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Für Eos war es ein ruhiger Tag gewesen.
Ein Tag ohne größere Streitereien unter den Brüdern, ohne Unterricht, ohne Nonnen.
Ohne Experimente.
Eigentlich genau das, was Eos immer wollte.
Eigentlich.
Und doch konnte er sich nicht wie sonst in seinen Träumereien verlieren.
Anstatt ihm wie sonst die Freiheit zu zeigen, die er so sehr misste, spiegelte ihm der Mondschein in dieser Nacht nur seine eigene Hilflosigkeit wider.
Wenn er damit seine Brüder nicht wecken würde, würde er schreien.
Aber das letzte, was Eos jetzt wollte, war sich erneut der für sie so untypischen Stille auszusetzen, die die Brüder den ganzen Tag über wie ein zu enger Schal die Kehle zugeschnürt hatte.
Also zwang er sich tief einzuatmen.
Und seinen Kiefer zu entkrampfen.
Für das Zähneknirschen, dem er sich die letzten Stunden wieder und wieder hingeben hatte, würde Rhun ihm später eine Standpauke halten.
Gleich nachdem er sichergestellt hätte, dass Eos seinen Zähnen nicht langfristig geschadet hatte.
Rhun und seine verdammte Obsession mit Zähnen.
Obwohl Rhun der verträglichste seiner Brüder war, war er auch mit Abstand der anstrengendste.
Nie konnte sein Bruder sich einfach nur mit sich selbst beschäftigen, immer musste er seine Nase in die Probleme anderer stecken. Musste sicherstellen, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten, dass sie ihre Zähne geputzt hatten, dass ihre Wunden versorgt waren.
Anstatt sich einfach mal um seinen eigenen Scheiß zu kümmern.
Rhun war echt ein Idiot.
Ein Idiot, wegen dem er nicht mal im Schein des Mondes seine Ruhe finden konnte.
Eos schluchzte.
Was eine Scheiße.
Er wollte die Wut wieder.
Es war so viel einfacher, Rhun die Schuld zu geben.
Er nahm sie ja eh so gern auf sich.
Und an Rhun könnte er sich abreagieren, könnte ihm zeigen, was genau sein idiotisches Verhalten in Eos auslöste.
Worte erreichten Rhun nicht. Taten sie nie, nicht wenn es um sein eigenes Wohl ging.
Schläge auch nicht.
Aber wie sonst konnte Eos ihm zeigen, wie sehr es schmerzte, so um seinen Bruder bangen zu müssen?
Etwas, über das er mit Klaus sprechen müsste.
Als die ältesten (und auch wenn es sich nur um Minuten handelte) unter ihnen, hatten sie immerhin Verantwortung für ihren jüngsten Bruder.
Verantwortung, die sie nie hätten haben sollen.
Ah.
Da war sie wieder.
Mit der Rückkehr der Wut versiegten auch die Tränen.
Irgendwann würde das alles ein Ende finden.
Dann würde Eos stark genug sein, um sie vor jeder Gefahr zu verteidigen.
Dann würde er nie wieder stundenlang um seinen Bruder bangen müssen, immer von der Angst begleitet, dass er am nächsten Morgen zu einer Welt ohne seinen gruseligen Bruder aufwachen würde.
Doch diese Stärke war noch weit entfernt.
Und so hoffte Eos einfach das, was auch seine anderen Brüder sich wünschten: Dass der Exorzismus diesmal gelingen würde.
Dass sein Bruder endlich von den Dämonen, die ihn plagten, befreit werden würde.
Wie Rhun wohl sein würde, wenn er nicht mehr in jeder Minute seines Lebens von innen heraus gequält werden würde? Eos konnte es sich kaum vorstellen.
Vielleicht würde er Rhun dann endlich mal richtig lachen sehen.
Das hatte er noch nie.
Für einen Moment verlor er sich in dieser Fantasie.
Eos hasste die Nonnen, das Kloster und alle anderen Menschen, die sich an ihrer Gefangenschaft erfreuten.
Aber wenn es ihnen gelingen würde, Rhun zu helfen, dann würde er ihnen etwas schuldig sein.
Dass die Exorzismen immer extremere Auswirkungen hatten, versuchte er zu verdrängen. Genauso wie die Erinnerungen an die Angst in Rhuns Augen, wenn der Exorzist wieder in dem Kloster eintraf.
Er musste einfach nur hoffen.
—
Gedämpfte Fußstapfen rissen Eos aus seinen Gedanken, gerade als er es endlich geschafft hatte, alles auszublenden und sich nur noch auf den Mond zu konzentrieren.
So schnell wie möglich zwang er seine kribbelnden Gliedmaßen, sich aufzurichten und leise zum Bett zu bewegen.
Ohne Zeke zu wecken, der sich im Schlaf an den Bettrand gerollt hatte, kletterte Eos in das Bett und stellte sich schlafend.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarzen.
Eos Hände ballten sich unter der Decke zusammen, als er das Klatschen von Haut auf Haut und das Klirren von Ketten vernahm und sich die Tür ohne ein Wort schloss.
Der Exorzismus hatte wieder nicht geklappt.
Seitdem Klaus vor zwei Jahren den Nonnen von Rhuns Dämonen erzählt hatte - in der Hoffnung, dass diese ihrem Bruder helfen würden - und der erste Exorzismus gescheitert war, behandelten sie Rhun anders als seine Brüder.
Während Schmerz durch die Experimente und die Bestrafungen ein fast alltäglicher Begleiter der Brüder war, rührten die Nonnen sie sonst nicht an.
Aber Rhun war nicht einfach nur ein Kind, welches bestraft werden musste. Und auch nicht eins, dass einfach nur das Pech hatte, mit Magie geboren worden zu sein und deswegen zum Wohle der Menschheit genauestens studiert werden musste.
Nein. Sein kleiner Bruder war von Dämonen besessen.
Dämonen, die ihn mit einer anderen Stimme sprechen ließen. Dämonen, die seinen Körper einnahmen und versuchten, sich als einen von ihnen auszugeben. Dämonen, die ihn dazu brachten, seinen eigenen Leib zu schänden.
Dämonen, wegen denen Rhun in der vorletzten Nacht seine eigene Wange mit seinen Fingernägeln und Zähnen zerrissen und zerbissen hatte.
Eos unterdrückte das Schaudern, dass ihm mit der Erinnerung des Anblicks das Blut in den Adern gefrieren lassen wollte. All das Blut, all der Schmerz und doch hatte es keiner von ihnen mitbekommen. Stattdessen hatte der Schrei der Nonne, die sie zum Frühstück holen wollte, aus dem Schlaf gerissen. Eos hatte nur einen kurzen Blick auf das erhascht, was einmal das Ebenbild seines eigenen gewesen war. Und für einen kurzen Moment hatte er geglaubt, dass die Masse aus Blut und Fleisch und rosanen Zähnen ein Albtraum war, Zekes Rache dafür, dass Eos ihm Fangen spielen ein Bein gestellt hatte. Doch Fips Ellbogen, der ihm panisch in die Magengrube gestoßen war, hatte ihn schnell eines Besseren belehrt.
Seitdem hatten sie Rhun nicht mehr gesehen.
Die Nonnen hatten ihn mitgenommen, um die Wunde zu versorgen.
Und um sicherzustellen, dass die Dämonen nicht noch mehr Kontrolle bekamen, bis der Exorzist eintraf und eine neue Methode anwandte.
Wenn es doch nur eine besseren Weg gäbe, Rhun von seinen Dämonen zu befreien. Einen, der ihn nicht bettlägerig zurückließ, der ihn nicht zurückschrecken ließ, wenn sich seine Brüder ihm unerwartet näherten.
Aber es gab keinen. Und auch wenn die unzähligen körperlichen Züchtigungen die Eskalation der dämonischen Ausbrüche nicht verhindert hatte, so hatten sie sie zumindest verlangsamt. Immerhin schienen sie nicht aufzutreten, während und direkt nachdem die Nonnen den Dämonen zeigten, dass sie in Kontrolle waren.
Solange die Nonnen die Dämonen ständig zeigten, dass sie stärker waren als sie, war Rhun sicher. Auch wenn sein Bruder das anders sah.
Kaum dass die Schritte der wegschreitenden Nonne verstummt waren, gab Eos die Scharade auf und richtete sich auf.
An der Tür war Rhun.
Auf seinen Knien kauernd, in derselben Position, in die ihn die Nonne gestoßen hatte.
Das einzige, was ihn nicht wie eine Statue wirken ließ, war das leise Keuchen, das seinen Körper erzittern ließ.
Leise kletterte Eos aus dem Bett und flüsterte Rhuns Namen, um ihn nicht zu erschrecken.
Eine leise Kopfbewegung ließ ihn aufatmen. Rhun hatte ihn gehört.
Vorsichtig nahm er Rhuns kahlgeschorenen Kopf zwischen seine Hände und drehte ihn so, dass er sein Gesicht im Mondschein erkennen konnte.
Fiebrig glänzende Augen entgegneten seinem Blick und wichen ihm dann aus. Tücher umspannten die einst makellose Wange, in Platz gehalten von der Mundsperre, die Rhun tragen musste, damit die Dämonen nicht aus ihm sprechen konnten.
Mit sanften Bewegungen wischte Eos den Speichel und die Tränen weg, die gleichermaßen über die erhitzte Haut und das Leder der Maske liefen.
Er wusste nicht, was er sagen sollte.
Das wusste er nie, egal wie oft sich diese Szene wiederholte.
Also tat er das, was er immer tat.
Bemüht, seinen kleinen Bruder nicht weiter zu verletzen, zog er ihn beim Aufstehen mit sich und manövrierte ihn geübt und dennoch ungeschickt auf seinen Rücken.
Der beißende Geruch von Weihwasser und Salböl kroch ihm in den Hals und drohte ihm die Worte im Mund ersticken zu lassen.
Trotzdem zwang er sich, den ersten Schritt von vielen zu machen und begann, Rhun immer sanft auf dem Rücken schaukelnd, singend im Zimmer auf und ab zu gehen.
Und als Eos spürte, wie sich bei Rhuns Arme fester um seinen Hals schlangen, konnte er endlich wieder beruhigt atmen.
Nein, er war noch nicht stark genug, um sich und seine Brüder zu beschützen oder um Rhun die Dämonen selbst auszutreiben.
Aber in diesem Moment konnte er seinem kleinen Bruder helfen, aus der Dunkelheit zu kommen und seine Schrecken hinter sich zu lassen.
Hier, im Mondschein, in den Armen seines Bruders, würde Rhun zur Ruhe kommen.
Und darum sang Eos Rhun in den Schlaf, wie er es getan hatte, seitdem die Exorzismen begonnen hatten:
“Der Mond der steht am höchsten
d‘ Sonn hat sich untertan
Mein Feinslieb liegt in Nöten
ach Gott, wie solls ihm gahn
Im Regen und im Wind
wo soll ich mich hinkehren
da ich mein Feinslieb find
Mein Feinslicb wollt mich lehren
Wie ich ihm dienen soll.
In Züchten und in Ehren,
Das weiß ich selbs gar wohl.
Und kann auch noch viel mehr.
Wer sich seins Buhlen tut rühmen.
Der hat sein kleine Ehr
Manch’r geht zu seinem Buhlen
Bei lichtes Monen Schein
Was gibt sie ihm zum Lohne?
Ein Rosenkränzelein
Ist grüner denn der Klee
Ich muß mich von dir scheiden
Tut meinem Herzen weh.
Ach Scheiden, immer Scheiden
Wer hat dich doch erdacht!
Hast mir mein junges Herze
aus Freud in Trauren bracht
Darzu in Ungemach:
Sei dir, schöns Lieb, gesungen
Alde, zu guter Nacht”
