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Die Sonne scheint einladend von der offenen Terrasse herein, als sie das Café betreten, fast, als wäre sie genauso über ihren Besuch erfreut, wie Carl es ist. Ihr Licht bringt das Schönbrunner Gelb an den Fassaden geradezu zum Strahlen, hebt jede Figurine um sie herum aus dem Schatten hervor und lockt ein Duzend andere Gäste hinaus ins Warme und hinter die, wohlgemerkt prekären, Stelltische.
Der Raum ist zum Bersten gefüllt und dennoch schafft Wolfgang es irgendwie, ihn mit einer Hand an seinem unteren Rücken zielstrebig an einen Platz nahe der hohen Fenster zu führen. Die Sohle seiner braunen Lederschuhe hallen bei jedem Schritt auf dem steinernen Boden wieder, und bevor Carl den Raum überhaupt vollends erfasst hat, stehen sie bereits vor einem der hölzernen Bistrotische.
Mit einem Grinsen und der freien Hand schiebt Wolfgang einen der Stühle an seiner geflochtenen Lehne zurück und deutet ihm an, sich zu setzen. Carl lächelt, und merkt dabei, wie sehr er Wolfgang in den vergangenen Wochen seiner Asienreise vermisst hat.
Dankend nimmt er also ihm gegenüber Platz und der Stuck an den Wänden könnte ihm im Moment nicht egaler sein. Jetzt wo er Wolfgang endlich wieder aus der Nähe betrachten kann, und sich nicht mehr mit der minderen Auflösung seines Handydisplays zufriedengeben muss.
Der Duft seines Rasierwassers, frisch und herb, kräuselt sich angenehm in Carls Nase und auch sonst enttäuscht Wolfgang keineswegs. Den Oberkörper hat er mit einem luftigen Leinenhemd bedeckt, das selbst den heißen Wiener Mai erträglich werden lässt. An den Füßen trägt er die vertrauten, spitz zulaufenden und frisch polierten Schuhe und seine Beine stecken in einer dunkelblauen Anzughose, die Carl mit großer Wahrscheinlichkeit dazu verleiten wird, bei ihrem Rückweg kurz einige Meter zurückzufallen.
Für die Aussicht, versteht sich.
Längst hat Wolfgang die dünne Karte vor ihnen an sich genommen und eine der vielen Kellner:innen, die hier ähnlich orientierungslos herumirren wie so mancher Tourist im Schlossgarten, herbeigerufen.
„Einen Espresso und eine Melange für meine Begleitung, bitte“, bestellt er für sie beide, das Lächeln dabei süßer als jede Mozartkugel und schon jetzt ahnt Carl Böses bei diesem Augenaufschlag. Doch die junge Frau bedankt sich nur und ist in Sekundenschnelle bereits Richtung Tresen davongeflogen, was Wolfgangs Aufmerksamkeit wieder gänzlich auf ihn richtet.
„Mein Lieber, was macht die Arbeit?“
Leichter Schalk liegt in seiner Stimme und trotzdem ist die Frage aufrichtig. Das, obwohl sie gestern erst telefoniert hatten und Carl sich, das Telefon auf die Brust und sich selbst im einsamen Bett drapiert, ausgiebig über die Zusammenarbeit mit dem neuen Kollegium ausgelassen hat.
Von Neuem beginnt er zu erzählen, schüttet ihm sein Herz, oder eher seinen Unmut aus. Und es tut gut. Wolfgang ist ein aufmerksamer Zuhörer, stellt Fragen an den richtigen Stellen und gibt Carl keineswegs das Gefühl, sich mit Nichtigkeiten aufzudrängen.
Seine Worte stocken erst, als er etwas Ungewohntes an seinem rechten Schienbein spürt, dass keinesfalls das hölzerne Tischbein sein kann, gegen das er vorhin sein Bein gelehnt hat. Doch gerade als er den Blick von Wolfgang hinab senken will, kommt ihre Bedienung zurück und stellt ihnen mit ausdrücklicher Höflichkeit die beiden Getränke hin.
Carl räuspert sich also nur, nimmt die Tasse in die linke Hand und führt sie an seine Lippen. Zufrieden lässt er sich die hellbraune Flüssigkeit, samt dem standortgebundenen Preisaufschlag, auf der Zunge zergehen und findet mit seinem Blick danach den Weg zurück in Wolfgangs wache Augen.
Geradezu euphorisch erzählt der im Gegenzug nun von seinen Plänen für den erstandenen Chaiselongue, dem er bis auf den anderen Kontinent nachgejagt ist. Im selben Moment ist die Berührung zurück und Carl bemerkt mit stockendem Atem, dass es sich nur um Wolfgangs Schuhspitze handeln kann, dessen weiches Leder dieser bei seiner Erzählung gerade vollkommen unbekümmert in seinen Unterschenkel drückt.
Ganz leicht nur, fast liebevoll.
Nichtsdestotrotz verdoppelt sich Carls Herzschlag, der Kragen seines Hemdes kommt ihm plötzlich viel zu eng vor und er kann nur froh sein, dass sein Körper die Sonne noch nie sonderlich gut vertragen hat. Sie ihm von Grund auf eine blasse Röte ins Gesicht zaubert.
Wolfgang funkelt ihn an, als hätte er seine Schlussfolgerungen genauestens bemerkt und nippt, sich wohl keiner Schuld bewusst, an seinem Espresso. Carl atmet aus, lässt das kurzweilige Adrenalin wie eine Welle durch sich schwappen, dann entspannt er sich wieder.
Die Spitze des Schuhs streift die Kuhle seines Knies, kitzelt Carl beinahe und er seufzt leise. Nach unten zu sehen traut er sich nicht, und auch Wolfgang muss wissen, das dessen Berührung durch das fehlende Tischtuch alles andere als subtil ist.
Wobei Carl bezweifelt, dass irgendjemand den Anstand (oder wohl eher den Mut) hätte, sich beim Personal zu beschweren. Und irgendwie ist es ihm auch egal, genießt er doch vielmehr Wolfgangs Gesellschaft, die ihm viel zu lange verwehrt worden ist.
Also lässt er es einfach passieren. Sieht Wolfgang zu, wie er mit den Fingerspitzen auf der marmornen Tischplatte trommelt, sie bei einer spitzen Bemerkung kurzweilig in die Höhe wirft und lacht über eine, seiner besonders zynischen Bemerkungen.
Sie finden zurück in ihr Gespräch, und je länger sie sitzen und plaudern auch wieder zueinander - als lägen zwischen ihrem letzten Treffen nur wenige Tage, statt Wochen.
Mit einem letzten Zug leert Carl irgendwann seinen Kaffee.
Gerade so stellt er die Tasse zurück auf den Tisch, da lehnt Wolfgang sich schon vor, und flüstert ein leises „Darf ich?” in seine Richtung.
Carl nickt, wüsste nicht, was er sonst tun sollte. Wolfgang grinst zufrieden, und die Art, wie er daraufhin die Hand an seine Wange hebt und ihm zärtlich mit dem Daumen den verbliebenen Milchschaum von der Oberlippe streift ist gleichermaßen unschuldig wie obszön. Dass er sich diesen im Anschluss genüsslich an die eigenen Lippen führt, macht es nicht besser. Carl schaudert.
Gott, er hat ihn wirklich vermisst.
„Du bist heute ausgesprochen unmöglich”, räuspert er sich leise und kann dabei zusehen wie Wolfgangs Grinsen breiter wird.
„Und du genießt es”, gibt der zurück, ist sich seiner Wirkung auf ihn wohl bewusst.
Als wäre das nicht genug, schiebt er beiläufig dabei seinen Fuß noch ein wenig höher, presst ihn stärker gegen sein Bein und Carl bildet sich ein, dass Leder an seiner Haut spüren zu können – selbst durch Stoff seiner Hose.
Er sieht sich um, beobachtet das Wuseln der Bedienung im Raum, hört das Klirren von Geschirr um sie herum und es kribbelt ihm heiß im Magen, als Wolfgang erneut ein bisschen fester zudrückt. Diskretion heben sie sich wohl für ein anderes Mal auf.
Ihm soll es recht sein.
