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Die Geburt der Venus

Summary:

Baden, ein tatsächlicher Sprung ins Meer und kein notdürftiges Abreiben mit einem nassen Lappen, ist ein Privileg für U-Boot Fahrer, selbst die Offiziere. Wie alles in der Kriegsmarine ist auch das streng geregelt: Kommandant, 1WO, 2WO und LI dürfen nicht gleichzeitig ins Wasser – im Falle eines Feindangriffs.

So kommt es, dass Klaus Hoffmann auf der Brücke steht und Karl Tennstedt beim Baden zusieht.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Die Offizierschule bringt einem denkbar wenig über die menschlichen Realitäten der modernen Kriegsführung bei. Kursberechnungen, Kommandantur, Navigation und Physik – davon hat Kapitänleutnant Klaus Hoffmann in Mürwik wahrlich reichlich gehört. Aber kein einziger seiner Dozenten oder der U-Boot-Kommandanten a.D., die regelmäßig glühende Reden zur Rekrutierung frischer Männer für den Seekrieg gehalten hatten, hatte auch nur einen Mucks über den Gestank verloren. Klaus konnte es ihnen nicht sonderlich verübeln; selbst Goebbels hätte Schwierigkeiten, die olfaktorischen Gefechte im Bauche eines U-Boots zu beschönigen.

Die U-Bootfahrer waren bei weitem nicht die einzigen Soldaten, die stanken. Von allen Einheiten hatte vermutlich nur die Luftwaffe die Möglichkeit, regelmäßig zu duschen. Aber die U-Bootfahrer waren nun einmal bedauerlicherweise der einzige Arm des Reichs, der seinen Dienst an Vaterland und Führer wochenlang zusammengepfercht zu fünfzigst in einem undurchlüftbaren Stahlkoloss leistete. Die Kombination aus saurem Männerschweiß, schalem Essen, abgestandenem Bilgewasser und stechendem Diesel sowie dem stets unwohl duftenden Klosett an Bord ergab ein Eau de, an das man sich nie recht gewöhnte.

Körperhygiene an Bord eines U-Boots beschränkte sich, insbesondere auf Feindfahrten, auf ein Abreiben mit einem nassen Lappen und Seife und hoffen, dass man alles erwischt hatte. So war es von dem OKM geregelt. 

Dankbarerweise sah aber auch das OKM eine Ausnahme vor. Im Ermessen des Kommandanten durfte die Besatzung alle vierzehn Tage ein Bad im Meer nehmen. Nicht mehr als vier Männer auf einmal, damit im Falle eines Fliegerangriffs nicht die gesamte Besatzung splitterfasernackt im Meer herumschwappte und das Boot unterbemannt ließ, aber es war eine dankbare Regelung, auch wenn der Atlantik zu jeder Jahreszeit beißend kalt war.

Die Regelung sah außerdem vor, dass nie zwei Offiziere zugleich im Wasser sein durften, um Kommandostrukturen im Falle eines plötzlichen Feindangriffs aufrechtzuerhalten. 

So kam es, dass Klaus Hoffmann an einem unverhofft klaren Donnerstagmittag auf der Brücke von U-612 stand und seinen Männern beim Planschen zusah.

Nun. Insbesondere einem Mann und dieser planschte ganz sicher nicht. 

Während Obermechanikermaat Wolf aller Ansicht nach sein Bestes tat, von Haber zu ertränken, und Strasser dies zu verhindern versuchte, dümpelte Oberleutnant Karl Tennstedt wie eine Boje gut zehn Meter entfernt von ihnen mit einem ungewohnten Ausdruck von Frieden auf dem sonst verkniffenen Gesicht. 

Klaus versuchte sich zu erinnern, wann sein 1WO in seiner Präsenz zuletzt etwas anderes als eine missbilligende oder gar wütende Fratze geschnitten hatte. Vermutlich an jenem Abend vor ihrem Auslaufen, bevor Klaus in Tennstedts Test auf ganzer Linie und mit fliegenden Fahnen durchgefallen war.

Klaus scherte sich wenig um Tennstedts Mimik an Bord, ihn scherte dessen Subordination oder wohl eher die Abwesenheit derer.

Dennoch erwischte er sich beim Gucken. 

Tennstedt tauchte den Kopf nicht unter, das Höchste der Gefühle war, seinen Kopf in den Nacken zu legen und gen Himmel zu blicken, um sein Haar zu benässen. Klaus entging außerdem nicht, dass der 1WO eins der Seile, die zum Heraufklettern gedacht waren, umklammert hielt. Tennstedt konnte schwimmen, sonst hätte er in der Kriegsmarine nichts verloren, aber es schien als fürchte er abzutreiben. 

Von Haber machte ein besorgniserregendes Gurgeln als er erneut unter Wasser gedrückt wurde und Strasser fluchte laut genug, dass es Klaus zu bunt wurde.

“Wolf!”, rief er. “Unterlassen Sie das!”

Wolf ließ von einem japsenden von Haber später ab als er es hätte tun sollen nach einem direkten Befehl seines Kommandanten. “Jawohl, Herr Kaleun!”

“Wie ein Rudel Hunde”, murmelte Strelitz, der mit ihm auf der Brücke wachte, während das Boot auf den ungewöhnlich sanften Wellen schaukelte. 

Klaus reagiert bis auf ein kurzes Brummen nicht weiter darauf. Maaten waren Maaten, grob und Raufbolde. Normalerweise waren es Tennstedt oder der 2WO, die die Männer zurechtwiesen. Aber Schiller war unter Deck und Tennstedt, nun…

Tennstedt schien wie auf einer anderen Welt. Wie von einer anderen Welt.

Klaus wandte seinen Blick wieder dem 1WO zu. Tennstedt hob den Kopf und Klaus realisierte, dass er den anderen Mann noch nie mit etwas anderem als makellos pomadigen Haar gesehen hatte. Nun klebten die Strähnen zwar auch an seinem Schädel, aber ungeordnet und wirr, fielen ihm in die Stirn. Sie waren teilweise sogar lang genug, dass sie ihm in die Augen fielen, ihn irritiert blinzeln ließen.

Es war eine überraschend menschliche Reaktion, die ihn jünger aussehen ließ als seine 32 Jahre. 

Tennstedt rieb sich erst mit dem Handrücken über die Stirn, dann mit den Fingern, als ersteres kaum dabei half, das Haar zurückzustreichen. Klaus verfolgte die Bewegung mit den Augen. Er war ein interessantes Wesen, sein 1WO. Jede Bewegung war wie mit dem Lineal gezeichnet, auch im Wasser; wo die anderen Matrosen herumalberten, mutete Tennstedt einer geometrischen Zeichnung an.

Der 1WO atmete tief durch und fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe, auf der das Wasser perlte und drehte sich, wandte das Gesicht gen Sonne und Klaus beobachte das Spiel seines Rückens, die Wölbung seiner Schulterblätter und Spannen der Muskeln. Er war blass, wie sie alle, und schmal, wie  die meisten Offiziere, und dennoch fand Klaus seinen Blick an ihm haftend.

“10 Minuten sind um, Herr Kaleun”, sagte Strelitz.

“Gut”, murmelte Klaus. “Holen Sie sie wieder hoch.”

“Alle Mann an Boooooord!”, dröhnte Strelitz und die vier Männer im Wasser griffen nach den Seilen.

Klaus war dankbar, dass der hohe Kragen seines Colanis das Schlucken seiner Kehle verbarg. Tennstedt erklomm die Seite von U-612 mit wenigen Griffen, nackt wie am Tag seiner Geburt. Seine feuchte Haut glänzte und Klaus verfolgte die Tropfen aus seinem nassen Haar, die sich stetig ihren Weg an seinem Hals hinunter, über seine angespannten Arme bis hin zu Händen, denen Klaus nie sonderlich Beachtung geschenkt hatte, aber von denen er nun die Augen nicht lassen konnte. 

Es waren schöne Hände. Groß und langgliedrig, kräftig, als sie sich um das Seil schlossen und Tennstedt in die Höhe beförderten. Größer als Klaus’ eigene. Läge auch nur eine dieser Hände an Klaus’ verräterisch wippendem Kehlkopf, würde sie seinen gesamten Hals bedecken. 

Klaus schluckte. 

Er war sich seiner Neigungen nicht unbewusst, natürlich. Ein halbes Leben in der exklusiven Gesellschaft anderer Männer, vom Gymnasium zur Offiziersschule zur Kriegsmarine? Sicher, als jüngerer Mann hatte er die Perversion versucht zu ignorieren. Hatte gehofft, es sei eine Phase, dass ihm das Blut beim Anblick eines strammen Arsch und harten Schwanzes genauso zwischen die Beine schoss wie beim Anblick straffer Brüste und feuchter Lippen. 

Heute wusste er es besser. Heute wusste er, dass er ein ignoranter Narr wäre, würde er es leugnen. 

Aber gegenüber Tennstedt?

Als der 1WO damals in sein Büro getreten war, hatte Klaus natürlich zur Kenntnis genommen, dass er ein attraktiver Mann war, mit seinem scharfen Kiefer, langen Beinen und sündhaftem Mund, aber der Abend war schließlich unglücklich genug verlaufen, dass diese Erkenntnis schnell in den Hintergrund gerückt war.

Doch nun? Mit Tennstedt hier, enthüllt und nass und unverschämt, unerwartet hübsch, war Klaus sehr dankbar für seinen langen Ledermantel. 

Tennstedt kleidete sich mit derselben Präzision, die er sonst ebenfalls an den Tag legte, wieder an. Klaus starrte. Der frische Wind auf nackter Haut ließ den 1WO kurz frösteln und Klaus’ Augen wanderten zu seiner Brust, wo die dunklen Nippel sich prompt verhärteten. 

Wie sie sich wohl weich und warm und willig anfühlten? Liebkost und gekniffen von den Fingern, der Zunge, eines anderen, bis sie geschwollen waren? 

Würde Tennstedt ebenso zittern unter solch liebkosenden Zuwendungen, wie jetzt, nackt im Wind?

Die Männer schlüpften rasch in ihre Kleidung und Klaus erhaschte nur noch einen kurzen Blick auf den scharfen Schnitt von Tennstedts Hüftknochen, das Haar von seinem Nabel hinunter zu seinem Glied, bevor der 1WO Unterwäsche und Hosen hochzog.

Klaus’ Blick wanderte wieder hinauf, beobachtete, wie Tennstedt in Unterhemd und Hemd schlüpfte, seine langgliedrigen Hände flink Leiste und Manschetten zuknöpften. Tennstedt griff nach seinem Rollkragenpullover und zog ihn über den Kopf. Sein feuchtes Haar stand für einen Moment wild ab, leicht aufgeladen durch die Wolle, fast als wäre jemand rücksichtslos hindurch gefahren, hätte die Strähnen gepackt und durch seine Finger gleiten lassen.

Es sah weich aus, ohne die Pomade. Die noch tropfenden Enden lockten sich sogar ein klein wenig. 

Tennstedt drehte sich und Klaus’ unverhohlener Blick traf seinen.

Der 1WO erstarrte, seine Augen weiteten sich und verengten sich nahezu sofort zu Schlitzen. 

Klaus hielt statt. 

Tennstedts Misstrauen wich Verwirrung und er kleidete sich fertig an, unterbrach den Blickkontakt nur, um seine Stiefel zu schnüren. Als er sich aufrichtete, reckte er das Kinn nach vorn, mit angespanntem Kiefer, eine stille Herausforderung.

Klaus ging darauf nicht ein.

Tennstedts Brauen zogen sich zusammen und er ließ die Zunge unterbewusst über seine Oberlippe gleiten, sicherlich trocken vom Salz des Ozeans und dem Wind.

Klaus folgte der Bewegung mit seinen Augen willentlich und Tennstedt erstarrte erneut.

Klaus konnte förmlich beobachten, wie dem 1WO ein Licht aufging. Sein verkniffener Gesichtsausdruck wich einem stummen “oh”. Tennstedt fing sich schnell wieder und drehte sich prompt weg, um Wolf und von Haber anzuschnauzen. 

Klaus lächelte stumm in sich hinein. Er hatte nicht geplant, ertappt zu werden, aber im Gegensatz zu der Annahme seines 1WOs war er kein Feigling.
Er wusste lediglich, welche Gefechte es zu bestreiten gab.

Und, dem deutlichen Schlucken Tennstedts nach zu urteilen als er Klaus’ Blick wiederfand, schien der 1WO sich nicht großartig zur Wehr setzen zu wollen.

Klaus lächelte.

“Alle Mann unter Deck”, rief er. “Klarmachen zum Tauchen.”

Notes:

Bade-Regeln sind frei erfunden :P