Work Text:
„Willst du mir mal erklären, was du dir dabei gedacht hast, oder kam es gar nicht erst zu einem anständigen Denkprozess?“
Vincents Stimme klang verdächtig ruhig und kontrolliert. Adam hatte gerade einmal Zeit gehabt, sich auf seinen Stuhl fallen zu lassen und kurz durchzuatmen, bis er von seinem Kollegen minimalst passiv aggressiv angesprochen wurde.
„Vincent, jetzt is‘ echt nich‘ der richtige Zeitpunkt um-“
„Um was, Adam?“ Die Wut in Vincents Stimme war nun deutlich rauszuhören, zusammen mit einem Unterton, den Adam nicht recht identifizieren konnte.
„Um dir klarzumachen, was für eine Scheißidee du mal wieder hattest? Anstatt etwas frische Luft zu schnappen, wie du angekündigt hattest, fährst du mit deinem Motorrad sonst wohin um was? Einem potenziellen Verdächtigen, den wir vor vielleicht drei Stunden identifiziert haben, mal so richtig auf den Zahn zu fühlen?“
Während Vincent sich langsam aber sicher in Rage redete, sortierte Adam wieder und wieder die gleichen Aktenblätter, deren Inhalt ihm nicht egaler hätten sein können. Ihm war ja auch bewusst, dass es keine seiner schlausten Ideen gewesen war, aber eine solche Schikane hatte er nun wirklich nicht verdient.
„Mann, ich wollte dem doch nur klar machen, dass wir ihn aufm Schirm haben. Der hätte bestimmt noch weiter gemacht, des musste ich einfach verhindern.“
Die letzten Worte richtete er mit voller Überzeugung an Vincent. Und um ihnen noch mehr Nachdruck zu verleihen wollte er direkt über den Schreibtisch in die Augen seines jüngeren Kollegen schauen.
Doch als er aufsah traf sein Blick nicht wie erwartet auf dunkel umrandete, blau strahlende Augen, sondern auf einen dunkel gemusterten Rock, der sich sanft um Vincents Beine bewegte.
Adam hob seinen Blick weiter und sah schließlich in das Gesicht des jungen Mannes, der während seines Vortrags aufgestanden war und den Blick äußerst kritisch mit einer erhobenen Augenbraue erwiderte.
Eigentlich hatte Adam noch mehr sagen wollen, aber alle Worte in seinem Kopf blieben auf ihrem Weg stecken.
Vincent sah ihn mit stechenden Augen an, die keinerlei Widerworte zuzulassen schienen. Die ungezähmten Locken auf seinem Kopf sahen aus, als wäre er unzählige Male mit der Hand durch sie gefahren und nur für einen kurzen Moment stellte Adam sich vor, wie weich die Haare sich unter seinen rauen Fingern anfühlen würden.
Bevor er sich selbst bei diesen Gedanken stoppen konnte, kam ihm Vincent schon zuvor. Mit langen, bestimmten Schritten überquerte dieser die Distanz zwischen ihnen und stellte sich direkt vor Adam. Deutlich näher, als Adam es normalerweise zulassen würde.
Doch er konnte und wollte nichts mehr sagen. Ob aus Angst, Ehrfurcht oder einem anderen Grund konnte er nicht sagen.
„Ich sag dir jetzt mal was.“ Vincents Stimme zog trotz der geringen Lautstärke Adams gesamte Aufmerksamkeit auf sich.
Die Art, wie Vincent sich leicht zu ihm runterbeugte, bedrohlich und geschmeidig wie eine Raubkatze auf der Jagd nach ihrer Lieblingsbeute, löste in Adam widersprüchliche Gedanken aus.
Vincent schrie ihn nicht an. Vincent wurde auch nicht körperlich.
Das Einzige, was er tat, war den Blickkontakt zu suchen und zu halten.
Normalerweise reagierte Adam auf solche Situationen ganz anders. Er meckerte zurück, rechtfertigte sich, wurde laut und aufbrausend. Und falls das nicht möglich war, sah er weg und akzeptierte einfach alles, bis es vorbei war.
Beide Methoden zogen nicht bei seinem Partner.
Obwohl seine gesamte Aufmerksamkeit bei Vincent lag, hätte er nicht sagen können, was dieser konkret gesagt hatte.
„…das ist bei weitem nicht erste Mal und jedes Mal muss ich oder Wiktor dich da rausholen. Das geht so einfach nicht weiter, Adam, wirklich-„
Plötzlich klickte etwas in Adams Kopf und ein unglaubwürdiger Gedanke machte sich breit: „Du machst dir Sorgen?“
Das fast schon gefährliche Glänzen in Vincents Augen verschwand augenblicklich und sein Gesichtsausdruck nahm etwas Verwirrtes und Ungläubiges an.
„Ist das nicht offensichtlich?“
„Weiß‘ nich‘, musst du ja nich‘ und so.“
Adam zuckte wie beiläufig mit den Schultern und senkte seinen Blick. Es kam nicht oft vor, dass jemand sich so wirklich um ihn sorgte, eigentlich schon seit Jahren nicht mehr.
Doch bevor er sich – mal wieder – in seinem Gedanken verlieren konnte, holte ihn eine kleine Berührung zurück in das Zimmer.
Vincents lange Finger, deren Nägel erst vor ein paar Tagen eine grau schimmernde Farbe bekommen hatten, legten sich sanft unter Adams Kinn und hoben es an, sodass er in die Augen seines Partners sehen musste.
„Adam“, Vincents Stimme war plötzlich sehr warm, „Ich mache mir immer Sorgen um dich.“
