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Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Leo ist kein Angorakaninchen
Stats:
Published:
2023-08-13
Words:
4,567
Chapters:
1/1
Comments:
48
Kudos:
258
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17
Hits:
1,618

Leo ist kein Angorakaninchen

Summary:

Adam weiß, dass die fucking Bowle nicht fucking alkoholfrei war. Oder zumindest nicht frei von komischem Zeug. Er war lang genug beim Drogendezernat, er weiß doch, wann Bowle gegen die Grenzen des guten Geschmacks verstößt und wann gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Adam klaut einen Pulli, trinkt Bowle und bringt das Diebesgut reumütig wieder zum rechtmäßigen Eigentümer zurück. Das alles sind nicht die besten Ideen, die er je hatte. Oder vielleicht sind sie gerade deshalb perfekt. Dass er ein kleines bisschen high ist, tut dabei nichts zur Sache.

Notes:

Gestern habe ich die Partyszene in Everyone is f*ucking crazy gesehen und war noch überzeugt, dass Adam "ich trinke keinen Alkohol" Schürk da doch sicher nichts von der Bowle abbekommen haben kann.

Heute war die Idee einfach zu nett, doch noch was draus zu machen, vor allem weil der geklaute Pulli einfach zu schön ist, um die Chance nicht zu nutzen.

Alles Liebe an alle, die wie ich davon überzeugt sind, dass dieser Pulli einfach nicht Adam gehören kann, weil Adam so etwas nicht kauft, sondern aus Leos Kleiderschrank klaut.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Adam ist nicht dumm.

Wirklich nicht. Manchmal tut er dumme Dinge, dazu steht er auch. Aber er ist nicht dumm. Er weiß, wann etwas seltsam ist. Und er weiß, wann eine alkoholfreie Bowle sich im Nachhinein als fucking definitiv nicht fucking alkoholfrei entpuppt.

Er weiß aber auch, wann er sich über etwas aufregen will und wann nicht, und jetzt gerade hat er einfach keine Lust, sich deshalb zu stressen, nur weil Rami und Markus offensichtlich den Zucker mit irgendwelchen Pülverchen verwechselt haben. Kann ja mal passieren in so einem Bobo-Hipster-Haushalt. Da hat man komische Dinge in der Küche stehen.

Leo hat auch komische Dinge in der Küche stehen, aber von denen wird man eher nicht high. Das sind Proteinpulver, von denen wird man nur schön. Leo zumindest. Mit den Muskeln. Auch wenn die nicht aus den Dosen kommen, sondern von ganz viel Zeit im Gym. Manchmal ist Adam fast neidisch auf das Gym, weil Leo da immer glücklich wieder rauskommt. Er hätte auch gerne, dass Leo so glücklich aussieht, wenn er bei Adam ist. Aber auch wenn Leo mittlerweile wenigstens nicht mehr traurig oder wütend aussieht, wenn er und Adam etwas zusammen unternehmen: glücklich sieht er meistens nicht aus. Nachdenklich oft, melancholisch manchmal, was auch nur ein anderes Wort für traurig ist, und Adam mag es nicht, wenn Leo traurig ist. Leo soll lächeln. Nicht, weil er dann hübsch ist. Natürlich ist er hübsch, wenn er lächelt. Aber Adam möchte, dass Leo lächelt, weil es ihm gutgeht.

Anyway. Adam weiß, dass die fucking Bowle nicht fucking alkoholfrei war. Oder zumindest nicht frei von komischem Zeug. Er war lang genug beim Drogendezernat, er weiß doch, wann Bowle gegen die Grenzen des guten Geschmacks verstößt und wann gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Hätte er Rami und Markus gar nicht zugetraut, diesen Spießer-Hipstern. Sicher Bio und vegan, was sie da reingekippt haben, irgendein Kräuterkram aus Inka-Rezepten. Markus hat doch so einen komischen Gemüsegarten, wo er seltsames Zeug anbaut. Gar kein Gras, da war Adam selbst überrascht im Sommer bei der Grillparty. Gras fände er nicht so schlimm, das kann man rauchen. Rauchen ist okay.

Findet zumindest Adam. Leo findet das nicht so, und das ist ein bisschen Scheiße, weil Adam gerne hätte, dass Leo ihn okay findet. Oder mehr als okay, das wäre noch besser. Aber wenn Adam dafür mit dem Rauchen aufhören muss, dann macht er das wohl. Leo ist besser als Zigaretten. Viel besser. Schmeckt auch besser. Denkt Adam zumindest.

Leo riecht auf jeden Fall besser. Das weiß Adam von vielen, vielen Stunden gemeinsam im Auto und von den ganzen Tagen im Büro, wo Leo ihn über den Schreibtisch so freundlich anduftet. In einem seltsamen Fall im Berliner Zoo hat Adam mal gelernt, dass man Tiere mit Pheromonsprays anlocken kann. Die werden dann ganz aufmerksam und entspannt und glücklich und auch ein bisschen geil, weil sie denken, dass es da um einen möglichen Partner geht.

Leos Mix aus Shampoo, Aftershave, Deo und Leo ist auch so etwas in der Art. Da wird Adam dann auch immer ganz aufmerksam und entspannt und glücklich, wenn er das riecht. Ein bisschen geil auch, aber das versucht er im Büro eher nicht so zu beachten, weil Esther dann schimpfen würde mit ihm und er es nicht mag, wenn Esther mit ihm schimpft.

Esther ist gemein.

Aber trotzdem riecht Leo so gut, und Adam hat den Duft jetzt auch in der Nase, weil er Leos Pulli anhat. Eigentlich wollte er das gar nicht. Das war Notwehr, mehr oder weniger, der Pulli. Nicht der Geruch. Notwehr, weil Leo und er eigentlich zusammen auf diese Party gehen hätten sollen, weil Rami und Markus Leos Freunde sind und Adam auch Leos Freund. Normaler Freund, nicht Freund-Freund, auch wenn ihn das immer traurig macht. Anyway, Leo hängt in diesem doofen anderen Fall fest, in dem Adam nicht ermitteln darf, weil er befangen ist, nur weil ihn das Mordopfer mal vor einiger Zeit ein kleines bisschen versehentlich wegen Beleidigung angezeigt hat und Leo jetzt nichts riskieren will. Als ob Adam eine Leiche beleidigen würde. Der ist doch schon tot, der Vollidiot, da bringt das nichts mehr.

Und weil Leo in diesem Fall festhängt und der, im Gegensatz zu Adams kleiner harmlosen Sandkisten-Übungsleiche hier, tatsächlich Überstunden verursacht, musste Adam alleine zur Party. Weil sie ein Geschenk für Markus haben. Adam ist nicht ganz sicher, was für ein Geschenk es ist, er weiß nur, dass Leo ihm eine Karte auf den Tisch gelegt und zwanzig Euro von ihm verlangt hat. Sie arbeiten wirklich gut zusammen. Leo besorgt die Geschenke, Adam liefert sie aus, ein wenig wie der Weihnachtsmann. Nur ohne Rentierschlitten. Und ohne Flauschbart. Und ohne rote Jacke.

Vielleicht doch nicht so sehr wie der Weihnachtsmann.

Aber weil Adam jetzt ganz allein zu der Party musste und sich auch noch in der Mittagspause vorher ein klein wenig Nudelsauce - wieso muss Pia auch so saucige Nudeln kaufen, wo Adam sich dann bekleckert, wenn er sie probieren möchte - über den Hoodie gepatzt hat, musste er sich natürlich umziehen. Und im Büro hat er keine Ersatzklamotten mehr, weil Leo ihn ständig traurig ansieht, wenn er Adam mit einer Sporttasche sieht. Adam lagert seine Klamotten garantiert nicht in einem Jutebeutel, also hat er eben keine Reservesachen. Normalerweise stört das nicht, aber er kann schlecht stellvertretend für Leo auf eine Party gehen und komplett angekleckert sein. Das sieht doof aus. Adam wärs egal, aber Leo wahrscheinlich nicht. Und daher ist Adam sich auch ganz sicher, dass Leo nichts dagegen hat, dass Adam ihn sich gemopst hat.

Leos Pulli. Nicht Leo. Auch wenn er Leo auch gerne mopsen würde. Aber der Pulli war einfach Notwehr in dem Moment und unbeaufsichtigt auf Leos Schreibtischstuhl gelagert. Musste sein. Und der duftet jetzt so toll nach Leo und macht Adam ganz entspannt und glücklich und aufmerksam und ein bisschen geil, und irgendwie ist das auch schön. Fast als wäre Leo hier und würde sich um Adam herumkuscheln. Was Leo nicht macht, aber was wirklich schön wäre.

Früher haben sie das gemacht, bevor Adam Leo angelogen und Leo Adam rumgeschubst hat. Jetzt sind sie vorsichtig miteinander, aber Adam will das eigentlich gar nicht mehr. Er mag nicht immer vorsichtig sein, auch wenn sein Kopf ihm sagt, dass das das Beste ist und sein Bauch ihm sagt, dass das das Sicherste ist. Sein Herz findet es doof.

Der Pulli ist der Pulli seines Herzens. Aber es ist auch Leos Pulli, und Adam sollte den wohl zurückbringen. Weil Leo braucht seinen Pulli. Und Adam hat möglicherweise auch nicht so wirklich gefragt, ob er sich den Pulli ausborgen darf, also wäre es sicher am besten, er bringt den zurück, bevor Leo was merkt. Da passt es doch perfekt, dass es gerade knapp nach drei Uhr Früh ist und Leo ganz sicher schläft, sogar mit den Überstunden. Da kann Adam sich reinschleichen, den Pulli in den Schrank legen und wieder rausschleichen, und niemand merkt was. Besonders Leo nicht.

Adam ist also doch wie der Weihnachtsmann. Die Saarbrücker Version zumindest; er bringt eben leicht verschnuddelte Pullis statt Geschenke mit Schleifen.

Kurz überlegt Adam, ob er den Pulli verpacken sollte, dann verwirft er das wieder. Das wäre doch wirklich zu kindisch. Außerdem bekommt er um diese nachtschlafene Zeit kein Geschenkpapier mehr. Nichtmal an der Tankstelle, und die haben wirklich fast alles, was man um drei Uhr Früh so brauchen kann.

Nein, den Pulli wird er unverpackt zurückbringen müssen. Gut, dass es nicht weit zu Leo ist, weil der im selben Viertel wohnt wie Rami und Markus, auch in einem schönen Haus mit schönen Wohnungen, weil Leo eine schöne Wohnung verdient hat. Adam möchte auch eine schöne Wohnung haben. Am schönsten wäre sie mit Leo gemeinsam. Aber dafür muss er lieb zu Leo sein, und als ersten Schritt den Pulli zurückbringen.

Er macht sich also zu Fuß auf den Weg, weil er nach der fucking absolut nicht drogenfreien Bowle garantiert in kein Auto steigt. Pia schimpft ohnehin ständig, nur weil er ab und zu ganz klitzekleine Kratzer in den Lack macht. Die geben dem Auto doch Charakter. Aber Pia sieht das nicht so, und solange er sich den Dienstwagen mit ihr teilen muss, ist er lieber vorsichtig. Abgesehen davon, dass er auch nicht dumm ist und sowieso in dem Zustand nicht fahren würde. Das weiß er auch in genau dem Zustand noch.

Also läuft er. Findet er doof, kann er aber nicht ändern. Läuft und läuft, ein bisschen wie diese trommelnden Batteriehäschen. Adam stellt sich vor, wie er in so einer Horde Batteriehäschen mitläuft und sieht sich sicherheitshalber rasch um. Als er sich davon überzeugt hat, dass er unbeobachtet und nicht von rosaroten Hasen verfolgt wird, biegt er um die letzte Ecke, hinein in Leos Straße. Er will ja die verfickten Hasen nicht zu ihm locken. Dafür hat Adam doch gelernt, wie man Verfolger abschüttelt.

Die Haustür von Leos Wohnhaus ist immer einen Spalt offen, das weiß Adam. Das ist wegen Frau Bach im zweiten Stock, die unten das Schloss nicht aufbekommt und zu der alle nett sein wollen, weil keiner will, dass sie ständig anklingelt, bis sie jemand reinlässt. Praktisch ist das schon, weil jetzt Adam auch reinkommt ins Haus, ohne dass er bei Leo klingeln muss. Was dann ja kontraproduktiv wäre, wenn er sich in Leos Wohnung schleichen und den Pulli ablegen will, ohne Leo zu wecken. Er muss also leise sein.

Schafft er auch. Wie ein Rehlein auf suizidaler Autobahnmission huscht er geradewegs hinauf in den vierten Stock und ist oben nur ein klitzekleines bisschen außer Atem. Ganz normal für alle Menschen, egal was Leo immer behauptet über Adams Sportverweigerung und dass er lieber mit dem Auto fährt als zu Fuß zu gehen. Wozu hat man denn ein Auto, wenn man es nicht nutzt? Das ist dann doch Verschwendung von Steuergeldern, wenn man da so ineffizient ist; gerade Leo sollte das wirklich verstehen.

Gerade Leo wird auch verstehen, dass Adam jetzt das Schloss an seiner Wohnungstür knackt. Es ist nun wirklich nicht so, dass Adam ständig Einbruchswerkzeuge mit sich führt, aber Leos Tür ist eine dieser hübschen Altbautüren, die eben hübsch sind und Türen, aber auch alt. Und damit sind die nicht gerade die besten, auch wenn Leo sie irgendwann etwas aufgepeppt hat. Aber Adam kennt sich aus, er weiß wie das geht, und dass ein Taschenmesser und ein Kugelschreiber absolut ausreichen. Leo würde schimpfen mit ihm, also sagt er ihm das dann wohl besser nicht. Außerdem muss Leo hier doch sowieso nicht mitbekommen.

Leise öffnet Adam die Tür und betritt die Wohnung. Zieht sich brav die Schuhe aus, weil er weiß, dass Leo das nicht mag. Also Schuhe in der Wohnung, die nicht auf der Abtropftasse oder im Regal stehen. Schwarzbesockt huscht er weiter den Flur entlang, runter bis zur zweiten Tür rechts, wo Leos Schlafzimmer ist. Da drin steht auch der Kleiderschrank.

Adam mag keine Schränke. Schränke sind böse und machen ihm Angst, auch wenn er das nicht laut sagen würde, weil die meisten erwachsenen Menschen es nicht verstehen, warum das für ihn so ist. Leo würde es sicher verstehen, aber Leo würde dann auch wieder diesen traurigen Blick bekommen und Adam möchte nicht, dass Leo traurig ist. Deshalb wird er ihm nicht sagen, dass sein Kleiderschrank doof ist. Auch wenn das so ist.

Die Tür ins Schlafzimmer ist nur angelehnt und schwingt lautlos auf. Adam tapst hinein und ist froh, dass er weiß, wo der Schrank steht. So muss er das Licht nicht anmachen und Leo kann weiterschlafen. Tut der nämlich. Unter der Decke auf dem Bett, auf seine Seite zusammengerollt und mit ganz niedlichen Schnuffelgeräuschen, die Adam noch nie von ihm gehört hat aber die es ihm ganz warm im Bauch werden lassen. Gut findet er es, dass Leo schlafen kann, obwohl sein Fall so doof ist. Adam möchte sich am liebsten dazukuscheln und auch schlafen. Normalerweise ist das so schwer für ihn, das Schlafen, aber neben Leo würde es sicher gut gehen. Leo macht alles besser in Adams Leben. Da wäre auch Schlafen besser.

Aber zuerst muss er mal den Pulli zurückbringen. Adam pirscht sich an den Schrank heran, zieht die linke Tür auf, findet dort stapelweise zusammengelegte Shirts und Hoodies. Da passt auch der Pulli gut dazu, so wie er gut zu Leo passt und hier einen Platz hat. Adam hätte auch gerne einen Platz hier, aber den hat er leider nicht.

Kurz hält er inne und überlegt, ob er sich den Pulli nicht doch behalten sollte, so als kleines bisschen Leo, den er mit in sein Bett nehmen könnte. Aber dann würde er etwas von Leo stehlen, und ein Pulli ist etwas anderes, als wenn er von Pia ein paar Nudeln oder von Esther ein Hörnchen klaut. Ein Pulli ist wichtig. Und Leo würde wahrscheinlich nichts sagen, aber er würde traurig gucken und Adam will das nicht. Leo soll nicht traurig sein, also muss Adam sich eben ausziehen, hier in Leos Schlafzimmer.

Er schlüpft aus der Jacke und legt sie auf die Kommode neben dem Schrank. Und dann, mit etwas Mühe, auch aus dem Pulli, obwohl der sich ganz fies wehrt, als Adam sich aus den Ärmeln befreien will. Festhalten will ihn dieser Pulli, fast so wie Adam es gerne hätte, dass Leo ihn festhält. Adam mag es nicht gerne, wenn man ihn anfasst, aber Leo würde er es erlauben. Das könnte sogar schön sein, wenn Leo ihn umarmt und ein wenig seinen Rücken streichelt. Ihm die Haare krault da hinten im Nacken, wo sie jetzt so kurz geschnitten sind und Adam sich zuerst ganz unsicher war, ob er sich damit wohlfühlt, aber es mittlerweile mag, weil sich das so weich anfühlt beim Drüberstreichen.

Aber damit Leo ihn anfasst, muss Adam zuerst mal verhindern, dass Leo traurig ist, und das geht am besten, wenn er den Pulli zurück in den Schrank packt. Also fummelt Adam sich endlich aus diesen Tentakel-Ärmeln raus und hat dann den Pulli in der Hand.

Ganz frisch riecht der nicht mehr.

Kann man wohl nichts machen. Leos Schrank riecht doch gut, da wird sich der Pulli schon wieder angleichen. Adam faltet das Kleidungsstück also, so gut er kann, wickelt die Ärmel nochmal zur Sicherheit um das Pulli-Paket, weil die so seltsam runterbaumeln, und schiebt den Pulli in den Schrank hinein auf einen Stoß, der aussieht, als wären das auch Pullis. Fast wie wenn man ein Schäfchen zur Herde zurückbringt fühlt sich das an, und Adam ist richtig stolz auf sich selbst, dass er sich um den verlorenen Pulli so gut gekümmert hat und der jetzt wieder bei seinen Freunden ist. Auch wenn Adam ihn vermisst, weil das ein netter Pulli war. Und weil es in Leos Schlafzimmer ziemlich frisch ist und Adam jetzt nur mehr im Tank Top hier rumsteht.

Dafür hat er aber doch seine Jacke. Jacken sind toll. Der totale Jackpot, so schön warm und auch eine Schutzschicht. Sogar besser als seine Hoodies, weil Jacken zwar nicht so flauschig sind, aber fester, so als sollten sie immer auf einen aufpassen irgendwie. Seine Winterjacke ist da wunderbar. Schön warm und fest und der Stoff ein wenig steif und wasserabweisend, damit er auch beim kältesten Tatort im frostigsten Wald noch halbwegs trocken bleibt und nicht bibbert wie eine Leiche. Wobei der Leiche wohl nicht mehr kalt ist. Und die noch kälter ist als Adam. Meistens.

Also zieht er seine Jacke wieder von der Kommode herunter. Und zuckt dann zusammen, als er dabei auch zwei Bücher mit herunterzieht, die scheppernd auf den Boden knallen.

Dann passiert ganz viel ganz schnell. Zu schnell für Adams Kopf, in dem alles ein ganz klein wenig flauschig ist von der beschissenen BTM-Bowle.

Er hört es vom Bett her rascheln. Hört einen scharfen Atemzug. Spürt auf einmal, wie ihn Hände packen und umschubsen. Spürt sich hinuntergedrückt auf den Boden. Sein Arm wird ihm auf den Rücken verdreht und ein Knie im Kreuz drückt ihn nach unten.

“Nichtmal mit der Wimper zucken, du Vogel!”

Er kann gar nicht so schnell denken, wie er hilflos da liegt, seine Wange gegen Leos rauen Teppich gedrückt und Leos Geruch auf einmal rund um ihn herum, und für einen Moment ist das schön, bis sein Hirn ihm erklärt, dass er das gerade so richtig verkackt hat. Allerdings erklärt sein Hirn ihm auch, dass er hier gerade unter Leo im Klammergriff am Boden liegt, sich nicht rühren kann, Leo auf ihm drauf lehnt und ihn festhält und dass das näher an Leo ist, als Adam seit Monaten gewesen ist und er das einfach nur vermisst hat.

Also lässt er locker und entspannt sich, weil Leo ihm nicht wehtun wird. Kurz denkt er daran, dass es schön ist, wenn Leo auch von Vögeln redet.

“Adam?! Was zur Hölle treibst du hier?”

Na, den Pulli zurückbringen natürlich. Nur hat Adam sich das nicht so vorgestellt. Ein wenig anders hätte das schon laufen sollen. Also sagt er Leo das so, dass er den Pulli zurückbringen wollte.

“Welchen Pulli denn?” Leo klingt irgendwie genervt. Aber verständlich, immerhin hat Adam seine Bücher hinuntergeworfen.

“Deinen.”

“Wieso hast du meinen Pulli? Und wieso willst du den mitten in der Nacht zurückbringen?” Leo holt Luft und klingt irgendwo zwischen verwirrt und fassungslos. Adam möchte ihn in den Arm nehmen, aber aktuell geht das nicht so recht, nicht wenn Leo ihn immer noch in den Teppich drückt. “Wieso stehst du mitten in der Nacht halbnackt in meinem Schlafzimmer?”

“Weil ich den Pulli noch anhatte und ihn ausziehen musste, damit ich ihn zurückbringen konnte.” Ist doch wirklich logisch. Normalerweise ist Leo nicht so langsam. Normalerweise ist der da viel cleverer. Vielleicht ist er müde. Adam hätte ihn nicht aufwecken sollen.

“Was zum Teufel- Sag mal, bist du besoffen?”

Leo rutscht langsam von ihm runter und lässt seinen Arm los, und Adam bleibt noch ein wenig liegen. Der Teppich ist angenehm unter seinem Körper und irgendwie möchte er hier liegenbleiben. Er ist müde und es ist ja schon ziemlich spät. Oder früh. Und morgen muss er wieder zur Arbeit und seinen Sandkasten-Kindergartenfall weiter bearbeiten. Alleine. Weil die Welt fucking grausam zu ihm ist.

“Adam.”

Adam reibt seine Wange am Teppich. Das ist fast wie ein Streicheln.

“Adam, sieh mich an.”

Wenn er mit der Wange so drüberreibt, wird die auch ganz warm. Ein bisschen kann er sich vorstellen, dass er sein Gesicht an Leos Bart reibt. Das wäre sicher ganz ähnlich. Und richtig schön angenehm. Vielleicht sollte er das mal versuchen.

“Adam, von mir aus kannst du nachher meinen Bart streicheln, aber jetzt sieh mich mal an.”

Oh. Hat er das etwa laut gesagt. Na, Leo ist ohnehin schon wach, da macht das nichts.

Adam dreht sich langsam auf den Rücken und blinzelt hoch zu Leo, der ihn im Licht der Nachttischlampe ansieht, mit gerunzelter Stirn und zerzausten Haaren. Adam lächelt hoch zu ihm und streckt die Hand aus. Hält kurz inne, als Leo wegzuckt, aber bekommt dann doch seine Haare zu fassen und ist ganz hin und weg, wie flauschig die sind.

“So schön”, murmelt er und fängt an, mit seinen Fingern die zerzausten Strähnen durchzukämmen.

Leo sollte die Haare noch ein wenig länger wachsen lassen, dann wären sie noch flauschiger. Am flauschigsten. Unter seinen Fingern fühlen sie sich gut an, ein bisschen wie ein Angorakaninchen. Da durfte Adam vor einigen Jahren bei dem Zoo-Fall mal eines halten und hätte es am liebsten gar nicht mehr hergegeben. So etwas Weiches wie das warme schwarze Kaninchenfell hat er seitdem nicht mehr gespürt, aber Leos Haare sind nah dran.

“Fast wie das Kaninchen”, murmelt er und streichelt ihn weiter. Vielleicht sieht Leo ihn nicht mehr so besorgt an, wenn er ihn ein wenig krault.

“Adam, schau mir in die Augen.” Leos Hand ist jetzt an seiner Wange und das fühlt sich gut an. Besser als der Teppich. Adam krault fleißig weiter, weil wenn ihm das eine warme, sanfte Hand einbringt, die an seiner Wange liegt, dann ist das doch schonmal ein gutes Ergebnis. “Hast du was getrunken?”

Er blinzelt Leo an und lächelt. “Ich hab keinen Alkohol getrunken und ich bin nicht gefahren.”

“Und du glaubst gar nicht, wie froh mich das gerade macht.” Leo schaut ihm ganz tief in die Augen. “Okay, hast du was genommen?”

“Bowle. Die hat nichtmal wirklich gut geschmeckt. Irgend so ein Orangenpunschkonzentrat-Zeugs, aber auf bio und selber gemacht. Ganz komisch war die. Und sie hatten keine Gläser mehr, weil ich ein bisschen zu spät dran war. Aber das Geschenk hab ich abgegeben. Markus sagt dankeschön.” Adam hört kurz mit dem Kraulen auf und sieht Leo neugierig an. “Was haben wir ihm überhaupt geschenkt?”

Leo schaut verwirrt zurück und blickt ihm nochmal ganz tief in die Augen. So schöne Augen hat er, irgendwo zwischen grün und blau. “Zusätzliche Rührschüssel für die Küchenmaschine und drei Raspel-Einsätze.”

Adam nickt zustimmend. “Klingt gut.”

“Adam, war in der Bowle was drin? Weil so wie deine Pupillen aussehen, war das nicht nur Punschkonzentrat.”

Er seufzt. Immerhin lässt Leo sich weiterhin durchkraulen, das tut schon gut. “Keine Ahnung. Irgendwas. Alle waren sehr locker.”

“Geht es dir gut?” Leos Hand ist immer noch an seiner Wange und Adam drückt sich ein wenig in die Berührung. “Adam, alles gut? Ist dir schlecht? Kopfschmerzen? Schwindel?”

“Alles gut. Ich mag es, dass du mich anfasst. Das fühlt sich schön an.” Adam lässt seine Hand kurz hinunter zu Leos Ohr wandern und streichelt ihn da, aber kehrt dann wieder zu den Haaren hinauf zurück, als sich das seltsam anfühlt. Ohren sind nicht so fluffig. Außer bei dem Angorakaninchen, da waren sie richtig samtig.

“Komm mal hoch, du kannst nicht am Boden liegenbleiben.”

“Klar kann ich.”

“Aber willst du?”

Adam überlegt. Wenn Leo ihn so fragt, dann hat er eine ganz bestimmte Antwort im Kopf, die er gerne hören würde, und Adam hat den Verdacht, dass Leo ihn ganz gern vom Fußboden weg haben würde. Leo mag es nicht, wenn Adam sich an Orten befindet, wo er Leos Meinung nach nichts verloren hat. Am Fußboden. Auf dem Esstisch. Im Knast.

Findet Adam auch gut so. Also hat Leo vermutlich auch mit dem Fußboden recht. Er sollte Leo mehr vertrauen, so wie sie das besprochen hatten. Adam sollte Leo mehr vertrauen und ihm mehr erzählen, damit Leo sich weniger einmischen muss und sie nicht beide in dumme Situationen bringt, weil er Adam nicht zuhört.

Er lässt sich also von Leo auf die Beine helfen, und weil das gerade so gut klappt, nutzt er den Schwung und fällt nach vorn. Genau wie in der Teambuilding-Übung vor ein paar Wochen, mit diesen komischen Vertrauensübungen. Adam soll doch üben, Leo zu vertrauen, also fängt er am besten gleich damit an.

“Adam?” Natürlich fängt Leo ihn auf, Adam hat gar nichts anderes erwartet. Leo ist super in der Hinsicht. Und warm. Und seine Arme rund um Adam fühlen sich richtig, richtig gut an, so gut, dass Adam seinen Kopf an Leos Schulter ablegt und einfach den Moment genießt.

“Endlich”, murmelt er gegen Leos Halsbeuge, wo es gerade auch so absolut fantastisch nach Leo duftet und es gar nicht so einfach ist, nicht über die Stelle zu lecken und zu sehen, ob Leo auch so wunderbar schmeckt, wie er riecht. Adam fühlt sich ganz aufmerksam und entspannt und glücklich, wie er hier von Leo umarmt wird und sich rankuscheln kann, ohne dass es Protest gibt. “Du riechst gut”, teilt er Leo mit. “Das mag ich.”

“Na immerhin.” Leo klingt amüsiert, also kann das nicht ganz falsch sein, was Adam hier macht. “Schaffst du es aufs Sofa?”

Sofa klingt gut. Adam mag Leos Sofa, besonders wenn Leo neben ihm sitzt. Aber er hat den leisen Verdacht, dass Leo wohl eher nicht mit ihm mit ins Wohnzimmer kommen wird, wenn er hier ein bequemes Bett hat, das viel besser für den Rücken ist. So dumm ist Leo nicht. So dumm ist aber auch Adam nicht, und jetzt gerade fühlt er sich auch ein wenig mutig.

“Kann ich hier schlafen?” fragt er also und hält sich ein wenig enger an Leo fest, weil das ein so wunderbares Gefühl ist hier in Leos Armen. Da kann ihm nichts passieren, das hat er immer schon gewusst. Leo umarmt ihn, egal wie schlimm alles gerade ist, und er macht alles besser.

Leo sagt nichts darauf und bewegt sich nicht, und Adam fühlt Unruhe in sich hochkribbeln, den Rücken entlang bis in den Nacken, wo er das unangenehme Gefühl gerne wegrubbeln würde, aber er dafür Leo loslassen müsste, also macht er es nicht und erträgt es lieber.

“Es fühlt sich gut an bei dir und ich mag es, wenn du mich festhältst”, sagt er, weil es sich richtig anfühlt in dem Moment und er gerade müde ist und ein wenig leicht, und sich auch mutiger fühlt als seit langem. “Ich mag es, wenn du da bist.”

Unter seiner Wange hebt und senkt sich Leos Schulter mit dem tiefen Atemzug, den er nimmt. Dann spürt er, wie Leos Hand langsam den Weg über seinen Rücken findet, zwischen den Schulterblättern hinauf reibt und in Adams Nacken zum Stillstand kommt, wo sie das unruhige Kribbeln wegzaubert und stattdessen sicheren Halt gibt.

“Wirst du morgen noch da sein?” fragt Leo ihn und Adam nickt eifrig, obwohl das eine völlig unnötige Frage ist. Er war einmal im Leben so dumm, Leo zu verlassen. Ein zweites Mal macht er das nicht, weil er jetzt klüger geworden ist und weiß, wo sein Platz ist und wo sein Zuhause ist.

“Ich geh nicht mehr weg. Ich will nicht noch einmal weg. Das eine Mal war Scheiße. Ich hab dich lieb und ich hab dich vermisst. Noch einmal mach ich das nicht.”

Noch einmal spürt er Leos Seufzen. Dann ist da die Hand in seinem Nacken, die seinen Kopf auf einmal wieder ein wenig nach hinten zieht, bis sie sich ansehen können im warm-schwachen Licht der Nachttischlampe.

“Sag das morgen nochmal, wenn du nicht mehr zehn Zentimeter über dem Fußboden schwebst.” Leo klingt irgendwie still, aber seine Hand streicht jetzt über Adams Nacken und dann nach vorne und über seine Wange. Adam hält still, weil sich der Moment gerade irgendwie wichtig anfühlt, und dann noch stiller, als er Leos Lippen an seiner Stirn spürt, nur eine kurze kleine Berührung wie ein Pinselstrich.

Adam lässt sich bereitwillig von Leo zum Bett manövrieren und schafft es, sich die Jeans und die Socken auszuziehen, in Gedanken immer noch bei Leos Umarmung und bei dem Kuss an seine Stirn. Gut hat sich das angefühlt. Sehr gut, viel besser, als er es sich hätte vorstellen können. Und das hat er oft genug versucht, seit er wieder hier ist, aber seine Vorstellung ist da nicht an die Realität herangekommen. Leo ist einfach Leo und kein Hirngespinst, und damit ist automatisch alles besser.

Leo bringt sie beide unter die Decke und lässt es zu, dass Adam sich an ihn herankuschelt, sein Rücken gegen Leos Brust. Sogar einen Arm legt er um Adam und zieht ihn ein kleines bisschen näher, bis Adam wohlig seufzt und sich in die Wärme von Bettdecke und Umarmung fallen lässt.

“Schlaf jetzt.” Leos Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, aber Adam hat gute Ohren, besonders wenn es um Leo geht. Er hört nicht immer auf ihn, aber er hört ihn, da gibt es keine Zweifel dran. “Ich hab dich auch vermisst. Und ich hab dich auch lieb.”

Adam brummt zufrieden und schmiegt sich noch ein wenig enger an Leo unter der Decke, hier in diesem Bett und in Leos Armen, was genau der Ort ist, wo er sein will.

Wusste er es doch, dass es wichtig ist, den Pulli zurückzubringen.

Notes:

Vielen Dank für's Lesen! ❤️ Über Kudos, Kommentare oder ein Hallo via Discord (@carmentalis) oder Tumblr (@carmentalis) freue ich mich immer.

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