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Hirschhornsalz und Pottasche

Summary:

Thiel und Boerne haben zum Adventskaffee eingeladen, aber vorher gibt es noch was zu erledigen ...

Notes:

Wie es manchmal so ist, wenn einen das RL überschwemmt, habe ich es dieses Jahr leider nicht geschafft, mich am Tatort- & Polizeiruf-Adventskalender 2025 (x) zu beteiligen. Ich hoffe sehr, nächstes Jahr wieder dabei zu sein. Mir kam dann aber doch noch eine Idee, an der ich mich probieren wollte und nach einigem Hin und Her sind wir jetzt also hier.

Vielen Dank an iflow fürs Drüberlesen <3

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und natürlich frohe Weihnachten!

Work Text:

*

„Bin wieder da!“, rief Thiel, als er sich und die beiden Einkaufstüten in den Händen durch die Wohnungstür manövrierte. Kaum, dass die Tür ins Schloss gefallen war, atmete er erleichtert aus. Es war schweinekalt draußen gewesen und der Schnee rieselte nur so von seiner Kleidung aufs Parkett, wann immer er sich bewegte. Sie hatten sich ja alle weiße Weihnachten gewünscht, aber dass es direkt einen solchen Sturm geben musste …

Im Inneren der Wohnung hingegen war es angenehm warm, die Stehleuchte in Boernes Flur hüllte alles in ein gemütliches Licht und es roch –

Thiel zog Mütze und Handschuhe aus und schnupperte in die Luft – dann verzog er das Gesicht. Irgendwas roch hier nicht besonders gut. Fast schon … fischig. Das war aus zwei Gründen verdächtig: Erstens hatten sie keinen Fisch für die nächsten Tage vorgesehen und zweitens hatte ihn seine Kindheit am Hamburger Hafen gelehrt, dass nicht einmal Fisch nach Fisch riechen sollte.

Ein lautes Scheppern aus der Küche, gefolgt von einigen unanständigen Flüchen, riss Thiel aus seinen Gedanken.

„Boerne?“

Als Antwort erreichte ihn zuerst nur unzufriedenes Gemurmel, dann: „Ja … hier!“

Nachdem Thiel sich aus den übrigen Kleidungsschichten geschält hatte, machte er sich mit den beiden Einkaufstüten im Schlepptau auf den Weg in die Küche. Er schaffte es allerdings nur bis zur Türschwelle.

„Was ist denn hier passiert?“ Der Schneesturm hatte anscheinend auch in Boernes Küche getobt, jedenfalls waren alle Arbeitsflächen weiß bepudert, und Teile des Bodens auch, und von Boernes blau-karierter Schürze wollte Thiel gar nicht erst anfangen. Dazwischen verteilten sich einzelne Küchenutensilien, angebrochene Lebensmittel und leere Verpackungen.

„Das siehst du doch.“ Boerne war gerade dabei, ein Backblech vom Boden aufzuheben – daher wohl der Lärm. Die sonst so sorgfältig frisierten Haare standen ihm in alle Himmelsrichtungen ab und seine Brille war auf der Nasenspitze auch etwas aus dem Gleichgewicht geraten.

„Was ich sehe, ist Vandalismus.“

„Ich backe!“, echauffierte Boerne sich und platzierte das Blech demonstrativ auf dem Tisch vor sich. Mit dem Handrücken schob er sich die Brille wieder zurecht. 

An Boernes Reaktion konnte Thiel ablesen, dass es dem anderen wohl lieber gewesen wäre, er wäre mit seinem Unterfangen fertig geworden, bevor Thiel vom Einkaufen wiedergekommen war. Ob er ihm deshalb eine so ungewöhnlich lange Einkaufsliste mitgegeben hatte? Thiel war die ganze Schwafelei über den Einkaufsstress während der Feiertage von Anfang an etwas suspekt gewesen. Nicht, dass er Boerne da grundsätzlich widersprechen würde, aber die letzten Jahre hatte der sich daran auch nicht gestört.

„Davon wusste ich noch gar nichts.“

„Jetzt weißt du es ja.“ Boernes Ohren liefen rot an, als ob Thiel ihn bei etwas Unanständigem erwischt hatte, dabei war hier, soweit er das beurteilen konnte, außer der Küche überhaupt nichts schmutzig.

„Und was backst du so?“ Thiel hatte inzwischen eine Teigschüssel in Reichweite lokalisiert und genehmigte sich einige Krümel, bevor Boerne ihm einen Klaps auf die Hand geben konnte und die Schüssel auf die andere Seite des Tisches beförderte.

„He!“

„Finger weg!“

Thiel probierte das bisschen Teig, das er sich hatte abzwacken können, aber er bereute seine Entscheidung sofort wieder. Was auch immer Boerne da zusammengemischt hatte, schmeckte im ersten Moment zwar süß und würzig, wie er es von manchem Weihnachtsgebäck gewohnt war, entfaltete allerdings im Nachgang einen salzigen, fast beißenden Geschmack. Angeekelt streckte er die Zunge raus.

„Was ist das denn?“, krächzte er.

„Ich habe dir gesagt, dass du die Finger davon lassen sollst“, stellte Boerne trocken klar. „Hirschhornsalz und Pottasche sind nicht für den rohen Verzehr gedacht.“

„Hirschhorn-was?“

„Abgesehen davon, dass der Geschmack, wie du eben feststellen konntest, im rohen Zustand nahezu ungenießbar ist, ist unverarbeitetes Hirschhornsalz gesundheitsschädlich.“

„Hirschhornsalz.“

„Sag ich ja.“

„Und …“

„Pottasche.“

„Klar.“ Thiel sah Boernes Händen dabei zu, wie sie nervös von einem Ort zum nächsten flatterten, um ein bisschen Ordnung in das Chaos um sie herum zu bringen. Wie auf Autopilot faselte er nebenbei etwas zur Geschichte von Backtriebmitteln, irgendwas mit Weihnachten und Flachgebäcken und Ammoniak. 

Ein Schmunzeln schlich sich in Thiels Gesicht. Es passierte nicht häufig, dass er Boerne derart aus dem Konzept bringen konnte, dabei war es eigentlich ein liebenswerter Anblick. Und überhaupt in vielerlei Hinsicht nicht uninteressant …

„Sie möchten also kein Geständnis über die Motive Ihrer Tat ablegen, verstehe ich das richtig?“, fragte Thiel und ging einige Schritte näher auf Boerne zu, das Siezen ein Necken, das Boerne hoffentlich verstehen würde.

Boerne, der gerade über den Tisch gebeugt war, um das Mehl aufzuwischen, fror in seinen Bewegungen ein und schaute auf. Über den Rand seiner Brille hinweg musterte er Thiel aufmerksam, nachdenklich, abwägend, bevor er sich langsam aufrichtete, das Kinn leicht nach oben gereckt.

„Richtig“, sagte er. „Außerdem frage ich mich, ob der Tatbestand überhaupt in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt … Herr Hauptkommissar.“ 

„Also zuerst einmal ist ja wohl offensichtlich Gefahr im Verzug“, erwiderte Thiel, während er seinen Blick vielsagend durch den Raum schweifen ließ, bis seine Augen irgendwann an Boernes hängen blieben. „Und zweitens sehe ich mit Verdunkelungs- und Wiederholungsgefahr direkt zwei Haftvoraussetzungen gegeben.“

Thiel konnte sehen, wie sich in Boernes Gesicht langsam etwas veränderte – wie es entspannter wurde, weicher, aber auch herausfordernder. 

„Bitte, dann nehmen Sie mich vorläufig fest.“ Er streckte Thiel seine entblößten Handgelenke entgegen, die Ärmel vom Backen noch bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. „Aber um mir ein Geständnis zu entlocken, müssen Sie sich schon etwas mehr einfallen lassen.“

Thiel umfasste Boernes Handgelenke, drückte sie vorsichtig nach unten und nutzte den neugewonnenen Raum, um die letzte Lücke zwischen ihnen zu schließen. „Keine Sorge“, raunte er und nahm mit Genugtuung war, wie sich ein rosiger Schimmer auf Boernes Hals ausbreitete, „bei mir ist noch jeder geständig geworden.“

Thiel spürte, wie Boerne tief einatmete und er beschloss, dass der Einkauf auch später verräumt werden konnte.

*

„Ich habe eine Wette verloren.“

Thiel, der bisher ziellose Kurven mit seinem Finger durch die feinen Härchen auf Boernes Brust gedreht hatte, hob seinen Kopf an, um den anderen anzusehen. Er trug keine Brille mehr und seine Wangen waren von einem zarten Rosa belegt, was ihn jünger aussehen ließ, und irgendwie fast … lieblich. Für einen Moment fühlte Thiel sich ganz leicht im Kopf, dann blinzelte er. Nicht ablenken lassen jetzt. Das mit dem Geständnis vorhin war natürlich nicht ganz ernst gemeint gewesen, aber interessieren tat es ihn schon.

„Wette?“, wiederholte er also, um den Faden wieder aufzunehmen.

„Gegen Alberich.“

Aha. „Und deshalb ...“

„Die Lebkuchen, ja.“ Boerne seufzte. „Das war die Vereinbarung. Selbstgebackene Lebkuchen zu unserem Adventskaffee heute.“

Thiel musste lachen. Das sah Boerne ähnlich, dass er sich und seine Küche lieber klammheimlich in Chaos versinken lassen würde, als ihm von seinem Vorhaben zu erzählen oder sogar – Gott bewahre! – um Hilfe zu fragen. Entweder, es handelte sich dabei um einen beispiellosen Fall von Selbstüberschätzung oder …

Boerne lief schon wieder rot an – das konnte so nicht weitergehen, Thiel würde noch den Verstand verlieren – und bestätigte ihn damit in seiner These, dass Boerne sich seiner Kompetenzen durchaus bewusst war und sich wohl eher eine Blamage hatte ersparen wollen. 

Thiel räusperte sich. „Ich … hab’ ja ewig keine Plätzchen mehr gebacken.“

Boerne zog eine Augenbraue nach oben. „Und?“

„Und ich könnt’ da gut ’n bisschen Auffrischung gebrauchen.“

„Mhm.“ Boerne nickte nachdenklich. „Das stimmt natürlich. Du kannst ja der armen Nadeshda nicht jedes Jahr ihr Weihnachtsgebäck wegfuttern.“

Wegfuttern, also – jetzt mal nicht frech werden!“ Thiel pikste Boerne spielerisch in die Seite, zwischen die Rippen, genau da, wo sich gerade sein Lachen so schön ausbreitete. „Wie lange muss der Teig eigentlich noch liegen?“

Mit dem rechten Arm versuchte Boerne, sich von Thiels Finger abzuschirmen, mit dem linken hob er die Uhr in sein Blickfeld. „Noch eine Viertelstunde. Wieso?“

„Das reicht für ’ne Dusche.“ Thiel hievte sich aus dem Bett und war schon im Türrahmen angekommen, als er sich noch mal zu Boerne umdrehte und fragte: „Na, was ist?“

Boernes Augenbrauen schossen in die Höhe – überrascht, aber nicht abgeneigt – und Thiel grinste, als ihm das Tapsen von Boernes nackten Füßen ins Badezimmer folgte. 

*

Mit vier Händen war die Unordnung in der Küche schnell beseitigt. Das Mehl auf dem Tisch nutzten sie, um den Teig darauf auszurollen, anschließend stachen sie kleine runde Kreise aus, beschmierten sie mit einer Paste aus Marmelade und Marzipan und platzierten ein passendes Teigförmchen oben drauf. Der Ammoniakgeruch würde sich beim Backen verflüchtigen, meinte Boerne. Zufrieden schaute er die Lebkuchen an, und Thiel schaute zufrieden Boerne an, und irgendwie war alles ganz schön gut.

*

Wenige Stunden später saßen sie in großer Runde in Boernes Wohnzimmer zusammen. Frau Klemm hatte sich einen von den zwei guten Sesseln geschnappt, genauso wie Boerne, und beide saßen mit überschlagenen Beinen nebeneinander und unterhielten sich über die neuste Inszenierung der Münsteraner Oper. Mirko und Nadeshda hatten es sich derweil auf dem Sofa gemütlich gemacht, beide mit einer dampfenden Tasse in den Händen, und Thiel hatte für seinen Vater, Frau Haller und sich selbst jeweils einen Stuhl aus dem Esszimmer dazu geholt. Frau Hallers Beine baumelten in der Luft und die Lehne überragte ihren Kopf um einige Zentimeter, aber sie sah trotzdem ganz selig aus, mit dem frischen Lebkuchen auf ihrem Teller.

„Und die hat er wirklich selbst gemacht?“, fragte sie, während sie sich einen weiteren Bissen genehmigte. 

„Mhm, mit Leib und Seele.“ Thiel beugte sich zum Tisch vor, allerdings um eins von Nadeshdas selbstgebackenen Plätzchen zu ergattern. „ Und sogar mit, äh … hier, dingens. Hirsch …“

„Hirschhornsalz“, half Frau Haller ihm aus.

„Genau, das. Und Pottasche.“

Bei den Worten breitete sich ein nostalgisches Lächeln in Nadeshdas Gesicht aus. „Damit hat meine Oma zu Weihnachten auch immer gebacken. Das gab’s damals nur in der Apotheke zu kaufen, ich erinnere mich noch, dass ich manchmal mit ihr mitgekommen bin, wenn sie dafür eingekauft hat.“

„Ist das nicht eigentlich krebserregend oder so?“, fragte Mirko.

„Ach so“, schaltete sich Herbert von der Seite ein, „mein Gras darf ich nur für’n Eigenbedarf nutzen, aber irgendsoein krebserregendes Salz kann jeder einfach in seine Kekse mischen oder wie?“

Boerne unterbrach jetzt sein Gespräch mit Frau Klemm und drehte sich zu ihrer Runde. „Ja. Also, nein. Das heißt: In ordentlich erhitzten Flachgebäcken sind beide Backtriebmittel unbedenklich. Also bitte, was denken Sie denn von mir.“ 

„Die sind Ihnen jedenfalls gut gelungen, Chef“, lobte Frau Haller und der Rest der Runde nickte zustimmend.

„Wie kommt es eigentlich“, setzte Frau Klemm an und ihre Augen verengten sich argwöhnisch, „dass Sie plötzlich unter die Weihnachtsbäcker geraten sind, hm?“

„Wieso? Man wird sich doch wohl noch vom Geist der Weihnacht mitreißen lassen dürfen, oder etwa nicht?“

„Mhm“, machte Thiel und beugte sich konspirativ zu Frau Klemm, „oder vom Geist einer verlorenen Wette.“

Boerne warf ihm einen düsteren Blick zu, während Frau Klemm in ihren Kaffee prustete und sagte: „Soso. Um was wurde denn gewettet?“

„Das tut hier nichts zur Sache“, erklärte Boerne pikiert. „Möchte noch jemand Tee?“

„Ich würde noch etwas nehmen“, meldete sich Mirko zu Wort und die anderen tauschten amüsierte Blicke aus. Thiel wusste, dass Mirko zu gutmütig war, um Boerne lange in ihrem Kreuzverhör schmoren zu lassen, aber früher oder später würden sie schon noch rausbekommen, was es mit dieser ominösen Wette auf sich hatte. 

Und wenn es bis dahin ein bisschen Zeit (und womöglich auch ein bisschen Alkohol) brauchte, um ihn weichzukochen, Thiel sollte es nur recht sein. Die Lebkuchen verströmten einen wohltuenden Duft in der ganzen Wohnung, draußen schneite es dicke Flocken auf den Boden und das Dudeln der Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern von Boernes Anlage vermischte sich mit dem Stimmengewirr und ihrem Lachen.

So könnte es bleiben, dachte Thiel. 

Vielleicht sogar ein ganzes Leben.