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This (fucked up) body of mine

Summary:

Körper, der: Substantiv, maskulin. Das, was die Gestalt eines Menschen oder Tieres ausmacht; äußere Erscheinung eines Menschen oder Tieres; Gestalt; Organismus eines Lebewesens.

Was ist eigentlich dieser Körper, den man einfach bekommt und dem man dann nie wieder entkommt; wer ist der Mensch, der ihm innewohnt?

I am afraid to own a Body—
I am afraid to own a Soul—
Profound—precarious Property—
Possession, not optional—
(I am afraid to own a body/Emily Dickinson)

Adam und die Beziehung zu seinem Körper, sich selbst und ein paar anderen Menschen (insbesondere einem ganz besonderen anderen Menschen) über die Jahre.

Notes:

Hi!
Schön, dass ihr euch hierher verirrt habt!

Bitte beachtet die Tags, für einzelne Kapitel wird es auch nochmal explizitere TWs geben.
Die Kapitel sind vor allem am Anfang teilweise recht kurz, werden aber im Verlauf noch (deutlich) länger werden.

Viel Spaß beim Lesen!

Chapter Text

For what is my body if not meant to be?

If you are my father, then love lies abandoned and bleeding.
A prayer for the unborn/Gary Numan

Ein Plärren zerschnitt die erschöpfte Ruhe, die sich in dieser nasskalten Julinacht über einen der Kreißsäle des Saarbrücker Klinikums gelegt hatte.
Es verkündete die ersten Atemzüge eines verschrumpelten Neugeborenen, das sich urplötzlich mit gleißend hellem Licht und einer unfreundlichen Kälte konfrontiert sah, nicht ahnend, wie viel mehr davon es in den Folgejahren noch zu spüren bekommen würde.
Das kleine Bündel Mensch beruhigte sich rasch.

Adam war gerade erst auf die Welt gekommen und hatte keine Möglichkeit, zu verstehen, was sie ihm ins Ohr flüsterte. Wusste noch nicht, was Worte überhaupt waren, Sprache nur ein weiteres, überforderndes Geräusch in dieser neuen, lauten Umgebung. Beinahe war sie versucht, sich für das Leben zu entschuldigen, das er haben würde, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hatte. Einfach nur, weil er ein Junge war, wofür er überhaupt nichts konnte, und weil sie machtlos war gegen den Mann, der sich nun Adams Vater nennen durfte.
Stattdessen versprach sie ihm, dass alles gut werden würde. Erzählte ihm von dem großen Haus direkt am Waldrand, mit ganz viel Natur drum herum. Es war leise, direkt neben der schwach befahrenen Straße und sogar sein Zimmer war schon so gut wie fertig.
Roland freute sich auf seinen Sohn, hatte er gesagt. Für den Moment musste sie das ungute Gefühl, dass sie bei seinem Lächeln nach der Aussage überkommen war, einfach ignorieren.
Bestimmt würde er mit ihm, seinem eigen Fleisch und Blut, besser umgehen, als er es mit ihr zu tun pflegte, war Adam doch sein Sohn, sein Erbe, vielleicht endlich etwas, das ihn stolz machen konnte.

Und es war ja nicht wirklich schlecht. Roland brachte Geld nach Hause, von dem sie nicht fragte, woher es stammte. Es war da, es reichte aus, alles andere war irrelevant. Solange er sie aus seinen Machenschaften heraus hielt, hatte sie keine Probleme.
An schönen Tagen war er früh aus dem Haus, um jagen zu gehen und sein Ruf in der Gesellschaft war makellos. Sie hatte keinen echten Grund, sich zu beschweren.
Seine Lauen waren aushaltbar, meistens; wenn nicht, verheilten die Verletzungen wenigstens vergleichsweise schnell.

Adam würde sich schon arrangieren. Müssen. Ob mit oder ohne Zwang.

Ein paar Monate später fuhr Heide Schürk mit dem Daumen das winzige Näschen ihres Sohnes entlang und schob einen Finger in seine rosige Hand, nur um zu spüren, wie sie sich fest darum schloss.
Seit einigen Wochen war sie mit Adam wieder zuhause.
„Klein ist er“, hatte Roland kritisch festgestellt, als sie zur Tür hereingekommen war und sich nach kurzer Betrachtung mit zusammengepressten Lippen abgewendet.
Im Krankenhaus war er nur einmal gewesen, um sicherzustellen, dass alles zu seiner Zufriedenheit ablief.

Alles in allem war ihr Sohn ein ruhiges Baby. Pflegeleicht, vielleicht auch schon jetzt ein wenig daran gewöhnt, dass in diesem Haushalt nur eine Person die Stimme erheben durfte.

Er hatte schnell verstanden, dass niemand kam, wenn er brüllte, egal ob nachts oder tagsüber. Gestillt wurde nach dem Zeitplan, auch wenn Heides Herz sich bei jedem herzzerreißend leidenden Schluchzen ein wenig zusammenzog.

In den meisten Nächten schlief er aus purer Erschöpfung ein, weil er sich so lange die Lunge aus dem Hals geschrien hatte. Die Tür dämpfte das Schluchzen kaum, die Panik klar rauszuhören aus den hochfrequenten Schreien, sodass sie sich morgens wunderte, wie das Kind nicht vollkommen heiser war.
Immer wieder zweifelte sie daran, dass das tatsächlich der richtige Weg war, Adam zum Schlafen zu erziehen. Doch so stand es in einigen Büchern, und, viel wichtiger: So war es Rolands Wille. Bloß nicht zu sehr verhätscheln, den Jungen, das kriegt man später nie wieder raus. Auch nicht zu viel kuscheln, das verweichlicht.

Manchmal schienen die eisblauen Augen des Säuglings auch Rolands eisiges Herz, wenn da denn eines war, zu schmelzen. Sein Gesicht wurde irgendwie weicher dann, der ganze Mann weniger hart und ganz selten erinnerte sich Heide dadurch daran, wie es einmal gewesen war; ganz am Anfang ihrer Beziehung.
Wenn Adam seine speckigen Finger um den Zeigefinger seines Vaters klammerte und man fast meinen konnte, dass ein wenig der Anspannung aus dem drahtigen Körper weichen wollte. Nicht, dass Roland das in irgendeiner Art zuließ, selbstverständlich.
Meist ließ er solche Berührungen gar nicht erst richtig zustandekommen und versuchte sein Bestes, auch die zwischen Heide und Adam auf ein Minimum zu begrenzen.

Diese kurzen Momente waren oft alles, was ihr blieb. Wenn Adam für eine Weile in ihren Armen liegen durfte und ihnen für einige Minuten ein wenig Sanftheit vergönnt war.
Ihr kam das beinahe noch grausamer vor, als ihm einfach keine Liebe zu schenken; so als würde sie immer wieder Fäden nur aus dem Zweck spannen, dass sie später wieder zerrissen werden konnten.

Es musste so sein. Ihr Sohn – Rolands Sohn – sollte ein starker Mann werden, das wollte sie genauso wie er. Im Endeffekt hatte dementsprechend Roland das Sagen darüber, was wie gemacht wurde.

Und ob es ihr das Herz zerriss, wenn Adam so lange und laut schrie, bis sie Angst bekam, er würde deshalb nicht mehr einatmen, war vollkommen irrelevant. Mittlerweile war es nur noch ein Fakt, mit dem sie sich eben abzufinden hatte, wie mit so vielen anderen.
Auf ihren eigenen Schmerz hörte sie schon lange nicht mehr.