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Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann

Summary:

Und dann gibt es Momente, da passieren viele Sachen gleichzeitig.

Und in genau so einen Moment hat Leo sich gerade bugsiert, als er auf Adams nagelneuem Sofa sitzt, Adam die angebotene Flasche Bier aus der Hand nimmt und sagt, „Weißt du, früher war ich so verknallt in dich, dass ich dachte ich muss sterben.“

Oder: Manche Leute sind so emotional verkorkst, dass sie selbst nach einer Liebeserklärung noch einen zweiten Anlauf brauchen um es richtig hinzukriegen.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Manchmal sagt man etwas und bereut es sofort.

Manchmal sagt man etwas und bemerkt, dass man es auch einfach hätte sein lassen können, weil es sowieso nichts ändert.

Manchmal sagt man etwas und stellt fest, dass man es schon viel früher hätte sagen sollen.

Und dann gibt es Momente, da passieren alle diese Sachen gleichzeitig.

Und in genauso einen Moment hat Leo sich gerade bugsiert, als er auf Adams nagelneuem Sofa sitzt, Adam die angebotene Flasche Bier aus der Hand nimmt und sagt, „Weißt du, früher war ich so verknallt in dich, dass ich dachte ich muss sterben.“

Adam stockt kurz, die Flasche Bier zwischen ihnen. Er sieht Leo an, seine grauen Augen huschen über Leos Gesicht, ein Ausdruck liegt in ihnen, den Leo nicht so recht deuten kann.

Für einen Moment verharren sie so, sehen sich nur an, die Luft zwischen ihnen geladen mit gesagten, ungesagten Dingen.

Dann, plötzlich, nachdem er sich versichert hat, dass Leo die Flasche sicher im Griff hat, lässt Adam sie los, nickt bedächtig und sagt: „Ich weiß. Ich auch in dich.“

Leos Herz stolpert.

Dann setzt er sich neben Leo auf die Couch, öffnet den Kronkorken seiner eigenen Flasche mit dem Feuerzeug aus seiner Tasche und nimmt einen tiefen Schluck.

„Ah,“ sagt Leo, wenig intelligent. „Cool.“

Für einen Moment sagt Adam nichts, er sitzt nur da, und schaut auf die Wand gegenüber an der schon die Halterung für den Fernseher befestigt ist, der erst nächste Woche geliefert wird.

Leos Herz hämmert in seiner Brust. Er traut sich nicht von seinem Bier zu trinken, weil er Angst hat sich zu verschlucken, so flach geht sein Atem. Er muss sich auf jeden Atemzug konzentrieren.

Dann dreht sich Adam zu ihm, setzt sich im Schneidersitz auf die Couch und schaut Leo mit schief gelegtem Kopf an.

„Warum jetzt?“, fragt er.

Leo zuckt mit den Schultern. „Ich wollt‘ dir das schon immer mal sagen. Warum nicht jetzt.“

Adam sieht ihn weiter an.

„Und“, fährt Leo fort, „Vielleicht weil ich jetzt endlich keine Angst mehr hab, dass du abhaust, wenn Ichs dir sage.“ Er deutet mit dem Kinn auf Adams halbfertige Wohnung.

Der Mietvertrag geht drei Jahre, das weiß er, weil er dabei war, als Adam ihn unterschrieben hat. Er war dabei als Adam die Couch gekauft und den Fernseher bestellt hat. Die Handtücher im Bad hat Leo ausgesucht, passend zu denen in der Küche.

Alles Beweise dafür, dass Adam hierbleiben will, hier in Saarbrücken, hier bei der Polizei, hier bei Leo.

Adam nickt bedächtig.

„Verstehe.“, sagt er. Irgendwie muss er in Leos Gesicht trotzdem Zweifel sehen, denn er stellt seine Flasche auf den Couchtisch. „Du hast recht.“, sagt er. „Ich geh nicht mehr weg hier.“

Das Schweigen das Folgt passt eigentlich überhaupt nicht zu ihrer Situation, nicht wenn es eine Million Dinge gibt, die man jetzt fragen und sagen könnte.

Trotzdem bleiben sie erstmal so sitzen, Adam in Schneidersitz, Leo geradeaus mit einem angezogenen Bein.

„Und heute?“, fragt Adam schließlich.

Mehr muss er nicht sagen, Leo versteht, was er meint. Er zuckt mit den Schultern.

„Immer noch.“, ist alles, was er sagt. Er traut sich nicht, zu Adam hoch zu schauen. Ihm zu sagen, dass er früher in ihn verliebt war, das ist eine Sache. Ihm zu sagen, dass er es immer noch ist, das ist eine ganz andere Nummer.

„Ich auch.“, sagt Adam schließlich.

Leo reißt seinen Kopf so schnell herum, dass es fast wehtut.

Adam zuckt nur mit den Schultern, als würde er sagen wollen, Was hast du denn erwartet?

Es hätte eine Zeit gegeben, da hätte sich Leo längt auf Adams Schoß geworfen und wäre über ihn hergefallen. Ein Teil von Leo würde das immer noch sehr gerne tun. Aber da ist auch noch ein anderer Teil, der in zur Vorsicht mahnt.

Er schluckt. Es gibt so viel was er sagen will, angefangen mit Ich liebe dich , aber er tut es nicht.

Stattdessen ist es Adam der die seltsame Stille durchbricht.

„Ich würd so gern…“, er unterbricht sich, sieht nach unten, atmet tief ein, fängt nochmal an. „Leo. Ich hab mir Jahrelang gewünscht das da was zwischen uns sein könnte. Und ich will das immer noch.“, fügt er hastig hinzu. „Aber ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“

Leo nickt. Es ist ganz sicher keine gute Idee. Trotzdem hat er noch nie in seinem Leben etwas so sehr gewollt.

„Da war so viel Scheiße zwischen uns.“, fährt Adam fort. „Und jetzt ist es grade wieder gut. Und ich will das nicht riskieren. Noch nicht.“

Leo versteht ihn. Und trotzdem hasst er Adam grade ein bisschen für seine Vernunft. Seit wann ist Adam eigentlich der Vernünftige von ihnen beiden?

„Und außerdem hab ich so viel Scheiße hinter mir.“, sagt Adam leise, „Und ich muss das noch mit mir selber ausmachen. Das hat keiner verdient, da mit drin zu stecken. Am allerwenigsten du.“

Das Licht der untergehenden Sonne fällt durch Adams Fenster und tanzt über sein Gesicht. Es fängt sich in seinen Haaren und lässt sie leuchten wie einen Heiligenschein.

„Ich will dich.“, sagt Leo bevor er sich selber aufhalten kann. „Und du hast recht. Wir stehen grad erst wieder richtig auf dem Boden. Aber,“ er holt tief Luft, „Wenn du irgendwann das Gefühl hast, dass du wieder Kapazitäten hast jemanden zu lieben, versprich mir, dass du mich zuerst fragst?“

Es ist kindisch, dass weiß er. Sie sind zu alt für Zettelchen mit Ja, Nein, Vielleicht, und Fragen wie Willst du mit mir gehen? , aber es ist ihm auch ein bisschen egal.

 

„Leo,“ Adam klingt fast gequält. „Wen würde ich denn sonst fragen?“

„Melanie aus der 8b?“, scherzt Leo. Adam hat beim Wahrheit oder Pflicht spielen mal ihren Namen erwähnt.

Adams Gesicht wird ernst. „Leo, du weißt selber, dass es in der ganzen 8b keine Melanie gab. Das hab ich damals nur gesagt, weil ich dir doch nicht sagen konnte, dass ich am liebsten dich knutschen würde.“

„Ich weiß.“, flüstert Leo.

„Irgendwann.“, sagt Adam. „Versprochen.“

„Ja“, erwidert Leo. „Irgendwann.“

Für eine Weile ist es Still zwischen ihnen. Leo versucht irgendwie das Chaos zu sortieren, dass in ihm tobt, die Freunde und den Frust. Nie war er seinem Glück so nah und doch so unfassbar weit davon entfernt.

„Vielleicht geh ich besser,“ murmelt er.

„Musst du nicht.“

„Ich weiß.“, Leo rappelt sich von der Couch auf. Für einen Moment ist er nicht sicher ob seine Beine ihn tragen können, doch irgendwie klappt es. „Aber ich weiß nicht, ob ich genug Selbstbeherrschung habe, um jetzt hier weiter neben dir zu sitzen.“

„Versteh ich.“, Adam erhebt sich ebenfalls. „Mir geht’s ja genau so.“

***

Ein paar Minuten später steht Leo im Flur vor Adams Tür und stellt alle seine Lebensentscheidungen in Frage.

Eigentlich wollten sie gemütlich ein Bier trinken und feiern, dass sie ausnahmsweise mal weder einen Fall haben noch Papierkram fertig machen müssen. Stattdessen steht er jetzt hier, in dem Wissen, dass nicht nur er Adam liebt, sondern Adam auch ihn und trotzdem sitzen sie nicht knutschend auf dem Sofa sondern er steht hier im Flur und Adam ist allein auf seiner Couch.

Und dabei würde er Adam wirklich, wirklich gerne küssen. Und andere Sachen mit ihm machen.

Vor allem will er Adam aber einfach nur nah sein.

Wenn er Adam nah ist, scheint alles auf einmal leichter zu sein. Wärmer und freundlicher und einfacher zu überleben.

Mit Adam zusammen sind Pias schlechte Witze auf einmal Todkomisch, die trockenen Hörnchen vom Bäcker beim Revier gar nicht so schlimm und jedes Lied im Radio ein absoluter Hit.

Mit Adam ist jeder hoffnungslose Fall irgendwie lösbar, und jeder langweilige, einsame Abend zwar immer noch langweilig aber nicht mehr einsam.

Adam Schürk ist die verdammte Liebe seines Lebens und Leo ist es satt auf ihn zu warten.

Scheiß auf Irgendwann.

Er dreht sich um, hebt die Hand um an Adams Tür zu klopfen, doch noch bevor er seine Hand nach vorne bewegen kann, fliegt die Tür auf, und er steht Adam gegenüber.

Adams Augen sind weit aufgerissen, seine Haare noch zerzauster als vorhin und er starrt Leo an wie einen Außerirdischen.

Für eine lange Sekunde passiert gar nichts.

Dann saugt Adam tief Luft in seine Lungen.

„Scheiß auf Irgendwann.“, bringt er hervor.

Und dann liegt Leo auf einmal in seinen Armen, die Hände fest in Adams Haaren vergraben und Adams Lippen liegen auf seinen.

Adams Lippen sind weicher als Leo erwartet hätte. Das ist alles was er noch denken kann, bevor irgendwo in seinem Gehirn die Sicherung durchbrennt und dann ist da sowieso nur noch Adam.

Er schmeckt nach Rauch, und ein bisschen nach Bier, aber auch nach Gummibärchen und Minze. Die Mischung sollte nicht funktionieren, aber Leo ist sofort süchtig danach.

Er ist auch süchtig nach den Geräuschen die Adam macht, irgendwo zwischen einem Wimmern und einem leisen Stöhnen.

Adams Hände wandern von Leos Schulterblättern hinab zu seinen Hüften, und zurück hinauf zu seiner Taille.

Adams Körper presst sich gegen Leos, warm und fest und sicher. Leo streckt sich ihm entgegen, drückt sich enger an Adam, so fest, dass nichts mehr zwischen sie passt.

„Ich liebe dich“, keucht Leo gegen seine Lippen. Er will den Kuss noch nicht enden lassen, er muss Adam das aber auch sagen.

Adam muss verstehen, dass Leo ihn will, genauso wie er ist, mit all dem Chaos und all der Vergangenheit, all dem Schmerz und dem Verlust. Dass es Leo egal ist, solange Adam da ist.

„Ich liebe dich,“ wiederholt er.

Adam küsst ihn einfach weiter, fordernd und vorsichtig zugleich, als wäre Leo etwas Kostbares.

„Ich dich auch,“ flüstert Adam in den Raum zwischen ihnen, als er sich kurz von Leo löst, um Luft zu holen.

Er malt mit den Daumen kleine Kreise auf Leos Hüften. Leos Finger zeichnen langsam die Konturen von Adams Wangenknochen nach.

„Ich liebe dich jetzt, nicht erst irgendwann.“, Adam klingt heiser. Er räuspert sich. „Ich weiß nicht was ich mir da grad gedacht hab. Manchmal steh ich mir einfach selbst im Weg. Aber ich will das nicht mehr. Ich will dich, Leo.“, gibt er zu. „Ich hätt dich einfach gleich küssen sollen.“

Leo muss grinsen. „Ja, hättest du. Ich liebe dich nämlich auch jetzt. Und irgendwann wird ich dich immer noch lieben.“

„Versprochen?“, Adams grinsen zaubert ihm Lachfältchen ins Gesicht.

Leo verdreht die Augen, legt seine Hände vorsichtig an Adams Gesicht und zieht ihn wieder zu sich.

„Versprochen.“, sagt er. Und dann küsst er Adam nochmal.

Wer braucht schon irgendwann, wenn man auch jetzt haben kann.

Notes:

Ich hoffe, das war irgendwie erträglich.

Ich hab diese Story in meiner Mittagspause geschrieben um mich abzuregen, weil meine Kollegen allesamt Idioten sind.