Work Text:
Es klopft an der Tür.
Draco seufzt. Bis jetzt ist der Abend ruhig gewesen, und er hat gehofft, dass er früh ins Bett kommt. Das Schuljahr hat erst letzte Woche angefangen, und die Erstklässler*innen sind noch zu eingeschüchtert. Später, wenn sie Heimweh haben, werden sie sich bei ihm melden.
Er legt sein Buch zur Seite und bittet wer immer da geklopft hat herein.
Zuerst sieht er nur wildes dunkles Haar und smaragdgrüne Augen, ganz der Vater.
Draco lächelt. „Ah, Miss Potter. Mit Ihnen habe ich so bald noch nicht gerechnet. Haben Sie jetzt schon Fragen, für die ich die Antworten erst recherchieren muss?“ Er deutet auf einen Sessel, und sie nimmt Platz, wirkt aber ungewöhnlich nervös.
„Äh, nein“, murmelt sie und reibt sich den Nacken, „es ist eher etwas Persönliches.“ Sie richtet sich gerade auf, ihr Gesicht nimmt einen entschlossenen Ausdruck an, und auch das ist ganz der Vater. Vielleicht, fragt Draco sich, hätte Harry mit fünfzehn exakt so ausgesehen, gekleidet in den Farben Slytherins. Sie holt tief Luft. „Woher haben Sie den Mut genommen? Damals, als Sie allen sagten, dass Sie kein Mädchen sind.“
Für einen Moment verschlägt es Draco die Sprache, und sie redet schnell weiter. „Also, wie haben Sie das überhaupt angestellt? Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich auch keins bin. Ein Mädchen, meine ich.“ Ein zweiter tiefer Atemzug, und sie sagt ruhig und eindeutig: „Ich bin ein Junge.“
Das hat Draco nun gar nicht erwartet, aber er reißt sich zusammen und bedankt sich bei dem Jungen für sein Vertrauen (der strahlt vor Erleichterung, als Draco ihn mit Mr Potter anspricht). Draco fragt ihn, ob er es schon anderen erzählt hat. Die Schwester des Jungen weiß davon, was Draco überhaupt nicht überrascht. Die Potter-Zwillinge sind praktisch immer zusammen, obwohl er in Slytherin ist und Lily in Gryffindor.
Draco nimmt sich Zeit, er überlegt, was er dem Jungen erzählen kann. Er entscheidet sich für die Wahrheit: Dracos eigenes Coming-Out war brutal. Noch im Krieg hatte er sich dazu entschlossen, falls er überleben würde, endlich als Junge zu leben. Etwas anderes war für ihn, ehrlich gesagt, nicht mehr möglich gewesen. Er hat sich deswegen nie für besonders mutig gehalten, auch wenn die Leute ihm heute sagen, wie viel Mut ihn das gekostet haben musste (oder noch schlimmer: immer noch kostet). In der Öffentlichkeit gab es damals viele böse Reaktionen, und mit seinen Eltern ist er erst seit Kurzem wieder in Kontakt. Aber er wird den Freund*innen, die ihm damals beigestanden sind, auf ewig dankbar sein. Ohne sie wäre er nicht da, wo er heute ist, und er rät Potter, sich auf die Menschen zu verlassen, die ihn unterstützen, und die, die das nicht tun, so gut wie möglich zu ignorieren.
Der Junge macht sich Sorgen, wie seine Eltern wohl reagieren werden. Und Draco erzählt ihm, wie Harry sich öffentlich dafür eingesetzt hat, dass Draco zum Zauberkunstprofessor von Hogwarts und zum Leiter von Haus Slytherin berufen wurde. Wie seither die unterstützenden Äußerungen von Harry und Granger viel dazu beitragen, dass die öffentliche Meinung über ihn und queere Menschen überall positiver wird.
Der Junge vertraut ihm an, dass er sich für den Namen Al entschieden hat. Es amüsiert Draco ohne Ende, dass es die Kurzform für Albus Severus ist, der Name, den die Potters sich ausgesucht hatten, falls eine*r der Zwillinge ein Junge würde. Severus wäre sicher entsetzt gewesen, dass Potter eines seiner Kinder nach ihm nennt. Aber ein Blick auf den Schüler vor ihm, der klug ist und findig, und nie überstürzt handelt, und Draco denkt, heimlich hätte sich Severus gefreut, dass Albus Severus seinen Namen gewählt hat.
Sie unterhalten sich bis zum Abendläuten. Draco erzählt von seinen Erfahrungen, und Albus stellt Fragen und seine Nervosität verschwindet immer mehr.
Bevor der Junge geht, rät Draco ihm, sich von Madam Pomfrey zu seinen Optionen beraten zu lassen. Er soll alle Informationen haben, wenn und wann er sich für eine geschlechtsanpassenden OP entscheidet – und ob er die Operation überhaupt machen will. Und Draco ermutigt ihn, mit seinen Eltern zu reden. Er ist überzeugt, dass sie ihn unterstützen.
~*~
Zuerst erzählt Albus es seinen Freund*innen. Als Testlauf, bevor er es seinen Eltern erzählt, sagt er. Er ist überrascht, wie gut alle reagieren und wie einhellig sich die Slytherins an seine Seite stellen, als er sich dazu entschließt, es dem ganzen Haus zu sagen. Obwohl, erzählt er Draco später, er sich das hätte denken können. Draco macht kein Geheimnis daraus, dass er trans ist, and soweit Albus weiß, hat Haus Slytherin ihm deshalb nie Schwierigkeiten gemacht.
Draco nimmt an, dass Albus recht hat. Er selbst hätte damals so gerne eine Person an seiner Seite gehabt, damit er nicht alles alleine hätte herausfinden müssen. Wenigstens kann er jetzt diese Person für einen anderen jungen Menschen sein.
Albus älterer Bruder reagiert nicht so positiv, und bei den Mahlzeiten bemerkt Draco, wie er mit einem sorgenvollen Gesicht zu dem Jungen hinüberblickt. Draco weiß, dass Jamie Potters Herz am rechten Fleck sitzt und er nur etwas Blödes gesagt hat, ohne darüber nachzudenken, was solche Worte für seinen Bruder bedeuten. (So typisch für einen Gryffindor. Draco verzweifelt manchmal fast daran, wie zutreffend die Haus-Stereotypen sind). Er ist sich sicher, dass Jamie sich entschuldigen wird, und das sagt er auch Albus. Aber natürlich macht sich der Junge Sorgen.
~*~
Draco hatte sich schon auf einen ruhigen Abend gefreut, doch als er aus der Dusche kommt, wartet ein Patronus auf ihn. Albus wurde angegriffen, und könne er bitte die Eltern des Jungen benachrichtigen und in den Krankenflügel kommen? Dracos Haare sind noch feucht, aber er rennt sofort los.
Er ist froh, dass Madam Pomfrey ihm nicht genau erzählt, was die Angreifer zu Albus sagten, bevor sie auf ihn einschlugen – transfeindliche Sprüche und Beleidigungen. Draco hat so viele solcher Sprüchen gehört, er braucht nicht noch mehr in seinem Kopf.
Er setzt sich neben das Bett des Jungen und sie warten zusammen auf seine Eltern. Albus ist unter Schock, aber körperlich unverletzt, was er Madam Pomfrey verdankt, die ihn über Nacht noch hierbehält, damit sie sicher sein kann, dass sie nichts übersehen hat. Albus hat seine Angreifer gar nicht richtig erkannt, weil sie ihn in einem schlecht beleuchteten Korridor von hinten überfallen haben. Aber Draco denkt, dass mithilfe der Gerüchteküche ziemlich bald herauskommen wird, wer sie waren.
In Albus' Augen glänzen Tränen. „Wenn ich doch nur einfach normal wäre“, flüstert er.
Draco legt eine Hand auf Albus' Schulter und schaut ihm ernst ins Gesicht. „Hör mir mal genau zu, Albus. Du bist vollkommen normal, an dir ist nichts falsch, gar nichts. Diese Leute, die dich angegriffen haben, nur weil du so bist, wie du bist – die haben ein Problem. Aber das ist nicht deine Schuld. Niemals. Verstehst du?“
Albus nickt langsam, eine Träne läuft ihm über die Wange. Im Stillen schwört sich Draco, dass er Albus das solange sagen wird, bis er ihm glaubt.
~*~
Draco ist auf dem Weg zurück zu seiner Suite, als er Schreie in der Eingangshalle hört.
Als er um die Ecke kommt, sieht er, wie Jamie Potter von einer*m seiner Freund*innen festgehalten wird, und zwei Gryffindors aus der 6. Klasse liegen auf dem Boden. Fledermäuse fliegen ihnen aus den Nasen.
„Was ist hier los?“, fragt er, und alle erstarren.
Jamie regt sich als Erster. „Sie haben das verdient! Die haben meine Schw... meinen Bruder angegriffen, von hinten! Beim Abendessen haben sie damit angegeben. Verdammte Feiglinge!“ Das gilt den beiden Sechstklässler*innen auf dem Boden, die immer noch ihre Nasen halten.
„Verstehe“, sagt Draco. Er wendet sich an die Sechstklässler*innen. „Wollt ihr etwas dazu sagen?“
Sie schütteln beide den Kopf.
„Dann geht jetzt hoch zum Krankenflügel und kümmert euch um diese Verletzungen. Danach geht ihr direkt zu Schulleiterin McGonagall und beichtet ihr, was ihr getan habt. Ich kriege es mit, wenn ihr euch nicht bei ihr meldet. Ist das klar?“
Sie nicken und verschwinden, und Draco dreht sich zu Jamie. „Was Sie betrifft, Mr Potter. Eine Stunde Nachsitzen, und zwar jetzt.“
„Aber Sir, haben Sie nicht gehört, was die beiden getan haben?“
„Doch, habe ich. Aber Sie können nicht einfach Mitschüler*innen hier in der Eingangshalle mit eine Fluch belegen und dann erwarten, dass das keine Konsequenzen hat. Kommen Sie mit mir, los! Oder Sie sitzen zwei Stunden nach.“
Jamie brummt vor sich hin, aber folgt ihm in sein Büro, wo Draco ihm einen Platz anbietet und Teewasser aufsetzt.
Wenn sie beide eine Tasse haben, bricht er das Schweigen. „Dein Bruder kann sich glücklich schätzen, dass er dich hat. Du solltest mit ihm reden.“
Jamie seufzt. „Ich weiß.“ Er blickt auf die Tasse, die er in den Händen hält. „Ich möchte nur keinen Fehler mehr machen. Und ich mache mir wirklich Sorgen um ihn. Er ist sich ganz sicher, oder?“
„Hast du schon mal erlebt, dass er etwas gemacht hätte, ohne es sich vorher genau zu überlegen?"
Jamie muss lachen. „Nein, das klingt nicht nach ihm.“ Er schaut hoch zu Draco. „Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Ich verstehe es immer noch nicht, und Sie haben ja genau das gleiche erlebt."
„Du darfst mir natürlich Fragen stellen. Aber es ist für jeden und jede anders, und Albus wird andere Erfahrungen machen als ich. Deshalb kann ich dir helfen, es besser zu verstehen, aber du wirst trotzdem mit ihm reden müssen."
Jamie nickt ernsthaft und trinkt einen Schluck Tee.
Ein paar Tage später erscheinen Albus und Jamie zusammen zum Abendessen, beide mit vor Kälte geröteten Wangen, und bevor sie sich trennen, grinsen sie sich an und nehmen sich in den Arm. Draco ist froh, dass er sich in Jamie nicht getäuscht hat.
~*~
Es klopft am Fenster. Draco schließt seufzend sein Buch und lässt die Eule herein. Sie ist hübsch, ein schneeweißer Vogel, der mit einem stolzen Huh-huh seinen Brief fallen lässt und sofort wieder wegfliegt. (Draco versteht immer noch nicht, wie er ein Fenster öffnen kann, durch das Posteulen fliegen, obwohl er unterhalb der Erde im Kerker wohnt. Er vermutet, es hat etwas mit Magie zu tun.)
Malfoy
Professor Malfoy
Dear Malfoy Draco
Draco,
wir sind vor ein paar Tagen nicht dazu gekommen, uns zu unterhalten. Dabei wollte ich wirklich mit dir reden.
Ich möchte dir danken, dass du da bist für Albus. Ich bin froh, dass er jemanden wie dich an der Seite hat, jemanden, auf den er sich verlassen kann. Damit er nicht alles alleine durchstehen muss.
Danke.
Harry
Potter
Harry
Draco schüttelt amüsiert den Kopf. Hat denn niemand Potter beigebracht, wie man einen ordentlichen Brief schreibt?
Das wird er dann wohl übernehmen müssen.
~*~
Es klopft an der Tür.
Draco senkt seufzend sein Buch und lässt den Besucher mit einem Wink seines Zauberstabs herein.
Zuerst sieht er nur wildes dunkles Haar und smaragdgrüne Augen, mit Lachfältchen in den Winkeln.
Als nächstes bemerkt er die starken, zupackenden Hände und die muskulösen Unterarme, und er sollte wirklich nicht den Vater eines Schülers angaffen.
Selbst wenn der besagte Vater seit kurzem Single ist und gar kein so schlechter Briefeschreiber, wie Draco zuerst dachte. Und er ist klug. Und sogar witzig.
Seit ein paar Monaten schreiben sie sich jetzt Briefe, zuerst seltsam offiziöse Schreiben (darunter Harrys Desaster von einem Brief, den er, wie er später zugab, gar nicht abschicken wollte, aber seine Eule hatte das anders gesehen und war einfach mit dem Brief davongeflogen), in denen Harry sich ständig bei Draco dafür bedankte, dass er sich um Albus kümmert. Dann wurden die Briefe länger und freundschaftlicher, sie schreiben sich inzwischen ein paar Mal die Woche. Harry schreibt über seine Scheidung und dass er schon viel früher zu einer Seelenheilerin hätte gehen sollen. Dass er Angst gehabt hatte, seine Eheproblem auf den Seiten der Regenbogenpresse wiederzufinden. Und Draco hat ihm über seine Erfahrungen in seiner Therapie berichtet. Sie schreiben auch über ihren Alltag, Harrys Kinder (die er offensichtlich innig liebt) tauchen sehr oft auf. Und obwohl sie sich beide über ihre Jobs beschweren, hat Draco den Eindruck, dass Harry glücklicher wäre, wenn er irgendwo anders arbeiten würde, während er selbst seine Anstellung in Hogwarts für keinen Job der Welt eintauschen würde. Harry ist privat anders als er sich in der Öffentlichkeit gibt, mit radikaleren Ansichten und einem trockenen Humor, der an die Massen verschwendet wäre (und höchstwahrscheinlich missverstanden würde). Draco dagegen gefällt er. Merlin, ihm gefällt das alles sehr.
Heute Abend allerdings treffen sie sich zum ersten Mal wieder persönlich, seit dem Tag im Krankenflügel, und Draco ist seltsam nervös.
„Hallo, Draco.“ Harry strahlendes Lächeln lässt irgendwelche Schmetterlinge in Dracos Magen flattern. „Entschuldige, dass ich dich einfach so überfalle. Ich hatte einen Termin bei Minerva wegen einer offenen Stelle, und da dachte ich, ich schau vorbei und sag Hallo.“
„Hallo“, bringt Draco heraus. Dann wird ihm klar, was Harry gesagt hat. „Was für eine offene Stelle?“
Harry strahlt noch mehr. „Wenn alles klappt wie geplant, dann steht der neue Professor für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste vor dir. Du wirst mich wahrscheinlich bald viel öfter hier sehen.“
Draco kann spüren, dass auch sein Lächeln breiter wird. „Das ist toll. Glückwunsch, Harry!“
„Danke!“ Harry strahlt ihn immer noch an. „Äh ... Also, ich dachte ... Hast du Lust, mal mit mir Kaffeetrinken zu gehen? Oder vielleicht eine Einladung zum Abendessen?“
Die Schmetterlinge in Dracos Magen flattern heftiger, aber er hält sie entschieden in Schach. „Harry, du brauchst mich nicht einladen, zum Dank, dass ich mich um deinen Sohn kümmere. Ich mache nur das, was ich mir damals für mich gewünscht hatte.“
Harry verdreht die Augen. „Himmel, ich hab vergessen, dass du manchmal ganz schön auf dem Schlauch stehst. Ist es okay, wenn ich dich einfach zum Abendessen einlade, aus keinem anderen Grund, außer dass ich Zeit mit dir verbringen will?“ Er hält kurz inne. „Und nur damit wir uns richtig verstehen, weil ich gerade lerne, wie man besser kommuniziert und so: Ich würde mir wünschen, dass das unser erstes Rendezvous ist, falls du das auch möchtest.“
Ah. Ach so. Draco lässt die Schmetterlinge wieder flattern und grinst. „Ich möchte das sehr gerne.“
~*~
Es klopft an der Tür. Mit einem glücklichen Seufzen zieht Draco Harry noch enger in seine Arme. Die Welt da draußen kann warten.
~happy*end~
