Work Text:
Zu viel Wind und zu viele Wellen, um die flachen, vom Wasser rundgelutschten Steine über die Wasseroberfläche hüpfen zu lassen, aber Thiel versuchte es trotzdem. Meistens verschluckte eine sich aufbauende Welle seinen Stein, in seltenen Fällen hüpfte der Stein ein- oder zweimal, bevor er im Meer versank.
Warten auf ruhigere See brachte nicht viel, jedenfalls nicht, wenn er nicht bis mindestens morgen früh warten wollte. Normalerweise beruhigten ihn die Wellen und ihr Rauschen. Heute nicht. Er bückte sich, um einen neuen Stein aufzuheben, doch dann gab sein Handgelenk dem Stein zu viel Kraft in die falsche Richtung mit und die weiße Gischt verschlang den Stein ohne großes Aufheben.
Thiel fühlt sich ein bisschen wie dieser Stein. Welle um Welle kam auf ihn zu und er hatte gar keine Chance, etwas dagegen auszurichten. Und selbst wenn es ein perfekter Wurf werden würde – spätestens die übernächste Welle würde ihn wieder verschlingen.
„Hier bist du. Was machst du denn da?“
Boerne. Na der hatte ihm ja gerade noch gefehlt. Konnte man nicht einfach mal allein am Strand stehen? Kraftvoll versenkte er einen weiteren Stein in der Ostsee.
„Wonach sieht’s denn aus?“, brummte er und bückte sich auf der Suche nach weiteren Steinen, die annähernd flach waren.
„Als ob du davon läufst.“
Energisch blickte er Boerne an, die Augenbrauen nah beieinander.
„Kümmer dich doch einfach wieder um dich selbst, ja? Das kannst du besser, als so zu tun, als ob du dich für die Probleme von anderen interessierst.“
„Frank!“
„Ist doch so!“
Er war wütend, die Wut hatte sich angestaut, über Tage und Wochen hinweg, wie ein Sturm, der sich langsam aufbaute und mittlerweile so stark war, dass er diese gestapelten Steingebilde umwerfen konnte, wenn eine besonders kräftige Böe den Strand erreichte. Er brauchte Ruhe. Abstand. Es hatte einen Grund, dass er allein zum Strand gegangen war, um sich abzureagieren.
Er versuchte, noch einen Stein über das Wasser hüpfen zu lassen, aber was machte er sich eigentlich vor – das ganze war doch schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. So ein gottverdammter Scheißdreck aber auch!
„So muss ich nicht mit mir reden lassen.“ Boernes Stimme war nun leiser, er konnte die Worte gerade noch so verstehen. „Ich dachte, wir wären über diesen Punkt hinweg, dass du mich ausschließt.“
„Mann, Boerne! Jetzt lass mich doch einfach –“
„Was, Frank, was, hm? Dich hier alleine stehen, während ich mir drüben den Kopf darüber zerbreche, was mit dir los ist? Ob ich der Grund dafür bin oder nicht? Ob du diesmal mit mir darüber reden wirst, oder ob ich wieder nur mit einem Haufen Fragezeichen zurückgelassen werde?“ Er wollte Boerne nicht verletzen, wirklich nicht. Aber irgendwas war in seinem Kopf durchgebrannt. Vorhin. Es brannte immer noch. „Das muss aufhören. Sonst funktioniert das mit uns beiden nicht.“ Er sah Boerne aus dem Augenwinkel gehen, sein eigener Blick war starr auf das Meer und die untergehende Sonne gerichtet. „Komm wieder rein, wenn du reden willst.“
