Actions

Work Header

Schicksalsgemeinschaft

Summary:

Thiel erfährt etwas, wovon er gar nichts wissen sollte. Jedenfalls wenn es nach Boerne ginge.

Originalpost auf ff.de

Notes:

Man muß "Satisfaktion" nicht gesehen haben, um der Geschichte folgen zu können - aber hilfreich fürs Verständnis der ersten beiden Kapitel wäre es schon. Sonst denkt Ihr noch, ich übertreibe es mit dem Drama ;)
Die Handlung setzt ein nach dem Streit zwischen Thiel und Boerne und der Auseinandersetzung mit Prof. Stielicke vor dem Verbindungshaus (58:00). Also nachdem Thiel Boerne sein Taschentuch vor die Füße geworfen und ihn stehen gelassen hat. In dieser Variante läßt sich Thiel allerdings nicht von Nadeshda verarzten, sondern fährt nach Hause ...

Beta: Mit Korrekturen und Anregungen haben Jo (Joslj) und Nipfel geholfen - Danke!!! Die alte Rechtschreibung ist wie immer meine persönliche Vorliebe.

Chapter Text

"Dieser Thiel und du ... seid ihr befreundet?"
"Man könnte sagen, wir haben eine Art Schicksalsgemeinschaft - wieso?"
"Weil ich mich frage, ob du weißt, wo deine Freunde sind."
Boerne und Stielicke Senior in Satisfaktion (ca. 49:00)

 

Thiel war immer noch wütend, als er zu Hause ankam. Wie konnte Boerne nur in diesem widerlichen Verein mitmachen. "Alter Herr" - diese ganzen dämlichen Begriffe reichten schon, um ihn rot sehen zu lassen. Eingebildete Idioten, die sich für was Besseres hielten, weil sie sich einen Haufen Rituale zum Saufen hatten einfallen lassen. Und Boerne mittendrin - dabei mochte der andere doch angeblich kein Bier. Die Bilder, die er auf Baltus CD gefunden hatte, hatten ihm den Rest gegeben. Er fragte sich, ob er Boerne überhaupt kannte.

Das war heute ein richtiger Scheißtag gewesen. Sein Kollege verfolgte offenbar seine eigenen Ziele und hinterging ihn. Er hatte gegen diese beiden Burschenschaftsdeppen den Kürzeren gezogen und war verletzt worden. Und er haßte es, sich mit Boerne zu streiten. Das machte alles noch viel schlimmer. Er war so wütend auf den anderen, daß er ihm am liebsten eine reingehauen hätte, und fühlte sich gleichzeitig hundsmiserabel, weil er ihm am liebsten eine reingehauen hätte. Das sollte verstehen, wer wollte.

Er versuchte sich wieder zu beruhigen, während er sich im Bad durch seinen Erste-Hilfe-Kasten wühlte. Ein Pflaster sollte doch wohl genügen, wenn er jetzt noch das Desinfektionsmittel fand ... Beim Suchen unterbrach ihn die Türklingel. Das konnte ja nur einer sein. Er ignorierte das Klingeln wie schon die fünf Anrufe vorher und suchte weiter. Er hatte keine Lust, Boerne heute noch einmal zu sehen. Oder überhaupt noch einmal, wenn es nach ihm ging. Bei dem Gedanken fühlte er sich gleich noch schlechter. Er hatte doch irgendwo ... wie sollte man aber auch bei dem Lärm ... Boerne klingelte inzwischen Sturm und hatte wohl nicht vor, damit in absehbarer Zeit aufzuhören. Warum konnte der andere ihn nicht in Frieden lassen und wenigstens warten, bis er sich wieder beruhigt hatte!?

Als er die Tür mit einem wütenden "Was is!" aufriß, stand wie erwartet Boerne mit entschlossenem Gesichtsausdruck davor.

"Wir können uns morgen weiter streiten, aber ich werde mir jetzt Ihre Verletzung ansehen."

"Um den Kratzer kümmere ich mich schon selbst. Wenn das dann alles war ..." Thiel wollte die Tür wieder zuschlagen, aber Boerne hatte doch tatsächlich schon den Fuß in den Türrahmen gestellt. Überrumpelt von so viel Dreistigkeit ließ er es zu, daß der andere sich an ihm vorbei in die Wohnung drängte. Boerne ging zielstrebig Richtung Bad, um wenige Sekunden später mit dem Verbandskasten an ihm vorbei ins Wohnzimmer zu gehen.

"Kommen Sie her und setzen Sie sich."

Thiel starrte Boerne sprachlos an. Er hätte ihn am liebsten rausgeworfen, aber er traute sich selbst nicht. So wütend, wie er im Augenblick war, würde er ihn vielleicht wirklich verletzen.

"Was ist los?! Sind Ihre Ohren auch in Mitleidenschaft gezogen? Setzen Sie sich, und lassen Sie mich das ansehen."

Einen Moment lang zweifelte er an seiner Erinnerung. Hatten Sie sich nicht eben noch gestritten? Und hatte er nicht mehr als deutlich gemacht, daß er von Boerne weder etwas sehen noch etwas hören wollte? An welchem Punkt hatte er die Kontrolle verloren, so daß jetzt Boerne ihn herumkommandierte, und das auch noch in seiner eigenen Wohnung?

"Thiel … ich habe auch nicht den ganzen Abend Zeit. Jetzt kommen Sie schon, dann ist das in zwei Minuten erledigt."

Vermutlich war das der einzige Weg, um Boerne schnell wieder loszuwerden. Thiel setzte sich und schloß die Augen. Idiot. Boernes Hände waren kühl, als sie ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht strichen und seinen Kopf besser ins Licht drehten.

"Das sieht übel aus. Am besten nähe ich das mit zwei Stichen, dann bleibt keine Narbe." Boerne klang ganz sachlich.

"Nein." Mit Sicherheit würde er Boerne nicht mit Nadel und Faden an sich heran lassen. Soweit kam es noch - der Mann sollte lieber bei seinen Leichen bleiben. Der andere zögerte, und er machte sich schon auf die nächste Diskussion gefaßt. Aber offensichtlich war sein Ton diesmal so entschlossen gewesen, daß selbst Boerne gemerkt hatte, daß er nicht weiter nachgeben würde.

"Na gut. Dann nehmen wir erst einmal ein Klammerpflaster, und Sie gehen morgen zu einem anderen Arzt und lassen das noch mal ansehen."

...

"Thiel? Haben Sie mich verstanden? Gehen Sie morgen noch mal zum Arzt?" Boerne klang seltsam. Es wäre leichter gewesen, ihn einzuschätzen, wenn er die Augen offen gelassen hätte. Andererseits hätte er ihn dann die ganze Zeit ansehen müssen, und das ging gerade über seine Kräfte. Vielleicht hatte es ihn doch übler erwischt als er gedacht hatte. Er konnte schon gar nicht mehr so genau sagen, warum er so furchtbar wütend auf Boerne war.

"Thiel?"

"Ja, mach ich. Jetzt werden Sie schon endlich fertig."

"Das tut jetzt vielleicht ein bißchen weh ..."

"Au! Kein Wunder, daß man Sie nur Leichen behandeln läßt!"

"Jetzt übertreiben Sie mal nicht, Thiel. Ist doch nur ein 'Kratzer' ... So, dann noch das Pflaster ... Warum mußten Sie sich auch prügeln?"

"Ich mich prügeln! Ihre Freunde haben mich angegriffen!" Thiel konnte spüren, wie sich sein Körper in Sekundenschnelle wieder anspannte, als er an die beiden Studenten und an die Auseinandersetzung mit Boerne vor dem Verbindungshaus dachte.

"Das sind nicht meine Freunde, und das wissen Sie ganz genau ..." Boernes Stimme klang wieder so eigenartig. Und seine Hand lag immer noch auf Thiels Schulter.

"Thiel ..."

...

"Würden Sie mich ansehen?"

"Nein."

"Jetzt seien Sie doch nicht so kindisch ..."

Thiel beschloß, einfach gar nichts mehr zu sagen. Sie waren fertig, und Boerne konnte gehen. Er mußte nicht mit ihm reden. Und er wollte auch nicht reden. Oder Boerne sehen. Dann war er eben albern und kindisch. Thiel atmete tief durch. Warum mußten sie sich überhaupt streiten? Er fühlte sich erschöpft und elend. Das war ganz alleine Boernes Schuld. Warum war der andere nur immer so ... so ... schwierig.

Er wehrte sich nicht, als Boerne ihn näher zog und wunderte sich selbst darüber. Boerne war warm, und ein fester Halt, während alles andere um ihn kreiste. Vielleicht war das ja eine Art von Entschuldigung. Er haßte es, wenn sie sich stritten. Richtig stritten - nicht wie sonst, wenn sie sich wegen irgendeiner Kleinigkeit in den Haaren hatten. Und er war müde. Und es war eine Erleichterung, seinen Kopf an Boernes Schulter legen zu können und den ganzen Ärger loszulassen. Boerne hielt ihn fest und strich mit einer Hand über seinen Kopf und Nacken. Thiel war froh, daß der andere zur Abwechslung mal schwieg und er auch nichts sagen mußte. Er war kurz davor wegzudösen, als Boernes Hand unter sein T-Shirt glitt und über seinen nackten Rücken strich. Was zum Teufel ...

Mit der Schläfrigkeit war es schlagartig vorbei - er schob Boerne hastig von sich weg und öffnete die Augen.

"Was soll das denn!?"

Boerne hatte im gleichen Moment angefangen, eine Entschuldigung zu stammeln. Er sah entsetzt aus. Am liebsten hätte Thiel die Augen wieder geschlossen, denn er wollte das gar nicht sehen. Die Sehnsucht. Und die Verzweiflung. Oh verdammt. Warum hatte er das nur nicht früher erkannt. Boerne versuchte, von ihm wegzukommen, aber Thiel hielt ihn fest. Er wußte einfach nicht, was er sonst tun sollte.

"Es tut mir leid ..." Boerne mußte doch verstehen, daß er ... daß er das nicht tun konnte. Er mochte den anderen, ja, aber doch nicht so. Das ging einfach nicht. Boerne hielt völlig still, aber Thiel konnte die Anspannung fühlen.

"Lassen Sie mich los." Boernes Stimme klang beherrscht.

"Boerne ..." Er wußte nicht, was er sonst tun sollte. Oder sagen sollte.

"Lassen Sie mich los ... das macht doch alles nur noch schlimmer." Thiel versuchte sich vorzustellen, wie er sich an Boernes Stelle fühlen würde, und ließ ihn schnell wieder los. Das war wirklich dumm von ihm gewesen.

Boerne wirkte gefaßt und völlig ruhig. Hätte er beim Reden nicht haarscharf an Thiels rechtem Ohr vorbei gesehen, wäre ihm gar nicht aufgefallen, daß mit ihm etwas nicht stimmte.

"Ich muß mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen."

"Boerne ..."

"Das wird nicht wieder vorkommen."

"Boerne ..." Thiel fühlte sich hilflos. Er hätte gerne irgendetwas getan oder gesagt, damit Boerne sich wieder besser fühlte. Aber da half nichts, was Boerne von ihm wollte, konnte er ihm nicht geben. Und darüber reden wollte der andere offensichtlich auch nicht. Was er gut verstehen konnte, darauf konnte er auch gerne verzichten. Aber er wollte wenigstens ... er wollte wenigstens, daß Boerne aufhörte sich zu entschuldigen. "Boerne ... mir tut es leid, und Sie müssen sich wirklich für nichts entschuldigen."

Boerne sah ihn kurz an, und für einen Moment dachte Thiel, er wollte noch etwas sagen. Aber dann kam er nur auf die Verletzung zurück. "Wenn Sie sich heute Nacht doch noch schlechter fühlen sollten, wenn Ihnen schwindelig wird oder Sie sich übergeben müssen, dann rufen Sie mich an, in Ordnung? Oder einen anderen Arzt."

"Ich rufe Sie an. Ich brauche keinen anderen Arzt, bloß weil Sie ... Aber mir geht's sowieso gut."

"Gut." Boerne trat einen Schritt zurück. "Gute Nacht."

"Gute Nacht." Thiel sah Boerne nach, der entschlossen aus der Wohnung marschierte. Was für ein Tag. Jetzt fühlte er sich fast noch elender als vor dieser Geschichte. Wie sollte das nur weitergehen?

*wird fortgesetzt*