Work Text:
“Warum hast du das getan, Christian?”
Christian hat sich schon manchmal gefragt, ob es möglich ist, ein angebotenes Du auch Jahre später noch zurückzunehmen. Irgendwie müsste das doch möglich sein. Es hätte auf jeden Fall in seinem Leben Personen gegeben, bei denen er das nur allzu gerne getan hätte.
Bei seinem Deutschlehrer, der ihm auf der Abifeier das Du angeboten, aber der dann vor der letzten Bundestagswahl auf Facebook geschrieben hat, dass er doch irgendwie nicht überzeugt von Christians Politik ist, als ob er in seinem Ruhestand auf einmal ein Recht auf eine politische Meinung entwickelt hat.
Volker, nach seinem Verrat, weil er damit gezeigt hat, dass ihm sein Posten schon immer wichtiger war als seine Partei, als Christian selbst, obwohl Christian mal davon ausgegangen ist, dass sie sowas wie Freunde wären.
Olaf, weil… wegen allem, was passiert ist. In den letzten Wochen ist so viel geschehen, dass Christian davon ausgegangen ist, dass Olaf nie wieder mit ihm reden würde. Die Kommentare in der Presse haben jedenfalls darauf hingedeutet, dass Olaf meint, dass er die richtige Entscheidung getroffen habe mit Christians Entlassung.
Und doch steht er jetzt hier vor ihm. Und Christians Knie sind so weich, dass all das Selbstbewusstsein, das er sich sonst so bemüht an den Tag zu legen, aus seinem Körper zu sickern scheint, während er langsam zu Boden sinkt.
Olafs Hand auf seiner Schulter ist schwer. “Warum hast du das getan?”
Du. Nicht Sie. Du, weil Christian das Du vielleicht zurücknehmen könnte, aber an diesem Punkt auch kein Sie mehr verdient hätte. Weil er Olafs Respekt sowieso längst verloren hat. Und das noch bevor er vor Olaf auf die Knie gegangen ist.
Nicht um zu betteln. Sondern um sich das abzuholen, was er verdient hat.
Dabei ist Olaf noch immer so unfassbar sanft dabei. Nicht wie früher, bei den Koalitionsverhandlungen, wo sie sich nach hitzigen Diskussionen im Hinterzimmer getroffen haben, um ihre Streits weiterzuführen.
Dort hat Christian einen ganz anderen Olaf kennengelernt. Das Gegenteil von dem ruhigen Typ, der immer so geordnet und besonnen wirkte - dieser Olaf stand auf einmal mit offenen Hemdknöpfen und rotem Gesicht von ihm, während er Christian vehement widersprach. Wahrscheinlich war das der Punkt, an dem es für Christian kein Zurück mehr gab und wo er wusste, dass er sich auf diese Koalition einlassen musste; komme, was wolle.
Genauso, wie er wusste, dass er sie beenden musste, nachdem in immer mehr Regierungsgesprächen die Fetzen flogen. Selbst wenn Olaf ihn nach diesen ewigen Diskussionen im Morgengrauen immer wieder in sein Büro gebeten hatte; selbst wenn dieser Teil so verdammt gut war, so konnte Christian es einfach nicht weiterlaufen lassen.
Auch wenn er sich hinter verschlossenen Türen noch so gerne gefügt hat - in der Öffentlichkeit musste er sein Image bewahren. Sein Image, das gerade den Bach runtergeht, während Olaf ihn immer noch mit diesen wunderschönen blauen Augen unter gesenkten Lidern anschaut wie vorher und sich wahrscheinlich darauf besinnt, dass seine Chancen bei der nächsten Wahl zumindest besser stehen als die der FDP.
“Das war verdammt dumm, Christian.” Die Hand in Christians Haaren ist das krasse Gegenteil zu den Worten, die auf einmal scharf wirken.
Christian findet nicht, dass es dumm war. Dass es rausgekommen ist, vielleicht, aber er findet, dass es sein gutes Recht war, Überlegungen für sein weiteres Vorgehen aufzustellen. Aber andererseits findet er es auch gut, wie Olaf ihn jetzt zurechtweist.
Wie Olaf ihn näher zieht. Das hier ist Christian nur allzu bekannt. Manchmal muss er seinen Mund eben auch sinnvoll beschäftigen, wie Olaf mal so schön gesagt hat. Mit Olafs Hand an seinem Hinterkopf kommt Christian dieser Aufgabe liebend gerne nach.
“Du magst das, oder? Wenn die ganze Bevölkerung dich für einen Clown hält?”
Nein. Aber vielleicht mag Christian es, wenn Olaf das tut. Auf jeden Fall mag sein Körper es, aber er weiß, dass er wohl kaum in der Position ist, hier irgendetwas von Olaf zu verlangen. Er kann nur nehmen, was Olaf ihm gibt, und wenigstens versuchen, das irgendwie gut zu machen.
“Hast du das von Anfang an geplant, Christian? Dich gegen mich zu stellen, sobald sich die Gelegenheit bietet?”
Nicht von Anfang an. Anfangs hatte er noch Hoffnungen, das er sich auf eine andere Art und Weise in dieser Regierung selbst verwirklichen wird. Doch irgendwann war klar, dass das nicht passieren wird, sodass Christian nichts anderes übrig geblieben ist, als seine Linie weiterzufahren - auch wenn er sie vor die Wand fährt.
Oder durch die Wand, wie die Wände in Olafs Büro, durch die hoffentlich niemand hören kann, wie Christians teure Anzugschuhe über den Boden schaben, als er versucht, sich besser zu positionieren, damit er den Kopf noch etwas weiter in den Nacken legen kann. Damit Olaf sich nehmen kann, was er braucht, wenn Christian ihm das schon als Koalitionspartner nicht geben konnte.
Dann wenigstens hier, auch wenn er sie hier wohl kaum als Partner bezeichnen könnte. Sie sind nicht ebenbürtig, solange er vor Olaf kniet. Waren sie aber wahrscheinlich auch nie, wenn Olaf ihm jetzt so gönnerhaft den Kopf tätscheln kann.
“Das war nicht klug von dir. Du hättest wissen müssen, dass du so nur dafür sorgst, dass niemand mehr mit dir zusammenarbeiten möchte. Was wirst du tun, wenn du bei der nächsten Bundestagswahl nicht mal mehr im Parlament sitzen wirst?”
Christian würde dazu gerne etwas sagen, aber er kann nichts tun, außer mit seiner Zunge zu antworten. Der Griff in seinem Haar wird stärker, genau wie das Kribbeln in Christians Bauch.
“Du hättest es so leicht haben können. Eine gute Koalition. Stabile zehn Prozent bei der nächsten Wahl. Aber sowas war noch nie dein Ding, oder, Christian? Du möchtest dich lieber vor aller Öffentlichkeit erniedrigen lassen.”
Nein. Nicht in der Öffentlichkeit. Nur hier in Olafs Büro, wo Olaf ihm mit jedem Wort und jeder Bewegung zeigt, dass er besser ist als er. Alles, was er sagt, setzt sich in Christians Kopf fest und schickt neue Hitze durch seinen Körper.
Christian will sich Luft machen, aber er kann nicht, und vielleicht wird es dadurch noch besser, weil ihm hier nicht einmal eine gut durchdachte Powerpoint-Präsentation helfen kann.
“Als du das alles geplant hast, hast du dann auch das hier vorhergesehen? Hast du dir hierfür auch ein schönes Flussdiagramm vorgestellt?”
Christian hat überhaupt nicht vorhergesehen, wie es kommen würde. Es war auch seines Wissens nach kein Flussdiagramm in ihrer Präsentation erhalten. Aber das ist hier nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass er lügen würde, wenn er behaupten würde, dass ihm nicht auch damals heiß geworden ist, als Olaf endlich Klartext geredet und ihm vor aller Augen bewiesen hat, dass er auch hinterm Rednerpult seinen Mann stehen kann. Nicht nur hier, mit Christian vor sich, wo er immer schon stehen und sich beweisen konnte.
Aber heute muss Olaf nichts mehr beweisen. Am Ende muss er Christian nicht einmal anfassen.
Am Ende reicht es, als er über ihm ein leises “doof” murmelt, damit die Welle der Scham, die über Christian hereinbricht, zu einer anderen Welle wird. Eine Welle, die ihn in ungeahnte Höhen reißt und die ihn fast vergessen lässt, warum er hier vor Olaf auf dem Boden kniet, weil es sich einfach zu gut anfühlt.
Die Scham wird noch einmal in ihm brennen, als Christian später ohne ein weiteres Wort Olafs Büro verlässt. Er weiß nicht, ob er je wieder herkommen wird. Aber er weiß, dass er versuchen wird, so lange zu bleiben, wie es geht. Und das nur für die Chance, vielleicht noch einmal aus Olafs schönem Mund zu hören, was für ein Versager er ist.
