Work Text:
Jeder Fluss hat eine Quelle… und jede Geschichte einen Anfang.
Man kommt weg von ihr, flussabwärts.
Raus aus der dunklen Höhle, der Felsspalte. Raus aus den Bergen, raus aus dem Wald. Über Felder und Wiesen, in die Ebene. In die Stadt.
In der Stadt, in der ihre Wohnung lag. Fast abbezahlt, selbst eingerichtet, so wie sie es immer wollte. Leseecke und Bücherregal, Platz für die Fanartikel vom FC, eine eigene Terrasse mit Blick in den Gemeinschaftsgarten. Und doch…
Esther ließ das Licht aus, nur den Schlüssel auf den Tresen fallen, ging im Halbdunkeln zum Sofa, sank darauf, Kopf gegen die Lehne, Augen geschlossen.
„Ich mein‘, was willst du denn jetzt hören, Esther? Das es wichtig war, wegzugehen? Dass du trotzdem ‘n guter Mensch bist?“
Das trotzdem tat besonders weh.
Trotz allem. Trotz allem, was sie getan hatte. Trotz dem Bösen.
Sie seufzte in die Stille, rieb sich die Stirn.
Jeder Fluss hat eine Quelle… und die Quelle speist den Fluss. Das Wasser, das ganz am Anfang aus der Quelle entspringt, nimmt er mit, bis zur Mündung.
„Das Böse ist hier drin.“
Das Verdorbene, die Sünde. Das wofür ihr Vater und ihr Bruder sie gescholten hatten. Unnatürlich, Blutsverräterin, in mehrfacher Hinsicht. Für ihre Liebe zu Katja, einer Frau. Einer Feidt. Feindin der Familie, Feindin Gottes. Feindin von allem, was hier in dieser Welt heilig war.
Das Böse ist der Abgrund; aber der Abgrund ist nicht nur das, was man getan hat, sondern auch das, wozu man fähig ist. Und das ist der größte Fluch, das mitzunehmen. In sich selbst, in den eigenen Erinnerungen. Vom Anfang bis zum Ende.
Esther war ihrer Mutter dankbar, dass sie mit ihr gegangen war, bevor es zu schlimm wurde. Dass sie den Neustart bekommen hatte, der so vielen verwehrt blieb. Für den sie selbst hart gearbeitet hatte. Erst in Frankreich, dann in Saarbrücken, bei der Polizei. Kriminalkommissarin Baumann.
Es war mehr als ein Job, es war Verantwortung, aber auch ein Privileg. Dienst am Staat, der alle gleichbehandeln sollte, alle gleich schützen, unabhängig von Familienzugehörigkeit, Religionsangehörigkeit, Sexualität. Ein Anspruch und Legitimation für den einzigen Rahmen, in dem Gewalt stattfinden durfte, der eingelöst werden musste von denjenigen, die den Staat repräsentierten.
Die Sache mit Versprechen und Diensteiden ist: sie verpflichten einen selbst. Natürlich gibt es Dienstaufsichtsbeschwerden und Meineide. Es gibt Strafen. Aber keine Strafe ist so groß, wie die des eigenen Gewissens, wenn man ein aufrichtig gegebenes Versprechen bricht.
Und wenn heute diese Wut in ihr aufkochte, dann wusste sie sie zu kontrollieren und zu kanalisieren. Meistens. Im Stadion in Jubel und Schreie und Gesänge. Im Dienst in eine scharfe Ansage – weil sie am längeren Hebel saß. Sie war die Frau mit der Waffe, die Frau, hinter der das Gesetz stand. Das Gesetz, das nur so gut war, wie die, die es ausführten. Das verpflichtet, wenn man es ernst nimmt.
Esther öffnete die Augen; das Zwielicht gab jetzt schon mehr Preis, wo sich ihr Sehsinn an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Die Pinnwand gegenüber. Ein Foto ihres Teams, ihre Kollegen… Freunde? Pia. Leo und Adam.
Sie ließ die Wut und die Enttäuschung zu, als sie kamen. Über die beiden, aber auch über sich selbst. Wie rücksichtslos sie mit sich selbst umgingen, mit dem Leben, das sie sich aufgebaut hatten.
„Wie lange kennst du Adam schon, hmm?!“
Esther war sich damals so sicher gewesen. So sicher, alles verstanden zu haben, als sie mit Leo im Büro aneinandergeraten war.
„Und dieser ganze an den Haaren herbeigezogene Mumpitz an der Pinnwand hängt da nur, weil du die simple Wahrheit nicht erträgst!“
„Du hast so was von keine Ahnung.“
„Oh doch!“
Oh doch. Als hätte sie nicht gewusst, was das heißt. Vor Wut, aus reiner Rache etwas brennen sehen wollen. Dass Aktion und Reaktion, gerade in jungen Jahren, oft in keinem Verhältnis standen. Oh doch, man muss sich dem inneren Spiegelbild stellen, auch wenn es hässlich ist, sich einzugestehen, wozu man fähig wäre. Sonst lernt man nie was, so kommt man nie weiter. Sonst versickert man in sich und durch sich und mit allem, was man mitschleppt, Treibgut und Trieben und kriegt es niemals in den Griff.
Aber dafür war ihr Job zu wichtig und es durfte nicht sein, dass ein Fehler alles ruinierte. Dass man dann nie wieder ein guter Mensch sein konnte.
„Hat sich alles geändert und doch eben nicht.“
Ihr verdammter Bruder, der der das nicht verstand, nicht verstehen wollte. Da war sie wieder; Säure, Feuer. Die Wut. So blind und rasend.
Wie man nicht von sich selbst wegkommen konnte. Vergammelnd im Elternhaus, im alten Hass, im Dorf, wenn man zuließ, dass sich nichts änderte, obwohl alles anders sein könnte.
Wenn man den Fehler machte, von sich auf andere zu schließen. Die eigene Welt zu verabsolutieren.
Esther kamen die Tränen und sie presste wieder die Augen zusammen.
Es gab die Möglichkeit, man konnte etwas verändern. Man konnte sich verändern. Man konnte gehen. Wenn der Berg sich nicht bewegen will, geht die Prophetin eben weg, so einfach. Vor allem, wenn der Berg ein Vulkan ist, der Schwefel, Tod und Lava spuckt, und das Dorf zu seinen Füßen versteinert und in Asche begräbt, was will man da? Warum bleiben unter giftigen, hasserfüllten Menschen, die einem nichts Gutes wollen, nur weil man nicht erträgt, den Kampf dort verloren zu haben?
Aber damals im Büro hatte Leos Geschichte diese alte Wunde aufgerissen, ganz tief und unerwartet.
„…und an diesem einen Tag da… da hat sein Vater uns im Wald gefunden. Er war so wütend… er war immer so wütend. Und diesmal wusste ich einfach… der schlägt ihn tot. Und Adam wusste es auch.“
Esther hatte ins Leere gestarrt, plötzlich wieder in ihrem Wald, plötzlich wieder mit dem Molotov in der Hand, plötzlich wieder zu Hause, vor ihrem eigenen Vater. Weil sich rumgesprochen hatte, dass sie mit Katja im Wald gesehen worden war. Bei was man sie mit Katja im Wald gesehen hatte.
Es war nicht bei ‚dumme Lesbe‘ geblieben.
Sie verstand die Angst, die Panik und den Hass… den Wunsch sich zu wehren.
„...und danach habt ihr die Garage angezündet?“
Sie verstand sie wirklich, mehr als ihr lieb war. Wie es war, aus Hass und Rache etwas anzuzünden. Aber deswegen wusste sie auch…
„-aber das heißt nicht, dass Schürk seinen Vater nicht umgebracht hat.“
…wusste sie auch, wie schwer sie zu zügeln war. Dass man selbst jemanden, den man liebte, fast erschlagen konnte.
Sie fühlte die Träne an ihrem Kinn.
…wusste sie auch, dass sie sich getäuscht hatte.
Esther war eine gute Polizistin, anständig, gewissenhaft. Und an dem Tag, an dem Leo losgefahren war, um Adam abzuholen, der zu Unrecht im Gefängnis gesessen hatte, den Boris und seine Schergen dort gequält und ihm Knochen gebrochen hatten… an dem Abend hatte Esther lange in ihren inneren Spiegel geschaut. Leos verzweifeltes Gesicht über ihrer Schulter, anklagend, dass es ihr anzulasten war, wenn man Adam darin etwas antat.
Sie war sich so sicher gewesen, als sie Leo an den See gefolgt war. Als sie die Kollegen informiert hatte…
Jeder Fluss hat eine Quelle… aber das heißt nicht, dass die Flüsse, die ihr entspringen, gleich verlaufen. Gleiches Wasser, ja. Anfänglich gleiche Substanz. Aber ein eigener Weg und ihr Lauf, ihre Gabelungen sind doch ganz verschieden. Es kommt Neues hinzu. Verschiedene Substanz.
So war das mit den parallelen Flussläufen. Täuschend ähnlich. Aber eben nur ähnlich; am Ende doch nicht gleich. Zwei ganz getrennte Linien, die sich höchstens in der Unendlichkeit treffen, wenn sie irgendwo in dieselbe See münden.
Esther war eine zu gute Polizistin, um ihren eigenen Fehlschluss nicht zu sehen und ihn gleichzeitig zu hassen, weil es derselbe war, den ihr Bruder beging.
Leo und Adam, die sich geliebt hatten, als Teenager im Wald; die sich gewehrt hatten, gegen die Anfeindungen. Adam, der gegangen war und Leo, der gute, liebe, brave Leo, der doch nicht mitgekommen war, obwohl Adam ihn doch gefragt haben musste?!
Esthers Wut und Unverständnis für Schürk hatte sich verhundertfacht, als sie verstanden hatte, dass er ihn nicht gefragt hatte.
Sie hatte Katja gefragt und die Zurückweisung ertragen müssen.
Adam war einfach abgehauen, ohne Leo. Obwohl der vielleicht mitgekommen wäre.
Aber nicht genug, dass der blonde Idiot, der einen scheiß auf Regeln gab, Leo das Herz brach und ihn zurückließ, nein. Er hatte auch noch die Dreistigkeit, wiederzukommen.
„Und dann reden wir nie wieder davon.“
Das wäre die eigentliche Lösung gewesen. Wenn man wollte, wenn man nur eisern genug wollte, dann konnte man auch. Esther hatte es doch bewiesen. Deckel drauf, Truhe zu und an der Biegung des Flusses begraben. Weg von der Quelle, weg aus dem Wald. Wenn deine biologische Familie scheiße zu dir ist, dann verlass sie und komm nicht wieder. Akzeptier die Dinge, die du nicht ändern kannst.
Aber Leo und Adam mussten vor ihren Augen die ganze Vergangenheit wieder ausgraben und neusortieren. Vor allem Schürk, baute erst die größte Scheiße und kam dann freiwillig zurück zum Berg, an dem es immer noch brodelte, kam selbst als Erdbeben, das den nächsten Ausbruch hervorrief.
Es hatte gedauert, bis Esther akzeptieren konnte, dass es bei den beiden anders war. Das ist das Trügerischste an den Spiegeln, das Trügerischste, wenn man den eigenen Schmerz in anderen sucht und wirklich etwas ähnliches findet… nur um dann die feinen Unterschiede zu verpassen. Weil der Schmerz denselben Ursprung hat – die Küsse im Wald und die Ablehnung – aber der Verlauf doch ein ganz anderer ist.
Esther atmete aus, atmete tief durch.
Dabei war da so viel Raum für Empathie, denn sie kannte die Angst. Diese Angst, dass man – egal wie weit man weg kommt von der Quelle – die Substanz nicht ändern kann. Schürks Angst, so zu sein, wie sein Vater. Die ewigen Vergleiche ertragen zu müssen. Böse zu sein. Die Substanz, die vom Ursprung kommt, die ein Fluss mit sich trägt, woraus er besteht.
Am Anfang, aber eben nicht bis zum Ende.
Jeder Fluss hat eine Quelle… und jede Geschichte einen Anfang.
…aber jede Geschichte hat auch ihren eigenen Verlauf. Man ist in mancher Hinsicht wie die anderen, ist sich ähnlich. Aber man ist nicht die anderen.
Esther stand auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, trat vor die Pinnwand, vor das Foto. Daneben hing eines von ihr, als junge Polizistin, endgültiger Eintritt in den Staatsdienst.
Esther war eine zu gute Polizistin, um die Unterschiede nicht zu erkennen. Um die Geschichten ihre eigenen Verläufe nehmen zu lassen.
Um selbst zu entscheiden, wohin ihr Verlauf sie führen würde.
