soll nichts weiter darüber erzählt werden.