Chapter Text
You say you're such a mess
I like the mess you make
Think you're too hot-headed
You're not that hard to tame
When your puzzled heart's missin' a piece or two
That's good enough for me
I love what's left of you
Chord Overstreet - What’s Left Of You
Leo stand im kleinen, dampfverhangenen Bad des Berliner Hotels und starrte missmutig auf das Outfit, das Rainer ihm noch vor dem Duschen wortlos in die Hand gedrückt hatte. In einem Anflug von Naivität hatte er ihm erlaubt, sein heutiges Outfit für die Berliner Pride Parade auszusuchen – ein Fehler, den er nun tief bereute.
Er hatte keine Ahnung, was man auf so einer Veranstaltung heutzutage trug. Das letzte Mal lag Jahre zurück, und wenn er ehrlich war, war er heilfroh, im Dienstalltag nicht über Kleidung nachdenken zu müssen. Und auch in seiner Freizeit griff er immer öfter zu seinen dienstlich gelieferten Klamotten. Uniformen waren einfach praktisch und vertraut.
Jetzt stand er also in nichts als einer schwarzen Boxershorts da, nasse Haare, nasse Füße und starrte auf die Klamotten, als würden sie ihn beißen wollen.
„Alles gut da drin? Bist du soweit?“ Rainers Stimme klang geduldig durch die Tür, wie immer tief und warm.
Leo atmete durch, warf dem Shirt einen letzten Blick zu, als könnte er es mit purem Willen wachsen lassen. So schlimm wird’s schon nicht werden, redete er sich ein. Andererseits – er wollte seine Kollegen nach diesem Wochenende auch noch ansehen können, ohne rot zu werden. Sobald er diesen Raum verlassen wird, werden sicher Fotos von ihm gemacht und in diesem Aufzug würden diese schneller durch seine Dienststelle kursieren, als ein Geburtstagskuchen verteilt werden konnte, dessen war er sich sicher.
Er fuhr sich ein letztes Mal mit den Fingern durch die feuchten Haare, rieb unbewusst über die tätowierten Zahlen an seiner linken Rippe – dann zog er das Shirt über. Es war bequem. Sehr sogar. Aber… wo war der Rest vom Stoff?
Der Saum endete deutlich über dem Bauchnabel. Er zupfte nervös daran, als könne er ihn verlängern, knirschte mit den Zähnen und schlüpfte in die schwarze Jeans. Tief geschnitten, betonte sie seine Hüftknochen auf eine Art, die ihm nicht ganz geheuer war. Ohne Erfolg versuchte er, sie etwas mehr nach oben zu ziehen. Er würde Rainer umbringen. Langsam und jede Sekunde davon genießen. Nie wieder würde er ihm seine Kleidung aussuchen lassen. Nie wieder.
Ein erneutes Klopfen erklang. Leo seufzte, warf sich selbst einen letzten, skeptischen Blick im Spiegel zu und öffnete die Tür.
Rainer pfiff anerkennend, verstummte dann jedoch bei Leos Gesichtsausdruck, der wenig Begeisterung erkennen ließ.
„Nicht gut?“ fragte er mit gespielter Unschuld. Er selbst trug ein offenes Hemd, das seine tätowierte, durchtrainierte Brust freigab. Der Ehering baumelte an einer Kette über dem Herzen, die Ärmel spannte über muskulösen Armen. Cargojeans, Vollbart, grüne, sanfte Augen – Leo erkannte ihn fast nicht wieder. Nicht mit dem aufwendigen Regenbogen-Make-up, das sich in präzisen Linien über Rainers Lider spannte.
Leo murrte: „Wo ist der Rest von meinem Shirt? Musstest du’s verkaufen, weil die Besoldung nicht mehr gereicht hat?“
Er zupfte erneut am Saum, als würde der sich doch noch umentscheiden und länger werden. Klar, er war mindestens genauso trainiert wie seine Kollegen. Fit genug, um halbwegs mit jedem im Trupp mitzuhalten. Aber das hier? Das war… viel.
Sowas konnte er doch nicht tragen. Er war eben nicht Rainer. Nicht dieser massige, gutaussehende Schrank mit der Gelassenheit eines Felsens und der Selbstverständlichkeit, mit der er jeden Raum füllte.
Rainer lachte leise und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Ich geb zu, ich hab beim Aussuchen ein bisschen an meine wilden Zwanziger gedacht.“ Er ließ den Blick betont langsam über Leo wandern, der skeptisch eine Augenbraue gehoben hatte. „Aber hey – es steht dir. Sag nicht, du weißt nicht, dass du gut aussiehst.“
Leo warf ihm einen Blick zu, der Tote hätte auferstehen lassen können. „Du hast mir ein verdammtes T-Shirt hingelegt, das aussieht, als hätte es ein Waschbär im Suff zurechtgestutzt.“
„Das nennt man cropped, Opa“, konterte Rainer trocken und winkte ihn zu sich. „Jetzt komm her. Ich mach dir die Augen.“
„Wenn du mir Glitter ins Gesicht schmierst, bring ich dich um“, warnte Leo und stapfte trotzdem widerwillig näher. „Ich hab eh schon das Gefühl, ich lauf als Crack-Variante von so ’nem Modeblog durch die Straßen.“
„Du läufst als Leo Hölzer, Hauptmann der Herzen, durch die Straßen“, entgegnete Rainer theatralisch mit einem leichten Grinsen und griff sanft nach seinem Kinn. „Stillhalten.“
Leo verzog das Gesicht, als der weiche Pinsel seine Lider berührte. „Ich hab schon Taliban erlebt und das hier ist… gefährlich nah dran an Folter.“
„Dafür zitterst du ganz schön wenig“, murmelte Rainer augenrollend und versuchte das Thema wieder in eine unverfängliche Richtung zu bringen, während er mit präziser Hand silbernen Eyeliner über Leos Lid strich. „Und ganz ehrlich – du bist doch nicht der Typ, der sich für irgendwen verbiegt. Also tu nicht so, als würdest du untergehen, wenn man mal sieht, dass du ein Six-Pack hast.“
Leo blinzelte und versuchte, den Ausdruck in Rainers Gesicht zu deuten. Da war kein Spott. Nur dieses verdammte, warme Funkeln in den Augen.
„Ich fühl mich nur… seltsam.” Er zupfte an dem Saum des roten Stoffes. “Weißt du? Als wär ich nicht ich.“
Rainer hielt inne, strich mit dem Daumen vorsichtig unter Leos Auge entlang. „Vielleicht bist du genau du. Nur ohne Uniform und mit Eyeliner.“ Leo seufzte leise. „Ich bring dich trotzdem um, wenn mich jemand fotografiert.“
„Dann sterbe ich wenigstens in Schönheit.“ Rainer grinste. „So. Jetzt noch ’n Hauch Schimmer – kein Glitter, versprochen – und du bist bereit.“
Skeptisch sah er seinen besten Freund an. „Bereit für was? Den Laufsteg?“ Rainer grinste breit und klopfte ihm auf die Schulter. „Für alles, Leo. Für alles.“
Leo verdrehte die Augen. „Warum bin ich eigentlich mit dir befreundet?“ Rainer grinste ihn breit an, während er den Mascara wieder zuschraubte, den er Leo aufgetragen hatte. „Wer würde sonst deine Steuererklärung machen?“
Leo schnaubte. „Du bist wie ein schlecht trainierter Labrador. Freundlich, übergroß und viel zu überzeugt von dir selbst.“
„Und trotzdem liebst du mich.“ Er streckte Rainer die Zunge raus und verdrehte die Augen. „Du bist unmöglich.”
Dieser lachte nur – dieses tiefe, vibrierende Lachen, das Leo viel zu oft zum Mitlachen brachte, obwohl er es hasste, sich in Sicherheit zu fühlen, wenn jemand anders die Kontrolle hatte. Rainer war sein Fels in der Brandung. Zwar groß und laut, aber durch und durch loyal und verlässlich.
„Du wirst sehen“, sagte Rainer, zog im Vorbeigehen die Dog Tags zurecht, sodass sie auf dem Shirt lagen und nicht mehr darunter, „nach heute bist du nicht mehr nur der mit der besten Schussleistung im Team. Sondern auch der mit dem besten Look.“
Leo hob eine Braue. „Ich werde dich daran erinnern, wenn Esther fragt, ob ich bei 'Magic Mike' auftrete, nachdem sie die Bilder sieht.“
„Dann frag sie, ob sie mitkommt“, konterte Rainer, während er zur Tür ging und seinen Rucksack überwarf. „Und jetzt komm. Wir haben eine Parade zu entern.“
Leo blieb noch einen Moment stehen, sah sich im Spiegel an. Eyeliner. Cropped Shirt. Tief sitzende Jeans. Er widerstand dem Impuls, die Dog Tags zurück unter das Shirt zu schieben – zu dem schlichten Juno-Anhänger, der kühl auf seiner Brust lag. Stattdessen fuhr er sich ein letztes Mal durch die Haare und trat hinaus.
„Ich hasse dich. Ein bisschen“, murmelte er. „Ich weiß.“ Rainer grinste. „Du siehst trotzdem scharf aus.“
Leo verdrehte erneut die Augen, sagte aber nichts mehr. Rainer lachte leise, schloss die Tür hinter ihnen und griff wie selbstverständlich nach Leos Hand. Leo ließ es unkommentiert, nahm lächelnd hin, dass es ihn auf eine seltsam beruhigende Weise erdete.
