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In den Rahmen alter Bilder

Summary:

Adam betrinkt sich, schmeißt sich ein was er finden kann und lässt sich in einem Darkroom nach allen Regeln der Kunst auseinander nehmen. Dass er das aus einer explosiven Mischung aus Trotz und Selbsthass tut, und nicht so sehr, weil ihm das Spaß macht, das muss ja niemand wissen. Als letzter Gast in dem kleinen Club, zu dem der Darkroom gehört, wird er von einem älteren Mann aufgesammelt. Dem entgeht das alles nicht. Er entschließt sich dazu sich zu kümmern.

Die, in der Adam keine gute Zeit hat, irgendwas fühlen will, und aufgefangen wird. Aftercare-centric. Spielt während seiner Jahre in Berlin.

Notes:

Whumptober Tag 16 I’ve had the rug pulled beneath my feet und Repressed Trauma und Permanent Marker und Disorientation

Danke an theywrite und Abendsonne fürs Gegenlesen, Zuspruch, Titel-Brainstorming, Kommata und was man sonst noch so alles braucht.

Die hier hat mich irgendwie überfallen. Eine der ersten Sachen, die ich vor mehr als einem Monat angefangen habe zu schreiben. Definitiv ein komplizierter Teil der Adam Schürk get loved you little fucker agenda, aber eher in der Variante bittersüß. Die traumatisierte Maus braucht noch ein bisschen länger bis die Dinge wirklich mal besser werden…

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

I see I wasn't running from the war 
back then. I was running from the peace
the love I did not believe I was worth 

andrea gibson, the museum of broken relationships

 

“Mein Vater würds halt hassen.” Adam starrt die Wand vor sich an und lacht trocken.

“Oh.” sagt Rauschebart neben ihm.

Er hält ihm die Flasche Wasser wieder hin. Adam greift drei Mal daneben, kriegt sie dann irgendwie zu packen. Wasser schwappt über sein Gesicht, seine Hand zittert zu sehr.

Rauschebart mustert ihn mitleidig, und fügt dann hinzu: “Tut mir Leid. Mit deinem Vater mein ich.”

Adam fängt an hysterisch zu kichern, verschluckt sich an dem Wasser, stellt ungelenk die Flasche neben sich ab, um sich zum Husten abzustützen. Scheiße, tut das weh. Die blauen Flecken auf seinem Rücken und Hintern sind noch in Entwicklung, die Schmerzen schon voll da. Der Husten schüttelt ihn durch und stellt sicher, dass er sich an jeden einzelnen erinnert. Als er sich nach einer Minute kaum beruhigt hat, klopft Rauschebart ihm auch noch verlegen auf den Rücken. Adam wehrt ab, für einen Moment zwischen dem Kampf um jeden Atemzug und dem Schmerz jeder Erschütterung gefangen.

Der Husten legt sich endlich und Adam kartografiert wieder die Sticker auf der schmierigen Wand gegenüber. Dreht sich zu Rauschebart um, der jetzt beruhigend über seinen Rücken streicht. Hoch und runter. Hoch und runter.

“Nee. Ich mein, deswegen mach ich’s ja. Weil er’s hassen würde. Nicht, dass er’s je erfahren wird, der ist halbtot.”

Rauschebart fehlt eindeutig der Kontext, so verdutzt, wie er aus der Wäsche schaut. Adam verdreht die Augen. Muss er immer alles bis ins Letzte ausführen… “Liegt im Koma. Wenn ich früher so aussah wie jetzt, dann wegen ihm.” Beiläufig klingt das. Er kichert wieder, lässt sich aus dem Sitzen zurück fallen und von Rauschebart auffangen. Vielleicht liegt sein Kopf jetzt im Schoß dieses völlig fremden Mannes. Vielleicht hat der sich das nicht ausgesucht. Vielleicht ist das Adam gerade so herzlich egal.

Die Decke hat auch einiges zu bieten, mit ihrer sich langsam drehenden Patina aus braunen Schlieren und Ruß von Jahrzehnten Schweiß und Zigarettenrauch. Im Augenwinkel Rauschebart, der immer trauriger aussieht, der vorsichtig seine Hand hebt und sie fast fragend in Adams Haare bewegt, aber darauf zu reagieren ist zu kompliziert. Adam lässt ihn. Das langsame Streichen erreicht ihn sowieso fast nicht, durch die dumpfe Schicht aus Vodka und dem abklingenden E.

Adam greift ohne hinzuschauen in seiner vagen Umgebung herum, Patschehände auf einem Boden, der von zehn Stunden schwappendem Rum und Bier klebt, und wird nicht fündig. Rauschebart bietet ihm die Wasserflasche an, aber Adam schüttelt den Kopf.

“Vodka?”, fragt er mit einem schiefen Grinsen. Rauschebarts Streicheln kommt zum Stehen. Die Hand liegt nur noch auf seinen fettigen blonden Strähnen, und sein Blick fixiert Adam, versucht seinen zu fangen. Adam weicht aus, findet die erstarrte Diskokugel, die müde flackernde Lichterkette über staubverkrusteten Lüftungsrohren, die ranzigen Prideflaggen über der Tür. Dann gibt er das Katz-und-Maus-Spiel auf und schaut zurück.

“Nee, Junge.” Rauschebarts Stimme ist ganz weich. Er lächelt leicht. “Du hast genug für heute. Ich mach jetzt gleich hier zu und dann...” Er mustert das kleine Häufchen Elend in seinem Schoß und hält kurz inne. Adam durchfährt es wie ein Schlag, als wäre er in diesem Moment von einer auf die nächste Sekunde nüchtern geworden. Er versucht sich aufzurichten, stammelt: “Oh ich… dann geh ich nach Hause und… Sorry—”, doch die warme Hand in seinem Haar drückt ihn sanft zurück in den Schoß.

“Schh”, murmelt Rauschebart. “Und dann kommst du mit zu mir und ich mach dir ‘nen Bad fertig und du schläfst erstmal aus, hm?”

Adam erstarrt. Jetzt selber nach Hause kommen heißt zwei Stunden zu Fuß ans andere Ende der Stadt. Es muss nach zwei sein, so viel kriegt Adam noch zusammen, und es war… Mittwoch? Donnerstag? Also fährt auch bis halb fünf nichts mehr. Auf dem Hinweg war er schon fast bis auf die Boxer durchnässt vom Berliner Novemberwetter, das kann um diese Uhrzeit nicht besser geworden sein. Er patscht kurz nach seinem Handy. Ist da. Bringt aber auch nichts, war schon vor zwei Stunden tot.

Und morgen ist Spätschicht, so weit kommt er auch noch in seinem Wochenplan. Ein bisschen Sex, den er nicht will, für ein Bad und ein Bett? Die Chance, dass er die Geduld seiner Kollegen, was Krankmeldungen angeht, nicht auch diesen Monat ausreizen muss?

Der Fremde über ihm lächelt ihn immer noch milde an. Adam nickt langsam. Rauschebart ist sichtlich erleichtert.

Adam bleibt flach auf dem Boden liegen, während der Fremde hinter der Bar hantiert. Beine und Arme von sich gestreckt starrt er wieder nach oben. Eigentlich könnte er auch hier liegen bleiben. Sich irgendwann morgen den Staub der Nacht abklopfen, wenn die Reinigung vorbei kommt und ihn wieder weckt, direkt zum Präsidium und da duschen. Der Walk of Shame in hautenger Lederhose und gerade so unter seiner Regenjacke verstecktem Mesh-Shirt würde jetzt auch nichts an seinem Ruf schlimmer machen können. Vielleicht würde er bei einigen Kollegen sogar Sympathiepunkte kriegen.

Um ihn herum gehen Lichter aus, Ecke für Ecke, und bald kann er den Dreck nicht mal mehr ausmachen im müden Dämmerlicht der Laternen draußen. Dann hört er klappernd und quietschend die Jalousien herunter laufen und das Dämmerlicht schmilzt in ein alles erdrückendes Pechschwarz. Kurz zieht etwas dumpf durch seine Brust, er kneift schon die Augen zu, sein Atem wird schneller, da spürt er eine warme Hand an seiner Schulter.

Rauschebart hat seine Handytaschenlampe angemacht und hockt neben ihm. Ein einsamer Lichtkegel in der verlassenen Bar, ein einsamer Lichtkegel, der jetzt heftig schwankt, weil das Projekt des auf zwei Beine Kommens sich komplizierter darstellt als gedacht. Wenn Adam es genau nimmt, ist ausschließlich der Mann neben ihm am Erfolg beteiligt. Adam hängt an ihm und kann beim ersten Schritt das Zucken nicht unterdrücken. Fuck. Überall brennt das, Rücken, Arsch, das ist vertraut, das fühlt sich an wie Zuhause, nur das tiefere Ziehen ist anders. So oft, wie ihm da was unter die Nase gehalten wurde, so oft, wie er tief eingeatmet hat ist es wirklich kein Wunder, dass er es erst jetzt so richtig merkt. Wie ernst die das Versprechen meinten, ihn mal so richtig durchzunehmen. Sein Nicken war ja nun auch nicht grade missverständlich. Keine Hand hat er weggedrückt.

Der warme Körper neben ihm zieht ihn mit. Sie stolpern raus in den schneidenden Wind, dann schnell in den Hinterhof, in dem es nur noch nass ist, dank des Windschattens der umstehenden Häuser. Adam zittert trotzdem, und als von den Mülltonnen eine Welle von Schwefel und Verrottetem herüber schwappt, muss er sich an der Wand anlehnen. Der Schwall von Kotze verfehlt Rauschebarts Schuhe nur knapp.

“Scheiße”, entweicht es ihm, nachdem sich sein Magen zum vierten Mal brutal zusammengezogen hat und wirklich nichts mehr nach kommt.

“Alles gut. Hab Tüten im Auto”, sagt Rauschebart und nimmt seine Hand aus Adams Gesicht, da, wo er seine Haare aus dem Weg gehalten hat. Vielleicht streicht er ihm einmal kurz die Wange entlang, ganz sanft, als ob Adam nicht von Kopf bis Fuß nach schlechten Entscheidungen und Straßenköter stinkt, als ob der Mann sich nicht mal ein bisschen ekelt, aber wahrscheinlich bildet Adam sich das auch nur ein.

Die Tüten braucht Adam. Es ist nur noch Galle, aber der Geschmack in Verbindung mit dem ruppigen Schalten, den scharf genommenen Kurven und den grell flackernden Lichtern des Gegenverkehrs tun ihren Dienst. Mehrmals spürt er die bemitleidenden Blicke vom Fahrersitz aus und weigert sich, von seinem Elend hochzuschauen. Je mehr der dichte Nebel des Alkohols abklingt, desto mehr fragt Adam sich, was er hier eigentlich macht. Überlegt an jeder Ampel, ob jetzt der Zeitpunkt ist, einfach auszusteigen und den armen Mann von seinem Samariter-Trip zu erlösen.

Aber gut. Wenn er wirklich so verzweifelt ist, jemanden mit nach Hause zu nehmen, will Adam ihm das jetzt auch nicht mehr nehmen. Einmal den Mund ausgewaschen und abgeschrubbt, findet Rauschebart bestimmt an irgendeinem Teil seines Körpers genug Gefallen, um den ganzen Blödsinn wieder wett zu machen.

Die Wohnung ist riesig. Altbau, irgendwo aus dem Fenster sieht er die Kuppel des Berliner Doms im Mondlicht glänzen. Sie muss ein unfassbares Vermögen kosten, so nah am Hackeschen Markt. Sogar in einen kleinen Aufzug wollte Rauschebart ihn grade noch schieben. Das Stechen bei jeder Treppenstufe hat Adam dem quietschenden Metallkäfig dann aber doch vorgezogen.

Nebenan plätschert das Badewasser, und Adam steht hier in der Mitte des zweiten oder dritten Wohnzimmers vor dem Bücherregal und starrt ins Leere. An der Wand hängen geschmackvolle Akte mit glänzendem Leder und Nieten, und mindestens zwei Regalbretter sind mit fein säuberlich geordneten Standardwerken zum Thema Fetisch und Sex gefüllt. Dass Rauschebart die Praktiken fremd sind, die da im Darkroom der Bar ablaufen, die er bedient, hat er nicht erwartet. Aber dieses Level von Professionalität lässt Adam kurz zucken. Er weiß nicht, ob er heute noch eine Runde Peitsche oder Flogger schafft.

“Kommst du? Bad ist fertig.” Rauschebart lehnt in der Tür. Das goldene Licht vom Badezimmer wirft einen langen Schatten auf den Dielenboden. Adam nickt fast unmerklich und schlurft in seine Richtung. Die Beleuchtung ist geschmackvoll und teuer, nur indirektes Licht zwischen rankenden Monsteras und handbemalten Fliesen. Der reiche Fremde bleibt in der Tür stehen und beobachtet, wie Adam sich langsam vor den Spiegel bewegt, ohne ihn anzusehen.

“Ich würde gern hierbleiben. Bist noch etwas wackelig auf den Beinen. Kann dir auch helfen, aber wenns grad ein bisschen zu viel ist, dreh ich mich gerne um.”

Adam starrt das Waschbecken an. Zuckt mit den Schultern. Er weiß es doch auch nicht. Aber wahrscheinlich ist ihn nackt sehen Teil des Deals, und die Überforderung mit der Situation steht ihm garantiert ins Gesicht geschrieben, so sehr er versucht es zu verbergen. Was er jetzt zuerst machen soll, wie er diese verfickte Hose von seinen Beinen pellen soll und welches Shampoo hier nicht sein monatliches Einkommen sprengen würde, das sind alles Entscheidungen, zu denen er sich grade nicht imstande fühlt. Also nickt er.

“Ich brauch mal deine Worte, Hase.” Rauschebart sagt das ganz beiläufig, aber Adam sieht trotzdem kurz rot. Er ist kein verdammtes Kleinkind. Er braucht keine Samthandschuhe, er braucht diese ständigen Nachfragen nicht, dieses ständige Zweifeln, als würde er sich nicht um sich selbst kümmern können. Seine Hände krallen sich in die Keramik und er stiert kurz nach vorn. Aber es hilft nichts. Er ist jetzt hier, und das verdammte Bad ist eingelassen, und er kann nicht vor und zurück. Also presst er durch zusammengebissene Zähne “Helfen” hervor.

Rauschebart nähert sich behutsam, bis er hinter ihm steht. Während er Adam erst aus der knisternden Regenjacke hilft, und ihm dann das Shirt über seinen Kopf zieht, murmelt er bestimmt zu keinem Zeitpunkt: “Gut machst du das.” Und weil er das nicht sagt, können die Worte auch nicht heiß auf Adams Nacken brennen, geschweige denn in seine Wangen schießen. Er hofft nur inständig, dass der Mann zu beschäftigt damit ist, ihn jetzt aus der Lederhose zu kämpfen, um zu sehen, wie sehr Adam mit sich ringt. Gut macht er das? Nicht mal ausziehen kann er sich alleine.

Dann steht er wieder vor dem Spiegel, nackt und verloren, und fährt mit einer zittrigen Hand über die Schwielen auf seinem Rücken. Artig reihen sie sich ein zwischen den etwas erhabeneren Narben, nur dass die frischen Hiebe wie Hölle brennen und heiß sind. Direkt über seinem Hintern erhascht er verschmierte schwarze Schrift, dreht sich um sich selbst, versucht zu lesen, und wankt plötzlich wieder gefährlich. Rauschebart fängt ihn, raue Hände sanft auf seinen Hüften.

“Ich hab Nagellackentferner da. Mit Desi können wir’s später auch versuchen. Aber jetzt erstmal in die Wanne, hm?”

‘Whore’ steht da und ‘Hole’, dick mit Edding, jetzt kann Adam es im Spiegel sehen. Ein trockenes Lachen entweicht ihm. International, wenn auch nicht besonders kreativ. Könnte schlimmer sein, zum Beispiel im Gesicht oder Hals. Erinnern kann er sich trotzdem nicht, an den Moment, an dem das passiert sein muss.

Er seufzt und lässt sich Richtung Bad steuern.

“Das brennt jetzt ein bisschen,” warnt Rauschebart und Adam schüttelt seine mitleidige Stimme ab. “Egal.” Ne verfickte Rutschmatte hat der Mann hier in die Wanne gelegt. Hält ihm die Hand hin und besteht darauf, dass er sie für den Überstieg nimmt. Dann verschluckt das heiße Wasser seine Beine und er sinkt und sinkt und sinkt.

Adams Blick folgt den Schlieren des Badezusatzes. Er spielt abwesend mit Bergen von weißem Schaum, atmet durch das scharfe Brennen auf seinem Rücken, die pochenden blauen Flecken seines Hinterns auf dem harten Wannenboden.

Rauschebart steht für eine Weile hinter ihm, rührt sich nicht, beobachtet ihn einfach nur. Adam spürt die Blicke auf seinem Hinterkopf.

Er ist so unfassbar müde. Die überwältigende Hitze kriecht in jeden Muskel und weicht alles auf. Er sinkt immer tiefer in die Wanne, lehnt den Kopf nach hinten auf die kalte Keramik, schmilzt weg. Bevor ihm die Augen zufallen können, gibt Rauschebart sich einen Ruck und fängt an, Adam vorsichtig abzuschrubben. Das Wasser gluckert und schwappt, eine Plastiktube klickt, und Adam lässt einfach alles über sich ergehen. Er schwebt zwischen Dösen und wach, spürt Schaum zwischen warmen Fingern, die seinen Kopf massieren, riecht Lavendel und Sandelholz.

“Bist du eigentlich auf PrEP?” Rauschebarts Stimme reißt ihn unsanft aus einer Welle von Traumbildern, geometrische Formen, die in bunten Blitzen von Stroboskop zu Straßenlaternen zu Taschenlampenstrahlen an Tatorten werden. Ist er— Ah. Das Thema.

Er schüttelt abrupt den Kopf. Rauschebart stößt einen Atemzug hörbar durch seine Nase aus, verharrt kurz mit dem Waschlappen auf Adams Schultern.

“Bin aber getestet.” Er legt den Kopf in den Nacken, so weit er kann, erhascht am Rand seines Blickfelds Rauschebarts Gesicht. “Ich mach das nur, wenn ich sauber bin.” Das meint er bitterernst. Das würde er niemandem antun. Zum Glück geht das inzwischen unkompliziert und anonym genug, und bisher hat er immer Schwein gehabt.

Rauschebart sieht trotzdem unglücklich aus. Adam legt seinen Kopf wieder auf die Brust, geht dem besorgten Blick lieber schnell aus dem Weg.

“Das ist—” Der Fremde bricht sich selbst ab, fängt dann mit dem Waschlappen wieder sanfte Kreise auf Adams geschundenem Rücken an, “—gut. Hilft dir aber nicht, hm?”

Adam schnaubt, setzt an, “Ega—”

“Nicht egal, Hase. Wirklich nicht egal.” Irgendwo in Adams wasserumspülten Bauch brodelt fast ein Lachen bei dem Gedanken, an AIDS zu verrecken. Das würde sein Vater halt so richtig hassen. Er versteckt das Glucksen hinter einem Husten. So wie er Rauschebart einschätzt, guckt der dann nur noch trauriger, und so langsam reicht es. Egal wie brillant Adam darin ist, Schwänze zu lutschen, dieses Maß an deprimierenden Themen kann er irgendwann auch nicht mehr ausgleichen.

Aber Rauschebart macht unbeirrt weiter. “Ich kenn ‘ne gute Praxis. Keine doofen Fragen, unkompliziert, die sind welche von uns. Ich fahr dich da morgen früh hin, die verschreiben auch das für danach. Wär doch schade drum, für einen Abend.” Seine Stimme ist sanft, erlaubt aber keine Diskussion. Adam brummelt unverbindlich in sich hinein.

Der Rest des Bads verläuft wortlos.

Erst beim Abrubbeln mit dem Handtuch setzt der Mann nochmal nach. Adam will sich kurz wehren, ergibt sich aber dann doch Rauschebarts “Lass mich, hm?” Er lässt ihn.

Das nächste, was aus seinem Mund kommt, ist nicht besser. “Ich hab so viele, die ich geliebt hab, daran verloren, weißt du? Jedes Wochenende Beerdigungen. Das ging Jahre so.”

Was soll er dazu jetzt sagen. Bei ihm wäre das eh anders. Da heult mit Sicherheit niemand.

“Ich versteh schon, das ist nicht mehr so da bei euch, die Medikamente sind toll inzwischen, Prep sowieso—”

Adam muss dem ein Ende setzen, also murmelt er “Ist gut. Morgen.” Er wird schon einen Weg finden, sich aus dem Staub zu machen, bevor der Mann aufwacht. Rauschebart nickt und wendet sich ab, hängt das Handtuch auf, leert die Badewanne, stellt die Fläschchen und Tuben wieder fein säuberlich an ihren Ausstellort.

Adam steht nackt auf den kalten Fliesen, wie bestellt und nicht abgeholt. Adam ist sauber und abgetrocknet, duftet nach Lavendel. Adam ist schwindelig, aber Adam sieht, dass der Moment gekommen ist, um die Abmachung zu erfüllen.

“Okay, äh. Soll ich dir einen blasen?" 

Rauschebart stoppt in der Mitte seiner Bewegung, sackt etwas in sich zusammen, und dreht sich dann langsam zu Adam um, als müsste er ein scheues Pferd halftern.

"Mhm. Ich hab dich nicht— Dachtest du, ich hab dich für Sex mitgenommen?"

"Äh nee, ich meine. Also." Adam zittert wieder. Fühlt sich so nackt wie er ist und ganz klein plötzlich. Irgendwas hat er so vollständig missverstanden und es erwischt ihn unvorbereitet, komplett aus dem Nichts, und er weiß nicht, was er damit anfangen soll.

"Och, Hase. Es passiert hier heute gar nichts mehr, und vor allem nichts, was du nicht möchtest, hm?”

“Ich—” Adam bekommt die Lüge nicht mal über seine Lippen.

“Hör mal auf jetzt, mir Quatsch zu erzählen. Es ist alles gut." Rauschebarts Stimme ist ganz leise. Er legt ihm einen Bademantel um, passt dieses Mal auf, ihm nicht zu nah zu kommen, ihn nicht zu intim zu berühren, und plötzlich fehlt Adam die Wärme und der Druck seiner geduldigen Hände. Ihm wird heiß im Gesicht, so heiß, dass Rauschebart es mit Sicherheit sehen kann. Er macht sich noch kleiner. Natürlich will er ihn nicht. Warum auch eine Katastrophe vögeln, wenn er offensichtlich jeden anderen haben kann.

"Ich hab noch so ‘ne Aloe-Salbe, wenn du willst, das hat mir immer ziemlich gut geholfen. Befürchte nur, am Rücken müsste ich das machen. Deine Entscheidung." Adam presst die Augen zusammen. Er schüttelt den Kopf. Das schafft er nicht, ohne im Boden zu versinken.

“In Ordnung. Couch oder Bett?”

Adam starrt den Boden an.

“Bett wäre mit mir, ist breit genug, dass Kuscheln komplett optional ist. Nur, falls alleine sein grade keine so gute Idee ist. Ist ganz normal, manchmal.”

Es erschreckt Adam, wie verlockend die Idee klingt, in den Armen dieses Fremden einzuschlafen. Dann stellt er sich vor, wie oft er aufschrecken wird, wie Rauschebart ihn im Dämmerlicht mitleidig anstarrt, weil er es mal wieder nicht durch die Nacht geschafft hat, ohne zu schreien oder um sich zu schlagen, und sagt bestimmt: “Couch.”

Die Couch stellt sich als kuscheliges Schlafsofa im eigenen Gästezimmer heraus, längst frisch bezogen. Als würde sie immer darauf warten, den nächsten verlorenen Sohn zu beherbergen.

Auf dem Nachttisch findet Adam ein Ladekabel mit verschiedenen Anschlüssen, Taschentücher in einer stilvollen Holzbox, eine warme Schirmlampe. Sogar ein kleines Nachtlicht steckt neben der Tür. Er schließt die bodenlangen Vorhänge trotzdem nicht. Das Sodiumgelb der Stadt tanzt auf seiner Haut, ein vertrauter Begleiter.

In der Tür steht Rauschebart, vergewissert sich, dass Adam alles hat. Kurz bevor er sich abwendet, hallt seine dunkle Stimme noch einmal durch den Raum.

Wenn du was Bestimmtes willst, gibt es da draußen jemanden der dir das geben kann. Du musst nichts in Kauf nehmen, was dir keinen Spaß macht, um das zu kriegen was du suchst. Du musst nur deinen Mund aufmachen.”

Adam seufzt, fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. Sieht ihn nicht an.

“Soll sogar Leute geben, die besonderen Gefallen daran finden, anderen Wünsche zu erfüllen.” Ganz leise murmelt der Mann das. Im Augenwinkel sieht Adam, dass er verlegen zur Seite schaut.

“Ich wollte das ja,” sagt Adam ebenso leise.

“Hm,” sagt Rauschebart. “Bis morgen.” Die Tür klackt ins Schloss, der Dielenboden knarzt unter den sich entfernenden Schritten.

Adam windet sich lange durch die kühlen Laken. Auf dem Rücken liegen geht nicht, auf der Seite ist auch kritisch. Seine Füße sind Eisklötze. Irgendwie döst er ein.

Um ihn ist Wärme, honigdick. Arme, die ihn ganz fest drücken, in denen er für immer treiben will, durch dieses Meer aus sanftem Licht. Eine Hand, die sein Bein hoch tanzt, weiche Lippen auf seinen, jede Berührung kristallklar auf seiner Haut. Ein ergebenes, fast erleichtertes Stöhnen hallt unendlich nach. Der schwere Körper auf ihm drückt sich in seine Mitte, und er merkt erst jetzt, dass das seine eigene Stimme ist. Sein Mund, der hilflos offen steht und sich der Zunge ergibt, die sich in ihn drängt. Braune Haare kitzeln seine Wangen und er lacht, und der andere lacht auch, und dann ist sie da. Diese Stimme, die er nie vergessen wird.

Mit einem Keuchen sitzt er auf der Bettkante und schaut in das Blau des Morgengrauens. Unwirklich ist es. Eiskalt vertreibt es die Wärme, von der er eben noch bis in die Knochen durchdrungen war. Er will in ein Kissen schreien, doch belässt es dabei seine Zähne zusammenzubeißen, seine Augen zuzukneifen, alles hart zu machen in seinem Körper.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass er Leo zurückgelassen hat. Zehn verdammt lange Jahre. Und am Ende kreist trotzdem alles in seinem Orbit um diese Sonne, um diesen verfickten einen Stern von damals. Es ist so erbärmlich, wie er ihm nachheult, wie Welpenaugen aus dem Tierheimzwinger den Kindern hinterher, die ihn jetzt ein paar Wochen nach Weihnachten doch nicht mehr so spanned finden. Während Leo am anderen Ende des Landes längst vergessen hat, welchen Scheiß Adam ihm eingebrockt hat. Hoffentlich, denkt Adam.

Verheiratet ist er noch nicht, so viel weiß er aus dem Melderegister, aber er kann sich nicht vorstellen, dass da nicht jemand ist. Jemand, mit dem er wirklich glücklich sein kann, jemand Unkompliziertes, jemand, der nicht schwitzend und keuchend jede Nacht hochschreckt und ihn mit in den Strudel an Dreck zieht, der spätestens zwischen Dämmerung und Dämmerung wieder losbrodelt. Aber eigentlich auch sonst immer.

Er schnaubt, so laut er es sich erlauben kann, und versucht die Gedanken abzuschütteln. Am Ende hilft ihm das dumpfe Pochen seines Hinterns, während er sich irgendwie wieder in die hautenge Lederhose zwängt. Das Zischen bei jeder Bewegung zu unterdrücken kostet genug Aufmerksamkeit, dass keine für funkelnd grüne Augen übrig bleibt.

Adam balanciert vorsichtig Richtung Tür, immer an den Rändern der einzelnen Holzplanken. Ein paar Mal knartscht es, und selbst das leise Geräusch sticht rostige Nadeln in seinen dröhnenden Kopf. Vom Schlafzimmer hört er trotzdem keine Regung.

Kurz hält er im Wohnzimmer an und blickt über das Bücherregal, die Wanddekoration, die seidenen Vorhänge, hinaus auf den Dom, dessen Dächer im fahlen Morgenlicht funkeln. Die erste Tram fährt unten vorbei und er fügt das Scheppern und Bimmeln selbst hinzu, weil die Schallschutzfenster zu teuer sind, um es rein zu lassen, in ihr kleines Reich hier oben.

Auf einem kleinen Tisch vor der Glasfront spiegelt sich der Himmel in den Rahmen alter Bilder. Lachende Gesichter, Glitzer, Transparente auf Demonstrationen, Drag-Looks. Ein Polaroid-Selfie von zwei ineinander verschlungenen Körpern in einem Meer aus Decken und Kissen, längst ins Sepia vergilbt. Altes Zeitungspapier, Fotografien von Menschen, die auf den Treppen eines Gebäudes liegen. Pinke Dreiecke auf Plakaten, ‘Schweigen = Tod’. Und dann, Portraits von jungen Männern, in seinem Alter, jünger. Jedes mit zwei Daten versehen.

Das Dröhnen in Adams Kopf nimmt zu. Sein Hals wird eng, seine Augen nass, und er wehrt sich, zieht an der Tür seine Schuhe an und macht sie nicht mal zu, bevor er breitbeinig die Treppe herunter ächzt. Er stürzt hinaus in die Umarmung der eisigen Kälte und saugt Luft durch den Mund ein, bis alles brennt.

Die S-Bahn-Türen schließen sich mit dem vertrauten Jaulen. Heute droht es seine Schädeldecke zu zertrümmern. Es ist acht Uhr und Adam will einfach nur, dass es aufhört. Sein Vorrat an Aspirin dürfte leer sein, wenn er sich an letztes Wochenende richtig erinnert, also führt kein Weg daran vorbei, Nachschub zu besorgen. Bei dem Gedanken, jetzt im Sichtfeld der netten alten Dame hinter der Theke seiner Stammapotheke in Lederhose und klebrigem Mesh-Shirt durch den Laden zu humpeln, wird ihm heiß und kalt. Er popelt sein Handy aus der viel zu engen Tasche, will schon die Karten-App öffnen, da sieht er im Augenwinkel einen adrett gefalteten Zettel auf den Boden segeln.

Irgendeine der Schwielen auf seinem Rücken zieht böse, als er sich bückt und ihn aufhebt.

Infektiologische Schwerpunktpraxis Lank
Charlottenburg
Sag am Empfang, dass Wolf dich schickt.

01543/96793579 
Meld dich, egal was ist. 

Die Bahn rumpelt in die nächste Station. Auf dem Gleis gegenüber ist die andere schon eingefahren. “S5 nach Westkreuz, einsteigen bitte”, ertönt es in dem Moment, in dem sich die Türen vor Adam öffnen, und er sprintet über den glatten Bahnsteig, spürt jeden Aufprall seiner Füße in seinem Arsch, in seinem Rücken, in seinem Kopf, kämpft sich durch das Dröhnen und Stechen und Pochen und grellrote Blinken, bis sich die Türen hinter ihm mit einem satten Rumsen schließen.

Am Empfang merkt er, dass er heute noch nicht gesprochen hat. Seine Stimme ist belegt von trockener Heizungsluft, Kälte und unvergossenen Tränen, und er muss sich drei Mal räuspern. Der Mann mit den pinken Haaren lächelt ihn freundlich an, als hätte er alle Zeit in der Welt. Als würde sein Blick auf Adams Haut nicht brennen, heiß, kalt. Die Worte drängen sich durch die Welle aus Scham, die ihn überrollt. Sie kämpfen sich krächzend aus seinem Hals, aber am Ende spricht er sie aus:

“Wolf schickt mich.”

Notes:

Bisschen künstlerische Freiheit ist hier natürlich drin: PrEP (oder auch Prä-Expositions-Prophylaxe, ein Medikament, das bei regelmäßiger Einnahme eine Ansteckung mit HIV deutlich unwahrscheinlicher macht) ist in Deutschland erst seit 2016 zugelassen, hätte damals für 30 tage privat so 600€ gekostet, und wird erst seit 2019 von der Krankenkasse bezahlt. Diese Fic spielt irgendwann um 2017, das heißt es wird noch nicht soooo verbreitet gewesen sein wie es das jetzt ist, und wie ich es so ein bisschen für dieses Setting angenommen habe, aber das ignorieren wir.

So oder so wollte ich ja auch keinen Safer Sex/Harm Reduction Werbespot schreiben geschweige denn einen Bildungsauftrag in Sachen queere Geschichte erfüllen, aber der Wolfgang hatte halt andere Ideen.

Dazu auch nochmal: So ungut der Headspace ist, in dem Adam das alles hier macht, die referenzierten Praktiken, inklusive Sex unter dem Einfluss von Substanzen, werden von genug Leuten genossen und es ist uncool und unhilfreich im Sinne von Harm Reduction sie einfach partout zu verurteilen. Bitte danke nicht machen.

 

Kudos und Kommentare freuen mich immer sehr <3

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