Work Text:
Die Umarmung ist schüchtern und herzlich zugleich, und es tut Adam so unendlich gut, Leos Arme um sich zu spüren. Es war nicht dasselbe, Leo im Krankenhaus oder während der Physiotherapie zu umarmen; Adam hat da beinahe Angst davor gehabt, Leo zu berühren. Zu groß war die Gefahr, ihm unabsichtlich wehzutun.
Schon wieder. Am Ende tut er doch immer allen weh.
Dass Adam sich nicht nur die Schuld an Pias Trauma, sondern auch an Leos Verletzung gibt, war da nicht sehr hilfreich. Wenn er besser aufgepasst hätte, dann wäre nichts davon passiert. Er wundert sich noch heute darüber, dass Esther ihn für das, was mit Pia passiert ist, nicht gevierteilt hat; stattdessen ist sie in der ersten Zeit kaum von Adams Seite gewichen und hat aufgepasst, dass er isst und manchmal sogar ein paar ruhelose, albtraumgeplagte Stunden in seinem Bett verbringt.
Doch jetzt ist Leo endlich wieder da, im vertrauten Umfeld, mit dem vertrauten schelmischen Blitzen in den grünen Augen, und für einen Moment ist alles gut. Adam wagt es, seine Nase in Leos Shirt zu vergraben, seinen Duft einzuatmen und die Tatsache zu verdrängen, dass sie sich irgendwann wieder voneinander lösen müssen.
Natürlich haben sie nicht geredet, in den endlosen Stunden, die Adam an Leos Bett verbracht und ihm beim Dösen zugesehen hat. Das wäre zu einfach gewesen, und einfach liegt ihnen nicht. Stattdessen haben sie dieses Etwas zwischen ihnen vor sich hergeschoben wie Sisyphos den Stein. Und genau wie Sisyphos kommen sie beide nicht vom Fleck und müssen immer wieder von vorne anfangen.
Aus dem Augenwinkel nimmt Adam Pias Lächeln wahr, und Esthers dezentes Räuspern ist ein so sanftes, aber deutliches jetzt mach schon, als würde sie die Worte mit Leuchtschrift draußen ans Präsidium schreiben.
Sachte löst Adam sich von Leo, nur ein bisschen, gerade so weit, dass er ihm in die Augen schauen kann. Leo sieht ihn nachdenklich an, vielleicht auch ein wenig verlegen, so als wüsste er nicht, was er gerade darf und was nicht. Und da versteht Adam es endlich.
Er muss es tun.
Er muss den ersten Schritt machen, muss den Stein ins Rollen bringen. Leo hat so viele Schritte auf ihn zu gemacht in der Vergangenheit, hat alle Gräben übersprungen, die Adam so sorgsam um sich ausgehoben hat, dass er jetzt einfach mal nicht mehr kann.
Er ist dran.
Doch er kann nicht, oh Gott, oh fuck, er kann nicht, was wenn er alles missversteht, was wenn Leo ihn wegstößt, wenn er ihn anschreit, was wenn er sich alles nur eingebildet hat, was wenn –
Er kann nicht, aber er muss. Adam braucht Leo wie die Luft zum Atmen, und vielleicht kann man das, was ihn jetzt nach vorne treibt, Überlebensinstinkt nennen.
Der Kuss ist sanft und zaghaft, nicht mehr als ein zartes Streifen der Lippen, Frage und Antwort zugleich.
Ein leises Quietschen hinter ihnen zeigt Adam, dass es Pia kaum schafft, ihre Begeisterung zu unterdrücken. Esther hingegen bleibt ganz, ganz still, als wäre dieser kostbare Moment eine Seifenblase, die bei der geringsten Störung zerspringt.
Plötzlich spürt Adam Leos Hände in seinem Nacken, wird nähergezogen. Dieses Mal ist der Kuss kein bisschen vorsichtig. Er ist eine Unterschrift unter einem Vertrag, eine Bestätigung, ein so deutliches fuck you zu allen bösen Stimmen, die Adam einreden wollen, dass er das hier nicht verdient.
Tränen brennen in seinen Augen, und Leo wischt sie ihm behutsam weg. Dann umarmt er Adam erneut, diesmal so fest, dass Adam alle Luft aus den Lungen gepresst wird. Egal. Wozu braucht er Luft? Er hat Leo.
Esther räuspert sich jetzt wieder. „So“, meint sie mit einem Lächeln in der Stimme, „nachdem das jetzt geklärt ist – möchte jemand Hörnchen?“
