Chapter Text
Königsblaues Tuch, tränennass, wird zu Wasser, kühl und dunkel, die Oberfläche still. Es war nicht immer so, aber die letzten aufgeregten Wellen legten sich vor nunmehr vielen Monden. Eine Ratte drängt sich durchs hohe Gras, durch die dornigen Ranken, vorbei an den Stauden von blauer Akelei, die weinend und welkend ihre Köpfe hängen lassen. Das unscheinbare Tier lässt sich ins Wasser gleiten, aus dem sich unweit ein Pelikan erhebt. Das schneeweiße Gefieder ist golddurchzogen, die Brust besetzt mit Rubinen. Sein Schrei klingt mechanisch, unnatürlich. Die Ratte schwimmt, kämpft sich mit aller Kraft schneller voran, doch in einer geschmeidigen Bewegung wird sie von dem mächtigen Vogel in die Luft geworfen, gefangen und verschlungen. Blutrot tropfen die Juwelen ins Wasser. Der Pelikan stockt, seine Augen werden weit, der Schnabel öffnet sich. Ein Frosch kämpft sich hervor, einen Moment lang schillernd bunt im Sonnenlicht, als er springt und Kreise ziehend ins Wasser taucht. Die sanften Wellen werden höher, legen sich nicht, die Wasseroberfläche nicht länger ruhig, doch immer noch totenstill.
Pia steht an die Leitplanke gelehnt auf dem kleinen Rastplatz. Immerhin scheint die Sonne und es ist trotzdem nicht allzu heiß. Wenn jetzt auch noch das Wetter mies wäre, würde sie ganz bestimmt ihren ohnehin nicht sehr durchdachten Plan verwerfen und umkehren. Ganz egal, ob sie nur noch die letzten Kilometer vor sich hat. Vielleicht gerade weil sie ihrem "Ziel" schon viel zu nahe ist. Näher, als sie je wieder sein wollte.
Ein Schiff von Wohnmobil hält vor ihr. Ein älterer Herr mit Brille und freundlichem Gesicht lehnt sich aus dem Beifahrerfenster.
„Wohin soll's gehen, junge Dame?“
Pia zögert nicht. „Marpingen. Aber ich nehm auch gerne alles Richtung Süden.“
Der Mann verschwindet im Inneren seines Ungetüms von Fahrzeug, doch Pia kann der Unterhaltung durch das offene Fenster folgen.
„Liegt Marpingen auf unserem Weg?“
Pia wagt es zu bezweifeln. Doch die fröhliche Frauenstimme belehrt sie eines Besseren.
„Jetzt offensichtlich schon. Wir wollen doch ohnehin neue Ecken kennenlernen.“
Die Beifahrertür öffnet sich und der Mann steigt aus. „Sie können vorne sitzen. Meine Schwester lässt mich dort eh nicht schlafen, da verstecke ich mich gerne auf der Rückbank.“ Er hält ihr die Hand hin. „Rainer.“
Pia schüttelt sie kurz. „Pia. Vielen Dank fürs Mitnehmen. Ich möchte aber wirklich keine Umstände machen…“
„Ach Papperlapapp. Eingestiegen. Geht das mit dem Rucksack?“
Es geht, wenn Rainer den Rucksack mit auf die Rückbank nimmt, nachdem Pia Geldbeutel und Handy herausgefischt hat. Während er es sich dort bereits gemütlich macht, klettert Pia auf den Beifahrersitz und blinzelt ins Dämmerlicht der Fahrerkabine, um Rainers Schwester auszumachen.
Eine winzige Frau mit Augen und Locken, die im Vergleich zum Rest ihres Körpers riesig wirken, lächelt ihr entgegen. „Hallo! Ich bin Henny. Schön, dass du mitfährst. Was bringt dich denn nach Marpingen?“
„Verwandtschaftsbesuch“, nuschelt Pia und kämpft mit dem Sicherheitsgurt. Ganz gelogen ist es ja nicht mal. „Und ihr, wohin soll's gehen?“
„Das kann ich dir erst nach der…äh, das wissen wir noch nicht so genau“, erklärt Henny vergnügt. „Wir schauen mal, wohin es uns verschlägt, nicht wahr, Rainer?“
Rainer scheint weniger begeistert von dem Plan zu sein. Die Tatsache, dass er den Campingplatz, den sie heute erreichen wollen, genau benennen kann, lässt Pia vermuten, dass zumindest er eine grobe Zielvorstellung hat.
Sie wünschte, ihre wäre nicht so präzise. Wünschte, sie selbst könnte sich einfach in irgendeinen Zug setzen und fahren, wohin sie lustig ist, statt sich in das hinterletzte Pisskaff des Saarlands bringen zu lassen, wo nicht mal die Einheimischen tot überm Zaun hängen möchten.
Aber nein. Sie hat ja eine Aufgabe, die sie verpflichtet, und leider wächst mit jedem Meter, um den sie sich Marpingen nähert, das dräuende Gefühl, dass da diesmal wirklich etwas ist, das sie nicht ignorieren darf. Nicht nur um ihretwillen. Scheiß Gewissen.
Rainer und Henny benehmen sich, wie sich ein Geschwisterpaar benehmen sollte, oder zumindest vermutet Pia das. Sie necken sich, Rainer krittelt an Hennys Fahrstil herum und Henny revanchiert sich, indem sie Rainer an mehrere offenbar Jahre zurückliegende Episoden an der Nordsee erinnert.
Pia lehnt sich zurück und schließt für einen Moment die Augen, lässt all das gutmütige Gezanke über sich waschen.
„So, also“, setzt Henny schließlich an, während sie das Schiff waghalsig durch die engen Straßen von Dirmingen steuert. „Wo genau sollen wir dich denn absetzen?“
„Im Kapellenweg, wenn das keine Umstände macht. Oder da in der Nähe.“ Pia versucht, sich zu erinnern. „Am Ende der Straße könnt ihr ganz gut wenden, glaube ich.“
Sie hofft, dass sie nicht so lange hierbleiben muss, vielleicht sogar einen der früheren Busse nach St. Wendel nehmen kann. Doch ihre Hoffnung zerschlägt sich in dem Augenblick, in dem Henny am Ende des Kapellenwegs anhält und ein Mann vom Waldweg herunterstürzt, der mit panisch geweiteten Augen und kaum verständlich vor heftigem Atmen ruft: „Arzt! Wir brauchen…Hilfe! Einen Arzt!“
Bevor Pia Gelegenheit hat, ihr Schicksal zu verfluchen, streckt sich zwischen den Sitzen Rainers Arm hindurch und reicht Henny einen recht voluminösen Erste-Hilfe-Kasten.
Mit einem „Eigentlich nicht mein Fachgebiet“ springt Henny aus dem Fahrzeug und rennt auf den Mann zu. „Dr. Henny Wenzel. Wo ist der Notfall?“
Rainer folgt ihr mit etwas, das aussieht wie ein Defibrillator. Pia bleibt mit dem panischen Mann zurück, dessen Allwetterjacke ihm von einer Schulter gerutscht ist und den Blick auf einen großen Schweißfleck unter der Achsel freigibt.
„Sie ist einfach umgefallen. Hat gehechelt, wie ein Hund- und… und ihre Lippen. Sie hat angefangen zu zucken - hat gar nicht mehr aufgehört…“
„Wollen Sie sich nicht setzen? Schauen Sie mal, hier ist eine Bank. So, genau, setzen Sie sich einfach hin.“
Pia kramt die zweite Wasserflasche aus dem Rucksack und schraubt sie auf.
„Trinken Sie mal einen Schluck. Schön langsam, genau.“ Wer mit Trinken beschäftigt ist, kann schonmal nicht hyperventilieren.
Sie sieht, wie Henny, ihr Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, wieder in Richtung ihres Wohnmobils ankommt.
Mit einem fast umständlichen Wedeln ihres Handgelenks sieht sie auf ihre Armbanduhr, gibt vielleicht die Uhrzeit durch.
Der Mann neben ihr nimmt kleine Schlucke, scheint langsam, aber sicher wieder ruhiger zu werden. Pia hofft schon, sich bald absetzen zu können, um vielleicht Rainer mit der kranken Person zu helfen und vor allem zu vermeiden, dass der Typ sie eventuell wiedererkennt, doch in dem Moment hält ein Auto neben dem Wohnmobil, aus dem ein Mann in der Uniform der Ortspolizeibehörde und einer in Bauhof-Orange steigen.
Mit düsterer Miene bleibt Henny bei Pia stehen.
„Doch mein Fachgebiet.“
Sie winkt dem Vollzugsbeamten und schüttelt seine Hand energisch. „Dr. Henny Wenzel, Pathologin. Wir haben einen Todesfall, allem Anschein nach keine natürliche Ursache. Die Zuwege zur Quelle sollten abgesperrt werden.“
Der Mann neben Pia springt abrupt auf - nur, um dann ebenso abrupt stillzustehen. Was soll er auch noch tun?
„Sie ist tot?“, bringt er atemlos hervor. „Oh, heilige Maria, Mutter Gottes, steh uns bei…“
Einen Scheißdreck wird die heilige Maria tun. In Pias Kopf schrillt der Schrei des Pelikans nach und sie packt Henny am Arm.
„Kann ich sie sehen? Ich muss sie sehen - ich meine, kann ich helfen?“
Irgendetwas scheint Henny in ihrem Gesicht zu sehen. Oder es ist doch der gottesmütterliche Beistand. Jedenfalls drückt sie Pia ein Paar Einweghandschuhe in die Hand. „Meine Assistentin und ich gehen wieder hoch. Passen Sie bitte auf den Herrn auf, bis der Krankenwagen da ist.“
Der Weg hoch zur Kapelle hat sich nicht verändert in den vergangenen fünfzehn Jahren. Die Bäume mögen etwas höher sein, die großen Steine etwas ausgetretener, aber das Gefälle und die Kurven sind die gleichen und Pia muss nicht auf den Boden schauen oder sich an Henny orientieren, um den Weg zu finden.
Am Kneippbecken bleibt Henny abrupt neben Rainer stehen und Pia sieht über ihre Schulter auch den Grund.
Eine Gestalt, gehüllt in alte, abgetragene Klamotten, liegt halb im Becken, halb auf den Stufen.
Ihre Hände sind schmutzig und dennoch sieht sie, wie blassgrau ihre Nagelbetten verfärbt sind, wie unnatürlich wächsern die Haut wirkt.
Das Gesicht der Person kann Pia nicht erkennen, aber das muss sie auch nicht, die Frisur ist unverkennbar.
Ein kurzer Bob, mittlerweile ist das dunkle Haar von grauen Strähnen durchzogen, aber noch immer so akkurat geschnitten wie vor über zwanzig Jahren.
Margot.
Margot Recktenwald.
In Pias Kopf hallt ein leises Seufzen wider und ein Luftzug wirbelt ihr Haar auf. Sie will diesen Beistand nicht, aber in diesem Moment schreckt sie nicht davor zurück.
Henny sieht sie mit eindringlichem Blick an und Pia weiß, dass sie besser eine gute Erklärung für ihr ungewöhnliches Verhalten bereithält.
- Vorzugsweise eine, die weder göttliche Eingebung noch ihre Verbindung zur Toten preisgibt.
„Wir sollten gehen“, erinnert Henny sie sanft und berührt sie am Arm.
Spürt sie es?
Pia nickt eilig und dreht sich, nur so viel, dass Henny sie nicht mehr berührt.
Auf dem Rückweg kommen ihnen bereits Polizisten und Forensiker entgegen, Absperrband und Alukoffer in ihren Händen und Henny deutet lediglich mit dem Daumen in Richtung des Beckens.
Dann führt sie Pia mit einem sanften Schubs weiter in Richtung der Kapelle.
Der Splitt unter ihren Turnschuhen knirscht unnatürlich laut und Pia wünscht sich sehnlich Kopfhörer, ein Kissen oder gleich eine Höhle herbei, mit der sie die Welt ausblenden kann.
Sie ist noch keine Stunde wieder hier, hat noch keinen Fuß ins eigentliche Dorf gesetzt und schon…?
Schon steckt sie wieder fest.
In der Rolle.
Der Pelikan gackert; vielleicht lacht er sie aus.
