Chapter Text
Dr. Corinna Meyer-Besdorf nimmt ihre Lesebrille ab und legt sie sorgfältig auf den Bericht, den sie soeben zugeschlagen hat. Mit den Fingerspitzen massiert sie für einen Moment ihre Schläfen, ehe sie beide Ellenbogen auf dem Tisch abstützt und Leo über die zusammengelegten Fingerkuppen hinweg durchdringend mustert.
„Sie beide, Schürk und Sie“, beginnt sie.
Fast möchte Leo fragen, ob es noch ein anderes „beide“ für ihn gibt als das mit Adam.
„Sie werden jetzt erst einmal ein paar Tage bis Wochen Urlaub nehmen. Keine Widerrede. Ich kann und werde Sie nicht in den Dienst zurücklassen. Sie können von Glück sagen, falls ich es schaffe, weitere Disziplinarmaßnahmen von Ihnen abzuwenden.“
Das ist das Beste, worauf er hoffen kann. Ausweis und Waffe liegen ohnehin schon sicher verwahrt bei den Kollegen. Leo nickt. Senkt den Blick. „Tut mir leid für die Umstände. Und danke Ihnen für Ihre Mühen.“
„Danken Sie mir nicht zu früh.“
Aber ihre Stimme ist etwas weniger streng und sie bricht ihm nicht wieder fast die Finger, als sie einander zum Abschied die Hände schütteln. Schon beim Verlassen des Raumes merkt Leo, wie er sich selbst klein macht, die Schultern nach vorne zieht, kaum aufschaut und wenn, dann nur unter gesenkten Wimpern. Fawn response, wie so oft. Aber er hat gerade absolut kein Bedürfnis, sich der Welt als Zielscheibe anzubieten, ist er doch noch immer innerlich wund von den Ereignissen der letzten Tage, müde außerdem, und alles andere als stolz auf sein Verhalten.
Die Staatsanwältin, sein Team, Bruno Jäger, selbst die vier Irren mit ihrer Wette – Leo hat sich niemandem gegenüber so verhalten, wie er es hätte tun sollen. Und so will er gerade auch niemanden sehen, nicht an seine Fehler erinnert werden.
Zum Glück hat er am Morgen daran gedacht, alle Rollläden herunterzulassen. Die Wohnung ist trotz der Sommerhitze draußen dunkel und einigermaßen kühl – kühl genug, dass er sich nach einer kalten Dusche ins Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen kann.
Ein paar Tage lang dämmert er so vor sich hin. Den Kopf in Watte, kümmert er sich um die Dinge, die im Haushalt liegengeblieben sind. Besucht seine Eltern (am Wochenende, damit keine seltsamen Fragen aufkommen). Geht ins Fitnessstudio, auch wenn er lieber laufen würde, aber mit seinen Gedanken im Wald alleine zu sein klingt nach keiner guten Idee. Bringt Leergut weg und die plattgedrückten Kartons, die nach Adams Möbelkauf-Eskapade irgendwie in seinem Auto gelandet sind.
Und auf dem Rückweg von den Containern trifft er Sören, der ungeachtet seines Vornamens noch immer genauso heiß ist wie früher und der es wie früher schafft, ihn mit wenigen Sätzen und einem Grinsen zu einem wilden Abend zu überreden.
Leo duscht, stylt seine Haare endlich wieder richtig, macht sich Gedanken über seine Klamotten und entscheidet sich dann für Schwarz auf Schwarz. Auf der Toilette des Clubs zieht er auch seine Augen schwarz nach und freut sich beim Blick in den Spiegel still darüber, wie anders er plötzlich aussieht. Es ist eine Verkleidung, die er hier trägt, eine Maske, er ist jetzt nicht Leo Hölzer; dieser Mann, der ihm aus dem Spiegel entgegenblickt, hat nicht im Berufsleben versagt, hat nicht gegen seine Prinzipien verstoßen – wenn er überhaupt welche hat – und hat keinen besten Freund, der ihm Dinge verschweigt und nur da ist, wenn er richtig tief in der Scheiße steckt.
Und es tut gut. Die Musik fährt ihm in die Glieder, sein Herzschlag passt sich dem Beat an. Flackernde Dunkelheit und bunte Blitze beherrschen sein Sichtfeld, der Geruch nach erhitzten Körpern und Trockennebel legt sich dick über Mund und Nase. Leo schmeckt seinen Drink süß und bitter auf der Zunge, spürt mal Sörens Hände auf sich, mal die fremder Menschen, meist Männer.
„Hey, Leo“, brüllt einer von Sörens Freunden ihm ins Ohr. „Siehst aus, als ob’s dir gut geht!“
Leo legt den Kopf in den Nacken und lacht und lacht.
Wie viele Stunden vergangen sind, ehe sie beschließen, dass es jetzt wirklich gut war und die Musik an Qualität abnimmt, weiß er nicht mehr. Trunken vor Euphorie stolpert er mit den anderen in Richtung der Garderobe, dreht sich kurz um, als er irgendwo hängenbleibt.
Blaue Augen, schmutzig blondes Haar, mäßig rasierte Bartstoppeln um ein schiefes Grinsen.
Es geht Leo in diesem Moment so gut, dass er nicht erschrickt, sondern nur das wohlige Kribbeln in seinem Bauch verspürt, das Adam früher immer ausgelöst hat. Und jetzt wieder.
Adam?
Adam zwinkert ihm zu.
„Leo, komm schon.“
Er folgt. Morgen, denkt er. Morgen ist auch noch ein Tag.
Ein Tag, den er dann doch fast nur im Bett verbringt. Am frühen Nachmittag schafft er es, sich zum Aufstehen zu zwingen, eine Flasche Wasser zu trinken und eine leichte Trainingseinheit einzulegen. Mit der anschließenden Dusche spült er sich die Nacht von der Haut, aber die Erinnerung an Adam, der ihm zuzwinkert, lässt ihn nicht los. Alle Gedanken an Adam schmerzen, aber dieser nicht – vielleicht, weil er nicht mit Leos wirklichem Leben verknüpft ist.
Vielleicht hat Adam ihn ja auch gar nicht erkannt. So ein Lidstrich kann viel bewirken.
Dass es nur einen Weg gibt, es herauszufinden, ist Leo längst klar, als er wieder vor seinem Kleiderschrank steht und das nächste Outfit aussucht.
An diesem Abend ist Adam nicht da und auch am nächsten nicht, doch beim dritten Versuch hat Leo Glück. Er ist gerade dabei, sich an den schweren Klumpen aus Enttäuschung zu gewöhnen, der sich auch heute in seinem Bauch festgesetzt hat, und will in Richtung Ausgang gehen, da sieht er ihn.
Auch Adam trägt Schwarz, lange Ärmel, Rollkragen, augenscheinlich viel zu warm für diesen Ort, aber als Leo sich ihm durch die tanzende Menge nähert, sieht er, dass der Stoff fast durchscheinend dünn ist. Seine Haare sind heute etwas anders frisiert als sonst – oder überhaupt mal frisiert – und er hat sich die Augen wie Leo dunkel umrandet.
Als hätten sie beide beschlossen, dass sie hier jemand anders sind.
Das Erkennen ist trotzdem da, Adams Augen weiten sich, als Leo in sein Blickfeld kommt, ein Lächeln zupft an seinem Mundwinkel. Fast herausfordernd hebt er das Kinn, als sich der Beat ein wenig verändert, schneller und härter wird. Leo schiebt sich an den letzten Personen zwischen ihnen vorbei, bis er direkt vor ihm steht.
Adam lächelt noch etwas breiter und beginnt zu tanzen, und Leo kann nicht anders, als mitzutanzen. Adam ist das Eisen zu seinem Magneten, der Puppenspieler zu seinen Fäden. Adam geht vor und Leo folgt ihm, Adam läuft weg und Leo ihm hinterher, bis er nicht mehr kann –
Nein. Schluss. Diese Gedanken will er heute Abend nicht haben. Leo schließt die Augen und gibt sich ganz der Musik hin. Spürt irgendwann, wie Hände sich auf seine Schultern legen und ihn umdrehen, wie ein langer Körper sich an seinen Rücken schmiegt und ihr Tanz enger wird, intensiver.
Der Geruch von Adams Rasierwasser weicht nicht aus seinem Top und der Anblick von Adams Lippen, die das stumme Versprechen „morgen“ formen, spielt sich noch in seinen Träumen wieder und wieder in seinem Kopf ab.
Adam ist jeden Abend da. Leo weiß, dass er sich hier gerade seinen Schlafrhythmus ruiniert und ihn das eines Montags in absehbarer Zukunft teuer zu stehen kommen wird. Auch ist er sich nur allzu schmerzhaft bewusst, dass das, was nach Alina Barthels Verhaftung zwischen ihnen zu Bruch gegangen ist, so nicht heilen kann. Sie können nicht Nacht für Nacht miteinander tanzen und tagsüber so tun, als wäre nichts, und irgendwann wird es schon gut sein; so funktioniert das nicht. Irgendwann werden sie ernsthaft reden müssen. Eher früher als später.
Doch bei der Musik in diesem Club kann man ohnehin nicht reden und für den Moment nimmt er alles von Adam, was er kriegen kann, was dieser ihm bereitwillig gibt. Glühende Blicke, enge Tänze, große Hände auf seiner Hüfte, seiner Brust, seinem Rücken. Ab und zu das Gefühl von Lippen, die ganz knapp über seiner Haut schweben. Leo wünscht sich, sie endlich richtig zu spüren, ob nun auf seiner nackten Schulter oder auf seinen eigenen Lippen, und gleichzeitig weiß er, dass es besser ist, dass Adam diese Linie nicht überschreitet. Davor sollten sie…reden. Und wenn sie sich nachts treffen, reden sie nicht, genießen nur ihre vom Alltag und der Welt gestohlene Zeit, und wenn Leo doch mal was zu trinken braucht, geht Adam solange rauchen. Der Tabakgeruch hüllt Leo ein, wenn er wiederkommt, die Arme um ihn legt und ihn zurück auf die Tanzfläche zieht.
Am Ende jeder Nacht ist es Leo, der zuerst geht, weil er merkt, dass er nicht gehen will, und weil er sich dann losreißen muss in dem Moment, in dem sein Bett ihn verlockender ruft als Adams schiefes Lächeln. Trotzdem sieht er Adam jedes Mal noch einmal an, sieht in das vertraute Gesicht, das die Maske der Nacht trägt, und holt sich das tonlose Versprechen von morgen ab.
Samstags ist es voller als sonst. Irgendwo in der Menge meint Leo, Sören und seine Gruppe gesehen zu haben. Es macht ihn nervös; nicht wegen der Menge an Leuten, die ihn näher zu Adam treibt, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, sondern, weil er nicht unbedingt erkannt werden möchte. Das, hier, mit Adam, ist seine Zuflucht vor der Realität und gleichzeitig seine Hoffnung auf eine Rückkehr zu der intensiven Freundschaft, die sie verbindet.
Adam ist gut zu erkennen in seinem Jeansoutfit, sogar die Sonnenbrille steckt noch in seinen Haaren. (Ein halbes Wunder, dass sie noch nicht heruntergefallen ist. Auf der anderen Seite tanzen sie schon eine ganze Weile lang sehr eng auf kleinster Fläche, da ausschweifende Bewegungen gar nicht möglich sind.) Leo trägt zwar wieder Schwarz, was er im Büro so gut wie nie trägt, nicht in der Kombination, nicht so eng, doch er fühlt sich zu leicht erkennbar.
Bedauernd löst er sich von Adam. „Muss mal!“, ruft er ihm ins Ohr und zwängt sich durch die Menge in Richtung Toilette.
Bisher hat er es erfolgreich vermieden, hier aufs Klo zu gehen, und auch heute hat er es nicht vor. Der Boden klebt noch mehr als die Tanzfläche, vorsorglich atmet Leo durch den Mund und verrenkt sich ein wenig, um am Spiegel über den Waschbecken seinen Lidstrich nachzuziehen, ohne dabei mit der Hüfte an die kühle Keramikkante zu stoßen.
Während das Surren in seinen Ohren langsam nachlässt, beginnt er, andere Geräusche wahrzunehmen. Mindestens eine der Kabinen ist mit zwei Personen belegt, die es dort miteinander treiben – Leo hört das feuchte Klatschen, das unterdrückte Stöhnen, das Knarzen der Kabinenwand. Er blinzelt, um das Resultat seiner Schminkversuche begutachten zu können, beißt sich auf die Lippe und reibt dann verstohlen über seinen Schritt, zieht sich die Hose zurecht.
Diese Nächte lassen leider auch wieder Gefühle aufkommen, die er Zeit seines Lebens zu verdrängen versucht hat – zuerst, weil niemand davon wissen durfte, dann, weil sie hoffnungslos waren, und jetzt, weil sie die Dinge furchtbar kompliziert machen würden.
Egal, wie eng Adam mit ihm tanzt, wie viel Körperkontakt da ist, Leo darf es nicht zulassen. Noch nicht. Definitiv nicht, bevor sie geredet haben. Vielleicht nie.
Er reißt seine Hand weg und klatscht sich etwas kaltes Wasser auf die Handgelenke, die Schläfen, Hals und Nacken. Stürzt sich wieder in die tanzende Menge, lässt sich absichtlich ein wenig treiben, um sich anstrengen zu müssen, Adam wiederzufinden. Als er es doch tut, legt Adam wieder die Arme um ihn, schmiegt sich von hinten an ihn.
Leckt plötzlich einen Wassertropfen von seinem Hals und Leo stöhnt leise auf, ballt die Hände zu Fäusten, um nichts Dummes zu tun wie etwa Adams Hand zwischen seine Beine zu führen.
Er will – aber es geht nicht, nicht, bevor sie wirklich miteinander geredet haben – und so nimmt er den schneller werdenden Beat als Ausrede, um sich von Adam zu lösen und ihn in einen letzten, ausgelassenen Tanz zu ziehen, bis sie beide völlig verschwitzt und außer Atem sind.
Adam legt den Kopf schief, als Leo ihn am Ende festhält. Sie verabreden sich eigentlich nie ausführlich, aber da liegt der nüchterne Bescheid der Staatsanwaltschaft auf Leos Schreibtisch, dass er ab Montag wieder zu arbeiten habe –
„Die nächsten Tage können wir nicht“, ruft er über den Lärm hinweg, bezieht Adam selbstsüchtig gleich mit ein, weil er den Gedanken nicht erträgt, Adam könne ohne ihn so tanzen gehen wie in den letzten Wochen.
Adams betrübten Gesichtsausdruck kann er jedoch ebenso schlecht ertragen.
„Bis Freitag?“
Adam lächelt und nickt.
Bis Freitag also.
