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Die Zeit vergeht, der Tag bricht an

Summary:

Nach dem Tod seines Vaters kommt Adam erst so richtig in Saarbrücken an. Die Arbeit und das Leben gehen weiter und er hat das Gefühl, er kann endlich loslassen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht.

Notes:

Tathergangsnachstellung Faber-Bönisch-inspiriert. Die Couch Eyewitness-inspiriert.

Chapter Text

 

 

Vom Badezimmer hörte Adam Leos Telefon im Schlafzimmer klingeln. Einmal, zweimal.

„Leo?“

Dreimal. Kein anderes Geräusch war in der Wohnung zu hören. Vorhin hatte er Leo in der Küche mit dem Geschirr zurückgelassen, aber jetzt regte sich nichts.

Schnell spuckte er die Zahnpasta aus und ging in Leos Schlafzimmer, um auf das Display zu sehen. Es war die Dienststelle. Er wischte sich die Hand an seiner Pyjamahose trocken und hob mit einem „Schürk bei Hölzer“ ab.

„Schürk? Morgen. Wir haben eine Leiche für euch.“

Großartig. Sie hatten den letzten Fall gerade erst abgeschlossen und waren noch nicht einmal fertig mit dem Ablegen der Akten. Wenigstens die heutige Leiche hätte ein anderes Team übernehmen können; offensichtlich war das nicht der Plan. „Okay, bleib kurz dran, lass mich was zum Schreiben holen.“

Er nahm das Telefon mit hinaus in den Gang, um in der Küche die wichtigsten Eckdaten zu notieren, als Leo mit zwei leeren Mülleimern durch die Wohnungstür polterte. Ein kühler Schwall Luft drängte sich mit ihm in die Wohnung und Adam zog automatisch die Schultern hoch. Es war eben schon Ende August und nicht mehr so warm wie noch vor einigen Wochen. Tief Gustav tat sein Bestes, frühzeitig den Herbst einzuläuten.

Während Leo aus seinen Hausschuhen schlüpfte, nickte er Adam und dem Telefon an seinem Ohr fragend zu.

Adam schüttelte nur den Kopf; er würde das erledigen. Zielsicher griff er in die Lade, in der Stift und Papier aufbewahrt waren, bevor er sich wieder seinem Gesprächspartner zuwandte. „Okay, kann losgehen.“

Neben ihm bemühte sich Leo, die Mülleimer halbwegs leise im Schrank unter dem Spülbecken zu verstauen und sie mit neuen Müllsäcken auszustatten. Zufrieden merkte Adam an, dass Leo wohl in seinem T-Shirt doch gefröstelt hatte, denn er rubbelte sich jetzt geistesabwesend die Oberarme, als er sich neben Adam stellte.

Adam notierte die Details, die er erhielt und schob den Zettel etwas mittiger. Leo sah neugierig zu. Bei der Adresse zögerte Adam kurz, weil er sie erkannte. Leos Augenbrauen wanderten ebenso hoch, als er mitlas. Dass in der Straße und in den Wohnblöcken etwas geschah, war nichts Ungewöhnliches, aber trotzdem waren sie beide unerwartet überrascht, dort einen Fall zu bekommen.

Als er auflegte, trommelte Leo mit den Fingerspitzen auf den Tresen. „Leiche in der Erlerstraße?“

„Hast du dort schon mal ermittelt?“ In dem ganzen letzten Jahr seit Adam zurückgekehrt war, hatte sie kein einziger Fall dort hingeführt.

Leo zuckte mit den Schultern. „Früher, als ich noch nicht in der Mordkommission war, öfter. Aber Leiche hat mich dort noch keine erwischt. Immer die anderen Teams.“

„Absichtlich?“, hakte Adam nach.

Leo wog die Frage sichtbar ab und schüttelte den Kopf. „Kam mir nicht so vor. Weiß ja keiner, dass ich dort aufgewachsen bin.“ Er zeigte auf Adams Gesicht und rieb sich mit dem Finger über seinen eigenen Mundwinkel. „Du hast da noch Zahnpasta.“

Adam wischte sich automatisch über den Mund. „War gerade im Bad. Bin gleich fertig, dann können wir fahren.“

„Leih dir von mir was zum Anziehen, es zu kalt für bloß Pulli und Jeansjacke“, riet Leo.

„Hab‘s gemerkt,“ grummelte er und machte sich widerwillig auf, um in Leos Kleiderschrank nach einer warmen Überziehjacke zu suchen. Woche für Woche wurde es nun kühler und er machte sich schon darauf gefasst, dass er demnächst einen Abend für einen online Einkauf opfern müssen würde. Zumindest eine dickere Jacke würde er bald brauchen. Er musste daran denken, das hier bei Leo zu tun, und keinesfalls im Hotel, wo ihn das Internet zum Verzweifeln bringen würde, wenn die Online Shopping Seite nicht richtig lud.

Er kramte etwas ziellos in Leos schmalen Schrank und fand ganz weit hinten unten einen Stapel Winterklamotten, den er mit einem Ächzen zwischen Sakkos und aufgehängten Hosen hervorzog. Ein dickes, gefüttertes Holzfällerhemd aus Fleece stach ihm ins Auge und er zupfte es unter dem Stapel hervor. Es war mutig gefärbt, nicht wirklich sein Stil, Leos eigentlich auch nicht, aber wenigstens würde es ihn warmhalten.

Als er zurück in die Wohnküche kam, war der Raum durchgelüftet und aufgeräumt, und seine Bettdecke und sein Kissen lagen ordentlich zusammengelegt an einem Ende der Couch.

„Bereit?“, fragte er und legte die Jacke an.

Leo schüttelte leicht den Kopf, als er ihn sah. „Dass du das gefunden hast“, kommentierte er das Holzfällerhemd. Aber er war bereit und klopfte seine Taschen nach Geldtasche und Handy ab, bevor er den Schlüssel aus der Holzschale neben dem Eingang nahm.

„Die Ärmel sind lang genug.“ Adam zupfte am Stoff und zog die Bündchen seines Hoodies darunter hervor.

Leos Gesichtszüge waren duster, als er antwortete: „Ja, sind sie.“ Adam konnte den Blick nicht interpretieren, hatte aber das Gefühl, dass er mit der Hemdenwahl einen Fehler begangen hatte. Die Ärmel waren Leo mit Sicherheit zu lang und erst jetzt kam Adam in den Sinn, dass es vielleicht nicht seines war. Er wollte schon anbieten, es wieder auszuziehen, als Leo seinen Schlüsselbund bereits ungeduldig einmal um den Finger schwenkte. „Komm, Kaffee und Frühstück gibt’s auf dem Weg.“

Auf dem Weg nach unten überreichte Leo Adam den Autoschlüssel und Adam fuhr sie zuerst zum Drive-in Bäcker und danach in Richtung Erlerstraße. Den Kaffee tranken sie im Auto, das Frühstück würde bis nach der ersten Begehung des Tatorts warten. Sie hatten mittlerweile ein Ritual entwickelt.

„War schon immer seltsam, hier einen Einsatz zu haben“, sagte Leo plötzlich, als sie auf den trostlosen, alten Plattenbau zufuhren.

Adam konnte sich denken, warum.

„Kennt dich hier noch jemand?“, fragte er, anstelle von ‚Kennst du hier noch jemanden?‘ Die Chance war hoch, dass einige der Nachbarn bereits seit Leos Kindheit hier wohnten und ihn wiedererkennen würden. Siebzehn Jahre waren eine lange Zeit, aber wer hier aufwuchs kam auch nicht leicht weg.

Alles hier war grau. Selbst der Himmel war heute diesig.

Die Gegend war verrufen, damals wie heute. Hier waren die billigsten der billigen Wohnungen und entsprechend zogen sie Leute an, die anderes zu tun hatten, als auf eine saubere Umgebung zu achten. Die Müllcontainer waren zu voll; was nicht mehr reinpasste, stand daneben. Abgehalfterte Couchen standen vor den Eingängen. Kaputtes Kinderspielzeug lag herum, ausgeschlachtete Autos standen zwischen den Gebäuden, weil sich die Besitzer die Reparaturen nicht leisten konnten. Alles hier war verwahrlost.

Für ihre ‚Assi-Wohnungen‘ war die Erlerstraße verrufen. Hier gab es genug Drogendelikte, dass der ganze Block auf der schwarzen Liste jeder Blut- oder Plasmaspendeeinrichtung der Umgebung stand. Arme Saarbrücker wohnten neben armen Migranten, Feindseligkeiten gab es dementsprechend viele. Die Polizei hatte hier jede Menge zu tun, aber auch wenig Aussicht auf Besserung.

Adam stellte den Wagen ab, so, dass sie das Haus sehen konnten.

„Glaube nicht.“ Er schüttelte den Kopf und zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Und selbst wenn.“

Was sollte er denn machen, dachte Adam, wenn ihn jemand erkannte. Leo versteckte sich vor niemandem, da war Adam sicher. Und trotzdem bot er an: „Sag' Bescheid, wenn du willst, dass ich mit Esther oder Pia hier weitermache. Du musst das nicht tun.“

Leo winkte verächtlich ab. „Geht schon.“

„Aber-“

„Aber“, unterbrach Leo ihn mit einem ehrlichen Lächeln. „Ich weiß, ich kann Bescheid sagen, ja. Danke.“

„Gut.“ Das war alles, was Adam wollte: dass Leo wusste, dass er ein Team hatte, das ihn unterstützte. „Bereit?“, fragte er mit der Hand bereits am Türgriff.

„Los geht‘s.“

Damit stiegen sie aus dem Auto und gingen auf das Haus zu, in dem der Mord passiert sein musste. Ein Bus der Spurensicherung, sowie einer der Gerichtsmedizin standen vor der Eingangstür, bewacht von einem Streifenpolizisten, damit nichts gestohlen wurde.

Die Situation war angespannt und Hausbewohner sahen gleichermaßen misstrauisch und neugierig zu; aus Fenstern, von Parkbänken und Gehwegen. Der Mord hatte sich herumgesprochen. Auf einem Picknicktisch unweit des Eingangs saßen Jugendliche und beobachteten alles, provokativ rauchend, obwohl einige von ihnen mit Sicherheit noch nicht volljährig waren. Adam, noch nicht so lange Nichtraucher, musste kurz tief durchatmen. Nein, er wollte nicht wieder anfangen. Er erwischte Leos mitleidigen Blick aus dem Augenwinkel und verzog das Gesicht.   

„Morgen“, grüßten sie den Kollegen.

„Wie sieht’s aus?“, fragte Leo.

Der Kollege zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Typisch die Siedlung eben. Wenn es keine Überdosis ist, ist es etwas anderes.“

„Das wäre?“, fragte Adam.

„Naja, Messerstecherei, häusliche Gewalt, Drogen. Oder eine Hundeattacke oder Diebstahl…“ Der Kollege ließ nichts aus. „Vor einem Monat haben wir dort drüben einen Selbstmord vom Beton gekratzt.“ Er zeigte auf den nächsten Hauseingang und von dort aufs Dach. „Im Hochsommer. Schicht hier ist immer scheiße.“

Leo räusperte sich neben Adam, sagte aber nichts.

Adam langte in den offenen Bus und zog vier Einweghandschuhe aus der Box nahe der offenen Tür. „Wohin müssen wir?“

Der Kollege deutete in den Hauseingang. „Siebter Stock. Die Wohnung findet ihr. Ist ja genug los da oben.“

Im Hausinneren sah Adam auf die Pinnwand und die Briefkästen, für den Fall, dass etwas Nützliches angeschlagen war. Kleine Streitigkeiten wurden gerne zu Affekthandlungen, wenn sie nur lang genug an den Betroffenen nagten. Er las die Graffiti an der Wand, wer mit wem was hatte. Fuck cops, ein verunglücktes Wutang Zeichen, ACAB, Erler Ghetto. Alltäglicher Hass und Stolz, gemischt mit anzüglichen Sprüchen. Claudia fickt jeden.

Adam wusste nicht so recht, was er sagen sollte und wartete bis sie allein im Lift waren. „Ich kann mich gar nicht richtig erinnern, wie es damals war.“ Er war selten hier gewesen, weil sich Leo meistens woanders hatte treffen wollen; egal wo, nur nicht hier. Damals war ihm das nicht so aufgefallen, aber jetzt konnte er sehr wohl reflektieren, warum; auch, warum Leo ein Baumhaus gehabt hatte.

Leo schnaufte. „So. Hat sich nicht verändert.“ Er sah Adam schief von der Seite an. „Ich wollte nicht…“ Er stockte, suchte mit halb offenem Mund nach Worten, bevor er mit einem Arm um sich gestikulierte. „Ich wollte nicht, dass du mich mit alledem hier verbindest.“

„Versteh ich jetzt. Hab ich damals nie so gesehen.“ Adam war selbst nicht gerne zuhause gewesen und hatte deshalb schnell verstanden, dass es Leo, wenn auch aus anderen Gründen, genauso ging.

„Aber auch so… ich war einfach nicht gerne hier.“

Das konnte Adam nachvollziehen, wusste er ja, wie es Leo hier gegangen war bei seiner Mutter. „Ich weiß noch, wie oft du im Sommer im Baumhaus geschlafen hast, statt nach Hause zu gehen“, murmelte Adam. „Oder, wie oft-“

„Adam, lass das.“

„Tut mir leid.“ Er wollte sich für etwas ganz Anderes entschuldigen.

„Du warst“, Leo schnaufte. „Wenn wir hier schon vergleichen, bei deinem Vater? Bei mir war alles scheißegal, aber bei dir...“ Er ging die paar Schritte zu Adam, lehnte sich neben ihm an die Wand der Liftkabine, bis sich ihre Oberarme berührten. „Lass die Vergangenheit da, wo sie hingehört. Bitte.“

Adam seufzte. „Das geht normalerweise ganz gut. Nur, die letzten Monate-“ Er brach ab, aber Leo vervollständigte den Satz für ihn.

„… waren anstrengend.“ Leo lehnte sich schwerer gegen ihn. Adam hielt dagegen. Der Druck war angenehm. Im Spiegel der Kabine sah er Leos Blick gedankenverloren über das Holzfällerhemd wandern, bevor er Adams Augen suchte und ihn anlächelte.

Ja, die letzten Monate waren anstrengend gewesen, das war noch milde ausgedrückt. So vieles war für ihn wieder hochgekommen seitdem sein Vater aufgewacht war, aber er arbeitete daran. Und jetzt, wo das Arschloch tot war, merkte er Woche für Woche, wie es ihm besser ging. Als würden sich in ihm langsam uralte, verfestigte Knoten lösen.

Den Fall hier hätten sie sich echt sparen können, fand er. Er wollte nach vorne blicken, nicht zurück. Und dieser Wohnblock hier? Der war pure, undestillierte Vergangenheit und holte auch die schmerzvolle Erinnerung an sein Weggehen wieder hoch.

Er sah zu, wie Leo sich krümmte und eine Schuhsohle begutachtete, und dachte dabei nur, wie froh er war, dass er die meisten Nächte mittlerweile bei Leo verbrachte. Was auch immer der Fall von ihnen forderte, sie konnten sich dem gemeinsam stellen.

Sie kannten sich einfach schon so lange, dass es nicht viel gab, das sie nicht direkt ansprechen konnten. Auch, wenn sie sich dazwischen fünfzehn Jahre lang nicht gesehen hatten, in dem letzten Jahr, seit seiner Rückkehr, hatten sie sich wieder angenähert und dabei herausgefunden, dass sie immer noch gleich tickten.

Oben angelangt, hörte Adam mit jedem Schritt, warum Leo seine Sohle inspiziert hatte. „Du klebst?“, fragte er.

„Scheiß Kaugummi“, murrte Leo und blieb in der Wohnungstür stehen.

„Tag die Herren und Damen“, grüßte er in die Runde.

„Hölzer, Schürk.“ Die drei Spusis streckten sich aus ihren Positionen, sichtlich erfreut, Pause machen zu können, während sie die Begehung machten.

„Seid ihr schon fertig?“

„Leiche liegt noch, bis ihr sie gesehen habt“, sagte eine von der Spusi und händigte ihnen Plastiküberzüge für die Schuhe aus, bevor sie mit den Kollegen zur Tür hinaus ging. „Beweise sind alle schon eingetütet. Alles ist abgestaubt, Proben sind genommen. Ihr könnt euch also umsehen.“

„Fingerkondome dabei?“ Ein Kollege beäugte Adam, der als Antwort mit den Plastikhandschuhen wedelte. Sie waren vorbereitet, niemand musste sich Sorgen machen, dass sie mit bloßen Händen etwas antatschen würden.

„Wir sind draußen“, kündigte der letzte, der bei der Tür hinausspazierte, noch unnötigerweise laut an.

Leo sah ihnen nach. „Wie Frauen, wenn sie beim Ausgehen aufs Klo abrauschen.“

Adam reichte zwei seiner Handschuhe an Leo weiter und zog sich die Plastiküberzüge über die Schuhe. „Als ob du wüsstest, was Frauen in Clubs machen.“

„Arsch. Klar geh ich manchmal mit Caro fort.“

Adam schnaubte. „Du gehst gar nicht aus. Tu nicht so, als wären deine Club Zeiten erst seit gestern vorbei.“

Leo zog ein Gesicht, als wollte er Adam heftig widersprechen, schien schließlich aber im Kopf zu kalkulieren, wann er das letzte Mal zum Tanzen ausgegangen war und hielt wohlweislich die Klappe. Adam kannte seinen Partner doch.

„Sag ich ja.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Dann mal los.“ Es roch unangenehm nach Bier in der Wohnung; das war das Erste, das ihm auffiel. Er sah sich um. Der Geruch schien nicht von hier zu kommen. Auf dem Couchtisch stand nur eine halb leere Mineralwasserflasche. Er sah erwartungsvoll zurück zu Leo, der noch nicht weit gekommen war.

„Das geht mir gerade nahe“, murmelte Leo und rieb sich mit seinen behandschuhten Fingern unglücklich über die Brust, bevor auch er sich umsah. Adam schnaubte und verkniff sich einen Kommentar. Er war auch bereit zu wetten, dass Leo noch nie so der große Partygänger gewesen war. Sein Plattenspieler und das dazugehörige Lautsprechersystem waren gut, aber Leo und fortgehen? Hatte Adam im letzten Jahr nicht mitbekommen, schien Leo auch nicht abzugehen.

Er sah, wie Leo die Nase hochzog und einatmete. Es bedurfte keiner großen Kombinationsfähigkeit, um zu wissen, dass hier drinnen täglich viel geraucht wurde. Die Wände waren bereits richtig braun vom Rauch und der Zigarettengestank hatte sich in alles reingefressen. Soweit Adam sich erinnern konnte, war es bei Leo früher ähnlich gewesen, vielleicht nicht ganz so schlimm. An ihren guten Tagen war Leos Mutter sogar nach unten, vor die Tür gegangen.

Ihr Rundgang wurde von einer ungeduldigen Henny Wenzel unterbrochen, die ihren Kopf um den Türrahmen des nächsten Raumes steckte. „Habe ich eure Stimmen doch gehört. Kommt ihr?“

Deshalb hatte der Spusi Typ sich also vorhin so deutlich und laut verabschiedet.

Adam winkte halbherzig, während Leo bereits nachfragte: „Dr. Wenzel, hallo. Was haben wir?“

„Einen Mord“, kündigte sie motiviert an und verschwand wieder in dem Zimmer, aus dem sie gekommen war.

Adam wollte schon etwas retournieren, aber da boxte Leo ihn in die Seite. „Lass ihr den Spaß“, zischte er leise.

„Spaß?“, fragte Adam, ohne Ton, nur mit den Lippen, weil sie schon zu nahe waren und er nicht wollte, dass sie ihn sie hänseln hörte. Leo verdeutlichte sein ‚ja‘ mit seinen Augenbrauen. Der Biergeruch wurde strenger, je näher sie dem eigentlichen Tatort kamen.

„Also, bleibt mal da in der Tür“, dirigierte Dr. Wenzel und wartete, bis sie beide gut in den Raum sehen konnten. Auf dem Tisch stand eine Bierflasche, auf dem Boden neben der Leiche lag eine zersplitterte. Flüssigkeit war auf dem Boden und den umliegenden Möbelstücken verteilt. Die tote Frau lag halb in der Pfütze. Blut hatte sich mit dem Bier vermischt, alles war klebrig und ineinandergeflossen. Adam ließ seinen Blick zurück zur Gerichtsmedizinerin schweifen.

Sie zeigte herum und erklärte: „Wir haben hier Blut und hier etwas mehr.“ Dabei deutete sie durch den Raum, auf die Tischplatte und die Wand. „Spritzer in die Richtung und da etwas weiter nach oben, wie ihr seht. Beide mit Schwung, der zweite allerdings mit mehr.“ Leo nickte neben ihm, immer der aktive Zuhörer.

Alt sah die Tote aus, dachte Adam nur, obwohl sie mit Sicherheit nicht älter als dreißig war. Nicht mal in ihrem Alter. Er sah kurz zu Leo, auf die kleinen Lachfältchen, die ihm verrieten, dass Leo zumindest manchmal lachte. Hatte Adam die auch? Er musste sich zwingen, sich nicht über seine äußeren Augenwinkel zu fahren. Leo sah ihn mit seinem fragenden Blick an. Adam wies ihn mit einem Händewinken ab; alles war gut.

Sie verfolgten die Ausführungen von Dr. Wenzel, bis sie schließlich mit ihrer Erklärung bei der Leiche landete. Als sie fertig war, sah sie sie erwartungsvoll an.

Adams „Okay“, überschnitt sich mit Leos „Danke.“ Sie machten ihren Rundgang durch die Wohnung noch fertig und begutachteten alles, bevor sie wieder nach unten gingen. Adam gab die Leiche zur Abholung frei, während Leo sich mit Hilfe eines Spatels und Desinfektionsalkohol den Kaugummi von der Sohle kratzte. Dann setzten sie sich ins Auto zum Frühstücken.

„Was glaubst du?“, fragte Adam, während er aß und dabei die Spusi und Dr. Wenzel beim Einpacken beobachtete.

Leo saß neben ihm, beschäftigte sich aber mehr mit seinem Laptop, als seinem Brötchen. Er kaute so langsam, dass Adam fast beim Zusehen einschlief.

„Melanie Daubner, siebenundzwanzig.“ Er klickte sich durch die Adresse. „Ihr Freund ist aktenkundig. Ein Harald Hauser, der-„

„Harald Hauser?“ Wer tat das einem Kind an? Da war das ‚Haha‘ ja schon vorprogrammiert. „Warte. HaHa, so wie in H-H, so ein acht-acht-mäßiger Code?“ Adam fand das beinahe etwas zu abstrus. „Weit hergeholt? Was meinst du?“, fragte er.

Leo schluckte und schüttelte den Kopf. „Ist es nichtmal.“ Er nickte auf ein Fenster im Parterre, etwas weiter rechts von dem Eingang, in den sie mussten, das herausfordernd eine amerikanische Konföderationsflagge als Vorhang nutzte. „Davon gibt’s jede Menge hier.“

„Muss aber auch nicht sein.“ Es konnte Zufall sein; vielleicht mochten die Eltern einfach Alliterationen.

Adams Blick wanderte auf die gammlige Couch, die vor der Wohnung stand und er fragte sich, welche Migrantenkinder auf diesen Couchen saßen und jeden Tag mit der Flagge in dem Fenster konfrontiert wurden.

Leo lenkte ein: „Wissen wir noch nicht. Gehen wir nach. Aber guter Ansatz.“ Während Leo weitersuchte, aß Adam sein Brötchen und sah zu, wie Leo vor lauter Recherche vergaß, bei seinem abzubeißen.

„Sorry, du warst bei Daubner. Freund Hauser.“

„Ich sage Baumann und Heinrich, sie sollen sich den Hauser ansehen.“ Leo machte einhändig ein Foto seines Bildschirms und schickte eine Nachricht an Esther.

Vor ihnen starteten Motoren. „Wir sind wieder dran“, merkte Adam an und nickte zum Eingang des Gebäudes, wo die letzte Spusi gerade in den Van kletterte. Der Streifenpolizist am Eingang winkte ihnen zu, bevor er vom Bus der Gerichtsmedizin beim Wendemanöver verdeckt wurde.

Leo blickte ratlos auf den Rest seines Brötchens und Adam schnaufte durch. Ja, wer langsam aß, den bestrafte das Leben. „Kannst ja später fertig essen, du Schnecke.“

„Hey, man soll langsam kauen.“

Adam blies Luft aus aufgepusteten Backen aus, um seine Ungeduld zu verdeutlichen und stieg aus. War ja nicht am Kauen gelegen, dass Leo nicht fertig war. Es war der gleiche Grund, warum Leos Kaffee auch immer kalt wurde: weil er vor lauter konzentriertem Arbeiten auf das Trinken vergaß. Er zog das Holzfällerhemd noch aus und warf es auf den Rücksitz, während er darauf wartete, dass Leo bereit war.

„Kann losgehen“, nuschelte Leo mit vollem Mund. „Ungeduldig wie ein Rennpferd“, kommentierte er noch, nachdem er geschluckt hatte. Er folgte Adam und holte mit schnellen Schritten auf.

Adam musste plötzlich an die Rennschnecke aus der Unendlichen Geschichte denken. Den Film hatten er und Leo sich damals aus einer Videothek ausgeliehen und sich sogar hier angesehen. Scheiße, war das echt hier gewesen? Er konnte sich noch daran erinnern, wie Leo ihn eingeladen hatte, weil niemand zuhause gewesen war. Caro hatte damals schon bei ihrer Großmutter gelebt.

Als Adam gefragt hatte, wo seine Mutter war, hatte Leo keine Antwort gehabt. Nicht hier. Weg. Egal. Nicht lange danach war er in ein Heim geschickt worden. Die Mutter war irgendwo hart abgestürzt und hatte wochenlang bei einem ‚Freund‘ geschlafen, ohne dass jemand gemerkt hatte, dass sie das Kind, das noch in ihrer Obhut war, zurückgelassen hatte. Ob das bei Leo jetzt auch wieder hochkam? Adam sah ihn von der Seite an, aber Leo war mit dem Kopf in den Nachrichten auf seinem Handy.

„Gibt’s schon was?“

„Nein.“

„Du sieht nicht aus, als ob da nichts wäre“, kommentierte er die Falte zwischen Leos Augenbrauen.

„Nichts für diesen Fall.“ Leo wackelte mit dem Handy und steckte es weg. „Die brauchen noch was von unserem letzten. Mach ich später.“

„Wir haben keine Zeit“, sagte Adam abfällig. Hier in Saarbrücken wollten die immer zwei Berichte mehr als notwendig waren, kam ihm vor. In Berlin war das anders gewesen; oder zumindest hatte er es anders in Erinnerung. In Berlin war aber auch das Team größer gewesen. Er lernte jetzt jedenfalls sehr viel mehr über Anträge und Protokolle, als in den Jahren davor. Vielleicht auch, weil Leo alle mehr einspannte und es keine Anwärter gab, die alles erledigten.

„Sag ich ihnen später… mit genau dem Tonfall.“

Adam schnaubte. Sollte Leo vielleicht mal versuchen, diesen Tonfall. Er wollte das schon laut sagen, aber da kam ein Anwohner aus dem Stiegenhaus geeilt und Adam verkniff sich das Herumwitzeln.

 

Kurz darauf standen sie wieder oben in der Wohnung im siebten Stock, diesmal ganz allein. „Okay. Melanie Daubner. Ich wohne hier“, murmelte Leo und sah sich um. Adam tat es ihm gleich.

„Okay… Harald. Der gute alte Harald. Mal sehen, wie wir den finden.“ Er startete direkt ins Bad, sah sich am Waschbecken um. Laut, damit Leo ihn hören konnte, sagte er: „Ich bin hier nur zu Besuch. Ich habe zwar eine Zahnbürste hier, aber keine eigene Zahnpasta. Rasierzeug, aber keine Reserveklingen oder so. Axe Duschgel und Deo.“

„Du trinkst zumindest Bier hier… außer das bin ich. Chips. Kekse.“ Adam hörte das Schaben einer vereisten Tiefkühllade, kurz darauf eine andere. „Fischstäbchen, Chicken Nuggets. Alles Lidl und Aldi.“

Lidl war hier auch gleich um die Ecke. „Wir haben kein Geld“, fasste er zusammen, als sie sich im Gang wieder trafen.

„Streitgrund?“

„Mit Sicherheit.“ Adam ging zum Fernseher und schaltete ihn ein. „Du hast Sky und Netflix.“ Er erspähte einen iPhone Stecker in der Steckdose und zog ihn raus. „Und ein eher neueres iPhone.“

„Woher habe ich bloß die Kohle dafür?“

„Das frage ich mich auch.“ Er sah, wie Leo etwas in sein Notizbuch schrieb. Er konnte sich denken, was: Kontoüberprüfung, Überprüfung auf staatliche finanzielle Hilfe, mögliche Geldgeber im Freundeskreis oder in der Familie.

„Rechnungen?“, fragte Leo und deutete zu dem Stapel Post bei der Tür.

Adam schüttelte den Kopf. Nichts, nur Werbeprospekte. Er drehte sich zur Tür und begutachtete sie genau auf Einbruchsspuren. Dafür gab es auch keine Anzeichen. „Du lässt mich rein, weil du mich kennst.“

„Vielleicht wirklich Hauser,“ sagte Leo und steckte sein Notizbuch ein. „Okay.“ Er kam auf Adam zu, nahm die Türklinke in die Hand, zog die Tür weiter auf, ließ Adam symbolisch durchtreten und machte sie hinter ihm wieder zu.

„Ich bin aufgebracht. Oder werde es in unserem Gespräch.“ Er sah hinter der Tür nach, ob vielleicht etwas verrutscht war, ob die Tür aufgestoßen worden war, aber die Tüte mit Altpapier, die sich dort befand, war nicht sonderlich zerdrückt. Nicht so sehr, dass er etwas Besonderes herauslesen konnte.

„Lass uns was trinken“, schlug Leo vor. „Bier. Zum Beruhigen.“

In der Küche sahen sie sich die Platzierung der Bierflaschen an. „Wir setzen uns nicht hin.“ Er beugte sich vor und begutachtete die Flasche, musste aber feststellen, dass es nicht so aussah, als hätte der Täter daraus getrunken. Wäre auch zu einfach gewesen. Puder von der Spusi war auf der Flasche verteilt, aber es waren keine Abdrücke erkennbar.

Adam sah auf den Messerblock, aus dem laut Henny die Mordwaffe herausgenommen worden war. Er tastete seine Jackentasche ab, nach etwas, das er stattdessen symbolisch verwenden konnte, aber da reichte ihm Leo bereits seinen Kugelschreiber.

„Danke.“ Er legte ihn griffbereit zum Messerblock.

Leo wartete einen Moment, bis Adam sich wieder zu ihm gedreht hatte. „Okay. Ich hole dir ein Bier aus dem Kühlschrank und stelle es da hin.“ Die andere Bierflasche hielt er pantomimisch in der Hand.

„Du kommst nicht dazu, deine abzustellen“, kommentierte Adam. „Ich- Wo waren Blutergüsse?“

„Rechte Wange. Hals.“

Adam mimte eine Backpfeife mit dem Handrücken. Leo ging mit der Bewegung mit, zeigte mit der linken Hand, dass ihm die Bierflasche aus der Hand fiel. „Ich lasse die Bierflasche fallen.“ Plötzlich ging er auf Adam los, packte ihn am Pullover, drängte ihn einen Schritt zurück. „Du Arsch, musst immer alles kaputt machen.“

„Selber. Wenn du nicht die Kohle beim Fenster rauswerfen würdest.“ Er legte seine Hand an Leos Kehle und drängte ihn zurück.

Leo ließ sich die grobe Behandlung nicht gefallen, mimte Kratzen und schubste ihn schließlich zurück, direkt zum Messerblock. Adam schnappte sich den Kugelschreiber. „Ich muss mich irgendwie wehren. Das ist das erst beste. Du bist eine Furie.“

„Bin gespannt, ob sie Drogen im Blut hatte.“

„Aufschreiben?“ Adam bot Leo den Kugelschreiber an.

„Ne, schon gut.“

„Okay.“ Damit griff Adam an, holte mit seiner Messerattrappe aus, versuchte Leo so zu erwischen, dass es zu den Spuren an der Leiche und im Raum passte.

„Rechtshänder, definitiv. Und Hauser muss kleiner sein“, kommentierte er, während er zustieß.

Leo hielt sich die Seite an die erste Einstichstelle. „Passt zu den Blutspuren an ihren Händen.“ Er sah kurz nach unten. „Blut ist hier runter getropft.“ Er kräuselte unzufrieden die Nase. „Nochmal.“ Er griff Adam ein zweites Mal an, wütender diesmal, drängte ihn heftiger zurück, gegen die Kühlschranktür.

Adam ging mit Leo mit, drehte den Spieß um und hielt Leo eng an seinen Körper, während er ihn in mörderischen Tanzschritten zurückzwang. Schließlich knallte Leo gegen den kleinen Tresen mit der Mikrowelle. Das ganze Teil wackelte mit dem Stoß.

Adam nickte mit dem Kinn hinter Leo. „Sieh kurz nach.“

Leo drehte sich um. „Mmmhm. Hier liegt so eine kleine Häkeldecke, die runtergerutscht sein könnte. Ah, da, eine kleine Porzellanfigur auch.“

„Okay, also ich stoße dich heftig und habe damit genug Abstand um auszuholen.“ Er streckte den Arm aus und rammte Leo den Kugelschreiber an den Hals und knapp dran vorbei. Die Blutspritzer an den umliegenden Möbeln würden genau dazu passen, vielleicht etwas weiter unten. Er hielt Leo fest, damit er nicht nach hinten stolpern konnte.

„Ja?“

Adam nickte. „Wenn Hauser kleiner ist. Du bist auch zu groß für das Opfer.“

Einverstanden zupfte sich Leo seine Jacke wieder zurecht. „Okay. Sehen wir uns den mal an.“

Adam zog Leo energisch zu sich und retournierte den Kugelschreiber, mit dem hinteren Ende voran, als würde er tatsächlich ein Messer überreichen. Leo nahm ihn zurück.

„Habe ich dich erwischt?“

Leo schüttelte den Kopf und fasste sich an den Hals. „Gar nicht.“ Er zückte sein Notizbuch. „Ist für uns damit alles klar?“, fragte er Adam.

Adam sah sich um. Für ihn machte diese Nachstellung Sinn. „Ich finde schon. Alles plausibel.“ Geistesabwesend starrte er auf den Fleck am Boden, wo die Leiche gelegen hatte.

Leo nickte bestätigend. „Ich auch.“ Als er wieder aufsah, legte er den Kopf schief. „Woran denkst du?“, fragte er und drehte sich in die Richtung, in die Adam starrte.

„Glaubst du, er hat ihr zugesehen? Beim Sterben?“ Warum ihn die Frage gerade störte, wusste er selbst nicht. Er hatte seinem Vater beim Sterben zugesehen, oder war dazu gezwungen worden. Gab es Leute, die das freiwillig taten? Er verschränkte die Arme, atmete tief durch. Kam das jetzt wirklich hoch, an Tatorten? Dieses Bild von seinem Vater in seinem Sessel und von dem Sonnenaufgang, der langsam den ganzen Raum erhellt hatte. Das Blut war ganz schwarz gewesen in der Dunkelheit und Adam war dieses dumme Sprichwort durch den Kopf gerauscht, immer und immer wieder, dass im Dunkeln alle Katzen grau waren. Genauso waren alle Blutflecken im Dunkeln schwarz. Mit dem Sonnenaufgang war auf ganz unheimliche Art Farbe in dieses abartige Stillleben gekommen. Beinahe so wie hier am Boden hatte es ausgesehen.

Plötzlich verstellte Leo seine Sicht auf den Fußboden. Er schien zu zögern, aber legte schließlich doch eine Hand auf den oberen von Adams verschränkten Armen. „Fragen wir Dr. Wenzel, wie lange es gedauert hat.“

Adam nickte, ließ sich von Leo wegdrehen, weil er es selbst gerade nicht konnte. Schließlich erwachte er aus seiner Starre und schüttelte sich. „Gehen wir.“

„Mal sehen, was Baumann und Heinrich rausbekommen haben.“

Leo schnappte sich das Siegel, das die Spusi für sie hinterlegt hatte und wartete, bis Adam bereit war, aus der Wohnung zu kommen. Nach einem letzten Rundblick durch die Wohnung, bei dem er noch einmal versuchte, sich das Bild als Gesamtes einzuprägen, sah er Leo dabei zu, wie er die Tür versiegelte und beschriftete. Er ging vor zum Lift, um den Rufknopf zu drücken.

Als Leo aufschloss, fragte er neugierig: „Nennst du mich eigentlich noch Schürk, wenn ich nicht im Raum bin?“

Leo sah ihn nicht an, als er antwortete: „Wieso?“

„Also ja.“

„Ich mache das mit allen.“

„Leo.“

„Adam?“ Leos Blick war leicht verwirrt, aber Adam hatte bereits gehört, was er hören wollte. Es ging weniger darum, welchen Namen Leo verwendete, wenn Adam nicht im Raum war, sondern vielmehr darum, mit welchem Ton er ‚Adam‘ sagte, wenn sie allein waren.

Erst als der Lift kam, schoss es ihm durch den Kopf. „Warte. Frank nennst du Frank.“

Leo schnaubte abrupt und wischte sich verlegen mit dem Ärmel über die Nase. „Blödmann.“

„Was?“, fragte Adam, als sie in den Lift stiegen.

„Frank ist sein Nachname, du…“

Das war Adam nicht klar gewesen. Bevor sich die Lifttüren wieder schlossen, fiel ihm plötzlich etwas ein und er stellte sich in die Tür, damit sie nicht zuging. „Wie ist unser Täter hier rausgekommen?“

Leo sah ihn an und holte sein Notizbuch raus. „Lift oder… wieso, was meinst du?“

„Naja, gibt’s hier Kameras?“

Leo schüttelte den Kopf. „Keine Chance. Gab es hier noch nie.“

Sie fuhren wieder nach unten und gingen zum Auto, wo Adam mit Bestimmtheit stehen blieb und Leos Blick einfing, bevor er einsteigen konnte. Leo richtete sich noch einmal auf und sah ihn über das Autodach hinweg fragend an. „Was ist?“

„Und wie heißt Frank jetzt im Vornamen?“

Leo lachte auf. „Herbert.“