Chapter Text
Bis sie beim Maschendrahtgehege ankommen, sind ihre Hosenbeine klatschnass und dunkel vom Regen des späten Vormittags, der noch immer in den langen, winterbraunen Halmen hängt.
Für einen Moment bedeckt das Grünzeug, das sie mitgebracht haben, fast den ganzen Boden im Auslauf, doch keine zwei Atemzüge später kommen die Hennen angerannt, scharren die Blätter auseinander, picken mit ihren Schnäbeln Löcher hinein und zerrupfen ihr Abendessen in hühnergerechte Portionsgrößen.
„Guck sie dir an.“ Kichernd wirft Frieda die letzten Salatblätter aus ihrer Tüte ins Gehege und schließt die Klappe. „Als hätten sie seit drei Tagen nichts zu fressen bekommen.“
„Na ja, als Trude und Wilma heute Morgen da waren, war’s noch dunkel. Schwer, da Grün zu sehen.“
Frieda streckt ihr die Zunge heraus. Dann runzelt sie die Stirn. „Anscheinend auch zu dunkel, das da zu sehen.“
Sprottes Blick folgt Friedas Finger zu einem der Pfosten, an dem sich das Drahtgewebe oben löst und zusammenrollt. „Mist.“
Die Metallklammern liegen neben dem Pfosten im Gras, völlig verbogen, und einzelne flusige Haare hängen im Drahtgewebe.
„Sollen wir das morgen reparieren?“
„Ich kann morgen nicht.“ Sprotte zieht die Nase kraus. „Kannst du Melli Bescheid sagen? Soll Willi sich darum kümmern, damit sie sich keine Fingernägel dabei abbricht.“
„Sprotte...“ Aber Frieda kramt nach ihrem Handy. „Ich mach uns schonmal Tee.“
Als sie das Gewebe mit Draht notdürftig am Pfosten festgebunden hat und in den Bauwagen kommt, stehen zwei dampfende Tassen auf dem Tisch und Frieda verabschiedet sich am Telefon gerade von Melanie.
„Sie kümmert sich darum.“ Mit leisem Klimpern rührt sie Honig in ihren Tee und lässt sich neben Sprotte auf der Bank nieder. „Was hast du morgen Schönes vor?“
„Nichts Besonderes.“
„Komm schon.“ Frieda stupst sie mit der Schulter an. „Kein romantisches Date zum Valentinstag?“
„Ich fahr nach Gut Haverstedt, mir schonmal die Räume ansehen. Ich hab da doch in ein paar Wochen einen Auftrag für eine Hochzeit.“
„Gut Haverstedt?“, hakt Frieda anerkennend nach. „Das ist wunderschön, ich war da schonmal. Aber das ist ein ganzes Stück weg. Wie kommst du da hin? Fährt deine Mutter dich?“
„Nein, Mam muss arbeiten.“ Sprotte verbirgt sich hinter dem Dampf, der aus der Tasse aufsteigt. Das ist genau der Teil des Gesprächs, vor dem sie sich gefürchtet hat. „Fred fährt mich.“
Sie sieht Frieda nicht ins Gesicht. Die hochgezogenen Brauen kann sie sich trotzdem denken.
„Nur damit ich das richtig versteh“, beginnt Frieda.
„Lass gut sein – “
„Du fährst am Valentinstag mit Fred durchs halbe Bundesland, um dir eine Hochzeitslocation anzuschauen?“
Mit einem Stöhnen vergräbt Sprotte das Gesicht in den Händen. „Ich weiß, wie das klingt“, nuschelt sie gegen ihre Finger. „Aber es ist wirklich nur ein Freundschaftsdienst, ich guck mir da die Lichtverhältnisse und sowas an…“
„Mh. Sehr selbstlos von Fred, dir das anzubieten. Und sehr pragmatisch von dir, es anzunehmen.“
„Frieda…“
Ihre beste Freundin kennt sie. Gut genug, um zu wissen, dass Sprotte sich noch vor einem Jahr lieber in fünf verschiedene Provinzbusse gesetzt hätte, als zu Fred ins Auto zu steigen. Gut genug, um zu ahnen, dass Sprotte sich auf den morgigen Ausflug ebenso freut, wie sie sich vor ihm fürchtet. Und gut genug, um nicht weiter nachzufragen.
„Wer heiratet denn?“
„Oh – das hab ich dir noch gar nicht erzählt. Erinnerst du dich an Matilda?“
Friedas Augen weiten sich in ehrlicher Überraschung. „Nein!“
