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Rückzug und Neuanfang

Summary:

Robert hat lange mit sich gerungen, ob er diese Entscheidung treffen sollte. Er lässt damit alles hinter sich, worauf er in den letzten Jahren hingearbeitet hat. Doch was ist das überhaupt noch wert, nachdem er bei der letzten Wahl grandios gescheitert ist?

Es muss also eine Lösung her. Am besten eine, die ihn dem wahren Ziel in seinem Leben wieder näherbringt - Christian Lindner.

Notes:

Ich weiß auch nicht, was ich dazu noch sagen soll. Ich hoffe sehr, dass Robert Habeck nicht an Christian Lindner gedacht hat, als er diese Entscheidung getroffen hat.

Work Text:

Robert hat lange mit sich gerungen, ob er diese Entscheidung treffen sollte. Er lässt damit alles hinter sich, worauf er in den letzten Jahren hingearbeitet hat. Doch was ist das überhaupt noch wert, nachdem er bei der letzten Wahl grandios gescheitert ist?

Natürlich gibt es immer noch einige in seiner Klasse, die ihn respektieren. Robert ist immer noch wer, ein Mann, ein Wort. Nur dass auf seine Worte niemand mehr hören will und das verdammt frustrierend ist. 

Seit der letzten Woche, seit Friedrich in der Pause verlauten lassen hat, dass Robert sich bloß nicht einbilden soll, dass er hier noch etwas zu melden hätte, hat Robert darüber nachgedacht, wie er darauf kontern könnte. Er mag nicht mehr gewählt sein, aber er ist mit Sicherheit noch beliebter als Friedrich Merz. Bei Friedrich wird doch nur noch darauf gewartet, dass er sie als Klassensprecher alle gegen die Wand fährt und damit für die nachfolgenden Jahrgänge alles kaputtmacht.

Alles, worauf Robert damals gemeinsam mit Olaf und Christian hingearbeitet hat. Er wüsste gerne, wie viele seiner Klassenkamerad*innen sich jetzt diese Zeit zurück wünschen. 

Robert wünscht sie sich auch zurück. Nicht nur, weil er in dieser Zeit mehr Verantwortung, mehr Macht hatte. Eventuell gibt es dafür einen anderen, viel zu menschlichen Grund. 

Diesen hat Robert auch im Kopf, als er am Ende der Stunde aufsteht. Er weiß, dass alle in die Pause wollen. Er braucht nur noch ein bis zwei Minuten. Dafür wird er ihnen auch genügend Gesprächsstoff für diese und alle darauffolgenden Pausen dieser Woche liefern. 

Er sieht die Blicke, die ihm von einigen Seiten zugeworfen werden, als er aufsteht. Von Annalena, die natürlich eingeweiht ist; von Markus, der mal wieder so selbstgefällig guckt, als hätte er von alles eine Ahnung, und von Friedrich, der aussieht, als hätte er überhaupt keinen Plan davon, was hier gerade passiert. 

Robert merkt, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stiehlt. Das ist vielleicht nicht die Bühne, die er sich immer schon gewünscht hat, aber es ist genau der richtige Moment für einen Abgang. 

„Ich wollte euch mitteilen, dass ich diese Schule zum Ende des Monats verlassen werde. Es ist alles bereits mit der Schulleitung und Herrn Steinmeier abgesprochen. Ich bedanke mich bei allen, die mich in meiner Zeit hier unterstützt haben und ich hoffe, ich konnte eure Interessen sowohl als Mitglied des Klassensprecher-Teams als auch als Klassenkamerad würdig vertreten. Jetzt wird es allerdings Zeit für mich, diese Aufgaben anderen zu überlassen und mich neuen Herausforderungen zuzuwenden.”

Das Getuschel hat schon nach seinem ersten Satz angefangen, doch inzwischen wird es immer lauter. Irgendwo wird gefragt, ob sie jetzt endlich in die Pause gehen können. Daher entscheidet Robert sich kurzerhand, die letzten beiden Seiten seiner Abschiedsrede zusammenzukürzen. Es klingt vielleicht ein wenig holprig, aber sein „Danke für alles” hört bestimmt ohnehin kaum noch jemand über das Rascheln von Jacken und das Schaben von Stühlen über Linoleum. 

Es ist auch egal. In einigen Wochen wird die Klasse wissen, wo sie ohne ihn steht. Da kann Friedrich noch so viele Ideen von ihm klauen, besser wird sein Führungsstil dadurch nicht werden.

Robert möchte auch nicht immer so bitter klingen. Er hat jetzt etwas, worauf er sich freuen kann. Am Ende der Woche wird er die Tür zum Klassenzimmer ein letztes Mal hinter sich zuziehen und am Montag eine neue öffnen. Und dort wird ihn ein ihm nur allzu bekanntes Gesicht erwarten.

Zunächst einmal erwartet ihn in der Pause jedoch ein anderes Gesicht. Bekannt ist es ihm ebenfalls, auch wenn Robert es etwas weniger gerne sieht, vor allem wenn er sich gerade eine ruhige Ecke auf dem Schulhof gesucht hat, um Christian schreiben zu können. Aber Olaf zu sehen, ist immer noch besser, als wenn Friedrich oder Markus ihm hier gegenüberstehen würden. 

„Das war mal eine Ansage”, fängt Olaf an. Wie immer ist in seinem Gesicht nicht gut abzulesen, was genau er davon hält. Olaf lächelt schließlich auch noch Leuten ins Gesicht, wenn er sie am liebsten als verdammtes Arschloch beschimpfen würde. 

„Hm”, brummt Robert deswegen nur. 

„Wäre nichts für mich. Aber ich hoffe, dass es für dich der richtige Weg ist.”

Der Schulterklopfer kommt einigermaßen überraschend, aber dann muss Olaf es wohl wirklich so meinen. Auch wenn er sich danach direkt die Hand an seinen Jeans abwischt - irgendwie scheint er Robert tatsächlich alles Gute zu wünschen. 

Für Olaf sieht die Sachlage generell anders aus. Robert hat sich schon manchmal gefragt, warum Olaf seit seiner Niederlage als Klassensprecher nicht die Schule oder wenigstens die Klasse gewechselt hat, aber vielleicht wäre das Olaf zu extrem gewesen. Olaf hat sich schließlich schon immer als einen Mann der Mitte gesehen. Und wenn diese Mitte bedeutet, anderen nur hinten rum einen reinzuwürgen, kann Robert dem schon ein wegen Respekt entgegenbringen. 

Christians Gesichtsausdruck war einfach zu gut, als Olaf ihn als doof bezeichnet hat. Genauso wie Friedrichs Gesicht, als seine Stimmen im ersten Wahlgang der Stichwahl nicht für die absolute Mehrheit ausgereicht haben. Natürlich hat Robert keinen Beweis dafür, dass Olaf gegen Friedrich gestimmt hat, aber witzig wäre es irgendwie schon. 

Deswegen kann er sich auch ebenso respektvoll von Olaf verabschieden. „Es war eine Ehre für mich, mit dir zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, für dich läuft es auch weiterhin gut hier.”

Olaf zuckt nur leicht mit den Schultern. „Die ganzen Querelen sind mir eigentlich egal. Ich bin nur hier, um mein Abi zu machen.”

Das ist eine erstaunlich rationale Argumentation. Es passt aber auch zu Olaf, dass er jetzt schon ans Abi denkt. Robert weiß aber auch nur zu gut, dass das nichts für ihn wäre. Er könnte nicht still in einer Ecke sitzen und das verworrene Treiben vor sich beobachten. Er möchte etwas tun, und das kann er nur woanders.

Olaf lächelt ihm noch einmal zu. Ein echtes Lächeln diesmal, wenn Robert nicht alles täuscht. „Richte liebe Grüße von mir aus”, sagt er noch, bevor er Robert stehen lässt und in Richtung Schulgebäude verschwindet. 

So hat Robert auch nicht die Chance nachzufragen, wen Olaf damit meint. Olaf kann doch nicht wissen, dass er und Christian…? Oder…?

Wie auch immer. Robert hat seinen Teil an dieser Schule getan. Nun muss er nur noch die letzten Tage absitzen, sich von allen verabschieden, die ihm gut gesonnen waren und alle ignorieren, die spöttisch behaupten, dass es feige ist von ihm zu gehen und diejenigen, die meinen, dass es wirklich Zeit war, dass er diese Klasse verlässt.

 

Erst mal muss Robert aber nach der letzten Stunde das Schulgebäude verlassen. Es ist kein ganz so großer Abgang, weil er den Rest der Woche noch jeden Tag wiederkommen muss. Dafür hat er heute nach der Schule etwas, worauf er sich freuen kann.

Denn natürlich sind seine Neuigkeiten nicht geheim geblieben. Es passiert nicht mehr oft, dass Christian auf ihn wartet, aber heute steht er wieder genau wie früher an der Telefonzelle, wie Robert es sich erhofft hat. Er stellt schnell sein Fahrrad ab und schlüpft dann dahinter, wo sie etwas versteckter sind. „Hey.”

Christian gibt sich nicht die Mühe einer Begrüßung. „Du willst also die Schule verlassen?”

Es klingt fast wie eine Kritik. Robert verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich will nicht. Ich werde.”

„Tu nicht so, als hättest du die Entscheidung nicht aus freien Stücken getroffen.”

Robert hat keine Ahnung, was so viel Feindseligkeit plötzlich soll – bis ihm einfällt, dass Christian diese Entscheidung nicht selbst getroffen hat. So genau weiß Robert immer noch nicht, was vorgefallen ist, aber Christian hat sicher nicht selbstständig die Schule gewechselt, egal wie oft er ihm weismachen will, dass er anderswo bessere Investitionschancen hatte. 

Roberts erster Instinkt wäre noch gewesen, dagegen zu argumentieren, aber jetzt sieht das ganz anders aus. Er muss Christian nicht alle seine Gründe erläutern. Lieber nimmt er ihn einfach in den Arm. 

Es scheint zumindest ein effektiver Weg zu sein, Christian zum Schweigen zu bringen. Robert zieht ihn noch etwas enger an sich. Der Geruch von Christians Shampoo setzt sich in seine Nase und übertönt den Telefonzellengestank neben ihnen. 

Eine ganze Weile lang stehen sie so da, bis Christian irgendetwas murmelt, was Robert nicht verstehen kann. „Was?” fragt er nach. 

„Ich freue mich für dich”, sagt Christian, immer noch leise, aber diesmal so nah an Roberts Ohr, dass er ihn hören kann. 

Danach hat Robert sowieso keine andere Wahl mehr, als Christian weiter zu halten. Irgendwann schummeln sich vielleicht auch ein paar Küsse dazwischen. Im Nachhinein ist es völlig unwichtig, was seine Klassenkamerad*innen zu seiner Entscheidung sagen. Wichtig ist, was es für ihn und Christian bedeutet. „Ich freu mich auch.”