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Pacifico

Summary:

Adam reist rastlos durch ferne Länder, sucht Abstand und findet doch nur Erinnerungen. Die Sehnsucht wird zum ständigen Begleiter, doch das Leben zieht leise Kreise und manchmal führen sie dorthin zurück, wo alles begann.

Oder: Fünf Mal greift Adam fast zum Telefon, einmal tut er es.

Notes:

Eigentlich wollte ich mich nicht ins Spatort-Fandom ziehen lassen.
Nun… here we are, 10k später.
Irgendwie haben sich die ganzen kleinen Szenen in meinem Kopf festgesetzt und wollten geschrieben werden. Wie realistisch die Timeline ist, sei mal dahingestellt, seht es mir nach, es ist nur Fiction (Und der Spatort kann das auch gut).

TW:
- Gewalt (nicht zwischen Hauptcharakteren)
- Ungesunde Beziehungsdynamik, leichtes Machtungleichgewicht in einer von Adams früheren Beziehungen

 

Für meine Beta-Leserin. Du weißt, wer du bist. Du weißt, dass all das hier deine Schuld ist <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

I dreamt we were sailing

A silver boat

Cirrus and boundless

Pacifico

 

Came to tell you that I

Had to see you 'cause I

Went away too long

Came to tell you that I

Had to see you 'cause I

Can’t pretend no more

 

- Blanco White (feat. Jasmine Jethwa)

 

 

 

1

 

 

 

Rau.

 

Der Stoff des Leintuches rieb wie Sandpapier über seine klamme Haut. In ihm brannte ein Feuer, doch seine Gliedmaßen zitterten. Warum zitterte er so?

 

Ein unsäglicher Druck in seinem Kopf und immer wieder dieses Zittern. Juan musste hier im Raum sein und Cocktails mixen. Er musste der Shaker sein, warum sonst sollte ihm so schwindelig sein, obwohl er die Augen geschlossen hatte?

 

Oder nein, er lag in seinem Bett. Da hatte ihn Viktoria abgelegt, nachdem er heute morgen kaum die Treppen nach unten gekommen war und sie ihn gepackt und wieder nach oben verfrachtet hatte.

 

War das überhaupt heute morgen gewesen? Er hatte kein Gefühl für Zeit, nur für die sich immer wieder drehende Welt hinter seinen geschlossenen Lidern.

 

Der Ozean erstreckte sich vor ihm, der Strand, an dem sie bis jetzt fast jeden Abend verbracht hatten. Und manchmal sah er dort auch den Sonnenaufgang. Dann, wann es am stillsten war. Wo der kühle Wind am Morgen noch nicht der Hitze des Nachmittags gewichen war. Gänsehaut auf den Unterarmen. Angenehmes frieren.

 

Nicht so wie gerade.

 

Eine Tür öffnete und schloss sich sachte und trotzdem spürte er seine gesamten Muskeln zucken.

 

„Hast du was bekommen?“

 

„Ja. Keine Ahnung, was das Zeug taugt, aber naja…“, das Rascheln von Kleidung, ein Stuhl, der sich leise über den Holzboden schob. „Paracetamol. Kann man ja nicht viel falsch machen mit.“

 

Dann beugte sich jemand über ihn, eine kühle Hand auf seiner Stirn. Oder war sie heiß? War es die aufgehende Sonne? War er doch am Strand?

 

„Immer noch Schüttelfrost.“

 

„Ja. Wär‘ mir lieber, wenn er endlich ein wenig schwitzen würde.“

 

„Ach Adam, muss das genau heute sein, wenn Abdi nicht da ist?“, murmelte eine Stimme nah an seinem Ohr. Offenbar ja, wollte er zurückmurmeln, aber die Welt drehte sich viel zu sehr.

 

Er rutschte vom Sand ins Wasser, die Wellen schaukelten ihn, die Sonne immer noch heiß auf der Stirn. Aber Adam hatte kein Bedürfnis sich zu bewegen. Er ließ sich treiben. So weit hinaus, dass kein Strand mehr zu sehen war. Indigoblau verschwamm in Azurblau.

 

Und weiß. Ein Segel gespannt im Wind.

 

Adam!

 

Braun und Blau und Grün.

 

Adam, komm hoch.

 

Eine Holzleiter raus aus dem Wasser hinauf auf das Segelboot.

Ich kann nicht, mein Vater…

 

Unter ihm kein Wasser, sondern kühler Waldboden.

 

Bin doch nur ich hier.

 

Leo.

 

Braun und Blau und Grün und Warm. Streckte ihm die Hand entgegen und Adam streckte sich, griff danach. Erhaschte starke Finger und ließ sich nach oben ziehen, landete auf Knien und Händen im Baumhaus.

 

Leo griff ihm an die Stirn.

 

Du hast Fieber.

 

Ich weiß.

 

Leo packt ihn an der Schulter, zog ihn zu sich, in seine Arme.

 

Adam…

 

„Adam.“

 

Leos Geruch so vertraut, alles an dieser Szene so vertraut. Es war das Hintertürchen, dass sein Gehirn gelernt hatte zu nehmen, wenn es nicht wusste wo es sonst hin sollte. Früher, als es noch die Sohle der Stiefel seines Vaters war, die ihn am Boden hielt. Als er mit dem scheiß Hund draußen im Garten hat schlafen müssen. Als er den falschen Bus genommen hat und mitternachts an einem Bahnhof in Vientiane rausgeworfen wurde und seinen Vater zwar in Saarbrücken zurückgelassen hatte und dennoch die gleiche Angst verspürte, als er zwischen zwei Hunden im Hinterhof eines Supermarktes pennen musste.

 

Ein Zufluchtsort. Obwohl der Ort variierte. Es war nicht immer das Baumhaus. Manchmal war es auch der Angelplatz, an dem Leo mehrfach erfolglos versucht hatte mit der Angel seines Vaters etwas zu fangen. Oder Leos Schlafzimmerboden, von dem aus man das Indiana Jones Plakat an der Tür betrachten konnte (und auch Leo, der sich am Schreibtisch durch die Hausaufgabe quälte).

 

Vielleicht war es mehr eine Person, als ein Ort. Oder war der Ort die Person? Was auch immer. Leo, sein Zufluchtsort.

 

Und dennoch war er geflohen.

 

Was für ein riesiger Haufen Scheiße.

 

Die Welt drehte sich immer noch und Adam krallte die Hände in Leos Jacke.

 

Lass mich nicht los.

Mach ich nicht.

 

Er war so ein Heuchler.

 

Ich will nicht in einem Hostel in Indonesien abkratzen. Ohne dich.

 

Leo lachte ihm leise ins Ohr.

 

Tust du nicht.

 

Er begann Adam in seinem Arm zu wiegen. So wie es die Wellen taten. So wie es seine Mutter früher getan hatte. Ganz früher. Nur eine entfernte Erinnerung.

 

Und dann schlief er ein.

 

 

 

Er wachte auf, als ihn jemand aufrichtete und an seinem T-Shirt zerrte.

 

„Na komm schon, Großer.“

 

Wie durchgeschwitzt er war, bemerkte er erst, als die Luft auf seine nasse Haut traf. Lia warf das T-Shirt zu Boden und zwang ihm ein frisches über den Kopf. So sanft man so etwas eben machen konnte.

 

Verwirrt blinzelte er in ihre braunen Augen. Der Schwindel war weg, auch der Druck in seinem Kopf und die Bilder vom Strand. Er lag in seinem Bett, die Sonne war durch die geschlossenen Fensterläden zu erahnen.

 

„Warst ganz schön lang ausgeknocked.“ Sie griff nach einer Kanne mit dunkelbrauner Flüssigkeit und füllte einen Becher.

 

„Hier. Hat dir die Nenek gemacht. Wohl ihr Wunderheilmittel.“

 

Vorsichtig nahm Adam einen Schluck. Oh. War nur ein Kräutergebräu.

 

Er räusperte sich, suchte seine Stimme.

 

„Danke.“

 

Lia lehnte sich nach vorne, strich mit einem kühlen, feuchten Tuch über seine Stirn. Kämmte ihm mit den Fingern die Haare aus der Stirn.

 

„Sowieso, Großer.“

 

Lia war seine große Schwester. Geworden. Irgendwo, irgendwann in den letzten Monaten in Thailand hatte sie ihn einfach adoptiert und mitgenommen.

 

„Ich muss wieder runter. Kann ich dich alleine lassen? Du solltest sowieso noch ein wenig schlafen.“

 

Adam nickte, leerte einen ganzen Becher des Tees und legte sich zurück ins Bett.

 

Lia verließ den Raum und Adam versuchte sich zurück ins Baumhaus zu träumen. Versuchte sich Leo zu verbildlichen, sich zurück in seine Umarmung zu fühlen. Ohne Erfolg. Er seufzte. Wälzte sich im Bett, war gefangen zwischen der Erinnerung seines Fiebertraums und einer plötzlichen Sehnsucht nach Hause, die er nur ganz selten verspürte. Er setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett.

 

Lief die paar Schritte den Flur hinunter zum Gemeinschaftsbad um sich das Gesicht zu waschen, ärgerte sich beim Blick in den Spiegel darüber, dass er nicht wusste, ob sich Leo äußerlich in den letzten drei Jahren genau so verändert hatte wie er. Dass er in seinen Träumen immer nur die Version sah, gegen die er sich damals vor drei Jahren entschieden hatte.

 

Er blieb vor dem Telefon im Flur stehen.

 

Er hatte es noch nie benutzt, aber es wäre einfach.

 

So einfach.

 

Er kannte Leos Festnetznummer noch immer auswendig.

 

Es wäre so einfach.

 

Er könnte einfach den Hörer nehmen, die Zahlen eingeben, es ein wenig klingeln lassen und warten bis Leo abhob.

 

Dann würde er seine Stimme hören. Dann würde er ihn vielleicht lachen hören. Dann würde Leo seinen Namen sagen, genau so wie in seinem Traum, genau so wie früher. Könnte ihm sagen, wie sehr er ihn vermisste…

 

Erschrocken über seine Gedanken wandte sich Adam vom Telefon ab, lief schnellen Schrittes zurück in das Zimmer und legte sich ins Bett. Niemals würde Leo ins Telefon lachen, niemals würde er ihm sagen, dass er ihn vermisste. Leo wäre wütend, würde ihn dafür hassen, dass er ihn in Saarbrücken zurückgelassen hat.

 

Und dafür war Adam nicht bereit.

 

 

 

2

 

 

 

Michael lernte Adam über Trish kennen. Die er wiederrum in der Bar von Hannes kennenlernte. Hannes war vor vielen Jahren von Köln nach Pasadena ausgewandert und Adam hatte große Ohren bekommen, als er in Miami durch einen Mitreisenden erfahren hatte, dass Hannes immer wieder Weltenbummler für ein paar Monate anstellte.

 

Also hatte er sein Zeug gepackt, war nach Kalifornien aufgebrochen und stand nun für einen Lohn, der ihm gerade so den Aufenthalt finanzierte vier Mal die Woche hinter dem Tresen. Von allen Gastrojobs, die er in den letzten Jahren gemacht hatte, war ihm die Bar sowieso am liebsten. Der geeignetste Ort um Leute kennen zu lernen und auch zu seinem Schlafrhythmus passte diese Schicht besser, als der Frühstücksdienst, den er in Toronto machen musste.

 

In Hannes‘ Bar stand er meistens an der Zapfsäule. Der perfekte Job für einen echten deutschen jungen Mann, hatte Hannes an seinem ersten Tag gelacht und ihm viel zu fest auf die Schulter geklopft. Adam hatte höflich gelacht und nichts gesagt, auch wenn er der Meinung war, dass das Gebräu aus dem Durchlaufkühler nichts mit deutschem Bier zu tun hatte. Naja.

 

Trish und ihre Clique kamen meistens am Wochenende. Allesamt Studenten, Trish machte ihren Major in Deutsch, Adam vermutete, dass auch das ein Grund war, warum die Runde gern in Hannes‘ Bar kam. Natürlich machte das auch Adam zu ihrer Zielscheibe. Nicht, dass es ihn störte. Der Smalltalk mit ihr war lustig und es machte ihm auch nichts aus, ihr bei der Aussprache Nachhilfe zu geben, während sie an der Bar Getränke bestellte.

 

Und dann war da Michael, ihr älterer Bruder. Groß, muskulös an all den richtigen Stellen, schwarze Haare, grüne Augen und ein Lächeln zum Dahinschmelzen.

 

Den Adam seit ihrem ersten Aufeinandertreffen immer heimlich anstarren musste.

 

Der Adam dabei ertappte und zurücklächelte.

 

Und dann eine halbe Stunde später vor ihm am Tresen saß und Adam mit seiner charmanten Art fast die Sprache verschlug.

 

Und Adam konnte flirten. Wirklich. Er war geübt darin. Er fand Frauen gut und Frauen fanden ihn gut. Er hatte sich ausprobiert, hatte die kulturellen und nationalen Vorzüge jeder bereisten Nation auch im Bett erkundet, würde sich selbst als hingebungsvollen Liebhaber bezeichnen.

 

Aber wenn Michael ihn so ansah, seinen unteren Rücken beim Vorbeigehen streifte, auch am darauffolgenden Abend in der Bar auftauchte, Adam auf dem Weg zur Toilette kurz zurückhielt und ihm einen fast unschuldigen Kuss auf die Wange drückte, dann schien all seine Erfahrung nichts mehr wert zu sein.

 

Plötzlich war Adam, 24, doch nicht ganz so hetero wie gedacht und ein bisschen verknallt in den Typen, der ihn nach seiner Schicht nach Hause begleitete und ihn so lange gegen seine Tür küsste, bis Adam das Gefühl hatte zu ertrinken.

 

Sie sahen sich nur abends. Unter tags hatte Michael zu viel mit dem Studium zu tun.

Nach Adams Schicht, oder an Adams freien Abenden verbrachten sie die Zeit in Adams kleiner Wohnung. Manchmal einen Film schauend, aber meistens knutschend, fummelnd.

 

„Wollen wir morgen was unternehmen?“, fragte Adam. Er zog den Kopf leicht zurück, um Michael in die Augen zu schauen.

 

„Morgen? Was willst du denn machen?“

 

Es fiel Adam schwer sich zu konzentrieren, wenn sich Michaels Hände fortschreitend unter seine Kleidung schoben.

 

„Weiß nich“, murmelte er, ließ den Kopf wieder nach vorne in Michaels Halsbeuge fallen, musste ein leises Stöhnen unterdrücken, als dessen Lippen an seinem Kiefer entlangwanderten. „Zeigst du mir wo du wohnst?“

 

„Morgen bin ich mit Freunden verabredet“, murmelte Michael und drehte Adam auf den Rücken. So schnell konnte Adam gar nicht reagieren, hatte Michael sie beide schon von ihren Shirts entledigt.

 

„Kann ich ja mitkommen“, antwortete Adam etwas trotzig und erhielt genau die Reaktion, die er befürchtet hatte. Michael hielt inne, löste sich von ihm, setzte sich auf und seufzte.

 

Es war nicht das erste Mal.

 

„Adam“, sagte er, so sanft, dass sich etwas in Adams Bauch zusammenzog.

 

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

 

Er beugte sich hinunter und küsste Adams Nasenspitze. „Außerdem bin ich viel lieber mit dir alleine“, brummte er und packte alle Tricks aus, die Adam unter seinen Händen schmelzen ließen. Mit jedem Kuss schwand sein ursprüngliches Vorhaben.

 

Mit einer flüssigen Bewegung rollte er sich zwischen Adams Beine.

 

„Du hast mich gar nicht gefragt, was ich gern mal mit dir machen möchte.“

 

„Was denn?“

 

Ein zartes Lächeln umspielte Michaels schöne Lippen, als er den Kopf wieder hob und Adam tief in die Augen sah.

 

„Ich will mit dir schlafen.“

 

Adams rutschte das Herz in den Hals. Erst setzte es einen Schlag aus, dann raste es mit dreifacher Geschwindigkeit. Die Hände, die gerade noch locker auf Michaels nacktem Rücken geruht hatten verkrampften sich.

 

Er wollte mit ihm…

 

„Ich will dir ganz nah sein.“ Michael küsste ihn wieder, leidenschaftlicher diesmal und Adam wusste nicht wo ihm der Kopf stand. Natürlich hatte er schon darüber nachgedacht, aber…

 

„Willst du das auch?“

 

Wollte er das auch? Ehrlich gesagt, Adam hatte keine Ahnung. Sein Körper und sein harter Schwanz in seiner Hose hatten dazu eine ganz klare Meinung, aber sollte er das nicht mit jemandem tun, dem er zu hundert Prozent vertraute? War Michael so jemand für ihn? Sie kannten sich noch nicht so lange, aber bis jetzt war Michael immer zuvorkommend und liebevoll mit ihm gewesen und wenn er ehrlich mit sich war, dann konnte er schon von sich behaupten ziemlich verknallt zu sein.

 

Kopflos nickte er also.

 

„Worte, Adam. Ich brauche Worte.“

 

Er schluckte, sein Körper bebte.

 

„Ja.“

 

 

 

Der Puls in seinen Ohren war das einzige, das Adam für einen Moment hörte. Dann kamen langsam die Wahrnehmungen zurück. Sein eigener schwerer Atem, Michael, der gegen sein Schlüsselbein keuchte. Wie durch Watte nahm er wahr, wie der andere Mann sich von ihm löste und sich neben ihn rollte.

 

Scheiße.

 

Adams Kopf war noch zu keinem weiteren Gedanken fähig, außer:

 

Scheiße, war das geil.

 

Ohne sein Zutun brach sein Mund in ein Grinsen aus.  Er schloss die Augen, spürte seinem Orgasmus nach. Dem Flirren unter seiner schweißnassen Haut, den feuchten Resten seiner Lust auf seinem Bauch, dem Brennen zwischen seinen Schenkeln, den gereizten Muskeln in seinen Waden.

 

Irgendwo in der letzten halben Stunde hatte sich seine Welt auf der Achse verschoben, stand nun etwas schräger, etwas richtiger, drehte sich mehr in seinem Tempo.

 

Es war gut gewesen. Mehr als das. Es war perfekt gewesen. Michael war rücksichtsvoll gewesen, hatte sich immer rückversichert, war nicht zu weit gegangen.

 

Und Adams Herz war voll. Quoll fast über, bereute es nicht, sich dem hübschen Mann hingegeben zu haben.

 

Jetzt mehr denn je, wollte er ihm nah sein, gehalten und geküsst und gestreichelt werden, bis ihm die Augen zufielen. Er dreht sich zur Seite, wollte nach Michael greifen, um ihn an sich zu ziehen, doch der entsorgte gerade das Kondom und ließ sich dann auf die Bettkante nieder.

 

„Mmh“, murrte Adam, lechzte nach Aufmerksamkeit.

 

„Ich muss nur schnell ins Bad“, sagte Michael, lächelte ihn an und beugte sich kurz zu ihm, um ihm einen Kuss ins Haar zu geben.

 

Adam schloss die Augen, hörte das Rascheln von Klamotten, dann Michaels Schritte im Gang und die Badezimmertür. Die Toilettenspülung, das Waschbecken, kurze Stille und dann wieder die Tür. Schritte im Flur, an seinem Zimmer vorbei. Die Wohnungstür auf.

 

Und zu.

 

Und dann nichts.

 

Adam schlug die Augen auf, setzte sich auf und horchte in die Stille seiner Wohnung.

 

Was?

 

Michaels Klamotten waren weg. Das Handy, das auf dem Nachttisch lag, war weg.

 

Hektisch griff Adam nach einer Jogginghose, die am Boden lag, zog sie sich über und stolperte in den Flur. Ein eiskalter Schauer zog ihm die Wirbelsäule entlang. Das Badezimmer war dunkel, auch der kleine Wohnbereich war verlassen. Adam drehte sich im Stand in Richtung Wohnungstür.

 

Der Schlüsselanhänger, der innen am Schloss steckte wackelte noch vor sich hin.

 

Michael war weg.

 

Fuck.

 

Okay, vielleicht würde er gleich wiederkommen.

 

Adam zwang sich ins Badezimmer. Wusch sich die Spuren vom Körper, das Gesicht. Dann ging er zurück ins Schlafzimmer, setzte sich auf die Kante des Betts. Bestimmt würde er sofort wieder zur Tür reinkommen, warum sollte er denn einfach so abhauen? Das machte doch gar keinen Sinn. Sie hatten doch gerade miteinander geschlafen.

 

Er wartete.

 

30 Minuten starrte er in den Flur. Dann begann er langsam zu zittern, wusste er sollte sich unter die Decke legen, aber desto mehr die Erkenntnis in seine Knochen sickerte, desto weniger konnte er den Anblick seines Bettes aushalten.

 

Die Erkenntnis, dass Michael nicht wieder kommen würde.

 

Er stemmte sich hoch, wanderte zu dem kleinen Sofa, zog sich eine Zigarette aus der Packung und lehnte sich ins offene Fenster.

Von hier aus konnte man keine Sterne sehen, nur diffuse Beleuchtung und Gebäude.

 

Scheiße, hätte er Michael nachlaufen sollen?

 

Er könnte sich selbst verspotten. Natürlich nicht. Wie erbärmlich wäre denn das?

 

Müde stützte er den Kopf in die freie Hand, vergrub die Finger in die Haare, zog daran. Dann wieder an der Zigarette. Rauchte die auf, zündete sich die nächste an.

 

Er war so ein Vollidiot. Er hasste sich, hasste seinen Körper, wollte am liebsten aus seiner Hülle herauskriechen und seine Haut zurücklassen.

 

Er hatte sich ficken lassen von einem Mann, der direkt danach das Weite suchte. Trauerte ihm jetzt sogar nach, weil sein Herz die Message irgendwie noch nicht bekommen hatte.
Und warum wunderte es ihn überhaupt? Natürlich hatte Michael nicht das gleiche Empfunden, natürlich hatte er ihn nicht geliebt. Wie denn auch?

 

Nicht gut genug für die eigenen Eltern, nicht gut genug für einen Liebhaber.

 

Er wollte nicht heulen und konnte die Tränen doch nicht stoppen, die wie von selbst aus seinen Augen quollen. Die Kehle eng, der Atem flach.

 

Die Jahre bei seinem Vater hatten Adam jegliche Art von Schmerz gelehrt. Oder zumindest dachte er das. Denn dieses Verlassenwerden jetzt gerade, ließ Adam eine Leere spüren, die er so noch nicht kannte. Es war Frust und Wut und Kälte und ein dicker, fetter Knoten in seiner Brust, der sich immer mehr verkrampfte.

 

Und die Zeichen waren alle da gewesen, er hätte nur seine Augen dem öffnen müssen, was direkt vor seiner Nase war. Michael hatte einen Dreck auf ihn gegeben, er hatte nur ein Ziel gehabt. Aber die Hoffnung war schon immer Adams größter Feind gewesen.

 

Jetzt, mit Michael. Damals mit…

 

Er schüttelte den Kopf, zündete sich hastig eine neue Zigarette an. Dann hatte er morgen halt Halsweh, scheißegal. Was kümmerte es denn irgendwen?

 

Erst als die Sonne langsam am Horizont aufging, fand Adam in dieser Nacht ein wenig Schlaf. Immer wieder kreisten seine Gedanken um sein eigenes Versagen. War es sein Körper, seine Narben, gewesen, der Michael verschreckt hatte? Hatte er etwas falsch gemacht? Etwas Falsches gesagt? War das das Leben, das für ihn vorherbestimmt war?

 

Am Nachmittag packte er seinen Rucksack, buchte sich mit dem Handy ein Busticket und einen Schlafplatz und ließ ein paar Freunde wissen, dass er sich nun schon etwas früher als gedacht auf den Weg in den Süden machen würde. Adam wusste aus langjähriger Erfahrung, dass man als allein Reisender in der Regel nicht lange ohne Gesellschaft blieb, und er genoss beides, aber gerade jetzt wünschte er sich ein vertrautes Gesicht an seine Seite, jemanden, der ihn halten und trösten könnte, wenn auch nur ganz kurz.

 

Am Abend ging er zur Schicht, legte Hannes den Schlüssel zu seiner Wohnung auf den Tresen.

 

„Ich bin nach heute weg.“

 

„Oh, so überraschend?“

 

„Ja, gab eine Planänderung.“ Seine Augen huschten zu dem großen Tisch, der heute leer blieb. Kein Michael, keine Trish.

 

Hannes nickte nur grinsend. „Alles klar, Reisende soll man ja nicht aufhalten.“

 

Zu Sonnenaufgang saß er schon im ersten Bus raus aus Pasadena, durch L.A., Richtung Mexiko.

 

Im Ohr über die Kopfhörer hörte er Xavier Rudd von Neuanfängen singen.

 

Ja, Neuanfänge, die konnte Adam gut. Was für eine verfickt romantisierende Perspektive auf das, was er hier eigentlich seit Jahren tat.

 

Nämlich weglaufen.

 

Er nahm die ganzen Momente mit Michael, diese eine besondere Nacht, und sperrte sie weg, zu dem ganzen anderen Bullshit, an den er nicht mehr denken wollte. Gefühle verdrängen, neue Erlebnisse schaffen, nicht drüber nachdenken. Es akzeptieren und abhaken.

 

Weitermachen, weiter weglaufen.

 

Wem machte er hier etwas vor? Er war ein Heuchler. Wie lange musste er das alles hier noch machen, um es sich selbst abzukaufen? Er war doch keinen Deut besser. Michael hatte ihn benutzt und war abgehauen. Und er? Er war auch abgehauen, vor sechs Jahren. Leo hatte seinem Vater für ihn den Spaten übergezogen und Adam war weggerannt.

 

Ihm wurde schlecht.

 

Leo hatte immer alles für ihn getan, ohne wenn und ohne aber und ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden und Adam hatte immer genommen und genommen. Auch er hatte Leo benutzt, hatte ihn da metaphorisch auf der Bettkante sitzen lassen, sich nicht verabschiedet. Hatte am letzten Abend noch ‚bis morgen‘ gesagt, obwohl er wusste, dass er zu Sonnenaufgang nicht mehr in Saarbrücken sein würde.

 

Wie lange Leo wohl darauf gewartet hatte, dass er zurückkommt?

 

Der Gedanke daran brannte ihm ein Loch in die Brust. Erst jetzt wurde ihm so richtig bewusst, was sein Verschwinden mit Leo gemacht haben musste. Adam war doch da, war bei sich, aber für Leo war er einfach weggewesen. Für Leo war er ein Michael.

 

Aber Adam wollte kein Michael sein, Leo war wichtig. Leo war alles.

 

Seine Finger verkrampften sich um sein Handy. Es wäre so einfach, jetzt noch einfacher als vor drei Jahren.

 

Er wollte ihn anrufen, sich für die ganze Scheiße entschuldigen, bevor noch mehr bedeutungslose Zeit verging. Wollte ihm sagen, dass er ihm was bedeutete, dass er ihn nicht verlassen hatte, weil Leo Adam egal war und er ihn nur für seinen Dienst hatte benutzen wollen.

 

Wollte ihm sagen, dass er ihn nie vergessen hatte.

 

Diesmal würde er es wirklich machen.

 

Er tippte auf das Display. Hier hatte er sowieso kein Netz, musste warten bis er in irgendein W-Lan kam.

 

24 Stunden und zahlreiche Stopps später war er im Norden Mexikos. In einem Hostel, welches ihm auf dem Weg empfohlen wurde. Den ersten Abend verbrachte er mit zwei Spaniern und drei Kanadierinnen, eine davon vögelte er später in ihrem Leihauto, hinten am Parkplatz. Wollte Michaels Fingerabdrücke mit neuen, unverfänglicheren überschreiben.

 

Danach lag er im Bett, alleine, tippte Leos Nummer ein.

 

Da wo zuvor noch die Sehnsucht brannte, packte ihn nun die Angst und machte ihn starr.

 

Er löschte die Zahlen, sperrte sein Handy, legte es weg.

 

Kniff die Augen zusammen und drehte sich um.

 

 

 

3

 

 

 

In Cartagena war es nachts nie vollständig dunkel.

 

Das hatte sich Adam nur so lange gedacht, wie er im touristischen Altstadtzentrum übernachtet hatte. Dann war er mit Leif an den Stadtrand gefahren, zur Farm der Giraldos, auf der sie für Kost und Logis und ein wenig Taschengeld arbeiten konnten. Gustavo, der jüngste Sohn der Giraldos war selbst ein paar Jahre mit dem Rucksack gereist und hatte das Netzwerk für Backpackers nach seiner Rückkehr aufgebaut.

 

Hier am Stadtrand war nichts vom hellen, reichen Innenstadtleben zu spüren. Adam war nicht überrascht. Fast ein dreiviertel Jahr war seit den Staaten vergangen, die Schere zwischen Arm und Reich schockierte ihn hier nicht mehr. Dafür hatte er zu viele Städte wie diese hier gesehen.

 

Der Unterschied war besonders stark zu spüren, wenn man direkt aus der Stadt kam, so wie seine Gruppe das gerade tat.

 

Luis hatte Geburtstag, seine Mutter hatte ihm aus Belgien Geld geschickt, um seine auf der Reise kennengelernten Freunde einmal schick zum Essen einzuladen. Auf Adams eigenen Konto war vor ein paar Monaten kein Geburtstagsgeld zum 25. Geburtstag aufgetaucht. Es hätte ihn aber auch mehr schockiert als gefreut, wenn es so gewesen wäre.

 

Sie waren zu fünft unterwegs. Gustavo und Luis liefen voraus, neben ihm philosophierten Leif und Jackson über das Fußballspiel, das sie gerade in einer Bar verfolgt haben.

 

Das Taxi hatte sie am Stadtrand rausgelassen, von da an war es zwar noch ein Stückchen zu Fuß, aber es war eine warme Nacht und vor allem eins: billiger.

 

Vereinzelt saßen Leute auf Plastikstühlen vor den Gebäuden auf der Straße, die ein oder andere Kneipe gab es auch hier. Das Geräusch von Musik drang durch ein offenes Fenster irgendwo über seinem Kopf. Adam kannte die Straßen hier mittlerweile, auch, wenn er sie meistens tagsüber entlang lief.

 

Adam war müde, war vollgefressen, war verschwitzt und trotzdem gerade ziemlich zufrieden. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Sterne. Zog sich zwei Zigaretten aus der Jackentasche und zündete sie an. Dann trat er Luis sacht gegen die Wade, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.

 

„Geburtstagskind“, sagte er und hielt in der Dunkelheit eine der glühenden Zigaretten dem Belgier entgegen.

 

Luis lachte, nahm die Zigarette. „das sollte meine Mutter nicht erfahren.“

 

„Du bist ein schlechter Umgang, Adam“, rollte Leif mit den Augen.

 

„Ja. Naja.“

 

Die Straße runter hing eine einsame Straßenlaterne über der Kreuzung. Unter dem schummrigen Licht wurde lauthals gestritten. Eine Frau stand zwischen zwei Männern, versuchte zu schlichten, während sich über ihren Kopf Beschimpfungen an den Kopf geworden wurden, die auch Adam mit seinem schlechten Spanisch verstand.

 

„Beziehungsdrama“, murmelte Gustavo und lotste die Gruppe auf die andere Straßenseite.

 

Die Frau ging wieder dazwischen, gerade als einer der Männer ausholte und sie dabei im Gesicht erwischte.

 

„Ey“, knurrte Adam und war schon drauf und dran den Idioten zu konfrontieren, als Gustavo ihn am Ärmel packte und zurückhielt. Ungläubig starrte Adam in das Gesicht seines Hosts.

 

„Adam, nicht.“

 

Was nicht? Wollte er seinen Begleitern an den Kopf werfen. Nie wieder, hatte er sich geschworen, nie wieder würde er einfach tatenlos zusehen, wenn jemand Opfer von Gewalt wurde. Dafür hatte er schon das ein oder andere blaue Auge kassiert, aber whatever, das konnte er verkraften.

 

Doch dann ging alles ganz schnell.

 

Der Typ, der die junge Frau mit der Faust im Gesicht getroffen hatte, packte sie an der Schulter und warf sie gewaltsam hinter sich auf den Boden, mit der anderen Hand griff er unter seine Jacke an den Rücken und zog eine Waffe. Adam konnte den Blick gar nicht so schnell von ihr auf den Angreifer lenken, da hallte schon ein Schuss durch die sonst stille Nacht.

 

Der andere Mann ging mit einem erstickten Laut zu Boden.

 

„Fuck.“

 

Leif zog Adam und Jackson hinter Gustavo in die sichere Dunkelheit einer Seitengasse.

 

Wie durch eine Milchglasscheibe bekam er mit, dass Gustavo telefonierte, leise in sein Handy sprach. Dann bewegten sich seine Beine wieder, aber nicht durch seinen Willen, sondern weil Leif ihn immer noch mit sich zog.

 

„Adam, komm jetzt“, zischte er.

 

Aber das war die falsche Richtung. Er musste zurück, musste dem Mann helfen. Sie mussten erste Hilfe leisten, mussten das Arschloch mit der Waffe festhalten, mussten sichergehen, dass die Frau in Sicherheit war. Sie konnten jetzt doch nicht einfach abhauen.

 

Sie mussten warten bis die Polizei da war, mussten eine Zeugenaussage machen.

 

Das war doch alles falsch.

 

„Gustavo“, keuchte er. Scheiße, warum war er so außer Atem?

 

„Wir müssen zurück, der Typ…“

 

„Was, Adam? Willst du dich dazulegen?“

 

Gustavo, der sonst so sanft war, packte Adam wieder am Arm. Grob.

 

„Ich habe anonym den Notruf getätigt. Mehr können wir hier nicht machen, wir sind hier nicht in Deutschland!“

 

Wie auf Autopilot lief Adam der Gruppe schnellen Schrittes nach, zurück nach Hause, durch das Tor der Farm und erst da erlaubte er es sich, durchzuatmen.

 

„Fuck“, hauchte er, suchte mit zitternden Fingern nach den Zigaretten in seiner Jackentasche.

 

Lange Zeit sagte niemand von ihnen etwas.

 

Scheiße, was war hier gerade passiert.

 

„Will noch jemand ein Bier?“, fragte Gustavo dann, aber Adam wollte lieber kotzen, anstatt noch etwas zu trinken.

 

Eine unbeschreibliche Hilflosigkeit packte ihn und lief ihm eiskalt durch die Adern. Er wusste, dass die Welt ungerecht war, aber er hatte das Gefühl, dass er gerade den härtesten Realitycheck seit… seit Saarbrücken erhalten hatte.

 

Gustavo stand hier und fragte, ob jemand Bier wollte und Adam? Adam hatte das Gefühl Blut von seinen Händen waschen zu müssen.

 

„Ich geh ins Bett“, murmelte er.

 

Leif hielt ihn an der Schulter zurück, drückte kurz versichernd zu.

 

„Alles okay?“

 

Nein, nichts war okay. Er hatte gerade das Gefühl hier der einzige zu sein, der nicht mit der Situation klarkam, die sie gerade mitansehen mussten. Als wäre er der Einzige, dem die Abgefucktheit von allem wie Blei im Magen lag.

 

Das hier waren seine Freunde und trotzdem konnte er sich nicht gegen das Aufkeimende Gefühl von Einsamkeit wehren.

 

Stumm nickte er und ging ins Haus.

 

Schlafen konnte er nicht.

 

Immer wieder wälzte er sich hin und her, die Bilder liefen wie in Endlosschleife vor seinem inneren Auge ab. Wenn sie nur früher eingeschritten wären. Sie waren zu fünft gewesen, sicherlich hätten sie etwas tun können.

 

Aber da war diese verfickte Waffe gewesen. Gustavo hatte genau gewusst, warum er ihn zurückgehalten hatte. Vermutlich hatte er ihm sogar damit das Leben gerettet.

 

Unwillkürlich musste Adam an Leo denken.

 

Ich will mal zur Polizei.

 

Was willst du denn bei der Polizei?

 

Leos Augen hatten gefunkelt, damals in der Dämmerung am See.

 

Die Menschen beschützen. Das Richtige tun.

 

Adams Herz pochte wild bei der Erinnerung. Ja, das Richtige tun. Das wollte er auch. Mehr als alles andere. Es war nur seine Angst, die ihn immer wieder zurückhielt, davonlaufen ließ.

 

Leo hatte schon immer einen so ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt. Hatte die Häme und den Spott in der Schule kassiert, weil er sich an die Regeln hielt, sich an Lehrkräfte wendete, wenn jemand nicht fair behandelt wurde. Hatte diesen Sinn für Fairness in der Pause am Schulhof mit der flachen Hand im Gesicht bezahlt.

 

Das Leben war schon immer ungerecht gewesen.

 

Aber Adam konnte Leo jetzt verstehen. Wenn Leo nur eine Uniform hätte und eine Waffe, dann brauchte er keinen Adam, der ihm die Idioten vom Hals hielt. Dann hielt er die Idioten anderen vom Hals. Dann hätte er es in der Hand. Hätte Adam heute eine Waffe und eine Uniform und Handschellen getragen, dann wäre er nicht so machtlos gewesen.

 

Unwillkürlich wanderten seine Gedanken zu einem Leo mit einer Waffe. Sein Gehirn zeigte ihm ein Bild von Leo mit dem Spaten.

 

Nein, nicht so. Sondern in Uniform. Breitere Schultern, größer. Ob er jemals seine Stirnfransen losgeworden war? Ob er mittlerweile gleich groß wie Adam war?

 

Blind griff Adam nach seinem Handy und öffnete Facebook. Seine Finger zögerten kurz über der Tastatur. Dann gab er Leos Namen ein.

 

Da, das zweite Profil.

 

Adam schluckte. Das war zweifelsfrei Leo. Älter, aber irgendwie immer noch jugendlich. Er war die Stirnfransen losgeworden, stattdessen trug er eine Kurzhaarfrisur, lächelte vorbildlich in die Kamera, trug einen dunkelblauen Pullover.

 

Diese Augen. Blau und Grün.

 

Ein Brennen breitete sich in Adams Brust und Hals aus. Sein Bild verschwamm. Erst nach einer Weile bemerkte er, dass es Tränen waren, die sich dort gesammelt hatten. Er wollte mit Leo über den heutigen Abend sprechen, ihm alles erzählen, sich von ihm umarmen lassen.

 

Das war Leo. Sein Leo.

 

Er war so hübsch.

 

Nur ein Klick entfernt.

 

Mit zitternden Fingern öffnete er Leos Profil, doch seine Informationen waren natürlich alle privat. Nur ein paar Details wie den Geburtsort, die Schule und den Geburtstag konnte Adam herauslesen. Aber das waren Dinge, die er sowieso schon wusste, die er nicht wieder vergessen würde.

 

„Vorbildich“, murmelte Adam mit einem Grinsen erstickt in die Stille.

 

Er könnte ihm eine Freundschaftsanfrage schicken. Leo würde ihn vielleicht zuerst nicht erkennen, Adam hatte seinen Namen nirgendwo hinterlegt. Aber auf den Bildern, auf denen ihn Reisebekanntschaften markiert hatten könnte man ihn erkennen. Oder würde Leo ihn erkennen?

 

Was, wenn Leo ihn erkannte und seine Freundschaftsanfrage ablehnte? Weil es mittlerweile sieben Jahre her war, dass Adam von einem Tag auf den nächsten einfach verschwunden war. Weil er Adam aus seinem Leben und seinem Gedächtnis gelöscht hatte.

 

Seufzend schloss er die App. Es war vermutlich besser so, Leo war ohne ihn besser dran.

 

 

 

Drei Wochen später nahm Adam das Ersparte für den Flug zurück nach Europa, nach Berlin.

Sieben Jahre lang hatte er in Deutschland kaum Spuren hinterlassen, abgesehen von Dingen wie sein Bankkonto.

 

Das würde sich jetzt ändern, dachte er, als er die Bewerbung an die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Studiengang Polizeivollzugsdient, abschickte.

 

 

 

4

 

 

 

Die Autotür öffnete sich leise.

 

Adam nahm die Augen nicht vom Wohnungseingang, hörte nur, wie sich jemand neben ihn in den Beifahrersitz schob.

 

Die Autotür schloss sich genau so sanft. Das Licht war nicht angegangen.

 

„Hier, Schürk“, sagte Lisa und warf ihm eine Tüte Chips in den Schoß.

 

Müde blinzelte er gegen das Brennen seiner Augen an.

 

„Hast du…?“

 

Ein seufzen.

 

„Klar.“

 

Neben der Tüte Chips landete ein Schokoriegel.

 

Erleichtert schnaubte er durch. Er konnte nichts salziges snacken, ohne einen süßen Abschluss zu haben. Er wusste eben, was ein gutes Menü war.

 

Lisa war nur zwei Jahre jünger als Adam, ihr 30. war eine der legendärsten Partys, die Adam im vergangenen Jahr miterlebt hatte.

 

„Und du?“

 

Sie zückte ein in Frischhaltefolie eingewickeltes Brötchen.

 

Adam schnaubte.

 

„Wow. Echt? Du macht jetzt sogar schon zur Observation Meal-Prepping?“

 

„Im Gegensatz zu dir, Schürk, legt sich dieses ganze“, sie machte eine Handbewegung zu den Chips und der Schokolade „bei mir deutlich schneller an. Kann nicht jeder den Stoffwechsel eines Heranwachsenden haben.“

 

Sichtlich genervt biss sie in ihr Brötchen. Bestimmt irgendwas mit Chiasamen und Kresse, mutmaßte Adam, als er ihr einen entschuldigenden Blick zuwarf und die Chipspackung öffnete.

 

Eine Weile war es ruhig, als sie in Stille herumkauten. So still es eben sein konnte, wenn sich Adam eine Hand voll Chips nach der nächsten hineinstopfte.

 

„Der kommt heute nicht mehr, was machen wir hier“, seufzte seine Kollegin und lehnte sich gegen die Fensterscheibe.

 

„Kennst doch den Bader. Wenn der sich was einbildet, dann haben wir zu springen“, bot er an.

 

Die Observation war ihm relativ egal. So etwas wie einen regelmäßigen Schlafrhythmus hatte Adam noch nie vorzuweisen gehabt. Na gut, kurz nach dem Studium, da hatte er seinen Berufseinstieg schon sehr ernst genommen, aber das war mittlerweile auch schon ein Weilchen her. Aber er wusste, wie sehr Lisa unter den langen Schichten litt.

 

„Der geht mir echt auf den Sack. Kann der nicht in Rente gehen oder sonst was machen?“

 

„Na, wie redest denn du über unseren Vorgesetzten?“, grinste Adam und sah sie gespielt schockiert an.

 

Wen interessierte schon die Wohnhaustür, ihr Verdächtiger würde heute Nacht wirklich nicht mehr auftauchen.

 

Lisa rollte mit den Augen. Dann fiel ihr Blick auf den Schokoriegel in Adams Schoß.

 

„Darf ich ein kleines Stück?“

 

Adam brummte bestätigend.

 

„Brauchst dem Bader nicht so in den Arsch kriechen, bist doch gerade erst befördert worden, Herr Kriminaloberkommissar “, sagte sie dann nach einer Weile und rempelte ihm gegen die Schulter.

 

Adam schnalzte mit der Zunge. „Jahaa, aber ich will ja auch nicht zu lang auf die nächste warten.“

 

„Na so toll ist der Gehaltssprung auch nicht“, murmelte Lisa und ließ sich noch ein wenig tiefer in den Autositz sinken.

 

Das nicht, dachte Adam, aber dann müsste er sich nicht mehr ständig von Bader und seinen Vollidioten von Kollegen herumkommandieren lassen.

 

„Wo warstn vorgestern Abend? Keine Lust auf Spieleabend?“

 

Die Chipstüte war mittlerweile leer. Adam fischte nach der Wasserflasche im Seitenfach des Wagens.

 

Lisa zögerte.

 

„Ich hatte ein Date.“

 

Fast verschluckte sich Adam und setzte die Flasche schnell wieder ab.

 

„Ein Date?!“ Er wollte nicht schmunzeln, er freute sich ja für Lisa, wusste, dass sie sich eine Familie wünschte. Aber er kannte sie auch seit dem Studium und naja, als richtigen Beziehungsmenschen würde er sie jetzt nicht gerade beschreiben.

 

Nicht, dass er darüber urteilen sollte. Er, der sich vehement gegen Gefühle jeglicher Art weigerte und auch nie jemanden öfter als fünf Mal traf.

 

„Ich wusste, dass du so reagierst…“

 

„Nein! Sorry, okay. Erzähl. Wer isses? Wie war es?“

 

Lisa seufzte.

 

„Er heißt Lukas. Kriminalhauptkommissar. Aus Brandenburg.“ Jetzt drehte sich Lisa doch zu ihm, um ihm verschwörerisch zu zu grinsen. Oh, die hatte es wohl erwischt.

 

„Ein Bulle?“

 

„Naja, wenn jemand versteht wie stressig dieser Job manchmal ist, dann wohl eher jemand vom Fach.“

 

Da hatte sie natürlich recht. Adam gab sich bei den meisten Bekanntschaften nicht mal genug Mühe zu erklären was er eigentlich wirklich beruflich machte, sondern blieb bei einem einfachen ‚Ich bin Polizist‘.

 

„Und, wo habt ihr euch kennen gelernt?“

 

„Wo man sich eben so kennenlernt, heutzutage.“

 

Adam war wirklich die falsche Person für so ein Rätselraten. Er hatte keine Ahnung, wo sich Menschen heutzutage kennenlernten.

 

„Auf ner Dating App“, fügte Lisa also noch hinzu.

 

Adam summte, schob sich den Schokoriegel in den Mund.

 

„Ein süßer?“

 

Lisa lachte.

 

„Ein ganz süßer. Würde dir gefallen, genau dein Typ.“

 

Das „Ich habe keinen Typen“, verschluckte Adam im Versuch mit vollem Mund zu sprechen.

 

„Jedenfalls hat er mich zum Essen eingeladen und dann waren wir noch spazieren. Richtig langweilig, i know. Aber er war echt unglaublich nett. Und…“, sie fummelte am Saum ihrer Jacke, grinste leicht debil, „er schreibt mir auch ständig. Nächste Woche sehen wir uns wieder.“

 

„Komm. Ich will n Foto sehen“, sagte er dann. Hoffte, dass zumindest Lisa die Wohnhaustüre einigermaßen im Blick hatte.

 

Sie zückte ihr Handy. „Hab kein richtiges, kann dir nur sein Instaprofil zeigen.“ Sie öffnete die App, klickte auf das Suchsymbol, dann auf den ersten Namen in den letzten Suchanfragen. Adam musste sich das Lachen verkneifen.

 

„Seine Bilder sind nicht ganz so aktuell…“, begann Lisa, da hatte Adam schon das Handy in der Hand und scrollte durch die sehr spärlichen Beiträge. Lukas Grabner, um die 35, gut gebaut, muskulös, kurzes dunkles Haar, ein breites Lächeln. Sehr gutaussehend. Auf den meisten Bildern war er sportlich aktiv unterwegs, aber das passte ja zu Lisa.

 

Der graue Ring rund um sein Profilbild fiel Adam ins Auge. Eine aktuelle Story, aber Lisa hatte sie schon angesehen.

 

„Kann ich?“, fragte er aber trotzdem aus Höflichkeit.

 

Lisa nickte, murmelte: „Ist grad auf einer BKA Fortbildung.“

 

Adam öffnete die Story. Auf dem Bild erschien eine Gruppe junger Männer in Sportshirts mit dem Logo der Polizei. Adam hatte auch so eins, irgendwo. Er brauchte es halt nie. „#Taktische Bewegungstechniken im urbanen und nicht-urbanen Gelände“ stand da quer unter dem Bild. Dahinter dieser Emoji, der zwinkerte und die Zunge rausstreckte. Adam wollte mit den Augen rollen. Er erinnerte sich an die Ausschreibung, die ihnen ihr Teamleiter vor einiger Zeit weitergeleitet hatte. Taktisches Verhalten und Eigensicherung im kriminalpolizeilichen Einsatz irgendwas in Wiesbaden. Normalerweise hatte Adam nichts gegen Schulungen. Es war eine willkommene Abwechslung. Aber bei dieser war er froh gewesen, nicht in den Kreis der geeigneten Teilnehmer gefallen zu sein. Er hatte nur was von ‚Konditionstraining‘ und ‚Praxisübungen mit Ausrüstung‘ und ‚körperliche Grundfitness vorausgesetzt‘ gelesen und gewusst, dass diese Weiterbildung voll von Sport- und Gymultras sein würde. Und oh, wie recht er offenbar hatte.

 

Auf dem Bild standen fünf Männer in Sportklamotten zusammen, einer fitter, als der andere. Sie machten Daumen-Hoch Zeichen, flexten oder hielten sich an den Schultern.

 

Na da hatte Lisa ja wirklich ihren Deckel zum Topf gefunden.

 

Lukas stand in der Mitte und grinste in die Kamera. Wirklich ganz schön attraktiv. Aber der Typ rechts von Lukas…

 

Adam drückte den Daumen auf den Bildschirm, stoppte die Story.

 

Das war doch…

 

…Scheiße.

 

„Scheiße.“

 

Da grinste niemand geringeres als Leo Hölzer in die Kamera.

 

„Was denn?“ Lisa neben ihm, hatte hoffentlich noch das Wohnhaus im Blick. Denn Adam konnte nicht wegsehen.

 

Grün und Blau strahlten in die Kamera, aber sonst war da nicht viel von dem Leo übrig, den er in Erinnerung hatte. Bis auf dieses perfekte Zahnarztlächeln.

 

Dieser Leo war groß, breit, muskulös, hatte Bart.

 

Leo hatte Bart. What the fuck.

 

„Was ist denn?“ Wieder Lisa.

 

Leo war damals schon hübsch gewesen, aber nun fiel Adam gar kein passendes Adjektiv mehr ein. Generell hatte es ihm die Sprache verschlagen. Er wollte einen Screenshot machen, wollte ran zoomen, wollte…

 

„Weißt du, wer das ist?“, fragte er also und zeigte auf Leo.

 

„Nö.“

 

Adam reichte ihr das Handy zurück.

 

„Kannst du--“ er räusperte sich. Irgendwie war sein Hals plötzlich so trocken. „Kannst du Lukas fragen, wer sein Kumpel da ist?“

 

Auch wenn er es wusste, weil er Leo immer erkennen würde. Aber er brauchte die Gewissheit.

 

„Okay…“, sagte Lisa zögerlich.

 

„Sag, dein Kollege lässt fragen“, weil er wusste, dass das vielleicht eine etwas weirde Anfrage war. „Keine Namen“, fügte er noch hinzu.

 

Lisa sah ihn fragend an. „Und verrätst du mir dann auch wieso?“

 

Ganz bestimmt nicht.

 

„Vielleicht.“

 

„Adam.“

 

„Okay. Ich glaub ich kenn den von früher.“ Das war die maßloseste Untertreibung.

 

Lisa tippte eine Nachricht an Lukas und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Natürlich nicht, wie das bei Verliebten eben war. Super effektiv bei Ermittlungen.

 

„Er schreibt: Hölzer, KHK, Kripo Saarbrücken. Klingelt da was?“

 

Und wie es da klingelte. In Adams Ohren klingelte ein ganzes Glockenspiel.

 

Leo war in Saarbrücken. Leo war bei der Kripo. Das konnte doch nicht wahr sein.

 

„Bin mit dem auf die Schule gegangen“, sagte er knapp, weil er irgendetwas sagen musste.

 

Für den Rest der Nacht war Adam für nichts mehr zu gebrauchen. Falls Lisa auffiel, wie sehr er in seinen Gedanken hing, so sagte sie nichts dazu.

 

Immer wieder musste er an Leos Gesicht denken. Endlich, endlich, hatte er ein aktuelles Bild von ihm. Das Grinsen musste er hinter seiner Hand verstecken.

 

Leo.

 

Leo.

 

Er dacht daran, was wohl passiert wäre, wenn Adam bei der Schulung aufgekreuzt wäre. Vermutlich wäre er, wie schon erwähnt, für nichts mehr zu gebrauchen gewesen, hätte nur Leo anstarren können. Vielleicht hätten sie sich nebeneinander gesetzt, sich so blöd angegrinst, wie Adam sich gerade fühlte. Beim Mittagessen wäre Adam Leo nicht von der Seite gewichen, hätte ihn ausgefragt, über alles. Alles, was er in den letzten zwölf Jahren gemacht hatte.

 

Adam wollte alles von Leo wissen, alles von Leo kennenlernen. Wollte diesen Mann, der einst ein Junge, der einst sein bester Freund war wieder kennen.

 

Das Bedürfnis war so groß, dass er am nächsten Tag im Büro versuchte so viel über Leo zu erfahren wie möglich. Was nicht viel war, denn Adam hatte keinen Zugriff auf nichts, wenn es um die Polizeiinspektion Saarbrücken ging. Frustriert probierte er es über die HS Göttelborn. Wenn Leo bereits Hauptkommissar war, dann musste er dort studiert haben. Niemand kletterte mit Versetzung und Anerkennung so schnell die Karriereleiter hoch. Nicht mal Leo.

 

Wirklich fündig wurde Adam nicht. Ein paar alte Einträge der Hochschule, ein Jahrgangsfoto. Und je mehr er in Leos Vergangenheit wühlte, desto größer wurde sein schlechtes Gewissen. Immerhin hatte Leo gar keine Ahnung, was aus Adam geworden war.

 

Er würde sich Leos Nummer besorgen, ein paar Kontakte hatte er ja. Und dann würde er ihm schreiben. Dass er zufällig ein Foto von ihm gesehen hätte und wie lustig, dass sie beide jetzt bei der Kripo waren und das letzte Treffen wäre ja schon eine Ewigkeit her, sie sollten sich mal treffen, wenn Leo in Berlin oder Adam in Saarbrücken war und ein wenig quatschen. Wär‘ sicher nett.

 

Ja, das würde er machen. Leo mal anschreiben, ganz unverfänglich.

 

Demnächst würde er das machen.

 

Wenn er Zeit hatte, aber dann wirklich.

 

 

 

5

 

 

 

„Haben wir genügend Sektflaschen? Thomas, haben wir genügend Sektflaschen?“, Marina war noch dabei sich hektisch den Mantel überzuwerfen, da wurde im Radio schon von Weniger als 2 Minuten gesprochen.

 

Adam zündete sich eine Zigarette an.

 

Die letzten Gäste von Marina und Thomas‘ Silvesterfeier schlüpften in ihre Schuhe, huschten nach draußen auf den Balkon, von dem aus man eine wunderschöne Sicht über die umliegenden Dächer Berlins hatte.

 

„Hier“, sagte Nora und reichte Adam ein Glas Sekt.

 

Links und rechts zündeten schon die ersten verfrühten Raketen.

 

„Hat jeder was zu trinken?“ Marinas laute Stimme, über das Gewusel und das Radio.

 

Auf irgendeinem Balkon nicht weit von ihnen hörte Adam mit leichtem Versatz den gleichen Radiosender widerhallen.

 

„Gleich geht’s los.“

 

Adam drückte die Zigarette im leeren Blumentopf aus.

 

10…

 

9…

 

8…

 

7…

 

6…

 

Dass aber auch immer alle so ein Spektakel aus Silvester machen mussten.

 

„Fünf!“

 

„Vier!“

 

Gut, dann zählte er eben mit.

 

„Drei!“

 

„Zwei!“

 

Nora schlang den freien Arm um seine Taille.

 

„Eins!“

 

„Frohes neues Jahr!“

 

Der Himmel erleuchtete in strahlenden Lichtern, die Musik wurde lautgedreht, Jubel vermischte sich mit Lachen.

 

„Frohes neues Jahr, Adam!“, sagte Nora, sah zu ihm auf. Ihr langes, gelocktes braunes Haar hatte sie halb hochgesteckt.

 

„Frohes neues Jahr“, antwortete er, zog sie in eine Umarmung an sich. Er küsste ihr Haar, lehnte sich nach unten, flüsterte ihr ins Ohr. „Den Kuss gibt’s dann später, ja?“

 

Weil er sie nicht hier zu Silvester küssen würde. Weil es für sie etwas anderes bedeuten würde, als für ihn. Sie hatten darüber gesprochen. Bereits vor Wochen.

 

‚Adam Schürk doesn‘t do dating‘ hatte er da augenzwinkernd gesagt und Nora hatte gelacht.

Sie waren nackt und im Bett und eigentlich hatte er keine große Lust sein verkorkstes Gefühlskorsett auszubreiten, aber er wusste, dass er ihr erklären musste, wo er stand. Wo sie stand. Und wo sie nie stehen würden, so gerne er sie um sich hatte. ‚So generell oder nicht mit mir?‘ hatte sie wissen wollen. ‚Generell‘, hatte Adam geantwortet ohne zu zögern. Nora hatte ihn wissend angeguckt. ‚Hm. Gebrandmarkt?‘ War er das? Vielleicht, in gewisser Weise. Aber dann auch wieder nicht, denn er hatte ja auch nichts gegen Beziehungen, er… er fühlte nur halt nie so. So, dass es genug war. Sein Herz war einfach nicht zu haben. So gut es ging hatte er versucht es Nora zu erklären und sie hatte zugehört, sich wieder an seine Seite gelegt und mit den Schultern gezuckt. ‚So ist’s ja auch ganz schön.‘

 

War es. So war’s auch okay.

 

Nora löste sich wieder von ihm und Adam wünschte Leuten ein gutes neues Jahr die er besser und schlechter kannte. Umarmte, stieß an, klatschte ab.

 

Ja, so war es okay. Eigentlich ganz schön. Die Arbeit machte Spaß, das Team war nett. Er hatte einen Freundeskreis hier, Leute auf die er sich verlassen konnte, Leute für die er gerne da war. Das mit Nora war schön, einfach, zwanglos. Und doch. Und doch…

 

Und doch lag da eine Mail in seinen Entwürfen, fertig geschrieben, bereit verschickt zu werden, von der er noch niemandem erzählt hatte.

 

Sein Blick fiel auf Thomas und Marina, die eng umschlungen im Eck des Balkons standen und leicht zur Musik schaukelten. Die Augen geschlossen, die Welt unwichtig.

 

Und doch war das hier in Berlin nicht alles, konnte nicht alles für ihn gewesen sein.

 

Es zog ihn zurück. Weg von hier. Immer öfter hatte es ihn im letzten Jahr eingeholt. Alles. Seine Vergangenheit und das, was er zurückgelassen hatte.

 

Sein Kollege hatte es beim Mittagessen ausgeplaudert, vor ein paar Wochen. Dass wohl ein Tauschgesuch von Saarbrücken nach Berlin in der Personalabteilung eingegangen war. Beim Mord und Adam sei doch Saarbrücker, war zwar nicht das LKA, da gäbe es sicher keine organisierte Kriminalität mehr für ihn, aber ‚Heimat ist doch Heimat, klein aber fein‘, ob das nicht was für ihn wäre. Sein Kollege hatte es im Spaß gesagt, aber Adam hatte der Gedanke nicht mehr losgelassen.

 

Über Wochen war die Idee aus einem kleinen Keim gewachsen, hatte Form angenommen. Irgendwann hatte er sich das Formular runtergeladen, irgendwann hatte er es ausgefüllt. Dann hatte er es in eine Mail gepackt und schließlich die Mail geschrieben. Hatte sie nicht abgeschickt, aber in seinen Entwürfen gespeichert. Damit sie da war. Wenn er so weit war.

 

Sein Blick hing immer noch an Thomas und Marina und er dachte an Leo. Stellte sich vor, wie es wohl war jemanden so sehr zu lieben, dass man alles um sich herum vergaß. Dachte immer noch an Leo. Dachte an früher, an ganz früher, wo er alles vergessen hatte können, so lang er mit Leo zusammen war. Jeden Schlag, jede Träne, jedes Zünglein Wut.

 

Die Wärme bei dem Gedanken nährte die Knospe in ihm.

 

Jemand klopfte ihm auf die Schulter, riss ihn aus seinen Gedanken, verwickelte ihn in ein Gespräch. Aber die Wärme verging nicht.

 

Auch nicht Stunden später, als die Morgendämmerung langsam über Berlin hereinbrach und er wach wurde, als Nora so leise es ging seine Wohnung verließ.

 

Adam zog sein Handy hervor, öffnete das Mailprogramm. Antrag auf Tauschgesuch stand da im Betreff.

 

Adam drückte auf Senden.

 

Das vertraute Geräusch ließ ihn wissen, dass die Mail durch war.

 

Er fiel zurück in sein Bett. Draußen war es eisig kalt, aber in Adam blühte gerade etwas auf.

 

Es würde bestimmt nicht lange dauern, bis der Antrag bearbeitet werden würde. Sollte er sich gleich in Saarbrücken melden? Sollte er Leo vorwarnen? Auf jeden Fall sollte er das tun. Er hatte keine Ahnung, ob Leo beim Mord war, aber wenn ja, dann wären sie Kollegen. Dann sollten sie zusammenarbeiten können. Dann sollten sie sich vor allem vertrauen. Zu gerne würde er das Gesuch als Vorwand benutzen, um mit Leo zu sprechen. Nicht beruflich, sondern privat. Einfach wissen, wie seine Stimme jetzt klang, wäre schon genug.

 

Vielleicht sollte er sich auch gleich eine Wohnung suchen.

 

Wäre da nicht diese nagende, zweifelnde Stimme in seinem Inneren.

 

Was, wenn er sich in Saarbrücken vorstellte und Leo schon vor seiner Ankunft kundtat, dass er nichts mit Adam zu tun haben wollte? Oder schlimmer, dass ihn Adams Rückkehr nicht im Geringsten berührte, völlig gleichgültig war? Was dann?

 

Oh Gott, was wenn er einen riesigen Fehler begangen hatte?

 

Vielleicht sollte er mit der Wohnung noch ein bisschen warten.

 

Nein, das war Bullshit. Er freute sich doch. Er war bereit. Er wollte das.

 

Und er wusste, dass es das wert war. Zurück in die Stadt, in der seine Mutter war. Zurück in die Stadt, in der die Drecksau eines Vaters noch immer im Koma lag. Zurück in die Stadt, die es nie gut mit ihm gemeint hatte.

 

Vermutlich würde es zu Beginn richtig beschissen werden. Den ganzen Müll aus seiner Vergangenheit, den konnte er dann nicht länger in der Schublade lassen, den musste er dann irgendwann mal aussortieren. Musste sich dann in Saarbrücken vermutlich früher oder später mal mit sich selbst beschäftigen, aber das würde es wert sein. Er wusste es, da tief in seinem Bauch, unter der ganzen blanken Panik, die langsam auf ihn einprasselte, als er realisierte, was er im Begriff war zu tun, blühte eine zarte Blume namens Hoffnung.

 

 

 

+1

 

 

 

Alles war es wert gewesen.

 

Die ganze Scheiße.

 

Die ganzen letzten Jahre.

 

Alles.

 

Nur um an einem lauen Juniabend auf Leos Balkon auf der zusammengezimmerten Gartenlounge zu sitzen und nichts zu tun.

 

Außer Leo zu beobachten.

 

Leo ließ die Holzplanke fallen.

 

„Die ist zu kurz“, murmelte Leo. Fassungslos. Dann sah er auf, sah Adam an.

 

„Adam, die ist zu kurz. Warum ist die zu kurz?“

 

Leo seufzte, ließ die Schultern hängen, sah fast aus wie ein junger Bub, etwas geknickt. Nur, dass er ein enges weißes Tanktop und eine kurze Hose und Arbeitshandschuhe trug und verschwitzt war und der Rest von ihm so gar nicht an einen jungen Buben erinnerte.

 

„Ich hab‘ das nicht gemessen“, antwortete Adam nur.

 

„Scheiße, was hab‘ ich da gemacht?“, lachte Leo, nahm die Holzplanke wieder in die Hand und hielt sie an die Stelle, an der er die alte, vermorschte vor ein paar Tagen entfernt hatte. Die Holzplanke war wirklich zu kurz. Aber Adam schätzte, dass das keine zehn Zentimeter sein konnten.

 

„Das fällt doch nicht auf.“

 

„Was? Natürlich fällt das auf. Guck.“

 

Die Planke sollte mit den nebenliegenden an der Kante abschließen, jetzt war da ein kleiner Spalt. Wirklich kaum der Rede wert. Adam verstand sowieso nicht, warum Leo hier wegen einer Planke so einen Aufstand machte und bereits den zweiten freien Samstag damit verbrachte, eine einzelne Latte auszubessern. Adam hätte gewartet, bis der ganze Balkonboden abfault und dann hätte er das auch nicht selbst gemacht, sondern der Hausverwaltung Bescheid gegeben.

 

„Vielleicht hat mein Vater noch eine übrig, dann könnte ich mir die heute noch zuschneiden.“

 

„Leo…“

 

Aber so war Leo nicht. Leo war empfänglich dafür, wenn Dinge nicht in gutem Zustand waren. Und Menschen. Und dann musste er sofort etwas dagegen tun. Reparieren, herrichten, wieder gut machen, korrigieren. Auch, wenn es nur ein kleiner Riss im Holz war, oder eine Verstimmung.

 

Leo war da, packte an, hatte das richtige Werkzeug daheim, dabei.

 

Und Adam? Adam war nun schon seit drei Jahren zurück in Saarbrücken und saß immer noch auf seinem Trümmerhaufen und konnte sich nicht dazu aufraffen den endlich zu beseitigen. Gut einen großen Teil davon hatte sein Vater vor fast zwei Jahren beseitigt, in dem er sich selbst… beseitigt hatte. Aber vieles davon musste Adam selbst in die Hand nehmen. Es da hin räumen wo er es haben wollte. So wie seine Beziehung zu Leo, für die er zurück nach Saarbrücken gekommen war und die sich dann so ganz anders entwickelt hatte, wie das eigentlich geplant gewesen war.

 

Vieles davon war seine eigene Schuld, schon klar.

 

„Lass doch gut sein, komm. Dann hat der Boden halt ein paar Schönheitsfehler, na und? Muss doch nicht immer alles perfekt sein“, sagte er und meinte damit so viel mehr als den Holzboden. Am meisten sich selbst. „Von hier aus sieht man es auch kaum.“

 

Leo stand auf, stemmte die Hände in die Hüfte und sah dann von Adam zur Holzplanke und wieder zurück. Dann ging er die paar Schritte zu Adam, ließ sich neben Adam auf das Sitzkissen fallen. Unnötig nahe, so, dass Adam die Hitze und Leos Beinbehaarung an seinen eigenen spüren konnte. Pisser.

 

„Hast recht“, zwei Klopfer auf Adams Oberschenkel, die Hand blieb liegen, wie ein viel zu warmes Wärmepflaster, „von hier geht’s.“

 

Dann drückte sich Leo wieder auf. Zum Glück und Bitte bleib. Er kniete sich wieder nieder, schraubte die Planke mit dem Akkuschrauber an und setzte sich dann mit einem semi-zufriedenen Blick auf den Boden.

 

„Gut, dann hätten wir das auch geschafft“, sagte Adam und griff nach der Flasche Mate.

 

„Wir?“, Leo schnaubte. „Soweit ich mich erinnern kann hab‘ ich die ganze Arbeit gemacht. Und du hast daneben gesessen und mir von Zeit zu Zeit mal einen Tipp gegeben.“

 

„Tja, bin eben eine Pillow Princess.“

 

„Eine was?“

 

„Nichts.“

 

Ja, seine Beziehung zu Leo, die war noch nicht da, wo er sie haben wollte. Grundsätzlich fühlte er sich nicht sonderlich viel weiter, als all die Male in denen er fast zum Hörer gegriffen hätte. Nur das Leo jetzt da war, aber eben auch nicht. Nicht so, wie Adam Leo eben gern bei sich hätte. Mit all seinen innersten Gedanken und Gefühlen und Geschichten und so, dass Adam immer danach greifen konnte, wenn er es brauchte.

 

Irgendwie wusste er ja, woran es lag. Als er Leo später zum Abschied im gedimmten Licht des Treppenhauses fest umarmte, lange nicht losließ und lange nicht losgelassen wurde.

 

Wusste, dass er endlich irgendwo beginnen musste, am Besten bei sich selbst. Leo etwas anbieten, das nicht weh tat und gelogen war und immer wieder in alte Wunden bohrte. Wusste, dass er endlich diesen verdammten Anruf tätigen musste, als er am Fenster seines Hotelzimmers stand und nicht rauchte, aber sein Handy zwischen den Fingern drehte.

 

Er tippte Leos Nummer ein.

 

Vielleicht sollte er doch beginnen wie Leo morsche Holzplanken sofort auszutauschen, um am Ende nicht vor einer so großen, schier unmöglichen Aufgabe zu stehen. Auch der längste Weg begann mit dem ersten Schritt, oder irgendwie so.

 

Sein Daumen berührte das grüne Symbol und das Freizeichen erklang.

 

„Adam?“

 

Gleich beim dritten Klingeln rangegangen.

 

„Hey.“

 

„Was ist los?“

 

Ja, gute Frage.

 

„Ich würd‘ gern was besprechen.“

 

„Okay. Sag an.“

 

Leo klang viel zu nebensächlich, so würde das nichts werden.

 

„Können wir das vielleicht persönlich machen?“

 

Kurz blieb es ruhig. „Okay?“ Verdammt, jetzt klang Leo viel zu misstrauisch. „Kommst du nochmal vorbei, oder…?“

 

„Können wir uns im Park treffen?“ Neutral Ground war das, was Adam brauchte.

 

Leo lachte leicht verunsichert. „Also jetzt machst du mir Angst.“

 

Adam spürte, wie er kurz davor war aufzugeben, Leo zu sagen, er soll alles einfach vergessen und aufzulegen.

 

„Ja oder nein?“

 

„Schon gut, schon gut. Gib mir ein paar Minuten.“

 

 

Ein paar Minuten waren definitiv ein paar Minuten zu viel für Adams Nervenkostüm. Der Park war gleich um die Ecke, für ihn zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen. Es war ruhig. Eine sternenklare Nacht, entfernt hörte man immer wieder mal ein Auto fahren, die Grillen vereinzelt zirpen. Für sein Vorhaben eigentlich perfekte Voraussetzungen. Nur, dass er gar nicht so genau wusste, was sein Vorhaben eigentlich war. Das war sein größtes Problem, wurde ihm plötzlich klar, als er sich auf die Drehscheibe am Spielplatz setzte, die fast hoch genug war, um die Beine baumeln zu lassen.

 

Leo würde gleich hier auftauchen und Adam hatte eigentlich gar keine Ahnung, was er sagen sollte. Er hatte sich von einem Anflug von Mut verleiten lassen und jetzt steckte er hier im Schlamassel.

 

Irgendwo hinten am Straßenrand parkte Leo gerade ein, Adam kannte das Geräusch des Wagens.

 

Und wenig später irrte Leo dann auch durch den kleinen Park, der dank der Straßenlaternen nicht vollkommen dunkel war. Ohne Leo auf sich aufmerksam zu machen, fand der andere auch so relativ schnell zu Adam, wie ein innerer Instinkt.

 

„Hi“, sagte er und kam vor Adam zum Stehen, die Hände in den Taschen der schwarzen Jacke, die Adam so liebte.

 

„Hi.“

 

„Also, was ist los? Muss ja was Spezielles sein, wenn wir uns mitten in der Nacht am Spielplatz treffen.“

 

„Mh.“

 

Wie startete man denn eigentlich so ein Gespräch?

 

„Hast du eine Leiche im Keller? Weil, also das Geld war schon eine Nummer, aber beim Vertuschen von Mord bin ich mir nicht sicher, ob ich mitgehen kann.“ Leo scherzte.

 

Adam hätte gern gelacht, aber dafür war ihm gerade ein wenig zu übel.

 

„Nee. Ist nichts Schlimmes… eher was Schönes.“

 

Oder vielleicht auch etwas ganz Furchtbares, das würde sich in ein paar Augenblicken zeigen.

 

Zumindest schien auch Leo jetzt ein Gefühl für die Ernsthaftigkeit des Gespräches zu bekommen, denn er sagte vorerst nichts, sondern setzte sich nur vorsichtig neben Adam auf die Drehscheibe, brachte sie ganz sacht in Bewegung, als er die Beine vom Boden nahm.

 

„Sorry. Ich hör dir zu“, sagte Leo und seine Stimme war jetzt ganz weich.

 

„Ich weiß doch auch nicht“, begann Adam. „Das ist verdammt schwer.“

 

„Was denn?“

 

„Das, was ich hier gerade versuche.“

 

„Was versuchst du denn?“

 

„Dir mein Herz ausschütten?“ Er hatte nicht beabsichtig es wie eine Frage wirken zu lassen, und trotzdem kam es so und er sah auf, suchte Leos Blick, irgendeine Versicherung, dass er noch hier war. Leo sah ihn an, blieb stumm, klappte den Mund zu, wartete.

 

Adam seufzte, sah wieder auf die Spitzen seiner Schuhe. Einfach drauf los, oder nicht? Er atmete tief ein.

 

„All die Jahre war ich so kurz davor dich anzurufen. So lange schon. Ich hab‘ dir so viel zu erzählen und hab‘ keine Ahnung wie.“

 

„Ich bin doch da“, sagte Leo leicht verwirrt.

 

„Jetzt machst du’s mir absichtlich schwer.“ Er drückte den kleinen Funken Frust weg, schluckte ihn hinunter.

 

„Adam…“

 

„Ich weiß nur, dass ich ständig an dich denken musste. Ich bin von Land zu Land gerannt, ständig auf der Flucht und hab dich immer vermisst. Ich weiß das ist ziemlich unfair dir das jetzt zu sagen…“

 

„Das ist verdammt unfair“, fiel ihm Leo ins Wort und Adams Blicke schnellte hoch. Leos Kiefer war angespannt, aber sein Blick war weich, funkelte, voll.

 

„…und ich eine Beziehung nach der anderen in den Sand gesetzt habe, weil mein Herz damals hier bei dir geblieben ist.“

 

„Was willst du mir damit sagen?“ Leos Stimme war leise, und doch musste sich Adam nicht bemühen jedes Wort zu verstehen.

 

Here goes nothing.

 

„Dass ich für dich zurückgekommen bin und nicht mehr wegrennen will. Und das was ich vor 15 Jahren schon richtig hätte machen sollen jetzt endlich richtig machen will.“

 

Einatmen, ausatmen, einatmen.

 

„Dass ich dich will, mit allem was dazugehört. Und ich zu dir gehören will, auch mit allem was dazugehört. Und ich bereit bin für ein uns, wenn… also, wenn du das auch willst.“

 

So, jetzt war es raus. Kein zurück. Jetzt hatte er den Schutt auf der Schaufel.

 

Leo öffnete den Mund, klappte ihn wieder zu, öffnete ihn wieder, sah suchend und überfordert zwischen Adams Augen hin und her. Wäre es heller, würde Adam vermutlich erkennen, dass er blass geworden war.

 

„Scheiße Adam. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, er schluckte, hörbar, „ich…“

 

Na toll. War das gerade wirklich so überraschend für Leo gekommen?

 

„Alles gut, du musst gar nichts sagen. Ich erwarte nicht, also… egal“, lenkte er schnell ein, versuchte seine Stimme locker klingen zu lassen und scheiterte dabei vermutlich kläglich.

 

Also sagte Leo nichts. In der Stille der Nacht saßen sie eine Weile einfach nur nebeneinander und starrten auf ihre Schuhe. Am liebsten hätte Adam geheult. Vielleicht, weil Leos Reaktion furchtbar schmerzte, vielleicht weil er gerade einfach so unglaublich erleichtert war, dass es endlich draußen war.

 

Der Moment zog sich, wurde mit jedem Atemzug erdrückender, bis Adam es nicht länger ertragen konnte. Er wollte nicht schon wieder abhauen, jetzt wo er geschworen hatte damit endlich aufgehört zu haben, aber er konnte auch nicht bleiben.

 

„Gute Nacht“, murmelte er also, um es zumindest wie eine offizielle Verabschiedung klingen zu lassen und rutschte vom Drehteller, konnte sich nicht umdrehen, wollte nicht Leos mitleidigen Blick sehen.

 

Etwas benommen stolperte er über das dunkle Gras Richtung Hotel, fühlte sich ganz seltsam.
Das Vibrieren seines Handys ließ ihn dann innehalten.

 

Leo. Hä?

 

Zögerlich hob er ab und drehte sich um, sah Leo in der Entfernung immer noch am Drehteller sitzen.

 

„Hi Adam, hier ist Leo“, seine Stimme klang rau, erstickt. „Ich wollt mich nur mal melden und dir sagen, dass ich dich auch ganz schön vermisst habe. Und eigentlich immer vermisse, wenn du nicht bei mir bist. Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis ich wirklich realisiert habe, dass du nicht mehr verschwinden willst und naja… ich weiß auch noch nicht genau, was ‚mit allem was dazugehört‘ genau bedeutet, aber ich weiß, dass ich nicht will, dass du jetzt gehst, dass ich nicht will, dass du je wieder gehst. Ich weiß, dass ich dich gern hier bei mir hätte. Jetzt und vermutlich noch für eine ziemlich lange Zeit.“

 

Adam schluckte, seine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung. Schluckte wieder gegen den Knoten in seinem Hals. Er ging zwei vorsichtige Schritte Richtung Drehscheibe. Leo trug die schwarze Jacke, es war dunkel und trotzdem schien sich jeder Lichtpartikel in Leo zu sammeln. Adam hatte schon viele Sonnenaufgänge gesehen und das hier war wohl der schönste von allen.

 

„Du hast gesagt du willst mich. Ich will dich auch. Wollt dich schon eine ganze Weile. Aber ich hab’s mir nicht erlaubt. Weil du… laut bist. Und kompliziert. Und es einfacher war dich nicht zu brauchen.“ Leos Stimme war anders. So, wie Adam sie selten gehört hatte.

 

„Und jetzt?“

 

„Jetzt ist’s immer noch kompliziert. Aber ich will’s nie wieder anders“

 

Adam lachte. Atmete durch. Hörte auch Leo durchatmen.

 

„Und jetzt ruf ich dich an, nach all den Jahren, um dir das endlich mal zu sagen.“

 

Adams Schritte wurden sicherer, schneller.

 

„Bei dir klang das jetzt irgendwie einfacher.“

 

Leo lachte, zog die Nase hoch. „War aber ziemlich schwer.“

 

Adam legte auf, schob sein Handy wieder in die Hosentasche und wurde, sobald er in Leos Reichweite war, von dem in die Arme und zwischen seine Beine gezogen. Zwei starke Arme legten sich um seinen Rücken, drückten Adam an Leo.

 

Das war nach Hause kommen, dachte sich Adam, als er das Gesicht in Leos Halsbeuge vergrub und den bekannten Geruch einatmete. Als Leos breite Handflächen immer wieder Spuren auf seinem Rücken zeichneten. Als sie sich etwas lösten und in die Augen sahen und er unterging in Grün und Blau und der ganzen Galaxie, die sich darin spiegelte.

 

Leos Hände fanden seine Wange, umrahmten ihn, hielten ihn bei sich, bis sich ihre Nasenspitzen berührte, bis sich ihre Lippen berührten. Der Kuss war kurz, ruhig, unaufgeregt. Nicht zwingend ein Neuanfang, denn Adam hatte das Gefühl da schon zu lange mittendrin zu stecken, aber ein Moment, in dem nichts mehr offen bleiben musste. Es war ein Kuss den man vielleicht nur einmal im Leben gibt.

 

Beinahe wollte er über sich Lachen, die Vorstellung, dass es das war, wovor er all die Jahre panische Angst gehabt hatte, davongelaufen war. Dass es sein Instinkt gewesen war zu flüchten, als er das Gefühl hatte Leo kam ihm zu nah. Damals in Saarbrücken und dann auch als er tausende Kilometer weit entfernt war. Dabei war Leo nur der erste gewesen, der ihn gesehen hatte.

 

Als sie sich lösten blieben sie Stirn an Stirn. Die Welt war dieselbe, aber alles an ihm fühlte sich anders an. Besser. Adam dachte zurück an das Meer, wie es war sich in den Wellen treiben zu lassen. Im Pazifik, dem friedlichen, der ihn sorgsam trug. Unter der Sonne, die ihn wärmte, unabdingbar.

 

Leo war der Pazifik, seine Liebe die Sonne.

 

Notes:

Danke fürs Lesen, lass mich gerne wissen, ob es dir gefallen hat :)