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Zwischen den Zeilen

Summary:

„Thiel? Herr Thiel, was würden Sie sagen – welches Foto ist am besten?“ Boerne hatte ihn auf dem Weg in seine Wohnung abgefangen und hielt ihm einen Fächer aus Papier unter die Nase.

Die Veröffentlichung von Boernes Buch steht kurz bevor und Thiels Meinung scheint ihm in vielerlei Hinsicht wichtig zu sein.

Notes:

Ich habe das Gefühl, wir reden nicht genug über dieses Buch! Und deshalb wärme ich mich mit dieser Geschichte sozusagen schon mal für die Sommerchallenge auf, indem ich das hier mehr oder weniger im Rohzustand poste, ohne da jetzt noch ewig dran herumzudoktern. Ich brauche mal wieder ein Erfolgserlebnis in meinem Leben :D

Viel Spaß!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

*

„Thiel? Herr Thiel, was würden Sie sagen – welches Foto ist am besten?“ Boerne hatte ihn auf dem Weg in seine Wohnung abgefangen und hielt ihm einen Fächer aus Papier unter die Nase.

„Hä?“

„Für das Buch, Sie wissen schon, mein –“

„Mann, Boerne, Sie immer mit Ihrem Buch – jetzt stechen Sie mir doch nicht gleich die Augen aus!“ Er wedelte das Papier mit der Hand einige Zentimeter weiter weg.

„Der Verlag sagt, ich soll mich bis morgen entschieden haben.“

„Und das schaffen Sie nicht, weil Sie auf jedem Foto so atemberaubend gut aussehen oder was?“

„Sehr witzig, Thiel.“

„Ich dachte, das Fotoshooting lief so gut?“

„Lief es ja auch.“

„Na also.“

„Es ist bloß …“ Boerne seufzte. „Das Bild soll das ganze Buchcover ausfüllen.“

„Und?“

„Und, und, und …! Das Cover ist doch die halbe Miete, Thiel! Oder besser gesagt: das wichtigste Verkaufsargument. Meinen Sie, jemand wird sich den Klappentext durchlesen, der sich nicht vom dazugehörigen Cover angesprochen fühlt? Das ist keine Entscheidung, die leichtfertig getroffen werden sollte.“

„Das trifft sich doch gut, Sie sprechen doch gerne Leute an“, sagte Thiel trocken. „Und außerdem ist mir das wirklich schnuppe, welches Bild Sie da …“ Seine Finger drehten ein paar ziellose Kreise in der Luft.

„Sie haben die Fotos doch noch gar nicht gesehen! Sie könnten wenigstens einen kurzen Blick darauf werfen.“

Thiel atmete tief ein und verdrehte die Augen. „Dann geben Sie schon her.“

Mit einem erleichterten Lächeln reichte Boerne ihm die aufgefächerte Auswahl an Fotos. Es waren allesamt schwarz-weiße Porträtaufnahmen von ihm, die sich in erster Linie durch den abgelichteten Gesichtsausdruck voneinander unterschieden. Auf einem der Bilder ging Boernes Blick an der Kamera vorbei in die Ferne, ein Schmunzeln auf seinen Lippen; auf einem zweiten schaute er direkt in die Kamera, die linke Augenbraue keck nach oben gezogen; auf einem dritten war seine Miene stoisch, während er mit den Händen seine Krawatte richtete. Thiel musste zugeben, dass die Aufnahmen gut getroffen waren – klar, ein bisschen gestellt, aber Boernes Gesichtszüge kamen gut zur Geltung, und seine Augen auch. Fast schade, dass man ihnen die Sättigung genommen hatte.

„Und?“, hakte Boerne nach. „Ich tendiere ja zu diesem Bild hier“, er lehnte sich über Thiels Schulter und deutete auf das dritte Foto in der Reihe. „Seriös und schlicht. Was meinen Sie?“

„Hm“, brummte Thiel. Seine Hände blätterten weiter durch die Bilder und blieben schließlich an einem hängen, das ihn ganz duselig werden ließ. Darauf schaute Boerne ebenfalls in die Kamera, aber im Gegensatz zu den anderen Bildern vorher fühlte sich dieses irgendwie … näher an. Als würde Boerne direkt in ihn rein gucken. Den Kopf hatte er gegen die Hand gelehnt, der Ausdruck in seinen Augen war nachdenklich, konzentriert. Aufmerksam. Thiel kannte diesen Blick; er hatte ihn schon häufig gesehen, wenn sie lange über einen kniffligen Fall gegrübelt hatten.

„Das hier ist … ganz gut.“

„Das?“ Boerne nahm das Bild aus der Reihe und besah es sich genauer. „Finden Sie nicht, dass ich da ein bisschen … na ja, langweilig aussehe?“

„Ich finde, Sie sehen echt aus.“

„Echt was?“

„Na, echt eben.“

„Oh.“ Boerne betrachtete das Foto. „Ach so.“

Er gab ein eigentümliches Bild ab, wie er so gedankenverloren im Flur stand, die vielen Abzüge seines eigenen Gesichts in den Händen. Irgendwann schien er allerdings einen Entschluss zu fassen, denn er sagte: „Da sieht man wieder einmal, dass Sie keine Ahnung haben“, und schob die Fotos zusammen. „Heutzutage möchte doch keiner mehr echt sein. Insbesondere in der Öffentlichkeit nicht.“

„Wenn Sie meinen“, sagte Thiel und fragte sich, weshalb Boerne ihn dann überhaupt um Rat gebeten hatte.

„Ich muss dann auch wieder. Guten Tag.“

Kopfschüttelnd schaute Thiel ihm dabei zu, wie er in seiner Wohnung verschwand. Boerne war doch echt ein komischer Kauz manchmal.

 

*

 

Die nächsten Wochen hörte Thiel nichts mehr bezüglich des Buchcovers. Boerne schien wohl eine Entscheidung getroffen zu haben, jedenfalls erzählte er ihm nunmehr von seinen Titel-Ideen und von dem ersten Probeexemplar, das ihm per Post zugeschickt worden war, und von dem Erscheinungstermin, der in einigen Monaten angesetzt war.

„Das ist aber noch ’ne Weile hin.“

„Tja, die Mühlen des Verlagswesens arbeiten langsam, Thiel. Noch ein Glas Wein?“

 

*

 

„Thiel?“

„Hm?“

„Was halten Sie von Bühnen?“

Thiel drehte seinen Kopf in Boernes Richtung. Viel mehr war aus seiner Position nicht drin, weil er gerade den tropfenden Schlauch von seiner Spüle reparierte und halb auf dem Boden, halb im Schrank unter der Küchenzeile hockte. Boerne hatte sich wie immer selbst eingeladen, um ihm bei seinem Vorhaben zur Seite zu stehen und saß jetzt auf einem Stuhl neben ihm, ein Handtuch auf dem Schoß ausgebreitet und darauf Thiels Werkzeugkoffer.

„Hä?“ Thiel betastete den Abdichtungsring, der quasi unter seinen Fingern zu Staub verfiel. Damit hatte er dann wohl den Übeltäter gefunden.

„Bühnen, Sie wissen schon. Diese Plattformen, auf denen Menschen stehen, wenn sie ein Theaterstück aufführen oder –“

„Mann, Boerne, ich weiß, was 'ne Bühne ist.“ Er schraubte an dem Trichter, der den Schlauch mit dem Waschbecken verband. „Aber was ist das denn für 'ne Frage? Geben Sie mir mal den Schraubenschlüssel.“

„Welchen?“

„Den kleinen.“

„Ich meine ja nur“, Boerne reichte ihm den den Schraubenschlüssel, „da Sie jegliche Mühen meinerseits, Sie mit der Kultur Ihrer westfälischen Wahlheimat vertraut zu machen, bisher offensichtlich nicht zu schätzen wussten, wird mir doch wohl erlaubt sein, Ihnen dahingehend ein paar Fragen zu stellen.“

„Ich hab’ nix gegen Bühnen, ich hab’ was gegen Ihre dreistündigen Dramen in Sprachen, die ich nicht verstehe.“

„Was kann ich denn dafür, dass Sie sich weigern, das Libretto zu lesen?“

„Ich bin doch nicht mehr in der Schule.“ Thiel streckte die Hand in Boernes Richtung. „Zange.“

Boerne reichte ihm die Zange und nahm im Gegenzug den alten Abdichtungsring entgegen, oder zumindest das, was davon übrig war.

„Und … wenn es jetzt nicht um eine Oper ginge?“

„Hm?“

„Mal angenommen, Sie, äh … würden gewürdigt. Als … als Hauptkommissar im Dienst.“

„Hm.“

Den Schlauch könnte man auch mal wieder reinigen. Wie konnte der überhaupt so dreckig werden, wenn da doch ständig Wasser durchlief?

„Thiel.“

„Hm?“

„Sie hören mir gar nicht richtig zu.“

„Boerne, ich bin hier grad’ beschäftigt, das sehen Sie doch. Ham’se mal den neuen Abdichtungsring für mich?“

Boerne seufzte und überreichte ihm den Ring.

„Mich kriegen jedenfalls keine zehn Pferde auf 'ne Bühne, falls es das ist, was Sie wissen wollen.“ Thiel hielt noch einmal seine Hand auf. „Lappen.“

„Boerne.“

„Hm? Ach so, ja.“

„Bin  auch gleich fertig“, sagte Thiel, während er den Schlauch abputzte, „dann können wir wieder zu Ihnen rüber.“

 

*

 

Thiel blätterte sich durch seine Post, von der er allerdings den Großteil auf dem Weg nach draußen ohne Umschweife in die Papiertonne verabschieden würde. Neben ihm stand Boerne, der nun schon zum dritten Mal in seinen eigenen Briefkasten schaute und dabei nervös zu ihm rüber schielte. Kaum dass Thiel einen ersten Brief zwischen all den Werbekatalogen entdeckt hatte, teleportierte Boerne sich praktisch neben ihn.

„Wollen Sie den nicht öffnen?“

Thiel schaute Boerne an. „Wollen Sie, dass ich den öffnen will?“

„Ich will nur, was Sie auch wollen.“

„Gut.“ Und er machte Anstalten, den Brief wegzustecken, als –

„Äh –“ Boernes Körper wechselte in Alarmbereitschaft. „Oder vielleicht doch jetzt?“

Thiel verdrehte die Augen, halb genervt, halb amüsiert von Boernes nicht besonders subtilen Art. Mit dem Schlüssel öffnete er den Brief und zog – unter dem gespannt wartenden Blick von Boerne – eine Karte heraus.

„Ich möchte Sie gerne einladen.“ Boerne hatte seine Hände hinter dem Rücken verschränkt und streckte nun die Brust raus, als würde er seine neueste Krawatte präsentieren.

„Mich? Aber Ihr Geburtstag war doch schon.“

„Nicht zu meinem Geburtstag“, Boerne wippte erwartungsvoll auf seinen Fußballen, „sondern zur Erscheinungsfeier meines Buches.“

„Ach, das ist jetzt bald?“ Thiel klappte die Karte auf. Sie war handschriftlich verfasst und beinhaltete, abgesehen von den üblichen Formalien, die wichtigsten Informationen zur Feier. Am Ende der Karte hatte Boerne mit einen geschwungenen Ihr Karl-Friedrich Boerne unterschrieben.

„Ein paar Wochen sind es noch, aber ich dachte, so können Sie sich den Termin frühzeitig in Ihrem Kalender vormerken. Nicht, dass der normalerweise so voll wäre …“

„Danke schön“, sagte Thiel und meinte es auch so. „Ich werd’s mir eintragen.“

„Das will ich hoffen. Ich habe extra Häppchen bestellen lassen, damit Sie mir während der Veranstaltung nicht vom Fleisch fallen.“ Boerne pikste ihm spielerisch in den Bauch und schien für den ganzen restlichen Tag auf Wolken zu laufen.

 

*

 

Im Spiegel musterte Thiel sein äußeres Erscheinungsbild. Es kam nicht häufig vor, dass er Hemd trug, und selbst heute hatte er es zuerst mit einigen T-Shirts probiert, bevor er sich dann doch für das hellblaue Leinenhemd entschieden hatte. Es war noch verhältnismäßig neu, deshalb passte es zum Glück immer noch gut, und an das Gefühl von dem Stoff auf seiner Haut würde er sich auch noch gewöhnen. Und es war wahrscheinlich doch angemessener, zumindest wenn das alles stimmte, was Boerne ihm in den letzten Wochen zu der Buchvorstellung heute erzählt hatte.

Es klingelte und Thiel zupfte ein paar Mal an Bund und Hemdkragen, dann fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. Atmete durch. Na gut.

Als er in den Flur kam, wartete Boerne bereits auf ihn. Er trug einen glatt glänzenden Anzug, der noch schicker als das war, womit er sonst im Alltag immer rum lief, und in seinem Gesicht breitete sich erst ein überraschter Ausdruck und dann ein Lächeln aus, als er Thiel sah.

„Können wir?“, fragte Thiel, der keine Zeit mit unnötigen Floskeln verschwenden, geschweige denn noch länger unter Boernes Blick im Flur rumstehen wollte.

„Nach Ihnen.“

 

*

 

Der offizielle Teil der Buchvorstellung lief ab, wie die meisten solcher Veranstaltungen abliefen: Eine Menge Menschen sagten eine Menge Dinge, bedankten sich bei diesen und jenen, applaudierten einander und applaudierten Boerne.

Der hatte natürlich auch eine Rede vorbereitet und Thiel hörte ihm dabei zu, wie er seine Arbeit in der Rechtsmedizin und die Arbeit an dem Buch Revue passieren ließ – nicht, wie Thiel bemerkte, ohne dabei die ein oder andere leidvolle Schreibblockade zu übergehen – und wie er schließlich sein ‚besseres Viertel‘ Frau Haller zu sich auf die Bühne bat. Sie sah fantastisch aus, mit ihren hochgesteckten Haaren und der weinroten Bluse, und zusammen gaben die beiden ein geradezu formvollendetes Bild ab.

Im Hintergrund stand ein Roll-Up Banner mit dem Buchcover drauf. Es war das Bild, das Thiel so gemocht hatte, mit Boernes Kopf, der an seiner Hand lehnte und dem nachdenklichen Blick.

Aber Thiel konnte sich gar keine großen Gedanken darum machen, was es genau zu bedeuten hatte, dass Boernes Wahl ausgerechnet auf dieses Bild gefallen war. Denn während Boerne zusammen mit Frau Haller vom Fotografen für ein Bild arrangiert wurde, trafen sich ihre Augen und der andere lächelte ihn so geradeheraus an, dass Thiel die ganzen nächsten fünf Minuten nichts mehr von dem Trubel um sie herum mitbekam.

 

*

 

„Und Sie sind also Herr Thiel, ja?“

„Äh, ja.“

„Krause mein Name. Ich bin die Lektorin.“ Die Frau streckte ihm ihre Hand entgegen und Thiel verschob das Häppchen zwischen seinen Fingern von rechts nach links, um ihren Handschlag zu erwidern.

„Freut mich.“

„Und mich erst! Ich habe ja so viel von Ihnen gehört.“

„Ah?“

„Nicht jeder Autor spricht so freimütig über seine Muse wie der Herr Professor, wissen Sie.“

„Seine was?“ Thiels Häppchen stoppte jetzt auf dem Weg zu seinem Mund.

„Ich bin mir sicher, das Buch wird Ihnen Freude bereiten. Der Professor hat Ihnen persönlich ein Exemplar zur Seite legen lassen.“

„Ah …“

„Oh, da sehe ich gerade meine Kollegin. Wenn Sie mich kurz entschuldigen würden?“ Und damit verschwand Frau Krause im Gewusel der Menschen.

 

*

 

Das erste Mal, dass Boerne ihn fragte, ob er denn schon ein paar Kapitel in dem Buch gelesen hätte, saßen sie gerade in der Kantine. Die Buchvorstellung war erst wenige Wochen her und seitdem lag das Exemplar, das Boerne ihm abends feierlich überreicht hatte, unausgepackt in seiner Kommode (Thiel hatte es erst auf die Kommode gelegt, es aber nach einigen Tagen wieder verschoben, weil es Boerne da ja sofort aufgefallen wäre).

„Noch nicht“, sagte Thiel, „auf Arbeit ist gerade so viel los, Sie wissen schon, der aktuelle Fall …“

„Selbstverständlich“, erwiderte Boerne und dann gesellte sich Frau Klemm zu ihnen und das Thema war vorerst erledigt.

Das zweite Mal, dass Boerne ihn nach dem Buch fragte, hatten sie gemeinsam zu Abend gegessen. Während Boerne an seinem Wein nippte und Thiel aus seiner Bierflasche trank, suchte er nach einer glaubwürdigen Ausrede, die er dem anderen verkaufen konnte.

„Äh, das mache ich bestimmt bald, hab’ ja nächsten Monat ein paar Tage frei.“ Und weil Boerne nur wissend lächelte und nickte, schlug Thiel vor, noch einen Miss-Marple-Film zu schauen, und als Boerne seinen Arm auf die Sofalehne hinter Thiel legte, schien das Buch schon wieder vergessen.

Das dritte Mal waren sie im Auto unterwegs und Thiel konnte die betonte Beiläufigkeit hören, mit der Boerne seine Frage stellte. Er hatte sie sogar geschickt mit einem Schulterblick verbunden.

„Tut mir leid, Boerne, ich hab’s noch nicht geschafft –“

„Schon in Ordnung, Thiel.“

Sie sprachen nicht weiter darüber, aber für den Rest der Fahrt fühlte sich der Sitz unter Thiel unbequemer an als sonst.

Das vierte Mal erkundigte sich gar nicht Boerne, sondern Frau Haller nach dem Buch. Sie hatte ihm den Obduktionsbericht im Büro vorbeigebracht und schaute ihn jetzt mit einem nachforschenden Blick an, den Thiel nicht richtig einordnen konnte.

„Ja, ich werd’s schon noch lesen“, sagte er mürrisch, weil er das ja wirklich wollte, oder zumindest der Teil von ihm, der mit Boerne befreundet war. Der andere Teil, der damals aus Versehen das Gespräch mit dieser Verlegerin mitgehört hatte, war sich da irgendwie nicht so sicher. „Wenn ich’s überhaupt verstehen kann. Bin ja anscheinend ’n bisschen begriffsstutzig.“

Frau Hallers Gesichtszüge wurden weicher. „Sie glauben doch nicht wirklich, dass Boerne so etwas über Sie schreiben würde, oder?“

Thiels Finger drehten den Kugelschreiber in seinen Händen hin und her. Er zuckte mit den Schultern. Bei den meisten Menschen war ihm sowas eigentlich auch egal. Aber eben nicht bei Boerne.

Frau Haller seufzte. „Warum Sie beide nicht einfach miteinander reden können, ist mir wirklich unbegreiflich.“ Sie legte sich ihre Handtasche um die Schulter und machte sich auf den Weg zur Tür. „Tun Sie uns allen einen Gefallen, Herr Thiel, und lesen Sie endlich das Buch.“

 

*

 

Abends stand Thiel vor seiner Kommode. Nachdem er das Buch von seinem Umschlag aus Geschenkpapier befreit hatte, nahm er es nun in die Hände, und Boerne schaute ihn nachdenklich schweigend vom Buchcover aus an. Irgendwas in ihm hatte das Bedürfnis, die Konturen von Boernes Gesicht mit dem Finger entlangzufahren, aber weil ihm das irgendwie zu privat vorkam, drehte er das Buch stattdessen um.

Im Klappentext stand gar nichts mehr von einem begriffsstutzigen Kommissar. Kollege stand da. Und engster Vertrauter. 

Und jetzt fasste Thiel sich doch ein Herz und schlug das erste Kapitel auf.

 

*

 

Es war beeindruckend, an was Boerne sich offenbar erinnern konnte. Er musste Tagebuch geführt oder sich zumindest Notizen gemacht haben, anders konnte Thiel sich nicht erklären, dass Boerne sich Jahrzehnte später noch so vieler Details entsinnen konnte. Und das nicht nur, was die Eckpfeiler ihrer Ermittlungen oder Boernes eigenen Arbeit betraf – immerhin wusste Thiel noch genau, wie er für den anderen letztes Jahr die Dutzenden von Akten angefordert hatte – auch Zwischenmenschliches, Interaktionen, die in Thiels Gedächtnis lange verblasst waren und jetzt durch Boernes Erzählungen wieder an Farbe gewannen.

Dabei war es gar nicht so, als würde er sich in Lobeshymnen über ihr Team ergehen; vordergründig erzählte er von widersprüchlichen Indizien und niederträchtigen Motiven, von der Unverzichtbarkeit seiner eigenen Person, und er schrieb sich mehr als einen gemeinsam erarbeiteten Geistesblitz selbst zu.

Es war eher die Art und Weise, in der Boerne seine Geschichten ausschmückte, die ihn verriet. Die beiläufige Erwähnung, wie sie sich die Bälle zugepasst hatten, ganz am Anfang, im Haus der Alsfelds, oder wie sie mit Frau Haller in der Rechtsmedizin Tathergänge rekonstruiert hatten, oder wie sie von Frau Klemm in die Schranken gewiesen worden waren, nur um am Ende doch Recht zu bekommen. Seine Erzählungen von Nadeshda. Nadeshda, die so jung gewesen war, als sie für ihr Praktikum zu ihnen gekommen war. Und die immer noch jung, viel zu jung gewesen war, als … ja.

Einmal angefangen, konnte Thiel das Buch nicht mehr zur Seite legen. Manche Passagen klangen so unverwechselbar nach Boerne, dass Thiel die Worte praktisch in seiner Stimme hören konnte und entweder die Augen verdrehen oder laut auflachen musste. Die Leidenschaft, mit der Boerne seine Arbeit ausübte – und gelegentlich auch Thiels, da brauchte er sich nichts vorzumachen – klang in jeder Zeile durch. Aber vor allem konnte kein noch so selbstgefälliger Satz über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es Boerne nie nur um die Herausforderung gegangen war, oder die Wissenschaft, oder den Nervenkitzel. Nie nur um die Gerechtigkeit.

Boerne schrieb in einem Nebensatz davon, wie sie nach dem Fall mit der falschen Mumie alle miteinander im Kalinka essen gewesen waren, und Thiel hatte ihn durchschaut.

 

*

 

Damit hatte Thiel nicht gerechnet. Warum auch, wer machte sowas schon noch? Eine persönliche Widmung ins Buch schreiben. Kein Wunder, dass er die Seiten vorhin überblättert hatte. Sie wären ihm überhaupt nicht aufgefallen, wenn er nicht noch mal den Namen der Lektorin hätte nachgucken wollen.

Boernes Schrift war geschwungen und gar nicht so unleserlich wie normalerweise, wenn er nachträglich noch was in den Obduktionsbericht kritzelte oder ihm eine kurze Notiz irgendwo hinterließ. 

Lieber Thiel, stand da, und

dieses Buch ist für Sie,

und …

Thiel schluckte. 

Oh Mann. Wie hatte er so blöd sein können?

 

*

 

„Thiel! Was in Gottes Namen bewegt Sie dazu, mich zu dieser nachtschlafenden Zeit aus meiner wohlverdienten Ruhe zu klingeln?“ Boerne setzte sich die Brille auf und sein Blick fiel erst in Thiels Gesicht und dann auf seine Hände, in denen er das Buch fest umklammert hielt. Boernes Augen weiteten sich. 

„Ich dachte …“ Er verstummt. „Haben Sie …?“

Thiels Herz schlug ihm bis zum Hals. „Darf ich reinkommen?“

Boernes Augenbrauen waren immer noch in die Höhe gezogen und für einen Moment sah er aus wie eingefroren. Dann jedoch lächelte er, nickte und trat einen Schritt beiseite.

Und was anschließend passierte, war für keine Memoiren dieser Welt bestimmt – sondern nur für sie beide.

 

/Fin

Notes:

Mir fällt gerade auf, dass ich Thiel jetzt irgendwie doch ein bisschen begriffsstutzig gemacht habe. Ups! :D

Außerdem habe ich nichts, wirklich gar nichts zu dieser Geschichte recherchiert! Keine Ahnung, wie das mit Buchveröffentlichungen läuft. Oder mit der Reparatur von Spülen :D

Hier (x) gibt's einen Screenshot von dem Buchcover aus "Der Mann, der in den Dschungel fiel".

Danke fürs Lesen! <3