Work Text:
"... Ich sehe mich zu diesem Schritt gezwungen, um Schaden abzuwenden. Wir brauchen eine handlungsfähige Regierung, die die Kraft hat, die nötigen Entscheidungen für uns zu treffen."
Christian hätte gerne schon vor einer Weile abgeschaltet, aber jedes dieser Worte trifft ihn mitten ins Herz. Nicht unbedingt, weil es unerwartet kommt, aber weil er eben nicht gedacht hätte, dass es ausgerechnet von Olaf kommen würde.
Ausgerechnet von Olaf, der ihn damals mit aufgenommen hat. Vielleicht nicht, weil er wollte, aber weil er wusste, dass es für sie alle am besten sein würde. Und jetzt steht er da vorne und sagt, dass er der Klasse dieses Verhalten von Christian nicht mehr zumuten möchte.
Entlassen. Als Klassensprecher. Weil es keine Vertrauensbasis mehr gibt. Christian wünscht sich, Olaf würde einfach an seiner Rede ersticken. Als hätte es irgendjemand gebraucht, dass er sich so vor die Klasse stellt, nachdem er das ganze restliche Schuljahr an keinem Punkt auch nur einen Hauch von Rückgrat bewiesen hat. Und das ausgerechnet jetzt, kurz vor den Osterferien, wenn das Schuljahr eh schon fast vorbei ist und die Karten bald neu gemischt werden.
Christian ist sich sicher, dass er bei der Neuverteilung gut dabei sein wird. Selbst wenn Herr Steinmeier nur wortlos daneben steht und mit Sicherheit kein Sterbenswörtchen über Olafs Entscheidung fallen lassen wird - weil es ihm als Klasserlehrer nicht zusteht, sich in die Entscheidung der Schüler*innenvertretung einzumischen - weiß Christian ganz genau, dass das hier wenn dann Olaf auf die Füße fallen wird.
Er wird es schon schaffen, die Gerüchte in die richtige Richtung zu drehen. Wenn die anderen morgen auf dem Flur über ihn reden, dann nur darüber, wie unfair Olafs Entscheidung für ihn war und wie sehr er, Christian Lindner, sich bemüht hat, alles zusammenzuhalten und stets korrekt zu handeln. Immerhin haben sie unter ihm nie die Klassenkasse überzogen und Geld für irgendwelchen hinverbrannten Mist wie Grillfeiern ausgegeben.
Christian ist so in Gedanken versunken, dass er kaum merkt, dass Olaf endlich fertig ist. Na dann. Selbst wenn er ihm im Vorbeigehen noch zuflüstert, wie doof das war, wird Christian sich von so einem kindlichen Scheiß nicht unterkriegen lassen.
Aber vielleicht von anderen Dingen. Weil sein Blick auf einmal auf Roberts Gesicht fällt. Die ganze Zeit hat er vermieden, ihn anzusehen, doch jetzt wo Annalena gefragt hat, was Robert denn dazu denkt, kann Christian nicht anders, als hinzuschauen.
Robert sieht so verdammt fertig aus. Armselig, hätte er vor einigen Monaten noch gesagt. Ein bisschen lächerlich. Doch jetzt ist gar nichts daran lächerlich, sondern es schreit nur danach, dass Robert dringend eine Umarmung braucht.
Die Christian ihm jedoch nicht geben kann, weil er genau weiß, dass Robert nicht auf seiner Seite steht. Offiziell jedenfalls nicht. Was nachher außerhalb des Schulgeländes passiert, ist eine andere Sache, aber hier nickt Robert brav zu allem, was Olaf gesagt hat und wendet sich ab, ohne Christians Blick auch nur ein einziges Mal erwidert zu haben.
Na toll. Christian schaut auch weg, einfach aus Prinzip. Doch auch dann ist es, als hätten sich Roberts traurige Augen in sein Gedächtnis eingebrannt. Selbst dann noch, als Volker ihm ein "Sorry, Mann" zuruft und sich in der Pause zu Olaf stellt, kann Christian nur daran denken, wie Robert geguckt hat, als würde ihn die ganze Sache innerlich auffressen.
Natürlich nur in dem Moment. Wahrscheinlich hat es niemand außer Christian bemerkt. Oder es bemerkt zumindest jetzt niemand, dass Roberts Lachen nicht seine Augen erreicht, als er auf dem Weg zu den Fahrradständern mit Annalena herumalbert. Nur Christian hat ihn genau im Blick, vielleicht etwas zu sehr, aber dafür sieht er auch, wie Robert ihn ganz kurz mustert. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, als wäre sein Blick nur zufällig über Christian geschweift. Doch es kann kein Zufall sein, dass Robert ausgerechnet in diesem Moment nickt.
Christian weiß, was dieses Nicken bedeutet. Oder zumindest, was es früher bedeutet hat, bevor Robert entschieden hat, sich auf Olafs Seite zu stellen, als dieser ihm ein Messer in den Rücken gerammt hat. Als ob ein paar Konflikte es wert wären, Christian direkt von sich zu stoßen.
Doch Robert stößt ihn nicht von sich. Im Gegenteil, er zieht ihn an sich, kaum dass er ihn zwei Straßen weiter eingeholt hat, eingepfercht zwischen einer Hauswand und einer alten Telefonzelle, damit sie bloß niemand sehen kann. Christian könnte darauf hinweisen, dass Roberts Fahrrad immer noch in Sichtweite ist, sodass man sie ganz leicht entdecken könnte. Oder er könnte Robert einfach küssen, als wäre heute nie passiert.
Doch heute ist passiert. Christian ist seinen Job los, Olaf schwebt wahrscheinlich auf Wolke Sieben und Robert schaut immer noch traurig, als er ihren Kuss viel zu früh unterbricht. "Du weißt, dass das nicht gegen dich ging."
"Ja, klar." Christian weiß ganz genau, dass das gegen ihn ging. Weil Olaf irgendein scheiß Problem mit ihm hat. Wahrscheinlich ist er einfach nur eifersüchtig und wollte sich seine Konkurrenz lieber aus dem Weg schaffen, weil er im nächsten Jahr bestimmt nicht wieder zum Klassersprecher gewählt werden würde.
"Können wir..." Robert beißt sich leicht auf die Unterlippe. Christian überlegt schon, ob er ihn einfach wieder küssen sollte. Er ist sich jedenfalls ziemlich sicher, dass er nicht hören will, was Robert ihm noch zu sagen hat. "Können wir einfach so tun, als wäre das alles nie passiert?"
Nein, Christian will das hier definitiv nicht hören. Wie kann Robert so etwas zu ihm sagen? Und wie kann er ihn einfach küssen, als hätte das alles nichts zu bedeuten, dass ihre politischen Meinungen offenbar diametral auseinandergehen?
Bei diesem Gedanken stoppt Christian sich. Er hört überhaupt auf zu denken, als Robert mit dem Küssen weitermacht und ihn mit dem Rücken gegen die Telefonzelle presst.
Er weiß überhaupt nicht mehr, wo er überhaupt stehen geblieben war. Eigentlich dürfte er das hier definitiv nicht so stehen lassen. Aber wenn Robert ihn weiter küsst, was will er dann eigentlich noch?
Er will seinen Posten zurück. Er will irgendeinen Posten. Den wird er sich auch holen, bei der nächsten Wahl. Das hat er sich fest vorgenommen und er ist sich sicher, dass sich seine Vision bewahrheiten wird. Da wird Olaf blöd gucken, wenn im nächsten Schuljahr nicht mehr neben seinem Namen, sondern neben dem von Christian die meisten Striche an der Tafel stehen werden.
Klassensprecher. Nicht nur ein blöder Vertreter. Christian könnte es sich schon genau vorstellen, wie er vorne steht und irgendwann gönnerhaft zustimmt, wenn sein Vertreter ihm irgendeine Entscheidungsvorlage vorträgt.
In seinem Kopf sieht er dabei immer noch Robert an seiner Seite, auch wenn er weiß, dass er das nicht sollte. Robert wird bei Annalena stehen, wenn schon nicht bei Olaf. Er wird sich nie öffentlich auf Christians Seite stellen, so viel ist sicher.
Aber vielleicht reicht es Christian auch so. Vielleicht reicht es, wenn er mit Sicherheit weiß, dass Olaf Robert scheißegal ist, wenn sie erst mal das Schulgelände verlassen haben. Wenn Robert unabhängig von Wahlen und Klassensprecherposten schlussendlich doch bei Christian landet und er ihn auch im nächsten Schuljahr weiter versteckt hinter Telefonzellen küssen darf - dann kann Christian sich vielleicht auch mit Neuwahlen nach den Osterferien abfinden.
