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Premieren

Summary:

Als Goodween Cotta anbietet, ihm beim Ausräumen der Spülmaschine im Polizeipräsidium zu helfen, ist der sofort ein wenig misstrauisch. So hilfsbereit is sonst keiner seiner Kollegen. Schnell stellt sich heraus, dass Goodween tatsächlich ein kleines Geheimnis verbirgt. In Form einer Einladung zum Theater. Von Reynolds. Nur für Cotta.

Notes:

Hallo :3

Ich höre gerade zum ersten Mal alle Drei Fragezeichen Folgen von vorne bis hinten durch und finde, dass es in Folge 118 mit etwas gayer Fantasie so klingt, als hätte Reynolds Cotta schon als seine Begleitung zu der Theaterpremiere eingeladen, bevor Justus ihn angerufen hatte. Also hab ich da natürlich eine kleine fic schreiben müssen.
Spoiler für den actual Fall von Folge 118 gibt es übrigens keine.

Recherchearbeit ist generell sehr wenig passiert, sorry Bob, gerade die Autodetails und alles bezüglich der Polizei sind komplett ohne Gewähr hier.

Ach, Cotta ist übrigens trans, weil ich die Szene in Nacht der Tiger, als Cotta meinte jeden der seinen Vornamen herausfindet müsste er erschießen, sehr relatable fand. Generell ist er mir ein bisschen sehr viel queerer geraten als im canon...

Ich glaube das ist jetzt so das wichtigste, have fun c:

Work Text:

"Sag mal, wie stehst du eigentlich zu Theater?", fragte Goodween und reichte Cotta eine weitere Kaffeerandtasse.

Seit einer Weile befand sich die Spülmaschine im Polizeipräsidium von Rocky Beach in der zweiten Sterbephase.

Letzte Woche hatte der Trockner gesponnen und Morales hatte, unter lautem Gefluche, das Geschirr von Hand abwischen müssen.

Diese Woche war nun Cottas Küchendienst und prompt hatte sich das Gerät dazu entschlossen, die Tassen mit einer Gründlichkeit zu säubern, die der der Drei Fragezeichen beim Informieren der Polizei über gefährliche Verbrecherjagden um nichts nachstand.

Freundlicherweise hatte Goodween sich jedoch dazu bereiterklärt, Cotta ein wenig zur Hand zu gehen und räumte so das saubere Geschirr in die Regale, während der Inspektor am Waschbecken die übrigen Flecken nachschrubbte.

"Theater?" wiederholte Cotta argwöhnisch.

Die Frage klang so spezifisch, dass es sich wohl kaum um ein zufällig gewähltes Smalltalkthema handelte. Zumal Goodween ohnehin meistens von Madame Nessie, seinem Zwergpinscher, sprach, wenn er ein Gespräch leiten durfte.

Doch Cottas polizeilicher Spürsinn hatte sich bereits in den anstehenden Feierabend verabschiedet und brachte nur noch wenig Begeisterung dafür auf, sich mit den Schrullen seiner Kollegen auseinanderzusetzen.

So antwortete er nur zurückhaltend: "Weiß nicht. In der Highschool waren wir mal in einer Aufführung von Hamlet. Der Hauptdarsteller hat nach der Pause auf die Bühne gekotzt und ich weiß bis heute nicht, ob das ein Teil des Stückes war, oder ob er an dem Tag was Falsches gegessen hatte. Das ist aber auch schon einige Jährchen her."

Goodween lachte. "Also nicht so? Dann ist nicht so wichtig."

Cotta stellte die letzte Tasse zurück und wischte die feuchten Hände an seiner Hose ab. "Was ist nicht so wichtig?", fragte er argwöhnisch.

"Ach, Reynolds war vorher da und hat eine Einladung für dich zu einer Theaterpremiere abgegeben. Aber wenn du dir eh nichts aus Theater machst, brauchst du die ja wohl nicht."

Die Zahnrädchen in Cottas Kopf kamen missmutig und schwerfällig wieder in Bewegung.

Das war eine Falle, da war er sich ganz sicher, und Goodween wartete nur darauf, dass er direkt hineintappte. Wahrscheinlich hatte er sich auch nur deshalb gemeldet um Cotta beim Abwasch zu helfen, niemand im Präsidium näherte sich unter einer Gegenleistung von einem großen Eisbecher bei Giovanni der Spülmaschine außerplanmäßig.

Aber er verstand beim besten Willen nicht, worin diese Falle bestand. Und außerdem hatte er nur wenig Lust, sich jetzt noch mit Goodweens Kindereien auseinandersetzten zu müssen. Wenn er wollte, dass ihm jemand auf die Nerven ging, rief er für gewöhnlich seine Jungs in ihrer Zentrale an.

"Na ja, nur weil mein letzter Theaterbesuch ein wenig merkwürdig war, heißt das ja nicht, dass ich Theatervorstellungen wie die Pest meide. Und wenn Reynolds uns schon einlädt, will ich euch ja auch nicht den Spaß verderben", entschied sich Cotta vorsichtig.

Goodween gluckste, anders konnte Cotta das Geräusch, das aus seinem Mund kam, beim besten Willen nicht beschreiben, und trat von der Spülmaschine zurück.

"Uns? Wer spricht denn davon, dass er uns alle eingeladen hat? Die Einladung war nur für dich!"

Cottas Zahnrädchen verabschiedeten sich mit einem hastigen "bis Morgen" in den Feierabend.

"Nur mich?", fragte er verdutzt. Ins Theater hatte ihn jetzt nun wirklich noch niemand eingeladen.

"Warte, ich hab die Karte hier noch irgendwo ..."

Goodween lief hinüber zum Tisch und zog triumphierend eine große, quadratische Karte unter dem Obstkorb hervor.

"Da ist wirklich nur ein Ticket drin, ich hab nachgeschaut", berichtete er und reichte sie Cotta mit einer kleinen Verbeugung.

Das war ein Strohhalm, an den sich Cotta nur zu dankbar klammerte.

"Du liest an mich adressierte Post?", fragte er streng.

"Von adressiert kann nun wirklich nicht die Rede sein", widersprach Goodween fröhlich. "Es sei denn du verwendest neuerdings statt deines Namens Gänseblümchen als Anrede."

Da hatte er zugegebener Maßen recht, von außen gab es auf der Karte wirklich nichts weiter zu sehen als ein Foto von einer Blumenwiese. Obwohl Cotta sich sehr sicher war, dass Reynolds beim Überreichen der Karte angemerkt haben musste, für wen sie bestimmt war, aber das konnte er schlecht beweisen, immerhin war er nicht dabei gewesen.

Cotta schlug die Karte auf. Wie Goodween gesagt hatte, befand sich ein einzelnes Theaterticket darin, sowie einige Zeilen Text.

Er erkannte die Schrift sofort. Schließlich hatte er, als er noch mit Reynolds zusammengearbeitet hatte, viele Stunden damit verbracht, Berichte aus genau dieser Hand mühselig in den Computer abzutippen. Nicht, weil Reynolds das von ihm verlangt hätte. Cotta hatte es einfach nur nicht ausgehalten ihm dabei zuzusehen, wie er bedächtig nach jedem Buchstaben auf der Tastatur suchte.

Cotta drehte sich halb von Goodweens scharfem Blick weg, obwohl er den Inhalt der Karte bestimmt auch schon genau begutachtet hatte, und las:

Lieber Cotta,
vielleicht erinnerst du dich noch an meinen alten Bekannten, den Drehbuchautor Scott Carrera. Ich habe euch Beide bei meiner Pensionierungsfeier bekannt gemacht, Scott konnte Kontakte bei der Polizei für seine Recherchen ja immer gut gebrauchen.
Er ist inzwischen leider verstorben. Nun wird allerdings sein letztes Theaterstück uraufgeführt und aus mir bisher unerklärlichen Gründen steht mein Name auf der Gästeliste der Premiere. Ich habe ein zusätzliches Ticket erhalten. Du würdest mir eine große Freude machen, wenn du mich zu diesem Ereignis begleitest.
Ich bin in den nächsten Tag auf einem kleinen Segelurlaub, sollte also etwas gegen dein Erscheinen sprechen, brauchst du mich nicht zu kontaktieren, gib die Karte einfach an jemanden weiter, der Freude an der Aufführung haben wird.
Mit vielen Grüßen,
Samuel Reynolds

„Aha“, machte Cotta scharfsinnig als er das Lesen beendet hatte. „Das klingt ja ominös. Vielleicht vermutet Reynolds ein Geheimnis hinter seiner Theatereinladung? Dann hätte er aber besser Justus einladen sollen, ein Fall für die Polizei ist eine Karte fürs Theater ja nun wirklich nicht.“

„Oder,“ begann Goodween ungerührt und bestätige damit Cottas Vermutung, dass er auch schon in der Karte herumgeschnüffelt hatte, „er möchte einfach ein bisschen mehr Zeit mit dir verbringen. Außerpolizeilich.“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Cotta verblüfft. „Dann hätte er mich ja auch einfach mal wieder auf ein Bier einladen können.“

Goodween kickte etwas zu schwungvoll die Spülmaschinentür zu, Cotta setzte schon zu einer Zurechtweisung an, schnappte seine Tasche von der Essbank und huschte Richtung Tür.

„Aber Inspektor“, sagte er mit einem tadelnden Kopfschütteln. „Das ist doch nicht einmal ansatzweise so romantisch wie ein Theaterbesuch. Also dann, schönen Feierabend!“

Mit diesen Worten verschwand er in den Gang und ließ einen verdutzen Cotta hinter sich zurück.

„D-Danke für die Hilfe mit der Spülmaschine“, rief er ihm im letzten Moment noch hinterher.

_______________

Beim Verlassen seines Hauses warf Cotta noch einen letzten, flüchtigen Blick in den Spiegel.

Es war bei Weitem nicht das erste Mal, dass er einen Anzug trug. Schon alleine die ganzen Hochzeiten, auf die er getingelt war, seit seine Freunde heiraten durften reichten aus, um ein ganzes Buch mit seinen Flüchen über missglückte Krawattenknoten füllen zu können.

Aber das änderte nichts an dem kleinen, glücklichen Hüpfer den sein Herz jedes Mal vollführte, wenn ihm im Spiegelbild ein Jackett entgegenblickte, anstatt den elendigen, und zu allem Übel noch grottenhäßlichen Kleidern, in die seine Mutter ihn früher immer gezwängt hatte. Die schönen Dinge im Leben wurden eben nie alt.

Er hatte heute länger als gewöhnlich für die Kleidungsauswahl gebraucht. Immerhin war es seine erste Theaterpremiere und er hatte keine Ahnung, was sich für diesen Anlass gehörte.

Sein erstes Outfit, ein schlichtes Poloshirt und Jeans, waren von seiner Schwester entschieden abgewiesen worden.

„Das hast du doch jeden Tag an, dafür hätte Samuel dich nun wirklich nicht ins Theater einladen müssen“, hatte sie gegrummelt und währenddessen schon mal seinen halben Kleiderschrank auseinandergenommen.

Cotta hatte es tunlichst vermieden sie zu fragen, in welchem Zusammenhang Reynolds Einladung mit seiner Kleidung stand und sich stattdessen erfolgreich gegen ihren Gegenvorschlag zur Wehr gesetzt, der aus einem eindeutig zu engen – und queeren – Hemd bestanden, um damit im Zweifelsfall als Polizist noch von irgendjemand ernst genommen zu werden.

Am Ende hatten sie sich auf einen schlichten aber hochwertigen Anzug geeinigt, der schon seit Cottas Beförderung zum Inspektor am Kleiderbügel verstaubte und einen Ausgang dringend wieder nötig hatte. Immerhin hatte er mehr gekostet als Cottas damaliges Auto.

„Ich bin jetzt weg, Caroline“, rief er über die Schulter, kraulte Bubbles, der die Chance nutzen wollte, um in den Garten zu entwischen, hinter den Ohren und zwängte sich an dem roten Kater vorbei ins Freie.

„Cotta?“, rief Caroline ihm hinterher.

Er drehte sich suchend um und entdeckte sie schließlich am Küchenfenster, einen Stock über ihm.

„Sag Samuel viele Grüße. Er soll sich mal wieder hier blicken lassen. Ich back‘ auch wieder Brownies.“

„Ich weiß nicht“, erwiderte Cotta zweifelnd. „Das letzte Mal als du Brownies gemacht hast, musste ich am Ende euch beide fast festnehmen.“

Caroline lachte bei der Erinnerung.

„Aber die Grüße richte ich ihm aus.“

Cotta winkte noch einmal zum Abschied, schloss sein Auto auf und ließ sich mit einem Schnaufen hinter das Steuerrad fallen.

Er fand die Einladung von Reynolds ja schon merkwürdig genug, wieso musste jeder der davon erfuhr, auch noch so ein großes Aufheben darum machen?

Als er von der Hauptstraße in das Wohngebiet einbog, in dem Reynolds seine Wohnung hatte, fühlte er sich fast als sei er wieder 17 und auf dem Weg seinen damaligen Freund für Homecoming abzuholen, inklusive der leicht schwitzigen Hände. Aber das war natürlich völliger Unsinn.

Zugegebener Weise, als Cotta neu auf das Revier gekommen war und Reynolds zum ersten Mal getroffen hatte, war sein erster Gedanke gewesen, dass in seinem Büro definitiv eine Kaffeemaschine fehlte, und sein zweiter, dass der Mann ein klein wenig zu gut aussah um sein um Jahre älterer Vorgesetzter zu sein.

Und dann hatte sich während ihrer Zusammenarbeit zu allem Übel auch noch herausgestellt, dass sie wirklich gut miteinander auskamen.

Sie hatten in den Pausen, und manchmal auch während der Arbeitszeit, stundenlang über das Segeln gesprochen. Reynolds weil er schon seit Jahren davon träumte in seiner Pensionierung öfters aufs Meer hinausfahren zu können, und Cotta, weil er als Jugendlicher in den Ferien oft auf dem Schiff seiner Tante gewesen war, neben Caroline damals die Einzige die wusste, dass er mit einem falschen Namen geboren worden war.

Als Cotta sich anfangs noch schwer damit getan hatte, seine Arbeit angemessen vom Feierabend zu trennen und häufig bis spät in der Nacht noch über einem Fall brütete, hatte Reynolds ihn mehr als einmal mit bestimmter Sanftheit sprichwörtlich vor die Tür gesetzt und ihm an einem denkwürdigen Abend sogar den Schlüssel zum Präsidium abgenommen, nur um ihn dann prompt an einen Gullydeckel zu verlieren, den Cotta mühsam hatte aufstemmen müssen, weil Reynolds es schon seit einer Weile nicht unbedingt still leidend im Rücken hatte.

Cotta war sich aber endgültig sicher gewesen, dass das Universum sich gegen ihn verschworen hatte, als Reynolds seine Schwester kennengelernt und sich prompt mit ihr angefreundet hatte.

Jetzt konnte es ab und an vorkommen, dass er nach einem langen Arbeitstag erschlagen nach Hause kam, nur um dort den pensionierten Polizeikommissar auf seinem Sofa vorzufinden, der ihn mit einem fröhlichen Lächeln auf eine Runde Poker einlud und ihm tröstend auf die Schulter klopfte, wenn er eine um die andere Runde kläglich versagte. Und jedes Mal, wenn er die Hand viel zu schnell wieder zurückzog konnte Cotta nicht umhin bitter festzustellen, dass die Liebesgötter es nicht gut mit ihm gemeint hatten. Wer zum Teufel war auch so dumm und verliebte sich in seinen noch dazu straighten Chef?

Cottas Lösung für dieses kleine aber nervige Problem war, es so gut wie möglich zu ignorieren.

Und so ignorierte er auch das Flattern in seiner Brust, als er in Reynolds Straße einbog und ihm der ältere Mann schon winkend entgegenkam.

Zumindest, stellte Cotta erleichtert fest, wirkte er neben Reynolds nicht so overdressed wie er befürchtet hatte. Zur Feier des Tages hatte der Kommissar sich offenbar sogar ein neues Hemd gekauft, Cotta hatte es auf jeden Fall noch nie zuvor gesehen. Fliederfarben war das Ding auch noch, wenn ihm da das Schicksal nicht mal wieder mit dem Zaunpfahl winkte.

Während er langsam zum Stehen kam, überlegte Cotta kurz, ob er aussteigen und Reynolds die Beifahrertür öffnen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. So etwas lud viel zu schnell unangenehme Situationen dazu ein, in sein Leben zu treten.

Nur zu gut erinnerte er sich noch an das letzte Polizeifest, bei dem er versucht hatte, dem Bürgermeister zuvorkommend den Mantel abzunehmen und dann so sehr mit dem Kleiderbügel zu kämpfen gehabt hatte, dass der ihm den Mantel wieder abnahm und selbst aufhing.

In schlechten Nächten wachte Cotta heute noch schweißgebadet aus einem Traum auf, indem er eine Garderobe bewachte, bis auf einmal die hunderte an Jacken und Mäntel alle gleichzeitig zu Boden rutschten und sich partout nicht wieder zurückhängen lassen wollte. Manchmal lachten sie ihn dabei sogar aus.

Seitdem war Cottas Devise in Sachen Höflichkeit: effizient und unauffällig.

Effizient und unauffällig entriegelte er also an seinem Armaturenbrett das Türschloss und gleich darauf stieg Reynolds zu ihm in den Wagen und versank mit einem unterdrückten schmerzerfüllten Stöhnen im tief gebauten Beifahrersitz.

„Dieses Auto bringt mich eines Tages noch um“, grummelte er anstatt eine Begrüßung und rutschte hin und her, im Versuch eine angenehmere Sitzposition zu finden. „Zumindest meine Wirbelsäule hat es bestimmt schon auf dem Gewissen.“

„Guten Abend“, antwortete Cotta ungerührt.

So führte Reynolds sich jedes Mal auf, wenn er bei ihm mitfahren musste, seit Cotta sich endlich einen älteren Mustang geholt hatte, der zugegebener Maßen nicht ganz so bequem war wie sein alter Toyota, dafür aber um einiges besser klang.

„Soll ich das Auto für dich noch einmal umtauschen, alter Mann? In einen Kombi vielleicht?“

„Haha“, machte Reynolds ungerührt. „Warte noch ein paar Jahre und dir wird es genau so gehen wir mir.“

Cotta verschwieg geflissentlich, dass es bei ihm jetzt schon das ein oder andere Mal geknackt hatte, während er sich zur Tür herunterbeugte.

„Theater also?“, fragte er stattdessen. „Wen nehme ich heute fest, den Regisseur? Oder, nein warte, die Souffleuse!“

Reynolds runzelte überrascht die Stirn.

„Du nimmst gar niemanden fest“, korrigierte er. „Das glaube ich zumindest, die Broschüre, die mit der Premiereneinladung kam hat nichts derartig interaktives versprochen. Es geht allerdings tatsächlich um ein Verbrechen, meine ich, in der Synopsis stand etwas von einer verschwundenen Krone?“

Also war Cotta tatsächlich nicht hier um seine polizeilichen Dienste zur Verfügung zu stellen. Damit stand er nun wieder vor seiner großen Frage: Warum dann?

Reynolds hatte nie von Familie gesprochen. Früher hatte er mal eine Freundin gehabt, oder waren es zwei gewesen, aber das war schon eine Weile her. Freunde hatte er natürlich, aber die hatten vielleicht an einem Dienstagabend einfach keine Zeit um auszugehen.

Da war sein ehemaliger Arbeitskollege eben die nächstbeste Wahl als Begleiter gewesen, so musste es sein. Immerhin hatte er Cotta ja auch angeboten die Eintrittskarte einfach weiterzuverschenken, sollte er verhindert sein.

„Dachtest du, ich lade dich zum Arbeiten ins Theater ein?“, vervollständigte Reynolds amüsiert die Lücken in Cottas Gesprächsanteil.

Beschämt zuckte der mit den Schultern. „Warum solltest du mich sonst ausgerechnet ins Theater einladen?“

„Weil ich gerne Zeit mit dir verbringe“, stellte Reynolds mit einer Unverblümtheit fest, die gerade zu unverschämt war in Anbetracht der Tatsache, dass Cotta augenblicklich sämtliches Blut seines Körpers ins Gesicht schoss und seine Finger klamm und kribbelnd zurückließen.

Natürlich war Reynolds noch nicht fertig, offensichtlich ganz versunken in seiner Mission auch noch die letzten Tropfen aus Cottas Zehen in seine Wangen zu locken.

„Am liebsten auch mal außerhalb vom Pub hinter dem Präsidium. Und auch nicht auf Carolines Sofa, so gerne ich auch Bubbles Kissen spiele.“

Das erinnerte Cotta unangenehm genau an Goodweens Aussage vor einigen Tagen, als er gemeint hatte, dass Reynolds ihn vielleicht nicht immer nur auf ein Bier treffen wollte. Am liebsten hätte Cotta die gesamte Unterhaltung wieder vergessen, gleich darauf hatte Goodween nämlich noch etwas von „romantisch“ gefaselt.

All die Jahre war Cotta doch so gut darin gewesen, jede noch so kleine Hoffnung schon im Keim zu ersticken. Man ging auch mal mit Freunden ins Theater, da war doch nichts dabei. Hätte Goodween bloß nicht dieses Wort benutzt. Hätte er sich bloß nicht jetzt daran erinnert.

„Alles gut?“, fragte Reynolds besorgt als Cotta keine deutliche Reaktion auf seine letzten Worte zeigte.

„Wir können auch das Theater sausen lassen und Bubbles einen Besuch abstatten. Ich weiß ja nicht einmal, ob du Theater magst. Vielleicht hätte ich vorher fragen sollen, anstatt die Einladung einfach Goodween in die Hand zu drücken und zu verschwinden.“

„Nein hättest du nicht“, hörte Cotta sich selber sagen. „Ich war an dem Tag bis spät bei einem Einsatz, bis ich zurückgekommen bin, warst du bestimmt schon bei deinem Boot. Und ob ich Theater mag werde ich heute wohl herausfinden. Ich freu‘ mich drauf.“

„Okay, na dann“, meinte Reynolds, aber er klang nicht besonders überzeugt.

„Als du meintest, du wolltest mich nicht immer nur im Pub sehen, oder mit meiner Schwester zusammen, meintest du da ...“, platze er unvermittelt aus Cotta heraus.

Er hatte plötzlich die merkwürdige Erfahrung seine eigenen Worte an sich vorbeiziehen und entwischen zu sehen, wie einen heliumgefüllten Luftballon der zwischen den Fingern hindurch Richtung Himmel glitt. Seine Finger verkrampften sich um das Lenkrad.

„… ein Date?“, beendete er hilflos seinen Satz, im selben Moment in dem Reynolds „… was du willst“, einwarf.

Augenblicklich herrschte peinlich berührte Stille im Auto.

Es war Cotta nur ein kleiner Trost, dass Reynolds den Getränkehalter, den Cotta neben den Schalthebel gebastelt hatte um seinen morgendlichen Kaffee auch beim Fahren trinken zu können, wenn er mal wieder verschlafen hatte, auf einmal hochinteressant fand.

Also kein Date. Wahrscheinlich hatte Reynolds ihm einfach nur sagen wollen, dass er Bier und Poker auf Dauer langweilig fand und vielleicht mal Bowlen gehen wollte. Wenn das jetzt nach Cottas kleinem verbalem Ausrutscher überhaupt nicht eine Option war.

„Okay. Klar. Cool“, brachte er heraus und wünschte sich, er hätte anstatt des Getränkehalters einen Eject-Knopf in sein Auto gebaut, um den Fahrersitz in genau solchen Momenten ganz weit weg, am besten bis zum Mond, zu schleudern. „Wir könnten mal Bowlen gehen?“

Als er vorsichtig zu Reynolds hinüberlugte stellte er fest, dass der ihn inzwischen wieder ansah. Und zwar direkt in die Augen.

Fast wäre er vor Schreck zusammengefahren, stattdessen grinste er nur schräg und fixierte fest einen Punkt auf Reynolds Nase an. Das klappte auch immer gut, wenn sein Chef während seinen Viertelstundenvorträgen über das richtige Formatieren von Einsatzberichten vollste Aufmerksamkeit von ihm verlangte.

„Cotta?“, fragte Reynolds mit fester Stimme und die Hand die schwer auf seiner Schulter landete, teilte Cotta endgültig mit, dass er mal wieder verloren hatte. Nur dieses Mal eben nicht beim Pokern, sondern gleich ihre gesamte Beziehung. „Willst du denn, dass das ein Date ist?“

Cotta ergab sich seinem Schicksal.

„Natürlich“, murmelte er. „Natürlich will ich, dass du mich auf Date einlädst. Und wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und du schon da bist, dann will ich, dass du mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange gibst und mich auf deiner Schulter schlafen lässt, anstatt mich zu diesen demütigenden Kartenspielniederlagen zu zwingen. Und wenn du zu den Pubabenden des Präsidiums auftauchst, will ich deine Hand nehmen können und sie erst wieder loslassen, wenn wir Morales mal wieder zeigen müssen, wie man richtig Tischkicker spielt.“

Eine Weile war Reynolds ganz still. Aber dieses Mal ließ er Cotta weiterhin nicht aus den Augen. Wenn er so weitermachte würde er bald Löcher in Cottas Gesicht hinterlassen, so tief wie sich sein Blick gerade in ihn bohrte.

„Und was soll ich tun, wenn ich dich ins Theater einlade und zu dir ins Auto einsteige?“, fragte er schließlich.

Cottas Herz setzte einen Schlag aus und kehrte gleich darauf hastig röchelnd zu seiner Arbeit zurück, so laut, dass sein Wummern dröhnend in Cottas Ohren widerhallte.

Reynolds Hand hatte sich, anders als bei jedem anderen Anlass, immer noch nicht von seiner Schulter wegbewegt. Im Gegenteil, sein Daumen hatten begonnen beruhigend Kreise über Cottas oberste Rippe zu ziehen. Und sein Blick war weiterhin fest auf ihn gerichtet, ohne eine Spur von Mitleid oder Unwohlsein.

„Du könntest ‚Guten Abend‘ sagen bevor du dich über meine Sitze beschwerst“, schlug Cotta vorsichtig vor.

Reynolds nickte bedächtig. „Guten Abend, Cotta. Du siehst heute umwerfend aus, ich habe den Anzug, seit deiner Beförderung.“

Okay. Er hatte sich Cottas Anzüge gemerkt. Das klang nicht besonders …

„Ich dachte, du bist straight“, verriet sein loses Mundwerk ihn heute schon zum zweiten Mal.

Reynolds lachte leise, vollkommen ungerührt.

„Auch straighte Männer sollen anscheinend in der Lage sein, unterschiedliche Anzüge voneinander zu unterscheiden. Tatsächlich ist mir das Ufer, an dem ich andocke aber relativ egal, solange ich vorher eine schöne Runde Segeln konnte, wenn du verstehst, was ich meine.“

Sein Daumen wanderte in Cottas Nacken, so sanft, dass er beinahe niesen musste.

Cotta hätte am liebsten seinen Kopf gegen das Seitenfenster geschlagen. Er war so dumm.

All die Jahre war er so darauf bedacht gewesen, seine Gefühle für Reynolds tief genug in sich zu vergraben, dass sie ihn manchmal selbst erschrocken hatten, wenn sie für einige Sekunden aus ihre Höhle gekrochen waren, um die kleinen Grübchen zu kommentieren, die sich auf seinen Wangen bildeten, wenn er lachen mussten, oder um laut zu schreien, als Cotta Reynolds zum ersten Mal am Hafen bei seinem Boot besucht hatte und ihm der Mann sichtlich gebräunt in einem offenstehenden Leinenhemd entgegengekommen war.

Und jetzt erfuhr er, dass das noch nie nötig gewesen war?

„Was soll ich als Nächstes tun?“, erkundigte sich Reynolds.

„Ich … fände es schön, wenn du mich zur Begrüßung küssen würdest?“

„Hm“, machte Reynolds zufrieden.

Dann beugte er sich tatsächlich vor, stupste kurz Cottas Nase mit der seinen an, als wollte er ihm noch einmal die Gelegenheit geben sich zurückzulehnen um das Ganze zu beenden, und dann berührten sich ihre Lippen endlich und Cotta war sich einen wunderbaren Moment lang sicher, dass genau in diesem Moment ein Truck ungebremst in sie hineinrasen könnte und er wäre der glücklichste Mensch, der jemals den Himmel betreten hätte.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie den ganzen Abend so küssen können, aber Reynolds löste sich viel zu schnell wieder von ihm und ächzte leise.

„Wenn das zur Gewohnheit wird, könntest du mir das Nächste Mal aber entgegenlaufen“, bat er. „Der Schalthebel drückt mir dauernd auf die Niere, wenn ich mich zu dir rüberbeuge.“

„Du findest immer etwas an meinem Wagen auszusetzen, oder?“ gab Cotta ganz automatisch frotzelnd zurück, als hätte er nicht gerade Reynolds geküsste.

Er hatte Reynolds geküsst!

Der junge Mann, der sich damals Hals über Kopf verliebt hatte, als er sich während einer Streife plötzlich den Autositz mit einem pudelnassen Schäferhund teilen musste den Reynolds unbedingt eigenhändig aus dem Meer hatte ziehen müssen, anstatt die Küstenwache zu rufen (das weiße Uniformhemd, dass nach dem kleinen Tauchgang eher durchsichtig und noch dazu ziemlich anhänglich gewesen war hatte definitiv seinen Teil zu Cottas Untergang beigetragen), hüpfte jubelnd im Kreis.

Cottas jetziges Ich überlegte krampfhaft, ab wann es angemessen war von Reynolds auf Samuel umzusteigen.

„Sind Küsse eigentlich nur für die Begrüßung?“, fragte Reynolds, nein Samuel, gespielt beiläufig.

„Wenn du schon in einem Anzug bei mir aufkreuzt und mich dann auch noch so anschaust wie du es gerade tust kann ich nämlich nicht versprechen, dass mich auf einen beschränken kann.“

Erneut wurde Cotta rot, aber dieses Mal wurde die Erfahrung von einem angenehm warmen Kribbeln in seinem Bauch begleitet.

„Du könntest mich jedes Mal küssen, wenn du mich ansiehst und findest, dass ich schön aussehe“, schlug er vor und bereute die Aussage gleich wieder. Aus welchem Jane Austen Roman hatte sein Unterbewusstsein diesen Satz denn geklaut?

Doch Samuel schien das gar nicht zu stören. Im Gegenteil, sofort griff er zu Cotta hinüber, nahm seine Hand und hob sie zu seinen Lippen um sanft einen Kuss auf den unteren Köchel seines Mittelfingers zu pressen.

„Sehr gerne“, lachte er. „Ich befürchte allerdings, dass ich dann zu nicht mehr viel anderem kommen werde.“

Für einige Minuten hatte Cotta geglaubt, seinem Liebeskummer nun endgültig entkommen zu sein. Aber langsam wurde ihm klar, dass er nur die Herkunft seiner Qualen gewechselt hatte. Er fühlte sich so glücklich, dass er Angst hatte, er würde gleich zerspringen. Oder anfangen vor lauter Überforderung zu weinen, was noch viel schlimmer wäre.

„Dann eben nur, wenn dir etwas besonders Schönes auffällt. Oder Nettes, wir wollen uns ja nicht nur auf das körperliche Beschränken“, sagte er lachend und stockte als sein Blick von seinen Fingern, die Samuel immer noch in der Hand hielt, zu seiner Armbanduhr wanderten.

„Verdammt, das Theater“, rief er. „Wir müssen so langsam echt los, sonst lassen die uns nicht mehr rein.“

„Ach, ganz vergessen. Wir müssen noch Justus abholen“, sagte Samuel unvermittelt und Cotta stutze.

„Justus?“, wiederholte er und konnte nicht umhin ein klein wenig beleidigt zu klingen.

„Dann hast du mich also doch nur auf die Theaterpremiere eingeladen, weil die Drei Fragezeichen mal wieder irgendein komisches Rätsel ausgegraben haben und jetzt die Polizei brauchen um nach der Auflösung die obligatorischen Verbrecher einzusammeln?“

Samuel hatte die Güte zumindest ein klein wenig betreten auszusehen. „Zu meiner Verteidigung, als ich dich eingeladen hatte, war es nur eine leise Vermutung von mir, dass es bei dem Stück nicht ganz mit rechten Dingen zugehen könnte. Justus hat mich erst gestern angerufen und damit meinen Verdacht bestätigt.“

„Und das macht es inwiefern besser?“, hakte Cotta dickköpfig nach.

Samuel gab ihm einen kurzen Kuss der alleine ihn fast wieder besänftigte.

„Seien wir doch mal ehrlich“, flüsterte er, nachdem er nur gerade so weit mit dem Kopf nach hinten zurückgewichen war um deutlich sprechen zu können.

Cotta wurde prompt ein wenig abgelenkt davon, dass er aus der Nähe die verblichenen Sommersprossen auf seiner Nase zählen konnte, die ihn früher jeden Frühling mit ihrem Erscheinen aufs Neue aus der Fassung gebracht hatten.

„Du bist um einige, viele Jahre, jünger als ich, ich war den Großteil unserer Bekanntschaft dein Chef und noch dazu könntest du auf jeden Fall auch noch ganz andere Leute verführen“.

Wie zur Bestätigung pikste er in Cottas Oberarm, der durch jahrelange Polizeiarbeit einiges an Masse dazugewonnen hatte.

„Ich war mir nicht sicher, wie du auf eine Einladung zu einem Date reagieren würdest und da dachte ich, eine kleine Ausflucht für den Notfall kann sicher nicht schaden. Kannst du mir das noch einmal verzeihen?“

Cotta ließ ihn kurz baumeln, einfach nur, weil er es konnte.

„Nur wenn du mich das nächste Mal auf ein richtiges Date einlädst“, beschloss er schließlich. „Ohne die Jungs, so sehr wir sie auch beide mögen. Meistens.“

Und dann, weil er es nicht lassen konnte, fügte er noch hinzu: „Ach, nur das du es weißt, ich hätte schon an dem Tag als wir uns kennengelernt haben ja gesagt, wenn du mich auf ein Date gefragt hättest.“

Zu seiner Freude schien Samuel diese Information tatsächlich zu überraschen. Der Kommissar blinzelte ein paar Mal schnell und wich dann deutlich von Cotta zurück, den Blick weiterhin fest auf ihn gerichtet, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen andächtigem Staunen und leichtem Ärger, ihn nicht wirklich viel früher gefragt zu haben.

„Aber darüber reden wir ein anderes Mal“, sagte Cotta grinsend und startete den Motor. „Sonst kommen wir noch zu spät und Justus jammert uns die gesamte Fahrt die Ohren voll. Nächster Stopp, Titus Jonas Gebrauchtwarencenter!“