Chapter Text
"Der Schatten des Löwen"
Im Jahr dreihundertdreiundzwanzig vor der Zeitrechnung, als die Sonne über Babylon in glühendem Gold erstrahlte, erlosch das Licht des größten Eroberers, den die Welt je gekannt. Alexandros, Sohn des Philippos, König der Makedonen, Stratege der Hellenen, Shahanshah der Perser, Pharao der Ägypter, Herr der Länder vom Hellespont bis zum Indus, sank in den Palästen des Nebukadnezar auf sein Lager, von Fieber gezeichnet, von Wein und Ruhm verzehrt. Sein Atem stockte, sein Blick brach, und mit ihm schwand die Einheit eines Reiches, das größer war als die Träume der Götter. Kein Erbe war ernannt, kein Thronfolger gekrönt, nur Worte, geflüstert in der Hitze der Nacht: *Dem Stärksten.* So begann der Sturm, der die Welt in Stücke reißen sollte.
Die Hetairen, jene edlen Reiter, die an Alexandros’ Seite die Hydaspes überschritten und die Mauern von Tyros bezwungen hatten, versammelten sich in den Hallen Babylons, ihre Stimmen ein Chor aus Zorn und Ehrgeiz. Perdikkas, der Chiliarchos, hielt den Siegelring des Königs, doch seine Macht war brüchig wie Ton. Krateros, der Liebling der Phalanx, Antigonos Monophthalmos, der einäugige Stratege, Ptolemaios, der Gelehrte Ägyptens, Seleukos, der Herr Babylons, und Lysimachos, der Wächter Thrakiens – sie alle waren Diadochen, Nachfolger, deren Loyalität nur so lange währte, wie ihre Schwerter stumpf blieben. Inmitten dieses Aufruhrs erhoben die Somatophylakes, die Leibwächter des Königs, zwei Gestalten auf die Throne: Philipp Arrhidaios, Alexandros’ Halbbruder, ein Mann von schwachem Geist, und Alexandros Aigos, das unmündige Kind der baktrischen Roxanne, kaum geboren, doch bereits König. Zwei Kronen, zwei Puppen, deren Fäden in den Händen der Mächtigen lagen.
Die Jahre, die folgten, waren ein Tanz der Klingen. Im Westen erhoben sich die Poleis Griechenlands im lamischen Krieg, nur um von Antipatros, dem alten Regenten Makedoniens, und Krateros in der Schlacht von Krannon (322 v. Chr.) zermalmt zu werden. Im Osten führte Perdikkas seine Armee gegen Ptolemaios, der Ägypten zu seinem Königreich gemacht hatte, doch die Wasser des Nils verschlangen ihn und seine Ambitionen. Die Silberschilde, jene Veteranen Alexanders, deren Sarissen die Welt erzittern ließen, folgten Eumenes, dem treuen Schreiber, der für die Argeaden kämpfte. Doch die Diadochen waren Wölfe, und das Reich ihr Schlachtfeld. Im Abkommen von Triparadeisos (320 v. Chr.) wurde Antipatros zum Reichsregenten ernannt, ein Mann von eiserner Strenge, der Makedonien mit harter Hand zusammenhielt. Doch als die Parzen seinen Faden durchschnitten (319 v. Chr.), hinterließ er nicht seinem Sohn Kassandros die Regentschaft, sondern Polyperchon, einem General von zweifelhafter Kühnheit.
Kassandros, jung, ehrgeizig und von der Kränkung seines Vaters Vermächtnis getrieben, erhob sich gegen Polyperchon. Die Welt spaltete sich weiter: In Asien wuchs Antigonos’ Macht wie ein Sturm, der die Satrapien verschlang, während Eumenes verzweifelt gegen ihn focht. In Makedonien suchte Olympias, die Mutter Alexanders, die Herrschaft für ihren Enkel Alexandros Aigos zu sichern, ihre Augen glühend wie die einer Löwin, die ihr Junges verteidigt. Sie rief Polyperchon und die Silberschilde zu sich, doch Kassandros, mit der List eines Odysseus, wob ein Netz aus Bündnissen. Er gewann die Unterstützung der makedonischen Aristokratie, deren Herzen mehr für Gold als für Ehre schlugen, und marschierte gegen Pydna, wo Olympias sich verschanzte.
Im Jahr dreihundertsechzehn vor der Zeitrechnung, als der Winter die Küsten Makedoniens in Frost tauchte, fiel Pydna. Die Mauern, von Kassandros’ Belagerungsmaschinen zerschmettert, gaben nach, und Olympias, die Königinmutter, wurde in Ketten vor die Versammlung der Makedonen geführt. Ihr Schicksal war besiegelt: Die Steine, die von den Händen der Soldaten geworfen wurden, begruben die letzte Löwin der Argeaden unter ihrem Hass. Roxanne und der junge Alexandros Aigos, kaum vier Jahre alt, wurden in die Schatten des Palastes von Pella gebracht, ihre Zukunft ungewiss. In Asien fiel Eumenes in der Schlacht von Gabiene, verraten von seinen eigenen Silberschilden, die Antigonos’ Gold mehr liebten als die Ehre. Polyperchon, besiegt und gedemütigt, floh auf den Peloponnes, ein Schatten seiner selbst, während Kassandros in Pella triumphierte.
Doch in diesem Augenblick, da die Fackel des Reiches zu erlöschen drohte, traf Kassandros eine Entscheidung, die die Parzen selbst überraschte. Anstatt Alexandros Aigos und Roxanne in den Kerker zu verbannen, wie es die kalte Logik der Macht gebot, sah er in dem Knaben nicht nur den Sohn des Eroberers, sondern die Flamme, die das Reich einen könnte. Er, der Antipatride, träumte davon, die zweite Familie des Reiches zu werden, ein Chiliarchos an der Seite eines Argeadenkönigs, dessen Ruhm die Welt erleuchten würde. In den Hallen von Pella, wo die Wandteppiche die Taten Alexanders erz Fördern, nahm Kassandros den jungen König an seine Seite, wie einen Sohn, und gelobte, ihn zu erziehen, zu schützen und zu führen. Die Silberschilde, deren Treue dem Namen Alexanders gehörte, wurden nach Makedonien gerufen, und Thessalonike, die Schwester des Eroberers, sollte an Kassandros’ Seite die Bande zwischen Argeaden und Antipatriden knüpfen.
So stand das Reich am Scheideweg. In Makedonien erhob sich Kassandros, der Regent, mit einem Kindkönig an seiner Seite, dessen Name allein die Herzen der Menschen entflammte. In Asien wuchs Antigonos’ Schatten, ein Koloss, der die Satrapien verschlang. Ptolemaios, Seleukos und Lysimachos warteten in ihren Festungen, ihre Augen auf Pella gerichtet. Die Welt hielt den Atem an, denn der Schatten des Löwen war nicht verblasst – er war nur neu geboren. Und in diesem Augenblick, da Kassandros seine Hand nach der Zukunft ausstreckte, begann eine neue Geschichte, eine, die die Säulen der Erde erschüttern würde.
